8 - Endstation

 

 

Faith tat die ganze Nacht kein Auge zu. Caiden hoffte, dass es nur die Nähe zu ihrer Heimat war, die sie wachhielt, und nicht etwa Schuldgefühle eines neuen Verrats im Eisenbahntunnel. Er setzte sich neben sie und griff nach ihrer Hand. Im Normalfall hätte Faith sie sofort zurückgezogen und ihm am liebsten quer über das Gesicht geschmettert, aber diesmal schien sie abwesend und mit ihren Gedanken weit entfernt zu sein. Erst als Caiden etwas fester zugriff quiekte sie überrascht und wäre um ein Haar zum Angriff übergegangen.

»Alles in Ordnung?«, fragte er erschrocken und schützte gleichzeitig seinen Kopf mit den Armen. Faith klopfte sich beim Aufstehen mürrisch den Sand aus den Hosen und ging ein paar Schritte an dem steilen Schutthang entlang, den sie am nächsten Tag hinuntersteigen mussten.

»Ich hab einfach keine Ahnung, was uns da drüben erwartet!«, flüsterte sie ihm zu. »Es gab unzählige Kontaktversuche mit diesen Leuten. Zuerst haben wir eine Bacchae zu ihnen geschickt. Ihr Name war Scarlet. Sie hatte denselben Auftrag wie ich bei den Vultures. Diplomatischen Kontakt herstellen bei gleichzeitiger Infiltration. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört und vor einem Jahr hieß es, sie wäre im Einsatz gefallen. Anschließend sandten wir ein halbes Dutzend Spione, die getarnt Informationen sammeln sollten. Kein einziger ist lebendig zurückgekehrt.«

Das abnehmende Mondlicht ließ Caiden die Gesichtszüge auf ihrer dunklen Haut nur wage erkennen, doch ihre schneeweißen Augen schienen sich der Anziehungskraft der geheimnisvollen Schlucht nur schwer entziehen zu können. Sie hielt ihre Arme vor der Brust verschränkt und kaute unbewusst am rechten Daumennagel. Das Verhör und die unerwartete Befreiung aus Brackwood hatten die einst so gleichgültige Assassine verändert. Zum ersten Mal sorgte sie sich um ihre eigene Zukunft und um ihre Rolle in einem Spiel, das sie nicht länger kontrollierte.

»Scarlet war zweifellos die beste Bacchae, die unser Programm je hervorgebracht hat. Seit ich von ihr als Schülerin ausgewählt wurde, wollte ich wie sie sein.«

»Vielleicht hat dich Jade deswegen ziehen lassen und uns gemeinsam dorthin geschickt?«, überlegte Caiden angestrengt. Gern hätte er Faith in den Arm genommen und ihr versprochen, sie zu beschützen, doch er schätzte seine eigene Gesundheit viel zu sehr, um derart leichtsinnig zu handeln.

»Du meinst, um herauszufinden, was mit ihr geschehen ist?«, erwiderte sie und begann ihrerseits zu verstehen. »Das würde Jade ähnlich sehen. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Scarlet noch lebt. Außerdem haben sich die beiden bis aufs Blut gehasst.«

»Habt ihr Beweise für ihren Tod gefunden?«

Faith schüttelte den Kopf. »Während des Krieges haben wir ein paar unserer Spione entdeckt. Alle direkt unterhalb der Brücke, jedoch nirgends eine Spur von Scarlet.«

»Würdest du sie wiedererkennen?«

»Das ist leicht«, antwortete Faith nickend. »Ihr fehlt das linke Ohr.«

»Ihr fehlt ... wie ist das denn passiert?«, fragte Caiden. In seinen Gedanken entstanden affektartig Horrorszenarien über brutale Machtkämpfe innerhalb der Sicarii, wie er sie bei den Vultures erlebt hatte.

