KAPITEL 5
DER FAHRRADDIEB
Cassius Clay, im Alter von zwölf Jahren.
Als Kämpfer, als Selbstdarsteller, als einer, der nach Unabhängigkeit strebte, als ein Mann von amerikanischer Originalität sollte Cassius Clay die Welt der Sonny Listons und Floyd Pattersons überwinden. Sein Leben begann mit einem Vorteil, und zwar einem ökonomischen. Boxen war nie ein Sport der Mittelschicht. Es war immer schon ein Sport der Armen, der Lotteriespieler, der jungen Männer, die alles auf eine Karte setzen und die ihre Gesundheit für die unendlich kleine Chance auf Reichtum und Ruhm riskieren. Alle prominenten Gegner Clays – Liston, Patterson, Joe Frazier, George Foreman – waren arm geboren, oft genug als Kinder großer Familien, deren Vater arbeitslos oder abwesend war. Als Jungen gehörten sie alle der, wie Soziologen und Schlagzeilenmacher sie später nannten, Unterschicht an. Eine der weniger amüsanten Komponenten der Ali-Show war die Art, wie er versuchte, noch schwärzer zu sein als beispielsweise ein Frazier, indem er ihn »Onkel Tom« nannte, einen »Ehrenweißen«, war Frazier doch in bitterer Armut in South Carolina aufgewachsen. Wenn Ali das als Witz meinte, konnte Frazier nie darüber lachen.
Cassius Clay wurde am 17. Januar 1942 geboren, und entsprechend den Gegebenheiten des Ortes und der Zeit, Louisville und Nachkriegsjahre, war er ein Kind der schwarzen Mittelschicht. »Aber schwarze Mittelschicht, schwarze Mittelschicht im Süden, entspricht keineswegs dem, was man anderswo unter Mittelschicht versteht«, sagt Toni Morrison, die als Jungredakteurin an seiner Autobiographie arbeitete. Das ist wohl wahr, aber dennoch war Clay in bessere Verhältnisse hineingeboren als seine späteren Rivalen. Sein Vater, Cassius Clay senior, war Schildermaler und Gelegenheitskünstler, er malte religiöse Wandgemälde und Landschaften. Seine Mutter, Odessa Clay, arbeitete zuweilen als Putzfrau und Köchin bei Oberschichtweißen in Louisville. (»Wir fanden Odessa wunderbar! Sie gehörte fast zur Familie!«) Hauptsächlich aber war sie Hausfrau und Mutter. Die Clays hatten zwei Kinder – Cassius Marcellus und Rudolph, der 1944 geboren wurde. Die Clays kauften ihr Haus in der Grand Avenue im West End, als sie noch keine Dreißig waren, für 4500 Dollar. Es war ein kastenförmiges Haus mit einem kleinen Garten in einem rein schwarzen Viertel, aber es lag weit entfernt von Smoketown, dem ärmeren Schwarzenviertel im Südwesten der Stadt. (Die weiße Elite Louisvilles wohnte im East End, in der Gegend um die River Road, in Indian Hills oder in Mockingbird Valley; auch die winzige schwarze Elite der Geistlichen, Geschäftsleute und Bestattungsunternehmer lebte zumeist im East End.) Damals waren etliche Straßen im West End nur schlecht befestigt, und viele Häuser waren ziemliche Bruchbuden, doch auch wenn die Clays nicht den Ansatz eines materiellen Luxus kannten, bis ihr Sohn Weltmeister wurde, fehlte es ihnen nie am Notwendigsten: Die beiden Jungen waren ordentlich gekleidet und hatten immer zu essen. Gelegentlich halfen Cassius und Rudolph ihrem Vater an Wochenenden oder nach der Schule beim Schildermalen und erledigten auch andere kleine Jobs, um sich ein wenig Geld dazuzuverdienen (Cassius wischte bei den Nonnen des Nazareth College den Bibliotheksboden), doch anders als Sonny Liston und Floyd Patterson blieb ihnen die furchtbare Sorge, ihre Eltern scheitern zu sehen, erspart.
»Er gehörte zu denen, die regelmäßig ihr Essen bekamen«, so Lamont Johnson, ein Klassenkamerad Clays. »Das passierte damals bloß Mittelschichtskindern!«
Als Ali Muslim wurde, sagte er, Clay sei sein Sklavenname – und das stimmte natürlich. Es war aber auch ein Name, auf den seine Familie in gewisser Weise stolz war. Cassius Clay wurde nach einem Abolitionisten benannt, einem Kentuckyer Farmer aus dem neunzehnten Jahrhundert, der vierzig Sklaven und eine Pflanzung namens White Hall in dem Städtchen Foxtown in Madison County, Kentucky, erbte. Clay war ein Meter fünfundneunzig groß und kommandierte eine Einheit im Krieg gegen Mexiko. Als er nach Hause zurückkehrte, wurde er Abolitionist und gab in Lexington eine Antisklavereizeitung namens The True American heraus. Er war einer der ersten im Staat, der die Sklaven auf seiner Pflanzung in die Freiheit entließ. Clay kümmerte sich nicht um Morddrohungen und hielt in ganz Kentucky Reden gegen die Sklaverei. »Für jene, welche die Gesetze Gottes achten, habe ich dieses Argument«, sagte er und legte theatralisch eine in Leder gebundene Bibel vor sich. »Für jene, welche an die Gesetze der Menschen glauben, habe ich dieses Argument.« Nun legte er eine Staatsverfassung vor sich. »Und für jene, welche weder an die Gesetze Gottes noch des Menschen glauben, habe ich dieses Argument«, worauf er zwei Pistolen und ein Bowiemesser hervorholte. Während einer Diskussion mit einem Kandidaten für das Gouverneursamt, der für die Sklaverei eintrat, bekam Clay ein Messer in die Brust; glücklicherweise hatte er sein Bowiemesser bei sich und stach seinen Angreifer ebenfalls nieder. Abraham Lincoln schickte Clay als Regierungsbeauftragten nach Rußland, doch schon nach einem Jahr kehrte er aus St. Petersburg nach Hause zurück, um weiter für die Sache der Abolitionisten zu streiten. Bis zum Ende bewahrte er sich seine körperliche Beherztheit. Mit vierundachtzig heiratete er noch eine Fünfzehnjährige.
Cassius Clay – der Junge, der Kämpfer – wuchs mit Geschichten über seinen Urgroßvater auf, der auf dem Land des Abolitionisten Clay groß geworden war. »Mein Großvater lebte bei dem alten Mann, aber nicht als Sklave, o nein!« sagte Clay senior zu Jack Olsen, der die Eltern des Kämpfers ausführlich interviewte. (Sie starben in den neunziger Jahren.)
