Jasmine verbockt’s

»Das Zielfahrzeug biegt rechts, rechts, rechts auf die Byres Road ab. Aufschließen, Foxtrot Five. Ich lasse ihn an der Ampel aus den Augen, bevor er mein Gesicht noch aus dem Gedächtnis zeichnen kann.«

»Okay, okay«, antwortete sie, und ihr Herz raste, dass ihr kleiner Renault kaum mithalten konnte.

Jetzt hatte sie Sichtkontakt.

Diesmal verbock ich’s nicht, schwor Jasmine Sharp sich.

Sie sah, wie Onkel Jims – nein, Delta Sevens – Wagen vor der Kreuzung nach links schwenkte und auf der Dumbarton Road nach Westen fuhr, und plötzlich war sie viel näher als gewollt hinter dem blauen Citroën Minivan. Sie musste forsch auf die Bremse treten, denn nach dem Kommando zum Aufschließen hatte sie in ihrer Aufregung nicht damit gerechnet, dass das Zielfahrzeug womöglich warten musste, bevor es abbiegen konnte. Sie hoffte, dass der Fahrer nicht in den Rückspiegel gesehen hatte, denn nichts fällt einem mehr auf als ein Beinahe-Auffahrunfall, besonders diesem Kerl.

Jasmine starrte wie hypnotisiert auf seinen Blinker und widerstand der Versuchung, in seinen Rückspiegel zu schauen.

Als das Licht sieben- oder achtmal aufgeleuchtet hatte, merkte sie, dass ihr eigener Blinker aus war. Als sie ihn anschaltete, hatte sie, wie immer bei diesem Job, das Gefühl, dass sie auf viel zu viel gleichzeitig achten musste und dabei allzu leicht das Grundsätzliche vergaß. Wenn sie Jim bei einer Zwei-Wagen-Observation aus der Entfernung unterstützte, war es schon schlimm genug, aber wenn sie selbst den Sichtkontakt halten musste, rechnete sie förmlich damit, jeden Moment den Motor abzuwürgen oder sogar gegen eine Laterne, einen Fußgänger oder einen Doppeldeckerbus zu krachen, den sie wegen ihres Tunnelblicks auf das Zielfahrzeug übersehen hatte.

Ich verbock’s nicht, schwor sie sich. Ich verbock’s nicht. Heute nicht. Nicht wie bei der Fahrzeugobservation in Paisley letzte Woche, als sie das Zielfahrzeug auf dem Kinoparkplatz verloren hatte. Nicht wie in der Woche davor in Duntocher, als sie verbrannt worden war, als sie dem Zielobjekt zweimal um einen Kreisverkehr gefolgt war. Und nicht wie Montag. Bitte, bitte, um Gottes willen nicht wie Montag. Das würde ihr noch peinlich sein, wenn sie irgendwann in einem Altersheim vor sich hindämmerte. Zum einen, weil sie sich selbst enttäuscht hatte, aber tausendmal mehr, weil sie Jim hatte hängen lassen. Wenn sie nur daran dachte, wurde sie schon ganz rot.

Der Minivan wurde langsamer und suchte wohl einen Parkplatz. Er hatte das Riesenglück, zu dieser Tageszeit auf diesem Abschnitt der Byres Road einen zu finden. Ihre Chancen standen schlecht, in akzeptabler Nähe einen eigenen zu bekommen. Das könnte ihr neuer Rekord werden: Zielobjekt verloren, in weniger als einer Minute. Nicht unbedingt ihre Schuld, äußere Umstände usw., aber so oft, wie sie schon eine Observation verbockt hatte, zogen selbst gute Gründe nicht mehr.

Oh, danke. Puh. Er parkte gar nicht ein: Das Auto vor ihm hatte einen Platz gefunden, und er hatte warten müssen, während es sich in die Lücke hineinmanövrierte.

Sie seufzte und wollte nicht lange darüber nachdenken, wie ungeeignet sie für den Job sein musste, wenn sie schon bei jedem winzigen oder nur potenziellen Problemchen in Panik geriet.

Sie drückte die Sprechtaste auf dem Schalthebel, die ein Mikrofon in der Sonnenblende steuerte.

»Onkel Jim … äh, Delta Seven, darf ich?«

»Delta Seven, na los. Du brauchst nicht zu fragen, wenn du Sichtkontakt hast. Und zum dreitausendsten Mal: Du sagst dein eigenes Rufzeichen, nicht meins.«

»Tut mir … äh, Foxtrot Five, tut mir leid. Wollt nur fragen, wo du bist.«

»Meine Position ist Hyndland Street nördlich Richtung Highburgh Road, wo ich hoffentlich aufhole und das Zielfahrzeug an der Ampel wieder übernehme.«

»Okay, okay«, erwiderte sie, obwohl sie fast nur seine Rüge gehört hatte, dass sie schon wieder nicht die korrekte Terminologie verwendet hatte. Wie viel Geduld konnte er haben? Er verdiente jemand Besseres. Jemand viel Besseres.

»Zielobjekt nähert sich der Kreuzung University Avenue«, gab sie weiter. »Rote Ampel, kein Blinker gesetzt. Wird wohl geradeaus, geradeaus, geradeaus in Richtung Great Western Road fahren.«

Geradeaus, geradeaus, geradeaus. Das hörte sich nicht richtig an.

Ihr Zweifel löste eine so lebhafte Erinnerung an Montag aus, dass sich ihr der Magen umdrehte. Katastrophen solchen Ausmaßes zogen normalerweise einen Spendenmarathon im Fernsehen nach sich.

Es war kein schwieriger Auftrag gewesen. Eine einfache Adressermittlung, sonst nichts, das sprichwörtliche Kinderspiel. Das Zielobjekt von Montag war ein Kleinunternehmer gewesen, der bei einem seiner Zulieferer tief verschuldet abgehauen war. Statt sich bankrott zu erklären und das Insolvenzverfahren zu durchlaufen, war er in dem Wissen ausgeflogen, dass der Zulieferer selbst in schweren Finanznöten steckte, die zu großen Teilen auf seinen unbezahlten Schulden beruhten. Einfach gesagt, musste der Kleinunternehmer nur so lange untertauchen, bis der Zulieferer pleiteging und mit ihm die Schulden verschwanden.

Der Zulieferer hatte bereits eigene Nachforschungen angestellt und dann die Detektei Galt Linklater beauftragt, damit alle gefundenen Beweise einwandfrei, legal und vor Gericht verwertbar waren. Galt Linklater wiederum hatte einen Teil der Arbeit an Sharp Investigations übergeben, was oft geschah, wenn die Firma überlastet war.

Jasmine kannte Sharp Investigations unter dem weniger offiziellen Namen Onkel Jim. Er war ein ehemaliger Polizist, der sich im Ruhestand als Detektiv selbstständig gemacht hatte. Verschiedene Detekteien hatten ihn anheuern wollen, darunter Galt Linklater, aber aufgrund »beruflicher Erfahrungen«, die er nicht weiter ausführte, war er lieber sein eigener Chef. Sharp Investigations war also immer ein Einmannbetrieb gewesen, und weiß Gott kein erfolgloser. Jasmine fragte sich immer noch, wie die Firma ihre Reichweite und Effizienz durch die Anstellung einer nervösen, ungeschickten jungen Frau ohne jegliche Erfahrung und angeborenes Talent steigern wollte.

