6 - Auszeit
Die nächsten Tage glichen für Angels Team fast einem Urlaub in den Bergen. Aufgrund der leicht zu überwachenden Serpentinenstraße stellte sich rasch ein Gefühl der Sicherheit ein und die Flüchtlinge wurden allmählich zu sesshaften Einwohnern. Die Unzugänglichkeit der abgeschiedenen Region wirkte wie ein unsichtbarer Schutzschild, der sie ohne Furcht über den Klosterhof schlendern ließ. Natürlich spielte dabei die ständige Präsenz der aufmerksamen Ranger ebenfalls eine große Rolle. Angels Vermutung, dass Jade der eigentliche Grund für die friedliche Ruhe war, blieb weiterhin ein Geheimnis.
Cole hatte seine Miliz zum Schutz der Wasserquelle eingeteilt, die Tag und Nacht nur von Angel ausgewählten Personen Zutritt gestatteten. Dazu gehörte selbstverständlich der alte Paul, der jeden Tag eine Wanderung hin und zurück absolvierte, Angels eigenes Team sowie der Krankenpfleger Marcus. Seit dem Verlust von Steven war er ganz allein für das neuerrichtete Lazarett zuständig. Der Frauenschwarm hatte auch alle Hände voll zu tun, denn es verging kein Tag, an dem sich nicht irgendein Kind beim Spielen in der felsigen Landschaft verletzte; von den verwundeten Rangern aus der Schlacht um Silver Valley ganz zu schweigen. Sharon übergab sich weiterhin jeden Morgen wie ein Uhrwerk, was schnell Gerüchte über eine Schwangerschaft heraufbeschwor, die von ihr aber vehement dementiert wurden.
Nachdem Kims Beinverletzung einigermaßen verheilt war, ging sie regelmäßig mit einem Trupp erfahrener Überlebenskünstler auf die Jagd nach Bergziegen, Schafen oder, wenn sie Glück hatten, ein paar Hasen. Außerdem schlug sie vor, die ehemals domestizierten Nutztiere nicht einfach nur zu jagen, sondern für eine gesicherte Nahrungsversorgung einzufangen. Obwohl sich die Wildpopulationen erstaunlich gut erholt hatten, würde sie fünfhundert Menschen ohne Zuchtprogramm auf Dauer nicht ernähren können. Des Weiteren koordinierte sie Teams von freiwilligen Schatzsuchern, die die verlassenen Dörfer der Umgebung erkundeten und dabei allerlei nützliche Gegenstände wie Rasierapparate oder eingeschweißte Gewürzpäckchen fanden.
Im Umkreis des Klosters fällten die Flüchtlinge unzählige Bäume und legten auf den gerodeten Flächen Obst- und Gemüsebeete an, deren Samen aus Eagle Village gerettet werden konnten. Trotz der ganzjährigen Sonne dürfte die erste Ernte viele Monate auf sich warten lassen, weshalb täglich Sammler in den Bergen unterwegs waren, um den proteinreichen Essensplan mit Brombeeren oder Pflaumen anzureichern. Wildwachsende Hagebuttensträucher sorgten als Tee für eine ausreichende Vitaminversorgung. Um die Felsgrotte herum ließen sich sogar vereinzelte Pilze entdecken, die mit ihrem riesigen Wurzelgeflecht bis tief in die Erde vordrangen.
Infolge des notorischen Treibstoffmangels erhielt Cole als Einziger den Auftrag, die Gegend nördlich des Klosters mit seinem Motorrad auszukundschaften. Sharon wollte ihn eigentlich begleiten, doch Angel überredete sie, ihre Kräfte für die bevorstehende Reise zu schonen.
Sie hielt ihr Versprechen an Dog und überließ Butch die Führung der Ausbesserungsarbeiten an der Klosterruine, aufgrund derer auch der letzte Flüchtling nach drei Tagen ein Dach über dem Kopf hatte. In den meisten Fällen bestand es aus einer Zeltplane, die zwischen zwei Mauern entlang gespannt worden war. Angel befahl zusätzlich die Ausbreitung von militärischen Tarnnetzen über dem Klosterhof, um etwaigen Drohnen die Arbeit zu erschweren. Sie sorgten gleichzeitig für kühlen Schatten in den Mittagsstunden.
Dog durfte währenddessen seine Bärenkräfte beim Wasserholen nutzen, was er Angel sichtlich übel nahm. Da sie aber so wenig Menschen wie möglich in die Höhle lassen wollte, stimmte er zu und pendelte gut zehn Mal am Tag mit einem Paar Wasserkanister vom Kloster in die Grotte und zurück. Jesse verriet ihm eine Abkürzung zur Straße, dank der er nicht jedes Mal gezwungen war, sich minutenlang durch das Dickicht zu kämpfen.
Der aufgeweckte Zwölfjährige hatte mit seinen Freunden begonnen, ein Baumhaus auf den Hügeln über der Abtei zu errichten, bei dem Cassidy ihnen natürlich unbedingt helfen musste. Anders als die Kinder der vormals gut behüteten Enklaven oder der Luxusvillensiedlung Eagle Village war sie es gewohnt, aus dem Nichts Behausungen zu bauen. Dasselbe galt für ihren Bruder, der sich seiner Schwester anschloss, um nicht von Dog zum Wasserholen verdonnert zu werden. Faith betrachtete das ganze Vorhaben hingegen als unnütze Zeitverschwendung, ebenso wie die Versorgung der Flüchtlinge, und drängte darauf, die Reise über das Gebirge anzutreten. Um jedoch nicht als Spielverderberin aufzufallen, und, weil sie etwas neidisch auf die unbeschwerte Auszeit der Geschwister wurde, half sie ab dem zweiten Tag trotzdem mit. Ein wenig verwundert reagierten die Kinder aber schon, als die Assassine Falltüren und Fluchtrouten zu angrenzenden Bäumen vorschlug.
