KAPITEL 1
DER MANN VON UNTEN
Floyd Patterson, 1954.
25. SEPTEMBER 1962
Am Morgen des Kampfs packte der Weltmeister im Schwergewicht den Koffer eines Verlierers. Trotz seiner schnellen Hände, trotz der vielen Stunden, die er im Boxraum zubrachte, war Floyd Patterson in der Geschichte seiner Gewichtsklasse derjenige Titelträger, der am meisten von Zweifeln zerfressen war. Es hat immer Verlierer gegeben, professionelle Gegner, Manipulierte, Unbekannte, die litten wie er, Männer, denen das Siegen höchstens als vorübergehende Flucht vor Niederlage und Demütigung Freude bereitete. Er aber war Weltmeister, der jüngste, der jemals den Titel errungen hatte.
In den letzten Trainingswochen lag Patterson nachts, halb eingedämmert, auf dem Bett in einem Häuschen in der Landschaft Illinois’ und hörte sich seine Aufnahme von »Music for Lovers Only« an, und wenn er Glück hatte, sah er sich siegen, sah, wie er aus der Kauerstellung emporsprang und Sonny Liston mit seinem berühmten »Känguruhschlag« traf, einem blitzartigen linken Haken, ausgeführt mit solcher Schnellkraft, solchem Willen, daß immer die Möglichkeit bestand, daß Patterson an seinem Ziel vorbeischoß, durch die Seile und auf die Flanellschöße der Pressevertreter in der ersten Reihe. Saß der Schlag, wie schon bei so vielen, dann war Patterson obenauf. Vielleicht wartete er ja eine Weile, bevor er solche Risiken einging, wenigstens ein paar Runden, bis Liston die Müdigkeit spürte, aber springen würde er früh genug. Dann würde er nachsetzen, erbarmungslos, den größeren Mann mit einem rechten Uppercut fällen, einem Cross, noch einem Haken. Patterson durfte nicht auf die Gewalt eines einzigen Schlags setzen, nicht bei Liston, dessen Erscheinung eine Eisenstärke erwarten ließ. Er müßte sich auf sein Talent verlassen, seine Schnelligkeit.
Patterson wußte, daß er sich vorsehen mußte: Listons linker Haken war so gewaltig wie bei anderen der Cross; in einem Kampf hatte Liston einen schwerfälligen Herausforderer namens Wayne Bethea mit seinem Jab so übel zugerichtet, daß Betheas Betreuer ihren Mann am Ende des Kampfs in die Kabine schleiften und ihm dort sieben Zähne aus dem Mundschutz klaubten. Aus einem Ohr rann Blut. Der Kampf hatte achtundfünfzig Sekunden gedauert. Patterson mußte also kühlen Kopf bewahren. Er würde boxen, Listons Gerade unterlaufen und gegen den Körper schlagen.
»Ich hab wirklich gedacht, ich könnte Liston schlagen«, sagte Patterson mir beinahe vierzig Jahre später. »Sogar jetzt noch denke ich daran und meine, ich könnte irgendwie gewinnen. Komisch, was?«
Doch alles sprach gegen Patterson. Cus D’Amato, sein Mentor, seit er mit vierzehn mit Boxen angefangen hatte, hatte Jahre damit verbracht, diesem Kampf auszuweichen, und Patterson weniger harte Gegner besorgt. D’Amato, der aussah wie eine Kreuzung aus Kaiser Hadrian und Jimmy Cagney, benutzte seine Autorität und sein Ansehen bei den Kolumnisten dazu, tugendhafte Erklärungen über Listons Verbindungen zur Mafia abzugeben und wie einer vom Sozialamt von der Notwendigkeit einer Rehabilitation zu sprechen, damit Sonny sich als zivilisiert erweisen und es auch bleiben könne, falls er eine Chance auf den Titel haben wolle. Doch Patterson wußte nur zu gut, daß D’Amato ihm nur geringe Chancen gegen Liston gab. Und damit stand D’Amato nicht allein. Einige der Vorgänger Pattersons als Weltmeister, darunter Rocky Marciano und Joe Louis, kamen zum Kampf nach Chicago, und sie waren noch nicht ganz dem Flugzeug entstiegen, als sie den Reportern schon erzählten, der Herausforderer sei zu stark, zu brutal, um gegen Patterson zu verlieren.
Natürlich drückte fast jeder Floyd die Daumen, doch diese Unterstützung war reine Sentimentalität: Die Journalisten mochten Patterson, weil er immer so kooperativ war, so offen und höflich; die National Association for the Advancement of Coloured People stand hinter Patterson, weil er für die Bürgerrechte war, für die Integration, für Reformen, ein Gentleman, während Liston, der Ex-Sträfling, das vermittelte, was eine Zeitung nach der anderen »ein schlechtes Beispiel für die Jugend Amerikas« nannte. Jackie Robinsons Prophezeiung, Patterson werde Liston »zerstören«, hatte weniger mit Boxverstand als mit politischen Hoffnungen zu tun.
Patterson war wie immer bestrebt, fair zu sein, gefällig, das Richtige zu tun. Liston war lange als der große Herausforderer geführt worden. Wohl wahr, er hatte wegen bewaffneten Raubüberfalls gesessen, doch er hatte seine Strafe abgebüßt und verdiente eine Chance. Patterson leistete seinen Beitrag für die Sache der sozialen Mobilität. »Liston hat für seine Verbrechen bezahlt«, sagte er. »Sollte er den Titel gewinnen, dann werden diese Eigenschaften zum Vorschein kommen. Ich glaube, dann werden wir einen völlig neuen und veränderten Liston sehen.«
Wenigstens vorerst zeigte sich Liston davon nicht positiv beeindruckt. »Den würd ich am liebsten mit dem Laster überfahren«, sagte er.
Und so traf Floyd, die Niederlage vor Augen, seine Vorbereitungen. Sorgfältig packte er seinen Aktenkoffer und eine Reisetasche mit Kleidern, Essen und einer Verkleidung – einem spezialangefertigten Vollbart. Wenn er siegte, würde er sich natürlich der Presse stellen und anschließend ins Hotel zurückgehen und eine Siegerparty geben. Wenn nicht, würde er den Comiskey Park mit seinem falschen Bart verlassen und noch während der Nacht in sein Trainingslager nördlich von New York fahren.
So war es immer bei Floyd. Die Angst, vor allem die Angst vor einer Niederlage, zerrte an ihm. Er hatte das Recht, sich den härtesten Mann auf dem Erdenrund zu nennen, aber so recht glaubte er nicht daran. Er war Champion in dem Sinn, wie Chester A. Arthur Präsident gewesen war. »Ich bin kein großer Champion«, sagte er häufig, »ich bin nur ein Champion.« Manche fragten sich, ob Floyd übersensibel sei, ein Neurotiker in Shorts. Einige der englischen Reporter nannten ihn schon Freud Patterson.
Er hatte allen Grund, an sich zu zweifeln. Bislang hatte Patterson immer Glück gehabt; im November 1956 hatte er den Titel gegen Archie Moore gewonnen. Moore war ein äußerst cleverer Kämpfer gewesen, aber, wie Patterson, für einen Schwergewichtler klein und zur Zeit des Kampfs gegen Floyd Anfang vierzig, ein Fall für die Geriatrie also. Nach seinem Titelgewinn legte Patterson niemals die Arroganz des Weltmeisters im Schwergewicht an den Tag, nie die nötige Verachtung. Sein Blick war traurig und verletzbar, es war der verträumte Blick eines verschmähten Teenagers; sein Körper war sehnig wie der eines Straßenarbeiters, es war ein völlig plausibler Körper, der jedoch keine Unbesiegbarkeit ausstrahlte.
Floyd war bestenfalls ein guter Halbschwergewichtler, den man für die Schaukampfliga gepäppelt hatte. Zur Zeit des Kampfs brachte Liston achtundneunzig Kilo auf die Waage, Patterson dagegen nur sechsundachtzig. Wenn im Boxen beide Männer mehr oder weniger über die gleichen Fertigkeiten verfügen, geben zumeist die Gesetze der Physik den Ausschlag, und wie bei einem Frontalzusammenstoß zweier Fahrzeuge liegt die größere Wucht bei der größeren Masse, dem schwereren Mann, dem Laster. Auch lag es in Pattersons Natur, noch kleiner zu werden. »Wenn wir ihn auf Diät setzen«, sagte Dan Florio, sein Trainer, »haben wir bald einen Mittelgewichtler.«
Patterson hatte seinen Titel nie gegen einen Kämpfer verteidigt, der auch nur ansatzweise so stark wie Liston war. D’Amato hatte ihm Leute wie Pete Rademacher besorgt, ein Olympiateilnehmer, für den es der erste Profikampf war, und Brian London, einer jener knorrigen Engländer, denen das Blut bächeweise über die blasse Brust läuft. Der vielleicht bedeutendste von Pattersons Gegnern vor Liston war ein gewisser Roy Harris aus Cut and Shoot in Texas. Wie die Zeitungen gern betonten (gern, weil der Kampf als solcher bis auf eine gewisse Südstaatenexotik wenig versprach), veranstaltete Harris während seiner Jugend Ringkämpfe mit Alligatoren in einem Sumpf namens Big Thicket, der sich um sein Haus erstreckte. Auch war er verwandt mit einem Onkel Cleve, und seine Vettern hießen Hominy, Coon und Armadillo (»Maisbrei«, »Waschbär« und »Gürteltier«). Kurz, Harris war reine PR, und dennoch brauchte Patterson dreizehn Runden. Liston fertigte Harris in einer ab.