»Foxtrot Five. Ampel ist grün, kein Richtungswechsel, Byres Road«, sagte sie. So war es richtig. Wie bekam sie das Ganze bloß richtig heraus, ohne darüber nachzudenken?

»Delta Seven«, antwortete Jim, »nähere mich der Kreuzung Byres Road, Highburgh Road. Ampel ist rot. Ich muss warten.«

Der flüchtige Geschäftsmann in der Katastrophe von Montag hieß Peter Harper. Er kam aus Kilwinning, hatte seine Wohnung aber vor sechs Wochen verlassen und nach Aussage des Vermieters die Einzugsermächtigung für die Miete gekündigt. Der Zulieferer hatte eine Liste von Adressen zur Verfügung gestellt, wo er untergetaucht sein könnte. Galt Linklater brauchte eine Adressfeststellung: einen Beweis, dass er sich an einem bestimmten Ort aufhielt. Den bekam man am besten, indem man mit einer versteckten Kamera bei ihm an der Tür klingelte.

Für genau so etwas brauchte er sie an Bord, hatte Jim Jasmine erklärt.

»So einer ist schon von sich aus ziemlich nervös«, meinte er. »Also ist er extrem misstrauisch, wenn jemand nach ihm fragt, während er sich tot stellt. Der riecht die Polizei hundert Meter gegen den Wind. Wenn der mich durchs Fenster oder durch den Spion sieht, macht er gar nicht erst auf. Deshalb hat Galt Linklater den Auftrag ja überhaupt erst weitergegeben: Deren Leute haben doch alle groß Exbulle auf der Stirn stehen. Eine frische, freundliche junge Frau ist da was ganz anderes.«

Das klang bestechend logisch, aber trotzdem kam es Jasmine umso mehr vor, als gäbe er sich besondere Mühe, ihr den wahren Grund für ihre Anstellung zu verheimlichen.

»Delta … äh, Foxtrot Five. Zielperson blinkt rechts, rechts, rechts auf die Great George Street, muss aber den Gegenverkehr abwarten.«

Scheiße. »Blinker rechts, aufgehalten durch Gegenverkehr«, hätte sie sagen müssen. Gerade Text auswendig lernen sollte sie doch eigentlich können.

Genau genommen war die Wiederholung der Rufzeichen bei einer Zwei-Mann-Beschattung unnötig, aber Jim hatte darauf bestanden, um sie daran zu gewöhnen. Wenn sie so weitermachte, hatte sie es vielleicht in einem Jahr einigermaßen drauf.

»Delta Seven, okay, okay. Schließe auf. Ich übernehme den Sichtkontakt, wenn er abbiegt.«

Da sie ganz und gar nicht wie eine Polizistin oder ehemalige Polizistin aussah und sich auch in keiner Hinsicht als Privatdetektivin verriet (schon gar nicht in der Art und Weise, wie sie ihren neuen Job ausführte), hatte Jasmine am Montag an den Türen klingeln müssen.

An der zweiten Adresse war es passiert. Mit der ersten war nichts anzufangen: Die Exfreundin, die dort hätte wohnen sollen, hatte die Wohnung vor zwei Jahren verkauft. Jim hatte von dem Hinweis sowieso nicht viel gehalten, aber sie hatten die Adresse trotzdem überprüft, weil sie auf dem Weg zu der lag, die sich am besten anhörte. Eigentlich war die zweite Adresse sogar Nummer zwei bis zehn, weil sie nur die Hausnummer des dreistöckigen Wohnblocks in Partick enthielt, nicht die Wohnungsnummer.

»Foxtrot Five. Zielwagen ist rechts, rechts, rechts abgebogen und fährt westlich auf der Great George Street. Wagen blinkt rechts. Übernehmen, Delta Seven.«

»Delta Seven bestätigt Sichtkontakt. Zielfahrzeug biegt ein in Lilybank Gardens, eine Hufeisen-Einbahnstraße. Er will parken.«

»Okay, okay.«

Jim hatte erklärt, dass man eine Geschichte braucht, wenn man Haustüren abklappert und nach Leuten fragt, die nicht gefunden werden wollen. Die meisten Leute erklären einem wahrheitsgemäß, dass sie den Namen noch nie gehört haben, aber ab und zu hakt jemand nach und will wissen, warum man fragt, weil er selbst die Zielperson ist oder sie persönlich kennt. Dann muss man sich kurzfassen und darf nicht abschweifen oder sich in Details verrennen. Das gleiche Prinzip hatte sie schon auf der Schauspielschule gelernt, als es um Film- und Fernsehaufnahmen ging: Tu nie etwas, was du nicht genauso noch zehnmal wiederholen kannst.

Jim hatte ihr ein solides, erprobtes Skript gegeben, das für die meisten Gelegenheiten reichen sollte. Sie suchte jemanden, der mit ihrem Vater in der Navy gewesen war. Der war nämlich vor ein paar Monaten in den Ruhestand gegangen und versuchte, ein Treffen mit seinen alten Schiffskameraden auf die Beine zu stellen, die er aus den Augen verloren hatte. Wenn sie die Zielperson gesehen, und die ihren Namen bestätigt hatte, sollte Jasmine sagen, dass er leider viel zu jung für den Peter Harper war, den sie suchte. Bitte entschuldigen Sie die Störung und ab nach draußen, die Adressbestätigung im Speicher der versteckten Videokamera.

Nach einer ganzen Reihe von Pannen wollte Jasmine diesmal unbedingt alles richtig machen, vor allem auch, weil der Auftrag von der Firma kam, die Jim mit so viel Arbeit versorgte. Sie wollte auf alles vorbereitet sein und dachte sich eine zweite Notfallgeschichte aus.

»Delta Seven. Zielwagen biegt links, links, links in den Parkplatz an der Ashton Lane ein. Wagen hält, hält, hält. Bin geschützt hinter einem anderen Wagen. Foxtrot Five, parken und folgen!«

»Foxtrot Five. Okay, okay.«

Der Zulieferer hatte als Adresse Nummer 315 angegeben. Die Haupteingangstür führte zur 313, die das gesamte Erdgeschoss einnahm, also waren die nächsten drei Möglichkeiten im ersten Stock, den man über die Gasse nebenan erreichte. Bei der linken Wohnung öffnete eine bucklige alte Frau, die Jasmine misstrauisch durch den Türspalt über die Kette hinweg beäugte, während neben ihren Füßen aufgeregt ein Westie kläffte und schnaufte.

»Nein, nie gehört«, erwiderte die Frau.

Die gleiche Antwort bekam sie bei der mittleren Wohnung von einer gehetzten Mutter mit einem Baby über der einen Schulter und einem Streifen frischer, cremiger Kotze auf der anderen. Bei der rechten Wohnung machte niemand auf, also versuchte sie es ein Stockwerk höher, wo sich bei den ersten beiden Wohnungen auch niemand regte. Wenn sie wieder herunterkam, würde sie es hier noch mal versuchen.