Als Faith am Abend des dritten Tages gerade ihre Arbeit mit einem Test ihres Fluchtseils beendete, brach der trockene Ast, um den sie es gewickelte hatte, und ließ sie gut fünf Meter in die Tiefe stürzen. Bestürzt kletterten Caiden und seine Schwester die etwas stabilere Strickleiter hinunter, während die Kinder sie tuschelnd vom Plateau über ihnen beobachteten. Faith war mit ihrer linken Schulter auf einen spitzen Stein unterhalb des Baumhauses gefallen. Vor den Augen der neugierigen Jungen und Mädchen biss sie die Zähne zusammen und rieb an der schmerzenden Stelle, ohne an ihr Tattoo zu denken, das dabei einen Augenblick lang zum Vorschein kam. Caiden kniete sich sofort fürsorglich hinter sie, um das verräterische Symbol zu verstecken, doch es war bereits zu spät. Cassidys geschockte Augen sprachen Bände über das, was gerade in ihrem Kopf vorging. Angel hatte die ganze Zeit Recht gehabt! Über die Verräter in den eigenen Reihen, das seltsame Verhalten ihres Bruders und Victors widersprüchlichen Tod, bei dem Faith angeblich ebenfalls umgekommen war. Plötzlich ergab alles einen Sinn!
»Hat sie ... Victor ...?«, flüsterte Cassidy mit ausgestrecktem Zeigefinger und ging fassungslos ein paar Schritte rückwärts, ohne dass Faith etwas davon mitbekam. Caiden antwortete ihr nicht, sondern half Faith auf die Beine und trat den Heimweg ins Kloster an. Hilflos starrte ihm seine Schwester hinterher, bis Jesse mit seinen Freunden vom Baum heruntergeklettert kam und wissen wollte, was geschehen war.
»Nichts! Nichts ist passiert!«, stammelte Cassidy verwirrt, rieb ihre verschwitzten Handflächen an den Oberschenkeln und tippte geistesabwesend auf die verräterische Stelle. »Nur die Schulter ... angeschlagen.«
Bevor Jesse weiter nachhaken konnte, eilte sie ihrem Bruder nach. Der verschlungene Trampelpfad führte gut dreihundert Meter quer durch weichen Waldboden und widerspenstiges Dickicht, so dass sie die beiden schnell eingeholt hatte. Wie immer trug sie ihre Pistole am rechten Oberschenkel bei sich, die sie weder bei der Arbeit im Lazarett noch während des Schlafens ablegte. Ein letztes Mal blickte sie zurück und überprüfte, ob Jesse ihr vielleicht gefolgt war, dann zog sie die schwarze Waffe aus dem Holster, entsicherte sie und zielte auf Faith.
»Stehenbleiben!«, befahl sie aufgebracht. Die pure Vorstellung, dass ihr eigener Bruder mit den Sicarii zusammenarbeitete, machte sie stinkwütend. »Keinen Schritt weiter!«
Caiden drehte verwundert den Kopf herum, setzte Faith auf dem Boden ab und ging mit mürrisch erhobenen Händen auf seine Schwester zu.
»Was soll das werden, Cass?«, fragte er grantig. »Willst du uns etwa beide erschießen?«
»Sie ... sie war es, nicht wahr?«, erwiderte sie mit zornigem Blick und wich dabei nicht einen Zentimeter zurück. »Seit wann weißt du es? Gehörst du auch zu denen?«
»Es ist nicht so, wie du denkst«, versuchte Caiden zu erklären.
»Wir gehen jetzt zu Angel!«, entschied Cassidy, ohne ihm wirklich zuzuhören. »Sie wird die Wahrheit schon aus ihr rauskriegen!«
»Wenn Angel davon erfährt, wird sie uns beide umbringen. Da kannst du uns auch gleich hier erschießen!«
Faith war inzwischen aufgestanden, hatte sich aber bisher zurückgehalten. Nun ging sie unbeeindruckt auf Cassidy zu und stellte sich zwischen sie und ihren Bruder, bis sie den kalten Stahl der Pistole auf ihrer verschwitzten Brust spürte.
»Ja, ich habe Victor getötet«, sprach sie mit ausdrucksloser Stimme, als würde sie von alltäglichen Banalitäten berichten. »Ich habe außerdem die Haut deines Bruders gerettet. Drei Mal, bis jetzt. Auch Kim verdankt mir zwei Mal ihr Leben, ebenso wie du, dein Freund Jesse und jeder andere aus Brackwood. Ganz zu schweigen von dem gesamten Flüchtlingskonvoi, denn ich habe die Palisade gesprengt und euch die Flucht ermöglicht.«
Cassidys Hände begannen unter den funkelnden Augen der eiskalten Assassine dermaßen zu zittern, dass ihr sogar der alte Paul gefahrlos die Pistole hätte abnehmen können. Doch Faith war noch nicht fertig.
»Zum Dank haben mich meine eigenen Leute gefoltert und so sehr mit Drogen vollgepumpt, dass mir die Erinnerungen an drei Tage und Nächte fehlen. Wenn du mich also für meine Missetaten tot sehen willst, dann mach es gefälligst selbst!«
Mit diesen zischenden Worten presste sie sich gegen die entsicherte Waffe und starrte Cassidy herausfordernd in die Augen. Überlegen zog sie die Mundwinkel hoch und neigte den Kopf nach rechts, als das Mädchen die Pistole senkte.
»Du musst noch viel lernen«, fügte sie süffisant hinzu. Augenrollend setzte Caiden mit ihr den Weg ins Kloster fort und ließ seine Schwester fassungslos zurück.
