9 - Zeitreise

 

 

Die erste Viertelstunde des Fluges lehnte Angel unbeweglich mit angezogenen Beinen am Heck des Hubschraubers und krallte sich an stabil wirkenden Metallgriffen im Boden fest. Ihre Höhenangst sorgte schon in der Krone eines Pflaumenbaums für Atemnot und Schwindelanfälle. Dementsprechend stand sie ihrer Meinung nach kurz vor einem Herzinfarkt, als sie die silbergrau glänzende Mondlandschaft gut hundert Meter unter sich vorbeiziehen sah. Dog saß ihr gegenüber und grinste eine Weile hämisch, bis er die Bordschützen bat, die sperrangelweit offenstehenden Schiebetüren zu verriegeln. Die dreiköpfige Besatzung beäugte ihre Passagiere dabei wie unerwünschte Gäste und sprach kein Wort mit der zerschundenen Gruppe. Sie schienen immer darauf bedacht zu sein, eine Hand an der Pistole zu lassen und sie keinen Moment aus den Augen zu verlieren.

Als Kim in ihren Rucksack griff, um einen Verband für Butchs schwere Durchschussverletzung zu suchen, wäre die Lage beinahe eskaliert. Der Steuerbordschütze hielt ihr den kalten Lauf seiner Handfeuerwaffe an den Kopf, woraufhin Dog ihn am Hals zu Boden schmetterte und anschließend die Pistole des Backbordschützens in seinem Nacken spürte. Der Pilot ließ den Hubschrauber absichtlich einen Moment lang taumeln, wodurch Dog seinen Halt verlor und an die Bordwand geschleudert wurde.

»Nicht schießen! Nicht schießen!«, rief Kim am Türgriff klammernd. Sie zog ihren Verband mit den Fingerspitzen aus dem Rucksack und zeigte ihn der aufgebrachten Besatzung.

»Danny! Was ist denn da los?«, schallte es aus dem Cockpit.

»Nur ein Missverständnis«, erwiderte er mürrisch, steckte seine Pistole weg und brachte die Maschine zurück in Formation. Die beiden Bordschützen folgten widerwillig seinem Beispiel und ließen Kim ihren Kameraden verarzten. Dog rieb sich benommen den Hinterkopf, mit dem er hart an die Metalltür geprallt war. Angel hatte sich die ganze Zeit nicht rühren können und schien seit dem riskanten Flugmanöver kurz davor zu sein, sich vor versammelter Mannschaft zu übergeben.

Nach einer weiteren Viertelstunde überflogen sie vertraut aussehende Gebirgsausläufer und Angel fürchtete bereits, dass man sie in den Bergen aussetzen wollte. Stattdessen folgten die Hubschrauber jedoch einer guterhaltenen, zweispurigen Straße, die kilometerweit in die Felsen hineingesprengt worden war. Am Ende der künstlichen Schlucht erwartete sie ein riesiges Tal, in denen sich kaum erkennbare Strukturen eines wuchtigen Gebäudekomplexes abzeichneten. Die Umrisse glichen keiner Stadt, wie sie Angel oder ihre Kameraden je gesehen hatten, sondern erinnerten sie eher an Jesses Baumhaus.

Vor ihnen thronten modular aufgebaute Stahlkonstruktionen, die bis auf einen einzelnen Zugangsturm in der Mitte auf Säulen über dem Boden schwebten. Einige schienen quadratisch, andere wie langgezogene Baracken. Jeder Komplex war durch zylindrische Tunnel mit dem zentral gelegenen Hub verbunden. Die gesamte Anlage wirkte wie geschaffen für das Leben in einer von Sandstürmen geplagten Wüste. Die zweistöckigen Module wiesen allesamt um fünfundvierzig Grad abgeschrägte Fensterreihen auf, sowohl oben als auch unten, wodurch sie geradezu stromlinienförmig im Wind lagen. Der schwebeähnliche Zustand auf den massiven Stelzen erlaubte es den Stürmen nahezu unbehelligt ober und unterhalb des Komplexes vorbeizuziehen. Gewaltige Sandberge vor den Stahlsäulen deuteten darauf hin, dass die Anlage schon vor einigen Jahrzehnten errichtet worden war.

Cassidys Hubschrauber war bereits auf der Straße vor der abgedunkelten Basis gelandet. Aus dem Steuerbordfenster konnte Angel beobachten, wie Sharon auf ihrer Trage zu dem zentralen Turm geschafft wurde. Dort öffnete sich ein massives Stahltor, dessen grelles Licht aus dem Inneren die schwer verletzte Rangerin verschlang und sich hinter ihr wieder schloss.

Anschließend setzte Danny zur Landung an. Bevor Angel jedoch den Türöffner fand und endlich den herbeigesehnten festen Boden unter den Füßen spüren durfte, wurden die Luken von außen geöffnet. Zwei schwerbewaffnete Männer in kompletter Soldatenmontur befahlen den Passagieren mit angelegten Gewehren auszusteigen, ihre Waffen auszuhändigen und sich neben dem anderen Hubschrauber zu versammeln, wo eine Handvoll Soldaten bereits Cole, Cassidy und Faith bewachten. Angel entdeckte zusätzlich einen Scharfschützen auf dem Dach des Eingangsgebäudes, der nahezu perfekt getarnt zwischen einer Reihe riesiger Scheinwerfer hockte, die den Bereich um die Neuankömmlinge taghell erleuchteten. Selbst ohne die fliegenden Schlachtrösser mit ihren Schnellfeuergeschützen waren sie der Gnade der Unbekannten vollkommen ausgeliefert.

Kaum war die Gruppe wieder vereint, vernahmen sie ein metallisches Rumpeln auf der Straße, auf der sich kurz darauf ein schwerer Panzer den Berg hinauf kämpfte. Das Ungetüm war baugleich mit der improvisierten Straßensperre des Autobahntunnels, aufgrund dessen sie ihre Wagen hatten zurücklassen müssen. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Dies war dieselbe Gang, die Sharon vor drei Jahren aus den Fängen der Sicarii befreit und dann in die Wüste geschickt hatte.

Cassidy wurde sichtlich nervös, als der riesige Ares-Kampfpanzer nur zwanzig Meter vor ihnen wankend zum Stehen kam und dabei den feuerspuckenden Geschützturm auf sie ausrichtete. Kim und ihrem Bruder ging es ähnlich, Cole und Dog wollten einander keine Schwäche zeigen und taten so, als könnte sie der Anblick des Stahlmonsters nicht erschüttern. Faith hatte sich bewusst in die letzte Reihe gestellt und suchte nach bekannten Gesichtern. Angel stellte sich vor das Team und demonstrierte damit ihre Führungsverantwortung.

Fünf unendlich lange Minuten passierte nichts. Keiner der Soldaten schien entscheiden zu dürfen, was mit den Neuankömmlingen geschehen sollte. Erst als die Pilotin den zentralen Turm verließ und sich der Straße näherte, entspannten sich die Bewacher und ließen sie respektvoll passieren. Auf halbem Weg stoppte die Asiatin plötzlich und starrte verdutzt auf den Panzer.

»Fletcher! Halt dein Rohr gefälligst woanders hin!«, rief sie dem Kettenfahrzeug zu, woraufhin die umstehenden Soldaten zurückhaltend lachten und sich geradezu peinlich berührt über das Gesicht rieben. Skeptisch musterte Angel die kleine Frau in ihrer Pilotenmontur, die mit verschränkten Armen und wippendem Fuß darauf wartete, dass der riesige Ares ihrem Befehl Folge leistete. Es dauerte ein paar Sekunden, dann drehte sich der Geschützturm surrend zurück in seine Ausgangsposition und die Asiatin setzte ihren Weg fort.

»Sharon lebt - für den Moment«, berichtete sie, wohl wissend, dass dies die erste Frage an sie gewesen wäre. »Die Kugel hat ihren linken Lungenflügel zerstört und ist anschließend in der Speiseröhre steckengeblieben, falls ihr damit etwas anfangen könnt.«

Das erschütterte Zischen aus der versammelten Runde bewies ihr, dass sich ihre Gäste durchaus in menschlicher Anatomie auskannten. Derartige Verletzungen kamen bei den Rangern einem Todesurteil gleich.

»Das ist aber nicht das einzige Problem«, fuhr die Pilotin fort. »Sharon zeigt Anzeichen der Strahlenkrankheit und ... sie ist schwanger.«

»Strahlenkrankheit?«, wiederholte Angel verunsichert. Die Nachricht von der Schwangerschaft kam kaum überraschend, doch Fälle von Verstrahlung hatte es seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Im Kriegsgebiet der Ranger waren nie nukleare Sprengköpfe detoniert. Die Diagnose erklärte jedoch Sharons plötzliche Schwächeanfälle.

»Wann hat sie angefangen, sich regelmäßig zu erbrechen?«

»Das war kurz nach dem Überfall auf Eagle Village vor drei Wochen«, antwortete Cole. »Und dann jeden Morgen pünktlich wie ein Uhrwerk.«

»Ist das bei Schwangerschaften nicht normal?«, warf Cassidy ein.

»Unsere Scanner irren sich nicht«, rechtfertigte sich die Asiatin kopfschüttelnd. »Ein paar Tage nach der Verstrahlung folgt eine Phase der Besserung, bevor die Symptome wie Haarausfall und Übelkeit zwei Wochen später zurückkehren. Ihre Schwangerschaft könnte den Prozess allerdings völlig durcheinandergebracht haben.«

»Was ist mit der Basis?«, fragte Kim. »Lief da nicht ein Reaktor zur Stromversorgung?«

»Basis? Welche Basis?«, flüsterte die Pilotin nervös und trat dabei dichter an die Gruppe heran, so dass die Soldaten sie nicht mehr hören konnten.

»Ein Militärstützpunkt auf der anderen Seite des Gebirges«, antwortete Angel und zeigte in die Richtung der Berge, über die ihr Team gekommen war. Nachdem sie Jade die Position verraten hatte, war die Geheimhaltung ihrer Meinung nach nicht länger nötig. »Darunter befindet sich ein gigantischer Laborkomplex, in dem biologische Waffen erforscht wurden.«

»McKnight Air Force Base«, hauchte die Asiatin und ihre Augen drehten sich erschrocken in den Höhlen. »Wer von euch war noch dort unten?«

»Was ist das für ein Ding?«, wollte Angel wissen, bevor sie die Frage beantwortete.

»Da kommen wir her. Mein Vater war einer der leitenden Wissenschaftler, bis die Welt zusammenbrach und wir hierhin geflüchtet sind. Der Schutzmantel um den Reaktor war beschädigt, weshalb der Bunker darüber versiegelt wurde. Wie seid ihr da überhaupt reingekommen?«

»Was ist mit dem Equipment da unten? Ist das auch verstrahlt?«, bohrte Angel nach. Sie war besorgt um die Überlebenden im Kloster, die seit zwei Wochen Waffen aus der Basis bei sich trugen.

»Was habt ihr denn gestohlen?«, fragte die Asiatin und verschränkte die Arme, so als wäre sie enttäuscht, es doch nur mit einfachen Dieben zu tun zu haben.

»Gewehre, Handfeuerwaffen, Munition ...«

»Sonst nichts? Keine Flüssigkeiten oder Konserven?«

In diesem Moment rumorte es in Cassidys Bauch und sie erinnerte sich an die köstlichen Spaghetti aus der Dose, die sie in dem funkenschlagenden Zauberkasten erwärmt hatte.

»Dafür war die Zeit zu knapp. Euer Computer hätte uns beinahe lebendig begraben!«, erwiderte Angel erzürnt.

»Jason und Sharon mussten fünf Tage da unten ausharren und haben sich von den Konserven ernährt«, murmelte Cassidy und betete innerlich, dass eine einzige Portion noch kein Todesurteil sein würde. Die Pilotin raufte sich ihre kurzen Haare und kämpfte seit ihrer Ankunft mit einer violetten Strähne, die ihr immer wieder ins Gesicht fiel.

»Okay«, begann sie mit ausgestreckten Handflächen, um die Wogen zu glätten. »Die Waffenschränke sind versiegelt. Wenn ihr sie also nicht wochenlang in den Gängen gelagert habt, stellen sie keine Gefahr dar. Anders sieht es mit den Konserven aus. Ein oder zwei davon können bereits unangenehm werden. Längerer Konsum erklärt allerdings Sharons Symptome. Wer von euch ist Jason? Ist er auch krank?«

»Jason wurde von euren Experimenten umgebracht!«, antwortete Angel vorwurfsvoll.

»Was ist jetzt mit Sharon?«, wollte Cole ungeduldig wissen.

»Aufgrund ihres hohen Blutverlusts sieht es nicht gut aus«, erwiderte die Asiatin und wirkte dabei mindestens ebenso niedergeschlagen wie Angels Team. »Sie hat die seltene Blutgruppe Null Negativ. Die hat niemand von uns.«

»Ich hab Null Positiv«, brummte Butch. Wie alle anderen Einwohner der Freien Enklaven hatte er sich vor vielen Jahren darauf testen lassen.

»Mit der verletzten Hand kommst du aber kaum als Spender in Frage«, hielt die Pilotin dagegen. Unsicher sah sie in die Runde, bis Cassidy zögernd hervortrat.

»Steven meinte, ich hätte Null Negativ«, brachte sie verhalten hervor und hoffte, dass sie vor der Transfusion noch einmal getestet werden würde. Die Asiatin atmete erleichtert auf und winkte die Soldaten herbei.

»Wir müssen euch in Quarantäne nehmen, bis wir genau wissen, womit wir es zu tun haben. Eure Waffen erhaltet ihr zurück, wenn ihr uns verlasst«, erklärte sie und drehte sich anschließend zu den Wachen um. »Quarantäneblock eins!«

»Aber dein Vater hat gesagt ...«, warf einer der bewaffneten Männer ein. Er war Mitte zwanzig, im selben Alter wie Caiden, und bestach durch seine tiefen, misstrauischen Augenbrauen. Auf seinem Kopf tummelten sich lediglich hellbraune Haarstoppeln, die genauso lang wie sein Drei-Tage-Bart waren.

»Ich weiß, was er gesagt hat!«, erwiderte sie augenrollend. »Leon, ich regel das. Jetzt bringt sie hier weg!«

Angel verfolgte aufmerksam, wie die Pilotin zwar Befehle erteilte, aber definitiv keine Militärkommandeurin war. Der Scharfschütze auf dem Dach zog sich zurück, die Scheinwerfer wurden abgeschaltet und der Panzer rumpelte davon. Leon und seine Kameraden folgten ihren Anweisungen, weil sie es wollten, und nicht, weil sie dazu gezwungen waren.