»Sie war die Tochter eines Richters, der kurz vor dem Kollaps gegen die aufkommenden Gangs gekämpft und viele davon ins Gefängnis gebracht hat. Ein paar wollten sich an ihm rächen, haben Scarlet entführt und ihrem Vater ihr linkes Ohr als Beweis geschickt.«

»Was ist ein ... Richter?«

»Ein Richter entscheidet über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten und legt anschließend das Strafmaß fest«, erklärte Faith. Es wunderte sie nicht im geringsten, dass Caiden derartige Institutionen nicht mehr kennengelernt hatte. »Scarlets Vater war dabei wohl nicht gerade zimperlich. Er ist auch auf keine der Forderungen eingegangen, sondern hat das Versteck der Entführer ohne Verhandlungen stürmen lassen.«

Faith begann zu lächeln, während sie fortfuhr.

»Scarlet hat mir immer wieder erzählt, wie ihre Eltern sie dazu drängten, sich für eine Prothese zu entscheiden. Stattdessen ließ sie ein Spinnennetz auf ihre linke Gesichtshälfte tätowieren. Kaum jemand bemerkt heutzutage den zurückgebliebenen Ohrstummel, selbst wenn ihr Haar vom Wind davongeweht wird. Sie sagt, sie betrachtet ihre Verletzung als eine Warnung davor, wie weit Menschen für ihre Ziele gehen können. Scarlet war damals schließlich noch ein Kind.«

»Hat es sie nicht gekümmert, dass ihr Vater so rücksichtslos vorgegangen ist?«, wunderte sich Caiden. Er war zweifelsohne die rauen Sitten der Endzeitsteppe gewohnt, aber in seinem Dorf war es normal gewesen, dass Eltern ihre Kinder zunächst zu schützen versuchten und nicht einfach blind drauflos schlugen, wenn sie jemand bedrohte.

»Zu Beginn schon«, gab Faith nickend zu. »Das war auch ein Grund für ihr Tattoo, das so gar nicht zu den gehobenen Kreisen ihrer Anwaltsfamilie passte. Aber mit der Zeit verstand sie die Notwendigkeit von rücksichtslosem Durchsetzungsvermögen. Wenn ihr Vater als Richter bei ihrer Entführung Schwäche gezeigt hätte, wäre sie vermutlich nicht nur einmal zum Opfer geworden.«

»Leben ihre Eltern eigentlich noch?«

»Ihr Vater ist vor vier Jahren gestorben und war lange Zeit Senator in unserer Hauptstadt Sicariia. Scarlets Mutter lebt in Alexandria, der Heimat der Bacchae.«

»Und was ist mit deiner Familie, jetzt, wo du als Verräterin giltst?«, fragte Caiden vorsichtig, doch darauf wusste Faith keine Antwort. Bisher war noch nie eine Bacchae zum Feind übergelaufen. Nach dem jahrelangen Drill und den schier unbegrenzten Freiheiten hatte es nie einen Grund dafür gegeben. In diesem Moment wurde Caiden bewusst, dass Faith sich nicht nur um ihr eigenes Schicksal sorgte.

 

***

 

Mit den ersten Sonnenstrahlen trommelte Angel ihr Team aus den Schlafsäcken. Sie wollte so viel Tageslicht wie möglich in dem unbekannten Territorium nutzen und hoffte, die von Jade beschriebene Brücke noch vor dem Abend zu erreichen. Sharon torkelte mit bleichem Gesicht durch das provisorische Gipfellager und trieb die anderen damit unbeabsichtigt zu größter Eile an. Ihr war wie jeden Morgen schlecht, doch nachdem sie erneut vierundzwanzig Stunden lang keinen Bissen herunterbekommen hatte, hielt sich ihr Erbrechen in Grenzen. Der akute Wassermangel machte ihr viel mehr zu schaffen. Die Vorräte waren trotz wiederholter Quellenfunde in den Tälern beinahe erschöpft. Die im Vergleich zum Beginn der Reise sehr leicht gewordenen Rucksäcke führten der ganzen Gruppe vor Augen, dass ihr Abenteuer schon bald auf die eine oder andere Art enden würde.