***
Eine Stunde später traf Cassidy nach einem gedankenversunkenen Umweg im Lager ein und sah, wie sich der gutaussehende Krankenpfleger Marcus gerade darum bemühte, Faith zu einer Untersuchung ihrer Schulter zu überreden. Cassidys heimlicher Schwarm erwies sich dabei als etwas zu hartnäckig, bis Faith ihn mit einem Würgegriff an die Kirchenruine nagelte und so davon überzeugte, dass sie keine ernsthaften Verletzungen davongetragen hatte. Im ersten Augenblick griff Cassidy instinktiv nach ihrer Pistole und vermutete einen bevorstehenden Angriff, bis sie verstand, dass Faith lediglich ihre Vulturekarte ausspielte.
Sie hatte den ganzen Weg entlang darüber sinniert, ob sie Angel von ihrer Entdeckung berichten sollte. Das wäre mit Sicherheit das Todesurteil für Faith. Selbst wenn die für ihren Pragmatismus bekannte Kommandeurin sie für ihre persönlichen Zwecke am Leben lassen würde, könnte wohl niemand Butch von seiner Rache abhalten. An Dogs Wutausbruch wollte sie gar nicht erst denken. Sie wusste aber auch, dass gerade Angel ihre Eigenschaft schätzte, sich zunächst alle Fakten anzuhören, bevor sie eine Entscheidung traf. Außerdem fürchtete sie um ihren eigenen Ruf, sollte herauskommen, dass ihr Bruder mit dem Feind kollaborierte.
Als sich die Flüchtlinge und Ranger zum Abendmahl versammelten und die ausgelassene Stimmung ihren lautstarken Höhepunkt erreichte, entschloss sich Cassidy, die beiden zur Rede zu stellen, ehe sie ihr Schicksal mit einer überstürzten Beichte besiegelte. Wie jeden Abend hatte sich Caiden mit seiner Freundin in eine windgeschützte Mauerecke im Schatten der Konventhausruine zurückgezogen. Faith rieb stöhnend an ihrer linken Schulter und fluchte leise über den unüberlegten Wutausbruch, aufgrund dessen sich die Schmerzen noch weiter verstärkt hatten. Nicht einmal während der kalten Nächte teilte sich das Paar eine Decke, was Cassidy argwöhnisch werden ließ, denn es machte nicht gerade den Anschein einer glücklichen Beziehung.
»Ich lebe ja noch«, säuselte ihr Faith entgegen. Cassidy reagierte nicht darauf, sondern nickte Caiden stumm zu, damit er ihr folgte. Faith blieb allein zurück und klopfte ihren Hinterkopf mit geschlossenen Augen ein paar Mal gegen die warme Natursteinmauer.
Cassidy sagte keinen Ton, bis sie das Kloster verlassen hatten und die Straße ins Tal hinabschlenderten. Viel Zeit zum Reden war den beiden in den letzten Wochen nicht geblieben. Im Anschluss an die sichere Heimkehr aus Brackwood hatte Monroe ihren Bruder mit den anderen Vultures verhaften lassen und seit der Schlacht um Silver Valley schien Caiden wie ausgewechselt zu sein. Nun wusste sie wenigstens warum.
»Bist du immer noch in sie ... verliebt?«, fragte das Mädchen vorsichtig, denn sie war sich ihrer eigenen Unerfahrenheit in diesen Dingen völlig bewusst.
»Liebe«, erwiderte er gedankenversunken. »Sie weiß doch nicht mal, was das ist.«
Nach und nach wiederholte er Faiths Geschichte und erklärte seiner Schwester, warum er ihr vertraute, obwohl sie Victor kaltblütig vor seinen Augen ermordet hatte. Ihren Erzählungen zufolge lebten die Bacchae außerhalb des gewöhnlichen sicariianischen Volkes. Absolute Neutralität war das Ziel, führte aber auch dazu, dass Freundschaften als Schwäche galten. Ausgestattet mit nahezu unbegrenzter Macht, wie sie Jade in Brackwood demonstriert hatte, war es ihre Aufgabe, dem gesamten Imperium zu dienen, nicht einer einzelnen Institution oder Person.
Die Infiltration der Vultures war Faiths erster eigenständiger Auftrag gewesen und zunächst schien alles genau nach Plan zu verlaufen. Egomanen wie Eric bestätigten ihre indoktrinierten Vorstellungen von den Barbaren außerhalb des Reiches, doch dann traf sie auf Dog und Caiden, denen sie aufgrund ihrer Persönlichkeit etwas bedeutete und nicht, weil sie ihren Befehlen gehorchen mussten. Caiden erzählte seiner Schwester von der Nacht in dem alten Gutshof und wie Faith seit diesem Tag einen Gewissenskonflikt mit sich selbst geführt hatte.
»Wenn du mich fragst, ob sie uns in allem die Wahrheit sagt, lautet die Antwort nein«, fügte er hinzu. »Aber ich bin davon überzeugt, dass sie nicht länger für dieselben Sicarii arbeitet, die uns angegriffen haben. Nach dem, was sie mir von Jade erzählt hat, glaube ich, dass die beiden ganz unterschiedliche Ziele verfolgen und wir Faith einfach in die Quere gekommen sind.«
Nachdenklich hielt er seine kleine Schwester an den Schultern fest.