Sosehr Patterson also das Siegerszenario im Kopf abspulte, sosehr er trainierte, er war auf eine Niederlage vorbereitet. Weder mental noch physisch verfügte er über einen besonderen Vorteil. Auch hatte er schon gegen weniger bedeutende Männer als Liston verloren – erst 1954 gegen Joey Maxim, dann 1959, als Weltmeister, gegen Ingemar Johansson. Anders als bei den meisten Champions hatte ihn das nicht mit Wut erfüllt, sondern mit Depressionen, mit denen er sich längere Zeit zurückzog. Nach der Niederlage gegen Maxim – eine umstrittene Entscheidung – schloß er sich in seine Wohnung ein und blieb dort mehrere Tage. Von Johansson war er noch mehr gedemütigt worden, weil die Bühne viel besser einsehbar war. Bei seiner Titelverteidigung im Yankee Stadium war er immer wieder niedergeschlagen worden wie bei einer besonders gnadenlosen Straßenprügelei. Patterson war ein schneller Kämpfer, doch gegen Johansson kam das nie so recht zur Geltung. Er wurde starr, und Johansson, ein stämmiger Schwede mit mäßigem Talent, ließ seinen »toonder and lightning« (»Donner und Blitz«), wie sein Lager das provozierend nannte, über ihn hereinbrechen. Nach dem ersten Niederschlag stand Floyd von der Matte auf und machte sich träumerisch auf den Weg in seine Ecke. Johansson verließ die neutrale Ecke, griff Patterson aus dessen totem Winkel an und schlug ihn erneut nieder; der Angriff sah kaum nach Boxen aus, sondern eher, als würde ein wütender Betrunkener einem anderen den Schädel mit einer Bierflasche bearbeiten. Nach dem vierten Niederschlag starrte Patterson, während er auf der Matte herumkroch, durch die Seile, und sein Blick fiel auf John Wayne, der am Ring saß und ihn ebenfalls anstarrte, und dieser Blickkontakt mit dem Schauspieler war Floyd peinlich. Peinlichkeit war Pattersons kennzeichnendes Gefühl, und nie war es deutlicher als da. Der Kampf war noch gar nicht vorbei, als er schon überlegte, ob alles, wofür er gekämpft hatte – sein Titel, seine Zugehörigkeit zu einer Welt, die größer war als die, in der er aufgewachsen war –, ob all das nun auf dem Spiel stand. Hatte er überhaupt je Anerkennung verdient, gehörte er überhaupt dazu? Was würde John Wayne von ihm denken? Der Schiedsrichter Ruby Goldstein beendete den Kampf, nachdem Patterson zum siebten Mal zu Boden gegangen war.
Floyd wollte sich verstecken, doch kein Loch war tief genug. Er hatte keine Maskierung, also lieh er sich von einem Betreuer dessen Hut und zog die Krempe herab, als wollte er darin verschwinden. Er ließ sich von seinen Freunden und seiner Familie in den Arm nehmen und sich von ihnen trösten, doch er haßte ihr Mitleid. Und als sie alle weggingen, seine Freunde, seine Familie, die Reporter, verzog sich Floyd in sein Haus nördlich von New York. Tagelang saß er bei zugezogenen Vorhängen im Wohnzimmer. »Ich habe geglaubt, mein Leben ist vorbei«, sagte Patterson zu mir. Er war nur einen Schritt entfernt von seinen Ursprüngen, einen Schritt von Bedford-Stuyvesant, dem Slum seiner Kindheit. Es war, als erwartete er jeden Moment, daß sein Fernseher, der Herd und die Couch abgeholt und draußen in seinem Garten aufgestapelt würden und alle seine Nachbarn, seine weißen Nachbarn, sehen würden, daß er wieder ein Niemand war.
Floyd konnte nicht schlafen, jedenfalls nicht lange. Wie er in seiner Autobiographie schrieb, stieg er mitten in jener Nacht aus dem Bett und ging nach unten in sein Arbeitszimmer. Dort fand ihn nach einer Weile, kurz vor Tagesanbruch, seine Frau Sandra.
»Floyd«, sagte sie, »was bringt es denn, wenn du hier im Dunkeln sitzt und grübelst?«
»Bringt es denn mehr, wenn ich im Dunkeln im Bett liege?«
Als er aufwachte, sah er von der Couch in die Augen seiner dreijährigen Tochter Jeannie. Sein Gesicht war noch immer voller Schwellungen, und daher drückte er Jeannie fest an sich, damit sie keine Angst bekam. Später überredete Sandra ihn, nach oben zu kommen und noch einmal richtig zu schlafen. Doch nach einer Weile sah sie zu ihrem Mann hin und war entsetzt.
»Was ist denn mit deinem Ohr?« sagte sie.
Pattersons Kissen war voller Blut. Johanssons Schläge hatten ihm das Trommelfell zerrissen.
Seine Depression verschlimmerte sich. Tagelang saß er allein da, las nichts, redete nichts, stieß jeden weg. In drei Wochen ging er nur zweimal aus dem Haus. Wie er später sagte, betrauerte er seinen eigenen Tod als Weltmeister. »Daddy ist krank«, sagte Jeannie immer wieder. »Daddy ist krank.« Pattersons Depression dauerte fast ein Jahr.
Boxer, davon war Floyd überzeugt, haben immer Angst, allesamt, besonders Boxer auf hohem Niveau. »Wir fürchten uns nicht vor Verletzungen, sondern vor der Niederlage. Nirgends ist eine Niederlage so schlimm wie im Ring«, sagte er einmal. »Ein Profiboxer, der k. o. oder schwer geschlagen wird, leidet so, daß er es nie vergißt. Er wird im grellen Scheinwerferlicht vor Tausenden von Augenzeugen geschlagen, die ihn beschimpfen und bespucken, und er weiß, daß auch noch viele Tausende am Fernseher und im Kino zusehen, und er weiß, daß bald die Leute vom Finanzamt kommen – die versuchen immer, ihren Anteil zu kriegen, bevor er ganz am Ende ist –, und der Kämpfer kann die Schuld an seiner Niederlage weder dem Trainer noch dem Manager noch sonstwem zuschieben, wobei er aber auch sicher sein kann, daß diese, wenn er gewinnt, sich die Ehre erweisen lassen. Ein Kämpfer, der verliert, verliert mehr als nur seinen Stolz und den Kampf; er verliert einen Teil seiner Zukunft, er ist dem Slum, aus dem er kam, wieder einen Schritt näher gerückt.«
Nie gab es einen sensibleren und bezüglich seiner Ängste ehrlicheren Schwergewichtsweltmeister als Floyd Patterson. Er war der erste Profisportler, der nach heute gängigen Kriterien von der Presse behandelt wurde, eine Art freudianischer Sportjournalismus, der über den Ring hinaus in die Psyche drang. Victory Over Myself, Pattersons Autobiographie aus der Feder von Milton Gross, einem Kolumnisten der New York Post, sowie seine Bekenntnisse Gay Talese von der New York Times und später dem Esquire gegenüber hatten durchaus Anklänge an Richard Wrights The Man Who Lived Underground und Ralph Ellisons Roman Unsichtbar.
Nun war Patterson gewiß nicht der erste Boxer, der Angst empfand, doch er war der erste, der darüber so frei in der Öffentlichkeit sprach. Dazu wurde er im Boxraum erzogen. Cus D’Amato trainierte Patterson nicht nur in der Geraden und der »Peekaboo«-Verteidigung, einer tiefen Pendelhaltung, sondern auch in der Introspektion. D’Amato war der einzige moderne Psychoanalytiker, der mit einem Spuckeimer in der Hand und einem Q-Tip zwischen den Zähnen herumlief. In den Ansprachen an seine Boxer lehrte D’Amato, da alle Dinge relativ gleich seien, werde der Boxer, der seine eigenen Ängste erkennt, sie manipuliert, sie zu seinem Vorteil nutzt, immer siegen; er lehrte junge Männer wie Patterson und José Torres, den glänzenden Leichtschwergewichtler aus Puerto Rico, ihre Kämpfe als Psychodramen zu begreifen, als Wettkämpfe, die weniger mit Knorpel als mit Willenskraft zu tun hatten.