In Odessas Familie war das Blut gemischt, was Clay nach seinem Übertritt zur Nation of Islam einiges Kopfzerbrechen bereitete. Er behauptete, etwaiges weißes Blut in seiner Familie sei durch »Vergewaltigung und Schändung« hineingekommen. Die Wirklichkeit war komplexer. Einer von Odessa Lee Grady Clays Großvätern war Tom Moorehead, der Sohn eines Weißen und einer Sklavin namens Dinah. Ihr anderer Großvater war ein Weißer – Abe Grady, ein irischer Einwanderer aus County Clare, der eine Schwarze heiratete; deren Sohn heiratete ebenfalls eine Schwarze, und eine ihrer Töchter war Odessa.
Odessa Clay war eine freundliche, hellhäutige Frau mit einem Mondgesicht, die jeden Sonntag mit ihren Söhnen in die Kirche ging und sie zu Reinlichkeit, harter Arbeit und Respekt vor den Älteren anhielt. Clay nannte seine Mutter »Bird«, während sie ihn, nach seinen ersten »Worten«, »Gee Gee« nannte. (Rückblickend nahm sein Vater diesen Namen als Omen, einen Vorboten der »Golden Gloves«-Meisterschaften, die sein Sohn gewinnen sollte.) Die Clays hatten eine weitläufige Verwandtschaft, und bei Familientreffen war Cassius das schöne Kind, er redete unablässig, machte Witze, wollte immer im Mittelpunkt stehen, was ihm auch gelang.
»Er war immer ein Redner«, sagte Odessa Clay. »Schon als Baby wollte er mit aller Macht reden. Hat immer so geplappert, wissen Sie? Und dann lachten die Leute, und er machte Grimassen und plapperte ganz schnell. Es war mir unbegreiflich, wie jemand so schnell sprechen konnte – wie ein Blitz. Und nie saß er still. Als er ein halbes Jahr alt war, war er einmal bei mir im Bett, und Sie wissen ja, wie Babys sich strecken. Und er hatte kleine Muskelärmchen, und er traf mich am Mund, als er sich streckte, und davon wurde ein Schneidezahn locker und auch noch der andere Schneidezahn, und dann mußte ich sie mir beide ziehen lassen. Deshalb sag ich immer, sein erster K.-o.-Schlag hat mich am Mund erwischt.«
»Er hat immer gern geredet«, sagte auch Clay senior. »Ich komme nach Hause, und auf der Veranda sitzen so ungefähr fünfzig Jungen – da war er ungefähr acht –, und er redet mit allen, hält ihnen einen richtigen Vortrag, und ich sag: ›Vielleicht gehst du mal rein und ins Bett?‹ Jungen aus dem ganzen Viertel, und der einzige, der redete, war er. Der findet immer was, worüber er reden kann.«
Cassius Clay senior war selbst ein Prahler, ein Charmeur, ein Schauspieler, immer voller phantastischer und unsinniger Geschichten. Allen, die es hören wollten, darunter den Reportern, die in späteren Jahren nach Louisville pilgerten, erzählte er, er sei früher ein arabischer Scheich oder ein adliger Hindu gewesen. Wie Ralph Kramden, Jackie Gleasons Busfahrer mit den großen Träumen, verkündete Clay senior seine Pläne für den großen Wurf, beschrieb, wie er diese Idee oder jenen Dreh vermarkten wollte, um die Clays ein für allemal hinaus aus Louisville in ein Vorstadtparadies zu katapultieren. Seine große Schwäche war jedoch die Flasche, und wenn er trank, wurde er oft gewalttätig. Die Akten der Louisviller Polizei belegen, daß er viermal wegen rücksichtslosen Fahrens, zweimal wegen ungebührlichen Benehmens und zweimal wegen Körperverletzung verhaftet wurde; dreimal rief Odessa die Polizei, weil ihr Mann sie verprügelte. »Ich trink schon mal gern einen, hin und wieder«, sagte Clay senior. Oft verbrachte er seine Abende damit, von Bar zu Bar zu ziehen und dabei nach Möglichkeit Frauen abzuschleppen. (Viele Jahre später hatte Odessa die Frauengeschichten ihres Mannes so satt, daß sie auf einer vorübergehenden Trennung bestand.) John »Junior Pal« Powell, der Besitzer eines Schnapsladens im West End, erzählte einem Reporter der Sports Illustrated, wie der alte Mann eines Abends vor seinem Fenster vorbeigetorkelt sei, das Hemd über und über voll Blut. Eine Frau hatte ihm ein Messer in die Brust gestoßen. Als Powell sich erbot, ihn ins Krankenhaus zu bringen, weigerte sich Clay senior mit den Worten: »Hey, Junior Pal, das Beste, was du für mich tun kannst, ist das, was die Cowboys immer tun. Weißt schon, gib mir ’n kleinen Drink und gieß mir ein bißchen was auf die Brust, dann geht’s schon wieder.«
Schon in jungen Jahren hatte Clay junior offenbar gelernt, diese chaotischen Vorfälle nicht an sich heranzulassen; noch als er die vielleicht sichtbarste und pressefreundlichste Gestalt der Welt geworden war, wich er bohrenden Fragen nach seinem Vater aus. Er scherzte darüber, daß sein Vater immer einen Blick für andere Frauen hatte – »Mein Daddy ist ein Playboy. Er trägt immer weiße Schuhe, eine rosa Hose und ein blaues Hemd, und er sagt, er wird nie alt« –, aber viel weiter ließ er das Gespräch nie gehen. »Mir schien immer, daß Ali als Kind von seinem Vater eine tiefe psychische Wunde erhalten hatte und daß er deshalb so dicht machte«, sagte einer seiner engsten Freunde. »In vieler Hinsicht ist Muhammad, so brillant und charmant er auch ist, noch immer ein Jugendlicher. Da liegen viele Schmerzen begraben. Und obwohl er immer versucht hat, sie zu verdrängen, sie aus dem Kopf zu kriegen, rührt viel von diesen Schmerzen von seinem Vater, dem Trinken, der Gewalt, den Tiraden.«
Clay senior arbeitete hart, um seiner Familie ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu bieten, und zuzeiten waren seine Schilder überall in Louisville zu sehen:
JOYCE’S BARBER SHOP
KING KARL’S MÖBEL IN DREI RÄUMEN
DR. A. B. HARRIS: ENTBINDUNGEN UND FRAUENLEIDEN
Doch Clay senior, der Kunsthandwerker, hatte einen Groll. Seine größte Enttäuschung war, daß er seinen Lebensunterhalt nicht mit Wandgemälden und Bildern verdienen konnte. Er war kein außergewöhnliches Talent – seine Landschaften waren knallig, seine religiösen Bilder nur eine Stufe über dem Kitsch –, aber er hatte auch keinerlei Ausbildung gehabt. Clay senior hatte die Schule nach der neunten Klasse verlassen, was er mit gutem Grund den beschränkten Möglichkeiten von Schwarzen zuschrieb. Er sagte seinen Kindern oft, der weiße Mann habe ihn unterdrückt, habe verhindert, daß aus ihm ein wahrer Künstler wurde, daß er sich ausdrücken lernte. Mit seinem Mißtrauen gegenüber Weißen hielt er nie hinterm Berg. Und obwohl er später einmal der Nation of Islam vorwerfen sollte, sie unterziehe seinen Sohn einer »Gehirnwäsche« und nehme ihn aus, ließ er sich am Eßtisch und in Bars häufig über die Notwendigkeit schwarzer Selbstbestimmung aus. Seine tiefe Bewunderung galt Marcus Garvey, dem führenden schwarzen Nationalisten nach dem Ersten Weltkrieg und einem der ideologischen Wegbereiter Elijah Muhammads. Er gehörte nie einer Garvey-Organisation an, doch wie viele Schwarze in den zwanziger Jahren bewunderte er Garveys Forderungen nach Rassenstolz und schwarzer Unabhängigkeit, wenn vielleicht auch nicht den Gedanken einer Rückkehr nach Afrika.