»Ich könnte dir sagen, dass sie für uns lebendig mehr wert ist, als tot. Die Wahrheit ist aber, dass ich niemals zulassen werde, dass ihr irgendjemand Schaden zufügt«, raunte er und blickte entschlossen zum Kloster hinauf, über dem ein friedlich wirkender Feuerschein den Nachthimmel erleuchtete. »Ohne sie wären wir beide längst tot, genau wie all deine Freunde da oben, selbst wenn wir die erste Angriffswelle aufgehalten hätten. Ich erwarte nicht, dass du ihr einfach so vertraust, aber ich denke, sie hat eine zweite Chance verdient.«
Cassidy schauderte bei der Vorstellung, Angel zu belügen; ihren ganz persönlichen Schutzengel, der Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, um sie zu befreien. Sie erinnerte sich allerdings auch daran, dass die ehemalige Vulturekommandeurin ihre Identität geheim gehalten hatte, bis die richtige Zeit gekommen war, ihr davon zu erzählen. Nun war Cassidy zum ersten Mal in der Lage, selbst Initiative zeigen zu können. Angel hatte ihr immer wieder gepredigt, wie wichtig Wissen über den Feind sei, bevor man sich ihm stellt, und Faith dürfte sich lebend als eine deutlich effizientere Informationsquelle erweisen. Außerdem wollte sie zu ihrem Bruder stehen, ohne den sie zweifellos als einfaches Mädchen vom Lande am Kochtopf über dem Lagerfeuer geendet wäre. Insgeheim wusste sie, dass ihre Entscheidung schon längst gefallen war und sie lediglich nach Argumenten suchte, um sie vor sich selbst zu rechtfertigen. Entschlossen griff sie nach Caidens Hand, was bei ihm einen großen Stein vom Herzen rollen ließ.
Kaum waren sie wieder im Lager angekommen, erwartete Cassidy bereits ihre erste Herausforderung. Angel plante seit Tagen die bevorstehende Reise und erkundigte sich nach Faiths Schulter, die angeblich verletzt worden war. Wahrheitsgemäß berichtete Cassidy von der leichten Prellung, die ihre Einsatzfähigkeit jedoch nicht einschränken würde, und führte den Zusammenstoß mit Marcus als Beweis an. Caiden bestätigte ihre Geschichte und beide verschwiegen das verräterische Tattoo.
Faith hatte die Begegnung aufmerksam verfolgt und blinzelte erleichtert, als Angel ihrer Schülerin bestätigend zunickte und sich wieder auf Coles Aufklärungsskizzen konzentrierte. Als sich die Geschwister näherten, klopfte sie mit der flachen Hand auf den staubigen Boden, damit Cassidy sich zu ihr setzte.
»Und was nun?«
»Nun wirst du sicher eine Menge Fragen haben und erwarten, dass ich sie dir im Gegenzug für dein Schweigen beantworte«, erwiderte Faith scharfzüngig. Cassidy starrte sie etwas verdutzt an. Natürlich hatte sie an die unzähligen Informationen gedacht, die für sie nun zum Greifen nahe schienen, aber Faith ließ es wie ein Verhör klingen. Noch war sie längst nicht so abgebrüht wie Angel, die ihrer Delinquentin wahrscheinlich schon die Daumenschrauben angelegt hätte. Als sie kurz davor stand, sich für ihre unausgesprochenen Vorstellungen zu entschuldigen, winkte Faith ab und wiederholte ihre Feststellung, dass sie noch viel zu lernen habe. Anschließend setzte sie sich gerade hin und forderte Cassidy auf, ihren Fragen freien Lauf zu lassen.
Zuerst wollte sie verständlicherweise erfahren, was die Gruppe auf der anderen Seite der Berge erwarten würde und freute sich auf das Gefühl, einmal mehr als ihre omnipotente Ausbilderin zu wissen. Sie skizzierte Jades Route im Sand vor ihren Füßen und blickte Faith neugierig an.
»Da hat Jade euch hingeschickt?«, hauchte Faith erstaunt. Sie wischte das Gebilde sofort wieder weg und zog die Knie an ihre Brust. »Das sind Isolationisten. Eigenbrötler wie eure Nachbarn aus White Rock, die mit niemandem etwas tun haben wollen.«
»Warum sollten gerade die uns helfen?«, fragte Caiden. »Lässt sie uns doch in eine Falle laufen?«
Faith schüttelte den Kopf und rieb sich mit den Fingerspitzen die Kopfhaut unter ihren glatten Haaren, als würde sie nach etwas suchen, was ihr die Drogen genommen hatten.
»Jade hat ihre ganz eigenen Pläne. Nicht für euch, sondern für Angel«, antwortete sie zurückhaltend. An viel erinnerte sie sich nicht mehr, denn immerhin war sie ja verhört worden, und nicht umgekehrt. »Das Imperium hat jahrelang versucht, das Gebiet östlich der großen Schlucht zu erobern, ohne nennenswerte Erfolge. Wir waren ihnen zahlenmäßig zwanzig zu eins überlegen und verglichen mit euren Rangern oder den Vultures hervorragend ausgestattet, aber diese Leute besitzen noch viel von der Technik der alten Welt. Gegen Hubschrauber und Kampfpanzer konnten unsere Truppen nichts ausrichten.«
Die Geschwister erinnerten sich an Sharons Geschichte über den Angriff auf ihr Sklavenlager. Schon damals hatten sie sich gefragt, warum die Sicarii von einem dermaßen übermächtigen Gegner nicht einfach ausgelöscht worden waren.
»Es ist ja nicht so, als wenn die eine Panzerfabrik besitzen würden«, erklärte Faith. »Ihre Allmacht endet, sobald ihnen der Treibstoff ausgeht, die Munitionslager erschöpft sind und sie niemanden mehr haben, der die Geräte bedient. Es gibt einen Waffenstillstand, der besagt, dass sie sich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen und wir sie dafür nicht länger angreifen.«
»Jade kann also keine eigenen Truppen über die Schlucht schicken und benutzt stattdessen Angel für ihre Zwecke?«, kombinierte Caiden, was Faith mit einem Nicken bestätigte.
»Das erklärt die detaillierte Wegbeschreibung, aber warum hat sie dich zurückgeschickt?«, fragte Cassidy misstrauisch, was ihren Bruder zu einem mürrischen Brummen verleitete.
