Vergebung
Catherine lag wieder wach. Es war kurz vor drei am frühen Sonntagmorgen, um sieben musste jemand mit den Jungs aufstehen, und sie war an der Reihe. Drew war gestern dran gewesen, aber Catherine hatte trotzdem nicht ausschlafen können. Sie und Laura hatten Dominic abholen und zu den Ramsays bringen müssen. Drew hatte den Jungs Frühstück gemacht und war mit ihnen schwimmen gefahren, damit sie sich in Ruhe herausputzen konnte.
Sie war um zwanzig nach zwei aufgewacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Warum konnte sie bloß nicht schlafen?
Der Tag war schön gewesen. Angenehm ermüdend. Als Laura sie nach Hause gebracht hatte, war es nicht mal elf gewesen. Der Himmel war wolkenlos. Kühler als zuvor mit einer frühherbstlichen Brise, aber viel schöner, als man es für Ende August erwartet, wenn man in diesem Teil der Welt wohnt.
Sie und Drew waren für den Rest des Tages mit den Jungs nach Loudon Castle unten in Ayrshire gefahren. Sie fuhren schon seit ein paar Jahren dorthin, und trotz ihrer instinktiven Abneigung gegenüber Freizeitparks fand sie es dort immer entspannend und urig – die Lage im Grünen verstärkte den Eindruck, hier würden alte Attraktionen ihr Gnadenbrot fristen. Die Jungs fanden es natürlich toll dort, und jedes Mal waren sie wieder so viel gewachsen, dass sie bei einer neuen Attraktion mitfahren durften.
Abends waren sie alle vier zu dem kleinen Italiener in der Nähe gegangen, wo die Bedienungen sich für die Jungs begeistert hatten, seit sie Babys waren. Vielleicht war ihr da der Fehler unterlaufen – sie hatte nach dem Dessert einen großen Espresso getrunken. Daran konnte es doch nicht liegen – das war gegen sieben gewesen. Auf Kaffee reagierte sie normalerweise nur so, wenn sie beim Essen gehen ohne die Kinder nach zehn noch einen getrunken hatte.
Sie war problemlos eingeschlafen; sie war so behaglich weggedämmert, als hätte sie ein Beruhigungsmittel genommen.
Drew und sie hatten sich geliebt. Und zwar wirklich geliebt, so zärtlich, so vertraut, so langsam und so leise, bis auf das Ende, als sie nicht mehr anders konnte. Drew hatte gedroht, ihr ein Kissen ins Gesicht zu drücken, damit sie die Jungs nicht aufweckte, weshalb sie zu kichern angefangen hatte, was den Orgasmus und ihre lautstarke Reaktion nur noch intensiver ausfallen ließ.
Schlafen schien ihr gerade unmöglich. Sie grübelte nicht und machte sich keine Sorgen, aber sie hatte das Gefühl, dass zwischen ihr und Drew eine ungeklärte Frage lauerte, eine Sache, über die sie noch nicht hatten reden können oder wollen. Zwischen ihnen beiden war eigentlich alles in Ordnung, deshalb lag sie nicht wach.
Das war aber das Problem. Es war nicht zwischen ihnen. Es lag verborgen im Herzen dieses Ortes, an den Drew sie gehen sah, wütend auf dem Weg dorthin, abwesend, wenn sie dort war.
Sie hatten heute viel geredet, auf den langen Wegen zwischen den verschiedenen Parkabschnitten, während die Jungs vorrannten und kreuz und quer über den Pfad rasten. Sie hatte sich dafür entschuldigt, dass sie sich zu sehr in ihre Arbeit hineinsteigerte, und Drew hatte zugegeben, dass es nicht allzu oft passierte, dass es diesmal bloß am Ende einer sowieso schon schwierigen Zeit passiert war.
Er hatte gesagt, er verstehe, dass es dazugehörte, wenn sie manchmal etwas distanziert wirkte, er sei schließlich dankbar, dass sie gewisse Dinge nicht von der Arbeit mit nach Hause brachte. Doch manchmal, argumentierte er, trug sie eine Last, die nicht allein auf ihren Schultern ruhen sollte.
Sie hatte ein bisschen von Fallan erzählt, genug, damit er sie einigermaßen verstand, aber wie bei Laura hatte sie den wahren Grund verschwiegen, warum Fallan sie so verstörte, und wo die sprudelnde Quelle ihres Hasses lag.
Sie dachte über das nach, was Laura gesagt hatte. Dass man sich nicht von der schlimmsten Sache definieren lassen musste, die einem jemals zugestoßen war, und dass man sich ändern konnte.
Sie ging die Gespräche des Tages im Kopf durch und suchte nach der Angelegenheit, die ihr keine Ruhe ließ, nach dem Vogel, der über ihren Dachboden flatterte.
»Dieser Fallan hat dir also geholfen?«, hatte Drew gefragt.
»Der hat mir nicht geholfen. Der hat sich selbst geholfen und aus irgendeinem Grund auch Jasmine Sharp. Ich war da nur Nebensache.«
»Auf jeden Fall war er auf deiner Seite. Gibt ihm das nicht eine kleine Chance auf Vergebung?«
Das hatte Drew ganz vorsichtig gefragt, weil er auch in der Menschenmenge vor dem Kinderkarussell Angst gehabt hatte, sie könnte ihm den Kopf abreißen.
»Ist nur ’ne Idee«, hatte er gesagt. »Du hast mir nie erzählt, was damals mit deiner Familie war, und es ist in Ordnung, dass du das nicht willst, aber die Sache nagt immer noch an dir. Ich sag das so daher, aber viele Leute vertreten den Standpunkt, dass Vergebung sehr befreiend sein kann.«
»Der sucht keine Vergebung. Er erinnert sich nicht mal dran.«
»Und wonach suchst du? Er braucht keine Vergebung. Vielleicht ist es für dich wichtig, dass du vergibst.«
Und da war der Vogel, er hatte sich kurz niedergelassen und flatterte nicht mehr umher. Zwar bewegte er sich nicht, aber das hieß nicht, dass er sich einfach so fangen ließ, und auch nicht, dass er nicht jeden Moment wieder abheben und den Dachboden verwüsten konnte.
Vielleicht musste sie einfach nur ein Fenster öffnen. Doch auch das würde nicht einfach werden.
Drew hatte mit einem recht, mit dem anderen nicht.
Sie musste nicht Glen Fallan vergeben.