1 - Nachbeben
Mit versteinertem Blick verfolgte Angel von der Spitze des großen Tigerfelsens aus, wie die Ranger den letzten Fahrzeugen des Evakuierungskonvois sichere Stellplätze zuwiesen. Nur hier, auf dem Wahrzeichen von Jaguar Bay, wo sie allein war, durfte sie ihre Maske ablegen und sich selbst einen Moment lang der schweren Niederlage hingeben.
Wie hatte es nur dazu kommen können? Alle Freien Enklaven waren binnen weniger Wochen zerstört worden und General Monroe zusammen mit vielen Kameraden im Kampf gefallen. Nun befand sich der zerschundene Rest der Ranger unter ihrem Kommando auf der Flucht.
Unter ihrem Kommando. Der Gedanke ließ die ehemalige Vulture mit den Augen rollen.
Schnell rieb sie sich die deprimierte Miene aus dem Gesicht, als sie das Keuchen und die unsicheren Schritte dreier Beine hinter sich vernahm; eines davon aus Holz. Sie erkannte Paul sofort, den Bürgermeister von Eagle Village, der seit ihrer ersten Begegnung behauptete, nur knapp über siebzig zu sein. Stolz, den vierundachtzig Stufen zur Spitze der sphinxähnlichen Felsformation erfolgreich getrotzt zu haben, ging er auf den Rand zu und stützte sich vor dem Abgrund auf seinen kunstvoll verzierten Gehstock.
»Wie viele von euch ...«, fragte er nach Luft schnappend, »sind entkommen?« Der rüstige Alte kannte Angel bereits, als sie noch mordend unter dem Banner der Vultures durch das Land gezogen war. Dementsprechend vermied er unnötige Höflichkeitsfloskeln, wenn sie allein waren.
Ein Jahr vor ihrer Läuterung hatte sie Pauls Konvoi überfallen und ihn zusammen mit seiner Frau Martha entführt. Eigentlich war es ihr Plan gewesen, die beiden Alten gegen Waffen und Munition auszutauschen, aber der Angriff einer rivalisierenden Gang hatte Angels Vorhaben durchkreuzt. Während des Gefechts verlor sie ihr gesamtes Team und war selbst schwer verwundet worden. Damals lernte Paul ihren unerschütterlichen Kampfgeist zu schätzen, dank dem sie es bis nach Temple Town schafften. Mit ihren entzündeten Wunden blieb der stolzen Kriegerin keine andere Wahl, als sich von Paul und Martha vier Tage lang pflegen zu lassen. In dieser Zeit erhielt sie zum ersten Mal einen unverfälschten Einblick in die Struktur der Freien Enklaven, die sich als Gegenstück zu den marodierenden Banden gebildet hatten. Der alte Mann versuchte bis zuletzt, sie zum Überlaufen zu bewegen, doch dafür war sie noch nicht empfänglich gewesen. Als am vierten Abend ein Ranger-Team am Horizont auftauchte, hatte Angel sich von den beiden verabschiedet und war mit ihrem Buggy verschwunden.
»Etwa hundertfünfzig von uns, aber nicht mehr als eine Handvoll Kämpfer«, erwiderte sie als Antwort auf Pauls Frage. Bedrückt schwenkte sie den Kopf in seine Richtung. »Wie sieht‘s hier aus?«
»Diese Mistkerle haben keinen lebendig zurückgelassen«, fluchte er. »Was ist denn bei euch passiert? Ihr wart doch vorbereitet! Frank wusste doch genau, was da auf ihn zukommt!«
Angel vergrub ihr Gesicht in den Handflächen und berichtete, wie die Sicarii den Verteidigungsgürtel um Silver Valley mit Hilfe von Mörserfeuer geschwächt und anschließend mit gepanzerten Kipplastern überrannt hatten. Als erfahrener Kommandeur hatte General Monroe diese Vorgehensweise zwar einkalkuliert und die Schützengräben verminen lassen, in denen die Angreifer nach Überwindung der Palisade Zuflucht suchten, aber irgendwie schafften es die Sicarii, die Zündung zu sabotieren. Noch immer sah sie Victors blutüberströmte Leiche im Staub neben den Kontrollen liegen. Sie fand keine Erklärung dafür, wie die Eindringlinge ihn in seiner getarnten Stellung hatten erwischen können.
»Verdammt«, brummte Paul niedergeschlagen. »Dagegen ließ es sich mit euch Vultures ja richtig gut aushalten!«
Verwundert zog Angel ihre linke Augenbraue hoch, ehe sie an seinem gezwungen lächelnden Gesicht erkannte, dass er sie lediglich aufbauen wollte. Ihm war vollkommen bewusst, welche Verantwortung nun auf ihren Schultern lastete.
»Wie geht's Martha?«
»Ach, du kennst doch mein Herzblatt«, wiegelte Paul ab. »Solange sie sich nützlich machen kann, blüht sie richtig auf. Momentan kümmert sie sich darum, dass die Kinder etwas zu essen und eine Decke für die Nacht bekommen.«
»Wir können hier nicht lange bleiben, das weißt du«, mahnte Angel und fühlte sich plötzlich wie eine arrogante Göre, die einem Erwachsenen Befehle erteilen wollte. Paul spielte seine Rolle als gekränkter Dorfältester so überzeugend, dass sie sich beinahe entschuldigt hätte, bevor er die Situation mit einem Lachen rettete.
»Ich weiß, dass Frank dir das Kommando übertragen hat«, begann er kurz darauf, als sich die heitere Stimmung gelegt hatte. »Und um ehrlich zu sein, wüsste ich niemand Besseren, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.«
Nun zog Angel gleich beide Augenbrauen hoch. Sie musste einen Moment lang überlegen, bis sie verstand, was Paul mit seiner altmodischen Redewendung meinte.
»Was habt ihr eigentlich in Brackwood erfahren? Wer sind diese Sicarii überhaupt?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Angel. Dann kniff sie ihre Augenlider zusammen und starrte den alten Mann zielstrebig an. »Aber ich kenne da jemanden, der es wissen sollte.«
Mit diesen Worten fegte sich die Lateinamerikanerin ihre braunen Haare aus dem Gesicht und begann mit dem Abstieg. Natürlich bot sie Paul ihre Hilfe an, doch ebenso selbstverständlich schlug er sie mit einem beleidigten Gesichtsausdruck aus. Angel achtete trotzdem auf jeden seiner Schritte an dem wackeligen Geländer, um ihn im Ernstfall auffangen zu können.
Die Sicarii hatten kaum ein Haus in Jaguar Bay unbeschädigt gelassen. Schwarzer Rauch stieg aus den unzähligen Ruinen und der beißende Gestank von Blut und verkohlten Leichen lag in der Luft. Laut Angels Befehl waren alle Trauerzeremonien untersagt und die Gefallenen stattdessen auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt worden. Sie rechnete jeden Moment mit einem Angriff auf ihren Flüchtlingskonvoi und wollte den Aufenthalt in dem ehemaligen Binnenhafen so kurz wie möglich halten. Die apokalyptische Detonation des Tanklagers von Silver Valley schien den Invasoren jedoch schwerer zugesetzt zu haben, als die Verteidiger zu hoffen gewagt hatten. Die Sicarii ließen sich nicht zu einer Verfolgungsjagd hinreißen und bis jetzt meldeten die Späher keinerlei Kontakte am Horizont.
Als Angel sich dem zum fahrenden Lazarett umgebauten Wohnmobil näherte, wurde sie bereits von Cassidy erwartet. Die Siebzehnjährige hatte den Sanitätern nach ihrer Ankunft ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse zur Verfügung gestellt und sich dabei ihre strähnigen, blonden Haare bis auf einen kleinen Pony zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
»Wie lange braucht ihr noch?«, wollte Angel flüsternd wissen, als sie Cassidys blutige Latexhandschuhe bemerkte. Das Mädchen rechnete eigentlich damit, nach Überlebenden oder Verletzungen gefragt zu werden und hätte sich dafür am liebsten selbst geohrfeigt. Inzwischen sollte sie ihre abgebrühte Ausbilderin schließlich kennen!