»Vielleicht hab ich ja den Auftrag, die Siedlung von innen heraus zu sabotieren, die führenden Köpfe zu ermorden und den Sicarii die Tür zu öffnen?«, antwortete Faith zynisch. »Das wolltest du doch hören, oder?«
»Es reicht!«, grollte Caiden, aber seine Freundin winkte bereits ab.
»Nein, sie hat Recht. Jade hat mich nicht aus Mitgefühl gehen lassen. Sie platziert mich genau wie Angel auf ihrem Schachbrett und hofft, dass ihre Strategie aufgeht«, philosophierte sie beim Betrachten der verwischten Sandkarte, bis sie zu nicken begann. »Ich bin mit eurer großen Heldin ganz einer Meinung, dass wir ihren Anweisungen folgen aber gleichzeitig die Augen aufhalten sollten. Man kann nicht einfach über die Schlucht marschieren und hoffen, bei denen aufgenommen zu werden. Jade muss einen Plan haben, uns den Zugang zu ermöglichen, und bis wir den kennen, sind wir gezwungen mitzuspielen. Sie würde es sofort merken, wenn wir gegen ihre Absichten handeln, und was das heißt, könnt ihr euch inzwischen selbst ausmalen.«
»Bedeutet das, es gibt hier noch mehr Spione wie dich?«, platzte es unüberlegt aus Cassidy heraus. Diesmal nahm Faith ihre Anschuldigung ernst und reagierte mit einem zornigen Stirnrunzeln.
»Zum letzten Mal, ich spioniere für niemanden, klar? Hast du dich mal gefragt, woher Jade Angels Namen kannte, oder warum Sienna nahezu ohne Gegenwehr in Grund und Boden gestampft werden konnte?«, erwiderte sie gereizt. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, fügte sie hinzu: »Bevor du mich fragst: Nein, ich weiß nicht, wer die Verräter sind. Ich war für die Vultures zuständig. Was ich dir sagen kann, ist, dass Kalidas und Samuel nicht von mir umgedreht wurden. Niemand außer Eric und euch kennt meine wahre Identität.«
Geknickt versuchte Cassidy sich für ihre Unachtsamkeit zu entschuldigen und ließ die beiden anschließend allein. Sie wurde immer noch nicht schlau aus Faith. Ihre Intuition sagte ihr, dass sie wirklich von Jades Wegbeschreibung überrascht gewesen war. Die Isolationisten hinter den Bergen schienen der ansonsten so furchtlosen Frau beinahe Angst zu machen, was Cassidy nach den Beschreibungen der Hubschrauber und Panzer nicht wunderte. Ein flaues Gefühl in der Magengegend versuchte sie zu überzeugen, Angel von den neuen Informationen zu berichten und sie nicht im Ungewissen zu lassen. Vielleicht müsste sie die Fragen nach der Herkunft ja nicht einmal beantworten?
Nein. Fing sie erst an darüber zu reden, würde ihre Ausbilderin alles erfahren wollen - und müssen. Sie konnte nur hoffen, dass Caidens Vertrauen in seine geheimnisvolle Freundin gerechtfertigt war und Faith ihnen im richtigen Moment das Leben retten würde. Wiedereinmal.
***
Als Cassidy am nächsten Morgen den Kopf aus der Konventhausruine steckte, sah sie Kim mit einem Bündel Seile über den Versammlungshof eilen. Die Hobbybergsteigerin hatte von Angel den Auftrag erhalten, Abseilvorrichtungen und Gurtzeug für die Gebirgsüberquerung herzustellen, auch wenn sie aufgrund ihrer Höhenkrankheit hoffte, sie nicht einsetzen zu müssen. Im Schatten vor der Kirchenruine studierte Angel derweil die neuesten Aufklärungsdaten und diskutierte mit Dog die weitere Vorgehensweise. Fünf Tage saßen sie inzwischen fest und das gesamte Team brannte darauf, endlich weiterzuziehen, obwohl die Gründe dafür sehr unterschiedlich waren. Angel setzte die Priorität bei der Sicherung der Flüchtlinge und der Befreiung der gefangenen Ranger aus den Freien Enklaven. Dog wollte davon nichts wissen. Er verlangte nach Rache und scherte sich nicht um die Menschen, für die er beinahe schon einmal gestorben war.
Cole führte gemeinsam mit Sharon eine Inventur der Waffen- und Munitionsbestände durch. Die beiden waren sich zusehends nähergekommen, auch wenn die zierliche Studentin es nach wie vor genoss, ihn mit kleinen Sticheleien zu reizen, nur um anschließend mit unschuldig klimpernden Augen der Revanche zu entgehen. Die gute Nachricht war, dass den Rangern vergleichsweise viele Gewehre zur Verfügung standen. Die schlechte, dass der Transporter mit dem Großteil der Munition bei der Konvoiverteidigungsschlacht zerstört worden war. Nach kurzer Überlegung entschied Angel, dass die Flüchtlinge selbst mit einem schier unendlichen Vorrat an Patronen keine Chance gegen einen erneuten Angriff der Sicarii haben würden, wenn ihre Mission jenseits der Berge scheitern sollte. Dementsprechend teilte sie ihrem Team das gesamte Militärequipment zu und überließ der Klosterbesatzung lediglich die Jagdflinten.
Anthony und Kalidas diskutierten seit Tagen über die Verpflegung, die sie Angels Kommandoeinheit mitgeben könnten. Trockenfleisch war ihre erste Wahl, gefolgt von Brot und Marthas Trockenobst, mit dessen Herstellung sie schon am Tag nach ihrer Ankunft im Kloster begonnen hatte. An manchen Berghängen der Umgebung gab es zudem wildwachsende Reste von ehemaligen Weinanbaugebieten, die sie zu Rosinen verarbeiten konnte. Ihr eingemachtes Pflaumenmus hätte Cassidy am liebsten sofort verspeist, doch die rüstige Proviantmeisterin hielt die Gläser unter strengem Verschluss.
