Vom alten Schlag

»Können wir Wilson vertrauen, dass er nichts unternimmt?«, fragte Jasmine ängstlich. »Vielleicht telefoniert er in diesem Augenblick mit denen.«

Sie hatten sich in einen Privatraum eines nahen Bar-Restaurants an der St. Vincent Street zurückgezogen, den Abercorn besorgt hatte. Jasmine war schon mal zum Mittagessen dort gewesen und hatte mit Freunden das Semesterende gefeiert. Sie hatte viel mehr ausgegeben, als sie sich leisten konnte, weil sie die Rechnung geteilt hatten und Charlotte Queen dabei gewesen war. Jasmine wäre mit Pasta und Birnen-Cider zufrieden gewesen, aber Charlotte hatte Austern und Champagner bestellt, weil sie nicht daran dachte, dass nicht jeder einen Millionär als Vater hat; dass nicht mal jeder überhaupt einen Vater hat.

Jasmine wusste kaum etwas über ihren, nur dass er tot war. Ihre Mutter hatte nie über ihn gesprochen und sich nie auf das Thema eingelassen. Das meiste, was sie aus sich herauskitzeln ließ, war, dass er einen Riesenfehler gemacht hatte, den sie selbst nur mit Glück überstanden hatte, und dass Jasmine ihre Rettung gewesen war. »Mein Geschenk Gottes«, hatte ihre Mutter sie immer genannt, obwohl sie gar nicht religiös war.

Jasmine hatte versucht, sich aus den seltenen und vagen Andeutungen ein Gesamtbild zusammenzubasteln – halblaute Bemerkungen von Verwandten, versehentliche Offenbarungen ihrer Mutter, wenn sie nicht aufgepasst hatte oder später, als sie unter Schmerzmitteln stand, doch bei Letzteren war sie nicht nur enthemmter, sondern auch unzuverlässiger. Jasmine wusste nur, dass ihre Mutter in einem schlechten Stadtteil von Glasgow aufgewachsen war, und sich mit gefährlichen Leuten eingelassen hatte, weil sie glaubte, dass die sie vor anderen gefährlichen Leuten beschützen würden. Als sie schwanger war, war sie nach Edinburgh gezogen, weil sie mit Jasmine neu anfangen wollte. Wie Jasmine war sie auf die Schauspielschule gegangen, hatte sich dann aber mit einem Leben als Schauspiellehrerin und natürlich Mutter abgefunden.

»Ich vertraue ihm«, sagte Catherine. »Er kann das Ganze nicht unter den Teppich kehren, aber wenn er es so lange zurückhalten will, dass er sich vorher noch in Ruhe mit seinem Sohn zusammensetzen kann, dann kooperiert er.«

Catherine wollte sie beruhigen, aber Jasmine war instinktiv misstrauisch. Die Polizistin war ihr gegenüber immer relativ höflich gewesen, aber ihre konstante unterschwellige Feindseligkeit Fallan gegenüber knisterte förmlich in der Luft, und Jasmine hatte das Gefühl, dass auch sie ein bisschen davon abbekam.

»Dass er kooperiert, wäre übertrieben«, sagte Abercorn. »Er macht, was wir ihm sagen, aber er hilft uns nur, soweit er sich damit selbst entlastet.«

»Klar«, stimmte Catherine zu. »Aber wenigstens bleibt er neutral. Ein Gutes hat’s auch, dass er ein wichtiger Zeuge ist – immerhin verteidigt er die Schweine nicht, wenn wir vor Gericht gehen.«

»Das ist noch Zukunftsmusik«, warnte Abercorn. Er wandte sich an Jasmine. »Was wollten Sie uns eigentlich über Fletcher sagen?«, fragte er.

»Er war letzten Dienstag im Büro«, erwiderte sie. »Er hat gesagt, er hätte von der Vermisstenmeldung gehört und wollte ermitteln, weil er Jim von der Arbeit kannte. Im Nachhinein ist mir aber aufgefallen, dass er sich ziemlich erschreckt hat, als er reinkam, als hätte er nicht mit mir gerechnet.«

»Der wollte die Bude ausräumen«, urteilte Fallan. »Alle Akten mitnehmen, die Jim mit den Ramsays in Verbindung bringen. Er – oder einer von seinen Leuten – hat’s später nachgeholt, als wir weg waren.«

»Er hat sich auch komisch benommen«, sagte Jasmine. »Anfangs sehr ernst, voller Fragen, und dann hat er mich ziemlich schnoddrig abgefertigt und gesagt, ich soll mir keine Gedanken machen.«

»Er hat Sie ausgehorcht, wie viel Sie wissen«, erklärte Catherine. »Und dann hat er beschlossen, dass Sie keine Gefahr darstellen.«

»Dummes kleines Huhn, das nicht weiß, was es macht«, erwiderte Jasmine und zuckte die Schultern.