In der Schleuse des zentralen Zugangsturms musste sich das Team von einem Röntgenscanner durchleuchten lassen, wo bei allen außer Cassidy versteckte Messer oder ähnliche Stichwerkzeuge zum Vorschein kamen. Faith führte den Rekord erwartungsgemäß an. Sie hatte sich schließlich im Kloster neu eindecken können. Diesmal verzichtete sie aber auf ein Bühnenstück wie in Silver Valley, um nicht unnötig aufzufallen.

Cassidy folgte der jungen Asiatin durch einen der kreisrunden Tunnel nach Norden zu den länglichen Gebäudekomplexen. An nahezu allen Wänden liefen unverkleidete Rohre und Kabelschächte entlang, die schmerzhafte Erinnerungen an die verfluchte Militärbasis wachriefen und sie zu erdrücken drohten. Schwarz-gelb gestrichene Geländer, klappernde Fußgitter und Treppen - alles schien aus Metall zu sein. Nirgendwo eine Spur von Beton, Holz oder gar Teppichen aus Stoff. Sämtliche Fenster waren mit schweren Stahlschotten verschlossen, um während der Nacht kein verräterisches Licht nach Außen dringen zu lassen. Die Anlage war zwar in einem weitaus besseren Zustand als die unterirdische McKnight Air Force Base im Hadesgebirge, zeigte aber dennoch deutliche Anzeichen von einigen Jahrzehnten des Verschleißes.

Als Cassidy nach gefühlten fünf Minuten in einen steril wirkenden Raum mit glänzenden Metalloberflächen und blutverschmiertem Boden geführt wurde, wäre sie am liebsten davongelaufen. Die endlos langen und schlecht beleuchteten Tunnel hatten sie bereits stark eingeschüchtert, doch der Anblick des OP-Tisches, auf dem Sharon mit geöffnetem Brustkorb um ihr Leben kämpfte, war zu viel für sie.

»Alles in Ordnung«, flüsterte ihr die Pilotin zu. »Dir wird nichts geschehen.«

Sharon lag in der Mitte des Raums hinter einem milchigen Vorhang, umstellt von einer Frau und einem Mann mit Brille, die in blaue Kittel gekleidet waren und weiße Mundschutze trugen.  Sharon selbst war bewusstlos. Ein Bildschirm an der Wand zeigte zusammen mit einem regelmäßigen Piepton ihren Herzrhythmus an. In ihrem rechten Arm steckte ein Tropf, dessen Funktion Cassidy bereits aus ihrer eigenen Krankengeschichte kannte. Ein transparenter Schlauch zur Beatmung war auf ihre Wange geklebt worden und führte direkt in ihren Mund hinein. Das Schauspiel wirkte auf Cassidy wie ein grausames Experiment, bei dem sie das nächste Versuchsobjekt werden sollte.

»Hast du jemanden gefunden?«, fragte die tiefe Stimme der Frau unter ihrem sterilen Mundschutz. Die Asiatin nickte und legte Cassidy auf eine fahrbare Krankenliege. Blut zu spenden war für sie nichts Neues. Angel hatte damit vor ihren Augen Johnny das Leben gerettet, aber die klaustrophobische Umgebung und die verschleierten Gesichter ließen sie zwei Herzschläge vor einer Panikattacke stehen.

»Ich geb ihr lieber etwas zur Beruhigung«, hörte sie die hochgewachsene Ärztin besorgt sagen. Die Frau kam auf sie zu und nahm ihre blutbespritzte Operationsbrille ab. Das grelle Deckenlicht blendete Cassidy, so dass sie nur ihre Augen erkennen konnte, von denen eins nicht dem anderen glich. Erst vermutete sie eine Störung der Augenpigmentierung, wie Kim sie ihr mit ihrem blauen und grünen Auge erklärt hatte, doch ein Auge der Ärztin schien sich in der Höhle zu drehen und sogar himmelblau zu leuchten. Kurz darauf spürte sie einen schmerzhaften Stich in ihrem Unterarm, gefolgt von einem unangenehmen Brennen. Einen Moment lang dachte sie daran, sich zu wehren und wegzulaufen, aber dann wurde ihr auf einmal alles egal und ein paar Sekunden später verlor sie das Bewusstsein.

 

***

 

»... verdammtes Chaos ... die Lunge muss raus ...«

»Doktor ... Blutdruck sechzig zu nichts!«

Cassidy hörte die Echos zweier Stimmen, eine männliche, erregt und unsicher, und einer weiblichen, tief und selbstbewusst, die weit entfernt über ihr Schicksal zu entscheiden schienen. Sie verstand nur kurze Satzfetzen, die für sie keinen Sinn ergaben.

»... schon zu viele Infusionen ... verdammt ... mehr Blut!«

»... kannst ihr nicht noch mehr abnehmen!«

»Ihr Körper verkraftet das ...«

Cassidy sah, wie sich die Silhouette des weißen Mundschutzes mit dem himmelblau leuchtenden Auge über sie beugte.

»Keine Angst!«, hörte sie die Ärztin mit dumpfer Stimme sagen.

Cassidy verstand nicht mal, wovor sie keine Angst haben sollte. Ihr Bild war verschwommen. Die Deckenlampen bildeten ein unscharfes Mosaik aus grellem Licht. Um sie herum roch es nach Blut und Chemikalien. Ein russischer, männlicher Akzent rief medizinische Fachbegriffe durch den Raum.

»... EKG zeigt Nulllinie ... Asystolie!«

Das regelmäßige Piepen von Sharons Herzrhythmus hatte sich in einen dauerhaften Pfeifton verwandelt.

»Jurij ... obere Schublade ... das Adrenalin!«

Cassidy schwenkte den Kopf in die Richtung der Stimmen. Sie sah die vermummte Ärztin zusammen mit dem Mann vor Sharons blutigem Operationstisch stehen. Er reichte der Frau mit dem leuchtenden Auge eine Spritze, die nichts mehr mit den vergleichsweise harmlosen Injektionsnadeln von Steven zu tun hatte. Sie war so lang wie Cassidys Hand und wurde von der Ärztin mitten in Sharons Brustkorb hineingestoßen.

 

***

 

Cassidy schreckte schweißgebadet hoch und war überzeugt, einen furchtbaren Alptraum durchlitten zu haben. Umgeben von absoluter Dunkelheit keimte in ihr die Hoffnung, in einem der Tunnel unterhalb des Hadesgebirges zu rasten. Vorsichtig tastete sie die Umgebung ab und stellte erschrocken fest, dass sie auf einem weichen Bett lag, das sie für einen Moment an den kurzlebigen Luxus ihres Quartiers in Silver Valley erinnerte. Wo hatte man sie hingebracht? Befand sie sich immer noch in dem schrecklichen OP-Saal?

Kaum reckte sie ihren Kopf nach oben, schaltete sich die Deckenbeleuchtung ein und ließ sie instinktiv die Hände vor dem Gesicht zusammenfalten. Vier grellweiße Strahler erhellten den Raum auf Tageslichtniveau, so dass sie kurzzeitig vollkommen geblendet war. Nachdem sich ihre Augen allmählich daran gewöhnt hatten, erkannte sie Umrisse von Metallwänden im fünfundvierzig-grad Winkel, die von der Decke bis zur exakten Mitte der Wand verliefen und dann senkrecht im Boden verschwanden. Im schrägen Teil waren drei dicke Fensterscheiben eingebaut worden. Schwer anmutende Metallschotts dahinter versperrten Cassidy die Sicht, so dass sie nicht erkennen konnte, ob es draußen Tag oder Nacht war.

Vor den Fenstern stand eine silbergrau gebürstete Metallkiste, in die problemlos Angels großes Scharfschützengewehr hineingepasst hätte. Private Fotos und ein einzelner Bildschirm auf einem alleinstehenden Schreibtisch, halboffene Kleiderschränke und deren unordentlich im Raum verteilter Inhalt ließen auf ein Privatquartier schließen. Das Einzelbett nahm fast ein Drittel des beengten Platzangebots ein, was mit Hilfe von Einbauschränken und allerlei Ablagen jedoch äußerst effizient genutzt wurde. Neben der massiven Eingangstür aus demselben mattbraunen Stahl wie alle Wände der Anlage stand ein schneeweißes Ledersofa, das als einziges herkömmliches Möbelstück durchging und keinesfalls zur Originalausstattung des eigenartigen Militärkomplexes gehören konnte. Darauf lag ein sauber zusammengefalteter Kleiderstapel, der aufgrund seiner ausnahmsweisen Ordnung auffiel. Im Türrahmen haftete ein laminiertes Foto mit Hilfe eines Magneten, das eine lachende Asiatin zeigte. Sie war Mitte dreißig, trug einen weißen Kittel und umarmte einen Mann, dessen Gesicht nicht zu erkennen war.

Als Cassidy sich kräftig genug fühlte, versuchte sie möglichst behutsam aufzustehen. Kaum setzte sie den ersten Fuß auf den eiskalten Kunststoffboden, flackerte der gläserne Bildschirm auf dem Schreibtisch auf.

»Guten Morgen Cassidy«, hörte sie eine blechern klingende Frauenstimme sagen. Cassidy hatte sich völlig unbeobachtet gefühlt und suchte reflexartig Schutz hinter dem Bett. Plötzlich bewegte sich die Liege jedoch wie von Geisterhand, wurde mechanisch surrend in die Wand gesogen und raubte dem erschrockenen Mädchen ihre Deckung. Barfuß tapste sie zu dem weißen Ledersofa und kauerte sich daneben zusammen.

»Ich wollte dich nicht erschrecken«, entschuldigte sich die ungewöhnlich klingende Stimme, als käme sie aus einem Funkgerät.

»Wo bist du?«, fragte Cassidy verunsichert und lugte vorsichtig hinter der Couch hervor.

»Diese Information ist für dich nicht zugänglich«, hallte es aus den Lautsprechern.

Cassidy verstand kein Wort. Dann aber entdeckte sie das hellgraue Gesicht auf dem Bildschirm. Es wirkte wie das einer Frau, jedoch völlig künstlich und nicht wie die Übertragungen der Kameras aus der verfluchten Militärbasis. Sie schien weder einen Körper noch Haare zu besitzen, dafür hellblau leuchtende Pupillen ohne Iris, die eher an Leuchtdioden als an menschliche Augen erinnerten.

»Wer bist du?«, fragte Cassidy verdutzt und traute sich dabei ein Stückchen hinter dem Sofa hervor.

»Ich bin die künstliche Intelligenz der Ian-Hawk-Biosphäre«, antwortete das Gesicht. »Mein Name ist Amy.«

»Und wo bin ich?«

»Du befindest dich im Quartier von Zhang Jiao, Sektion A, Ebene zwei. Sie hat dich nach deiner Bluttransfusion hierherbringen lassen, damit du dich außerhalb des Quarantäneblocks erholen kannst.«

»Wie geht es Sharon? Hat sie es geschafft?«

Das Gesicht erstarrte für einen Moment, die hellblauen Augen begannen unregelmäßig zu blinken und im Hintergrund liefen hunderte Zeilen unidentifizierbarer Datensätze über den Bildschirm.

»Die Vitalzeichen der Patientin liegen innerhalb normaler Parameter. Doktor Karen Webb hat die Schusswunde geschlossen. Das Projektil, ihr linker Lungenflügel und der tote Embryo wurden entfernt. Die letale Dosis der Verstrahlung wurde nicht erreicht. Ihre Prognose ist positiv. Genesungszeit ein bis drei Monate.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und verschwand mit einem dumpfen, metallischen Aufprall in der Wand. Inzwischen erschrak Cassidy nicht mehr bei jedem unbekannten Geräusch, sondern starrte neugierig in den vergleichsweise dunklen Korridor mit seinen unverkleideten Rohren und kalten Metallgitterböden. Sie fühlte sich wie Alice im Wunderland. Fliegende Schlachtrösser, aus denen ohrenbetäubende Geschütze feuerten, Betten, die von den Wänden verschluckt wurden, Computerbildschirme, die mit ihr sprachen. Als sie gerade den Kopf in den Flur stecken wollte, erschien die asiatische Pilotin in der Tür und wäre beinahe mit ihr zusammengestoßen.

»Entschuldigung!«, rief Jiao ihr amüsiert entgegen. »Amy hat mir gesagt, dass du aufgewacht bist. Wie geht's dir?«

»Ihre Vitalzeichen liegen innerhalb normaler Parameter«, antwortete die Computerstimme.

»Danke!«, erwiderte Jiao und rollte mit ihren Augen in Richtung Monitor. »Aber dich hab ich nicht gefragt!«

Das Gesicht auf dem Bildschirm zog die Mundwinkel nach unten, drehte sich beschämt aus dem Blickfeld und schaltete sich anschließend selbst ab.

»Amy ... so hab ich das nicht gemeint!«, fügte Jiao hinzu, doch das Display blieb schwarz.

Cassidy sah den beiden verständnislos zu. Unterhalb der verfluchten Militärbasis hatte sie bereits mit einem Computer Bekanntschaft geschlossen und wusste aus Gesprächen mit ihren Kameraden, wofür die Hightech-Maschinen vor dem globalen Zusammenbruch genutzt worden waren. Sie hatte jedoch noch nie von künstlichen Intelligenzen gehört, ganz zu schweigen davon, dass man sie beleidigen konnte.

»Jetzt wird sie wieder eine Fehlfunktion meines Kühlschranks simulieren«, grummelte Jiao frustriert und wendete sich anschließend ihrem Gast zu. »Karen meinte, du wärst ziemlich unterernährt. Nach der Blutsaugerei musst du unbedingt etwas essen. Auf der Couch liegen neue Klamotten für dich. Zieh sie an und lass uns gehen!«

Über den Flur verteilt lagen beidseitig zwölf Schotten zu weiteren Quartieren, getrennt durch den drei Meter breiten Korridor aus Metallgittern. Auf jeder Seite des langgezogenen Komplexes befand sich ein kreisrunder Zylinder, der Cassidy an die langen Stelzen erinnerte, die, von außen betrachtet, die gesamte Anlage aufgespießt hatten. In der Mitte führte eine Gittertreppe mit knallrot gestrichenem Geländer hinunter zur ersten Ebene. Zwei Arbeiter in blauen Overalls waren mit Schweißarbeiten an einem Verbindungsstück beschäftigt. Jiao warnte Cassidy vorsorglich davor, nicht direkt in die Flammen zu sehen.