Faith war mittlerweile wieder vollständig genesen, sowohl von ihrem Sturz aus dem inzwischen bewohnbaren Baumhaus als auch Jades Verhör. Schon bei Sonnenaufgang verschwand sie mit Caiden in den Bergen, manchmal begleitet von seiner Schwester und ihrem Schäferhund Scott, so dass Kim bereits scherzhafte Andeutungen über eine Verschwörung in die Welt gesetzt hatte. In Wahrheit wollten sie unbequemen Fragen aus dem Weg gehen und, ohne die Gefahr belauscht zu werden, mehr von den Sicarii erfahren.
Cassidy freute sich dabei auf entspannte Diskussionen, musste aber schnell feststellen, dass Faith ihrem Bruder ein hartes Trainingsprogramm verordnet hatte. Er war zwar physisch gut in Form, doch es mangelte ihm ihrer Meinung nach an Technik. Stundenlang pirschten sie zusammen durch die Wildnis, übten Infiltrationstechniken in verfallenen Ruinen oder gingen schlicht aufeinander los, um Schlagkombinationen einzustudieren. Cassidy kam sich manchmal wie die kleine Schwester vor, die ihrem großen Bruder von den Eltern ans Bein geheftet worden war, damit sie tagsüber aus dem Haus kam. Nach ein paar Stunden saß sie nur noch gelangweilt daneben, kraulte Scott am Hals und sah zu, wie Caiden und Faith mit vollem Marschgepäck Felswände hinaufkletterten und sich anschließend möglichst lautlos auf der anderen Seite abseilten.
Erst als Faith allein ihre Messerwurfkünste trainierte, wurde Cassidy wieder neugierig. Ein paar Ranger hatten sie zum Dank für ihre Hilfe in Silver Valley neu eingedeckt. Obwohl es ihr etwas paradox erschien, war sie pragmatisch genug gewesen, um die Geschenke anzunehmen. Caiden konnte den verglichen mit seinem Sturmgewehr harmlos wirkenden Klingen jedoch nicht viel abgewinnen und verzichtete darauf.
»Wie schaffst du das, jedes Mal den Baum zu treffen?«, fragte Cassidy beeindruckt.
»Ein Baum ist leicht«, murmelte Faith konzentriert und schleuderte ein drittes Messer auf nahezu dieselbe Stelle. »Ein Kopf oder ein Herz, das ist schon schwieriger.« Sie riss ihre Klingen aus der Baumrinde, trat drei lange Schritte zurück und reichte sie Cassidy. »Halt es an der Schneide mit Daumen und Zeigefinger fest. Anschließend den rechten Fuß nach hinten und den linken im Fünfundvierzig-Grad-Winkel zwei Fußlängen davor.«
Cassidy folgte ihren Anweisungen und stellte erstaunt fest, dass die silbernen Messer deutlich schwerer waren, als sie aussahen.
»Okay. Jetzt streck beide Arme nach vorn. Nun geh mit dem rechten Arm in einer runden Bewegung nach hinten, bis das Messer neben deinem Kopf ist, und dann wieder nach vorne, als wenn du ein Stück Fleisch zerhacken willst. Das Handgelenk bleibt die ganze Zeit steif! Verlager dein Gewicht auf das linke Bein«, erklärte Faith und verdeutlichte ihre Worte derweil mit einer Trockenübung, bei der sie Cassidys Arm mit ihren Händen führte. »Wenn dein Wurfarm genau parallel zum anderen ist, also auf das Ziel zeigt, lass die Finger kurz los. Danach musst du die Hackbewegung unbedingt noch etwas weiterführen, sonst triffst du nichts.«
Sie ließ Cassidys Arm los.
»Bereit?«
Cassidy nickte.
»Okay, dann los!«
Faith trat zur Sicherheit einen Schritt zurück, während Cassidy die Trockenübung noch zwei Mal wiederholte, bevor sie warf, doch das Messer prallte wirkungslos vom Baum ab. Sie wollte es sofort erneut versuchen, aber Faith hielt sie davon ab.
»Moment«, sagte sie. »Geh erst eine Fußlänge zurück.«
Abermals folgte Cassidy ihren Instruktionen, ahmte die Bewegungen detailgetreu nach und schleuderte eine zweite Klinge auf den malträtierten Baum. Diesmal blieb sie zitternd in der Rinde stecken.
»Siehst du«, lobte sie Faith.
»Wieso ging das jetzt so leicht?«
»Das ist Mathematik«, erklärte Faith. »Das Messer dreht sich alle drei Meter einmal um den eigenen Schwerpunkt. Bist du zu nah oder zu weit vom Ziel entfernt, triffst du es nicht mit der Spitze und prallst ab. Es braucht viel Übung, um über zwei, drei Umdrehungen hinauszukommen.«
»Und wie viele schaffst du?«
Faith zog eine etwas größere, geschwärzte Klinge aus ihrem Gürtel und schleuderte sie an Cassidy vorbei auf einen zwanzig Meter entfernten Ast.
»Sechs.«
Cassidy hatte eindeutig Gefallen am Messerwurf bekommen und bat Faith um weitere Lektionen. Caiden war steht‘s zugegen und gratulierte seiner Schwester zu ihren Erfolgen. Insgeheim freute er sich, dass die beiden ein gemeinsames Interesse gefunden hatten und sich näherkamen.
Während er ihnen zusah, versuchte Caiden, Faiths Panflöte zu reparieren. Sie wollte nicht darüber reden, was mit dem Instrument geschehen war und warum Jade ihr die Einzelteile gelassen hatte. Generell konnte sie sich nach wie vor kaum an Details ihres Verhörs erinnern. Umsomehr dankte sie ihm, als am darauffolgenden Tag wieder ihre zauberhafte Musik durch die Wälder um das Kloster hallte.