»Trotzdem sind die Ihnen am nächsten Tag gefolgt«, sagte Fallan. »Und als Sie dann nicht nur weiter nachgeforscht haben, sondern auch noch als Erstes zu mir gefahren sind, wurden die unruhig. Schlimm genug, dass die Geister der Vergangenheit wieder auferstehen, und wenn sie dann noch den sicheren Drei-Millionen-Deal gefährden … Ich glaub, ich nehme die Entschuldigung von eben doch zurück. Keiner von uns wäre ein Kollateralschaden gewesen. Als die uns zusammen gesehen haben, mussten wir beide sterben.«

»Aber warum sollten die sich von Ihnen bedroht fühlen?«, fragte Jasmine. »Sie konnten die nicht mit dem Verschwinden der Ramsays in Verbindung setzen, sondern nur mit Ihrem Vater.«

»Mein Vater ist nicht der Einzige, mit dem die nicht in Verbindung gebracht werden wollten.«

»Mit wem denn noch?«, fragte Catherine, deren Stimme Jasmines überraschten, ungeduldigen Ton angenommen hatte.

»Heroin für drei Millionen bringt drei alten Bullen nichts, wenn sie ihren Ruhestand nicht damit verbringen wollen, auf dem Pubklo Tütchen für ’nen Zehner zu verticken. Die mussten auch einen Käufer an der Hand haben.«

Fallan wandte sich an Abercorn.

»Sie sind hier der Experte für organisierte Kriminalität. Was macht Tony McGill denn heute so?«

Abercorn verzog das Gesicht, als er wohl etwas tiefer in seinem Gedächtnis kramen musste als erwartet.

»Hat knapp zwanzig Jahre gesessen, nachdem er in Liverpool mit einem frisch gekauften Drogenkoffer erwischt wurde, der Motley Crue ein Jahrhundert lang bei Laune halten könnte. Hat immer behauptet, er wäre reingelegt worden, aber das war ja bei OJ nicht anders.«

»Er ist auch reingelegt worden«, erwiderte Fallan. »Nur nicht von der Polizei, wie es in seinen persönlichen Legenden heißt. Das ist aber graue Geschichte. Was macht er heute?«

»Ist vor sechs Jahren rausgekommen. Seinen Sohn, auch Tony, kennen Sie?«

»Teej. Lebender Beweis, dass Talent oft eine Generation überspringt.«

»Ja. Er hat den Familienbetrieb übernommen, und Tony senior hat von drinnen die Fäden gezogen. Kein ›Goldenes Zeitalter‹, kann man wohl sagen. Als Tony zurückkam, war von seinem einstigen Imperium kaum noch etwas übrig. Da war er sechzig. Jetzt ist er siebenundsechzig, achtundsechzig. Nicht gerade auf dem aufsteigenden Ast.«

»Gangster sind keine CID – Bullen. Da gibt’s kein festes Pensionsalter.«

»Der alte Tony sieht sich auf jeden Fall noch als großen Mann, aber für alle anderen ist er eine Witzfigur. Ein Mann von gestern. Hat immer noch viele Kontakte, aber die werden auch älter und sterben aus. Hat auch immer noch die gleichen Probleme wie früher, nämlich keinen eigenen Lieferanten. Vor allem sind seine schlimmsten Ängste Wirklichkeit geworden, während er gesessen hat.«

»Wer das Spice kontrolliert, kontrolliert das Universum«, sagte Fallan.

Diese Achtziger-Film-Anspielung entlockte Catherine unwillkürlich ein winziges Lächeln. Sonst hatte sie aber keiner verstanden, schon gar nicht Jasmine.

»Die, die eine direkte Versorgung hatten, konnten sich breitmachen«, erklärte Abercorn. »Selbst wenn McGill nicht gesessen hätte, hätte er nicht verhindern können, dass ihm seine Macht verloren ging. Alle seine alten Reviere – Gallowhaugh, Shawburn, Croftbank – man kennt ihn da noch, aber er hat nichts mehr zu sagen.«

»Und wer hat was zu sagen?«

Abercorn blieb die Antwort im Hals stecken. Er schaute plötzlich Catherine an, bevor sie beide fast gleichzeitig antworteten.

»Frankie Callahan.«

»Gangster und Bullen vom alten Schlag«, sinnierte Fallan. »Alte Bündnisse und alte Gewohnheiten vergehen nicht.«

»Alte Gewohnheiten wie Spuren verwischen und Beweise verschwinden lassen«, sagte Catherine. »Wir wissen alles, haben aber nichts in der Hand. So einfach verknacken wir die Kerle nicht.«

»Dann sorgen wir dafür, dass sie es selbst tun«, erwiderte Fallan ernst.

»Wie?«, fragte Catherine mit der zaghaften Neugier von jemandem, der weiß, dass es eine Antwort gibt, aber nicht, ob sie ihm gefällt.

»Wie ich’s sehe«, antwortete Fallan, »können Sie nicht auf Ihre üblichen Kanäle zurückgreifen, weil Sie nicht wissen, wer mit denen in Kontakt steht. Das heißt, Sie müssen die Ermittlung an Sharp Investigations übergeben – Jasmine und ich kümmern uns drum.«

Catherine sah ihn mit mahnender Skepsis an.

»Dabei muss etwas rauskommen, was wir vor Gericht verwenden können«, warnte sie. »Wenn Sie jemanden an einen Stuhl fesseln und im Hintergrund Gerry Rafferty laufen lassen, braucht’s keinen Ruaraidh Wilson, um uns fertigzumachen.«

Fallan tat unschuldig und verletzt, wodurch er für Jasmine paradoxerweise dämonischer aussah, als je zuvor. Und da hatte er ihr noch nicht mal erklärt, was er vorhatte.

»Nein, nein, bei dem Plan verlassen wir uns nicht nur auf meine Talente.«