Wie war sie dazu gekommen?, fragte sie sich, als sie die nächste Klingel drückte und wartete: Sie klapperte leere Wohnungen ab, um einen Mann zu suchen, den sie nicht kannte, und der nicht gefunden werden wollte. Fast schon wie bei Beckett. Wie war sie bloß auf diese Spur geraten, wo hatte sie die Abfahrt zu einem Job in irgendeiner Regionalvertretung oder bei einem einigermaßen anständigen Reiseveranstalter verpasst? Na, die Antwort wusste sie ja wohl. Das war wirklich kein Geheimnis.

Als sie gerade ins nächste Stockwerk gehen wollte, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als sich die Tür öffnete. Die späte Reaktion erschreckte sie ein bisschen, aber lange nicht so sehr wie die Tatsache, dass ihr plötzlich die Zielperson gegenüberstand. Peter Harper mochte zwar ganz gut im Verschwinden sein, an seiner Verkleidung lag das aber nicht. In den zwei Jahren, seit das Foto von Galt Linklater aufgenommen worden war, hatte er sein Äußeres nämlich nicht im Geringsten verändert.

»Delta Seven. Zielperson hat den Wagen verlassen und geht weiter Richtung Ashton Lane. Foxtrot Five, Verfolgungsbereitschaft zu Fuß bestätigen.«

»Nein. Äh, Foxtrot Five nein, nein. Suche noch einen Parkplatz ohne Ausweispflicht.«

»Verdammt noch mal, park einfach irgendwo … Funkstille.«

Jasmine riss die Hand vom Sendeknopf, als hätte er sie gebissen. Funkstille. Das hieß, die Zielperson war nah bei Jim. Sie würde nicht auf den Knopf drücken, den korrekten Ablauf nicht vergessen und die Sache nicht verbocken.

Harpers aggressive Ausstrahlung hatte sie sofort eingeschüchtert: Er benahm sich wie einer, der ihr schon zweimal die letzte Verwarnung gegeben hatte, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Er glühte förmlich vor unterschwelliger Aggression, und es kam ihr vor, als hätte er sie schon durchschaut, als könnte er ihren Auftrag und Plan von großen Stichwortkarten ablesen. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie nicht einfach nur unter einem Vorwand irgendeinen Fremden belästigte, sondern womöglich einen Verbrecher, wie sie aus dem Grund ihres Besuchs ableiten konnte. Es bestand die konkrete Möglichkeit, dass dieser grimmige Geselle ihr etwas antun könnte; alles sprach dagegen, ihn weiter zu reizen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, grunzte er monoton, was für Jasmine wie die Frage klang, ob sie jemanden brauchte, der sie mal eben erwürgen und verscharren könnte.

»Ähm, ich, tut mir leid, Sie zu stören, ich, äh, suche jemanden …«

Harpers Augen wurden schmaler, als er sie noch durchdringender anstarrte und schnaubte. Jasmine bekam weiche Knie.

»Er war, äh, also, mein Vater ist gerade in den Ruhestand gegangen, und, äh, er war in der Navy, und er wollte sich mit ein paar von seinen alten Kameraden treffen, aber nein, Sie sind ja zu jung, dann heißen Sie wohl nur genauso wie …«

»Ich hab Ihnen noch gar nicht gesagt, wie ich heiße. Wer soll ich denn sein? Woher haben Sie die Adresse?«

Oh nein, oh nein, oh nein, oh nein.

Jasmine fiel wieder ein, dass der Kerl hier untergetaucht war, und niemand wissen sollte, dass er hier war. Auf einmal glaubte sie, ihm unbedingt einen anderen Namen sagen zu müssen, um sich so schnell wie möglich aus der Situation zurückzuziehen.

»Ich, äh, der Name war, ähm … Hayley«, sagte sie, den ersten Namen, der ihr einfiel. Dann erst merkte sie, dass es ein Mädchenname war.

»William. William Hayley.«

»Bin ich nicht«, erwiderte Harper.

Er wollte die Tür gerade zumachen, als es sie voll erwischte: Sie hatte die Adressfeststellung komplett verbockt.

»Ach nein, halt, Peter Harper.«

»Was?«, zischte er, jetzt ebenso misstrauisch wie genervt.

»Ich suche auch einen Peter Harper.«

»Auch? Gerade war’s doch noch William Hayley.«

»Das war der Name … Äh, ich suche eigentlich mehrere Leute …«

»Ja, und gerade haben Sie gesagt, ich bin zu jung, was wollen Sie denn jetzt noch von mir? Wer hat Ihnen die Adresse gegeben?«

Jasmine brach innerlich vollends zusammen und fürchtete schon, ihr würden jeden Moment die Tränen kommen. Sie musste sich zusammenreißen. Ihre Notfallgeschichte fiel ihr ein, und sie klammerte sich daran fest, wie an einen Ast in reißenden Stromschnellen.

»Also, ich bin gerade in eine WG eingezogen, und meine Mitbewohnerin hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, aber er bekommt immer noch Post, und sie redet nicht mehr mit ihm, also soll ich ihn jetzt ausfindig machen, wissen Sie, er heißt nämlich Peter Harper, also …«

»Sie suchen den Exfreund Ihrer Mitbewohnerin und einen alten Schiffskameraden Ihres Vaters?«

Jasmine merkte, wie sie unwillkürlich die Augen aufriss, wohl um die Ausmaße der Katastrophe zu überblicken, die sich vor ihr abspielte.

»Ja, aber ich hab die beiden verwechselt, und der Erste, Hayley Williams …«

»William Hayley, meinen Sie«, korrigierte er geradezu hilfreich.

»William Hayley, genau, nach dem hätte ich hier gar nicht fragen sollen, der wohnt nämlich in Hyndland, da muss ich als Nächstes hin.«

»Wenn Sie den Freund Ihrer Mitbewohnerin gefunden haben.«

Jasmines Mund war so ausgetrocknet, dass sie nicht mal mehr ein beschämtes »Ja« krächzen konnte. Die glühende Hitze, die ihr ins Gesicht gestiegen war, hatte sie wohl ausgedörrt.

»Der hieß Peter Harper, richtig?«

Sie nickte vorsichtig.

»Nie gehört«, sagte Harper und schlug die Tür zu.

Jasmine hielt in einer Anwohner-Parkbucht und beschloss, dass ein Strafzettel für ihre Verhältnisse ein relativ kleines Problem darstellte.

»Delta Seven. Beim Aussteigen ist die Zielperson direkt an mir vorbeigegangen und hat mich angeschaut.«

»Bist du verbrannt?«

»Nein, ich hab ihm nicht in die Augen gesehen, aber ich muss mich jetzt zurückhalten. Du musst ASAP Sichtkontakt herstellen. Zielperson geht die Ruthven Lane entlang in Richtung Great George Street.«

»Roger.«

»Okay, okay, heißt das.«

»Sorry, sorry«, erwiderte Jasmine.

Jasmine wurden die Beine schwer, als sie die Verantwortung auf ihren Schultern spürte. Die Zielperson hatte Jim angesehen, und sie durfte auf gar keinen Fall mitbekommen, dass sie beschattet wurde. Jetzt war Jasmine auf sich allein gestellt. Jim war nicht verbrannt worden – die Zielperson hatte nicht gemerkt, dass sie verfolgt wurde – aber er musste jetzt so großen Abstand halten, dass Jasmine ab sofort fast alleine arbeitete.