Patterson wuchs in einer bescheidenen Wohnung im Brooklyner Stadtteil Bedford-Stuyvesant auf, einer bröckelnden Stadtlandschaft, in der bittere Armut herrschte. Sein Vater arbeitete als Hafenarbeiter, in Bautrupps, als Hilfskraft auf dem Fultoner Fischmarkt. Abends kam Floyds Vater so müde nach Hause, daß er häufig zu essen vergaß und in seinen Kleidern einschlief. Floyd zog ihm dann stumm die Schuhe aus, putzte sie und wusch ihm die geschwollenen Füße. Wenn Floyds Mutter nicht gerade Hausarbeit machte, verdiente sie ein paar Dollar als Dienstmädchen dazu oder arbeitete in einer Abfüllfabrik. Es gab elf Kinder zu ernähren. Floyd teilte sich das Bett mit zweien seiner Brüder, Frank und Billy. Schon sehr früh lernte Floyd, sich zu verachten. Er kam sich dumm vor, machtlos. »Ich wollte nur eins, meinen Eltern helfen«, erzählte mir Patterson, »und dann lief alles schief, und ich machte alles nur noch schlimmer.« Mit zwei zeigte er immer wieder auf ein Foto von sich und sagte zu seiner Mutter: »Den Jungen mag ich nicht!« Mit neun nahm er das Bild von der Wand und ritzte mehrere X über sein Gesicht. Er hatte Alpträume. Mehr als einmal fanden ihn Nachbarn mitten in der Nacht auf der Straße, wo er schlafwandelte. Er war ein Kind, das sich ständig verstecken wollte, immer das Dunkel suchte. Floyd durchstreifte die Gassen, die dunklen Winkel, nicht, weil er Ärger suchte, sondern weil er sich verlieren wollte. Vormittags ging er ins Kino und blieb bis zur letzten Vorstellung sitzen. Er fuhr mit der Linie A, immer hin und her, nach Osten bis zum Lefferts Boulevard im tiefsten Queens, dann wieder zurück nach Brooklyn, über den East River durch ganz Manhattan bis Washington Heights und wieder zurück. Als er neun war, unterbrach er seine Streifzüge oft in der Station High Street in Brooklyn. Dort entdeckte er für sich das absolute Versteck. Er ging durch den Tunnel zu einem halb verborgenen Werkzeugschuppen der U-Bahnarbeiter. Er stieg die Metalleiter hoch und schloß sich in der Dunkelheit ein. Das war seine Zuflucht vor der Welt. »Ich breitete Zeitungen auf dem Boden aus, legte mich hin, schlief ein und fand Frieden.«
Am Tag stahl er zunehmend, Kleinigkeiten wie einen Liter Milch, ein Stück Obst, etwas, was er seiner Mutter mit nach Hause bringen konnte. Als Halbwüchsiger erschien Floyd ständig vor Gericht – wegen Schuleschwänzen, Diebstahl, Ausreißen. Seiner Schätzung nach stand er dreißigoder vierzigmal vor Gericht.
Als Floyd dann zehn war, schickte ihn ein Richter, der meinte, ihn nun oft genug gesehen zu haben, auf die Wiltwyck School für Jungen, eine Farm für schwer erziehbare Jugendliche in Esopus im Staat New York. Im September 1945 brach Floyd nach Wiltwyck auf. Er glaubte, er komme ins Gefängnis, und war wütend auf seine Mutter, weil die das Urteil erleichtert aufgenommen hatte. Es sollte das Beste werden, was ihm je widerfahren war. Wiltwyck umfaßte zwölf Hektar Farmland, auf dem ein altes Gutshaus stand, das einmal der Familie Whitney gehört hatte. Es gab weder Zäune noch Gitter. Es gab Hühner und Kühe, eine ordentliche Turnhalle, einen Bach, in dem man baden und angeln konnte. Es gab Lehrer sowie ausgebildete Sozialarbeiter und Therapeuten. Die Kinder wurden nicht geschlagen und auch nicht im Zimmer eingesperrt. Langsam begann Floyd Lesen zu lernen, mit etwas mehr Ruhe zu sprechen und sein permanentes Schamgefühl zu überwinden. Als er Weltmeister wurde, widmete Patterson seine Autobiographie der Schule, »die mich in die richtige Richtung gewiesen hat«. Wiltwyck war genau die Chance, die Sonny Liston nie bekommen hatte.
Die beiden Jahre in Wiltwyck machten aus Floyd einen anderen Menschen. Er war nie ein guter Schüler, aber immerhin kam er nun in der Welt zurecht. In New York ging Floyd dann auf die »P. S. 614«, eine der »600«er Schulen für schwer erziehbare Kinder, anschließend war er ein Jahr auf der Alexander Hamilton-Berufsschule. Als Patterson wieder in die Stadt kam, trainierten zwei seiner Brüder im Gramercy Gym in der East Fourteenth Street. Der Besitzer war Cus D’Amato, der dort in einem Hinterzimmer schlief. Sein einziger Begleiter war sein Hund. D’Amato war ein Boxasket. Er lebte vom Boxen, doch er verachtete Geld und verschenkte es. Geld, sagte er, sei dazu da, »hinten aus einem Zug geworfen zu werden«. Als Patterson den Titel gewann, nahm D’Amato den größten Teil seines Anteils der Einnahmen, über 30 000 Dollar, und bestellte dafür einen edelsteinbesetzten Meistergürtel als Geschenk für seinen Schützling. »Cus war bei allem im Leben verrückt, außer beim Boxen«, sagte José Torres. D’Amato war ein Paranoiker, der sich auskannte. Angst beherrschte ihn. Besonders fürchtete er sich vor der Mafia, die zu der Zeit das Boxgeschäft bestimmte – und er schlief mit einer Waffe unterm Bett. Nie fuhr er U-Bahn, aus Angst, auf die Gleise gestoßen zu werden. Er fürchtete sich vor Heckenschützen. Er fürchtete ungewohntes Essen und Trinken. Er sagte allen, er habe nie geheiratet aus Furcht, von »Feinden« betrogen zu werden.
»Ich muß meine Feinde immer verwirren«, sagte er einmal. »Wenn sie verwirrt sind, kann ich für meine Kämpfer arbeiten.«
D’Amato wuchs in der Bronx auf und hungerte als Junge tagelang, um so besser den Schmerz aushalten zu können, falls ihm jemand das Essen wegnähme. Wahrscheinlich war er der jüngste Fatalist im ganzen Borough. Er sah sich Leichenzüge vor seinem Haus an und sagte: »Je früher der Tod kommt, desto besser.« D’Amato war ein Straßenkind und ein Straßenkämpfer. Einmal schlug ihm ein anderes Kind mit einem Stock über den Schädel, worauf er auf dem linken Auge erblindete. Doch D’Amato glaubte, daß sich das Augengewebe regenerieren werde, und machte sein ganzes Leben lang Übungen zur Selbstheilung, kniff das heile Auge zu, um so das linke Auge zu »zwingen«, wieder zu sehen. Als Trainer sagte er seinen Boxern, Sicherheit, finanzielle wie auch andere, sei ihr Tod. Sicherheit trübe die Sinne, und Freude – Freude war noch schlimmer. »Je mehr Freude ihr am Leben habt«, sagte D’Amato, »desto mehr Angst vor dem Tod habt ihr.«
Verglichen mit den meisten Boxtrainern und -managern, die gebetsmühlenhaft aufzählten, was ein Boxer zum Frühstück aß, wie viele Kilometer er lief und ähnliches Zeug, gab D’Amato mit seinen verschwitzten Philosophien und seinen komischen Angewohnheiten eine Menge her, und die Journalisten, die in sein Gramercy Gym kamen, konnten immer mit einer guten Geschichte rechnen. D’Amato las ausgerechnet Nietzsche und Bücher über Militärgeschichte, und daraus entstand dann eine Philosophie des Schmerzes und des Durchhaltens. Kurz nach seinem Erfolg mit Die Nackten und die Toten kam Norman Mailer in das Gym. Junge Zeitungsreporter – Gay Talese, Pete Hamill, Jack Newfield – kamen auch, wenn sie nichts schreiben mußten. Für sie war D’Amato der Moralist in Babylon, der einzige Boxmanager von Rang, der gegen die Gangster wetterte, die praktisch jeden Boxer, jede Arena in der Hand hatten. Sie schrieben über ihn, idealisierten ihn auch gelegentlich als eine authentische Gestalt, als den anständigen Trainer in dem film noir der Boxwelt der fünfziger Jahre. D’Amato hatte, wie Mailer einmal schrieb, »die begeisterte Art eines Heiligen, der nur arbeitet und nie kontempliert … Er erinnerte mich an eine bestimmte Art sehr harter italienischer Kinder, wie man ihnen früher in Brooklyn begegnete. Es waren reizende Kinder, kaum je gemein, und sie waren furchtlos, jedenfalls an ihren Taten gemessen waren sie furchtlos. Die hätten gegen jeden gekämpft.«