In der unteren Etage herrschte gerade Hochbetrieb. Ein vollautomatischer Laderoboter, der aussah wie ein Gabelstapler ohne Führerhaus, transportierte schwer aussehende Maschinenteile quer durch die Biosphäre. Ein etwas kleinerer Roboter schien ihm eine Weile wie seinem großen Bruder zu folgen und beförderte Plastikkisten mit frisch geernteten Gurken und Paprikas in die nördlich gelegene Küche, aus der ein verführerischer Duft kam, der Cassidy sofort das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Jiao führte sie an dem geöffneten Stahlschott vorbei in den danebenliegenden Speisesaal, wo sich die Anwesenden bei ihrem Anblick prompt aufrecht hinsetzten. Sie zwinkerte den Männern im Vorbeigehen zu und lehnte sich über das glänzend polierte Fensterbrett der Essensausgabe in die gegenüberliegende Küche hinein.

»Maxwell?«

»Das Mittagessen ist noch nicht fertig!«, rief der Koch gereizt aus Richtung des Herds. Dabei fiel Cassidy auf, dass der Mann äußerst klein geraten war. Genauer gesagt erinnerte er sie an die Zwerge aus ihren Märchenbüchern, denn er musste sich auf einen Hocker stellen, um überhaupt in die Töpfe schauen zu können.

»Sind ein paar Sandwiches vom Frühstück übriggeblieben?«

Der Mann stieg routiniert von seinem Stuhl und ging auf einen silbergrau gebürsteten Kühlschrank zu, der wie die Kiste in Jiaos Quartier aussah. Nachdem er die beiden Türen geöffnet hatte, konnte Cassidy den Teller mit den Resten im obersten Fach sehen. Am liebsten wäre sie dem kleinwüchsigen Koch zu Hilfe gekommen, damit er nicht extra für sie seinen Hocker holen musste. Sie staunte nicht schlecht, als sich aus den Türen je drei Stufen ausklappten, die dem Zwerg bequemen Zugang zu allen Etagen gewährten. Wie selbstverständlich holte er das Tablett heraus, fuhr die Treppchen wieder ein und stellte die halbierten Doppelstullen auf das Fensterbrett zum Speisesaal.

»Danke!«, rief ihm Jiao hinterher, während Maxwell bereits winkend zu seinem Herd zurückkehrte. Sie schnappte sich ein Weichkäsesandwich und nahm anschließend den Teller mit zu einem freien Tisch.

»Guten Appetit!«, murmelte sie mit vollem Mund. Das ließ Cassidy sich nicht zweimal sagen, zumal sie nach den Strapazen der letzten Tage wirklich ausgehungert war. Kaum hatte sie sich umgedreht, erstarrte sie jedoch vor Erstaunen.

Die Wand gegenüber der Essensausgabe bestand aus einem riesigen Aquarium, das vom Boden durch die Decke bis in die obere Etage hineinreichte. Aus dem feinen Sandboden wuchsen grüne Algen und farbenfrohe Korallen, in denen unzählige Fische umherschwammen. Die kleineren zeigten Farbfacetten, die Cassidy noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatte, andere glänzten silbrig und waren so groß, dass sie offenbar zum Verzehr gezüchtet wurden. Zwei handtellergroße Tauchroboter klebten an der Fensterscheibe und rutschten gleichmäßig daran entlang, um sie zu säubern. Ein paar Wasserschnecken folgten den künstlichen Artgenossen und schienen deren Arbeit aufmerksam zu kontrollieren.

»Nun erzähl mal«, nuschelte Jiao und drängte Cassidy gleichzeitig beherzt an einen der Tische. »Was macht ihr hier?«

»Krieg ... Süden ... Sicarii ...«, brachte Cassidy hervor, ohne ihren Blick während des Essens von dem Aquarium zu nehmen.

»Wie habt ihr euch denn geschlagen?«

Mit so einer Frage hatte Cassidy nicht gerechnet. Normalerweise wollten die Leute etwas von den Opfern wissen, schimpften über die barbarischen Gangs oder vermieden das Thema vollkommen. Noch nie hatte jemand so beinahe gleichgültig reagiert. Sie schluckte ihren Bissen herunter und schilderte ernst die Geschehnisse der vergangenen Wochen, beginnend bei der verfluchten Militärbasis. Jiao hielt sich äußerst bedeckt, als sie von den blutrünstigen Killerbestien erzählte, lachte aber amüsiert, als Cassidy den funkenschlagenden Zauberkasten erwähnte, in dem sie ihre Spaghettidose erwärmt hatte. Die Schlachten um Eagle Village und Silver Valley kommentierte sie mit anerkennendem Nicken, ebenso wie Cassidys Gefangenschaft, während der sich das Mädchen nicht hatte unterkriegen lassen. Der romantisch angehauchte Zusammenschluss von Rangern und Vultures ließ Jiao erröten und verlegen mit den Augen rollen. Bei der Rettungsaktion in Brackwood, nach der Jade ihnen den Weg gewiesen hatte, wurde sie wieder ernst. Die Details über Faith verschwieg Cassidy vorerst.

»Jade ...«, wiederholte Jiao, als Cassidy mit ihrer Geschichte am Ende war, und rieb sich dabei an einer beinahe unsichtbaren Schnittwunde auf ihrem rechten Oberarm. »Wir sind uns ein paar Mal begegnet.«

»Dann führt ihr also immer noch Krieg gegen die Sicarii?«, fragte Cassidy. Faith hatte ihr schließlich erzählt, dass es einen Waffenstillstand gab.

»Nein«, antwortete Jiao kopfschüttelnd. »Seit gut einem Jahr gibt es einen Friedensvertrag. Sie haben jede einzelne Schlacht verloren, aber wir verfügen nicht über endlose Vorräte an Kerosin und Munition. Mein Vater hat ihnen klargemacht, dass wir keinerlei Interesse an ihren Welteroberungsplänen haben, solange sie sich von uns fernhalten.«

»Aber warum habt ihr uns dann geholfen und sie angegriffen?«

»Die Schlucht gilt als Grenze zwischen deren selbsternanntem Imperium und uns. Jede Überschreitung ihrerseits bedeutet das Todesurteil für die Eindringlinge. Mein Vater vertritt die Auffassung, dass es besser ist, wenn sie uns fürchten, ohne zu wissen, was sie auf unserer Seite erwartet.«

»Wir waren doch noch nicht auf eurer Seite, oder?«

»Nein, allerdings haben die zuerst auf uns geschossen. Wahrscheinlich galten die Kugeln euch, aber das ist uns in so einem Fall egal. Die Sicarii wissen genau, dass jedwede Aggression entlang des Canyons mit Gewalt beantwortet wird. Aller Voraussicht nach trifft im Laufe des Tages einer ihrer Boten an der Schlucht ein, um sich für den Zwischenfall zu entschuldigen.«

»Jiao«, hallte Amys Computerstimme aus einem Lautsprecher neben dem Aquarium. »Zhang Yuen verlangt, dich in seinem Büro zu sehen.«

»Jaja, ich komm ja schon«, antwortete sie genervt. »Das ist mein Vater. Er ist hier der Boss und verhört gerade eure Anführerin. Hat diese Angel Ahnung von Diplomatie?«

»Ganz und gar nicht!«, entgegnete ihr Cassidy, die sich an den letzten Streit zwischen Angel und General Monroe erinnerte, bei dem sie ihm sein geliebtes Schachspiel vom Tisch gefegt hatte.

»Dann sollten wir uns das Spektakel nicht entgehen lassen!«, erwiderte Jiao. Sie stellte den Teller auf das Fensterbrett und führte Cassidy durch die klaustrophobischen Korridore und Verbindungstunnel zurück zum zentralen Turm mit dem gewaltigen Aufzug. Von dort aus ging es nach Norden in eine weitere Röhre bis in einen L-förmigen Komplex, vor dem ihnen zwei Wachen zunickten und sie passieren ließen.

Die obere Etage bestand aus einem großen Raum mit unzähligen Computerterminals und riesigen Bildschirmen an den Wänden, von denen einer defekt flimmerte. Drei Biosphärenbewohner saßen an den gläsernen Schalttafeln und tippten abwesend darauf herum. Zwei weitere standen an einem großen, beidseitig verwendbaren Glasbildschirm in der Mitte, wo sie mit einem Stift eine Art Einsatzplanung einzeichneten. Durch die geöffneten Stahlschotten an den Fenstern konnte man die goldbraune, morgendliche Gebirgslandschaft erkennen, zwischen der sich die Biosphäre versteckte. An den Berghängen glänzten hunderte von Solarzellen in unterschiedlichsten Größenordnungen, die von einem Trupp vollautomatischer Flugroboter per Luftgebläse gesäubert wurden, die sich mit Hilfe von vier kleinen Rotoren in der Luft hielten. Jiao hörte ihren Vater bereits durch die Tür seines Büros am anderen Ende der Kommandozentrale mit Angel streiten und wartete geduldig, bis sie an der Reihe war.

»... ist mir egal, wer ihr seid oder warum euch die Sicarii aus euren Hinterwäldlerdörfern gejagt haben! Ranger, Vultures ... das ist für mich alles dasselbe! Jiao hätte euch niemals hierher bringen dürfen, und sobald diese Sharon wieder aufgewacht ist, werdet ihr dahin zurückgebracht, wo sie euch gefunden hat!«

»Redet dich dein Dad immer mit dem Nachnamen an?«, fragte Cassidy verblüfft, als Jiao gerade die Augen aufgrund des Taktgefühls ihres Vaters gen Himmel rollen ließ. Sie starrte Cassidy einen Moment lang verwirrt an, bis sie verstand, worum es ging und affektartig lachen musste.

»Amy hat mal wieder geplaudert, hm? Bei uns Chinesen sagt man den Nachnamen zuerst. Jiao ist mein Vorname, Zhang der Familienname. Aber eigentlich brauchst du dir keins von beidem zu merken. Bis auf unseren pedantischen Computer und meinen Vater nennen mich alle Violet oder einfach Vi«, erklärte sie und wischte sich dabei zur Verdeutlichung ihre violette Haarsträhne aus dem Gesicht.

In diesem Moment öffnete sich die Doppeltür zu Yuens Büro mit einem dumpfen Zischen. Sie war weit weniger massiv als die üblichen Schotts und dementsprechend auch nicht schallisoliert. Angel wurde von Leon eskortiert, der Jiao unmissverständlich zu verstehen gab, dass er sich nicht um diesen Befehl gerissen hatte.

»Yuen will dich sehen«, brummte Angel frustriert.

»Sorry«, murmelte Jiao etwas verlegen. »Er ist kein Freund von Veränderungen.«

Angel nickte ihr schulterzuckend zu und ließ sie vorbei. Kurz darauf schlossen sich die Doppeltüren hinter Jiao. Leon schlug den beiden vor, im Aufenthaltsraum der Wohnsektion auf ihre Rückkehr zu warten. Gleichzeitig bat er sie, die Lounge nicht zu verlassen, und bot ihnen im Gegenzug an, sie nicht auf Schritt und Tritt zu begleiten, nachdem er sie dorthin eskortiert hätte. Angel stimmte den Bedingungen zu und spazierte mit Cassidy aus der Kommandozentrale heraus, zurück durch die unheimlichen Tunnel bis zum Erholungsbereich oberhalb der Küche und dem Speisesaal.

Das Aquarium reichte tatsächlich über beide Stockwerke hinauf bis zur Decke. Die Außenschotten waren inzwischen geöffnet worden und das Licht des hellblauen Himmels strahlte durch die massiven Fenster, die vermutlich sogar Gewehrkugeln aufhalten konnten. Als sich Angel und Cassidy neugierig den scheuen Fischen näherten, überraschte sie plötzlich eine weibliche Stimme von der Sitzbank gegenüber des Aquariums, der sie offenbar die Sonne gestohlen hatten.

»Na, hat euch der Alte rausgeworfen?«, fragte die Frau beim Aufstehen und schüttelte den beiden die Hände. »Ich bin Doktor Webb, die wahrscheinlich einzige Ärztin im Umkreis von zehntausend Kilometern!«

Cassidy erinnerte sich an ihre tiefe Stimme unter dem Mundschutz und dem himmelblau schimmernden, rechten Auge. Die hochgewachsene Frau schien ihren Titel mit großem Stolz zu tragen, was Angel dazu verleitete ihr zu entgegnen, dass sie bis vor kurzem einen äußerst fähigen Chirurgen namens Steven gekannt hatte.

»Oh ja, ich hab gehört, wie euch die Sicarii direkt in unsere Arme getrieben haben«, pflichtete ihr Dr. Webb bei und biss von einem Schokomuffin ab. »Verdammte Bastarde. Wenn ihr mich fragt, hätten wir denen schon vor Jahren Manieren beibringen sollen!«, nuschelte sie mit halbvollem Mund.

»Was ist mit Sharon und ihrem Baby?«, wollte Angel wissen.

»Oh ja, eine schlimme Sache das«, begann die Ärztin zu erzählen, legte ihren Muffin beiseite und steckte sich ihre blonden Haare hoch. »Die verdammte Strahlung hat dem Kind keine Chance gelassen. Ich musste den Embryo entfernen, um eure Freundin zu retten. Ihre Schussverletzung war weitaus schwieriger zu behandeln. Eine Weile stand es wirklich auf Messers Schneide, aber dank der Blutspende deiner jungen Kameradin hier wird sie es überleben.«

»Und dann werdet ihr sie zum zweiten Mal in die Wüste schicken?«, fragte Angel vorwurfsvoll, was von der respektgewohnten Doktorin mit einem Naserümpfen gewürdigt wurde.

»Jetzt hör mir mal zu, Fräulein!«, begann sie mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich habe ihr das Leben gerettet und mich dafür eingesetzt, dass sie wenigstens einen verdammten Monat von mir versorgt wird! Hüte also besser deine Zunge, wenn du mit mir sprichst!«

So hatte noch nie jemand mit der autoritären Kommandeurin geredet und Cassidy wäre um ein Haar schlichtend eingeschritten; aus Rücksicht auf die ältere Dame. Auch Leon kam sofort herbeigeeilt, um eine eventuelle Eskalation zu verhindern. Stattdessen überraschte Angel sie beide mit einer für ihre Verhältnisse demütigen Entschuldigung und bat offen um Verzeihung für die unbedachten Äußerungen.

»Schon gut«, beschwichtigte Dr. Webb gönnerhaft und klopfte Leon dabei beruhigend auf die Schulter. »Ich verstehe ja, dass ihr von da draußen rohere Umgangsformen gewohnt seid.«

Die ganze Zeit hatte Cassidy ihren Blick nicht von Dr. Webbs ungewöhnlichem Auge nehmen können, was von der Ärztin freilich nicht unbemerkt geblieben war.