Bevor sie aufbrachen, nahm Kim sich ein paar Minuten Zeit, um eine perspektivische Landkarte des nördlichen Gebiets zu zeichnen. Viele Möglichkeiten sich zu verlaufen gab es entlang der Schlucht nicht, aber sie bekam nur selten die Chance auf einen derart übersichtlichen Aussichtspunkt. Sie hielt es außerdem für sicherer, dass Sharon trotz ihres geschwächten Zustands den Abstieg auf eigenen Füßen wagte, anstatt auf ihrer provisorischen Bahre getragen zu werden.

Angeleint in Zweierteams stampfte die Gruppe kurz darauf geradeaus auf dem staubigen Schutthang in Richtung Tal. Die unzähligen kleinen Steine waren sehr scharfkantig, so dass keine Gefahr des Wegrollens oder einer Lawine bestand, und erinnerten stark an das Schotterbett der Eisenbahnschienen. Kim hatte ihren Kameraden eingetrichtert, mit geradem Oberkörper auf den Fersen zu laufen und dem Drang zu widerstehen, sich nach hinten lehnen zu wollen. Schon nach ein paar Metern lag Butch jedoch fluchend auf dem Allerwertesten. Amüsiert wurde er von Angels und Dogs Team überholt, bis sich die beiden kurz darauf ebenfalls mit den Hintern auf dem Boden wiederfanden. Das Spiel wiederholte sich noch einige Male auf dem gut anderthalb Kilometer langen Wegstück und sorgte für eine ausgelassene Stimmung, die alle gut gebrauchen konnten. Sogar Sharon blühte wieder auf, als sie Cole an sich vorbeischlittern sah.

Der Spaß endete gut zwei Kilometer vor dem Tal an einer Felskante, von der aus sie der Weg über ein steiles Schrofengelände in die Tiefe führte. Beim Anblick der kahlen Felsen wurde Angel so schwindelig, dass ihre Knie den Dienst einstellten und sie eine dringend benötigte Pause anordnete.

Kim und Faith ließen sich von Dog bei einem ersten Abstiegsversuch sichern und überprüften dabei die Beschaffenheit der aus dem Berg herausstehenden Steine. Da es seit Jahren kaum geregnet hatte, schienen die meisten stabil und tragfähig. Trotzdem war den beiden klar, dass keineswegs nur Angel Probleme mit dem abschüssigen Gelände haben würde.

Um den anderen die natürliche Angst vor großen Höhen zu nehmen, ging Faith mit dem Kopf talwärts voraus zur nächsten Flachstelle und ließ die Gruppe dabei zusehen. Nachdem das geschafft war, empfahl Kim dem Team, ebenfalls mit den Augen geradeaus hinabzusteigen, auch wenn deren Unterbewusstsein auf das Gegenteil bestand. Butch vertraute seiner langjährigen Kameradin und wagte sich als Erster auf das Schrofengelände. Bereits nach ein paar Metern hatte er seine Angst unter Kontrolle und spürte, wie er mit jedem Schritt sicherer wurde. Dog wollte dem Ranger in nichts nachstehen und drängelte sich anschließend geradezu vor, gefolgt von Cole und Sharon. Mit blassem Gesicht brauchte sie bei weitem am längsten, traute sich aber dennoch den Frontalabstieg zu. Kim war sich mit Angel einig, dass sie ausnahmsweise ihre Augen auf dem Berg lassen sollte. Ansonsten wäre sie beim Anblick des Tals wohlmöglich auf halber Strecke ohne Aussicht auf Hilfe vor Angst erstarrt. Diesmal riss niemand Witze über ihre Schwäche, denn die Lage war bitterernst. Faith verbot gleichzeitig jegliches Anfeuern, was bei der stolzen Kriegerin denselben Effekt wie Spott gehabt hätte.

