KAPITEL 9

KREUZ UND HALBMOND

 

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New York, 1963. Mit Malcolm X.

 

 

Clay wußte, wenn er sein Interesse an der Nation of Islam öffentlich machte, konnte das seine Chance, gegen Liston um den Titel zu kämpfen, gefährden, doch ganz mochte er sich nicht zurückhalten. Verstecken, verheimlichen, lügen – das war nicht seine Sache. Das Ergebnis war, daß sein neuer Glaube an die Presse durchsickerte, zwar nicht auf einmal als die große Enthüllung, aber nach und nach, Artikel um Artikel. Am 30. September 1963 schrieb die Philadelphia Daily News, Clay habe an einer Kundgebung der Black Muslims in der Stadt teilgenommen, auf der Elijah Muhammad seine übliche dreistündige Tirade gegen die Bürgerrechtsbewegung und die weiße Rasse abgelassen habe. »Obwohl er sagte, er sei kein Muslim«, fuhr der Artikel fort, »sagte Clay, er finde Muhammad ›toll‹.«

Was die Daily News nicht wußte, war, daß Elijah Muhammad noch immer Abstand zu Clay hielt, Malcolm X dagegen, sein eloquentester und bekanntester Prediger, nicht. Wie viele neue Mitglieder der Nation in den fünfziger Jahren hatte Malcolm, als er zu der Sekte stieß, Großstadtarmut, Kriminalität und Gefängnis hinter sich. Als »Detroit Red« war Malcolm Alkoholschmuggler, »Numbers«-Verkäufer (eine Art Lotterie) und Drogendealer gewesen; als »Rhythm Red« hatte er in Nachtclubs getanzt. Schließlich saß er eine Strafe im Gefängnis von Charleston und der Besserungsanstalt von Concord ab, wo er dann 1948 zur Nation of Islam konvertierte. Als Malcolm 1952 aus dem Gefängnis entlassen wurde, lernte er Elijah Muhammad kennen und stieg schnell auf der Leiter der Muslim-Priester auf. Keiner der Anhänger Muhammads hatte eine solche Intelligenz und solch rhetorisches Geschick gezeigt. Bei den alljährlichen »Savior’s Day«-Kundgebungen redete Malcolm häufig vor Elijah Muhammad, und zumeist stahl der Protegé dem »savior«, dem Erlöser, selbst die Schau. Wegen seiner Jugend, weil er auf der Straße gelebt und schließlich die Erlösung davon gefunden hatte, wegen seiner Disziplin, seines sprühenden Geistes, seiner klaren, voll tönenden Sprache übte Malcolm auf Neumitglieder eine starke Anziehungskraft aus. Er wurde zum Symbol für kompromißlose Kraft, Authentizität und Männlichkeit. Malcolm wagte es auch, sich Muhammad (zunächst behutsam) entgegenzustellen, indem er ihn drängte, die traditionelle Isolationspolitik der Nation zugunsten eines direkteren Engagements bei politischen Aktionen aufzugeben. Dabei war er keineswegs der erste schwarze Nationalist – vor ihm hatte es schon Hubert Harrison, Henry McNeal Turner, Martin Delany und viele andere gegeben –, doch keiner, nicht einmal Elijah Muhammad, verbreitete den Gedanken der Identität der afrikanischen Amerikaner mit größerer Verve. »Wirkten die schwarz-nationalistischen und separatistischen Gedanken, die von Elijah Muhammad kamen, verschroben, kultartig, provinziell und marginal«, schreibt Gerald Early, »so wirkten dieselben Gedanken, wenn sie von Malcolm kamen, revolutionär, hip und dynamisch.«