»Na?«, neckte sie Cassidy. »Es ist das Auge, oder?«

Das Mädchen nickte beschämt. Krüppel mit verlorenen Gliedmaßen oder schweren Verbrennungen waren in der Endzeitwelt keine Seltenheit und eigentlich hatten ihr ihre Eltern beigebracht, sie nicht anzustarren. Dr. Webb schien es ihr jedoch nicht übel zu nehmen und fuhr mit stolzer Stimme fort.

»Das ist ein chirurgisches Augenimplantat, mit dem ich so scharf wie ein Adler sehen kann!«, erklärte sie, holte gleichzeitig ein biegsames Metallstäbchen hervor und zeigte auf den runden, stecknadelgroßen Kopf. »Außerdem kann ich Sonden wie diese damit steuern und mir das Bild direkt ins Auge holen.«

Da Angel und Cassidy sie nun gleichermaßen verständnislos anschauten, holte sie noch etwas weiter aus.

»Amy, leg doch mal bitte das Bild der Sonde auf einen Monitor.«

Unter den Fensterschotten aktivierte sich daraufhin ein kleiner Bildschirm, der Cassidy zeigte, nachdem Dr. Webb ihr die Sonde vor die Nase hielt.

»Seht ihr?«, sagte sie und drehte ihr Implantat in der Augenhöhle, wodurch sich der Sondenkopf entsprechend mitdrehte. »Mit einem winzigen Schnitt kann ich mich damit wunderbar in euren Eingeweiden orientieren.«

Anschließend ließ sie die Sonde wieder in ihrer Tasche verschwinden und schaltete den Monitor ab.

»Nun muss ich aber nach meiner Patientin sehen. Genießt den Tag, ihr zwei!«

Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Kaffeebecher und stolzierte mit ihrem halb aufgegessenen Schokomuffin in der anderen Hand in den Fahrstuhl hinter der Stahlsäule.

»Wo sind unsere Leute?«, fragte Cassidy, als sie mit Angel wieder allein war.

»Noch immer in Quarantäne. Die ist allerdings angenehmer als jede Baracke aus Silver Valley«, antwortete sie. »Sie haben Butch versorgt und uns genug zu essen gegeben. Die Fenster sind fest verschlossen, aber dafür ist der Raum an das Klimasystem der Biosphäre angeschlossen.«

»Kannst du dir vorstellen, hier zu leben?«

»Vorstellen?«, wiederholte Angel und blickte amüsiert auf ihr Spiegelbild im Aquarium. »Jetzt weiß ich, warum Jade uns hierher geschickt hat!«

»Du hast doch nicht vor ...«, erwiderte Cassidy verunsichert.

»... einen Zwei-Fronten-Krieg gegen einen Gegner zu beginnen, der uns im Handumdrehen auslöschen würde?«, unterbrach sie Angel mit hochgezogenen Augenbrauen, was ihre Schülerin wieder beruhigte. »Nein. Noch nicht.«

Bevor Cassidy auf ihren herausfordernden Blick reagieren konnte, kämpfte sich Jiao haareraufend die Treppe hoch.

»Also manchmal möchte ich ...«, rief sie den beiden mit geballten Fäusten zu. »Er will euch loswerden, am liebsten noch heute.«

»Was wird dann aus Sharon?«, fragte Cassidy. Sie hatte nicht im Traum damit gerechnet, hierbleiben zu dürfen.

»Ihr geht nirgendwohin!«, stellte Jiao mit erhobenen Handflächen klar. »Karen lässt ihre Patienten nicht gehen, ehe sie gesund sind.«

Nun fühlte Angel sich beinahe schuldig, der hochgewachsenen Ärztin so respektlos gegenübergetreten zu sein. Zum Glück hatte sie ihre Menschenkenntnis um Verzeihung bitten lassen.

»Ich hab meinen Vater davon überzeugen können, dass wir erfahren müssen, warum euch die Sicarii direkt an der Grenze angegriffen haben. So einen Zwischenfall hat es seit dem Waffenstillstand nicht mehr gegeben.«

»Und wie wollt ihr das anstellen?«, fragte Angel skeptisch. Jiao zog daraufhin ein biegsames E-Paper aus ihrer weißen Jeans, tippte ein paar Mal darauf und drückte es ihr anschließend in die Hand.

»Das sind zwei Stunden alte Luftaufnahmen von eurem Schlachtfeld entlang der Schlucht. Anhand der Erdverwerfungen im Umkreis der toten Sicarii kann man gut erkennen, dass es sich um einen geplanten Hinterhalt gehandelt hat«, erklärte Jiao.

»Aber wir saßen da stundenlang wie auf dem Präsentierteller. Warum haben die nicht eher zugeschlagen?«, warf Cassidy ein.

»Zur Zeit des Angriffs wütete ein Sandsturm der Stärke neun über dem Zielgebiet«, hallte plötzlich Amys Stimme aus Lautsprechern um sie herum.

»So unfähig sind die nun auch wieder nicht«, pflichtete Jiao der künstlichen Intelligenz bei. Angel und Cassidy zuckten jedoch zusammen und begriffen erst langsam, dass sie im Inneren der Biosphäre nie unbeobachtet sein würden.

»Woher stammen diese Aufnahmen?«, wollte Angel skeptisch wissen.

»Von einer unserer Überwachungsdrohnen«, antwortete Jiao unbekümmert, was Angel wiederum wie ein Blitzschlag mitten ins Herz traf. Schon drei Mal waren ihnen die neugierigen Fluggeräte begegnet. Kurz nach der Schlacht von Eagle Village, vor dem Überfall auf Silver Valley und anschließend während der Bergtour.

»Wenn ihr nicht mit den Sicarii zusammenarbeitet, wieso habt ihr uns dann ausspioniert?«, fragte sie frei heraus, woraufhin Jiao sie verwirrt anstarrte.

»Wir? Euch ausspioniert? Wir sind nie südlich des Gebirges aktiv gewesen. Warum sollten wir das tun?«

»Wer außer euch hat denn noch Zugriff auf solche Flugkörper?«, bohrte Angel unbeirrt nach.

»Niemand!«, protestierte Jiao empört. »Das ist Teil unserer Vereinbarung mit den Sicarii! Die haben einen Vertrag unterschrieben, der es ihnen untersagt, ohne unsere Kenntnis eine eigene Luftwaffe aufzubauen oder hochentwickelte Luftabwehrsysteme einzusetzen!«

Angel kniff argwöhnisch die Augenlider zusammen und versuchte, eine Lüge in ihren braunen Schlitzaugen zu entdecken. Die offensichtliche Verwunderung, der Zorn über die gebrochenen Abkommen und der reflexartige Protest überzeugten sie jedoch von ihrer Aufrichtigkeit.

»Irgendjemand bei den Sicarii nutzt diese Dinger und hat damit all unsere Siedlungen ausgelöscht. Vielleicht weiß dein Vater ja etwas darüber«, sagte Angel in einem bewusst ruhigen Tonfall. Jiao nickte verunsichert und kehrte umgehend in das Kommandozentrum zurück.

»Glaubst du ihr?«, fragte Cassidy, während sie der aufgebrachten Pilotin hinterhersah.

»Sie hat mir sofort geantwortet, sich nichts zusammengereimt und ständig Blickkontakt gehalten«, antwortete Angel nickend und drehte sich anschließend besorgt zu ihrer Schülerin um. »Aber ich traue ihrem Vater nicht«, flüsterte sie, damit sie die künstliche Intelligenz nicht hören konnte. Ob es funktionierte, wusste sie nicht. Zumindest schien Amy sich nicht zu einer Antwort hinreißen zu lassen.

Gemeinsam warteten sie gespannt auf Jiaos Rückkehr und labten sich so lange mit Leons Erlaubnis an dem öffentlichen Wasserspender des Erholungsraums. Die ersten Biosphärenbewohner machten bereits einen großen Bogen um sie und zeigten sich wenig begeistert davon, dass die Neuankömmlinge ihren Aufenthaltsraum blockierten. Der junge Soldat mit seinem gepflegten Drei-Tage-Bart erwies sich dabei als zuverlässiger Vermittler und erklärte den gereizten Zivilisten, dass die beiden Frauen den Bereich nicht verlassen durften.

Für eine Weile wurde er von einem Kameraden mit russischem Akzent unterstützt, den er Angel und Cassidy als Sergej vorstellte. Der kurzgeschorene Rotschopf war ebenfalls Mitte zwanzig und wirkte, genau wie Leon, gebildet und durchtrainiert. Umso mehr wunderte es sie, dass Sergej erst vor gut fünf Jahren zusammen mit seinem Bruder Jurij in die Biosphäre eingezogen war. Jurij wurde seit einiger Zeit von Dr. Webb zum Assistenzarzt ausgebildet, da sie ihren Job nicht ewig weiterführen könnte, während Sergej sich den Verteidigungstruppen angeschlossen hatte. Nicht alle Bewohner gehörten zur Stammbesatzung oder hatten auf der Krankenstation das Licht der Welt erblickt. Mitunter war ganzen Familien ein Bleiberecht gewährt worden, wenn sie sich dem zivilisierten Tagesablauf unterordnen und ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen wollten.

Das änderte sich jedoch buchstäblich über Nacht, als die Sicarii das Gebiet westlich der Schlucht für sich beanspruchten und Saboteure in die Biosphäre einzuschleusen versuchten. Seit dem hatte Jiaos Vater keinem Fremden mehr Zutritt zur Basis gestattet. Nun verstanden Angel und Cassidy die Tragweite von Jiaos eigenmächtiger Entscheidung und den Zorn ihres Vaters.

Nach fast einer Stunde kehrte sie endlich zurück. Jiao wirkte immer noch schockiert, lächelte aber dennoch siegesbewusst.

»Mein Vater war äußerst ungehalten«, berichtete sie und machte mit ihren hochgehaltenen Händen deutlich, dass sie damit keineswegs übertrieb. »Ich fahre gleich morgen ins Sicariigebiet, um herauszufinden, was da los ist.«

»Du allein?«, fragte Cassidy ungläubig. Jiao war nicht viel älter als sie und höchstens Anfang zwanzig.

»Ich habe da ein paar ... Kontakte«, entgegnete sie etwas zögerlich. Als Leon und Sergej bei ihren Worten leise zu lachen begannen, warf Jiao ihnen einen giftigen Blick zu und tadelte die beiden anschließend mit Ignoranz, indem sie sich wieder Angel zuwendete.

»Ich treffe mich mit einem unserer Informanten in Arnac, dem Zentrum der Provinz Cor Decat westlich der Schlucht. Von dort werden wir herausfinden, woher die Sicarii ihre Drohnen haben und warum sie das Abkommen missachten.«

»Ihr habt Informanten bei den Sicarii? Und ihr könnt einfach so in deren Siedlungen hinein?«, erwiderte Angel verwirrt. Für sie war der Feind eine Gang wie jede andere gewesen, wenn auch besser organisiert und strukturiert. Sie hatte Jades Worte über das Imperium allerdings eher für eine Form von Größenwahn gehalten.

»Nein«, antwortete Jiao kopfschüttelnd. »Es gibt zwar Händler, die uns gelegentlich mit Gebrauchsgütern gegen Medizin oder so versorgen, aber da die Sicarii unser Abkommen gebrochen haben, werde ich mich ihnen ganz sicher nicht zu erkennen geben.«

»Kannst du uns mitnehmen?«, fragte Angel, ohne lange nachzudenken. Eine bessere Chance, unbemerkt in Feindesland vorzudringen, würde sie nicht bekommen.

Jiao zögerte und blickte Leon und Sergej fragend an. Die beiden zuckten mit den Schultern und zogen sich dadurch gekonnt aus der Affäre.

»Und was hast du vor, wenn du erstmal da bist?«

Angel hätte ihr eine Liste so lang wie ihre Beine mit Dingen aufzählen können, die sie den Sicarii antun wollte, aber sie war pragmatisch genug, ihren Rachedurst vorerst zurückzuhalten.

»Mehr als fünfhundert von unseren Leuten verlassen sich darauf, dass wir einen Weg finden, die Sicarii davon abzubringen, sie alle zu versklaven«, begann sie diplomatisch. »Ihr habt einen Vertrag mit denen ausgehandelt. Sag du mir, ob es nicht vielleicht auch eine Chance für uns gibt.«

Jiao legte den Kopf zur Seite und versuchte abzuschätzen, wie viel Wahrheit in Angels Worten lag. Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie gar keinen großen Bluff aufbauen müssen. Seit ihrem Zusammentreffen mit Jade hielt sie eine friedliche Übereinkunft nicht mehr für ausgeschlossen. Immerhin hatte sie ihr Dog und Faith zurückgegeben und den Weg zur Biosphäre gezeigt, wo sie tatsächlich etwas Hilfe zu bekommen schienen.

»Meinetwegen. Aber nur ihr zwei. Und mein Vater sollte davon besser nichts erfahren, bis wir weg sind!«

»Einverstanden«, stimmte Angel nickend zu.

»Ich hab außerdem noch eine gute Nachricht für euch«, fuhr Jiao fort. »Angesichts eurer Informationen hat unser weiser Anführer entschieden, dass ihr vielleicht doch von Nutzen für uns sein könntet. Fürs Erste dürft ihr bleiben, bis Sharon genesen ist. Wann das ist, entscheidet Karen, und nicht mein Vater. Für diese Zeit stehen euch zwei unbenutzte Quartiere auf dieser Ebene zur Verfügung, die ihr untereinander aufteilen könnt, wie es euch passt. Nummer dreizehn und vierzehn, Sektion A. Direkt gegenüber von meinem Zimmer.«

Cassidy freute sich überrascht. Angel hingegen wurde aufgrund des plötzlichen Sinneswandels sofort wieder misstrauisch, entschied sich aber, für den Moment darauf einzugehen. Jiao erklärte, dass ihrem Team der Speisesaal, der Erholungsraum und die Krankenstation offenstanden. Dr. Webb schien einen Anfall von Mitleid gehabt zu haben, denn sie bot allen Neuankömmlingen einen medizinischen Check-up an.

Jiao warnte die beiden jedoch im selben Atemzug davor, unerlaubt andere Bereiche der Biosphäre zu betreten oder zu versuchen, den Komplex ohne Begleitung zu verlassen. Dem Basiscomputer Amy würde nichts entgehen. Außerdem bestand ihr Vater auf die ständige Präsenz zweier Soldaten im Erholungsraum, was laut Jiao eher zur Beruhigung der Einwohner gedacht war.