»Es war eine teilweise Adressfeststellung«, hatte Jim Jasmine am Montag getröstet, als sie auf dem Beifahrersitz des Peugeot angefangen hatte zu heulen, der in der Nähe des Wohnblocks in Partick parkte, wo sie Peter Harper nicht ansatzweise dazu gebracht hatte, seinen Namen zu bestätigen, während sie es ihm fast schon schriftlich gegeben hatte, dass er beschattet wurde.

»Immerhin wissen wir jetzt, wo er wohnt«, setzte er fort. »Auch wenn er hier wohl nur noch bleibt, bis er seine Taschen gepackt und ein bisschen herumtelefoniert hat.«

Er lächelte, und sie wusste, dass er ihr zwar nicht weiter böse war, aber auch nicht scherzte.

»Es tut mir so leid.«

Als Harper sie angesehen hatte, hatte Jasmine sofort die Fassung verloren. Sie musste daran denken, wie ihre Grundschullehrerin sie zum allerersten Mal aufrief. Ganz so schlimm war der Auftrag dann doch nicht gelaufen, aber eine Glanzleistung war es sicher nicht gewesen, wenn das Beste, was sie darüber sagen konnte, war, dass sie nicht in die Hose gemacht hatte.

Es war auch kein gutes Zeugnis für ihr Schauspieltalent. Denn nichts anderes hatte sie ja tun müssen. Verdammt noch mal, das war doch einer der wenigen Gründe, die er ihr hatte nennen können, damit es ihr nicht zu sehr so vorkam, als würde er sie nur aus Mitleid anstellen: Er brauchte jemanden, der schauspielern konnte. Er hatte ihr sogar ein Skript gegeben. Dummerweise hatte Peter Harper nach circa einer halben Sekunde die vierte Wand durchbrochen, und nichts, was sie auf der Schauspielschule gelernt hatte, konnte sie retten.

»Mach dir keine Gedanken«, wiegelte Jim ab und gab ihr eine Packung Taschentücher. »Du fängst doch gerade erst an. Gleich von Anfang an kann so was keiner.«

Armer Jim. Er war so lieb, so großzügig und so durchschaubar. Er behauptete immer wieder, dass er sie brauchte, aber es war doch glasklar, dass er ohne Jasmine besser fuhr als mit. Sie brauchte ihn: Seit ihre Mum tot war, hatte sie sonst niemanden mehr.

»Delta Seven. Zielperson geht weiter, nähert sich der Cresswell Lane, ich habe Schwierigkeiten, ihn im Blick zu behalten. Hast du Sichtkontakt?«

»Ja, ja«, bestätigte sie, als sie um die Ecke zurück auf die Great George Street gekommen war.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Jasmine monatelang dumpf vor sich hin vegetiert und die Stunden, Tage, sogar Wochen aus den Augen verloren. Sie verließ kaum noch das Haus und hatte keinen normalen Lebensrhythmus mehr. Sie starrte oft bis tief in die Nacht auf dem Wohnzimmersofa ins Leere und verschlief dort auch den Tag. Sie dachte nicht über die Zukunft nach, sie konnte sich nicht vorstellen jemals etwas anderes zu tun als weinen, schlafen und in die antwortlose Dunkelheit starren.

Manchmal konnte sie sich gar nicht mehr an das kleine Mädchen erinnern, das wusste, was es mit dem ganzen Leben anfangen wollte, das vor ihm lag. Oder eher, sie hatte die Erinnerungen, es kam ihr aber so vor, als gehörten sie jemand anderem. Sie spürte keine Verbindung zu diesem Mädchen, als wäre es auch gestorben und Jasmine wäre jemand anders, der nur die gleiche Vergangenheit hatte, aber nicht den gleichen Weg in die Zukunft. In dieser Hinsicht war Trauer wohl einfacher, wenn man einen Beruf hatte, einen Mann und Kinder, weil es dann ganz klischeemäßig stimmt, dass das Leben weitergeht. Dann hat man eine Schablone für den Tagesablauf: Notwendigkeiten und Pflichten, die den Wunsch verdrängen, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und für immer im Bett zu bleiben. Auch wenn man keine große Lust dazu hat, weiß man, was zu tun ist.

Sie hatte noch kein Leben. Keine Zügel, die sie wieder in die Hand nehmen konnte.

Jasmine hatte gerade ihr letztes Jahr auf der Schauspielschule angefangen, als ihre Mum die schockierende, unfassbare Diagnose bekam: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er war spät erkannt worden und breitete sich schnell aus.

Jasmine hatte ihren Vater nie gekannt. Er war gestorben, als sie noch ein Baby war, und ihre Mutter hatte nie wieder geheiratet, war nie wieder mit jemandem zusammengezogen. Sie hatten nur einander, und plötzlich blieben ihnen nur wenige gemeinsame Monate.

Jasmine schmiss die Schauspielschule. Sie musste wieder zu ihrer Mum nach Edinburgh ziehen, musste bei ihr sein, zu Hause. Sie dachte nicht mehr an ihre Ausbildung oder an ihre Pläne. All das wurde von einem Augenblick zum anderen irrelevant, unnötiger Ballast, den sie sich auf dieser härtesten aller Reisen nicht leisten konnte.

Als sie nach Mums Tod wieder über diese Dinge nachdachte, kam es ihr vor, als hätte sie eine alte Spielzeugkiste gefunden, die ihr als Kind unermessliche Freuden und Möglichkeiten verheißen hatte, ihr als Erwachsene aber nichts weiter bedeutete, nachdem sie die harte Realität der Welt erfahren hatte. Genauso seltsam hatte sie sich gefühlt, als sie wieder ihre Wohnung in Glasgow betreten hatte, in der noch alle Kleinigkeiten ihres plötzlich unterbrochenen Lebens lagen und standen, wie sie sie zurückgelassen hatte: eine Mary Celeste im zweiten Stock in der Victoria Road.

Langsam hatte sie dann aber akzeptiert, dass sie trotz allen Schmerzes eine zwanzigjährige Frau war, die irgendwie ein Leben auf die Beine stellen musste. Außer den Plänen für die weitere Zukunft musste sie sich auch alltäglichen Herausforderungen stellen, wie der Miete, für die sie ein Einkommen brauchte. Mum konnte ihr nicht mehr die Hand halten und die Tränen wegwischen. Und selbst wenn, war sie jetzt so alt, dass sie sich selbst um ihr Leben kümmern musste. Sie gestand sich ein, dass ihre bisherigen Entscheidungen ihr nur wenige Felder offen gelassen hatten, für die sie geeignet oder qualifiziert war. Die Schauspielerei gewann sofort wieder ihren Reiz, allerdings nicht mehr als vages, verträumtes Ziel, sondern eher als sinnvolle Beschäftigung, mit der man einen Tag füllen konnte, an dessen Ende man sogar bezahlt wurde.

Wie schön, dass sonst niemand auf diese geniale Idee gekommen war.