Elijah Muhammad erkannte in Malcolm X einen potentiellen Rivalen, aber er sah auch seinen Wert als Redner und Organisator, als Werbender und als Brücke zu den Medien und der größeren Welt. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre wurde Malcolm als Leiter der New Yorker Moschee Nr. 7 zum festen Ansprechpartner der Presse; ungeachtet der Haltung der Sekte gegenüber Gewalt und den »blauäugigen Teufeln«, vermochte er zahllose weiße Reporter zu faszinieren, angefangen mit Murray Kempton von der New York Post bis hin zu Dick Schaap, der von Newsweek zur Herald Tribune gegangen war. »Das Eigenartigste an Malcolm war, daß er in seinen Reden die Weißen zwar als Teufel bezeichnete, was klar war, im persönlichen Gespräch jedoch behandelte er einen mit Respekt und Humor, und es wirkte nie aufgesetzt«, sagte Schaap. »Warum mochte ich einen Mann, der mich für den Teufel hielt? Ich weiß es wirklich nicht, aber so war es. Vielleicht hatte ich so ein Gefühl, daß er sich ändern würde. Was dann ja auch geschah.« Elijah Muhammad war für die weißen Medien exotischer und ferner: Mit seinem Fez und seinen langen, schwer verständlichen Reden über das Mutterflugzeug und die Kosmologie der Muslims fehlte ihm Malcolms Fähigkeit, direkt zu sein; junge Leute sprach er damit weniger an. Clay dagegen sehr. Hatte Clay seine ersten Muslim-Lektionen von den Vertretern in Miami und dem Regionalzentrum in Atlanta gelernt, begeisterte ihn nun Malcolm. Clay verehrte Elijah Muhammad als das leibhaftige Göttliche seiner neuen Religion, doch mit Malcolm fühlte er sich verbunden wie ein junger Mann mit einem älteren Bruder, dem er mit Ehrfurcht begegnet. Malcolm war nun sein geistlicher Ratgeber, sein Freund und Mentor.

»Malcolm X und Ali waren wie sehr vertraute Brüder«, sagte Ferdie Pacheco. »Es war fast so, als wären sie ineinander verliebt. Malcolm fand, Ali sei der Tollste, der ihm je begegnet war, für Ali wiederum war dieser Mann der klügste Schwarze auf der ganzen Welt, weil ihm alles, was er sagte, einleuchtete. Malcolm X war verdammt intelligent, überzeugend, charismatisch auf eine Art, wie große Führer und Märtyrer es sind. Und das kam bei Ali natürlich an. Die einzige Schwierigkeit, die Ali mit alldem hatte, war der Gedanke, daß alle Weißen böse waren. Was war denn mit den Weißen in Alis unmittelbarer Umgebung: mit mir, Angelo, Chris, Morty Rothstein, dem Anwalt, der weißen Louisville Group, die einen Haufen Geld ranschaffte, damit er Geld hatte, wenn er welches brauchte. Er sah weit und breit keine weißen Teufel. Aber er holte sich bei den Muslims eben, was er brauchte. Die Muslims befriedigten ein tiefes Bedürfnis in ihm, besonders Malcolm X.«

Die beiden Männer lernten sich 1962 in Detroit kennen, wohin Cassius und sein Bruder Rudy fuhren, um an einer Kundgebung der dortigen Moschee teilzunehmen. Vor deren Beginn liefen die Clays in der Studentencafeteria Malcolm X über den Weg. Clay hielt ihm sogleich die Hand hin und sagte: »Ich bin Cassius Clay.«

Malcolm hatte keine Ahnung, wer dieser gutaussehende junge Mann war. Er hatte als Junge geboxt – er hatte sich für alle möglichen Sportarten interessiert –, doch während der letzten Jahre war er viel zu beschäftigt gewesen, um einen Blick in den Sportteil zu werfen. Schließlich erklärte man ihm, daß Cassius Clay einer der großen Anwärter auf den Titel im Schwergewicht sei. Und trotz Elijah Muhammads Verurteilung des Boxsports interessierte sich Malcolm für diesen selbstbewußten jungen Mann, der auf Kundgebungen im ganzen Land auftauchte. Malcolm suchte Clay auf und unterhielt sich mit ihm über Fragen von Islam und Rasse, und Clay begann sich Malcolm anzuvertrauen – sogar einige seiner Berufsgeheimnisse vertraute er ihm an.