Nach vier Stunden lag das steile Gelände endlich hinter ihnen und die vertrockneten Baumwipfel am Hang unterhalb des Gebirges waren zum Greifen nahe. Nur noch ein kurzer Spaziergang, dann hatten sie es geschafft und sahen vom Fuße der Berge zu den spitzen Gipfeln hinauf.

»Man, ich hätte nicht gedacht, dass wir hier je ankommen würden!«, brummte Butch. Dabei wischte er sich den Nachmittagsschweiß von der Stirn und nippte an seiner letzten Feldflasche.

»Hat sich eigentlich irgendwer Gedanken darüber gemacht, wie wir wieder zurückkommen sollen?«, fragte Cole.

»Über den Pass«, raunte Angel. »Den sicariianischen Pass. Nachdem wir sie von dort verjagt und ihre Fahrzeuge erobert haben!«

Während des Abstiegs hatten Faith und Kim immer wieder nach Wasserquellen Ausschau gehalten, jedoch ohne Erfolg. Daher blieb Angel bei ihrem Plan, noch vor Einbruch der Dunkelheit die Brücke erreichen zu wollen, oder sich wenigstens ein gutes Stück vom Gebirge zu entfernen. Als die größte Hitze am späten Nachmittag vorbei war, setzte die Gruppe ihren Weg entlang der Schlucht fort.

Mit jedem Kilometer verbreiterte sich die Erdspalte ein wenig, bis am Abend ein kompletter Wohnblock aus den Großstadtruinen darin Platz gefunden hätte. Die umliegende Landschaft bot indes nichts als karges, ausgetrocknetes Niemandsland. Es gab mit Ausnahme von einzelnen, vertrockneten Windflüchtern oder verholzten Büschen keine nennenswerte Vegetation. Wilde Tiere schienen ebenfalls einen großen Bogen um die lebensfeindliche Zone zu machen, was die Gruppe von Minute zu Minute mehr an ihrem Plan zweifeln ließ.

Als bei Einbruch der Abenddämmerung ein Sandsturm über der Ebene aufzog, musste sich das Team geschlagen geben. Nach einer halben Stunde konnten sie kaum noch die Hand vor Augen sehen und versteckten sich eng zusammengekauert in einer Erdvertiefung. Angel fluchte leise unter ihrem beigefarbenen Halstuch, dass sie sich zum Schutz über den Mund gezogen hatte. War sie mit ihrer Menschenkenntnis derart gescheitert und Jade auf den Leim gegangen? Wo waren die verdammte Brücke und die dringend benötigte Hilfe? Ohne frische Vorräte würden sie es höchstens noch einen Tag in der heißen Ebene aushalten. Ihren Freunden gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf, und als der Sandsturm gegen Mitternacht abflaute, sprach Butch sie als Erster aus.

»Vielleicht sollten ein paar von uns zurückgehen«, begann er mit Blick auf Sharon, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie selbst war bereits zu schwach, um dagegen zu protestieren. Cole hingegen nickte ihm bestätigend zu.

»Ich kann sie begleiten, aber allein kommen wir die Berge nicht hoch.«

Damit schob er Kim und Faith den schwarzen Peter zu. Wenigstens eine der beiden erfahrenen Bergsteigerinnen war für eine sichere Bezwingung des Gebirges erforderlich, doch beide hatten sehr gute Gründe dafür, keinesfalls den Heimweg anzutreten. Angel war völlig klar, dass Kim niemals umkehren würde, ehe sie ihren Johnny gefunden hätte. Darum fiel ihre Aufmerksamkeit auf Faith, von der niemand außer Caiden wusste, warum sie überhaupt bei ihnen war. Bisher hatte sie sich als äußerst hilfsbereit erwiesen, was ihr nun sprichwörtlich auf die Füße zu fallen schien. Caiden überlegte bereits fieberhaft nach einer Ausrede, aufgrund derer sie seine Freundin keinesfalls zurückschicken könnten, da kam ihm ein tagheller Lichtschein am Himmel zuvor.