Wie jedes schwarze Kind seiner Generation lernte Cassius Clay rasch, daß er, wenn er sich zu weit aus seinem Viertel entfernte – beispielsweise in das weiße Viertel Portland –, Rufe wie »Nigger« oder »Nigger go home« hören würde. Die Vorträge seines Vaters am Eßtisch waren nicht nötig, um ihn schon in jungen Jahren rassenbewußt zu machen. Kentucky war und ist ein komplizierter Grenzstaat. Im Bürgerkrieg fiel er nicht von der Union ab, obwohl seine Bewohner mehrheitlich mit den Konföderierten sympathisierten. In Kentucky herrschte Rassendiskriminierung, wenn auch nicht so stark wie in Mississippi oder Alabama.
Im Zentrum Louisvilles durften Schwarze nur in den Geschäften in der Walnut Street zwischen der Fifth und der Tenth einkaufen. Die Hotels waren nach Rassen getrennt. Die Schulen de facto ebenfalls, wobei es erste Anzeichen einer Durchmischung gab, sogar noch vor dem berühmten Prozeß Brown vs. Board of Education, in dem das Oberste Bundesgericht die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig erklärte. Es gab »weiße Geschäfte« und »Negergeschäfte«, »weiße Parks« und »Negerparks«. In den meisten großen Kinos der Stadt wie dem Savoy saßen die Weißen im Parkett, die Schwarzen dagegen im zweiten Rang, die übrigen – das Loew’s, das Mary Anderson, das Brown, das Strand, das Kentucky – waren nur für Weiße; das Lyric war Schwarzen vorbehalten. Im öffentlichen Personenverkehr saßen die Schwarzen hinten, die Weißen vorn. Der Chickasaw Park war schwarz, der Shawnee Park gemischt, alle anderen waren weiß. »So war das Leben eben«, sagte Beverly Edwards, ein ehemaliger Klassenkamerad Clays. »Kentucky gilt als das Tor zum Süden, doch was Rassenfragen betraf, war es bei uns kaum anders als im tiefsten Süden.«
Blyden Jackson, ein schwarzer Autor aus Louisville, war Mitte Vierzig, als Cassius Clay ein Kind war. Er schrieb, unter »Jim Crow«, der Rassentrennung, habe er »die verbotene Stadt, das Louisville, wo die Weißen lebten, nur durch einen Schleier wahrnehmen können. Es war das Louisville der Innenstadthotels, des Parketts im Kino, der High Schools, über die ich in der Tageszeitung las, der verbotenen Orte und Lokale, der weißen Restaurants und Country Clubs, der anderen Seite der Bankschaufenster und natürlich des Allerheiligsten, Büros, in die ich nur als bescheidener Kunde oder Hilfsaufseher hineinkam. Auf meiner Seite des Schleiers war alles schwarz: die Häuser, die Menschen, die Kirchen, die Schulen, der Negerpark mit der Negerparkpolizei … Ich wußte, daß es zwei Louisvilles gab und in Amerika zwei Amerikas. Ich wußte auch, welches dieser Amerikas meines war. Ich wußte, daß es Dinge gab, die ich nicht tun sollte, Ehren, die ich nicht anstreben sollte, Menschen, mit denen ich nie reden sollte, sogar Gedanken, die ich niemals denken sollte. Ich war ein Neger.« Ja, Cassius Clay war in mancher Hinsicht anderen schwarzen Kindern gegenüber wohl im Vorteil, doch dieser Vorteil war nichts verglichen mit den Freiheiten, die ihm versagt waren.
Als Clay vier Jahre alt war, fragte er seine Mutter: »Mama, wenn du in den Bus steigst, denken dann die Leute, du bist eine weiße oder eine farbige Frau?« Als er fünf war, fragte er seinen Vater: »Daddy, ich geh zum Kaufmann, und der Kaufmann ist weiß. Ich geh in die Drogerie, und der Mann in der Drogerie ist weiß. Der Busfahrer ist weiß. Was machen denn die Farbigen?« Cassius Clay hatte Wunden von den geballten Kränkungen der amerikanischen Apartheid in der Mitte des Jahrhunderts: der Anblick seiner Mutter, der in einer Imbißbude im Zentrum ein Glas Wasser verweigert wurde; Weiße, die sich beim Kentucky State Fair vor ihnen in die Schlange drängten, als wäre es ihr gottgegebenes Recht; die Scham, wenn seine Mutter auf die andere Seite der Stadt fuhr, um bei weißen Familien Fußböden und Toiletten zu putzen. Daß die Clays der schwarzen Mittelschicht angehörten, ersparte ihnen diese Demütigungen nicht. Clay sagte oft, daß er, seit er zehn war, nachts oft wach gelegen und sich weinend gefragt habe, warum seine Rasse so sehr leiden müsse.