 

***

 

Den Rest des Tages erkundete das aus der Quarantäne entlassene Team die kulinarische Vielfalt der Küche, spielte Tischfußball und Tischtennis im Aufenthaltsraum oder genoss eine ausgiebige Dusche im Gemeinschaftsbadezimmer der Wohnsektion. Außerdem war der Muffinvorrat der Biosphäre schon nach kurzer Zeit aufgebraucht, woraufhin Maxwell einige Extrableche backen musste, was er den Neuankömmlingen aber nicht sonderlich übel nahm. Er murmelte irgendetwas davon, dass Jiaos Bekanntschaften aus der Wüste regelmäßig über die kleinen Kuchen herfallen würden.

Angel versuchte Jiao über die McKnight Air Force Base auszufragen, die ihrem Team als verfluchte Militärbasis in Erinnerung geblieben war. Sie bestätigte zurückhaltend die Forschung an neuartigen Waffensystemen, von denen das Wolfsrudel nur ein Projekt von vielen gewesen sei. Die inzwischen gealterten Wissenschaftler sprachen jedoch so gut wie nie von ihrer damaligen Arbeit. Fast schien es, als hätten sie sich gegenseitig ein Schweigegelübde auferlegt. Obwohl sich in der Basis mit Sicherheit noch große Mengen an brauchbaren Versorgungsgütern wie Medizin oder Waffen befanden, waren Expeditionen mit Hilfe der Hubschrauber von Yuen strikt untersagt worden. Sie konnte die Erzählungen über das blutrünstige Wolfsrudel kaum glauben und zeigte sich bestürzt, als sie von Jasons und Matthews Schicksal erfuhr.

In den letzten zwei Jahrzehnten hatten sich die Wissenschaftler neuen Aufgabengebieten zugewandt. Sie forschten nun hauptsächlich, um ihr eigenes Leben zu verlängern. Augmentierungen und Bioimplantate waren zur Zeit des Untergangs gerade kurz vor der Marktreife gewesen und wurden nun mit drastisch reduzierten Ressourcen weiterentwickelt. Zuchtprogramme wie das riesige Aquarium erfreuten sich ebenfalls großer Beliebtheit, aber auch unterschiedlichste Obst- und Gemüsesorten gediehen von Jahr zu Jahr besser in den hermetisch abgeriegelten Biosphärensegmenten. Ganz zu Schweigen vom Kaffeeanbau, der oberste Priorität genoss. Die Bewohner stellten sogar wieder hochentwickelte Medikamente her, die bei den Sicarii als nahezu unbezahlbare Handelsware galten.

Des Weiteren versuchten die Akademiker, möglichst viel von ihrem Wissen an ihre Nachkommen weiterzugeben. Auf den Gängen der Biosphäre tummelte sich eine komplette Schulklasse von Kindern, die meisten davon bereits in der dritten Generation seit dem globalen Zusammenbruch. Besonders die jüngeren zeigten großes Interesse an den Neuankömmlingen, da sie die Basis so gut wie nie verlassen durften. Sie wurden jedoch von ihren Eltern dazu angehalten, keinen Kontakt mit Angels Team aufzubauen.

 

***

 

Cassidy ließ sich nach dem gemeinsamen Mittagessen von Jiao durch die Biosphäre führen. Mit Ausnahme der McKnight Air Force Base war der Komplex die einzige Hightech-Konstruktion der alten Welt, die sie je zu Gesicht bekommen hatte. Schon ein funktionierender Fahrstuhl faszinierte sie mindestens ebenso, wie der funkenschlagende Zauberkasten namens Mikrowelle, dessen Funktionsweise ihr Jiao nun endlich erklärte.

In Begleitung durfte Cassidy sogar einige der abgesperrten Bereiche der Biosphäre betreten. Voller Stolz zeigte Jiao ihr eines der Gewächshäuser am nördlichen Ende der Anlage, in dem Gemüsesorten wie Gurken oder Paprikas von künstlichen UV-Lampen bestrahlt und computergesteuerten Bewässerungsanlagen versorgt wurden. Eine komplette Halle mit achtstöckigen Pflanzenkästen galt allein dem Kaffeeanbau.

Neben den Gewächshäusern zeigte sie Cassidy auch den Zoo, wie Jiao das Segment zur Nutztierhaltung nannte. Zweihundertfünfzig Hühner teilten sich das dreißig Meter lange und fünfzehn Meter breite Modul mit einer Handvoll Ziegen. Den Hühnern standen dabei drei abgedunkelte Ställe mit genügend Schlafstangen und Nestplätzen zur Verfügung, in denen sie laut Jiao mit großer Regelmäßigkeit Eier legten. Vom Auskehren und Säubern abgesehen, kümmerte sich Amy den ganzen Tag lang um die Tiere. Die Hühner beschäftigte sie, indem sie kleine Früchte über eine Rüttelanlage in kniehohen Heuhaufen versteckte oder einen Kopfsalat von der Decke hängen ließ, zu dem die Tiere hochsprangen, um Stücke herauszureißen. Hin und wieder hielt sie den Hühnern auch einen Spiegel vor die Nase, mit dem sie sich stundenlang auseinandersetzen konnten.

Die Ziegen durften sich an einer Striegelstation nach Belieben verwöhnen lassen, die wie eine Miniaturautowaschanlage aussah. Zusätzlich hatten fleißige Arbeiter ein halbes Dutzend alter Betonrohre und Kabeltrommeln aus Holz mit Durchmessern von bis zu drei Metern ausfindig gemacht und im Ziegengehege zu einem Spielplatz zusammengebaut. Es gab sogar eine vier Meter lange Rutsche, die in einem sicheren Heuhaufen endete und besonders von den Zicklein gern genutzt wurde.

Über das Belüftungssystem und die automatischen Fensterschotten hatten die Tiere immer frische Luft und einen geregelten Tagesablauf. Zwei große Heizstrahler sorgten für warme Plätze zum Sonnen und Ausruhen. Bei Streitigkeiten oder Verletzungen konnte Amy sofort einschreiten und das in Bedrängnis geratene Tier mit ihren Greifarmen in Sicherheit bringen, bis die alarmierten Tierpfleger zur Stelle waren. Generell schien sich die künstliche Intelligenz äußerst liebevoll um das Vieh zu kümmern. Jiao war überzeugt, dass sie nicht nur aufgrund ihrer Programmierung, sondern auch aus eigenem Antrieb mit den Tieren spielte. Manchmal redete sie sogar mit ihnen, schimpfte mit störrischen Ziegenböcken oder zu raffgierigen Hühnern, die ihren Artgenossen nichts abgeben wollten.

Zu Beginn sahen die Bewohner das Vieh lediglich als nützliche Nahrungslieferanten an und behandelten sie entsprechend. An den Wänden stapelten sich noch immer ein paar alte Geflügelkäfige, in denen die Hühner kaum Bewegungsspielraum hatten. Mit Schaudern erinnerte sich Jiao an ihre Kindheit zurück, in der sie ihren Vater anbetteln musste, den Tieren ein komplettes Modul zur Verfügung zu stellen. Heutzutage erachteten es selbst die konservativsten Wissenschaftler als völlig selbstverständlich, dass auch kurzlebige Nutztiere einen geeigneten Lebensraum benötigen. Mit ihrem berufsbedingten Einfallsreichtum hatten sie es außerdem geschafft, Technologien zur Erzeugung von Ersatzfleisch aus Stammzellen wiederzuentdecken, um den Speiseplan abzurunden und die Massentierhaltung zu begrenzen. Künstliche Protein- und Vitaminpräparate sorgten ohnehin für eine jederzeit ausgeglichene Ernährung.

Cassidy hätte am liebsten den ganzen Tag im Zoo verbracht, aber Jiao konnte sie davon überzeugen, dass noch andere Bereiche der Biosphäre auf sie warteten. Manche Tore waren allerdings fest verschlossen. Jiao erklärte Cassidy, dass sich dahinter Reinräume zur Medizinherstellung oder schwere Maschinenanlagen der Stromerzeugung und Wasserversorgung befanden, in denen es zu gefährlich für sie sei.

Ein leergeräumter Zugangstunnel im westlichen Teil der Biosphäre war jedoch schon sehr weiträumig abgesperrt worden. Rote Warnleuchten an den Wänden und zwei aufmerksame Wachsoldaten hielten sogar die einfachen Bewohner der Anlage davon ab, die Labore zu betreten. Jiao gab vor, selbst nicht zu wissen, an was ihr Vater und sein innerer Kreis von Wissenschaftlern im Segment mit der Bezeichnung »NOVA« arbeiteten. Vor dem Krieg mit den Sicarii hatte es keine vergleichbaren Sicherheitsmaßnahmen gegeben. Als Dr. Webb mit einem Kaffeebecher in der Hand aus dem abgesperrten Sektor kam, setzten sie ihre Besichtigungstour in den offenen Bereichen der Biosphäre fort, damit Cassidy nicht unnötig Ärger bekommen würde.

 

***

 

Nachdem Kim von den Luftaufnahmen aus sicariianischem Gebiet erfahren hatte, unternahm sie einen erfolglosen Versuch, Einsicht in Fotos von Brackwood oder dem Pass über die Berge zu erhalten. Zhang Yuen dementierte wiederholt die Präsenz eigener Drohnen in den südlichen Wastelands. Und selbst wenn es Aufnahmen des Passes gäbe, würde man sie ihr nicht einfach zeigen, nur weil sie darum ersuchte. Mit großen Worten erklärte er ihr, dass sämtliche taktisch relevanten Informationen der Geheimhaltung unterlägen.

Als Kim gegen Mittag gemeinsam mit Butch zum Essen in der Kantine eintraf, behauptete sie, die kalten Blicke der Biosphärenbewohner auf ihrer Gänsehaut spüren zu können. Dannys Hubschrauberbesatzung saß zusammen mit einem älteren Soldaten an einem Tisch in der Ecke und hatte das Geplänkel an Bord offensichtlich noch nicht vergessen. Erst als sich Sergej mit seinem Bruder Jurij ungefragt zu Kim und Butch setzte, löste sich die Spannung.

»Ihr kriegt wohl nicht oft Besuch, oder?«, fragte Kim, um ein Gespräch anzustoßen und sich dankbar für die Gesellschaft zu zeigen.

»Das ist die A-Mannschaft«, nuschelte Sergej mit vollem Mund und zeigte auf Danny. Er verschlang sein halbes Hähnchen mit den Händen, wie es sich für einen Barbaren aus der Wüste geziemte.

»Das heißt ... was?«

»Das heißt, dass die von Beginn an zur Crew gehörten«, erklärte Jurij, nachdem er den vorangegangenen Bissen heruntergeschluckt hatte. Als angehender Arzt zeigte er etwas mehr Fingerspitzengefühl als sein Bruder und nutzte Besteck, um sein Essen zu zerkleinern. »Danny und seine Leute sind Nachkommen der Stammbesatzung der McKnight Air Force Base. So wie Jiao. Der Alte da neben ihm ist Gordon. Der war früher Hubschrauberpilot, bis Jiao ihn seinen Job gekostet hat.«

»Die haben es nicht gern, wenn sich Fremde in ihrer Biosphäre breitmachen«, fügte Sergej hinzu. Dabei beugte er sich über den Tisch, damit ihn die anderen in der Ecke nicht hören, wohl aber sein verschwörerisches Verhalten sehen konnten. Er grinste hämisch in Dannys Richtung, ehe er seinen Kopf zurückzog und den Flügel von seinem Huhn abriss.

»Sind aber zum Glück nicht alle so«, beruhigte sie Jurij. »Fletcher und seine Jungs sind in Ordnung und Jiao wickelt eh fast alle um den Finger.«

»Ganz besonders Leon!«, lachte Sergej und klatschte sich dabei mit seinem Bruder in die Hände. »Nur Danny und seine Spinner würden sich am liebsten von der Welt abkapseln.«

»Ignoriert die einfach und geht ihnen aus dem Weg«, empfahl Jurij.

Butch und Kim schwiegen, um sich nicht versehentlich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Sie folgten dem Rat und verließen den Speisesaal zur selben Zeit wie Jurij und Sergej. Butch verabschiedete sich kurz darauf und wollte das Aquarium im Erholungsraum genauer untersuchen.

Kim kehrte allein in ihr Quartier zurück, wo sie stumm die Beine auf dem Bett zusammenzog und sich fragte, was sie die nächsten Tage machen sollte. Angel hatte ihr gegenüber einen Plan angedeutet, war aber nicht ins Detail gegangen.

»Willst du ein Spiel spielen?«, hallte plötzlich Amys Stimme durch den leeren Raum, so dass Kim vor Schreck zusammenzuckte.

»Ich ... eigentlich ...«

Ihr fehlten die Worte. Sie war mit ihren Gedanken bei Johnny gewesen und es nicht gewohnt, ohne Vorwarnung, wie etwa einer sich öffnenden Tür, angesprochen zu werden.

»Ich habe gehört, dass ihr gerne Karten spielt!«, flötete Amys Stimme fröhlich aus den Lautsprechern. Auf dem Bildschirm des Schreibtischs erschienen Spielkarten, die von ihr gemischt und verteilt wurden. »Du fängst an!«

Nun packte Kim die Neugierde. Sie rappelte sich vom Bett auf und setzte sich auf den Bürostuhl, um das Bild besser erkennen zu können. Es war nicht ihre erste Begegnung mit Computern, daher verstand sie schnell, wie sie die Karten mit ihrem Finger auf dem Bildschirm bewegen musste. Nach ein paar Minuten hatte sie das gesamte System begriffen und verlor kurz darauf vollkommen ihr Zeitgefühl. Amy schien sie anfangs bewusst gewinnen zu lassen und steigerte mit der Zeit den Schwierigkeitsgrad, bis Kim sich nur noch auf ihre Karten konzentrieren konnte und dabei Johnny und ihre Probleme für eine Weile vergaß.

 

***

 

Faith hockte unterdessen stundenlang unbemerkt im Schatten einer der gewaltigen Säulen und musterte die vorbeigehenden Biosphärenbewohner. Sie konnte niemanden entdecken, der Scarlet auch nur annähernd ähnelte. Gemeinsam mit Caiden berichtete sie seiner Schwester am späten Nachmittag von ihrer Vermutung, dass Jade sie aufgrund ihrer für tot erklärten Meisterin hierher entsandt hatte.

Gleichzeitig bestätigte sie Jiaos Erzählungen von den Handelsinteressen der Sicarii, warnte sie aber im selben Atemzug davor, aufzufallen. Der Versuch, aus Mitleid einen Sklaven zu befreien, dürfte ungeahnte Folgen nach sich ziehen, ebenso wie fehlender Respekt gegenüber dem Imperium. Jades Amulett könnte ihnen zwar aus vielen bedrohlichen Situationen heraushelfen, würde jedoch von den Bacchae nicht unbemerkt bleiben. Außerdem war es Cassidy nach wie vor unmöglich, Angel davon zu erzählen, ohne ihre Quelle preiszugeben.