»Foxtrot Five bestätigt Sichtkontakt. Zielperson geht immer noch ohne Eile die Cresswell Lane entlang. Bleibt stehen und sieht sich ein Schaufenster an.«

»Der will mich wohl erwischen. Überhol ihn, wenn nötig, und mach selber einen kleinen Schaufensterbummel.«

»Foxtrot Five. Okay, okay.«

Sie blieb stehen und sah sich das Fenster eines Schmuck- und Kunsthandwerkladens an. Sie interessierte sich aber mehr für die Spiegelung im Glas als für die Dinge dahinter. Sie stand schräg, sodass sie die Zielperson beobachten konnte, aber aus dem Augenwinkel sah sie auch kurz sich selbst in einer dieser Momentaufnahmen, die in ihrer Flüchtigkeit und Beiläufigkeit umso mehr zeigen. Sie war so smart angezogen, wie Jim es gefordert hatte, Blazer und Hose, wie eine richtige, berufstätige Erwachsene, aber sie sah nur ein verkleidetes kleines Mädchen. Klein, schmal, in der letzten Zeit etwas abgemagert, die Kleider trugen sie und nicht andersherum. Sie trug einen Haarreif, um ihr Sichtfeld nicht einzuschränken, allerdings war dadurch ihr Gesicht umso exponierter, dessen unzählige Sommersprossen sie wie dreizehn wirken ließen. Sie war zwanzig. Als sie wirklich dreizehn gewesen war, hatte sie gedacht, sie würde später mal eine richtige Frau im Spiegel sehen, so eine wie ihre Mutter und nicht diesen ewigen Teenager, der 2020 noch im Pub den Ausweis zeigen müsste.

Die Zielperson bummelte weiter, und Jasmine folgte in gut 15 Metern Entfernung. Während sie alleine die Straße entlangging und scheinbar Selbstgespräche führte, fragte sie sich, wie Detektive vor den Zeiten von Bluetooth und Freisprechanlagen bei einer Beschattung unauffällig ihre Kollegen über Funk auf dem Laufenden gehalten hatten.

Foxtrot Five: Das Rufzeichen hatte Jim ihr gegeben. Es spielte auf ihren Geburtstag an, den fünften Februar, aber für Jasmine hatte es eine andere Bedeutung bekommen. Sie musste immer an Fox Force Five denken, den erfolglosen Pilotfilm, über den Uma Thurman als Mia in Pulp Fiction spricht. Es war die erste und einzige Rolle der jungen Schauspielerin Mia – die große Chance, aus der nichts wurde.

Auf der Schauspielschule hatte Jasmine, wie jeder andere auch, immer die Sorge im Hinterkopf gehabt, ob sie nach dem Abschluss wirklich Arbeit finden würde, aber für sie war das immer eine aufgeschobene Angst, die sie noch nicht an sich heranlassen konnte, denn welchen Sinn hatte sonst die Ausbildung?

Und als sie das Ganze geschmissen hatte, hatte sie auch nicht gerade ihre Chancen verbessert. Andererseits war eine abgebrochene Schauspielausbildung nicht so schlimm wie ein abgebrochenes Medizinstudium – wenn sie beim Vorsprechen einen guten Eindruck machte, würde sie niemand nach ihren Zeugnissen fragen. Schwierig war allerdings, dass sie mit dem College auch alle sozialen Kontakte zurückgelassen hatte. Ihre Kommilitonen hatten gehört, was passiert war – ja, das arme Mädchen –, aber für sie hatte Jasmine nicht nur die Ausbildung abgebrochen – sie existierte einfach nicht mehr, sie war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Überhaupt einen Vorsprechtermin zu bekommen, war schon schwer genug. Man musste beim Netzwerken alles geben, sich teilweise richtig aufdrängen, um zu erfahren, wo jemand gesucht wurde. Sie hatte es bisher viermal in die engere Auswahl geschafft, aber noch keine Rolle bekommen.

Ihr einziger Hoffnungsschimmer waren eine Regisseurin namens Charlotte Queen und ihre Truppe Fire Curtain gewesen. Jasmine war von Charlotte zum zweiten Vorsprechen für ihre Tourproduktion von Top Girls eingeladen worden. Sie bekam die Rolle nicht, aber Charlotte fand, sie sei vielleicht die Richtige für die Miranda in ihrer Produktion von Shakespeares Sturm auf dem Edinburgh Festival Fringe im nächsten Jahr. Das Stück würde wahrscheinlich in einer alten Garage in Newington aufgeführt werden, aber gerade als Schauspieler kommt man viel leichter an Arbeit, wenn man schon welche hat. Wenn sie die Rolle bekam, bedeutete das sowohl Geld auf dem Konto als auch vier Wochen im Rampenlicht, in denen sie für eine neue Rolle entdeckt werden konnte.

Charlotte Queen war schon so etwas wie eine Legende des schottischen Theaters. Auch sie hatte die Theaterschule abgebrochen, aber bei ihr hatte es nicht an einem Trauerfall gelegen, sondern an ihrer Ungeduld, wie sie in Interviews gern sagte. Sie habe sich eingeschränkt gefühlt und deshalb mit zweiundzwanzig eine eigene Theatertruppe gegründet. Niemand konnte abstreiten, dass sie eine Naturgewalt war, doch manche Beobachter merkten an, dass es sicher nicht geschadet habe, dass ihr Vater Hamish Queen war, der Londoner West-End-Regisseur und – Produzent. Sie hatte also reichlich Connections und genügend Startkapital. Andererseits hätte Charlotte es sich auch leichter machen können. Sie hatte einen Teil ihrer Kindheit im Highland-Sommerhaus ihrer Familie verbracht und in Gemeinschaftshäusern und Sporthallen der Gegend Aufführungen der Royal Shakespeare Company gesehen. Sie war überzeugt, dass die Provinzbewohner nicht nur deshalb in Scharen kamen, weil es die RSC war. Zwar war das auch ein Grund, weil die Marke eine gewisse Qualität versprach, aber Charlotte glaubte, dass es in der Provinz allgemein ein großes potenzielles Theaterpublikum gab. Und nach einigen Anfangsschwierigkeiten behielt sie tatsächlich recht, und Fire Curtain wurde eine beliebte und von den Kritikern geschätzte fahrende Truppe.

Jasmine wusste, wie wichtig es war, dass sie bei Charlotte einen guten Eindruck hinterlassen hatte. Die war zwar als unzuverlässige, launische Egozentrikerin verschrien, aber wenn sie wollte, kitzelte sie Bestleistungen aus einem heraus und ließ einen auf der Bühne großartig aussehen. Man sagte, sie schätze ihre Schauspieler sehr und baue sie wunderbar auf, doch dürften diese nie mehr sein als schöne Planeten, die um sie als Sonne kreisten; sie habe ein präzises Auge für Talent, aber nur um sich selbst damit zu schmücken. Das war Jasmine egal. Es war schon ein Glücksfall gewesen, einen Vorsprechtermin bei Fire Curtain zu bekommen. Als sie dann zum zweiten Mal eingeladen wurde, konnte sie ihr Glück kaum fassen, und die Aussicht auf eine Rolle bei der Fringe-Produktion war so aufregend, dass Jasmine nach zehn Uhr abends nicht mehr daran denken durfte, weil sie sonst nie einschlafen würde.

Es war aber nur ein Vielleicht, und zwar ein Vielleicht für nächsten August. Sie musste aber vor allem im Hier und Jetzt klarkommen, und dabei half ihr Onkel Jim.