Patterson war vierzehn, als er die Holztreppe in den zweiten Stock zum Gramercy Gym hinaufstieg. D’Amato sah sich immer gern an, wie die Jungen beim ersten Mal die Treppe heraufkamen. Er beobachtete ihren Gesichtsausdruck, dann wartete er darauf, wie sie am nächsten Tag kamen – wenn sie überhaupt kamen. Cus hielt mit seiner Philosophie nicht lange hinterm Berg. Kaum hatten Floyd und die anderen gegen ihren ersten Sandsack geschlagen, verlangte er von ihnen, in ihrem eigenen Kopf zu wühlen. Für andere Trainer waren Selbstzweifel ein Unding; bei D’Amato mußte ein Boxer sich selbst verstehen, sonst war er verloren. Ein Boxer wird nicht einfach so k. o. geschlagen, sagte er, er will k. o. geschlagen werden, sein Wille läßt ihn im Stich. »Angst ist etwas Natürliches, etwas Normales«, sagte er. »Die Angst ist dein Freund. Wenn ein Reh durch den Wald geht, hat es Angst. Auf diese Weise hält die Natur es wachsam, denn es könnte ja ein Tiger auf einem Baum sitzen. Ohne Angst könnten wir nicht überleben.«
Patterson erwies sich als schneller Kämpfer mit einem guten linken Haken. Er konnte sich an der Geraden des Gegners vorbeischleichen und ihn mit einer Kombination erledigen. Als Mittelgewichtler gewann er bei der Olympiade in Helsinki 1952 die Goldmedaille. Red Smith, der für die New York Herald Tribune schrieb, war beeindruckt. »Patterson«, schrieb er, »hat schnellere Flossen als ein Taschendieb in der U-Bahn und kann mehr Leid zufügen.« Im selben Jahr wurde Floyd Profi, und mit seinen New Yorker Kämpfen, bei denen er nacheinander Eddie Godbold, Sammy Walker, Lester Johnson und Lalu Sabotin schlug, erregte er großes Aufsehen. Trotz seiner Ängste hatte Patterson sich genügend Disziplin und Gefühl für den Ring angeeignet, um die besten Clubkämpfer jener Zeit zu schlagen, die ganzen harten jungen Männer, die für Eastern Parkway in Brooklyn und St. Nick’s an der West Side kämpften. Floyds älterer Bruder Frank sagte zu Lester Bromberg, dem Boxreporter von der New York World Telegram & Sun: »Es wäre schön, wenn ich sagen könnte, ich hätte schon immer gewußt, daß Floyd es drauf hatte, aber ich muß ehrlich sein. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, daß mein kleiner Bruder ein namhafter Boxer sein soll. Ich weiß noch, wie er als Junge weinte, wenn man ihn im Boxraum zu hart schlug, und was für ein grüner Junge er war, der ausrastete, wenn ich ihm zusetzte.«
Floyd zeigte sich um seine Gegner immer ungewöhnlich besorgt. Als er für einen Kampf gegen einen Chicagoer namens Chester Mieszala trainierte, der in Wednesday Night Fights übertragen werden sollte, meinte D’Amato, er solle doch in der Woche vor dem Kampf in dem Chicagoer Boxraum trainieren, in dem Mieszala trainierte. Patterson lehnte ab. Er sagte, er wolle keinen »unfairen Vorteil«. Während des Kampfs schlug Patterson Mieszala dann den Mundschutz heraus, worauf Mieszala sich, etwas benommen, auf die Suche danach machte. Anstatt aber auf Mieszala einzudreschen, bückte Patterson sich und half ihm suchen. Dann ging Patterson wieder an die Arbeit und erledigte Mieszala mit einem technischen K. o. in der fünften Runde. Sogar in einem Titelkampf konnte Floyd freundlich sein. Gegen Tommy »Hurricane« Jackson versuchte er immer wieder, den Ringrichter Ruby Goldstein zu bewegen, einzuschreiten und den Herausforderer vor unnötigen Prügeln zu bewahren. Zutiefst bewegt kam Goldstein seiner Bitte nach.
Pattersons Gefühlshaushalt enthielt kein Gramm Schadenfreude. Selbst am größten Abend seiner Karriere, an dem Abend in den Polo Grounds im März 1961, als er seine demütigende Niederlage gegen Johansson nach sieben Niederschlägen rächte, konnte er sich an den Schmerzen seines Gegners kaum erfreuen. Zum ersten Mal war Patterson mit Wut im Bauch in einen Kampf gegangen. Er fand es schlimm, wie Johansson nach seinem Titelgewinn geprahlt hatte, und er wollte wiederhaben, was ihm genommen worden war. In der fünften Runde traf Floyd Johansson mit zwei furchtbaren Haken, die diesen auf die Knie schickten, wo er bis neun angezählt wurde. Als Johansson aufstand, war Patterson sofort mit einem seiner herrlichen gesprungenen Schläge zur Stelle, woraufhin der Champion steif wie ein Brett auf den Boden knallte. Johansson lag auf der Matte, Blut rann ihm aus dem Mund, und sein linker Fuß zitterte, als hätte er einen epileptischen Anfall. Einen Augenblick lang, als er sich der Menge zuwandte, zeigte Patterson ein kleines Lächeln, doch als er sich zu dem noch immer bewußtlosen Johansson umdrehte und dessen zuckenden Fuß sah, empfand er Abscheu und Entsetzen darüber, daß er jemanden umgebracht hatte. Patterson riß sich aus der Umarmung eines jubelnden Betreuers, kniete neben Johansson nieder und wiegte dessen Kopf in der Armbeuge. Patterson küßte Johansson auf die Wange und versprach ihm noch eine Chance, einen dritten Kampf.
Später gab Patterson zu, er habe seinen Vollbart in die Arena mitgebracht, nur für den Fall. »Ihm fehlt der Killerinstinkt«, sagte D’Amato. »Er ist zu zahm. Zu nett zu seinen Gegnern. Ich hab’s mit allen erdenklichen psychologischen Tricks versucht, ihn so richtig wütend zu machen, aber er bringt einfach nicht die nötige Bösartigkeit auf. Vor mir liegt ein hartes Stück Arbeit.«
Am 4. Dezember 1961 sah sich Präsident John F. Kennedy im Fernsehen eine Sendung mit zwei Boxkämpfen in verschiedenen Städten an: Pattersons K.-o.-Sieg in der vierten Runde über Tom McNeely in Toronto und Liston, der in Philadelphia einen Kämpfer, den er Albert »Quick Fall« Westphal nannte, in der ersten Runde auf die Matte schickte. Wie jeder Sportfan im Land (und selbst diejenigen, die mit Boxen nichts anfangen konnten, nahmen von Schwergewichtskämpfen Notiz) hatte Kennedy gesagt, der eigentliche Kampf wäre der zwischen Patterson und Liston. Nach dem zweiten Kampf gegen Johansson hatte Kennedy den Champion sogar ins Weiße Haus eingeladen, um ihm dafür zu gratulieren, daß er der erste war, der sich den Titel im Schwergewicht zurückholen konnte, aber auch, um ihm Mut zu machen. Es war scheinbar ein Routinebesuch – seit Jahrzehnten hatten Sportstars Präsidenten besucht; für beide war es leichte und harmlose Publicity –, doch Patterson war nervös. Der Präsident fragte den Champion, gegen wen er als nächstes antrete. Cassius Clay, der forsche Olympiasieger, eilte an die Spitze seiner Klasse, doch noch forderte niemand diesen Kampf. Clay war noch keine zwanzig. Patterson wußte, was der Präsident meinte.