Caiden und Faith gingen den Biosphärenbewohnern so gut wie möglich aus dem Weg. Sie nahmen die Treppe, anstatt den Fahrstuhl zu blockieren, setzten sich im Speisesaal ganz nah an die Tür, um die guten Plätze am Aquarium freizulassen, und beschäftigten sich lediglich mit Büchern aus der für sie freigegebenen Bibliothek. Niemand sollte Notiz von der Bacchae nehmen. Im Gegenzug versprach Cassidy, in Arnac für Faith Augen und Ohren offenzuhalten.

 

***

 

Dog entdeckte während seiner eigenen Erkundungstour den Trainingsraum, wo er Leon zu einem Boxkampf herausforderte. Sergej diente ihnen als Schiedsrichter über satte zwölf Runden. Dabei genügte es Dog nicht, den zehn Jahre jüngeren Soldaten mehr als einmal beinahe auf die Bretter zu schicken. Wann immer eine Runde beendet war, warf er Leon vor, dass ihn das Leben in der vollklimatisierten Biosphäre schwachgemacht hätte und er ohnehin nicht gegen einen abgehärteten Barbaren wie ihn gewinnen könnte.

Am Ende gewann Dog nach Punkten, hätte aber auch keine weitere Runde durchgehalten. Das hinderte ihn natürlich nicht daran, den restlichen Tag lang mit seinem Sieg zu prahlen.

 

***

 

Dr. Webbs Angebot des medizinischen Check-ups wurde von allen Teammitgliedern außer Faith genutzt, die um ihr verräterisches Tattoo auf dem Rücken fürchtete. Kims Schrapnellsplitterwunde hatte sich entzündet, weil sie während der anstrengenden Bergtour immer wieder aufgerissen war. Butch erhielt so viele Schmerzmittel, dass er das zusammengenähte Loch in seiner Hand kaum noch spürte.

Cole lehnte die Untersuchung zunächst ab, da er seine Rippenbrüche als persönliche Schwäche betrachtete, die er nur ungern mit anderen teilte. Nur Steven aus Silver Valley hatte ihn bisher genauer untersuchen dürfen, da er sich auch nach dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems noch an die ärztliche Schweigepflicht gebunden fühlte. Als Dr. Webb davon erfuhr, versicherte sie ihm, dass sie und Jurij denselben Eid geleistet hatten.  Daraufhin willigte Cole ein und ließ sich zum ersten Mal in seinem Leben röntgen.

»Meine Güte«, hauchte die Ärztin beim Betrachten der Bilder. »Wie lange ist das denn her?«

»Achtzehn Jahre«, antwortete Cole brummig. Er kannte sein Handicap aus den Berichten von Steven, hatte die gebrochenen Rippen jedoch bisher nie selbst zu Gesicht bekommen. Entsprechend neugierig starrte er auf die Projektionswand. Dr. Webb hätte aber vermutlich auch einen geröntgten Affen aufhängen können, ohne dass ihm der Unterschied aufgefallen wäre.

»Kann man da noch was machen?«

Die blonde Ärztin, die ihn immerhin um einen halben Kopf überragte, wippte mit ihrem hochgesteckten Haar hin und her, als würde sie das Für und Wider gegeneinander abwägen. Sie blickte Jurij fragend an, der nach kurzer Überlegung etwas zurückhaltend nickte.

»Jein«, sagte sie behutsam und zeigte auf die Bruchstellen. »Wir müssten deinen Brustkorb öffnen, diese drei Rippen erneut brechen oder zersägen, das Knorpelgewebe entfernen und sie anschließend mit einem Gitternetz aus Knochengranulat fixieren, um sie sauber zusammenwachsen zu lassen.«

Cole stockte der Atem. Bei ihren Worten lief er kreidebleich an, was Dr. Webb und ihren Assistenten zu einem süffisanten Schmunzeln verleitete.

»Das machen wir natürlich alles unter Vollnarkose.«

Als sich sein schockierter Gesichtsausdruck noch immer nicht veränderte, ergänzte Jurij mit seinem russischen Akzent, »Du wirst dabei schlafen!«

»Und ... wie lange dauert das?«

»Na so vier bis sechs Stunden«, spekulierte die Ärztin.

Nun entspannte sich Cole zum ersten Mal und verschränkte die Arme vor seinem geschundenen Oberkörper.

»Ihr könnt das so schnell zusammenwachsen lassen?«, fragte er beeindruckt. Als Jugendlicher war er monatelang mit großen Schmerzen durch die Abwasserkanäle seiner alten Stadt gekrochen, bis er endlich wieder aufrecht zu stehen vermochte. Er hatte von den Wundern moderner Medizin gehört und würde den beiden die Behauptung wohl ohne weiteres abnehmen, wenn Dr. Webb nicht im selben Moment die Tränen vor Mitleid über den unwissenden Barbaren gekommen wären.

»Ich hab natürlich nur von der Operation geredet!«, erklärte sie. »Anschließend wirst du dich gut einen Monat neben eure Freundin legen und kaum bewegen dürfen.«

»Einen Monat!«, platzte es aus Cole heraus. »Völlig unmöglich!«

»Ich bin Ärztin«, erwiderte Dr. Webb mit resigniert verschränkten Armen. »Ich sage meinen Patienten nur, wie es um sie steht. Was sie daraus machen, liegt bei ihnen selbst.«

Cole griff nach seiner Uniform und war schon in Begriff, die Krankenstation wieder zu verlassen, da rief ihn Dr. Webb zurück, öffnete ihren Arzneisafe und holte einen himmelblauen Inhalator hervor.

»Bei Atemnot am Mund ansetzen, tief einatmen und dabei drücken. Dann kriegst du wieder Luft.«

Cole sah das unbekannte Geschenk argwöhnisch an und probierte es zur Sicherheit auf der Stelle aus.

»Da sind nur hundert Ladungen drin!«, tadelte ihn die Ärztin mit erhobenem Zeigefinger. »Und hör auf zu rauchen! Das macht die Sache nur noch schlimmer!«

Anschließend scheuchte sie ihn aus ihrer Krankenstation und ließ von Jurij nacheinander die anderen Teammitglieder holen, denen sie eine hervorragende Gesundheit bestätigte, abgesehen von unzähligen Blessuren und leichten Fällen von Unterernährung. Nach einer genaueren Begutachtung von längst verheilten Schusswunden räumte sie ein, dass Dr. Steven trotz seines barbarischen Lebensstils ein erstklassiger Chirurg gewesen sein musste, was laut Jiao einer kleinen Erschütterung von Dr. Webbs Weltbild gleichkam. Kim gab im Laufe ihrer Behandlung jedoch zu, dass Steven oft an den unsterilen Operationsmethoden verzweifelt war, aufgrund derer er häufiger Patienten verloren hatte, als durch die eigentlichen Verletzungen.

Nach dem Ende der Untersuchungen wich Cole den ganzen Tag kaum von Sharons Seite. In den Bergen waren die beiden zu mehr als Freunden geworden, doch mit seinen Aufklärungsmissionen und ihrem Gesundheitszustand hatten sie nie lange Zeit für sich allein gefunden. Nun sah er es als seine Pflicht an, der noch zerbrechlicher als zuvor wirkenden Rangerin beizustehen. Auch Jiao gesellte sich zu Sharon, wann immer Cole eine Pause einlegte. Sobald er jedoch zurückkehrte, verließ sie die Krankenstation wieder.

 

***

 

Angel entschied sich, den Nachmittag im Erholungsraum zu verbringen. Sie zweifelte sehr daran, dass sie am nächsten Tag einfach so in die sicariianische Provinz fahren konnten und Auskunft erhalten würden. Nach der anstrengenden Gebirgsüberquerung wollte sie sich daher zumindest einen Tag der Ruhe gönnen.

Zu ihrer freudigen Überraschung teilte Butch ihre Idee und sonnte sich mit geschlossenen Augen unter den großen Panoramafenstern ohne die Gefahr einer UV-Verstrahlung.  Der Verband um seine rechte Hand wies einen roten Blutfleck auf, aber die Schmerzen schienen sich in Grenzen zu halten. Als er Angels Schatten auf seinem Gesicht spürte, öffnete er die Augen und blinzelte sie zufrieden an.

»Na? Hast du sowas erwartet?«

Entspannt ließ Angel sich auf den bequemen Couchring um die dicke Stahlsäule herum fallen und atmete einmal tief durch.

»Victor hätte das hier sicher gefallen«, fuhr Butch fort. »Kannst du dich daran erinnern, wie er den Truck von deinem Schoßhündchen untersuchen wollte?«

»Dog hätte mir dafür am liebsten den Hals umgedreht«, antwortete Angel nickend. »Du weißt, dass das alles nur Schein ist. Die werden euch rauswerfen, wenn Sharon wieder auf den Beinen ist und wir nichts finden, um unsere Präsenz zu rechtfertigen.«

»Wie ... euch?«, fragte Butch verdutzt. »Wo gehst du denn hin?«

Angel biss sich auf die Unterlippe und starrte an die Deckenlautsprecher. Sie wusste natürlich, dass Lautsprecher nur Töne abgaben und nicht aufzeichneten, war sich aber sicher, dass neben jedem davon ein Mikrofon in der Wand steckte. Konspirativ beugte sie sich zu Butch herüber und flüsterte ihm ins Ohr.

»Cassidy und ich fahren morgen mit Jiao zu den Sicarii.«

»Die Kleine nimmt euch einfach mit?«, wunderte sich Butch brummig.

»Euer Versuch, meinen akustischen Sensoren durch eine reduzierte Lautstärke zu entgehen, war nicht erfolgreich«, hallte Amys künstliche Stimme aus einem einzelnen Lautsprecher direkt unter der Panoramascheibe.

Angel und Butch zuckten zusammen wie ein altes Ehepaar, das bei einer völlig unmoralischen Beschäftigung von einer neugierigen Nachbarin erwischt worden war.

»Na toll«, knurrte Angel und setzte sich aufrecht hin.

»Zhang Yuen wird nichts von eurem Plan erfahren«, versicherte Amy und schaltete gleichzeitig einen kleinen Monitor neben dem Lautsprecher ein, auf dem ihr künstliches Gesicht auftauchte. Einen Augenblick schien es sogar so, als würde sie sich über die Reaktion der beiden lustig machen.

»Wieso nicht?«, fragte Angel. »Bist du nicht darauf programmiert, alles aufzuzeichnen?«

Sie ließ absichtlich durchblicken, dass Amy nicht der erste Computer sei, dem sie in ihrer langen Laufbahn als Schrottsammlerin in den Wastelands begegnet war. Nun kicherte die künstliche Intelligenz ganz offensichtlich und verzog dabei ihre hellblauen Augenbrauen und Mundwinkel, wie es ein Mensch tun würde.

»Ich weiß ja nicht, mit was für Computern du bisher zu tun hattest, aber ich bin durchaus in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen!«

»Und wieso hast du dich entschieden, uns zu helfen?«, fragte Butch frei heraus. Sein technisches Sachverständnis endete mit dem Motor seines geliebten Pick-ups. Das bedeutete aber auch, dass er Amy viel schneller als natürliche Person akzeptierte, als es ein erfahrener Computerexperte tun würde. Für ihn glich das ganze Cassidys Erfahrung mit einer Mikrowelle. Sie funktionierte einfach. Das Wie oder Warum waren für ihn zweitrangig.

Amy verzog unterdessen das Gesicht und wirkte beinahe so, als wäre sie auf frischer Tat beim versuchten Diebstahl an Großmutters Keksdose ertappt worden.

»Ich bin der Meinung, dass ihr eine Chance verdient habt, eure Leben zu retten«, antwortete sie ausweichend.

»Das erklärt immer noch nicht, warum du das tust!«, bohrte Angel nach und lehnte sich dabei nach vorn. Sie verstand nicht ganz weshalb, aber sie spürte, dass sie Amy am sprichwörtlichen Haken hatte.

»Diese Information ist für dich nicht zugänglich.«

Angel ließ sich mit einem Seufzen zurück auf die runde Couch fallen. Jiao hatte Cassidy und ihr diesen Standardsatz erläutert. Er bedeutete, dass Amy keinesfalls weitere Auskünfte preisgeben dürfe. So hatte sie Cassidys Frage nach ihrem Aufenthaltsort als Suche nach der Lage ihres Computerkerns interpretiert, der sich in einem Bunker unterhalb der Biosphäre befand, zu dem selbstverständlich kein Fremder Zutritt hatte.

»Gebt euch dennoch keinen Illusionen hin«, fügte Amy hinzu und unterstrich ihre Worte mit einem erstarrten Gesicht auf dem Monitor. »Ich sehe alles, höre alles und bin überall. Meine Priorität ist die Sicherheit der Bewohner der Ian-Hawk-Biosphäre. Ich werde jeden Versuch unterbinden, dieser Installation zu schaden oder gegen direkte Befehle von Zhang Yuen zu verstoßen. Auch deine Aussagen über einen möglichen Zwei-Fronten-Krieg gegen die Sicarii und uns sind nicht unbemerkt geblieben.«

Butch warf Angel einen vorwurfsvollen Blick zu und zog die Augenbrauen hoch.

»Aber ... das war doch nicht ernst gemeint!«, versuchte sie sich zu verteidigen. »Sag es ihr!«, befahl sie Butch. »Sag ihr, dass ich immer so rede!«

»Du musst verstehen«, gab der Mechaniker sarkastisch zu, nachdem er sich wieder zurückgelehnt hatte. »Sie ist erst seit kurzem eine von uns und war früher ...«

Er machte eine Pause und suchte ganz offensichtlich nach der perfekten Mischung aus Wahrheit und Zynismus, bis ihm Amy zuvorkam.

»Angel, richtiger Name unbekannt«, hallte es aus dem Lautsprecher und ein rotierendes, dreidimensionales Bild von ihr erschien auf dem Monitor. »Aufgewachsen als Nomadin im Anschluss an den globalen Zivilisationskollaps. Sklavin der Chimeras seit 2057. Sklavin der Vultures seit 2058. Wird kurz darauf rekrutiert und steigt zur Kommandeurin auf. Trägt den Titel Schlächterin von Archer Hill seit ihrer Rache an den Chimeras im Jahr 2060. Gefangenschaft bei den Rangern im Jahr 2067 ...«

»Schon gut!«, protestierte Angel mit erhobenen Händen, als hätte sie Angst, dass die argwöhnisch vorbeigehenden Biosphärenbewohner zu viel mitbekommen würden. »Woher wisst ihr das alles?«

»Was glaubst du, macht ein Computer wie ich in der Zeit, in der niemand nach einer Auskunft verlangt oder mit dem Fahrstuhl fährt?«, konterte Amy und ließ dabei die Punkte ihres Gesichts auf dem Bildschirm tanzen. »Ich schlafe nicht und messe meine Freizeit in Nanosekunden.«

»Wenigstens kennt nicht mal sie deinen richtigen Namen!«, gackerte Butch.