Jim war ein Cousin ihrer Mutter, also genau genommen nicht ihr Onkel, aber sie hatte ihn schon als Kleinkind so genannt. Mum und er waren sich immer nah gewesen, auch wenn sie nicht immer in engem Kontakt standen. Jim stand überhaupt mit kaum jemandem in engem Kontakt, was daran lag, dass er sich immer mehr von seiner Arbeit als Polizist hatte vereinnahmen lassen. Wenn er nach ein paar Whisky rührselig wurde, schüttete er einem gern das Herz darüber aus, dass er nie für seine Frau und seine drei Kinder da war, weil er zu viel zu tun hatte. Mittlerweile war er fünffacher Großvater, und er hatte geschworen, sich jetzt mehr Zeit für die Familie zu nehmen und öfter mal auf die Kleinen aufzupassen, aber die Verpflichtungen seines Einmannbetriebs ließen ihn nun wieder alle Versprechen brechen.

Er hatte also in doppelter Hinsicht das Richtige tun wollen, als er Jasmine anstellte. Er wusste, dass sie einen Job brauchte, und er wollte ihr unbedingt helfen, weil seine Cousine Beth es nicht mehr konnte. Wenn er sie so weit angelernt hatte, dass sie alleine arbeiten konnte, erklärte er, konnte er sich endlich mehr Zeit für die Familie nehmen.

Das war sehr großzügig, und es überzeugte Jasmine viel eher als Jims Behauptung, dass eine arbeitslose Schauspielerin ohne Detektiverfahrung genau das war, was seine Firma brauchte.

»Delta Seven. Ich hab gerade einen wichtigen Anruf zu einem anderen Auftrag bekommen. Hier kann ich sowieso nicht mehr helfen, weil die Zielperson mich gesehen hat. Kann ich die Beschattung in deine fähigen Hände übergeben?«

O Gott, bitte, bitte nicht.

»Ja, ja.«

Sie wusste noch, wie es war, als Jim sie vor knapp zwei Monaten eingestellt hatte. Er hatte ihr erklärt, dass es kein Samstagsjob für ein bisschen Taschengeld war, sondern dass sie ihn wirklich ernst nehmen musste. Er wusste, dass sie eigentlich als Schauspielerin arbeiten wollte, aber er erklärte ihr, dass sie sich so über Wasser halten konnte, wenn er sie eingearbeitet hatte und sie später mal zwischen zwei Rollen »Pause« machte. Er war ziemlich gerissen: Er stellte sie nicht vor die Wahl und bot ihr keinen »richtigen« Job an, der sie von ihren albernen Träumen abbringen sollte.

So konnte sie die Zeit überbrücken, beschloss sie. Sie hatte ein bisschen Geld in der Tasche, und es war ja nur vorübergehend. Auf jeden Fall war der Job besser als kellnern: besser bezahlt, und sie musste ja quasi schauspielern. Sie gewann wertvolle Erfahrungen, die sie sich in den Lebenslauf schreiben konnte. Ja – all das redete sich wohl jeder junge Schauspieler ein, wenn er den Job antrat, mit dem er alt werden würde.

Sie fragte sich, ob es an dieser Angst lag – irgendwann plötzlich dreißig zu sein und immer noch diesen »Übergangsjob« zu machen –, dass sie so oft Mist baute. Wollte sie unterbewusst scheitern, um Jim die Entscheidung abzunehmen?

Nein, sie würde Jim nie absichtlich im Stich lassen. Sie konnte es einfach nicht, das war alles. Sie steckte also in einer unmöglichen Situation: in einem Job, für den sie nicht geeignet war, den sie aber brauchte.

Die Zielperson blieb wieder stehen. Er kam ihr eigentlich nicht wie jemand vor, der Schaufensterbummel machte, schon gar nicht in einer Straße, deren Läden auf Inneneinrichtung und ausgesprochenen Mädchen-Nippes spezialisiert waren, also war es gut möglich, dass er Ausschau nach Verfolgern hielt. Höchstwahrscheinlich hielt er die Augen nach Jim offen, aber da er offensichtlich misstrauisch war, durfte sie nicht auffallen. Ohne einen zweiten Mann, der die Beschattung übernehmen konnte, musste sie ein Schaufenster weitergehen und darauf warten, dass er sie wieder überholte. Als sie an ihm vorbeiging, hielt sie den Blick gesenkt, aber vor Unsicherheit, ob er sie wirklich nicht bemerkte, schaute sie ganz kurz zu ihm hinüber – genau in dem Moment, als er sich umdrehte, um die Straße abzusuchen. Ihre Blicke trafen sich. Mit glühenden Wangen und bleischwerem Magen ging sie weiter – das war das wohlbekannte Gefühl, dass sie es verbockt hatte.

In seinem zugestellten, engen, kleinen Büro in Arden im Süden von Glasgow hatte Jim ein vergilbtes Comicposter hängen: Ein vertrottelter Typ steht mit einem Becken in der rechten Hand in seinem Orchester und darüber die Denkblase: »Diesmal verbock ichs nicht, diesmal nicht, diesmal nicht.« Erst, wenn man genauer hinsah, merkte man, dass er nichts in der linken Hand hatte. Die Bildunterschrift lautete: »Roger verbockt’s.«

So kam Jasmine sich jeden Tag bei der Arbeit vor. Je mehr Mühe sie sich gab, desto mehr Möglichkeiten fand sie, Mist zu bauen. Auch jetzt noch, als sie sich trainierte, konzentriert zu bleiben, und sich entschlossen hatte, es nicht zu verbocken, hatte sie Angst, dass all das sie doch nur davon ablenkte, dass ihr ein Becken fehlte.

Sie musste klar denken. Ihre Blicke hatten sich zwar gekreuzt, aber genau genommen war sie noch nicht erkannt. Es war aber auf jeden Fall eine Gelbe Karte. Er hatte sie gesehen, also würde er sie wiedererkennen, wenn sie ihn zu deutlich ansah, aber im Moment war sie nur eine junge Frau, deren Blick zufällig seinen gekreuzt hatte. Er wirkte sowieso wie ein schmieriger Typ, der bestimmt jeden Tag dabei erwischt wurde, wie er Mädchen hinterherglotzte.

Sie ging auf die andere Straßenseite und suchte sich ein neues Schaufenster. Mit klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass er sie wieder überholte, umso verzweifelter, weil Jim den Auftrag in ihre »fähigen« Hände übergeben hatte.

Sie hatten für diesen Fall kaum noch Zeit und schon zu viele Chancen verspielt, und Jasmine würde nicht nur Jim hängen lassen, wenn sie heute versagte.

»Die Zielperson heißt Robert Croft«, hatte Jim erklärt. »Ein siebenunddreißigjähriger Stuckateur aus Clarkston. Auftraggeberin ist die Kanzlei Hayden  Murray, die Mrs Dorothy Muldoon vertritt, eine verwitwete Rentnerin aus Giffnock. Letzten Dezember ist Mrs Muldoon in einem Kreisverkehr in Pollokshaws Crofts Escort-Kastenwagen hinten aufgefahren. Die Schäden sind minimal, also nimmt sie die Schuld auf sich und rechnet mit den Selbstbehaltkosten für ein bisschen Ausbeulen und Lackieren. Dummerweise hat der aufmerksame Mr Croft gemerkt, dass Mrs Muldoon ihm in einem Lexus aufgefahren ist, und da haben sich die Zahnräder in seinem geldgierigen kleinen Kopf in Bewegung gesetzt.