»Wir haben getan, was wir konnten. Viele Brandverletzungen und Splitterwunden von den Granateinschlägen. Wir versuchen, sparsam mit dem Morphium umzugehen, aber unsere anderen Schmerzmittel gehen zur Neige«, murmelte sie erschöpft. Trotz der offensichtlichen Unruhe stand ihr die Entschlossenheit zur Vergeltung deutlich ins Gesicht geschrieben. Angels Kampfgeist schien allmählich auf ihre Schülerin überzugehen. Selbst im Lazarett behielt sie ihre Pistole bei sich, um nie wieder hilflos zu sein.
»Wo ist Sharon?«, fragte Angel, nachdem sie die kleine Studentin nicht unter den Sanitätern entdecken konnte. Skeptisch musterte Cassidy sie einen Moment lang. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck genau. Angel hatte einen Plan!
»Die studiert mit Cole und Jesse Landkarten.«
Cassidy streifte sich dabei die Latexhandschuhe ab und führte Angel schweigend durch das qualmende Jaguar Bay. Die Situation wirkte abstrakt und surreal, denn kaum jemand schien um die Toten zu trauern. Der Schock über die geradezu biblische Zerstörung der verbündeten Ortschaft glich einem Überdruck aus Leid und Schmerz, der die Gefühle der Menschen betäubte.
Geblendet von der Abendsonne holte Cassidy eine Sonnenbrille mit seitlichen Aluminiumschutzblenden hervor, die Jesse in den Ruinen gefunden und ihr geschenkt hatte. Zusammen mit ihrer neuen Frisur und den dunklen, kreisrunden Gläsern vor ihren Augen wirkte sie viel reifer als noch vor sechs Wochen, als Angel sie in einem Erdloch kauernd vor einem Rudel Steppenwölfe gerettet hatte. Vielleicht ließen sie ihre entbehrungsreichen Abenteuer aber auch einfach nur in Windeseile altern.
»Jesse?«, fragte Angel auf dem Weg. »Was macht der denn bei Cole?«
»Anscheinend haben sich die beiden angefreundet, als ich nicht hingeschaut habe!«
Als Sharon sie kommen sah, nahm die junge Rangerin ihre kleine Brille ab und lehnte sich über die Motorhaube von Angels Humvee, auf dem sie Landkarten der Umgebung miteinander verglichen hatte. Jesse stand auf der Stoßstange und ließ sich von Cole gerade die militärischen Symbole erklären.
»Ich hab mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest«, rief Sharon Angel unbehaglich entgegen, während sie ihre Sehhilfe putze. Kaum setzte sie die Brille wieder auf, verwandelte sie sich zurück in die zierliche Studentin, als die Cassidy sie zwei Wochen zuvor kennengelernt hatte. Angel antwortete ihr nicht, sondern interessierte sich scheinbar nur für die Karten. Als sie die fragenden Mienen von Cole, Jesse und ihrer Schülerin bemerkte, rollte sie mit ihren Augen in Richtung Camp und gestikulierte damit, dass sie allein mit Sharon reden wollte. Cassidy hatte sich daran gewöhnt, ihren Anweisungen zu gehorchen. Sie nahm Jesse an die Hand und schleppte sich für eine Pause zur Versorgungsstation. Der gebräunte Ranger mit seinem kurzen, gekräuselten Haar verschränkte hingegen provokativ die Arme. Auf den Lippen über seinem spitzen Kinn erschien ein verschmitztes Grinsen, das Angel sehr deutlich machte, dass er ihrem Befehl keinesfalls Folge leisten würde.
»Sie weiß etwas!«, sagte Cole entschlossen und zeigte mit dem Finger auf Sharon. »Sie weiß, wer meine Leute abgeschlachtet hat! Aber sie redet nur mit dir. Ich hab sie zu dir gebracht und jetzt will ich wissen, wer diese Typen sind, die mir den Krieg erklärt haben!«
Überrascht blinzelte Angel mit den Augenlidern in die untergehende Abendsonne, bis sie selbstgefällig die Mundwinkel hochzog. Der alte Paul war der einzige, der Cole nach seinem unfreiwilligen Austritt bei den Vultures eine Chance gegeben hatte. Entsprechend persönlich nahm er den Angriff auf sein Dorf, dessen Sicherheit ihm aufgrund seiner Erfahrung - und seiner selbstauferlegten Blutschuld - anvertraut worden war. Nun verstand Angel wieder, warum sie eine Zeit lang ihr Bett mit ihm geteilt hatte.
»Vor zweieinhalb Jahren hab ich Sharon bei einer kleinen Gruppe Flüchtlinge mitten in der Steppe gefunden. Sie ist die Einzige, die es lebendig bis zur nächsten Siedlung geschafft hat«, begann sie zu erklären.
Sharon senkte niedergeschlagen den Kopf, als Angel ihre verstorbene Familie erwähnte. Viel Zeit zum trauern blieb ihr nicht, denn Cole fragte sofort nach ihrer Herkunft.
»Das hat sie uns nie gesagt. Frank und ich haben ihre Entscheidung damals respektiert.« Angel wollte nicht weiter in der dritten Person von Sharon reden und hob ihr rundes Gesicht sanft am Kinn an. »Du kennst die Sicarii, nicht wahr?«
Mürrisch schüttelte sie sich. Sharon hasste es, wenn man sie als zerbrechliches Gut betrachtete, das um jeden Preis beschützt werden musste. Selbst zwei Jahre als Rangerin wogen die Vorurteile gegen ihre zierliche Statur nicht auf.
Der Beginn ihrer Geschichte klang wie die aller Sklaven, die von einer Gang eingefangen und zur Arbeit gezwungen worden waren. Seit sie sich erinnern konnte, musste sie Felder bestellen, Wasser tragen, Kisten schleppen oder hin und wieder die Behausungen ihrer Aufseher putzen. Wahrscheinlich würde sie noch immer Getreide anbauen, Vieh hüten und Kohlereste aus stillgelegten Bergwerksstollen zu Tage fördern, hätten die Sicarii sie nicht für eine Sondermission eingeteilt. Es war fast drei Jahre her, dass ihre ganze Familie als Teil einer Sklaveneinheit quer durch die Steppe nördlich des Hadesgebirges transportiert wurde, das die bekannten Wastelands der Ranger vom vermutlichen Sicariiterritorium trennte. In einer unwirtlichen Gegend umgeben von großen Hügelketten im Osten und geschützt von einem ausgetrockneten Flussbett im Westen befahlen ihnen die Aufseher, eingestürzte Kellergewölbe einer Stadtruine freizulegen und sie mit schweren Holzkisten zu füllen. Das Öffnen der Kisten war den Sklaven dabei unter Androhung der Todesstrafe verboten worden. Nach vielen Jahren der Zwangsarbeit erledigten die meisten ihre Aufgaben wie in Trance, ohne sich um Sinn oder Unsinn der Befehle zu kümmern. Ein Unterschied zur normalen Vorgehensweise der Sicarii hatte Sharon jedoch keine Ruhe gelassen. Ihre Aufseher schlossen sie kurz vor Tagesanbruch in eines der leerstehenden Gewölbe ein und trieben sie erst nach Sonnenuntergang zurück an die Arbeit. Die Sklaven empfanden diese Behandlung als große Erleichterung und viele bedankten sich sogar. Zum einen waren die Tage zu jener Jahreszeit deutlich länger als die Nächte und zum anderen erleichterten die kühlen Stunden die schweißtreibende Anstrengung enorm.
Die geradezu positive Stimmung unter den Zwangsarbeitern änderte sich jedoch schlagartig, als am dritten Tag die letzten Kisten verstaut worden waren und sie die Sicarii vor ein Erschießungskommando stellten. Erst viel später keimte in Sharon der Gedanke, dass sie mit ihrer Familie etwas so Geheimes vergraben haben musste, dass ihre Aufseher kein Risiko eingehen wollten. Die meisten der Sklaven begannen auf Knien um Gnade zu flehen, darunter auch Sharons Mutter, auf dass die Wärter zumindest das Leben ihrer Tochter verschonen würden. Andere versuchten ihr Glück bei einer verzweifelten Flucht durch die alte Stadtruine, doch keiner entkam seinem Schicksal, bis die Sicarii schließlich Sharons Familie vor die blutige Grube führten, in der bereits einige ihrer Freunde lagen.
Aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit konnte sie zu jener Zeit nicht genau erkennen, was als nächstes geschah. Sie hörte ebenso wie die Wärter das ansteigende Brummen von Motoren, die sich knirschend einen Weg zwischen den Ruinen hindurch zu bahnen schienen. Ohne weitere Vorwarnung brach plötzlich ein stählernes Ungetüm auf breiten Metallketten durch die letzte noch stehende Wand eines ehemaligen Kinos und spuckte dabei mit einem ohrenbetäubenden Donnern Feuer in Richtung des Erschießungskommandos. Sekundenbruchteile später explodierte der staubige Steinboden unter den Aufsehern und schleuderte die kreischenden Sicarii in hohem Bogen durch die Luft.
Sharons Familie blieb von der fauchenden Druckwelle nicht verschont. Sie stürzten rückwärts auf die Leichen ihrer ermordeten Freunde. Sharons Eltern waren vor Schreck über die ohrenbetäubenden Geräusche erstarrt und stellten sich instinktiv tot. Die neugierige Sklavin an der Grenze zum Erwachsenenalter hingegen krallte sich an der Brüstung fest und riskierte einen Blick auf das tosende Gefecht.
Die Sicarii versuchten nicht einmal, sich gegen das Stahlmonster zur Wehr zu setzen, sondern hatten bereits fluchtartig das Weite gesucht. Einer der Wächter war mit seinem Pick-up in einem Erdloch steckengeblieben und konnte sich im letzten Moment noch mit einem Sprung durch die fehlende Frontscheibe retten, bevor die metallene Bestie den Wagen unter seinen schweren Ketten zermalmte.
Sharon überlegte, ob sie sich den haushoch überlegenen Angreifern zu erkennen geben sollte, da rauschten zwei mindestens ebenso große Ungetüme mit lauten Schraubengeräuschen nur ein paar Meter über ihren Kopf hinweg. An den Seiten der fliegenden Kriegsmaschinen blitzten markerschütternd dröhnende Geschütze auf, die hunderte von Patronenhülsen binnen weniger Sekunden auf die zerfurchte Straße niederregnen ließen.
Dann war plötzlich alles vorbei. Das feuerspuckende Stahlmonster war auf seinen Eisenketten vor dem notdürftig versiegelten Kellergewölbe zum Stehen gekommen und hatte zwei große Laster zur Unterstützung herbeigerufen, deren Besatzungen eilig die Kisten verluden. Sharons Eltern stellten sich noch immer tot - oder waren einfach so schockiert, dass sie sich nicht zu bewegen wagten. Die unbekannten Angreifer schienen nicht das geringste Interesse an den Sklaven zu haben. Ein ausgemergelter Arbeiter war freudig auf seine vermeintlichen Retter zugelaufen und hatte sich bedanken wollen, doch die eingespielte Truppe ignorierte ihn vollkommen. Als er nicht aufgab und sich dem stählernen Ungetüm weiter näherte, richtete der Kommandant das schwere Dachgeschütz auf ihn und befahl ihm, zurückzutreten.
Inzwischen war eines der fliegenden Schlachtrösser gelandet und setzte Unterstützungstruppen ab, um die Verladeoperation zu beschleunigen. Die rechte Cockpittür öffnete sich und heraus trat eine zierliche Gestalt, die Sharon trotz ihrer Sehschwäche aufgrund der vielen kräftigen Männer um sie herum auffiel. Die kleine Frau überragte kaum die Frontscheibe ihres Hubschraubers, doch ihre Kameraden machten ihr dennoch respektvoll Platz, während sie das Schlachtfeld begutachtete.
Der verzweifelte Sklave startete einen weiteren Versuch um Hilfe zu bitten und Sharon hoffte, dass er die Gutmütigkeit des hochgerüsteten Überfallkommandos nicht zu sehr strapazieren würde. Im Gegensatz zu ihren abweisenden Untergebenen zitierte die Pilotin jedoch umgehend ihren Sanitäter mit einer Wasserflasche herbei. Der Anblick der gefüllten Feldflasche, die der überglückliche Zwangsarbeiter sogleich zu leeren begann, schürte Sharons Durst ins Unermessliche. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis sie sich nicht mehr beherrschen konnte und aus der Leichengrube herauskletterte.
»Was tust du da?«, zischte ihre Mutter.
»Die haben Wasser! Die helfen uns!«
Gefolgt von ihren Eltern stolperte Sharon auf die unbekannten Gönner zu. Aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit übersah sie hin und wieder auf die Straße geschleuderte Gebäudereste und wäre um ein Haar von einer rostigen Stahlstange aufgespießt worden. Aus den Ruinen der Stadt tauchten insgesamt fünf weitere Mitgefangene auf, die alle auf einen Schluck Wasser hofften.
Der Anführer der Bodentruppen schien sich bei seiner hilfsbereiten Vorgesetzten über die von ihr angerichtete Situation zu beschweren. Beide waren fernöstlichen Ursprungs, er schon etwas älter mit einem beinahe kreisrunden Gesicht und wohlgenährtem Bauch, sie hingegen gertenschlank und mit einer länglichen Gesichtsform. Ohne auf seine Kommentare einzugehen, ordnete die Pilotin die notdürftige Versorgung der Zwangsarbeiter an.
»Kann jemand von euch eine Karte lesen?«, fragte sie, nachdem ihre Untergebenen an jeden Sklaven einen halben Energieriegel und ein paar Flaschen kristallklaren Wassers verteilt hatten. Während sie geduldig auf eine Reaktion wartete, fiel ihr immer wieder eine violette Strähne ihres ansonsten glänzend schwarzen Haares ins Gesicht, die sie augenrollend zur Seite strich.
Schockiert von den Erschießungen und eingeschüchtert von den gigantischen Kriegsmaschinen brachten die ausgemergelten Überlebenden keinen Ton hervor, bis sich Sharon zögernd einen Schritt nach vorne wagte. Die junge Asiatin deutete ihr mit einer Handbewegung, ihr zu dem fliegenden Ungetüm zu folgen, wo sie eine dünne Folie hervorholte, die in der Sonne in allen erdenklichen Farben glänzte. Als sie mit dem Finger darüberstrich und plötzlich fremdartige Bilder darauf erschienen, zuckte Sharon erschrocken zurück. Die Pilotin blinzelte amüsiert mit ihren tiefbraunen Augen und zauberte eine Karte der Umgebung hervor.
Ihre Kurzsichtigkeit ließ Sharon die digitale Zeichnung bis kurz vor die Nasenspitze heranholen, was der Befehlshaberin natürlich nicht verborgen blieb. Sie rief ihren Sanitäter herbei und bat ihn um seine filigrane Brille, die eigentlich zu klein für den Mann war. Es gab keine Möglichkeit, Sharons benötigte Brillenstärke festzustellen, daher setzte sie ihr die Asiatin kurzerhand auf und fragte, ob sie dadurch besser sehen könne. Der erste Blick durch die dünnen Gläser wirkte auf Sharon wie Magie. Von einem Moment zum anderen konnte sie ihre viele Meter entfernten Eltern so klar erkennen, wie es ihr sonst nur in buchstäblich intimer Nähe denkbar war. Auch die Karte vermochte sie nun problemlos zu entschlüsseln, nachdem ihr die Asiatin die Symbole erklärt hatte. Zur großen Überraschung der Pilotin dauerte es keine Minute, bis Sharon die Funktionen des E-Papers vollständig verstanden hatte. Mit viel Fingerspitzengefühl zoomte sie die Landschaftsdarstellung hinein und heraus und suchte nach Erkennungsmerkmalen ihres vorherigen Arbeitslagers.
Sharon besaß einen hervorragenden Orientierungssinn, dank dem sie auch ohne genaue Ortskenntnis den Weg ihres Konvois nachvollziehen konnte. Sie vermochte sich zwar an keine Details zu erinnern, prägte sich aber dafür unübersehbare Gebäuderuinen oder Flugzeugwracks umso besser ein. Sowohl der grimmige Bodenkommandeur als auch die gertenschlanke Pilotin zeigten sich erfreut und dankbar, weshalb Sharon es wagte, sie um weitere Hilfe zu bitten. Der untersetzte Panzerkommandant erwiderte sofort mit heftigem Protest und diesmal verzichtete seine Vorgesetzte darauf, ihm zu widersprechen. Stattdessen ließ sie die hilfsbereite Sklavin zu ihren Eltern zurückführen.
Wieder mit ihrer Familie vereint beobachtete Sharon neugierig und verunsichert zugleich, wie sich die junge Frau mit dem alten Soldaten und einer unbekannten Stimme aus dem Funkgerät zu streiten schien. Sie war noch immer fasziniert davon, wie klar sie plötzlich alles sehen konnte.