»Cassius war einfach ein liebenswerter und freundlicher Bursche, anständig und vernünftig«, erzählte Malcolm Alex Haley für seine Autobiographie. »Mir fiel auf, wie aufmerksam er sogar in kleinen Details war. Ich vermutete, daß er mit seinem clownhaften Auftreten einen Plan verfolgte. Er bestätigte meine Vermutung, daß er das alles nur tat, um Sonny Liston in die Irre zu führen und ihn dazu zu provozieren, schlecht trainiert, aber voller Wut und mit übertriebener Siegeszuversicht in den Ring zu steigen, er werde auch diesen Kampf schon in der ersten Runde durch einen seiner berüchtigten K.-o.-Schläge entscheiden.«

Anfang 1963 wurde Malcolm X von Elijah Muhammad zunehmend desillusioniert. Er erkannte, daß Muhammad entgegen all seinen Erklärungen zu moralischer Rechtschaffenheit und Disziplin mindestens zwei seiner Sekretärinnen geschwängert hatte. Um sie zu verführen, hatte er ihnen erzählt, seine Frau sei für ihn tot – genauso, wie die Frau des Propheten Mohammed für diesen tot gewesen sei –, und er habe daher den göttlichen Auftrag, nach Jungfrauen zu suchen und so seinen heiligen Samen zu verbreiten. Agenten des FBI wußten aufgrund ihrer ausgiebigen Spionagetätigkeit gegen die Nation of Islam schon seit 1959 von Elijah Muhammads diversen Kindern und hatten Gerüchte darüber mittels anonymer Briefe in Umlauf gebracht. Doch die Black Muslims waren loyal gegenüber dem Sendboten, und die Schmutzkampagne hatte nur geringe Wirkung. Malcolm, der streng enthaltsam lebte, erkannte auch die finanzielle Korruption der Nation, die Ansammlung von Immobilien, Schmuck, Luxusautos. Malcolm bezweifelte Muhammads Verkündung, daß Fard die Inkarnation des Erlösers Allah sei, eine Behauptung, die dem orthodoxen Islam widersprach; sogar die heftigen Denunziationen des weißen Mannes als Teufel weckten Zweifel in ihm. Nach und nach sprach er weniger von Überlegenheit und mehr von der Notwendigkeit von Brüderlichkeit.

Mitte November 1963 widersetzte er sich dem Verbot der Nation, sich an weltlichen Aktivitäten in der Welt der Weißen zu beteiligen, indem er einen Boykott weißer Ladenbesitzer unterstützte, die sich weigerten, schwarze Arbeitskräfte zu beschäftigen. Für die Anführer der Nation of Islam hatte er sich damit als nicht mehr beherrschbar erwiesen; er mußte zum Schweigen gebracht werden. Einige Wochen später, nach dem Anschlag auf John F. Kennedy, verschickte Elijah Muhammad an seine wichtigsten Prediger die schriftliche Weisung, sich jeglichen Kommentars zu diesem Ereignis zu enthalten. Malcolm warnte er zusätzlich noch telefonisch. Elijah Muhammad war, was die weißen Führer der Vereinigten Staaten anging, nicht sonderlich taktvoll, doch er war sich sehr bewußt, daß in diesem Moment, während das ganze Land trauerte, ein falscher Kommentar, ein falscher Zungenschlag der Nation of Islam schaden könnten.

Ein paar Tage später hielt Malcolm X im Manhattan Center in Harlem eine Rede, in der er ausführte, daß der moderne weiße Mann genau wie in den Tagen Noahs und in den Tagen Lots als Bestrafung seiner Sünden nur Katastrophen erwarten könne. Nach der förmlichen Ansprache stand eine Frau im Publikum auf und stellte eine Frage zum Attentat auf Kennedy. Nun hielt Malcolm sich nicht mehr zurück. Er sagte, der Mord stehe für »die Hühner, die zum Schlafen nach Hause kommen«, also für Taten, die auf ihren Urheber zurückfallen. Das weiße Amerika habe, so sagte er, jahrelang alle seine Kräfte darauf verwandt, die Schwarzen im Inund Ausland zu unterdrücken, und nun komme all das zurück, um seine Anführer zu quälen. Die Menge in Harlem johlte, und dann fügte Malcolm hinzu, ihn als Farmjungen hätten »Hühner, die zum Schlafen nach Hause kommen, nie traurig gemacht. Ich habe mich immer darüber gefreut.«