»Liston«, sagte er. »Ich trete gegen Liston an.«
Statt Patterson lediglich alles Gute zu wünschen, sagte Kennedy: »Also, den müssen Sie schlagen.«
Liston seinerseits war überzeugt, daß die Begegnung im Weißen Haus der eigentliche Grund dafür war, daß Patterson schließlich in den Kampf einwilligte. »Ehrlich, ich glaub nicht, daß Patterson mich geboxt hätte, wenn er es nicht dem Präsidenten versprochen hätte«, sagte er. »Ich glaube, Floyd hat sich in einer Lage gesehen, wo er sein Wort nicht mehr zurücknehmen konnte. Man sagt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten schließlich nicht, daß man was tun will, und tut es dann doch nicht.«
Floyd gab zu, daß er im Oval Office von der Rolle war. »Ich hab mich da drin völlig allein gefühlt und hatte schreckliche Angst«, sagte er. »Man muß schließlich bedenken, wie jung ich da war, wo ich herkam, und da gibt mir nun einer im Oval Office Ratschläge. Was sollte ich denn tun? Was anderes sagen? Ich mußte die Herausforderung annehmen. Ich hatte immer Angst, daß ich die Leute im Stich lasse, und jetzt war ich in einer Lage, wo ich mir Sorgen machen mußte, daß ich den Präsidenten im Stich lasse.«
Patterson kämpfte nun für das Gute, und Sonny, ob es ihm paßte oder nicht, für das Böse. Liston begriff seine Rolle gut. »Ein Boxkampf ist wie ein Western«, sagte er. »Es muß die Guten und die Bösen geben. Dafür bezahlen die Leute – daß sie sehen, daß die Bösen geschlagen werden. Ich bin also der Böse. Aber ich mach’s anders. Ich laß mich nicht schlagen.«
Es war keineswegs selbstverständlich, daß Liston überhaupt die Erlaubnis bekam, gegen Patterson zu kämpfen. Der Madison Square Garden, noch heute die Boxarena mit dem höchsten Prestigewert in Amerika, kam gar nicht in Frage. Die New Yorker Behörden gingen (zu Recht) davon aus, daß Liston seine Verbindungen zur Mafia nicht gekappt hatte, und verweigerten ihm die Lizenz. Wo konnten sie hin? Dr. Charles Larson, der Präsident der United States National Boxing Association, sagte, er werde alles tun, um den Kampf zu verhindern. »Meiner Meinung nach ist Patterson ein hervorragender Vertreter seiner Rasse, und ich finde, daß der Weltmeister im Schwergewicht ein Mann sein sollte, zu dem unsere Kinder aufschauen dürfen, so wie sie es als Heldenverehrer immer getan haben«, sagte er. »Sollte Liston Meister werden, bevor er sich rehabilitiert hat, könnte das eine Katastrophe sein.« Aus derselben Ecke war zu hören, ein Sieg Listons wäre fürs Boxen schlimmer als der grausige Abend ein halbes Jahr zuvor, als Emile Griffith im Ring Benny »Kid« Paret tötete. Es bedurfte Sir David Harrington Angus Douglas’, des zwölften Marquis von Queensberry, eines Nachfahren des Erfinders der Boxregeln, den moralinsauren Geruch von dem Kampf zu nehmen. »Ich würde sagen, daß es keine so große Rolle spielt, ob Liston ein guter Mensch ist oder nicht. Wenn er augenblicklich nicht im Gefängnis ist, muß er rein rechtlich auch sauber sein. Wenn er ein guter Boxer ist, muß er auch dazu berechtigt sein, gegen Patterson zu kämpfen.«
Die Machenschaften des Boxbetriebs und seiner diversen Kommissionen konnte Patterson ertragen oder ignorieren, nicht aber die Belange von Männern wie Ralph Bunche und Martin Luther King. Die Bürgerrechtsbewegung gewann im Süden an Dynamik und löste damit auch eine tiefgreifende Gegenbewegung aus, besonders im tiefen Süden, und die Anführer der Bewegung fürchteten, daß sie mit Patterson schon bald einen aufrechten Champion, einen würdigen Bannerträger verlieren und statt dessen Sonny Liston, einen verurteilten Sträfling, bekommen würden. Die Bürgerrechtsbewegung hatte schon Probleme genug – der Kampf fiel genau in die Bemühungen James Merediths, in der Universität von Mississippi die Rassentrennung aufzuheben, sowie in das Ringen zwischen dem Obersten Gerichtshof und dem Gouverneur Ross Barnett, der feierlich erklärte, der Staat werde »nicht vom Becher des Völkermords trinken«. Martin Luther Kings Rebellion stellte die mächtigste gesellschaftliche Umwälzung seit dem Krieg dar. Für viele Millionen Amerikaner war die Integration, also die Aufhebung der Rassentrennung unvorstellbar, und jeder Durchbruch der Bürgerrechtsbewegung, jede Gerichtsverhandlung, jeder Marsch, jedes Sit-in war für sie ein Verstoß wider die Natur. Fair oder nicht, das Letzte, was die Führer der Bewegung brauchten, war, daß der prominenteste Schwarze Amerikas das Strafrechtssystem des Staates Missouri zu spüren bekommen hatte, ein Schläger, der wegen bewaffneten Raubüberfalls gesessen hatte. Percy Sutton, der Leiter der Manhattaner Zweigstelle der NAACP, sagte: »Verdammt, machen wir uns doch nichts vor. Ich bin für Patterson, weil er uns besser repräsentiert, als Liston es je könnte.« Sie betrachteten Patterson als einen der ihren, einen Schwarzen, der sich bis ganz oben durchgekämpft hatte (in seinem Fall im Wortsinn); er war ein Vertreter ihrer Rasse, aber einer, den aufgeklärte Weiße akzeptierten, mit dem sie reden konnten. Als Pattersons Frau von einer Masseurin in der Nähe ihres Hauses auf Long Island ein Termin verweigert wurde, klagte er nach dem örtlichen Antidiskriminierungsgesetz. Als Patterson später ein Haus in North Yonkers, in der Nähe von Scarsdale, kaufte, machten ihm seine weißen Nachbarn das Leben schwer; der Zahnarzt, der direkt neben ihm wohnte, stellte sofort einen zwei Meter hohen Zaun auf. Als Patterson seinerseits einen Zaun bauen ließ, brüllte der Zahnarzt, ein gewisser Dr. Morelli, den Arbeitern zu: »Wenn ihr auch nur einen Fuß auf mein Grundstück setzt, habt ihr hoffentlich einen Gerichtsbeschluß dafür.« Schließlich gab Patterson den Kampf auf und zog aus.
»Ich bin nur ein Teil der Sozialgeschichte unserer Zeit und unseres Landes, und ich kann nicht dahinter zurückbleiben – oder ihr zu weit vorauseilen«, sagte er später in seiner Autobiographie. »Wenn man immerzu mit einer Verbitterung in sich herumläuft, verwandelt sie sich früher oder später in einen Schmerz, der einen dazu bringt, gegen die Ungerechtigkeit die Hand erheben zu wollen. Das aber wollte ich nie tun. Wenn ich nicht legal irgendwohin kann, will ich da auch gar nicht hin. Wenn ich mich nicht legal wehren kann, will ich es auch nicht bösartig tun. Gleichzeitig kann man aber nicht darüber hinwegsehen und so tun, als gäbe es das alles nicht.«
Ruhm war kein Schutz gegen Demütigungen. Im Frühjahr 1957, nachdem Patterson Weltmeister geworden war, wurde ihm und zwei Sparringspartnern an einem Samstagnachmittag in Kansas City in einem Restaurant nach dem anderen der Zutritt verwehrt. Schließlich kauften sie sich Käse und Cracker und gingen wieder ins Hotel. Sie hörten, daß Jersey Joe Walcott in der Stadt war, um einen Wrestling-Kampf zu leiten, und riefen ihn auf seinem Zimmer an. Als sie zu ihm kamen, sahen sie, daß auch Walcott seinen Lunch auf dem Zimmer aß; das einzige, was er hatte auftreiben können, waren eine Schachtel Plätzchen und ein Liter Milch. Walcott bot Patterson und seinen Freunden Plätzchen an.
»Wir haben schon«, sagte Patterson, »genau wie du.«
»Ist das nicht ein Ding?« sagte Walcott. »Der ehemalige Weltmeister im Schwergewicht und der gegenwärtige Champ, aber in dieser Stadt spielt das alles keine Rolle. Der älteste Champ und der jüngste, und beide müssen auf dem Zimmer essen. Eine schöne Stadt ist das. Da sieht man am besten immer nur geradeaus, wenn man draußen rumläuft, und hört nicht darauf, was die Leute sagen. Deshalb bin ich auch hier auf meinem Zimmer. Weniger Gelegenheit für Mißverständnisse.«
Liston und Patterson trainierten mehrere Monate lang – Liston in Philadelphia, Patterson in seinem Camp nördlich von New York. Wenige Wochen vor dem Kampf schlugen sie beide ihr Lager in der Nähe von Chicago auf. Die Quartiere, die sie wählten, hätten typischer nicht sein können. Pattersons Camp glich einem klösterlichen Refugium; es bestand aus einer Ansammlung von Häuschen namens Marycrest Farm in der Stadt Elgin. Marycrest war eine Wohlfahrtseinrichtung der katholischen Arbeiter, die sich von Wiltwyck nicht sehr unterschied. Eines der Gebäude, das zu einem Pressezentrum umfunktioniert war, schmückten religiöse Mosaiken und etliche Kruzifixe. Die beiden Türen zu dem Zimmer, in dem die Pressesprecher arbeiteten, waren mit lateinischen Wörtern bezeichnet: über der einen stand Veritas, über der anderen Caritas. Normalerweise bezeichneten Veritas und Caritas Kuhställe. Patterson trainierte in einem Zelt, an dem auf einem Schild zu lesen war: Also sind wir viele ein Leib in Christo (Römer 12,5). Seine Pressekonferenzen fanden in einem Refektorium unter einem Wandgemälde mit Heiligen darauf statt. Hier fühlte Patterson sich zu Hause. Er war zum Katholizismus konvertiert und wurde nun als der heilige Franziskus des Boxsports etikettiert.