Der rassistische Vorfall, der auf Clay den tiefsten Eindruck machte, war der Mord an einem vierzehnjährigen Jungen namens Emmett Till im Sommer 1955, ein Ereignis, das einer der Auslöser der Bürgerrechtsbewegung wurde. Emmett Till lebte in Chicago und verbrachte den Sommer häufig bei Verwandten in der Kleinstadt Money in Mississippi. Der Staat war ein Zentrum des Widerstands gegen den Entscheid Brown vs. Board of Education von 1954 und jede Art von Integration. Die beiden Senatoren von Mississippi, James O. Eastland und John Stennis, gehörten zu den schlimmsten Rassisten in Washington, und der Gouverneur J. P. Coleman erklärte, Schwarze seien nicht wahlfähig. In Mississippi wurden seit Beginn der amtlichen Aufzeichnungen im Jahr 1882 über fünfhundert Schwarze gelyncht. Emmetts Sommerreisen machten seine Mutter so nervös, daß sie ihren Sohn wiederholt im Rassenverhalten des rassistischen Südens unterwies, zu dem gehörte, daß man Weißen mit »yassuh« (»Yes, Sir«) und »nawssuh« (»No, Sir«) antwortete. Rein aus Angst versuchte sie ihm das gesamte Lexikon des Katzbuckelns einzutrichtern, das bei der neuen Generation, die in den Städten des Nordens wie Chicago aufgewachsen war, allmählich in Vergessenheit geriet.
Ende August kam Emmett Till nach Money. Eines Tages stand er mit Freunden vor einem Lebensmittelladen, erzählte ihnen von seiner integrierten Schule in Chicago und zog ein Bild von seiner weißen Freundin aus der Brieftasche. Einer der einheimischen Jungen sagte ihm, im Laden sei eine weiße Kassiererin, er solle doch mal reingehen und mit ihr reden. Das tat Emmett und sagte, als er wieder herauskam: »Bye, Baby.« Ein paar Tage später brachen der Ehemann der Kassiererin, Roy Bryant, und sein Halbbruder J. W. Milam in das Haus von Tills Großonkel Mose Wright ein, zerrten den Jungen aus dem Bett und in die Nacht hinaus. Sie schlugen zuerst mit ihren Pistolen auf ihn ein und verlangten, daß er zugab, was er getan hatte, und dafür um Verzeihung bat. Till weigerte sich, worauf sie ihm in den Kopf schossen. Mit einem Stück Stacheldraht banden sie ihm den schweren Ventilator einer Baumwollentkörnungsmaschine an den Hals und warfen die Leiche in den Tallahatchie. Die schwarze Presse, darunter Jet und The Chicago Defender, brachte Bilder von Tills verstümmeltem Gesicht, und auch die weißen Medien berichteten von dem Prozeß. Die Anwesenheit der Presse trug jedoch nicht dazu bei, daß Recht gesprochen wurde. Die ausschließlich weißen Geschworenen sprachen Bryant und Milam nach nur siebenundsechzig Minuten Beratung frei. »Wenn wir keine Limonadenpause gemacht hätten«, sagte ein Geschworener, »hätte es nicht so lange gedauert.«
Wie viele andere auch war Clay senior über den Vorfall zutiefst empört. Er erzählte seinen Söhnen davon und sorgte dafür, daß sie auch die Fotos sahen. Für Cassius hatte das Verbrechen eine persönliche Dimension: Till war nur ein Jahr älter als er. Der Mord verstärkte bei ihm den Eindruck, daß ein schwarzer Junge aus Louisville in eine Welt trat, die ihm alles verweigern, die ihn zurückstoßen, ihn sogar hassen würde. Manchmal, vor allem am Anfang seiner Karriere, wurde Clay von Reportern gefragt, warum er Boxer geworden sei, worauf er ohne zu zögern antwortete: »Ich habe angefangen zu boxen, weil ich glaubte, daß es in diesem Land für einen Schwarzen der schnellste Weg war, es zu etwas zu bringen. Ich war in der Schule nicht besonders hell und schnell und konnte nicht Football- oder Basketballspieler werden, weil man dafür ans College gehen und alle möglichen Abschlüsse und Prüfungen machen muß. Ein Boxer braucht einfach nur in die Turnhalle zu gehen, herumzuspringen, Profi zu werden, einen Kampf zu gewinnen, Pause machen, und schon ist er im Ring. Wenn er gut genug ist, verdient er mehr Geld als ein Ballspieler in seinem ganzen Leben …«
»Ich habe gesehen, daß eine High-School-Ausbildung oder gar eine College-Ausbildung keine Zukunft hatte«, sagte er bei anderer Gelegenheit. »Es lag keine Zukunft drin, weil ich zu viele kannte, die so eine Ausbildung hatten und dann doch an der Straßenecke rumstanden. Ein Boxer hat jeden Tag etwas zu tun. In die Turnhalle gehen, die Handschuhe anziehen und boxen … Auf der Straße gab’s nichts zu tun. Die Jungs schmissen mit Steinen und standen die ganze Nacht unter der Straßenlampe, rannten ständig in die Jukeboxkneipen und rauchten und wurden zu Trinkern und hatten nichts zu tun. Ich hab’s auch ein bißchen versucht, früher mal, aber es gab nichts anderes zu tun als Boxen.«
Anfang der siebziger Jahre beschlossen Elijah Muhammads Leutnants, ein Buch zu machen. Die Zeit, so befanden sie, sei reif für eine Autobiographie Muhammad Alis. Und so verkauften die Muslims unter Federführung von Elijahs Sohn und Manager Herbert Muhammad das Buch für eine Viertelmillion Dollar (Weltrechte eingeschlossen) an den Verlag Random House. Ghostwriter sollte Richard Durham sein, der Herausgeber der Zeitschrift der Nation of Islam, Muhammad Speaks. Durham selbst war gar kein Muslim – wenn überhaupt, war er Marxist. Durham war ein talentierter Schreiber, gleichzeitig aber sollte er für Ali das tun, was Parson Weems für George Washington getan hatte. So wie Weems einen mythischen Washington beschrieben hatte, der Kirschbäume fällt und Münzen über den Potomac schleudert, um moralische Reinheit und eindrucksvolle körperliche Verfassung zu demonstrieren, machte Durham aus Ali einen Champion, dessen Antrieb fast ausschließlich Wut und rassische Ungerechtigkeit sind. Alis erster Geldgeber, die Louisville Sponsoring Group, wurde als niederträchtige Bande weißer Geschäftsleute dargestellt, die in ihrem Schützling kaum mehr als eine Wertanlage sahen, die es auszubeuten galt, ein Vollblut mit kräftigen Beinen und guten Zähnen. An der berühmtesten Stelle des The Greatest betitelten Buches warf Ali seine Goldmedaille in den Ohio, als er nach seiner Rückkehr aus Rom so empört darüber war, daß er in einem Restaurant nicht bedient und statt dessen von einer weißen Motorradbande angepöbelt wurde.