Geblendet von dem grellweiß flackernden Himmelskörper hielt sich die Gruppe die Augen zu. Mindestens ebenso reflexartig warf sich Angel auf den Boden und befahl ihren Kameraden, sich zu verteilen. Die Diskussion von der Rückkehr zu den Bergen war längst vom Tisch, als sie die ersten Gewehrschüsse im Westen donnern hörten.

»Wer zum Teufel ist das?«, brüllte Dog wütend.

»Ich kann nichts sehen!«, erwiderte Kim. Sie hockte hinter einem scharfkantigen Stein ein paar Meter südlich. Cole blieb mit Sharon in der Erdvertiefung, wo sie am ehesten vor dem feindlichen Beschuss geschützt waren. Caiden, Cassidy und Faith hatten sich in nördlicher Richtung verteilt und pressten ihre Körper flach auf den Boden.

»Warum greifen die uns auf einmal an?«, fauchte Caiden Faith zu.

»Keine Ahnung!«, rief sie zurück. Bei dem lauten Gefechtslärm bestand kaum eine Gefahr, dass Angel oder sonst wer sie hörte. »Das ist nicht die Legion. Dafür sind es zu wenige!«

Inzwischen hatten sie die Mündungsfeuer im Westen entdeckt, die knapp einen halben Kilometer entfernt aufblitzten. Aufgrund des stark blendenden Leuchtgeschosses und der ständig wechselnden Gegnerstellungen vermochten sie jedoch kein Ziel auszumachen, bis die grellweiße Kugel am Himmel endlich aufhörte zu flackern und die Dunkelheit ihnen wieder faire Chancen einräumte.

»Butch! Dog! Sperrfeuer!«, befahl Angel und riss damit die Kontrolle über das Gefecht an sich. »Cole! Südliche Flanke! Der Rest von euch: Feuer frei!«

Wie auf Kommando erhob sich das gesamte Team aus den provisorischen Stellungen. Das ohrenbetäubende Rattern von Butchs und Dogs Maschinengewehren übertönte alle anderen Geräusche. Die beiden schleuderten ihre Kugeln mehr oder weniger blind auf die feindlichen Truppen und erleichterten Angel und Cole damit den Einsatz ihrer Präzisionswaffen. Kim und die Geschwister unterstützten sie zusätzlich mit ihren Sturmgewehren, während Faith ihnen als Beobachterin die Richtung zu lohnenden Zielen wies.

Es war eine beeindruckende Feuerkraft, die Ranger und Ex-Vultures nach neuntägiger Reise auf ihren Gegner niederregnen ließen, doch mit dem darauffolgenden Echo hatten sie nicht gerechnet. Zum ersten Mal machte das Team Bekanntschaft mit feindlichen Scharfschützen, die weit außerhalb der Reichweite von Maschinen- und Sturmgewehren die Jagd auf sie eröffneten. Angel und Cole lagen genau zwischen ihren Leuten und verfügten über keinerlei Tarnung, die sicariianischen Präzisionsschützen hingegen waren selbst für ihre trainierten Augen nicht zu entdecken.

Der erste Treffer durchschlug Butchs rechte Hand und erinnerte ihn damit schmerzhaft an die Verfolgungsjagd vor Silver Valley. Die Kugel zerstörte sein Maschinengewehr mit einem gleißenden Funkenschlag, woraufhin er sich mehr vor Schreck als Schmerz auf dem Boden zusammenrollte, um weiteren Angriffen zu entgehen.

Angel verfolgte den Einschlag aus den Augenwinkeln und suchte fieberhaft nach den feindlichen Schützen.