Diese Zitate standen am nächsten Tag in der New York Times, worauf Elijah Muhammad Malcolm X sogleich zu sich nach Chicago bestellte.

»Hast du heute morgen die Zeitungen gelesen?« fragte Muhammad.

»Ja, Sir, das habe ich.«

»Das war eine sehr schädliche Äußerung«, sagte er. »Das Land hat diesen Mann geliebt. Das ganze Land trauert. Der Zeitpunkt war sehr ungeschickt gewählt. Eine solche Äußerung kann für die Muslims in ihrer Gesamtheit sehr schwere Folgen haben. Ich muß dich für die nächsten neunzig Tage zum Schweigen verurteilen – damit die Muslims überall Gelegenheit bekommen, von deiner Äußerung abzurücken.«

»Sir, ich stimme Ihnen zu und füge mich Ihrer Anordnung hundertprozentig.«

Elijah Muhammad war entschlossen, Malcolm noch weiter zu isolieren, als er es bei ihrer Unterredung erkennen ließ. Er wies die Zeitung der Sekte, Muhammad Speaks, sogleich an, ein Gedenkfoto von John F. Kennedy auf die Titelseite zu bringen. »Die Nation trauert noch immer um den Verlust unseres Präsidenten«, sagte Muhammad gegenüber Reportern. Auch trug Muhammad seinen Leutnants auf, dafür zu sorgen, daß Malcolm in der Moschee Nr. 7 in New York nicht mehr predigte; sollte er es dennoch versuchen, solle er mit Gewalt daran gehindert werden.

»Ich werde ihm alles nehmen«, sagte Muhammad zu seinem Bostoner Prediger Louis X, der sich später den Namen Farrakhan zulegte.

Zurück in New York, litt Malcolm unter dieser Zensur, als wäre er mit einem Messer oder Knüppel überfallen worden. Als er gerüchteweise hörte, er sei nicht nur bei Muhammad in Ungnade gefallen, sondern befinde sich auch noch in echter Gefahr, könne jeden Moment ermordet werden, wußte er genug, um die Gerüchte ernst zu nehmen. »Ich hatte ein Gefühl, als blutete mein Kopf aus einer tiefen, inneren Wunde«, sagte er zu Alex Haley. »Mein Gehirn schien wie zerschmettert.« Seine Hausärztin Leona Turner sagte ihm, er leide an »zu großem Streß« und brauche dringend Ruhe.

Malcolm war zwischen seiner Loyalität Muhammad gegenüber und seinem Drang, ihn zu kritisieren, hin und her gerissen. Sogleich entschuldigte er sich bei zweien von Muhammads wichtigsten Leutnants, Louis X und Lonni X und gelobte Besserung. Malcolm zeichnete seine Entschuldigung auch für Elijah Muhammad auf, doch als der Sendbote sich das Band anhörte, spürte er den vorwurfsvollen Unterton in Malcolms Worten. »Manchmal spricht er schön und gut«, sagte Muhammad, »und dann ist er wieder ganz anders.« Muhammad erweiterte seinen Bann über Malcolm auf unbestimmte Zeit.