Natürlich enthielt das Buch auch viel Wahres. Allerdings gab es diese weiße Motorradbande gar nicht, und Clay warf seine Medaille auch nicht weg, sondern verlor sie. Und als politischer Aktivist trat Clay erst Jahre später in Erscheinung. Bei der einzigen Bürgerrechtsdemonstration in Louisville, an der er in den fünfziger Jahren teilnahm, kippte eine Weiße einen Eimer Wasser über die Marschierenden, wobei Clay bis auf die Haut durchnäßt wurde. »Das war das letzte Mal, daß ich dabei war«, sagte er, und lange hielt er sein Versprechen. Wie in den Autobiographien von Joe Louis und Jack Johnson werden auch in The Greatest Fakten und Folklore vermischt – in diesem Fall Folklore im Dienste von Elijah Muhammads Programm.
Als Verfasser von Alis Autobiographie war Durhams kreative Unabhängigkeit stark eingeschränkt. Das Buch war für die Nation of Islam ein wesentliches Dokument. In der Frühzeit der Nation hatte Elijah Muhammad das Boxen als besonders unwürdig verurteilt, als ein häßliches Spektakel, bei dem weiße Männer zusehen, wie schwarze Männer einander zu Brei schlagen, doch mit Ali hatte er seinen leuchtenden Prinzen, ein überlebensgroßes Symbol muslimischer Manneskraft, ein wandelndes Rekrutierungsplakat. Toni Morrison, die Lektorin bei Random House war, bis sie den Verlag verließ, um ausschließlich als Schriftstellerin zu arbeiten, war fassungslos darüber, wie Herbert Muhammad ständig Änderungen am Manuskript verlangte – insbesondere Änderungen, die den Anschein erwecken sollten, die zentrale Figur beim Aufstieg Alis sei immerzu Herbert Muhammad gewesen. Ali fluchte nie sonderlich viel, doch Herbert untersagte jegliche grobe Ausdrucksweise. Sämtliche Sprüche aus der Umkleidekabine waren verboten. In einer frühen Fassung sagt Alis Frau Sonji, er solle den Muslims gegenüber bestimmter auftreten: »You the champ, muthafucker!« – »Du bist doch der Champion, du Arsch!« Das wurde natürlich auch gestrichen.
»Meine große Sorge bei dem Projekt war immer Herbert, der unablässig damit drohte, etwas Schreckliches zu tun«, sagte Morrison. »Am Ende war das Buch überwiegend korrekt. Aber es geriet zunehmend in Mißkredit, weil Ali keine Werbung mehr dafür machen wollte. Er wollte Signierstunden in innerstädtischen Buchhandlungen abhalten, doch dort fürchtete man, die Läden würden von schwarzen Barbaren überrannt. Das muß man sich mal vorstellen! Sie wollten immerzu, daß Ali in die Vororte ging, aber das wollte wiederum er nicht.
Was die Geschichte mit der Goldmedaille anging, so bestritt Ali ihren Wahrheitsgehalt, kaum daß das Buch erschienen war. Ich glaube, es war auf einer Pressekonferenz, als er auf die Frage nach seiner Medaille sagte: ›Ich weiß nicht mehr, wo ich die habe.‹ Auch sagte er, er habe das Buch nicht gelesen. Also diskreditierte er das Buch gewissermaßen, was ungerecht den Geschichten gegenüber war, die er Richard erzählt hatte, und auch denjenigen, die Richard erfunden hatte, um einen bestimmten Aspekt hervorzuheben.«
»Die Geschichte mit der Goldmedaille stimmte nicht, aber wir mußten sie eben glauben«, sagte James Silberman, der damalige Cheflektor von Random House. »Nach einer Weile glaubte Ali sie selbst, wie das manchmal eben so ist. Als er jung war, nahm er alles mit einem Augenzwinkern, selbst die Tatsachen seines eigenen Lebens.«
Wenngleich The Greatest die Gutgläubigkeit auf eine harte Probe stellte, da das Buch versuchte, eine Paul Bunyansche Heldengeschichte für die Nation of Islam zu stricken, hat die Boxkarriere Cassius Clays tatsächlich einen Schöpfungsmythos vorzuweisen. Dieser Mythos hat zudem den Vorteil, wahr zu sein. Es ist die Geschichte vom gestohlenen Fahrrad.
An einem Nachmittag im Oktober 1954, als Clay zwölf Jahre alt war, fuhren er und ein Freund mit dem Fahrrad zum Columbus Auditorium, in dem die Jahresversammlung des Louisville Service Club stattfand, ein Basar, der von schwarzen Kaufleuten veranstaltet wurde. Den Jungen war vor allem an dem kostenlosen Popcorn und Eis gelegen, das die Kaufleute verteilten, und daran, den Tag herumzubringen. Außerdem wollte Clay sein neues Fahrrad vorführen, ein rotweißes Schwinn, das sechzig Dollar gekostet hatte. Die beiden streiften einige Stunden zwischen den Ständen umher und beschlossen dann, wieder nach Hause zu fahren. Es wurde schon spät. Doch als sie dahin kamen, wo sie ihre Fahrräder abgestellt hatten, war das neue Schwinn weg.
Clay war in Tränen aufgelöst. Jemand sagte ihm, im Untergeschoß des Gebäudes, in dem auch ein Boxzentrum untergebracht war, das Columbia Gym, sei ein Polizist. Clay lief rasend vor Wut hinunter, verlangte eine landesweite Großfahndung nach seinem Fahrrad und drohte, denjenigen, der es gestohlen hatte, windelweich zu prügeln.
Der Beamte, ein weißhaariger Mann namens Joe Martin, lächelte über Clays Drohungen. Martin wartete, bis er fertig geschimpft hatte. Er hatte nichts Besonderes vor. Martin war ein lockerer Zeitgenosse. Seine Freunde nannten ihn scherzhaft Sergeant: Nach fünfundzwanzig Dienstjahren war es ihm nie in den Sinn gekommen, die Sergeantprüfung zu machen. Er lebte gut, fuhr mit einem Cadillac herum und machte jedes Jahr Urlaub in Florida. Auf seiner Runde leerte er Parkuhren. In seiner Freizeit leitete er das Zentrum und produzierte eine lokale Amateurboxsendung, Tomorrow’s Champions, die Samstag nachmittags von dem Lokalsender WAVE-TV, einem Ableger von NBC, ausgestrahlt wurde.