»Cole!«, brüllte sie. »Was siehst du?«

»Zwei-sechs-null!«, rief er im Gefechtslärm zurück und zeigte mit ausgestrecktem Arm wage nach links. »Ist nur einer! Der muss ...«

In diesem Moment rauschte eine zweite Präzisionskugel heran und bohrte sich mitten seine Brust. Er wurde von der Wucht des Aufpralls auf den Rücken geschleudert und rang mit aller Kraft um Luft. Seine Kevlarweste hatte die Kugel aufgehalten, doch seine schlecht verheilten Rippenbrüche ließen ihn vor Schmerz mit den Augen rollen.

»Cole!«, rief Sharon entsetzt. »Cole wurde getroffen!«

Apathisch kroch sie auf ihn zu. Dadurch bot sie den Angreifern ihren ungeschützten Körper jedoch selbst als Ziel.

»Sharon verdammt! Kopf runter!«, befahl Angel, aber bevor sie sie zurück in das Loch zerren konnte, erwischte Sharon das nächste Geschoss im Rücken. Röchelnd brach sie neben Cole zusammen, der sie in den Armen hielt und geistesgegenwärtig mit seinem Handballen auf die Wunde drückte. Die kleine Brille rutschte ihr dabei von der Nase und vergrub sich im blutgetränkten Sand. Inzwischen stellte nicht nur der Scharfschütze eine Gefahr dar, dessen Kugeln sich nun auf Cassidy und ihren Bruder konzentrierten, sondern auch die normalen Truppen, die trotz des Sperrfeuers unaufhörlich näher gerückt waren.

»Kim! Wir müssen da runter!«, rief Angel dem Rotschopf zu und deutete auf die Schlucht in ihrem Rücken.

»So lang sind unsere Seile nicht!«

»Dann knote sie zusammen! Lass dir was einfallen!«, befahl Angel und glaubte dabei selbst nicht ganz, auf was für eine Lösung sie gerade gekommen war. In ihrer von Höhenangst geplagten Gedankenwelt reichte die steile Felswand kilometerweit nach unten, aber sie hatten keine Wahl. Tief im Inneren wusste sie ohnehin, dass sie sich nicht abseilen, sondern die Flucht der anderen decken würde.

Kim blieb keine Zeit zum Überlegen, denn kaum hatte sie sich aus ihrer Stellung entfernt, zischten ihr die feindlichen Kugeln um die Ohren. Mit einem großen Satz hechtete sie in die Erdvertiefung hinein, wo Sharon neben den Rucksäcken nach Luft schnappte und um ihr Leben kämpfte. Kim wagte sich nicht mal im Traum auszumahlen, wie sie sie bei derart schwerem Beschuss in die Schlucht hinunterlassen sollten. Vorerst waren solche Gedanken jedoch rein akademischer Natur, denn erstmal musste sie ein stabiles Seil zusammenknoten, das bis zum Boden reichte.

Faith hatte von dem kühnen Plan Wind bekommen und wäre um ein Haar getroffen worden, als sie sich seitlich in den Graben hineinrollte, um Kim zu helfen. Gemeinsam verbanden sie die drei Bergsteigerseile mit geübten Knoten und zogen sie so fest sie konnten. Am liebsten wäre ihnen ein Testlauf mit den schweren Rucksäcken gewesen, doch dafür blieb keine Zeit mehr. Sie hielten das Ende mit vier Händen fest und schleuderten den Rest des Seils über den Rand der Schlucht. Als sie ein hartes Rucken verspürten, robbte Kim zur Klippe und spähte hinab.

»Es reicht!«, berichtete sie erleichtert. »Aber uns fehlt ein Fixpunkt!«

Weit und breit gab es keinen einzigen Felsen, dem sie ihr Leben anvertraut hätten, geschweige denn einen Baum oder etwas ähnlich stabiles.

»Bind es mir um den Fuß!«, befahl Angel und krempelte ihre sandfarbene Armeehose am rechten Bein hoch.