Zwei Wochen später bekommt sie ein Schreiben, dass sie auf langfristigen Verdienstausfall verklagt wird, weil Mr Croft so schwer verletzt wurde, dass er seine Kelle nicht mehr schwingen kann. Absender ist eine Firma namens Scotiaclaim.«

»Das sind doch die mit dem peinlichen Werbespot, oder? Die Schmerzensgeldgeier?«

»Genau. Zwielichtiger als der Verein geht’s nicht mehr. Die schalten tagsüber ihre Werbespots, weil es billiger ist, aber hauptsächlich, weil ihre Zielgruppe arbeitsscheues Pack ist, das den ganzen Tag auf seinem fetten Arsch rumsitzt, während andere Leute sich abschuften, und trotzdem meint, es hat was Besseres verdient. Als ich gehört habe, dass die ihn vertreten, wusste ich gleich Bescheid. Die von Hayden  Murray haben natürlich ihre Zweifel am Wahrheitsgehalt von Mr Crofts Behauptungen, zumal sie herausgefunden haben, dass er schon mal mit einer ähnlichen Klage durchgekommen ist. Das ist zwar vor Gericht nichts wert, aber wir wissen, woran wir sind.«

»Was ist denn mit den Ärzten? Er braucht doch bestimmt ein medizinisches Gutachten.«

»Na ja, windige Anwälte kennen meistens auch windige Ärzte. Die bekommen immer die passende Diagnose. Und selbst wenn Hayden  Murray eine unabhängige Untersuchung durchsetzen können, wird Croft von seinen Leuten aufgeklärt worden sein, welche vagen und unüberprüfbaren Symptome er aufzählen muss. Wenn er die nicht sowieso schon kannte.«

Der Verhandlungstag kam immer näher, und bisher hatten sie nichts in der Hand. Sie waren ihm schon zweimal gefolgt. Das eine Mal hatte Jasmine ihn auf dem Kinoparkplatz in Paisley verloren. Das andere Mal hatten sie schon gejubelt, weil er in ein Fitnesscenter gegangen war – eine Aufnahme von ihm beim Schwimmen oder an den Gewichten war alles, was sie brauchten. Leider ging er doch nur zu einem Physiotherapeuten, den er wahrscheinlich als Zeugen anführte, der aussagen konnte, dass er Crofts nebulöse Verletzung behandelt hatte. Das einzig Gute an der Sache war, dass er die Beschattung anscheinend noch nicht bemerkt hatte, auch wenn Scotiaclaim ihn sicher vor dieser Möglichkeit gewarnt hatte. Noch bestand also eine geringe Chance, ihn bei etwas zu erwischen, wozu er nicht fähig sein dürfte.

»So langsam wird’s eng«, hatte Jim zugegeben. »Es kann gut sein, dass er auf Nummer sicher geht, und wir überhaupt nichts zu sehen kriegen.«

»Wirst du trotzdem bezahlt?«

»Ja, aber es tut weh, so einen Kerl damit durchkommen zu sehen. Außerdem zeigen sich die Anwälte zwar verständnisvoll, wenn man mit leeren Händen wiederkommt, aber die Chancen stehen schlecht, dass sie einen noch mal anrufen.«

Jasmine sah, wie Crofts Spiegelbild über das Fenster zog, aber diesmal widerstand sie der Versuchung, sich zu vergewissern, dass er sie nicht anschaute. Sie drehte nur leicht den Kopf, um ihn aus dem Augenwinkel im Blick zu behalten, bis sie weitergehen konnte. Wegen des Augenkontakts von vorhin hatte sie ihm diesmal einen größeren Vorsprung gelassen.

»Zielperson biegt links, links, links in die Cresswell Street ein.« Jim hörte zwar nicht mehr mit, aber sie protokollierte weiter, teils fürs Band (bzw. die Speicherkarte) ihrer versteckten Kamera, teils zur Übung.

Als sie sich dem Ende der Fußgängerstraße näherte, packte Jasmine die Angst davor, was sie auf der Cresswell Street sehen würde – oder eher nicht sehen würde. Das muss ein gängiges Phänomen sein, dachte sie: die Angst des Beschatters vor der Ecke. Diese Angst saß so tief, dass bei ihr mittlerweile auch in der Freizeit jede belebte Straßenecke Beklemmungen auslöste wie ein pawlowscher Reiz.

Und als sie um diese Ecke bog, hatte sie wirklich allen Grund zur Verzweiflung. Zwar hatte sie die Zielperson nicht verloren: Croft war keine zwanzig Meter vor ihr und näherte sich der Byres Road, aber Jasmine sah noch etwas anderes. Charlotte Queen saß mit zwei Freundinnen vor einem Café und genoss das unerwartet sommerliche Wetter. Und sie schaute in Jasmines Richtung. Ihre Blicke trafen sich; nur kurz und über einige Entfernung, aber sie hatten einander gesehen.

Croft war nun fast an der Einmündung in die Byres Road, der mit Abstand belebtesten Straße im West End. Sein Vorsprung war auf kleinen Nebenstraßen in Ordnung, aber auf einer geschäftigen Hauptstraße sehr riskant. Jetzt hieß es aufholen; jede Sekunde, die sie ihm ließ, konnte fatal sein. Sie musste sich beeilen, durfte aber nicht laufen, das wäre zu auffällig.

Sie ging schneller und fixierte Croft, als hätte sie das Grüppchen vor dem Café gar nicht bemerkt. Charlotte hatte sie nur kurz angesehen, also war es gut möglich, dass sie sie nicht erkannt hatte oder sich ohne Kontext gar nicht an sie erinnerte.

Sie war noch fünf Meter vom Tisch entfernt. Flott und zielstrebig, weiter geht’s, entschlossen und in Eile, mit den Gedanken eindeutig ganz woanders, nie im Leben ignoriere ich die großartige, unberechenbare, egozentrische …

»Jasmine? Jasmine Sharp?«

Für Jasmine blieb die Zeit stehen. Von einer Sekunde auf die andere stand sie vor einer Entscheidung, die ihr ganzes weiteres Leben verändern könnte.

Sie wusste, dass sie nicht bleiben konnte. Sie hatte nicht mal für eine noch so kurze Erklärung Zeit, warum sie nicht bleiben konnte. Ein kurzes »Oh, hi!« im Vorbeigehen wäre für diese Frau ein Affront, die daran gewöhnt war, dass ihr alle zu Füßen lagen.

Jasmine hatte schlicht und einfach die Wahl, entweder die Zielperson zu verlieren, sodass Jim mit leeren Händen zu Hayden  Murray gehen müsste, oder der einen Frau die kalte Schulter zu zeigen – zumal vor deren Freundinnen –, die ihr den schauspielerischen Durchbruch verschaffen konnte.

In dem Moment ging Jasmine in sich und fragte sich nicht nur, was sie wirklich wollte, sondern auch, was sie sich wirklich zutraute.