Listons Entourage boten die Promoter ein Camp neben dem Gefängnis von Joliet an. Stacheldraht und Wachturm schienen ihnen der perfekte Hintergrund für Zeitungsberichte über Listons Vergangenheit. Liston fand das nicht. Statt dessen trainierte er auf einer verlassenen Rennbahn in East Aurora, mit Drahttoren und einem uniformierten Cop davor. Das Innenfeld der Rennbahn war eine Ödnis von verdorrtem Gras. Ein fieser Wind pfiff durch die morschen Tribünen. Liston drosch gegen den Sandsack und sparrte in einem behelfsmäßigen Trainingsraum, in dem einst der Totalisator untergebracht war. Als trainierte im einen Camp der legendäre bibeltreue Naturmensch Johnny Appleseed und im anderen der Engel des Todes, meinte einer der Journalisten.
Die Presse pendelte zwischen den beiden hin und her und schlachtete diesen Kontrast von Gut gegen Böse, des guten Negers gegen den bedrohlichen, genüßlich aus. 1962 dominierten noch die Zeitungsleute, allen voran weiße Kolumnisten aus New York: Milton Gross von der Post, Jimmy Cannon von der Herald Tribune, Dick Young von der News, Arthur Daley von der Times. Liston traute keinem. Er konnte nicht mal ein Straßenschild lesen, geschweige denn eine Zeitung, aber seine Frau Geraldine las ihm die Artikel vor, und es dauerte nicht lange, bis er wußte, daß er bei den Journalisten wenige Fans hatte. Auch bei den weißen Literaten der diversen Zeitschriften, die angereist waren – Budd Schulberg vom Playboy, A. J. Liebling vom New Yorker, Ben Hecht von einem Blatt in Nyack und Norman Mailer vom Esquire –, war er nicht sonderlich beliebt.
Im literarischen Beiprogramm des Patterson-Liston-Kampfs in Chicago trafen Norman Mailer und James Baldwin aufeinander; letzterer war im Auftrag von Nugget erschienen, einer Zeitschrift, die 1965 eingestellt wurde. (Liebling hielt nicht besonders viel von Gastschriftstellern. »Die Presseversammlungen vor diesem Kampf glichen zuweilen hochintellektuellen pour-parlers auf einer Mittelmeerinsel«, schrieb er. »Vor eine Schreibmaschine gesetzt, hätten diese versammelten Schriftsteller eine Ausgabe der Paris Review in zweiundvierzig Minuten produzieren können.«) Mailer und Baldwin waren in den fünfziger Jahren befreundet gewesen, doch seit 1961 kamen sie nicht mehr allzu gut miteinander aus. Baldwin fühlte sich persönlich wie auch intellektuell beleidigt: persönlich, weil Mailer in einem kritischen Essay über einige Zeitgenossen ihn als »zu reizend, um ein Großer zu sein« bezeichnet hatte; intellektuell, weil er fand, daß Mailers Essay über die Rassenfrage, »The White Negro«, insofern gefährlich war, als er den Schwarzen lediglich als eine Ansammlung ungezügelter sexueller und gewaltsamer Impulse darstellte. In einem 1961 erschienenen Artikel für Esquire mit dem Titel »The Black Boy Looks at the White Boy« schrieb Baldwin, Mailer sei machtbesessen und eigentlich noch gar nicht richtig erwachsen, ein arroganter und naiver Beatnik, und habe die Dummheit begangen, eine perverse Vorstellung schwarzer Kultur zu verbreiten, um den bürgerlichen weißen Hipstern zu imponieren.
Als Baldwin nach Chicago kam, wußte er noch nicht so recht, worüber er schreiben sollte. Anders als Mailer, der sich seiner Boxkenntnisse rühmen durfte und mit vielen Trainern und Kämpfern persönlich bekannt war, hatte Baldwin keinen Schimmer von dem Sport. Nie erreichte er die Lässigkeit, mit der Mailer sich im Boxraum bewegte, Boxgeschichten, Metaphern für die Herrlichkeit des Sports konnte er nicht abrufen. Baldwin setzte eher darauf, daß er sich in Patterson und Liston hineinversetzen, sie als arme schwarze Jungen voller Ehrgeiz verstehen konnte. »Ich weiß rein gar nichts über diesen ›schönen Sport‹ oder ›grausamen Beruf‹, dieses ›Spiel des armen Jungen‹«, schrieb er. »Aber ich verstehe eine Menge von Stolz, vom Stolz des armen Jungen, denn das ist auch meine Geschichte, die in gewisser Weise wahrscheinlich auch einmal mein Ende sein wird.«
Baldwin besuchte, begleitet von Gay Talese von der Times, beide Camps und war verwirrt von der Szenerie der Kampfwoche – die Reporter, die den Vormittag verplauderten und dann ihre Geschichten auf den letzten Drücker hinhauten, die späten Abendessen auf Spesen, die übliche Farce der Fehde zwischen den beiden Kämpfern, die öden Pressekonferenzen, die Partys im Playboy Mansion, die ehemaligen Champions – Louis, Marciano, Barney Ross, Johansson, Ezzard Charles –, die umherstreiften und zur Wahrung der eigenen Bedeutung zitierfähige Meinungen von sich gaben. Im Presseraum herrschte die allgemeine Ansicht, daß Patterson kampflos Champion geworden war und daß er, so bedauerlich das auch sein mochte, gegen Liston nur geringe Chancen hatte. Wie er gegen eine Bratwurst wie Johansson untergegangen war! In einer Runde sieben Niederschläge – ein menschliches Jojo!
Baldwin ging nach Elgin, wo Pattersons Pressemann Ted Carroll ihn mit hohem Respekt begrüßte und ihn durchs Camp führte. Carroll schien zu spüren, daß Baldwin beim Boxen ein Laie war.
»Mr. Baldwin, das ist ein Trainingscamp«, sagte er. »Und diese Landschaft paßt zur Persönlichkeit des Champions. Sein Gewerbe ist zwar gewalttätig, Mr. Baldwin, doch seine Persönlichkeit ist davon unberührt, bukolisch. Ist das ein gutes Wort, Mr. Baldwin?«
Baldwin nickte. Ein gutes Wort.
Carroll arrangierte einen langen Spaziergang mit dem Champion und daß er ihm beim Training zusehen konnte. Patterson räumte ein, daß er noch keines von Baldwins Büchern gelesen, ihn aber einmal in einer Fernsehdiskussion über die Rassenfrage gesehen hatte.
»Wußt’ ich’s doch, daß ich Sie schon mal gesehen habe!« sagte Patterson.
Baldwin hatte eindeutig Sympathien für Patterson – er setzte sogar 750 Dollar auf ihn. Für Baldwin war Patterson ein Krieger auf verlorenem Posten, ein komplizierter, verletzlicher, verstörter junger Mann, der sich anscheinend nach Zurückgezogenheit sehnte, noch während er ein weiteres Interview für eine weitere Gruppe Reporter begann. Baldwin sah Patterson beim Seilspringen zu, »was er zu einer Musik in seinem Kopf tun muß, sehr schön und schimmernd und entrückt wie ein heiliger Jüngling, dem man durch die beschlagenen Fenster einer Sektenkirche zusieht, bei einem hilflosen Tanz«; es war eine Szene, die an Baldwins heiligen Jüngling Elisha in seinem Roman Gehe hin und verkünde es vom Berge erinnerte.
Nach dem Training, einem der letzten vor dem Kampf, beobachtete Baldwin, wie Patterson sich mit einigen Reportern unterhielt. Patterson trank eine Tasse heiße Schokolade und lächelte angespannt und scheu. Auch jetzt wurde er wieder gefragt, warum er gegen Liston kämpfe.