Die verbale Auseinandersetzung dauerte nur ein paar Minuten. Auf einmal schleuderte die Asiatin ihr Funkgerät wütend in den Hubschrauber hinein, schnappte sich das E-Paper vom Pilotensitz und kam niedergeschlagen auf die Sklaven zu. Sharon rechnete damit, keine weitere Hilfe zu erhalten, und hatte sich schon mit ihrem Schicksal abgefunden, da drückte ihr die junge Frau die digitale Karte in die Hand und zeigte auf ein großes Autobahnkreuz im Süden vor dem gewaltigen Gebirge. Sie sollten der breiten Straße in die Berge folgen. Dort würde das Hoheitsgebiet der Sicarii enden. Mehr könne sie nicht tun, entschuldigte sie sich.
Anschließend befahl sie die Verteilung von ein paar Pistolen und notdürftigem Proviant an die befreiten Sklaven, was im Widerspruch zu ihren Anweisungen gestanden haben musste, denn wieder weigerte sich der ältere Soldat bei der Ausführung. Die bildhübsche Pilotin brauchte die Besatzung ihres fliegenden Ungetüms jedoch nur mitleiderregend anzuzwinkern, schon fügten sie sich dem Befehl.
Sharon strengte sich an, sich so viel wie möglich von der komplizierten Karte einzuprägen, ehe sie ihrer Retterin die glänzende Folie zurückzugeben versuchte. Mit einem gönnerhaften Lächeln erklärte die Asiatin das E-Paper zum Geschenk, ebenso wie die zierliche Brille ihres Sanitäters, dem sie eine neue versprach. Ihrer Argumentation zufolge sollte Sharon die befreiten Sklaven aus dem Sicariiterritorium herausführen und könne das nicht blind tun.
Ein paar Minuten später zwang der mächtige Hauptrotor des fliegenden Schlachtrosses die Überlebenden, Deckung in den Ruinen zu suchen, um nicht vom herumfliegenden Wüstenstaub davongeweht zu werden. Auch der Kampfpanzer ratterte langsam aus der Stadt heraus, gefolgt von den voll beladenen LKW. Die Soldaten hatten nicht alle Kisten erbeutet, sondern schienen genau zu wissen, was sich darin befand und ließen die Ruine über dem Rest mittels einer Sprengladung einstürzen.
Kaum waren die Staubwolken des Konvois am Horizont verblasst und die überwältigende Begegnung mit der unbekannten Kommandoeinheit vorbei, ergriffen die befreiten Sklaven den überlassenen Proviant und traten den Weg zum südlichen Hadesgebirge an. Gern hätten sie die Kühle der Nacht für ihre Wanderung genutzt, doch aufgrund der Stromversorgung über Solarzellen versagte die glänzende Kunststoffkarte immer kurz nach Sonnenuntergang ihren Dienst. So mussten sie zwei erschöpfende Tagesmärsche lang auf der Hut vor Sicariipatrouillen sein, die von der Niederlage erfahren hatten und möglicherweise nach ihren entlaufenen Zwangsarbeitern suchten.
Als sie am dritten Abend endlich die Autobahn erreichten, erwies sich die Wanderung auf der asphaltierten und ebenen Straße zunächst als äußerst angenehm. Die Gruppe kam schnell voran und musste sich nicht vor Raubtieren im hohen Gras fürchten. Die dunklen Autobahntunnel wirkten jedoch wie unheimliche Höhlen, in denen menschenfressende Ungeheuer wohnen könnten, spendeten aber auch erholsamen Schatten während der heißen Wüstentage und Schutz vor der Kälte bei Nacht. Als sie nach drei Tagen durch die Berge keine Menschenseele entdeckt hatten, breiteten sich allmählich Zweifel über den kühnen Plan aus, aber ein zurück gab es nicht mehr. Erschöpft erreichten die Flüchtlinge am fünften Tag endlich den Ausgang des Gebirges, nur um eine weitere, schier unendlich erscheinende Steppenlandschaft vorzufinden.
Dem Hungertod nahe schleppte sich die ausgemergelte Gruppe am sechsten Tag entlang der Autobahn gen Süden. Das E-Paper hatte inzwischen den Geist aufgegeben und schien über keinerlei Daten für das Gebiet südlich des Passes zu verfügen. Die Hoffnung auf Rettung hatte sie schon längst verlassen, als ihnen am Horizont kleine Staubwolken auffielen, die allmählich größer wurden. Sharon war bereits zu schwach, um sich an den lauten Rufen um Hilfe zu beteiligen. Sie lag abseits der Straße unter dem Wrack eines Wohnmobils, in dessen Schatten sie ihre Mutter mit den letzten Wasservorräten versorgte. Die anderen führten beinahe einen Freudentanz auf, nachdem die Fahrzeuge ihre krächzenden Schreie bemerkt hatten und ihnen entgegen eilten. Dabei war es egal, ob es sich um hilfsbereite Reisende oder Sicarii handelte, die sie zurück in die Sklaverei schicken würden. Jeder motorisierte Mensch bot die Chance auf Wasser; und weiter vorauszuplanen war der Gruppe in der Mittagshitze unmöglich geworden.
Die Euphorie über die bevorstehende Rettung löste sich jedoch schnell in Luft auf, als schwarz lackierte Wüstenbuggys mit wild kreischenden Besatzungen ihre Vehikel quer durch die verängstigten Sklaven jagten, bis die Flüchtlinge panisch reiß aus nahmen. Nur Sharons Familie blieb im Schatten des zerstörten Wohnmobils zurück, während die Abfangjäger der Vultures den flüchtenden Sklaven hinterherjagten und sie wie Vieh durch die Steppe trieben.
Erst als die Abenddämmerung hereinbrach und die abflauenden Temperaturen sie wieder klar denken ließen, trauten sich Sharon und ihre Eltern hervorzukommen. Die knatternden Buggys waren längst verschwunden, ebenso wie jede Aussicht auf Rettung durch friedliche Steppenbewohner. Ziellos irrten sie auf der asphaltierten Straße entlang, bis sie keinen Fuß mehr vor den anderen zu setzen vermochten. Mit letzter Kraft errichteten sie ein wärmendes Feuer aus verholzten Sträuchern. Die Hoffnungslosigkeit stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben, denn ohne Wasserquelle würden sie den nächsten Tag nicht überleben. Als die Müdigkeit sie trotz laut knurrender Mägen zu übermannen drohte, schreckte Sharon plötzlich auf und wich vor einer schwarzen Silhouette abseits des Rastplatzes zurück, die sie schon seit Stunden zu beobachten schien.
»... und da starrte sie uns auf einmal mit ihrer Pistole in der Hand an. Angel hatte sich völlig lautlos an das Lager herangeschlichen und uns wer weiß wie lange zugesehen!«, beendete Sharon mit gespielter Empörung ihre Geschichte.
»Eigentlich waren es nur ein paar Minuten gewesen«, kommentierte Angel die schmeichelhafte Übertreibung. »Butch gefiel die Idee überhaupt nicht, eine Feuerstelle bei Nacht so weit in feindlichem Territorium zu untersuchen, aber am Ende hat es sich gelohnt - zumindest für Sharon. Wir haben sie notdürftig versorgt und nach Sienna gebracht, doch für ihre Eltern kam jede Hilfe zu spät.«
Ausnahmsweise senkte Cole taktvoll den Kopf. Er hatte großen Respekt vor der zierlichen Rangerin bekommen, die so gar nicht seinen anfänglichen Vorurteilen entsprechen wollte. Nachdem Angel ihr bestätigend zugenickt hatte, ließ Sharon die beiden allein und joggte zu Anthonys provisorischer Versorgungsstation, um sich etwas Wasser für ihren trockenen Mund zu besorgen.
»Kampfpanzer und Hubschrauber«, murmelte Angel hinter vorgehaltener Hand und blickte Cole mit zusammengekniffenen Augen an. »Hast du so ein Ding schon mal in Aktion gesehen?«
Natürlich hatte er das nicht. Niemand hatte seit dem globalen Untergang vor dreiundzwanzig Jahren eines dieser stählernen Ungetüme zum Leben erwecken können. Meist fehlte es an technischem Know-how, doch selbst mit dem nötigen Wissen gab es kaum noch Ersatzteile geschweige denn das richtige Equipment zur Reparatur und Wartung. Dazu kam der astronomische Treibstoffverbrauch. Aber irgendjemand war in der Lage gewesen, die alten Kriegsmaschinen zum Laufen zu bringen. Und dieser jemand war ein Feind der Sicarii. Angels Augen leuchteten wie die eines Kindes zu Weihnachten. Sie musste diese Menschen finden, die ihre Gegner das Fürchten gelehrt hatten.