»Bist du verrückt? Wie willst du dann runterkommen?«

Angel antwortete nicht sondern riss ihr das Seil aus der Hand und knotete es sich selbst oberhalb des Knöchels fest. Zu allem Unglück schien auch noch der Sandsturm zurückgekehrt zu sein, der zunehmend den feinen Wüstenstaub über die Klippe in den Abgrund saugte.

»Dog, her mit dem Maschinengewehr! Ich halte sie auf, bis ihr unten seid!«

»Du kannst mich mal!«, grollte er. Anstatt ihrer Anweisung folge zu leisten, verschanzte er sich neben Angel hinter dem Sandwall.

»Das ist doch Wahnsinn!«, brüllte Kim, ohne zu wissen, woher das plötzliche Dröhnen um sie herum kam. »Wir lassen euch hier nicht zurück!«

»Das ist ein Befehl! Bring die anderen in Sicherheit!«, schrie Angel sie an, obwohl sie nur einen Meter von ihr entfernt war. Der Sturm nahm urplötzlich orkanartige Dimensionen an und saugte den Sand nicht länger an, sondern blies ihn der Gruppe entgegen. Das Dröhnen war unerträglich laut geworden und hörte sich zunehmend künstlich an.

Angel zog sich ihr braunes Halstuch bis vor die Augen und starrte durch einen kleinen Schlitz auf die Schlucht. Plötzlich erhob sich wie aus dem nichts ein schwarzer Hubschrauber mit blinkenden Positionslichtern und grollenden Rotorblättern über dem Schlachtfeld. Einen Augenblick lang stand das stählerne Monstrum fast still in der Luft und schleuderte ihnen Unmengen von Staub und leeren Patronenhülsen entgegen, dann rauschte das riesige Luftschiff auf einmal über ihre Köpfe hinweg.

Die Gruppe traute ihren Augen nicht, als auf den Seiten der antiken Kriegsmaschine rotierende Schnellfeuergewehre aufblitzten und die Sicarii binnen Sekunden in die Flucht schlugen. Im selben Moment tauchte ein zweites, baugleiches Ungetüm aus den Tiefen der Schlucht auf und unterstützte seinen Partner bei dem ungleichen Gefecht. Die unkoordinierte Gegenwehr prallte dabei nahezu wirkungslos an den gepanzerten Militärhubschraubern ab.

Das beeindruckende Schauspiel der fliegenden Schlachtschiffe besaß durchaus eine gewisse Ästhetik, allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mal Angel ein Auge dafür übrig. Sharon drohte an ihrem eigenen Blut zu ersticken, das in ihre Lungen gelaufen war. Cassidy und Faith stellten sich einmal mehr als eingespieltes Team bei der Verwundetenversorgung heraus, konnten aber für den Moment lediglich die Blutung stoppen. Kim nutzte die Feuerpause auf der Suche nach einem geeigneten Fixpunkt, damit sie Angel nicht zurücklassen mussten. Butch stand noch immer unter Schock, lehnte in dem Graben und betrachtete den Mond am Himmel durch das klaffende Loch in seiner Handfläche.

Nach ein paar Minuten hatten die beiden Hubschrauber ihre Jagd beendet und kehrten zurück. Der Erste flog unbeeindruckt über die zerschundene Gruppe hinweg und interessierte sich nicht im geringsten für die Neuankömmlinge. Das zweite Ungetüm hingegen schwebte wie zu Beginn am Rande der Schlucht und schien sich fast mit dem anderen zu streiten, der auf halber Strecke über den Canyon stoppte. Unterhalb des schweren Transporthubschraubers drehte sich eine Kugel, die wie ein riesiges Auge aussah, Angels Team unaufhörlich untersuchte und plötzlich einen blendenden Suchscheinwerfer einschaltete. Die gesamte Gruppe zog reflexartig die Köpfe ein, bis auf Sharon, die sich im Delirium in die Vergangenheit zurückversetzt fühlte. Instinktiv streckte sie ihren linken Arm in Richtung des Hubschraubers aus, der ihr schon einmal das Leben gerettet hatte, und versuchte, auf das Licht zuzurobben.