»Also, das war meine Entscheidung, diesen Kampf anzunehmen«, sagte Patterson. »Sie, meine Herren, waren anderer Ansicht, Sie waren doch diejenigen, die ihn an die Spitze gesetzt haben, also hatte ich doch recht damit. Listons Vorstrafen liegen hinter ihm, nicht vor ihm.«
»Meinen Sie, Sie sind als Champion akzeptiert?«
»Nein«, sagte er. »Also, ich bin bestimmt als Champion akzeptiert – aber vielleicht nicht als guter.«
»Warum sagen Sie, daß die Gelegenheit, ein großer Champion zu werden, nie kommen wird?«
»Weil Sie das nicht zulassen werden.«
»Ich erinnere mich vor allem an Floyds Stimme, wie er munter redete und redete«, schrieb Baldwin später in seinem Artikel für Nugget, »und wie sein Gesicht sich ständig veränderte und wie er lachte; ein Mann, der komplexer war, als er selbst zu erkennen vermochte, ein Held für viele Kinder, die noch dort steckten, wo er gewesen war, der ohne den Ring womöglich nicht überlebt hätte und der seltsamerweise nicht so recht dorthin zu gehören schien.«
Bevor Baldwin ging, schenkte er Patterson noch Eine andere Welt und Niemand kennt meinen Namen, die er ihm beide widmete: »Für Floyd Patterson … weil wir beide wissen, woher wir kommen, und eine Ahnung haben, wohin wir gehen.«
Baldwin besuchte auch Listons Camp, wo er einem Liston begegnete, wie ihn fast niemand kannte. Einige Reporter, darunter Jack McKinney von der Philadelphia Daily News, Jerry Izenberg vom Newarker Star-Ledger und Bob Teague von der New York Times (einer der wenigen schwarzen Sportreporter), hatten ein gutes Verhältnis zu Liston, auch schon, als er noch nicht der Herausforderer war, alle anderen aber nicht. Die Reporter stellten ihm immerzu Fragen, die mit irgendwelchen Verhaftungen oder Vergehen zu tun hatten, worauf Sonny mit einem Grunzer, einem Ja oder Nein oder einfach einem langen Blick antwortete.
Selbst wenn Liston mit einem Reporter scherzen wollte, konnte man es mit der Angst bekommen. A. J. Liebling suchte ihn einmal im Trainingslager auf und bekam gesagt, er werde sein Interview in einem Restaurant im Ort bekommen, wenn das Tagestraining vorbei sei. Liston traf in dem Restaurant ein, und jeder am Tisch bestellte sich eine Tasse dampfenden Tee. Plötzlich verzerrte sich Listons Miene, und er brüllte seinen Betreuer Joe Pollino an, er schulde ihm noch zwei Dollar. Die beiden Männer stritten, dann stürzte sich Liston auf Pollino.
»Du lügst, du Hund!« brüllte Liston. »Gib mir meine zwei Bucks wieder!«
In Lieblings Erinnerung schoß »eine riesige Faust hervor, und ich hörte ein ungeheures Klatschen, worauf Pollino in einem Hagel von Zähnen zu Boden ging«. Darauf zog Liston eine Pistole und feuerte auf seinen Cutman. Pollino sackte auf der Bank zusammen. Dann richtete Liston die Waffe auf Liebling und feuerte. »Ich riß die Hände hoch und stieß dabei meinen Tee um.« Lieblings Selbstbeschreibung läßt ihn ruhiger erscheinen, als er tatsächlich war. Er wäre nämlich fast an Herzversagen gestorben. Als er sich wieder erholte, war sein Mantel voller Teeflecken, und Liebling hörte, wie Pollino erklärte, die Zähne seien in Wahrheit weiße Bohnen gewesen, und wie Liston erklärte, die Kugeln seien Platzpatronen gewesen.
»Sie kommen uns wieder besuchen, ja?« sagte Liston zu Liebling. »Sie kommen wieder!«
Diese PR-Gags, so wie sie nun mal waren, wurden von Liebling rückwirkend mit einem Lacher quittiert, doch nicht alle fanden sie komisch. Viele Reporter näherten sich Liston wie einem Monster. Die Begriffe »Gorilla« und »Dschungelkatze« waren durchaus üblich, doch das Gewebe des Rassismus war noch viel feiner. Peter Wilson vom Daily Mirror schrieb: »Manchmal braucht er so lange, um eine Frage zu beantworten, und hat solche Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden, daß das Ganze eher wie ein Ferngespräch in einer Fremdsprache wirkt. Doch der Mann ist faszinierend. Sein vernarbtes Gesicht ist unbeweglich, und seine gewaltigen Augen, bemalten Untertassen gleich, haben den starren Blick eines Kraken, doch vor allem seine Hände ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Die Handteller sind weich und weiß wie das Innere einer Bananenschale. Seine Finger sind die ungeschälten Bananen.«
Viele Reporter hielten Listons Aufsässigkeit für Dummheit oder noch Schlimmeres. Nicht so Baldwin. »Er ist alles andere als dumm; ja, er ist überhaupt nicht dumm«, schrieb er. »Zwar steckt eine Menge Gewalt in ihm, doch kann ich keinerlei Grausamkeit bei ihm erkennen. Im Gegenteil, er erinnert mich an große schwarze Männer, die ich früher kannte und die sich den Ruf zugelegt hatten, hart zu sein, nur um zu verbergen, daß sie es gar nicht waren. Jeder, der wollte, konnte sie zu Toffee machen. Ich jedenfalls mochte ihn, sogar sehr. Er saß mir gegenüber am Tisch, seitlich, den Kopf gesenkt, den Schlag erwartend: denn Liston weiß, wie nur die sprachlos Leidenden es wissen können, wie schlecht er sich ausdrücken kann. Eines aber möchte ich klarstellen: Ich sage Leidender, weil mir scheint, daß er sehr viel gelitten hat. Es ist in seinem Gesicht, in der Stille dieses Gesichts und in dem eigenartig fernen Licht seiner Augen – ein Licht, das kaum Signale sendet, weil es so wenige Antwortsignale erhalten hat. Und wenn ich sprachlos sage, möchte ich damit keineswegs andeuten, daß er nicht weiß, wie man spricht. Er ist auf eine Weise sprachlos, wie wir alle es sind, wenn uns mehr widerfahren ist, als wir ausdrücken können; und sprachlos auf eine bestimmte Negerart – er hat eine lange Geschichte zu erzählen, die aber niemand hören will.«
Wie sich zeigte, hatte Liston nichts dagegen, sich mit Baldwin zu unterhalten. Baldwin, dessen Vater Prediger in Harlem gewesen war, unterschied sich mit seinen hervorquellenden traurigen Augen von jedem anderen Schreiber, der ihn besucht hatte. Baldwins sanftes Wesen war etwas völlig anderes als die oberschlaue Art der meisten Journalisten, denen Liston begegnet war, daher redete er mit Baldwin auch in einem anderen Ton, ohne Deckung. »Die Farbigen sagen, sie wollen nicht, daß ihre Kinder zu mir aufsehen«, sagte Liston zu Baldwin tief bekümmert. »Na ja, sie sagen ihren Kindern ja auch nicht, sie sollen zu Martin Luther King aufsehen.« Liston schien durch Baldwin einen Appell zu formulieren. »Ich wär kein schlechtes Vorbild, wenn ich da oben wär. Ich könnte ’ner Menge von den Kindern sagen, was sie wissen müssen, weil ich das auch durchgemacht hab. Ich könnte sie dazu bringen, daß sie zuhören.«
Nach seiner Begegnung mit Liston war dieser ihm sympathisch geworden, aber er war auch ziemlich verwirrt. Bei Patterson gegen Liston geriet die Schwergewichtsmeisterschaft wieder einmal zum Moralstück; einzigartig war, daß die Gegner beide Schwarze waren und eine völlig konträre Sprechweise, verschiedene Politik- und Kampfstile repräsentierten. Baldwins Essay für Nugget war nicht sein bester, doch er bot ihm die Gelegenheit, sich in einige der Themen einzuarbeiten, die er im Jahr darauf in seiner umfassendsten Darstellung des Rassenthemas, The Fire Next Time (Hundert Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung), entwickeln sollte. »Ich fühlte mich schrecklich zerrissen, so wie viele Neger heute«, schrieb er über Liston, »da wir alle versuchen, auf die eine oder andere Weise zu entscheiden, welche Haltung in unserem schrecklichen amerikanischen Dilemma die wirkungsvollere ist: die disziplinierte Freundlichkeit Pattersons oder die freimütige Unerbittlichkeit Listons … Liston ist ein Mann, der nach Respekt und Verantwortung lechzt. Manchmal wachsen wir mit unserer Verantwortung, aber manchmal scheitern wir natürlich auch daran.«