Ein Blick auf das zerstörte Jaguar Bay und die vielen hilfsbedürftigen Flüchtlinge holte sie jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück.
»Was nun?«, wollte Cole wissen, während er Sharon etwas verloren hinterher sah.
»Erstmal müssen wir die Leute in Sicherheit bringen«, murmelte Angel. »Fällt dir da was ein?«
Cole hatte noch immer seine Arme vor der Brust verschränkt und rieb sich mit dem rechten Daumen nachdenklich über die Lippen.
»White Rock?«
»Nur weil die einmal Salz mit uns getauscht haben, werden die keine fünfhundert Menschen aufnehmen«, grübelte Angel. Zusammen mit den Flüchtlingen aus Eagle Village war die Zahl der Männer, Frauen und Kinder unter ihrem Kommando beträchtlich gestiegen. »Aber vielleicht sollten wir sie warnen. Das alte Salzbergwerk dürfte ein lohnenswertes Ziel für die Sicarii sein.«
In der allmählich untergehenden Abendsonne sah sie Pauls gebückte Silhouette bedächtig auf sie zuhinken. Der rüstige Bürgermeister aus Eagle Village spielte gerne den zerbrechlichen Rentner, nur um im richtigen Moment den Krückstock davonzuwerfen und auf flinken Sohlen die Flucht antreten zu können.
»Haben wir einen Plan?«, hustete er seinem Milizkommandeur zu. Trotz seiner allgemein guten Verfassung machten ihm lange Reisen durch die staubige Endzeitsteppe sehr zu schaffen. Noch ein Grund mehr für Angel, schnellstens eine sichere Zuflucht zu finden.
Frustriert schüttelte Cole mit dem Kopf. Er hatte eine tiefe Abneigung gegen Defensivsituationen und trug den Kampf wann immer möglich zu seinen Gegnern. Bei den Vultures war er nie Teil der regulären Überfallkommandos gewesen, sondern verübte mit großer Vorliebe Sabotageakte hinter den feindlichen Linien. Nun sah er sich bereits einen von allen Seiten angreifbaren Flüchtlingskonvoi beschützen. Mit einem nachdenklichen Seufzen holte Paul unterdessen seine antike Lesebrille hervor, stützte sich auf die Motorhaube des Humvees und studierte die darauf ausgebreiteten Landkarten.
»Ich hab mir ein paar Gedanken über mögliche Rückzugsgebiete gemacht«, begann der Alte etwas abgelenkt zu philosophieren. »Die Sicarii kennen inzwischen sicher alle unsere Enklaven und die dazugehörigen Sammelpunkte. Ständig in Bewegung zu bleiben können wir uns nicht leisten, also müssen wir einen Ort finden, der nicht mal Monroe und seinen Rangern bekannt war.«
Nun hatte er Angels und Coles ungeteilte Aufmerksamkeit, die mit hochgezogenen Augenbrauen und verschränkten Armen auf weitere Erklärungen warteten. Das wiederum ließ Paul rot anlaufen und ein etwas schüchternes Lächeln aufsetzen. Mit seiner perfekt inszenierten Illusion von Unsicherheit markierte er ein unscheinbares Gebiet im nördlichen Hadesgebirge.
»Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, liegt dort ein verlassenes Kloster«, murmelte er dabei. »Mein Vater, Gott habe ihn selig, hat da oben als Touristenführer gearbeitet. Das ist natürlich ein paar Jahrzehnte her und es gibt keine Garantie, dass sich in dem alten Gemäuer nicht schon irgendwelches Gesindel eingenistet hat. Aber ich hielt es für vernünftig, euch darüber zu informieren.«
Mit diesen Worten nahm er seine Lesebrille ab und verstaute sie sorgfältig in einem braunen Lederetui. Anschließend griff er nach seinem handverzierten Krückstock und spazierte unschuldig summend davon. Angel und Cole sahen sich einander sprachlos an, bis sie gemeinsam erleichtert loslachten. Der alte Mann hatte ihnen gerade einmal wieder das Leben gerettet und es dabei aussehen lassen, als wäre ihm die Idee einfach so während des Nachmittagstees gekommen.
Nun war die Frage beantwortet, wohin sie den Konvoi führen würden. Der Weg in die Berge stellte sie jedoch vor völlig neue Herausforderungen, denn er war lang und führte auf den vorzeitlichen Hauptverkehrsstraßen mitten durch feindlich gewordenes Territorium. Cole begann zu verstehen, dass sie um eine schlagkräftige Eskorte nicht herumkämen. Er suchte bereits nach Ausreden, um sich davor zu drücken, als Angel ihm unverhofft zuvorkam.
»Was hältst du von etwas Sabotage, um unseren Abzug zu sichern?«, fragte sie herausfordernd. »Auf der Brücke vor Silver Valley könnte man eine hübsche Blockade errichten.«
Natürlich war ihr seine Vorliebe für Kommandooperationen bekannt, doch das war nicht der Hauptgrund für ihr großzügiges Angebot. General Monroe hatte den Sicarii durch die Sprengung der Treibstofftanks von Silver Valley einen schweren Schlag versetzt, aber die Invasoren aus dem Norden hatten schon früher ihre enorme Improvisationsgabe demonstriert. Es war daher äußerst unwahrscheinlich, dass sie den Flüchtlingskonvoi kampflos entkommen lassen würden. Coles stahlblaue Augen funkelten in Vorfreude auf den vor ihm liegenden Alleingang. Endlich durfte er wieder agieren, ohne Verantwortung für Untergebene tragen zu müssen und konnte dabei gleichzeitig Rache für den Überfall auf seine Siedlung nehmen! Auch Angel waren solche Gefühle nicht fremd, aber den Luxus der Vergeltung musste sie der langfristigen Planung unterordnen, wenn sie den Krieg je gewinnen wollte.
»Was ist eigentlich aus unserer Schwertkämpferin geworden, die sich mit mir in Eagle Village duelliert hat?«, fragte sie, um Cole wieder in die Realität zurückzuholen.
»Die ... ist uns entwischt«, antwortete er ausweichend. »Ein paar von meinen Leuten wollten sich scheinbar für den Angriff rächen und eines Morgens fand ich sie mit aufgeschlitzten Kehlen vor dem geöffneten Käfig.«
Augenrollend seufzte Angel bei dem offensichtlichen Mangel an Disziplin in seiner Miliz. Allerdings hatte sie insgeheim damit gerechnet, dass Jade einen Fluchtweg finden würde. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ihre Pfade ein weiteres Mal kreuzten.
»Du hast deinen Auftrag. Präg dir die Karte ein und triff uns dort in spätestens einer Woche«, entschied sie mürrisch, um das Gespräch zu beenden. »Ich muss noch etwas erledigen.«
»Und was?«, fragte Cole neugierig, aber Angel ignorierte ihn und schlenderte auf die verbrannten Mehrfamilienhäuser zu, in denen die meisten Bewohner von Jaguar Bay gewohnt hatten. Cole hasste es, wenn sie ihn im Regen stehen ließ, und reagierte sich an einem Kieselstein ab, dem er Flugstunden über dem Rangierbahnhof erteilte.
Einer der Vorteile des höheren Ranges war es, dass man nicht jeden Befehl erklären müsse. Diese Worte lehrte sie General Monroe kurz nach dem legendären Überfall der Vultures auf Silver Valley. Damals hatte er das Kommando der Allianz übernommen und Angel gegen den Willen von Kim zur Kommandeurin des ersten Ranger-Teams ernannt. Die rothaarige Tochter seines Vorgängers war für ihre temperamentvolle Art bekannt und lieferte sich einen wochenlangen Zickenkrieg mit der neuen Konkurrentin. Erst als der Einfluss ihres beleibten Freundes Johnny ans Tageslicht kam, der sie immer wieder angestachelt und anschließend am liebsten Eintrittskarten für die täglichen Theateraufführungen verkauft hätte, verbündeten sich die Kriegerprinzessinnen gegen ihren gemeinsamen Feind. Seitdem kursierten Horrorgeschichten über Johnnys Radikaldiät durch die Freien Enklaven, auf die ihn die beiden während einer zweiwöchigen Mission gesetzt hatten.