Martin hörte sich eine Weile Clays laute Racheschwüre an und sagte dann: »Weißt du überhaupt, wie man kämpft?«
»Nein«, sagte Clay, »aber ich würde trotzdem kämpfen.«
Martin meinte, es wäre vielleicht das beste, wenn er ins Boxzentrum käme.
»Lern lieber erst mal was übers Kämpfen, bevor du jemanden vorschnell herausforderst.«
Schon bald ging Clay regelmäßig in Martins Boxzentrum in der South Fourth Street, und nachdem er sechs Wochen lang die Grundzüge des Boxens gelernt hatte, trat er zu seinem ersten Kampf an. Sein Gegner war ebenfalls ein Grünschnabel, er hieß Ronnie O’Keefe. Beide Jungen wogen vierzig Kilo. Der Kampf ging über drei Runden, jede Runde dauerte eine Minute. Die Jungen trugen große Vierzehn-Unzen-Handschuhe, mit denen sie aufeinander eindroschen, bis sie beide Kopfschmerzen hatten. Clay landete ein paar Treffer mehr und siegte nach Punkten, wenn auch nicht einstimmig. Auf die Entscheidungsverkündung hin schrie er allen zu, er werde bald »der Größte aller Zeiten« sein.
Anfangs konnte Clay »einen linken Haken nicht von einem Tritt in den Hintern« unterscheiden, sagte Martin später, doch indem er größer und kräftiger wurde, entwickelte er ein Gefühl für den Ring und einen Kampfstil, der Puristen zum Wahnsinn trieb. Ganz ähnlich wie Sugar Ray Robinson hielt er die Hände tief, schickte linke Gerade ab und tänzelte auf den Zehen durch den Ring. Seine beste Verteidigung war seine Schnelligkeit, seine unheimliche Fähigkeit, den Schlag des Gegners abzuschätzen und sich gerade so weit zurückzubeugen, daß er nicht getroffen werden konnte – und dann zurückzuschlagen. Clay hatte bemerkenswerte Augen. Nie schienen sie sich zu schließen, nie zu blinzeln, nicht eine Bewegung des Gegners schien ihnen zu entgehen. Und kaum hatten diese Augen eine Öffnung wahrgenommen, eine Gelegenheit, Verheerungen anzurichten, reagierten die dazugehörigen Hände auch schon. Das alles war fast von Beginn an da. Martin sah auch, daß Clay nicht nur schnell war, sondern ebenso mutig, und in Bedrängnis einen kühlen Kopf bewahrte. Selbst unter Profiboxern reduziert die Gefahr einen Kämpfer oft auf seine törichtesten Instinkte: die Gefahr veranlaßte Floyd Patterson, gedankenlos in Sonny Listons linke Geraden zu laufen; die Gefahr zwang George Foreman, in Panik zu geraten und auf Muhammad Ali einzudreschen, bis er keine Kraft mehr in den Armen hatte. Ein wahrer Kämpfer kann in Bedrängnis denken, und auch dies war eine Fähigkeit, die Clay schon sehr früh bewies. »Cassius wußte genau, wie er zu kämpfen hatte, wenn es hart wurde«, sagte Martin zu Jack Olsen, dem Autor von Black Is Best. »Nie geriet er in Panik oder vergaß, was ich ihm beigebracht hatte. Wurde er getroffen, dann wurde er nicht wild, schlug nicht wild drauflos, wie manche Jungen es tun. Er steckte den Treffer weg und fing an zu boxen, sich aus dem Schlamassel herauszuboxen, wie ich es ihm beigebracht hatte.«
Es ginge sicher zu weit, würde man sagen, Clay habe in seinem Kampf gegen Ronnie O’Keefe ein ungewöhnliches Talent gezeigt. Doch während der folgenden ein, zwei Jahre erwies er sich nicht nur als außerordentlich begabt, zeigte nicht nur flinke Füße und Fäuste und übernatürliche Reflexe, die schon die frühesten seiner Amateurgegner und -richter beeindruckten, sondern trainierte auch mit einer Härte und Ausdauer, wie man es in Louisville bis dahin selten gesehen hatte. Von dem Augenblick an, als Clay seinen ersten Kampf gewonnen hatte, erzählte er seinen Eltern, wenn er abends nach Hause kam, er werde einmal Weltmeister, und dann werde er ihnen allen neue Autos und ein neues Haus kaufen, und das alles sagte er nicht mit jenem verklärten Fatalismus, der in Filmporträts von Sportlern so beliebt ist (»Und dieser Homerun ist für dich, Ma!«), sondern eher beiläufig, humorvoll. Er redete nicht nur darüber. Clay lebte praktisch im Boxkeller. Er rauchte und trank nie. Ein paarmal schnüffelte er mit ein paar Freunden die Dämpfe aus einem Benzintank – seine einzige Erfahrung mit Halluzinogenen. Er hatte einen Ernährungswahn. Ständig hatte er eine Flasche Wasser mit Knoblauch dabei – eine Lösung, wie er sagte, die den Blutdruck niedrig halte und ihn selbst gesund. Zum Frühstück bevorzugte er ein eigenes Nährgebräu, einen Liter Milch mit zwei rohen Eiern. Er verkündete, Limonade sei so tödlich wie Zigaretten.
Clays Disziplin überzeugte Martin, daß er eine Zukunft als Boxer hatte. Clay stand morgens zwischen vier und fünf auf, lief dann mehrere Kilometer, trainierte nachmittags im Boxkeller, wobei er stets länger als die anderen blieb, die dann nach Hause zum Essen gingen. »Er wollte immer nur laufen und trainieren und sparren«, sagte Jimmy Ellis, der zu der Zeit ebenfalls im Columbia Gym trainierte und WBA-Weltmeister im Schwergewicht wurde, nachdem Clay der Titel 1967 wegen seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen, aberkannt worden war. »Solange einer da war, mit dem er boxen konnte, boxte er.«
»Schon als Kind redete er immer davon, daß sein Körper rein sei, ein Tempel«, sagte sein Klassenkamerad Beverly Edwards. »In der Cafeteria brauchte er immer zwei Tabletts für seinen Lunch: sechs kleine Flaschen Milch, stapelweise Sandwichs, warmes Essen von der Warmhaltetheke. Mann, konnte der essen! Aber es war immer was Gesundes – Treibstoff für sein Boxen.«
Cassius Clay hatte etwas überaus Liebenswertes, Naives. Trotz seiner Kraft und obwohl er schon eine lokale Berühmtheit war, da er immer häufiger in Tomorrow’s Champions zu sehen war, legte er sich nie mit jemandem an. Er war kein Straßenkämpfer. Der Football-Trainer zeigte Interesse an ihm, er aber keines an Football. »Beim Football kann man sich verletzen!« sagte er. »Und das wäre schlecht fürs Boxen.« Und so gut er auch aussah, bei den Mädchen hatte er es nicht besonders leicht. Er flirtete, schenkte der einen oder anderen seine Golden Gloves-Nadel und redete vom Heiraten und Kinderkriegen, doch wenn es an die elementareren Dinge ging, war er ratlos. In der vorletzten High School-Klasse ging er mit einem klugen und hübschen Mädchen namens Areatha Swint, die die Haare genau wie Dorothy Dandridge in Carmen Jones trug.