Die ganze Zeit über wirbelten die Rotoren tonnenweise Sand und Wüstenstaub auf, was Angel allmählich zu der Überlegung kommen ließ, dass ihnen die Unbekannten alles andere als freundlich gesinnt waren. Vielleicht debattierten sie gerade darüber, ob die kleine Gruppe ebenfalls zu Invasoren gehörte, die es zu bekämpfen galt. Bevor sie ihre Gedanken jedoch zu Ende führen konnte, kehrte der erste Hubschrauber um und kreiste über ihren Köpfen, während der Zweite zur Landung ansetzte, ohne dabei den Scheinwerfer abzuschalten. Kaum hatten die drei feststehenden Räder den Boden berührt, öffneten sich die großen Schiebetüren an den Seiten, aus denen zwei bewaffnete Männer in Kampfpanzeranzügen heraussprangen, die im Gegensatz zu einfachen Kevlarwesten den ganzen Körper schützten. Beide trugen militärische Sichthilfen, die wie eine Brille mit einem einzigen, durchgängigen Glas aussah, welches orangefarben glimmte. Sie kamen nicht näher, sondern bezogen kniend Stellung vor ihrem Fluggerät. Erst als die Pilotin ebenfalls ausgestiegen war und auf Angels Team zulief, folgten sie ihr mit angelegten Gewehren.

»Sharon! Was ist mit ihr passiert!?«, rief die Asiatin der verdutzten Gruppe zu, die bis auf Butch einen Kreis um die Verletzte gebildet hatten. Ohne auf eine Antwort zu warten, winkte sie ihren Leuten zu, die auf der Stelle umkehrten und eine zusammenklappbare Trage herbeischafften.

»Ihr kennt euch?«, fragte Angel lautstark, um das Dröhnen des ununterbrochen drehenden Rotors zu übertönen. »Hast du sie vor drei Jahren in die Wüste geschickt?«

Die Pilotin nickte. Ihr war sichtlich unwohl, als sie Sharon von den beiden Männern in den Hubschrauber tragen ließ. Die anderen folgten ihr bis zum Cockpit.

»Wir haben Platz für vier von euch!«, schrie sie und zeigte anschließend auf ihren Flügelmann, der nach wie vor über dem Schlachtfeld kreiste. »Danny wird den Rest evakuieren, aber er kann erst landen, wenn ich in der Luft bin, um ihm Deckung zu geben!«

Angel überlegte nicht lange, sondern befahl Cassidy und Faith aufzusitzen, damit sie Sharon während des Fluges weiter versorgen konnten. Cole blieb selbstverständlich auch bei ihr; ebenso wie Caiden, der seine Schwester nicht aus den Augen ließ.

»Wo bringt ihr uns hin?«, wollte Angel misstrauisch wissen.

»Weg von hier!«, erwiderte die Pilotin und setzte gerade ihren Fuß in das Cockpit, als eine Kugel wie aus dem nichts heranzischte und funkenschlagend am Hauptrotor abprallte.

»Danny! Scharfschütze auf zwei-sechs-null!«, brüllte die Asiatin in ihr Funkgerät. Sofort heulte der Motor des anderen Hubschraubers auf. Die Maschine vollführte auf der Stelle eine Hundertachtzig-Grad-Wende und rauschte auf die vermeintliche Richtung zu. Ein paar Sekunden später blitzte das Steuerbordgeschütz auf und durchpflügte den Boden.

»Wir müssen los!«, befahl die Pilotin ihren Männern und schlug die Cockpittür zu. Beim darauffolgenden Start schleuderte sie den Zurückgebliebenen mehr Staub um die Ohren, als sie je in einem Sandsturm erlebt hatten. Mit den Händen vor den Augen wich die Gruppe zurück. Ungeduldig warteten sie auf Danny, der sich alle Zeit der Welt zu lassen schien, ehe er sie aufnahm und über die Schlucht transportierte.