Trotz des Kampfs in der Führungsspitze der Nation lud Clay Malcolm und seine Frau Betty sowie deren drei Töchter zu sich nach Miami ein. Die Einladung sollte sein Geschenk zu ihrem sechsten Hochzeitstag sein. Es wäre der erste Urlaub gewesen, den Malcolm und Betty seit ihrer Heirat gehabt hatten. Malcolm brauchte die Pause jedenfalls, und er fand, daß es ganz gut wäre, sich erst einmal von Chicago oder New York fernzuhalten. Also nahm er erleichtert an. Am 14. Januar holte Clay Malcolm am Flughafen ab – ein Ereignis, über das dem FBI von einem Informanten getreulich berichtet wurde. Doch das örtliche FBI-Büro fand die Nachricht so unwahrscheinlich, daß sie sie erst am 21. Januar, als die beiden Männer nach New York flogen, nach Washington weiterleitete.

Für jeden anderen Boxer hätte eine Unterbrechung des Trainingscamps einen Monat vor dem Kampf einen ernsten Einschnitt in den Trainingsaufbau bedeutet, doch Clay sagte zu Dundee, er brauche ein paar Tage Pause, worauf Dundee lediglich die Achseln zuckte. Clay hatte eigentlich gar nicht richtig um Erlaubnis gebeten und auch nicht gesagt, wohin er wollte.

In New York aßen die beiden zusammen zu Abend, dann ging Clay zu einer Kundgebung der Black Muslims im Rockland Palace Ballroom in der Nähe der alten Polo Grounds. Malcolm hielt sich von der Kundgebung fern, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Zwei Tage später beschrieb Clays alter Freund Dick Schaap in einer Titelgeschichte in der Herald Tribune, wie er Clay 1960, als er achtzehn war, kennengelernt hatte und wie sie zu Clays Verwunderung dem Wanderprediger begegnet seien, der über schwarze Selbsthilfe gesprochen habe und daß man nur bei Schwarzen kaufen solle; und nun stehe Clay, so Schaap, als ein Herausforderer um den Schwergewichtstitel inmitten von fünfzehnhundert Menschen, die Elijah Muhammad zujubelten. Schaap schrieb, Clay sei nun ein begeisterter Anhänger der Nation of Islam, wenngleich Clay selbst sich geweigert habe, dies zu bestätigen. (Tatsächlich weigerte sich Clay noch eine ganze Weile, nachdem der Artikel erschienen war, mit Schaap zu reden.) Allerdings schaffte es Schaap, Sonny Liston zu erreichen, der ihm sagte: »Ich hab das mit Clay und den Muslims vor einem Monat gehört. Ist mir alles gleich. Ich misch mich nicht in seine persönlichen Angelegenheiten, er soll sich auch nicht in meine mischen. Aber sagen Sie ihm, ich hab in den Vertrag reinschreiben lassen, daß der Kampf in keinem Kino gezeigt wird, wo sie keine Neger reinlassen.«

Als Clay und Malcolm nach Miami zurückkehrten, wurde die Sache erst richtig bekannt. Am 3. Februar veröffentlichte der Louisviller Courier-Journal, Clays Heimatzeitung, ein Interview, in dem er die Maske seiner Distanz zu den Muslims fallenließ. »Natürlich habe ich mit den Muslims gesprochen, und ich geh da auch wieder hin«, sagte er. »Ich mag die Muslims. Ich laß mich nicht dabei umbringen, mich Leuten aufzudrängen, die mich nicht haben wollen. Ich lebe gern. Die Integration ist falsch. Die Weißen wollen die Integration nicht. Ich finde es nicht richtig, sie zu erzwingen, und die Muslims finden das auch nicht. Was ist also so schlimm an den Muslims?«

Und dann kam die entscheidende Meldung. Pat Putnam, der Boxreporter des Miami Herald, spürte Cassius Clay senior auf und befragte ihn zu den Gerüchten, sein Sohn sei zur Nation of Islam übergetreten – was unmittelbar nach dem Kampf bekanntgegeben werden sollte. In einem Artikel, der am 8. Februar erschien, also siebzehn Tage vor dem Kampf, bestätigte Clay senior verärgert die Gerüchte und erging sich in einer Tirade, daß sein Sohn ruiniert worden sei. Er behauptete, die Muslims würden seinen Sohn bestehlen und seinen Namen ausbeuten.