»Cassius trug meistens ein rotgraues Jackett mit einer Golden Gloves-Applikation«, schrieb sie in einer Kurzbiographie für das Louisviller Courier-Journal. »Cassius sagte nicht, ob ihm meine Frisur gefiel. Zu der Zeit interessierte er sich viel mehr für Floyd Patterson. Er hatte schon seine Momente, wenn er mir sagte, ich sei das hübscheste Mädchen, das er je gesehen habe. Das Dumme war nur, so viele sah er gar nicht.«
Nachdem er drei Wochen mit ihr gegangen war, bat er sie um einen Kuß. »Ich war das erste Mädchen, das er geküßt hatte, er wußte gar nicht, wie das geht. Also mußte ich es ihm zeigen. Als ich es tat, fiel er in Ohnmacht. Ganz ehrlich. Er machte immer Späße, also glaubte ich, er tue nur so, aber er schlug so hart auf. Ich rannte nach oben, um ein feuchtes Tuch zu holen.«
Als Clay wieder zu sich kam, sagte er: »Es geht schon wieder, aber das glaubt mir bestimmt keiner.«
Viele seiner anstrengendsten Stunden erlebte Clay in der Schule. 1957 kam er an die größte schwarze High School, die Central High in der West Chestnut Street, und in der zehnten Klasse waren seine Noten so schlecht, daß er sie im darauffolgenden Jahr wiederholen mußte. Trotz seiner schulischen Leistungen konnte er den jovialen Rektor der Central, Atwood Wilson, für sich einnehmen. Clay entsprach durchaus nicht Wilsons Vorstellungen von einem idealen Schüler. Ständig tänzelte er schattenboxend durch die Flure, spielte sich auf, erklärte sich zum Größten aller Zeiten, rannte dann auf die Toilette, um vor dem Spiegel weiter zu boxen. Im Unterricht träumte er, malte herum, statt mitzuschreiben. Was Wilson jedoch beeindruckte, war seine frühreife Disziplin, daß er noch vor Tagesanbruch aufstand und in seinen klobigen Schuhen mit den Stahlkappen und im Trainingsanzug durch den Chickasaw Park rannte, ständig prahlte, seinen großen Sprüchen aber immer Taten folgen ließ. Wenn er seinen Freunden sagte, er werde in Tomorrow’s Champions auftreten und Charley Baker, den härtesten Jungen im ganzen West End, aus dem Ring fegen, tat er es auch, obwohl Baker fast zehn Kilo schwerer war als er. Clay war ein sanfter Junge, der seine Muskelkraft ausschließlich im Ring zur Anwendung brachte. Und so beschloß Wilson, ihn zu fördern. Bei Schulversammlungen nahm er ihn in den Arm und verkündete: »Da ist er, meine Damen und Herren! Cassius Clay! Der nächste Weltmeister im Schwergewicht. Dieser Bursche wird eine Million Dollar verdienen!« Gab es Berichte von Lümmeleien in der Klasse, schaltete Wilson die Schulsprechanlage an und verkündete mit ironisch grimmiger Stimme: »Wenn hier einer verrückt spielt, schicke ich Cassius Clay vorbei!«
Als die Zeugnisse nahten, fanden einige Lehrer, Clay dürfe kein Diplom bekommen, da dies ein falsches Signal für die Trainer sei, die für ihre schlechten Sportschüler ebenfalls eine Sonderregelung haben wollten. Schließlich stand Wilson bei einer Lehrerkonferenz im Musiksaal der Schule auf und sagte: »Eines Tages wird unser größter Anspruch auf Ruhm der sein, daß wir Cassius Clay kannten oder unterrichteten … Glauben Sie, ich werde der Rektor einer Schule sein, die Cassius Clay nicht beendet hat? Der wird an einem Abend mehr Geld verdienen als der Rektor und alle Lehrer hier in einem Jahr. Und wenn jeder Lehrer hier ihn durchfallen läßt, ich lasse ihn nicht durchfallen. An meiner Schule wird er nicht durchfallen. Ich werde sagen: ›Ich habe ihn unterrichtet!‹«
Nachdem Wilson seine »Anspruch auf Ruhm«-Rede, als die sie später in die Schullegende Eingang fand, beendet hatte, lenkten die Lehrer widerstrebend ein. Als Clay seine Schulzeit an der Central im Juni 1960 schließlich beendete, wurde er als 376ster von 391 bewertet und erhielt die Mindestnote, ein »teilgenommen«. Clays Abschlußzeugnis war ein Akt der Großzügigkeit, die traditionelle Dankesschuld, die eine Schule ihrem Starathleten entrichtet. Atwood Wilson machte sich über Clay wenig Illusionen. Jahrzehnte später, in seinen mittleren Jahren, bereitete Ali das Lesen noch immer Schwierigkeiten. Über keinen Sportler dieses Jahrhunderts sollte mehr geschrieben werden, und dennoch sollte dieser Sportler seine Freunde und Betreuer bitten, ihm die Zeitungsartikel vorzulesen. »Die Wahrheit ist doch«, sagte Wilson, »das einzige, was Cassius je wird lesen müssen, ist sein Steuerbescheid, und ich bin bereit, ihm dabei zu helfen.«
Fairerweise muß gesagt werden, daß Clay schon als Teenager wie ein Profi trainierte. Mit achtzehn hatte er eine beachtliche Amateurkarriere vorzuweisen: hundert Siege und nur acht Niederlagen, zwei nationale Golden Glove-Meisterschaften und zwei Titel der nationalen Amateur Athletic Union.