Ohne ein Wort ging sie weiter, so nah am Tisch vorbei, dass sie den Espresso riechen konnte, die ganze Zeit den Blick auf die Straßenecke gerichtet. Als sie in die Byres Road eingebogen war, hatte sie feuchte Augen. Durch die Menschenmenge und den Tränenschleier dauerte es ein bisschen, aber dann sah sie Croft vor sich, der gerade an den Absperrungen vor der Vinicombe Street vorbeilief. Sie ging schneller.

»Schließe auf«, vermerkte sie und schluckte. »Zielperson geht immer noch geradeaus auf die Great Western Road zu.«

Dieser Job war echt. Jasmine wurde bezahlt. Sie durfte kein kleines Mädchen mehr sein. Mum war weg. Die Träume auch.

Sie ging weiter.

Croft näherte sich der Kreuzung Byres Road, Great Western Road, wo dem botanischen Garten gegenüber Oran Mor stand; Oran Mor, wo sie sich, wenn das Geld reichte, mittags für zehn Pfund »a Play, a Pie and a Pint« gönnte und davon träumte, eines Tages selbst auf der Bühne zu stehen.

Kurz vor der Ecke sah Croft sich um, nur ein kurzer Blick, aber trotzdem gefährlich. Jasmine senkte den Kopf, ging langsamer und trat zur Seite hinter einen schlaksigen Kunststudenten mit einem großen schwarzen Portfolio. Schon jetzt beneidete sie ihn darum, dass er noch Träume hatte.

Vor ihr floss der Verkehr auf der Great Western Road zügig in beide Richtungen. Wieder eine Straßenecke, wieder ein Angstschub, was dahinter lag, zumal sie auf der Cresswell Street die schreckliche Erfahrung gemacht hatte, was alles möglich war. Jetzt war aber alles einfacher: Sie hatte nur noch eine Sache zu verlieren. Solange sie Croft sehen konnte, wenn sie um die Ecke ging, war alles in Ordnung.

Außer natürlich, wenn er genau auf sie zukam.

Scheiße.

Er war umgekehrt: immer ein klares Zeichen dafür, dass die Zielperson den Verdacht hat, dass sie verfolgt wird. Er schaute sie außerdem direkt an; eindeutig ein misstrauischer Blick, den Jasmine auch noch durch direkten Vor-Angst-gelähmt-kann-nicht-weggucken-Augenkontakt verschlimmerte.

Sie war verbrannt wie ein Vampir auf der Sonnenliege. Mittags. In der Wüste.

Jetzt wollte er sie wohl auch noch ansprechen. O Gott, was, wenn er aggressiv wird? Jim war jetzt schon weit weg.

Als Croft den Mund öffnete, kam Jasmine ihm zuvor.

»Sie sind doch Stuckateur, oder?«, platzte es in ihrer Panik aus ihr heraus – das Einzige, was ihr spontan einfiel.

Das nahm ihm ein bisschen den Wind aus den Segeln, doch dann kam die unausweichliche Frage.

»Woher wissen Sie das denn?«

Verdammt noch mal, warum erklärte sie ihm nicht einfach, dass sie so gut informiert war, weil sie für einen Privatdetektiv arbeitete, den Dorothy Muldoons Anwälte angeheuert hatten – sonst hatte sie ihm ja schon alles gesagt. Ja, woher sollte sie das wissen?

Dann kam die Inspiration.

»Sie haben bei meiner Tante die Küche gemacht. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Eine kleine Doppelhaushälfte auf der South Side? Da war vorher Artex an der Decke, und Sie sind da noch mal drübergegangen.«

Er legte die Stirn in Falten, als er seine Erinnerungen durchsuchte, während Jasmine ihm eine ihrer eigenen verkaufte.

»Ich verfolge Sie ja nicht oder so«, erklärte sie mit einem nervösen Kichern. »Na ja, als ich Sie da eben gesehen hab, wusste ich erst nicht so genau, woher ich Sie kenne, und dann waren Sie weg. Ich bin nämlich mit meinem Freund in eine neue Wohnung in Hyndland gezogen, und da waren die Wände feucht geworden, aber das ist schon erledigt, Gott sei Dank.«

Sein misstrauischer Blick wich einem verwirrten, während Jasmine auf ihn einplapperte.

»Auf jeden Fall sieht das Wohnzimmer schrecklich aus, und das Schlafzimmer auch, und das muss alles neu … wie heißt das noch?«

»Verputzt werden?«, schlug er vor.

»Ja, genau. Verputzt. Aber wir kriegen einfach niemanden. Die sagen uns immer zu und tauchen dann doch nicht auf. Machen einen Kostenvoranschlag von tausend Pfund, sind ja zwei große Räume mit hohen Decken, und das würde mein Freund ja auch zahlen, damit es endlich mal gemacht wird, aber dann lassen sie uns trotzdem hängen. Als ich Sie da eben gesehen habe, hab ich mir gedacht, frag ich doch mal, ob Sie das vielleicht machen würden. Wir zahlen auch bar. Michael hatte das Geld sowieso schon für den anderen abgehoben.«

Croft nickte schon. Seine Augen leuchteten, als sie den Preis erwähnte, und jegliche Zweifel verschwanden spätestens mit dem Wort »bar«.

»Hmmja, das könnt ich machen.«

»Für denselben Preis?«

»Meinetwegen, ja. Hört sich okay an. Wenn’s jetzt keine Villa ist oder so.«

»Schön wär’s. Tja, dann müssten wir noch ’nen Termin ausmachen. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass wir die Stellen nach der ganzen Zeit nicht mehr sehen können, also je früher desto besser. Sie hätten nicht zufällig nächste Woche was frei?«

Er sah kurz weg und tat nachdenklich. Ein guter Schauspieler war er nicht.

»Wenn ich was anderes verschiebe, könnte ich Montag kommen.«

»Oh toll, vielen, vielen Dank!«, jubelte sie nur zum Teil gespielt. »Sie sind meine Rettung!«

Sie tauschten Handynummern aus und Jasmine gab ihm die Adresse. Die Aufnahmen der versteckten Kamera reichten wahrscheinlich schon aus, aber falls nicht, würde es ihm garantiert das Genick brechen, wenn er am Montag mit voller Ausrüstung bei Jims Wohnung in Hyndland auftauchte.

Als sie zusah, wie er seinen ursprünglichen Weg die Great Western Road entlang fortsetzte, bekam sie einen gewaltigen Endorphinschub, der sie in Verbindung mit allem anderen, was in den letzten fünf Minuten ihren Kreislauf geflutet hatte, fast schweben ließ. Plötzlich war alles möglich. Sie konnte diesen Job. Und schauspielern konnte sie auch: Sie konnte unter Druck spielen, sie konnte improvisieren, einfach alles.

Sie eilte zurück zur Byres Road. Sie würde sich zu Charlotte und ihren Freundinnen setzen und alles erklären. Charlotte würde ihr an den Lippen kleben: Es war eine großartige – und wahre – Geschichte, die Jasmines facettenreichen Charakter zeigte, ihren Hintergrund und ihre Tiefe, sie spielte, wie sie noch nie jemanden hatten spielen sehen.

Sie fing an zu laufen, fast zu sprinten, im Slalom um die Fußgänger, und kicherte dabei in sich hinein, als sie um die Ecke zur Cresswell Street kam.

Der Tisch war leer. Charlotte und ihre Freundinnen waren gegangen.

Na klar.

Jasmine verbockt’s.