Diese Story war für Putnam ein Knüller, doch kurz nach ihrem Erscheinen bekamen er und seine Frau Drohanrufe. »Also fuhr ich eines Abends nach der Arbeit«, sagte Putnam, »in das schwarze Viertel der Stadt, wo Clay wohnte, und erzählte ihm, was geschehen war. Zu der Zeit kannte ich ihn schon sehr gut. Und er sagte: ›Pat, mach dir da mal keine Sorgen. Du kriegst keinen Anruf mehr.‹ Und er hatte recht. Damit hörten sie auf.«

Eine Weile genossen Clay, Malcolm und Malcolms Familie ihre gemeinsame Zeit. Clay hatte Malcolms Familie im Hampton House Motel untergebracht, und sie sahen sich fast täglich. An manchen Abenden spazierten die beiden durch die schwarzen Viertel Miamis. Malcolm hatte eine Kamera vor dem Bauch und machte Dutzende von Aufnahmen von Clay. Clay scherzte mit den Leuten, redete über Politik und Boxen und küßte Kinder, als wäre er auf Wahlkampftour. Die drei kleinen Mädchen tollten um den Boxer herum; Betty, die schwanger war, konnte sich etwas entspannen; Malcolm entrann dem Telefon. Doch seiner eigenen Verzweiflung über die zusammengebrochenen Beziehungen mit der Nation konnte er nicht entrinnen. »Ich war in einem emotionalen Schockzustand«, sagte er zu Alex Haley. »Mir ging es wie einem, der zwölf Jahre lang eine unzertrennliche, schöne Ehe geführt hat – und dann plötzlich, eines Morgens, wirft ihm die Ehefrau die Scheidungspapiere über den Tisch. Mir war, als wäre etwas mit der Natur, mit der Sonne oder dem Mond, schiefgelaufen.« Zeitweilig war Malcolm auch wegen der Gerüchte eines Attentats auf ihn beunruhigt, noch schlimmer aber war das Gefühl, verraten worden zu sein, sein Schock darüber, daß der Mann, den er immer für den Sendboten, für integer gehalten hatte, seine eigene Korruptheit, seine Schwächen übertüncht hatte, statt sie zu bekennen.

Malcolms Glaube an Elijah Muhammad begann zu bröckeln, doch er war weiterhin überzeugt von der Notwendigkeit einer starken schwarzen nationalistischen Bewegung. Beim Frühstück zeigte er Clay Bilder der weißen katholischen Priester, die Floyd Patterson wie auch Sonny Liston nahegestanden hatten. Er versuchte, Clay davon zu überzeugen, daß der Kampf gegen Liston nicht lediglich ein Sportereignis, sondern eine religiöse Schlacht war.

»Dieser Kampf ist die Wahrheit«, sagte er. »Hier stehen Kreuz und Halbmond einander im Ring gegenüber – zum ersten Mal. Das ist ein moderner Kreuzzug – ein Christ und ein Muslim treten gegeneinander an, und das Fernsehen strahlt es über Telstar aus, so daß die ganze Welt sieht, was geschieht. Meinst du, Allah hat das alles so arrangiert in der Absicht, daß du den Ring anders als siegreich verläßt?«

Malcolms Anwesenheit in Miami wirkte inspirierend für den Boxer – am Tag des Wiegens schrie er schon: »Es ist prophezeit, daß ich erfolgreich bin!« –, doch für den Kartenverkauf war es Gift. Der Promoter, Bill MacDonald, brauchte eine Einnahme von 800000 Dollar, um auf seine Kosten zu kommen, und es wurde zunehmend deutlich, daß es nicht annähernd so viel werden würde. Der Kampf David gegen Goliath, den er erhofft hatte, geriet rapide aus seinem Gleichgewicht der moralischen Kräfte, zumal für die Weißen Floridas, die keine besondere Lust hatten, einen unverschämten jungen Schwarzen, schon gar einen Muslim, in der Rolle des David zu sehen. Die Miami Convention Hall faßte 15 744 Menschen, und für MacDonald war es nun kein Geheimnis mehr, daß er von Glück sagen konnte, wenn er die Hütte halb voll bekam.