Angel vergrub ihr Gesicht unter ihren Händen und versank in den Couchkissen. Sie starrte zwischen ihren Fingern hindurch auf das fröhlich lächelnde Antlitz des Computers, der so völlig anders war als die komplizierten und häufig defekten Maschinen, mit denen sie es bisher zu tun bekommen hatte. In diesem Moment schaltete sich der Bildschirm ab und Amys Stimme hallte aus nahezu allen Lautsprechern gleichzeitig.

»Achtzehnhundert! Ares-Schichtwechsel! Panzercrew Zwei zum Zugangsturm!«

»Was geht denn jetzt?«, wunderte sich Butch, als hinter ihm drei Männer und eine Frau in Uniform aus einem der Wohnsegmente kamen und in den Fahrstuhl stiegen. Er stand zusammen mit Angel auf und beugte sich über das Panoramafenster. Sie konnten den Zugangsturm von ihrer Position aus nicht sehen, hatten sich aber gemerkt, dass er rechts von ihnen in südlicher Richtung lag, und warteten, was geschehen würde.

Ein offener Jeep brauste kurz darauf unter ihnen hindurch und fuhr die vier Soldaten zur Schlucht, über die sie am Vortag die beiden Hubschrauber geflogen hatten. Fünf Minuten später kehrte er mit der abgelösten Panzerbesatzung zurück. Einer davon erinnerte Angel an den untersetzten Asiaten, den Sharon bei ihrer Geschichte als Kommandeur des Kampfpanzers beschrieben hatte. Er ließ sich von seinen Männern auf der Zugangsstraße absetzen und wollte offenbar den Rest des Weges spazieren gehen. Angesichts der Enge in seiner Blechbüchse war es daher auch kein Wunder, wie er sich streckte und sogar ein paar Kniebeugen machte. Angel fühlte sich fast wie eine Voyeurin, als sie dem dicken Mann bei seinen vergleichsweise plumpen Übungen zusah. Butchs hingegen presste seine Nase an das warme Glas, als der Soldat anschließend einen schwarzen Zigarillo hervorholte, ihn anzündete und genüsslich daran zog.

»Die haben ja sogar was zu rauchen!«

Angel konnte nur noch mit dem Kopf schütteln, als Butch umgehend zum Zugangsturm eilte.

Die anderen drei Besatzungsmitglieder verließen gerade den großen Aufzug, als er dort ankam. Da die Türen offenstanden, schlüpfte er kurzerhand hinein und suchte auf der Anzeigentafel nach dem richtigen Knopf für die Fahrt nach unten. Die Soldaten blickten ihn einen Moment lang fragend an, zuckten anschließend jedoch lediglich mit den Schultern und ließen ihn allein.

Butch hatte die seiner Meinung nach korrekte Taste schnell gefunden, doch als er darauf tippte, geschah nichts. Er drückte ein zweites Mal, aber wieder ohne Erfolg. Nur die Farbe änderte sich von Gelb auf Rot, solange sein Finger auf ihr ruhte. Dennoch blieb er seiner üblichen Linie im Umgang mit Schalttafeln treu und hämmerte kurzerhand wild darauf herum. Wie schon in der McKnight Air Force Base entschied der Computer diese Runde für sich, allerdings mit dem Unterschied, dass Amy auf einem kleinen Bildschirm daneben erschien und ihn tadelnd ansah.

»Gästen ist der Zugang zur Schleuse ohne Eskorte untersagt. Bitte stell deinen Sabotageversuch umgehend ein!«

»Was? Sabotage?«, rief Butch und wich erschrocken zurück, als erwartete er einen Blitzschlag aus der Konsole. »Ich will doch nur eine rauchen!«

Amys Gesicht erstarrte einen Moment, als würde sie nachdenken und Informationen verarbeiten.

»Tabakwaren sind Gift für den menschlichen Körper.«

Butch brummte eine unverständliche Antwort, die offenbar sogar für die Sensoren zu verstümmelt war.

»Ich muss dich bitten, den Aufzug zu verlassen!«

»Kannst du mir nicht wenigstens sagen, wer dieser Typ da unten ist?«

Auf dem Bildschirm erschien ein Bild des asiatischen Rauchers, der seine Pause inzwischen beendet hatte und vergeblich versuchte, den Fahrstuhl zu rufen.

»Aaron Fletcher, Ares-Panzerkommandant, Panzercrew eins«, antwortete Amy. »Bitte verlasse jetzt den Aufzug!«

Butch folgte dem Befehl, blieb aber direkt vor dem schweren Stahlschott stehen, bis sich das Tor wieder öffnete und Fletcher heraustrat.

»Hey! Aaron, richtig?«, fragte Butch und merkte erst im letzten Augenblick, dass er kurz davor stand, einem völlig Fremden seine blutige Hand um die Schultern zu legen. Ihm war der Name des Kommandanten wieder eingefallen, dem Jiao vor versammelter Mannschaft befohlen hatte, sein Rohr nicht auf ihren Hubschrauber zu richten. Er musste also zumindest einen gewissen Sinn für Humor haben.

»Hm?«, erwiderte Fletcher argwöhnisch, bis er Butch aufgrund seines Verbandes wiedererkannte. »Ah, du bist doch einer von Jiaos neuestem Aufbegehren gegen den Alten! Wie geht‘s der Hand?«

»Besser. Ich merk kaum noch etwas davon.«

»Ja, Karen weiß, was sie tut. Ich fürchte nur, ihr solltet euch nicht zu sehr daran gewöhnen«, sagte Fletcher. Sein Mitleid klang dabei überraschend aufrichtig. »Hast du dich verlaufen?«

Butch war verblüfft von der Freundlichkeit, die ihm der etwas ältere Soldat entgegenbrachte. Mit Ausnahme von Jiao, Leon und Sergej schienen die meisten Biosphärenbewohner nicht viel mit ihm und seinen Freunden zu tun haben zu wollen. Einen Augenblick lang blieb ihm glatt die Stimme weg und er versuchte zu gestikulieren, dass er gern einen Zigarillo schnorren würde.

»Butch teilt dein Laster des Tabakkonsums und sucht nach Möglichkeiten, seine eigene Abhängigkeit zu befriedigen«, übersetzte Amy.

»Ich bin nicht süchtig!«, protestierte Butch, der bei der seiner Meinung nach völlig ungerechtfertigten Anschuldigung seine Stimme wiedergefunden hatte. »Ich habe sechs Jahre lang keine einzige Zigarette geraucht!«

»Deine Blut-, Haar- und Urinproben beweisen einen Nikotinkonsum innerhalb der vergangenen zwei Wochen«, konterte Amy unbeeindruckt.

»Ihr habt ... WAS untersucht!?«

»Lass dich von unserem Täubchen nicht einschüchtern«, lachte Fletcher und führte Butch vom Aufzug weg. »Hier drin dürfen wir nicht rauchen und ich darf dich auch nicht vor die Tür lassen, aber ...«

Er rieb sich über seinen verschwitzten Nacken und schien angestrengt zu überlegen. Butch wurde zunehmend unruhig. Er hatte doch nur um einen Zigarillo gebeten.

»Naja, Jiao weiß für gewöhnlich, was sie tut. Und wenn der Alte euch schon frei rumlaufen lässt, kann ich dich wohl mitnehmen.«

»Mitnehmen? Wohin?«

Fletcher zeigte grinsend nach oben an die Decke.

»Yuen hat keinen Ton von unserer Terrasse gesagt. Zuerst brauchen wir aber was zu trinken!«

Er führte Butch in die Küche, wo er sich eine Kiste Bier von Maxwell abholte, die der zwergenwüchsige Koch schon für ihn vorbereitet hatte. Gemeinsam schleppten sie vierundzwanzig Flaschen mit Bügelverschluss zu einer Treppe, die auf das Dach der Biosphäre führte. Dort wurde Fletcher bereits von Sergej, Jurij und seiner Panzerbesatzung erwartet, die in der Abendsonne einen Grill aufgebaut hatten. Er wies Butch einen Liegestuhl zu und reichte ihm einen seiner begehrten Zigarillos.

»Selbst angebaut und handgedreht!«

Anschließend zeigte er in die Runde und stellte ihm seine Kameraden von links nach rechts vor.

»Alexandros, unser Fahrer, Gabriel, unser Schütze und Ryan, unser Lader und Grillmeister! Dieser verwahrloste Haufen ist die Hauptbesatzung unseres Ares. Jurij und sein Bruder Sergej sind dir wohl schon begegnet.« Er drehte sich zu den Männern um. »Das ist Butch. Unser Täubchen hat ihn zum Rauchen vor die Tür verdonnert!«

Die Panzerbesatzung staunte nicht schlecht, dass Fletcher kurzerhand einen von den Neuankömmlingen zu ihrem Grillabend eingeladen hatte. Mit Ausnahme von Jurij und Sergej waren sie älter als Butch und gehörten zur Stammbesatzung des Militärs der McKnight Air Force Base.

»Lass dich von denen bloß nicht einschüchtern«, sagte Sergej und reichte Butch sein Feuerzeug. »Die wollten uns am Anfang auch nichts abgeben, bis wir ihnen den Arsch gerettet haben!«

»Pfft! Von wegen!«, erwiderte Ryan, während er die saftigen Steaks auf dem Grill drehte. »Wir hätten die Kiste auch allein aus dem verdammten Loch bekommen!«

»Beim Fahrstil von Alexandros ist es ein Wunder, dass ihr nicht alle paar Tage irgendwo stecken bleibt!«, rief Sergej zurück, ehe er sich wieder an Butch wendete. »Und? Was machst du so bei euch?«

»Ich mach ... äh ... bin Mechaniker«, gestikulierte Butch. »Alte Benzin- und Dieselmotoren.«

»Das ist gut! Von deiner Sorte können wir mehr gebrauchen!«

Sergejs russischer Akzent war bei fast jedem Wort unüberhörbar, doch seine Offenheit imponierte Butch enorm. Selbst Kontakte zwischen verbündeten Enklaven waren mitunter kühler abgelaufen.

»Schon mal an einem Panzer geschraubt?«, fragte Fletcher und reichte Butch dabei ein Bier.

»Sowas haben wir nie zum Laufen bekommen«, antwortete er kopfschüttelnd. »Hauptsächlich Pick-ups, Jeeps und ein paar Trucks.«

»Ah, dann müssen wir dich morgen unbedingt mal einen Blick unter die Haube werfen lassen!«

»Meinst du nicht, dass das etwas verfrüht ist?«, wunderte sich Alexandros.

»Ach du und deine ewige Paranoia!«, fuhr Fletcher ihn an. »Nicht alle da draußen sind verlogene Bastarde wie diese ... - Wie war nochmal der Name?

»Scarlet«, sagte Jurij.

»Scarlet! Genau! Butchs Leute hatten wohl schon selbst eine anständige Zivilisation aufgebaut, bis sie von den sicariianischen Pfeifen überfallen wurden!«

»Na dann«, sagte Alexandros und zog seinen Einwand fürs Erste zurück.

»Wie habt ihr euch bis dahin denn geschlagen?«, fragte Ryan.

Butch begann vom Aufstieg und Fall der Freien Enklaven zu berichten, wie General Peterson fast zwei Jahrzehnte Krieg gegen die Gangs führte und dazu  eine Allianz mit anderen Siedlungen schmiedete. Die Soldaten hörten ihm gespannt zu und verstanden allmählich, dass er hervorragend in ihre Reihen passte, sollte Zhang Yuen das Immigrationsverbot je wieder aufheben. Am Ende waren sie sich einig, dass Butch am nächsten Tag durchaus einen Blick auf den Motor des Panzers werfen durfte.

 

***

 

Nach Sonnenuntergang zog sich das Team in die Gästequartiere zurück, wo sie eine halbe Stunde lang debattierten, ob sie die Zimmer nach Geschlechtern aufteilen sollten oder nicht. Am Ende siegte Kim mit ihrem Plädoyer gegen ein öffentliches Techtelmechtel von Angel und Dog, dem Cole aus ganzem Herzen zustimmte.

»Und? Was wollten die von euch wissen?«, fragte Kim in die Runde, nachdem die Bettenaufteilung geklärt war.

»Na was wohl«, antwortete Cole. »Wann wir mit dem Angriff auf ihre Biosphäre beginnen!«

»Kannst du es ihnen etwa verdenken? Mit den Sicarii direkt vor der Haustür?«

»Dieser Leon ist mir den ganzen Tag nicht von der Pelle gerückt!«, grunzte Dog gereizt. »Selbst auf dem Klo musste ich ihn rausschmeißen, bevor er mich endlich in Ruhe gelassen hat!«

»So wie du dich im Trainingsraum aufgeführt hast, sollte dich das nicht wundern«, erwiderte Caiden.

»Bah! Nur weil der Schwächling verloren hat, muss er mir nicht gleich auf Schritt und Tritt folgen!«

»Ich spüre nichts«, sagte Butch und tippte benommen auf seiner durchschossenen Hand herum. »Absolut nichts. Die haben tolle Medizin.«

Für die Nacht hatte Dr. Webb seine Dosis erhöht, damit er in Ruhe durchschlafen würde. Wahrscheinlich hatte der Alkohol die Wirkung noch zusätzlich verstärkt. Angel konnte ihm ansehen, wie die Schmerzmittel ihm nicht nur die Schmerzen nahmen, sondern Butch generell etwas benebelten. Während sie ihn stumm von ihrem Bett aus betrachtete, hoffte sie, dass ihn die Medikamente auch von seinem Bruder ablenken würden.

Sie selbst beteiligte sich nicht an der Diskussion, denn sie wusste ja inzwischen, dass Amy jedes Wort mithörte. Ihr Blick fiel auf Faith, die still und mit angezogenen Beinen an der Außenwand der Biosphäre lehnte und immer wieder auf die Uhr neben der Eingangstür blickte. Während sich die Gruppe über die Wunder der Duschen, Kaffeeautomaten und des Aquariums unterhielt, setzte sich Angel zu ihr.

»Ich hab dir noch gar nicht für deine Hilfe in den Bergen gedankt«, begann sie beinahe flüsternd, um die anderen nicht auf sie aufmerksam zu machen.

»Das ist ... nicht nötig«, presste Faith hervor. Sie wollte aufstehen, doch Angel hielt sie an der linken Hand zurück.