Butch verbrachte fast jede freie Minute unter dem Humvee oder seinem Pick-up, um die Fahrzeuge für die Reise vorzubereiten. Wie immer hatte sein orangefarbener Liebling bei der Verteidigungsschlacht des Konvois einiges einstecken müssen. Ohne Johnnys Unterstützung fiel ihm die Arbeit jedoch viel schwerer, so dass er häufige Pausen einlegte und kaum ansprechbar war. Hilfsangebote der Flüchtlinge musste er widerwillig ablehnen. Angel wollte nicht, dass irgendjemand außer ihrer Kommandoeinheit an den Wagen herumschraubte. Während der Nacht wurden sie sogar ununterbrochen bewacht, um Sabotage zu verhindern. Dabei dachte Angel nicht mal an eine Autobombe. In den Bergen aufgrund von Motorschäden liegenzubleiben hätte denselben Effekt.
***
Am Abend des sechsten Tages war es endlich so weit. Angel rief ihr gesamtes Team zur letzten Lagebesprechung zusammen, was diesmal auch Jesse wieder mit einschloss. Wie schon in Jaguar Bay stellten die Milizionäre Stühle für Paul und Martha bereit. Butch zog genüsslich an einer Zigarette, Cole teilte sich mit Sharon den Ledersitz seiner Rennmaschine. Er hatte ebenfalls eine Zigarette im Mund, deren stinkenden Rauch Sharon kontinuierlich wegzuwedeln versuchte. Zu ihrem großen Unmut hatten die Schatzsucher ein paar Päckchen in den umliegenden Dörfern entdeckt. Caiden, Cassidy, Scott und Faith hockten im warmen Sand vor dem Humvee und Kim breitete eins ihrer aus Gürteln und Seilen gefertigten Gurtzeuge auf der Motorhaube des Pick-ups aus.
Viel zu bereden gab es nicht. Inzwischen hatte sich im gesamten Kloster herumgesprochen, wohin die Reise gehen würde, auch wenn der genaue Grund dafür nach wie vor geheim blieb. Die offizielle Mission lautete, Kriegsgefangene zu befreien. Angel ließ eine von Coles selbstgezeichneten Landkarten herumreichen, die nicht mal ansatzweise an Kims strategische Gemälde herankam, aber die ersten dreihundert Straßenkilometer recht anschaulich darstellten. Auf den engen Serpentinen würden sie nur langsam vorankommen und Angel wollte häufige Pausen einlegen. Niemand, nicht einmal Faith, wusste genau, was sie auf der anderen Seite des Gebirges erwartete, weswegen Mensch und Maschine geschont werden mussten. Der Ausfall eines der Wagen hätte katastrophale Folgen, von einem Unfall mit Knochenbrüchen oder ähnlichem ganz zu schweigen. Es gab keinen Ersatz, keine Verstärkung und niemanden, den sie um Hilfe bitten konnten, sobald sie das Kloster hinter sich gelassen hatten.
Dog lehnte es nach wie vor ab, für die Flüchtlinge in den Krieg zu ziehen. Das Gerede über die Rettung der Verschleppten und die Hoffnung für die Zivilisten bereiteten ihm Kopfschmerzen. Angel hatte geahnt, dass er sich nicht ohne weiteres integrieren lassen würde und suchte nach Argumenten, ihn von der Richtigkeit ihrer Mission zu überzeugen, als Caiden ihr zuvorkam.
»Glaubst du vielleicht, du wärst bei Eric besser aufgehoben?«, rief er Dog mürrisch zu. Er schuldete ihm alles, aber allmählich zehrten die ständigen verklärten Heroisierungen des Vulturedaseins an seinen Nerven.
»Der steht jetzt wenigstens auf der Gewinnerseite!«, erwiderte der Hüne erzürnt.
»Und wie kommst du darauf, dass er dich an seiner neuen Stellung teilhaben lassen wollte?«
Nun hob Faith zum ersten Mal den Kopf und starrte Caiden beklommen an. Auch Cassidy verstand nicht, worauf ihr Bruder hinauswollte.
»Glaubst du etwa, dass er das innerhalb einer Woche durchgezogen hat?«
Wütend schlug Dog auf die Motorhaube des Humvees. Er kannte die Antwort auf diese Frage. Cassidy fürchtete, dass Caiden plötzlich alles ausplaudern würde und Faith bereitete sich instinktiv auf ihre blitzschnelle Flucht vor. Sie hatte nicht alle Seile und Strickleitern im Baumhaus verbaut. Ein paar davon warteten gut versteckt an den Hängen des Klosters auf sie.
»Warum hat er dir nie etwas von den Unterhändlern der Sicarii erzählt?«, fuhr Caiden unbeeindruckt fort. In diesem Moment stürmte Dog zwei Schritte auf ihn zu und hielt ihm den Zeigefinger vor die Nase, als wenn er den besserwissenden Bauernlümmel zurechtweisen wollte. Doch ihm fehlten die Worte, denn der Junge hatte Recht.
»Ganz genau. Er musste dich loswerden, weil du dich den Sicarii niemals untergeordnet hättest! Ohne die Menschen hier wärst du längst tot!«
Dog zog seinen Finger zurück und ballte stattdessen die Faust. Für einen Augenblick schien es, als würde er Caiden im nächsten Moment für seine Unverschämtheit bewusstlos schlagen, aber dann entspannte sich seine Hand. Er stöhnte frustriert und lehnte sich mit dem Rücken an den Humvee.