Nun saß Kim regungslos auf der angebrannten, purpurfarbenen Couch im Elternhaus ihres Freundes und starrte apathisch auf ein flackerndes, solarbetriebenes Foto aus besseren Zeiten. Vorsichtig bahnte sich Angel einen Weg an der eingestürzten Anbauwand vorbei und unter den verkohlten Dachbalken hindurch ins ehemalige Wohnzimmer. Cassidys Schäferhund Scott lag zu Kims Füßen und schien ebenfalls um seinen verschleppten Kameraden zu trauern, dem er während der letzten Schlacht nicht hatte helfen können. Angel entschied sich gegen den Versuch, etwas Aufmunterndes zu sagen und setzte sich vorsichtig neben ihre Kameradin. Das Foto auf dem Tisch zeigte Johnny zusammen mit seinem drahtigen Bruder Mike, dessen Arm mal wieder viel zu eng um Kims Hüfte geschwungen war. Angel konnte sich gut daran erinnern, wie Mikey eine schallende Ohrfeige von ihrem eifersüchtigen Freund erhalten hatte, als er das Digitalfoto kurz darauf in den Händen hielt.
»Ich …«, begann Angel flüsternd. An ihr war mit Sicherheit keine Diplomatin verloren gegangen, aber sie vermochte durchaus Einfühlsamkeit zu zeigen, wenn es die Situation erforderte. »Ich hab eine Mission für dich.«
»Nein!«, giftete Kim prompt zurück und überraschte damit sogar ihre abgebrühte Kommandeurin. Bevor Angel den Befehl geschmeidiger formulieren konnte, setzte Kim bereits nach. »Ich fahre nach Brackwood! Die haben Cassidy dort gefangen gehalten und werden sicher auch Johnny da hinbringen!«
Angel atmete erleichtert auf, als sie in Kims Augen ihren gewohnten Kampfgeist auflodern sah. Leider war das nicht ganz die Mission, die sie für ihre temperamentvolle Freundin im Sinn hatte. Einen Augenblick lang versuchte sie sich die richtigen Argumente für die bevorstehende Diskussion bereitzulegen, bis ihr Kims blutiger rechter Oberschenkel auffiel. Während der Schlacht um Silver Valley war sie von einem Granatsplitter getroffen worden, der eine offensive Rettungsmission völlig ausschloss. Die Information allein würde sie jedoch nicht von dem Versuch abhalten, darum griff Angel nach dem frischen Verband und drückte beherzt zu. Der stechende Schmerz ließ Kim mit einem lauten Schrei von der purpurfarbenen Couch aufspringen. Ihr giftiger Blick, der nicht ohne Grund als ihre tödlichste Waffe galt, bohrte sich in die sadistisch funkelnden Augen der Lateinamerikanerin. Nach einer mehr erzwungen als aufrichtig klingenden Entschuldigung hatte sich die Diskussion um Kims Mission erledigt. Gemeinsam mit Butch sollte sie die Eskorte auf der Reise zum Kloster anführen. Angel wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen, war sich jedoch sicher, dass die Sicarii den Versuch unternehmen würden, den Flüchtlingskonvoi aufzuhalten. Die große Verantwortung und die Aussicht auf zumindest ein paar kleinere Gefechte, um ihren Rachedurst zu stillen, beruhigten Kim wieder.
Nach einem wehmütigen Blick auf das flackernde Bild ließ Angel ihre trauernde Freundin allein, bahnte sich einen Weg aus dem verbrannten Mehrfamilienhaus und schlurfte auf die Versorgungsstation zu. Der schwerste Gang ihres quälend langen Tages lag noch vor ihr.
Anders als die Flucht aus Silver Valley war die Evakuierung von Eagle Village geordnet und ohne Panik abgelaufen. Nachdem Angel die Siedlung mit ihrem Team verteidigt hatte und den Bewohnern keine direkte Gefahr mehr drohte, nahmen sie sich Zeit, um Vorräte, Treibstoff und Wasser zu verladen. Nun verteilte die Dorfmiliz unter der Leitung von Pauls Ehefrau Martha und dem dicken Koch Anthony Brotscheiben und frischen Eintopf an die geschwächten Menschen. Cassidy und ihr acht Jahre älterer Bruder Caiden gönnten sich gerade eine Pause. Die Siebzehnjährige versuchte ihn über den Verlust seiner Freundin hinwegzutrösten, aber wann immer sie Faith erwähnte, bemühte er sich, das Gespräch zu beenden.
»Habt ihr Butch gesehen?«, fragte Angel die beiden und riss sich dabei ein Stück von Cassidys Brot ab. Mit gesenktem Kopf zeigte ihre Schülerin in Richtung des provisorischen Parkplatzes. Der Tod von Victor lastete schwer auf dem ganzen Team, doch seinen Bruder traf der Verlust am meisten. Er hatte den orangefarbenen Pick-up seit der Ankunft in Jaguar Bay nicht verlassen. Angel murmelte etwas Unverständliches, während sie auf dem Kanten herumkaute. Anschließend ging sie zögernd auf den leicht gepanzerten Kleintransporter zu, mit dem sie Cassidy vor sechs Wochen in der Steppe aufgelesen hatte.
Die Originalfarbe war nach zwei Jahrzehnten heißer Wüstensonne kaum noch zu erkennen und die vielen Beulen und Kratzer wären in der Lage gewesen, ein ganzes Abenteuerbuch zu schreiben. Butch saß mit geschlossenen Augen auf dem Fahrersitz und zog kräftig an einer Zigarette. Eigentlich hatte er dieses Laster seinem Bruder zuliebe aufgegeben, der immerhin berufsbedingt mit explosiven Materialien hantierte, aber das brauchte ihn jetzt nicht mehr zu kümmern. Angel überlegte, ob sie sich bemerkbar machen sollte, bevor sie die Beifahrertür öffnete.
»Wie konnten die Victor erwischen?«, schallte es ihr plötzlich aus dem Innenraum entgegen. Butch hatte sie längst erwartet. »Er war doch die ganze Zeit in deinem Blickfeld!«
Seit der überstürzten Flucht durch das aufgesprengte Notfalltor im Norden Silver Valleys stellte Angel sich dieselbe Frage – und fand keine Antwort darauf. Wortlos setzte sie sich neben den Mechaniker und schlug die Tür zu. In ihrem Kopf hatte sie einige Theorien durchgespielt und dabei alle bis auf zwei verworfen. Beide entsprangen der Erkenntnis, dass die Sicarii ihre Ziele bevorzugt infiltrierten, ehe sie einen Angriff starten. Als hilflose Flüchtlinge getarnt, hatten sie die stationären Geschütze in Eagle Village mit Sprengsätzen sabotiert und anschließend die Wachposten überwältigt. In Silver Valley musste etwas Ähnliches geschehen sein. Entweder war ihnen der Plan bekannt gewesen oder Victor ein Verräter zum Verhängnis geworden. Die letzte Möglichkeit ließ Angel keine Ruhe, denn das schwarze Schaf konnte sich noch mitten in ihrer Herde befinden und jederzeit wieder zuschlagen.
»Jemand hat den Sicarii geholfen«, hauchte sie ihm zu, als bestünde Gefahr, belauscht zu werden. Nun öffnete Butch zum ersten Mal die Augen und starrte durch die vergitterte Frontscheibe auf die qualmenden Ruinen. Die Sonne näherte sich unaufhaltsam dem Horizont und die Abendröte verwandelte die Menschen in gespenstisch anmutende, schwarze Silhouetten. Eine unheimliche Stille hielt in den verrauchten Innenraum des Pick-ups Einzug. Beinahe jeder der Schatten, der sich an der Versorgungsstation anstellte, an Krücken zu provisorischen Schlafplätzen hinkte oder Wache schob, konnte in Wirklichkeit ein Sicarii sein. Ein Großteil der Leute begutachtete neugierig den hohen Pfahl mit dem Holzadler, den die Sicarii schon in Sienna zurückgelassen hatten. Die Flüchtlinge wussten nicht, ob sie ihn zu Boden reißen oder als Mahnmal erhalten sollten.
»Caiden war als letzter bei ihm«, brummte Butch mit zusammengekniffenen Augen, so als würde er nach ihm Ausschau halten. Angel zögerte einen Augenblick mit ihrer Antwort. Sie stützte ihren Kopf mit dem Ellenbogen auf dem offenen Beifahrerfenster auf und starrte auf die Essensausgabe, wo Cassidy nach wie vor mit ihrem Bruder saß.