»Was ist mit dir?«

Faith sah sie einen Augenblick an, als stünde sie kurz davor, sich von ihr loszureißen, koste es, was es wolle. Angel löste ihren Griff und ließ sie ziehen. Dabei fiel ihr ein schwarzer Ring an Faiths Daumen auf, der das gedimmte Deckenlicht förmlich aufsaugte, und den sie festkrallte, als hinge ihr Leben daran. Angel war sich sicher, dass Faith den Ring nicht getragen hatte, als sie über die Berge gestiegen waren. Ihrem geübten Blick wäre ein derart ungewöhnliches Schmuckstück nicht entgangen.

Unterdessen lief Faith zur Tür und verschwand im abgedunkelten Korridor. Yuen hatte ihnen keine Ruhezeiten verordnet und der Wachsoldat, der ihr folgte, schien sie auch lediglich begleiten zu wollen. Angel überlegte, ob sie ihr nachgehen sollte, entschied dann aber, dass sie zu zweit nur unnötig Aufsehen erregen würden. Außerdem hatte sie Cassidy damit betraut, die Gründe für das seltsame Verhalten von Faith und ihrem Bruder zu erkunden, und sie wollte das gerade aufgebaute Selbstvertrauen ihrer Schülerin nicht gleich wieder zerstören.

 

***

 

Cassidy wäre auf ihrem Rückweg vom Hygieneabteil beinahe von Faith umgerempelt worden. Eigentlich wollte sie Angel Gesellschaft leisten und mit ihr die anstehende Mission besprechen, da vernahm sie dumpfe Geräusche im Flur, die einem gleichmäßigen Takt folgten und dabei von künstlich klingenden Instrumenten unterstützt wurden. Je näher sie ihrem Gästequartier kam, desto lauter hörte sie die Musik, bis sie sie gegenüber in Jiaos Zimmer geortet hatte. Cassidy zögerte einen Augenblick, bis ihre Neugierde die Oberhand gewann und sie auf den gläsernen Taster neben der Tür drückte.

»Öffnen!«, schallte es von drinnen und im selben Moment glitt das braune Schott zur Seite. »Oh du bist's!«

Jiao lag auf ihrer weißen Ledercouch und winkte Cassidy freudig herein. Auf dem Tisch vor dem Sofa lagen ein paar glänzende E-Papers, daneben stand ein Glas mit einer schwarzen Flüssigkeit, aus der unablässig kleine Blasen heraussprudelten. In der Mitte des Raums hing ein großer Bildschirm von der Decke, der am Morgen noch nicht da gewesen war und auf dem militärische Hubschrauber und Flugzeuge im Takt zur Musik entlangsausten. Dabei waren die Bilder längst nicht nur auf Jiaos Mannschaftstransporter beschränkt, sondern wechselten sich mit waffenstarrenden Kampfhubschraubern, Jagdflugzeugen und sogar strategischen Bombern ab, die sich einen endlosen Showkampf gegeneinander lieferten.

Während Cassidy sprachlos auf die atemberaubenden Sequenzen starrte, ging Jiao zu ihrem Wandschrank neben dem Bett und füllte ein zweites Glas, das sie ihr anschließend in die Hand drückte. Das Getränk war eiskalt und die Kohlensäure ließ Cassidy erschrocken niesen.

»Gesundheit!«, kommentierte Jiao amüsiert ihre Reaktion, nachdem sie den Ton etwas leiser gestellt hatte. »Amy hat mir wohl doch verziehen. Mein Kühlschrank funktioniert noch.«

»Was ist das?«

»Das nennt sich Cola. Eigentlich sollte man das Zeug abends nicht mehr trinken, aber das Leben ist zu kurz, um sich an jede Regel zu halten.«

Cassidy konnte sich noch immer nicht von den Monitoren losreißen. Ihre erste Flugstunde hatte sie kaum bewusst wahrgenommen, da sie sich die ganze Zeit um Sharon kümmern musste. Erst jetzt begann sie zu verstehen, was für ein Wunder sie da in Wirklichkeit erlebt hatte.

Jiao hielt ihr beschlagenes Glas mit verschränkten Armen in der Hand und betrachtete sie schmunzelnd aus den Augenwinkeln.

»Du bist noch nie geflogen, oder?«

Cassidy schüttelte den Kopf, ohne einen Schluck Cola zu probieren oder ihre Augen auch nur für eine Sekunde von den Monitoren zu nehmen.

»Für mich gibt es nichts Besseres auf der Welt«, begann Jiao schwärmerisch. »Hubschrauber zu fliegen fühlt sich nicht an wie ein Vogel. Eher wie ein Fisch im Wasser. Ich kann jederzeit stehenbleiben, aus dem Stand wie ein Fahrstuhl nach oben steigen, mich wie ein Jäger zwischen Hügelketten verstecken und mitten in der Luft drehen!«

»Das muss doch unglaublich kompliziert sein«, sagte Cassidy und erinnerte sich dabei an ihre eigene Fahrschule, bei der Butch Angst und Bange um sein Getriebe geworden war. »Wie lange machst du das schon?«

»Na so fünf, sechs Jahre«, antwortete Jiao und schwenkte dabei den Kopf von links nach rechts, als wolle sie sich nicht genau festlegen. »Mit vierzehn hat mich Gordon zum ersten Mal auf dem Co-Pilotensitz mitgenommen und mir die Instrumente erklärt. Mit sechzehn haben er und Danny begonnen, mich offiziell auszubilden.«

»Wer ist Gordon?«

»Lieutenent Gordon Mitchell. Er und Danny sind die einzigen beiden Piloten, die es damals mit meinem Vater aus der McKnight Air Force Base herausgeschafft haben und seitdem für ihn arbeiten. Allerdings geht er mittlerweile auf die sechzig zu und ist daher nicht mehr der Jüngste. Als ich achtzehn war, wurde Gordon im Krieg mit den Sicarii verletzt. Er war bewusstlos und ich musste die Maschine mit Leons Einsatzteam im Laderaum zum ersten Mal allein steuern.«

Jiao drehte sich zu ihrem Schreibtisch um und durchsuchte ein Verzeichnis auf ihrem kleinen Monitor.

»Amy! Aufzeichnung zwei-null-sechs-acht Strich zwei-drei abspielen!«

Sie drehte sich zurück zum Großbildschirm, auf denen drei verschiedene Videos synchron abgespielt wurden. Das linke zeigte Jiaos Helmkamera. Sie saß auf dem Co-Pilotensitz und beobachtete eine Kleinstadtruine unter sich, in der Gordon zur Landung ansetzte. Das mittlere Bild zeigte die Aufnahmen der Überwachungsdrohne, die über dem Kampfgeschehen kreiste. Man konnte deutlich Dannys Hubschrauber erkennen, der Gordon und Jiao mit etwas Abstand Deckung gab. Dabei leuchteten die beiden Maschinen in der Thermalansicht grellweiß mit rot auslaufenden Rändern, während die kalten Gemäuer der Ruinen kaum zu sehen waren. Der rechte Monitor zeigte Leons Sicht vom Boden aus, der mit seinem Kommandoteam auf die Evakuierung wartete und gerade aus seiner Stellung gekrochen kam.

»Hawk-six, Hawk-one. Evakuierung eingeleitet«, rauschte Gordons Stimme aus den Lautsprechern. »Hawk-two auf Standby. Behalt mir diese Typen auf drei Uhr im Auge!«

»Hawk-two, verstanden«, antwortete Danny. Zeitgleich verließ er die Formation und begann damit, über der Stadt zu kreisen.

»Wieso reden die so komisch?«, fragte Cassidy.

»Das ist der alte Gordon-Slang«, erklärte Jiao und formte dabei zwei Gänsefüßchen mit ihren Fingern. »Früher haben die beim Militär solche Codes benutzt, anstatt sich mit dem Namen anzureden. Hawk-six ist die Ian-Hawk-Biosphäre, also unsere Basis. Hawk-one ist der erste Hubschrauber von Gordon, Hawk-two der zweite von Danny. Leons Kommandoteam trägt die Bezeichnung Vanguard und er selbst die Ziffer six, also sechs.«

Bisher lief alles nach Plan. Leon stand vor dem gelandeten Hubschrauber und winkte seine Leute herbei, bis er sich als letzter in das Heck schwang.

»Vanguard-six, Hawk-six. Alle an Bord. Ab nach Hause!«

Gordon ließ seine Turbinen aufheulen und hob mit einer gewaltigen Staubwolke vom Boden ab. Ein paar Augenblicke später fügte sich Danny wieder in die Formation ein und flog rechts hinter ihm.

»Habt ihr das Ziel erreicht?«, rauschte die Stimme von Jiaos Vater aus den Funkgeräten.

»Alle mal die Augen auf sechs Uhr richten!«, erwiderte Leon.

Jiao hatte ihren Kopf herumgedreht und ihre Helmkamera zeigte sein schadenfrohes Lachen, als er auf einen Fernauslöser in seiner Hand drückte und eine Explosion die Ruinen hinter ihnen in die Luft jagte.

»Vanguard-six, Mission erfüllt«, berichtete Leon. »Die werden so schnell keine Sprengfallen mehr an unserer Brücke parken.«

»Flugabwehrgeschütz auf ein Uhr! PASS AUF!«, warnte plötzlich Dannys Stimme.

Sekundenbruchteile später wurde der Hubschrauber erschüttert, Warnsignale blinkten auf und Sirenen schrillten durch das Cockpit. Auf den Bildern der Aufklärungsdrohne war deutlich zu erkennen, wie meterlange Geschossstreifen zwischen ein paar Autowracks hindurch direkt auf sie zurauschten.

»Gordon!«, hörte sich Jiao selbst in der Aufzeichnung rufen. »Gordon wurde getroffen!«

Der Pilot sackte in seinem Sitz zusammen und ließ die Hände vom Steuerknüppel fallen. Er war bewusstlos und der Hubschrauber geriet weniger als vierzig Meter vom Boden außer Kontrolle.

»Zurück ans Steuer!«, brüllte Leon. »Violet, los! Bring die Maschine runter!«

»Negativ! Auf keinen Fall landen!«, befahl Yuen. »Zwei sicariianische Kampfgruppen nähern sich aus Südost. ETA fünf Minuten. Wenn ihr aufsetzt, kommt ihr nie mehr rechtzeitig weg!«

»Hawk-one, Schadensbericht!«, rauschte Dannys Stimme. Seine Schützen hatten die Luftabwehrstellung schon längst ausgeschaltet. »Violet verdammt, Schadensbericht!«

»Radar- ... Radarsystem ausgefallen. Mikrowellenemitter funktionsunfähig ...«, stotterte Jiao hervor.

»Was ist mit den Turbinen? Rotoren? Hydraulik? Treibstoffzufuhr?«

»Die sind grün ... alles ... alles grün! Flugeigenschaften nicht beeinträchtigt!«

Der Autopilot bekam den tonnenschweren Koloss ausbalanciert und die Erleichterung war ihr deutlich anzuhören.

»Okay. Jetzt geh hinter mir in Formation und folg mir nach Hause! Ganz langsam, wie wir es geübt haben!«

»V-verstanden ...«

»Jiao, du kannst das! Du hast dafür trainiert!«, rief Yuen und sprach seiner Tochter Mut zu. »Gordon will dich noch in diesem Monat die Prüfung ablegen lassen!«

»Er will ... was!?«

Ihre Helmkamera schwenkte instinktiv auf den bewusstlosen Piloten, ehe sie sich vor Schreck wieder auf die Steppe vor ihr konzentrierte.

»Bring unsere Leute nach Hause, Jiao!«

»Gordon hatte natürlich nie vor, mir meine Flugerlaubnis zu erteilen. Weder in diesem Monat noch überhaupt im ganzen Jahr!«, sagte Jiao mit einem leichten Schmollen auf den Lippen, nachdem die Aufzeichnung beendet war. »Bei der anschließenden Landung hab ich etwas zu hart aufgesetzt und beinahe das Heckrad abgebrochen, aber auch das hat ihn nicht mehr vor seinem baldigen Vorruhestand bewahren können.«

Sie schaltete ihre musikalische Flugshow wieder ein und setzte sich zusammen mit Cassidy auf die Couch.

»Ist Gordon dabei so schwer verletzt worden, dass er nicht mehr fliegen kann?«

»Er hatte durch den Schock das Bewusstsein verloren und seine Beine haben ganz schön was abbekommen. Seit dem hat er Probleme, die Pedale zu bedienen«, erklärte Jiao. »Ich hätte mir natürlich gewünscht, meinen Flugschein aufgrund angenehmerer Umstände zu bekommen, aber nun geb ich Adam nicht wieder her!«

»Wer ist Adam?«, fragte Cassidy verwirrt.

»Mein Hubschrauber«, antwortete Jiao lächelnd. »Hawk-one klang so unpersönlich.«

Sie holte eine Glasschüssel unterhalb ihres Couchtisches hervor und füllte sie mit Kartoffelchips, während sie Cassidy von ihren Flugabenteuern berichtete. Nach der Reparatur von Hawk-one hatte es nicht lange gedauert, bis Leon und seine Soldaten Jiao bei ihren Einsätzen blind vertrauten, wenn sie sie mitten im Feindesland absetzte und anschließend wieder sicher nach Hause brachte.

Anders als die militärisch trainierten Piloten Danny und Gordon stand für Jiao der Spaß und das Lebensgefühl des Fliegens im Vordergrund. Als rebellische Tochter des Chefs nahm sie sich gern mal ein paar Extraflugkilometer heraus, vollführte riskante Kunststücke und ließ ihren Hubschrauber über den Köpfen der Sicarii tanzen. Nur unter Beschuss, betonte sie, hörte bei ihr der Spaß auf. Dann hielt sie sich an den strengen Formationsflug, die Befehlshierarchie und die Einsatzorder.

Den Rest des Abends gab sie Cassidy einen Vorgeschmack auf ihre Musiksammlung, die große Ähnlichkeiten mit den Flugshowvideos hatte. Zumindest bis Amy die ersten Störungsmeldungen der Nachbarn erreichten und sie den Ton leiser drehen musste.

Amy und Jiao zeigten Cassidy außerdem ein chinesisches Brettspiel namens Go, bei dem man mit weißen und schwarzen Spielsteinen versuchte, die Steine des Gegners zu erobern. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie es lernte, um die Familientradition fortzuführen. Amy war nicht auf das Spiel programmiert worden, sondern hatte sich die Fähigkeiten dazu selbst angeeignet. Nach zwanzig Jahren war es sogar für Yuen völlig unmöglich geworden, die künstliche Intelligenz zu besiegen, so dass Jiao nur noch aus Spaß mit ihr spielte, oder Amy mit Absicht ihre Ressourcen begrenzte.