Christine Martin, Joe Martins Frau, fuhr Clay und einige der anderen Jungen mit ihrem Ford Kombi vom Boxzentrum zu Turnieren in Chicago, Indianapolis und Toledo. »Damals konnten die Jungen nicht ins Restaurant gehen, also nahm ich sie auch nie mit hinein«, sagte sie einmal zu einem Reporter aus Louisville. »Ich ging allein und holte ihnen, was sie haben wollten, so und so viele Hamburger pro Junge, und brachte es zum Auto. Cassius war ein sehr umgänglicher Junge. Sehr gut zu haben. Sehr höflich. Worum man ihn auch bat, er tat es. Das lag an seiner Mutter. Sie war eine großartige Frau. Unterwegs sahen sich die Jungen immer um, hielten Ausschau nach etwas, was sie unternehmen konnten, pfiffen hübschen Mädchen nach. Doch davon hielt Cassius nichts. Überall hatte er seine Bibel dabei, und während die anderen Jungen sich umsahen, saß er da und las die Bibel.«
Martin war sehr hilfreich (wie auch ein weiterer Trainer aus dem Gym, Fred Stoner), doch egal, wer in der Ecke war, Clay war sein eigener Herr, sein eigener Stratege, schon als Teenager. Lange bevor er den großen Zeitungen mit seinen Versen und seinen psychologischen Angriffen auf seine Gegner Rätsel aufgab, hatte er angefangen, sich selbst zu erfinden. Clays Selbstdarstellungen dienten einem doppelten Zweck: bei seinem Gegner Angst auszulösen und Interesse an den Aktivitäten Cassius Clays zu erregen. So steckte er den Kopf in die Kabine des Gegners und verkündete laut, er solle sich schon mal auf eine Abreibung gefaßt machen. Bei einem städtischen Turnier, da war er noch zwölf, fing er an, einen Kämpfer namens George King anzupöbeln, schlug Geraden in die Luft und fragte ihn unablässig: »Glaubst du, du hast gegen diese Gerade was drin?« King war einundzwanzig, verheiratet und hatte ein Kind. Wer war dieser Zwölfjährige? Wenn er bei seinen Kämpfen im Lokalfernsehen mit seinen Tiraden anfing, pfiff ihn die Menge in den Arenen in Louisville aus und brüllte: »Stopft ihm das Maul! Schlagt ihm die Nase ein!«
»Es war mir egal, was sie sagten, solange sie nur zu meinen Kämpfen kamen«, sagte er. »Sie hatten Eintritt bezahlt, also hatten sie auch das Recht auf ein bißchen Spaß. Man hätte meinen können, ich sei ein bekannter Profi und zehn Jahre älter, als ich war.«
Clay ließ da schon die Knittelverse los, die Jahre später zu einem Markenzeichen Alis werden sollten.
This guy must be done.
I’ll stop him in one.
(»Den Kerl mach ich alle. / Schon in Runde eins.«)
Dieses Gedicht trug er einem Reporter des Courier-Journal vor.
Die ganze Welt war schockiert von seinem hysterischen Getue beim Wiegen, bevor er Sonny Liston zum ersten Mal gegenübertrat, doch diese Nummer hatte er schon geprobt, als er noch gar nicht Profi war. Bei einem Turnier in Chicago im März 1960 ging Clay mit seinem Gegner Jimmy Jones, dem Titelverteidiger im Schwergewicht in diesem Wettbewerb, zum Wiegen.
»Mr. Martin, müssen Sie nachher gleich weg hier?« sagte Clay zu seinem Trainer, so daß Jones es hören konnte.
»Eigentlich nicht«, sagte Martin. »Warum?«
»Dieser Typ da, den kann ich in einer Runde erledigen, wenn Sie’s eilig haben«, sagte er, wobei er auf Jones zeigte. »Oder wenn Sie’s nicht eilig haben, kann ich ihm auch drei Runden geben.«
Martin sagte: »Ich hab’s nicht eilig.«
Und so ließ Clay sich an dem Abend Zeit. Er siegte in drei Runden.
Als Clay fünfzehn war, also 1957, hatte er schon ein sicheres Gespür für seine Bestimmung. In dem Jahr kam der hoch geachtete Halbschwergewichtler Willie Pastrano aus Miami mit seinem Trainer Angelo Dundee nach Louisville, um gegen John Holman anzutreten. Eines Abends, Dundee saß mit Pastrano im Hotelzimmer, rief Clay ihn vom Foyer aus an.
»Ich blieb immer im selben Zimmer mit Willie, um ihm auf die Finger zu sehen, damit er mir keine Dummheiten machte«, erinnerte Dundee sich. »Ich wollte ihn im Auge behalten. Cassius sagte wortwörtlich: ›Ich bin Cassius Marcellus Clay, und ich bin der Golden Gloves-Meister, ich habe dieses und jenes gewonnen.‹ Dann sagte er mir, er werde bei der Olympiade gewinnen. Ich hielt die Hand über die Muschel und fragte Pastrano, ob er bereit sei, den Jungen zu sehen.«
»Was soll’s«, sagte Pastrano. »Im Fernsehen läuft eh nichts.«
Clay und sein Bruder Rudolph kamen herauf und unterhielten sich mehrere Stunden mit Dundee und Pastrano. Clay stellte unzählige Fragen nach dem Training, zu anderen Kämpfern, zu Techniken. Dundee war amüsiert und beeindruckt. »Der Junge war so lebendig und engagiert.« Zwei Jahre später kamen Dundee und Pastrano zu einem weiteren Kampf in die Stadt, diesmal gegen Alonzo Johnson. Clay war siebzehn, noch immer Amateur, doch nun wollte er sich nicht unterhalten. Er wollte mit Pastrano sparren. Dundee war von seinem Kämpfer überzeugt, aber er wollte auch keinen Ärger.
»Ich wollte nicht, daß er mit Willie sparrte«, sagte Dundee, »aber dann wartete er schon im Boxraum, lag mir tagtäglich in den Ohren und sagte: ›Warum lassen Sie mich nicht mit Ihrem Mann da arbeiten?‹ Also, ich halte ja nichts davon, wenn Amateure mit Profis arbeiten, und es war auch die Woche von Willies Kampf. Aber dieser Junge war so begeistert, und da hab ich wohl ein bißchen nachgegeben und sie zwei Runden machen lassen. Ich hab gedacht, was kann schon passieren? Tja, und Willie konnte diesen Jungen nicht stellen. Muhammad – damals noch Cassius – war einfach zu schnell. Wie ein Gummiball. Man hält ihn für schnell, wenn man ihn in seinen späteren Kämpfen sieht, aber das ist langsam dagegen, wie er als junger Mann war. Zack, zack, zack und wieder weg. Ob er schlagen konnte? Jeder kann schlagen. Jeder mit fünfundachtzig Kilo kann schlagen. Das Entscheidende ist, zuzuschlagen, wenn der andere es nicht erwartet. Willie kam aus dem Ring, und ich sagte: ›Mann, du bist übertrainiert, du sparrst nicht mehr.‹ Willie sagte: ›Quatsch, der hat mir total den Arsch versohlt.‹«