»Nein.«
Ihr Flüstern glich einem Gebet, denn innerlich spürte sie, wie ihnen der junge Vulture etwas verheimlichte. Gleichzeitig hatte sie aufrichtiges Entsetzen in Caidens schockiertem Blick erkannt, als er keuchend von Victors Tod und dem Versagen der Sprengfallen berichtete.
»Sein einziges Ziel war die Suche nach seiner Schwester. Er würde sie mit einem derartigen Verrat nicht in Gefahr bringen. Aber …« Angel drehte das Gesicht zu Butch, um sicher zu gehen, dass er ihr zuhörte. »Er weiß mehr, als er uns glauben machen will.«
Der Mechaniker warf seinen Zigarettenstummel aus dem Fenster und wischte sich brummend den Schweiß aus den Haarstoppeln auf seinem Kopf.
»Warum holst du es dann nicht aus dem Bengel heraus?«
Angel blickte ihren eigentlich für seine Gutmütigkeit bekannten Kameraden verdutzt an. Zu früheren Zeiten wäre er der erste gewesen, der sie bei ihren Verhören zurückhielt.
»Er ist Cassidys Bruder. Ich kann ...«
»Duellier dich doch mit ihm! Die Kleine hast du auf die Art schließlich auch gefunden!«, schnitt er ihr plötzlich das Wort ab und schlug mit aller Kraft auf das Lenkrad ein.
»Du bist nicht der Einzige, der jemanden verloren hat!«, giftete Angel affektartig zurück. »Dog und Frank mussten sterben, weil die Spielzeuge deines Bruders mal wieder versagt haben!«
Schnaufend vor Wut griff Butch nach ihren langen Haaren und stand kurz davor, ihren Kopf in das Armaturenbrett zu rammen. Die agile Akrobatin reagierte jedoch prompt. Sie ergriff seinen Arm und drehte sich mit aller Kraft von ihm weg. Dabei zog sie seinen Arm mit sich, so dass sie das Ellenbogengelenk überdehnte, bis seine Stirn auf das Lenkrad knallte. Während er vor Schmerz aufheulte, zückte Angel reflexartig ihre Pistole und hielt sie entsichert an seinen Hals.
»Verdammt!«, keuchte Butch. Schadenfroh zerrte sie den Arm noch ein paar Zentimeter weiter, was sofort von kapitulierenden Stöhnlauten untermalt wurde, bevor sie ihr muskelbepacktes Opfer frei ließ.
»Was machen wir hier eigentlich!«, fluchte Angel trotzig und trat gegen das Armaturenbrett, während sie ihre Pistole wegsteckte. »Du bist die einzige Familie, die ich noch habe! Wenn du mich jetzt im Stich lässt, kannst du mich auch gleich erschießen.«
Kaum hatte sie die letzten Worte über ihre Lippen gebracht, vernahm sie das vertraute Klicken eines Revolvers unter Butchs sandfarbener Armeejacke. Eigentlich sollte es sie nicht überraschen, dass ihr ältester Freund bei den Rangern nie den Fehler beging, sie zu unterschätzen.
»Victor würde aus dem Grab steigen und mich umbringen. Dafür stand er viel zu sehr auf dich«, brummte Butch und ließ seine verchromte Ersatzwaffe zurück in die Fahrertür gleiten. Als er Angels schockierten Blick bemerkte, fügte er hinzu, »Was glaubst du denn, weshalb er dich ständig in Frage gestellt und dir Streiche gespielt hat? Der wollte nur deine Aufmerksamkeit!«
»Warum hat er nie was gesagt?«, hakte sie verdutzt nach. »Ich hatte keine Ahnung!«
Butch griff vorsichtig ins Handschuhfach und achtete darauf, nicht noch einmal in Angels gefürchtetem Schwitzkasten zu landen. Mürrisch stellte er fest, dass seine immerhin dreiundzwanzig Jahre alte Zigarettenpackung fast leer war.
»Weil er nicht dämlich war!«, erwiderte er hustend, nachdem er sich einen neuen Glimmstängel angezündet hatte. »Wir haben doch alle von deinem Schoßhund bei den Vultures gewusst. Victor war nun mal nicht dein Typ und hat sich keinen Illusionen hingegeben.«
Verwirrt raufte Angel sich ihre braunen Haare. Dieser verrückte Tag wollte einfach kein Ende nehmen! War sie am Morgen noch neben Dog aufgewacht, so war sein Sattelschlepper vier Stunden später im Minengürtel vor Silver Valley explodiert. Kurz davor hatte sie im Schützengraben das Oberkommando aller verbündeten Enklaven erhalten und augenblicklich Hals über Kopf fliehen müssen. Jetzt waren von den Siedlungen lediglich Ruinen übrig, deren ehemalige Bewohner sich nun auf ihre Führung verließen. Sie wollte tief einatmen, musste aber aufgrund des Zigarettenrauchs sofort husten und seufzte schließlich gestresst, bevor sie die Wagentür auftrat und sich aus dem Pick-up heraus schwang. Butch war ebenfalls nicht verborgen geblieben, wie die anderen vor dem Humvee warteten und immer wieder tuschelnd in ihre Richtung schauten. Er warf die widerlich schmeckende Kippe auf den trockenen Steppenboden und folgte Angel zur Lagebesprechung.
Die untergehende Abendsonne tauchte das Land in ein Meer aus warmen Orangetönen, die nur von den Schatten der Trümmer unterbrochen wurden. Kim und Sharon waren als erste vor dem schweren Geländewagen eingetroffen. Der Rotschopf hatte sich notgedrungen mit ihrem Eskortenauftrag abgefunden und skizzierte gerade eine Defensivformation, um die verbliebenen Ranger möglichst effektiv zu nutzen. Caiden hockte zusammen mit seiner Schwester und ihrem Schäferhund auf dem staubigen Steppenboden, der in den Abendstunden angenehm warm war. Cassidy hatte den Versuch aufgegeben, ihren Bruder über den Verlust seiner Freundin hinwegzutrösten. Starrköpfigkeit war ein weit verbreitetes Laster in ihrer Familie und sie wusste aus eigener Erfahrung, dass ihn mit Fragen zu löchern nur einen gegenteiligen Effekt provozieren würde. Paul hinkte unterdessen an seinem Gehstock herbei, während Cole seine Frau Martha am Ellenbogen zur Versammlung führte. Zwei Milizionäre stellten Campingstühle vor dem schweren Geländewagen auf, damit sie ihre alten Knochen schonen konnten. Angel zog die linke Augenbraue hoch und starrte Cole fragend an, als Jesse schüchtern hinter ihm hervortrat.
»Er gehört zu mir!«, rief Cole in die Runde. »Jesse hat uns als erster vor den Sicarii in Eagle Village gewarnt. Und er hat sich auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit quer durch den feindlichen Stützpunkt in Brackwood geschlichen!«
»Und er würde sich ohnehin nur unter dem Wagen verstecken und lauschen, wenn wir ihn davonschicken«, fügte Cassidy grinsend hinzu.
»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte sie Angel mit erhobenen Händen und erteilte anschließend Sharon das Wort. Sie begann die Lagebesprechung und fasste kurz ihre Erlebnisse mit den Sicarii zusammen. Kims Augen weiteten sich in einer Mischung aus Furcht und Unglauben, als sie den Beschreibungen der feuerspuckenden Eisenbüchsen hörte. Paul und Martha nickten dagegen nur bestätigend; ihnen waren Panzerfahrzeuge nur allzu bekannt. Zwar hatten die präapokalyptischen Kriege ihren Landstrich nie direkt betroffen, jedoch waren sie durch Nachrichten und Reportagen aus aller Welt über die meisten Vorgänge informiert gewesen. Zumindest, bis das globale Satellitennetzwerk von Terroristen sabotiert worden war. Cassidy hatte in der Bibliothek von Silver Valley Fachliteratur derartiger Technologie überflogen, doch für sie glich das eher den Geschichten aus ihren Märchenbüchern.