Angel hatte das Schauspiel mit verschränkten Armen verfolgt. Während ihre Kameraden Caidens logischer Argumentation Achtung schenkten, grübelte sie, woher er seine Informationen haben könnte. Sie selbst hätte die Geschehnisse nicht besser kombinieren können. Angel war sich sicher, dass seine plötzliche Erleuchtung mit dem Geheimnis zusammenhing, das er seit der Schlacht von Silver Valley mit sich herumtrug. Nun würde sie Caiden erst recht nicht mehr aus den Augen lassen.
Nachdem der Streit geschlichtet worden war, erklärte Kim den Einsatz der Sicherungsgurte und sorgte dafür, dass sich jedes Teammitglied wenigstens einmal von den acht Meter hohen Festungstürmen abseilte.
Faith schien wie sooft in ihrem Element zu sein und machte den professionellsten Eindruck, gefolgt von Caiden, den sie ihre Technik gerade erst gelehrt hatte. Cassidy kam ihr hartes Trainingsprogramm und zumindest das Zusehen bei ihrem Bruder zugute. Sie wirkte im Vergleich etwas tollpatschig, behielt aber jederzeit die Kontrolle über ihren Körper. Gleiches galt für Sharon, die mit kreidebleichem Gesicht die Natursteinmauer hinab tapste und bei jedem Schritt kurz davor stand, sich zu übergeben. Cole war es gewohnt, sich als Einzelkämpfer in die unmöglichsten Aufklärungspositionen abzuseilen und hatte keine Probleme mit der Übung. Jesse konnte das Team mit seinen zwölf Jahren zwar nicht begleiten, durfte sich aber dennoch an dem Turm versuchen. Dank seiner Baumhauskletterei verfügte er über mehr Erfahrung als die meisten anderen und machte eine äußerst gute Figur. Dog verließ sich gänzlich auf seine Kraft und hätte dabei fast den Halt verloren. Eine Lektion, die er hoffentlich nicht so schnell vergessen würde, flüsterte Kim Angel zu, die nach Butchs gelungenem Abstieg als letzte an die Reihe kam.
Unter den Blicken ihrer Freunde fiel Angel die Überwindung ungleich schwerer, doch sie wegzuschicken hätte man im gesamten Lager als Schwäche gewertet. Nachdem sie das Seil und dessen Knoten zur Sicherheit noch einmal überprüft hatte, stellte sie sich auf die Kante und ließ sich unter Kims penibler Anleitung rückwärts an dem Turm hinabgleiten. Aufgrund ihrer Höhenangst brauchte sie mit Abstand am längsten, verhielt sich aber nach der Einschätzung des klettererfahrenen Rotschopfs auch am vorbildlichsten.
Als diese Hürde genommen war und die Abendsonne allmählich hinter dem westlichen Bergrücken verschwand, begannen sie mit dem Beladen der Fahrzeuge. Ein Großteil der Flüchtlinge versammelte sich vor dem Fuhrpark und sah ihnen dabei zu. Nach wie vor war es nur Angels Kommandoteam gestattet, sich den beiden Wagen, Coles Motorrad oder den Vorräten zu nähern. Die einzige Ausnahme war Jesse, der seinen Freunden stolz beim Packen half und gleichzeitig unsagbar traurig wirkte, weil sie ihn im Morgengrauen zurücklassen mussten. Angel hatte ihm jedoch erklärt, dass er im Falle eines Scheiterns ihrer Mission die letzte Verteidigungslinie sein würde. Nicht, um im Alter von zwölf einen Krieg gegen die Sicarii vom Zaun zu brechen, sondern um die Erfahrungen und Werte der Ranger zu bewahren, sie in der folgenden Generation wieder aufzubauen und das sogenannte Imperium anschließend für seine Taten bezahlen zu lassen. Dafür überließ Angel ihm alle ihre Bücher über Militärstrategie und bat den alten Paul, ihm während ihrer Abwesenheit Schach beizubringen.
Etwas wehmütig stellte sie fest, dass beinahe die gesamten Errungenschaften aus zehn Jahren Silver Valley auf zwei Ladeflächen Platz fanden. Immer wieder fragte sie sich, wie es dazu hatte kommen können. Die Verräter der finalen Schlacht hatten den Rangern lediglich den Todesstoß versetzt. Der Untergang hatte weitaus früher und viel weiter im Norden begonnen. Wahrscheinlich in Sienna, das einfach vom Erdboden gefegt worden war. Aufgrund des Angriffs auf Eagle Village war Angel nie in der Lage gewesen, das Hochplateau bei Tageslicht zu untersuchen und auf der Rückfahrt von Brackwood lag ihre Priorität bei der Sicherung des Konvois. Nun musste sie Jades Anweisungen folgen und konnte sich keine tagelange Reise zu den Ruinen der Siedlung leisten. Einen Spähtrupp der Ranger wollte sie ebenfalls nicht riskieren, da die Vultures doch schon recht nahe an ihren Zufluchtsort herangekommen waren.
Trotz der Verluste, Niederlagen und offenen Fragen vermochte sie ihrem Schicksal dennoch einen Lichtblick abzugewinnen. Der jahrelange Stellungskampf zwischen Vultures und Rangern hatte sie auf beiden Seiten frustriert. Nach ihrem Überlaufen war sie der Hoffnung verfallen, etwas daran ändern zu können, nur um festzustellen, dass sie anstelle der Inkompetenz der Gang nun von unverständlichen Gesetzen zurückgehalten wurde. Dass sie Zivilisten nicht länger als menschliche Schutzschilde benutzen durfte, verstand sie ja noch, aber dass Vergiftungen von Wasserstellen oder Folter geächtet und Hinrichtungen verboten waren, hatte sie nie wirklich nachvollziehen können und sich damit häufig Ärger eingehandelt. Doch all das brauchte sie jetzt nicht mehr kümmern. Dies war nun ihre Mission und sie würde sich nicht von unnützen Vorschriften oder falscher Rücksichtnahme behindern lassen.