Drei Tage vor dem Kampf stellte MacDonald Clay schließlich wegen der Presseberichte zur Rede und sagte ihm, diese Nachricht koste ihn noch seinen Anlauf auf den Titel. MacDonald sagte, er sei drauf und dran, den Kampf abzusagen. Ob das stimme. Ob Cassius tatsächlich ein Mitglied der Nation of Islam sei. MacDonald sagte Clay, wenn er diesen Kampf absagen müsse, habe er vielleicht nie mehr eine Chance auf einen Titelkampf.

Clay wußte, daß MacDonald recht hatte, und dennoch blieb er standhaft ihm gegenüber. Seit seinem zwölften Lebensjahr war dieser Titel sein größter Wunsch gewesen, er war seine Bestimmung, doch er weigerte sich, seine Bindungen zur Nation zu leugnen. Wenn MacDonald den Kampf absagen wollte, dann war das seine Sache.

»Meine Religion ist mir wichtiger als der Kampf«, erinnerte Clay sich, gesagt zu haben.

Dann sei es eben aus mit dem Kampf, sagte MacDonald, und das war es dann. Clay ging nach Hause und fing an, seine Koffer zu packen.

Nach diesem Treffen ging der Publizist Harold Conrad sofort ins Fifth Street Gym, um den Dundees zu sagen, daß der Kampf abgesagt und Clay nach Hause, packen, gegangen sei. Danach ging Conrad zu MacDonald und sagte ihm, er könne den Kampf unmöglich absagen: Er solle an die vielen verkauften Karten denken, die Übertragungsvereinbarungen im ganzen Land.

»Und ob ich den absagen kann«, sagte MacDonald, Conrad zufolge. »Sie sind aus dem Norden. Sie verstehen das nicht. Ihnen ist nicht klar, daß Miami der tiefe Süden ist und genauso segregiert wie jede x-beliebige Stadt in Mississippi. Wie soll ich hier einen Kampf mit einem Kerl promoten, der glaubt, wir sind weiße Teufel?«

»Wissen Sie denn, was Sie da tun?« sagte Conrad. »In diesem Land herrscht Religionsfreiheit.«

»Quatsch«, sagte MacDonald. »Und kommen Sie mir bloß nicht mit der Verfassung.«

»Bill, Ihnen ist gar nicht klar, was Sie da machen. Sie gehen in die Geschichte ein als der Promoter, der einem Mann sein Recht auf den Titelkampf verweigert hat – wegen seiner Religion.«

»Herrgott, was soll ich denn tun? Das ist bloß dieser Malcolm X. Der ist schuld an diesem ganzen Ärger, der hat das Boxcamp dieses Jungen ja praktisch im Griff. Das sieht nicht gut aus.«

»Angenommen, Malcolm X verläßt die Stadt sofort«, schlug Conrad vor. »Würde Sie das umstimmen?«

MacDonald räumte zumindest die Möglichkeit ein.

Conrad suchte Malcolm auf und sagte: »Hören Sie, so wie es jetzt aussieht, ist der Kampf abgeblasen. Cassius wird seine Chance verlieren, die Schwergewichtsmeisterschaft zu gewinnen, aber Sie können sie für ihn retten.«

»Wie?« fragte Malcolm.

»Sie müssen sofort aus der Stadt verschwinden. Um Sie dreht sich alles. Sie sind derjenige, den die Presse kennt.«

Malcolm sagte, er werde gehen, und alle waren sich darin einig, daß er am Abend des Kampfes, wenn die Presse ihre Aufmerksamkeit auf den Ring richtete, wiederkommen könne. Malcolm bekam einen Platz am Ring, Sitz Nummer sieben, nahe bei Clays Ecke.

Als die Unterredung vorbei war, reichte Conrad Malcolm X die Hand.

Malcolm weigerte sich, sie zu schütteln. Statt dessen legte er Conrad den Finger aufs Handgelenk und ging zum Flughafen.