»Jedem sollte klar sein, dass wir weiterziehen müssen. Früher oder später werden sich die Sicarii von dem Schock erholen und die Jagd auf uns eröffnen«, kommentierte Angel die Erzählung und erntete zustimmendes Brummen. »Dank unserem lieben Paul haben wir zumindest eine mögliche Zuflucht gefunden, auch wenn der Weg dorthin nicht leicht wird.«
In groben Zügen beschrieb sie den Weg in das nördliche Hadesgebirge. Schon bei dem Gedanken daran lief es Sharon kalt den Rücken herunter und Angels ganzem Team brannte nur eine einzige Frage auf der Zunge: Wie weit lag das Kloster von der verfluchten Militärbasis entfernt, in der sie um ein Haar alle ums Leben gekommen waren? Zur allgemeinen Beruhigung tippte Angel auf ein gut zweihundert Kilometer entferntes Tal.
Nun war es an der Zeit, die Missionen zu verteilen. Cole bat um Victors übriggebliebene Sprengsätze und versprach, Butchs getötetem Bruder damit ein würdiges Denkmal zu setzen. Butch schloss sich unterdessen kommentarlos der Führung des Flüchtlingskonvois an. Seine Eltern würden es ihm nie verzeihen, sollte er die Menschen aus Rachedurst schutzlos zurücklassen. Überraschend verkündete Angel, dass sie sich nicht an der Eskorte beteiligen werde. Wenn ihr die Vorgehensweise der Sicarii eines gelehrt hatte, dann, dass präzise Informationen über den Gegner in diesem Krieg die alles entscheidende Variable wäre. Sie hatte sich noch längst nicht damit abgefunden plötzlich der General zu sein, der Feldzüge von einem Schreibtisch aus kommandierte. Die defensive Art, mit der sie ihre Entscheidung zum feindlichen Vorposten in Brackwood zurückzukehren kundtat, entlockte Paul ein süffisantes Lächeln. Er hatte nichts anderes von seiner alten Feindin erwartet. Während der ganzen Zeit war von Caiden nicht ein Ton zu hören gewesen, doch nun sprang er unvermittelt auf und bestand förmlich darauf, Angel bei ihrer Aufklärungsmission zu begleiten. Da sie ihn und Cassidy ohnehin mitnehmen wollte, nickte sie ihm bestätigend zu. Seine plötzliche Hartnäckigkeit erklärte sie sich mit der Hoffnung auf Rettung seiner Freundin Faith, die seit dem Verlust von Silver Valley verschollen war. Ihr selbst waren solche Gedanken ebenfalls nicht fremd. Obwohl sie mit eigenen Augen mit ansehen musste, wie der Minengürtel das Wüstenschlachtschiff der Vultures zerfetzt hatte, hegte auch sie die stille Hoffnung, dass Dog dem schwarzen Metallsarg auf wundersame Weise entkommen sein könnte.
»Es gibt da noch eine Sache, die ich erwähnen muss«, fügte Angel nach einstimmiger Annahme ihrer Befehle hinzu. »Die Vorliebe der Sicarii für Illusionen ist uns mittlerweile bekannt, aber ich bin davon überzeugt, dass sie längst noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt haben.«
»Schau dich hier mal um. Sieht das vielleicht aus, als wenn die sich zurückgehalten hätten?«, entgegnete Cole ihr schnippisch. Angel gab durchaus zu, dass die Brutalität der Überfälle beispiellos war, aber darauf wollte sie gar nicht hinaus.
»Hat sich niemand von euch gefragt, wie die Sicarii derart präzise Angriffe durchführen konnten? Die wussten genau, wann und in welche Richtung unsere Verteidiger vom Palisadenwall geflüchtet sind. Die wussten genau, auf welchem Weg Kim ihre Leute beim Rückzug von den Schützengräben geführt hat. In Eagle Village haben sie gesehen, wo wir mit dem Humvee in Stellung gegangen sind!«
Angel ließ ihre Worte einen Moment auf die Gruppe einwirken. Das Gefühl, permanent beobachtet zu werden, ist beinahe genauso unerträglich wie ein tropfender Wasserhahn oder ständiges Ohrensausen. Mit der Zeit löst es Paranoia und Verfolgungswahn aus, dem sie nun vorbeugen musste.
»Kurz vor dem Angriff auf Silver Valley habe ich einen einzelnen Geier bemerkt, der über der Siedlung seine Kreise zog. Zunächst bin ich davon ausgegangen, dass sich das Mistvieh auf ein Festmahl gefreut hat, und wollte ihn vom Himmel holen. In Wirklichkeit war es aber eine unbemannte Aufklärungsdrohne, die höchstwahrscheinlich Bilder unserer Verteidigungsstellungen an die Sicarii gesendet hat.«
Reflexartig starrte nun die ganze Gruppe nach oben, wo natürlich aufgrund der einbrechenden Dunkelheit kaum noch etwas zu erkennen war und dem ein resigniertes, kollektives Seufzen folgte.
»Warum haben wir nicht mehr von solchem Hightech Krimskrams gesehen?«, warf Butch ein. »Warum nur Technicals und Mörser und keine ... was weiß ich ... taktischen Nuklearraketen?«
Affektartig mussten die anderen hinter vorgehaltener Hand lachen. Auch Angel gönnte sich ein Schmunzeln, bevor sie der Ernst der Lage wieder einholte, denn sie vermochte die Frage nicht zu beantworten. Im günstigsten Fall verfügten die Sicarii nur über diese eine fortschrittliche Technologie. Wahrscheinlicher war aber, dass sie ihre Taktik der zu erwartenden Gegenwehr angemessen hatten und sich schlicht ihre Optionen offen hielten, um Ressourcen zu sparen. Nach dem für beide Seiten katastrophalen Ausgang der Schlacht um Silver Valley würde sich ihre Einschätzung der strategischen Lage jedoch grundlegend ändern.
Angel erklärte die Lagebesprechung für beendet und befahl ihren Leuten, ein paar Stunden zu schlafen. Cole schickte Jesse zu seiner Mutter und blieb als einziger zurück. Er lehnte sich ächzend mit dem Rücken über den Humvee und zog genüsslich an einer Zigarette.
»So, der Hundesohn hat es also endlich geschafft, sich mitsamt seinem Truck gegen die Wand zu fahren.«
Er rechnete mit einem sofortigen Tritt in besonders schmerzempfindliche Regionen. Immerhin hatte er jahrelang Angels Massagen genießen dürfen, wodurch sie seine wunden Punkte kannte. Zu seiner Überraschung funkelte sie jedoch lediglich mit ihren braunen Augen und strafte ihn mit Ignoranz. Stumm verstaute sie die Landkarten in Monroes Ledermappe und wendete sich von ihm ab. Nun traf Cole eine fatale Fehlentscheidung, indem er sie mit einer Hand auf der Schulter zurückhalten wollte. Blitzschnell ergriff Angel seinen Arm und drehte ihn um hundertachtzig Grad, so dass ihr verstoßener Liebhaber vor Schmerz aufheulte. Anschließend stellte sie ihm ein Bein, wodurch er rückwärts auf den Boden stürzte, und kniete sich zwischen die Muskeln seiner Oberarme, was Cole in Höllenqualen unkontrolliert mit den Augen rollen ließ.
»Ich wäre dir außerordentlich dankbar ...«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »... wenn du mir ein Andenken von ihm mitbringen würdest!«
Angel zwinkerte ihm mit dem unschuldigsten Wimpernaufschlag zu, den sie hervorzaubern konnte, bevor sie sich erhob, nach ihrer Tasche griff und den Weg zur Versorgungsstation antrat. Cole rieb sich zitternd die Arme und seufzte erleichtert, als der Schmerz endlich nachließ. Er hob seine Zigarre vom Boden auf, doch als er daran zog, strafte ihn sein Körper mit schwerer Atemnot. Während seiner Flucht aus dem Großstadtdschungel hatte ihm seine einstige Jugendgang drei Rippen gebrochen, die nie wieder richtig zusammengewachsen waren. Jede Belastung seines Oberkörpers, wie etwa durch Angel, die sich daraufsetzte, sorgte seit dem für starke Schmerzen und Schwierigkeiten beim Atmen. Er wollte sich jedoch keine Blöße geben, lehnte sich an den rechten Kotflügel des Humvees und tat so, als würde er ganz normal weiterrauchen, während er Angel mit zusammengekniffenen Augen verfolgte. Er entschied, dass allein dieser Satz die Folter wert gewesen war. Nun musste er nur noch einen Beweis für das Ableben seines alten Erzfeindes finden und schon würde sie wieder ihm gehören!