Baldwins Antagonist bei dem Kampf, sein einstmaliger Freund Mailer, näherte sich seiner Aufgabe ohne diese Traurigkeit und Bürde. Sah Baldwin dem Abend des Kampfs voller Beklommenheit entgegen, freute sich Mailer darauf – schließlich war das Ereignis eine Gelegenheit, Zeuge von etwas Denkwürdigem zu werden, aber ebenso eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Trotz allem, was er an Ehrgeiz, Energie und Eigenwerbung in seine Romane steckte, war seine journalistische Arbeit für Esquire, Harper’s und Life weit mehr als ein Brotjob. In seinen ungeheuer schnell geschriebenen und langen Berichten von Boxkämpfen und politischen Versammlungen brodelte eine Energie, die die Konventionen der fünfziger Jahre über den Haufen warf. Nie war er mehr in seinem Element als dort in Chicago beim Kampf Patterson gegen Liston. Patterson, schrieb er,
war ein Liberaler für Liberale. Das Schlimmste, was man über Patterson sagen konnte, war, daß er dasselbe wiedergekäute Zeug redete wie die anderen Liberalen. Stellen Sie sich vor, was mit einem wie Patterson passiert, wenn sein Gehirn anfängt, von Wörtern wie »introspektiv«, »Verpflichtung«, »Verantwortung«, »Inspiration«, »Belobigung«, »frustriert«, »Abschottung« abhängig zu sein – man könnte noch ein Dutzend weitere aus seinem Repertoire nennen. Sie alle sind Teil seines Stolzes; er ist ein Junge aus den Slums von Bedford-Stuyvesant, der sich diese Wörter wie Aktien, Bonds und einträgliche Immobilien zugelegt hat. Niemand ist da, der ihm sagt, es wäre besser, er würde sich die Psychologie der Straße bewahren, statt den widersprüchlichen Wunsch zu kultivieren, ein großer Kämpfer und zugleich ein großes, gesundes, reifes, autonomes, zugehöriges, integriertes Individuum zu sein. Was für eine schäbige Rechtschaffenheit Pattersons Bemühungen anhaftet …
Doch der wahre Grund dafür, daß die Neger in Chicago sich für Patterson entschieden haben, ist der, daß sie sich nicht schon wieder in die Logik von Listons Welt begeben wollten. Der Neger hatte inmitten von Gewalt gelebt, war mit Gewalt aufgewachsen und hatte dennoch eine Lebenssicht entwickelt, die ihm Leben gab. Doch der Preis dafür war für den gewöhnlichen Mann außerordentlich. Die Mehrheit mußte in Schande leben. Die Nachfrage nach Mut mag exorbitant gewesen sein. Als der Neger nun allmählich in die Welt der Weißen kam, wollte er auch die Logik der Welt der Weißen: Rentenversicherung, geistige Hygiene, soziologischer Jargon, Komiteelösungen für Brusterkrankungen. Er hatte die Logik der Huren und der Luden satt, er wollte nichts mehr hören von Mutterwitz, von cleveren Jungs, vom dozens-Spiel, vom Kampf um die wahre Liebe in den diamantharten Augen einer jeden Edelnutte auf der Straße. Der Neger wollte Patterson, weil Floyd der Beweis war, daß man erfolgreich und gleichzeitig auch geschützt sein konnte. Wenn Liston siegte, war das alte Leid wieder da. Man konnte erfolgreich oder geschützt sein. Beides zugleich ging nicht. Falls Liston eine Heldengeschichte vorzuweisen hatte, wollte der Durchschnittsneger nichts davon wissen.
War Patterson für Mailer der »Archetyp des Underdogs, ein verarmter Prinz«, dann war »Liston Faust. Liston war das Licht eines jeden Rennbahnspezi, der sich auf dem Weg zur Arbeit eine Nummer ausdachte. Er war der Held für alle, die sich mit dem Schicksal anlegten, solange sie nur ihren Spaß dabei hatten; die Zigarettenraucher, die Säufer, die Junkies, die Hascher, die Fixer, die Zicken, die Schwuchteln, die Klappmesser, die Revolverschwinger, die Firmenmanager, alle, die auf Macht fixiert waren. Dies verdankte sich in großem Maße Listons Kampfstil.«
Eine literarische Fußnote zu Baldwins und Mailers Auftritt in Chicago war ein kurzer Essay von einem jungen Dichter namens LeRoi Jones, der mit Allen Ginsberg und den Beat-Autoren von Greenwich Village verbunden war und in der schwarzen Künstlerbewegung zunehmend von sich reden machte. Anders als Baldwin, der die Sanftheit an Patterson mochte, war Jones von dem Champion angewidert, er nannte ihn einen »Ehrenweißen«, der um die Anerkennung der bürgerlichen Welt buhlte. Er feierte Liston als eine Bedrohung, als »den großen schwarzen Neger im Flur eines jeden Weißen, der darauf wartete, ihn umzubringen, ihn wegen all der Schmerzen, die die Weißen durch ihr tyrannisches System der Welt zugefügt haben, fertigzumachen«. Er war »›der riesige Neger‹, ›der böse Nigger‹, das Urbild aller kaputten Woogies dieser Welt. Er ist das unterentwickelte, besitzlose (politisch naive), rückständige Land, das unterdrückte Volk, das nun endlich da ist, um sein Pfund Fleisch einzufordern.« Als Jones diesen Essay in einer Sammlung mit dem Titel Home abdruckte, fügte er eine Fußnote an, in der er sagte, sein Herz gehöre nun Cassius Clay, denn nur Clay könne die neue Militanz, den wahrhaft unabhängigen Schwarzen verkörpern.
Aus dem Abstand von nahezu vierzig Jahren, nachdem Boxen zu einer Randerscheinung im amerikanischen Leben geworden ist, wirkt diese Symbolkrämerei, die zwei Männern, die einander für Geld in einem Ring verprügelten, aufgebürdet wurde, recht lächerlich. Doch jahrzehntelang war Boxen in den USA ein zentrales Spektakel gewesen, und gerade weil es so elementar ist, so Mann-gegen-Mann, ein Duell mit Händen und nicht mit Bällen oder Schützern oder Schlägern, lagen die Metaphern des Kampfs, allen voran des Rassenkampfs, so nahe. Seit 1908, als Jack Johnson den Titel im Schwergewicht gewonnen hatte, brauchten die weißen Boxfans und vor allem die weißen Promoter eine weiße Hoffnung. Johnson mied die schwarzen Kämpfer seiner Zeit – Sam Langford, Joe Jeanette, Sam McVey. Statt dessen trat er gegen einen weißen Ruheständler an, den ehemaligen Champion Jim Jeffries. Joe Louis’ große Gegner waren bis fast zum Ende seiner Karriere allesamt Weiße: Schmeling, Billy Conn, Tony Galento. Sugar Ray Robinson kämpfte gegen einen Weißen nach dem anderen – Bobo Olson, Paul Pender, Gene Fullmer, Jake LaMotta, Carmen Basilio; die Promoter boten nicht annähernd soviel Geld für Kämpfe gegen gleichstarke schwarze Herausforderer. Mit dem Kampf Patterson gegen Liston hatte sich etwas verändert. Beide waren Schwarze; beide waren mit demselben Vorbild (Joe Louis) und mit vergleichbaren Entbehrungen und Verletzungen aufgewachsen. Die Dramaturgie des Boxens braucht jedoch einen Gegensatz, der so kraß ist wie im Slapstick. Ein Kampf zwischen zwei Angehörigen derselben ethnischen Gruppe hat immer einer Differenz bedurft. Als John L. Sullivan, der erste Weltmeister im Schwergewicht, 1889 seinen Titel barfäustig gegen Jake Kilrain verteidigte, mußte Sullivan den bösen irischen Einwanderer spielen, der trank und ununterbrochen Frauen ins Bett zerrte, während Kilrain der gute Einwanderer, der tugendsame Arbeiter war. Erst mit Patterson und Liston machte sich die Presse die Mühe, Unterschiede zwischen Schwarzen zu zeigen.
Die symbolischen Unterschiede zwischen den beiden Kämpfern lagen auf der Hand, und der daraus entstehende Druck, vor allem auf Patterson, machte diesem das Leben zur Qual. Pattersons Angst zeigte sich schon an seiner Haltung beim Wiegen, einem Ritual, das von den Boxern schon immer einen finsteren Blick oder wenigstens eisigen Gleichmut verlangte. Doch als Liston Patterson anfunkelte, starrte der auf seine Füße. Nie blickte er vor einem Kampf dem Gegner in die Augen. Das Risiko war zu groß. Denn schließlich besagt ein solcher Blick: »Wir werden kämpfen, was ja nichts Schönes ist.« Einmal, als Amateur, hatte er den Fehler begangen, seinem Gegner in die Augen zu blicken, und da sah er, daß er ein nettes Gesicht hatte, und die beiden Boxer lächelten einander zu. Von da an blickte Patterson zu Boden. Nur daß er jetzt wirklich Grund zur Sorge hatte. Sonny wollte ihn mit einem Laster überfahren, und er glaubte, wenn er das zuließe, würde er seine Familie, sein Land, seinen Präsidenten und seine Rasse enttäuschen.
»All das ist mir bis unmittelbar vor dem Kampf durch den Kopf gegangen«, sagte Patterson später. »Als der Gong ertönte und ich losging, sah ich nicht Liston, sondern hatte eine Vision von all diesen Leuten; was sie mir sagten, was ich tun sollte. Ich weiß nur noch, daß ich überhaupt nicht an den Kampf denken konnte.«