Identität
Jasmine sah, wie Bain sie durchs Wohnzimmerfenster beobachtete, während sie schweigend auf den Civic zugingen. Er wollte sich wohl versichern, dass sie wirklich fuhren. Es sah so aus, als wäre er am Telefon. Sie fragte sich, welche Seite des Gesetzes er angerufen hatte. Sie würden es wohl bald herausfinden, wenn sie sich nicht aus dem Staub machten.
Sie stellte ihr Handy wieder auf laut und sah, dass sie etwas auf der Mailbox hatte. Sie hörte die Nachricht ab, während sie zur Fahrerseite ging und einstieg. Es war ein Anruf für Jim, den das Bürotelefon weitergeleitet hatte. Sie horchte gespannt auf, als sie vor der Nachricht hörte: »Eine Nachricht für Jim Sharp«, aber ihr Puls fiel wieder, als sich der Anrufer als Scottish Gas herausstellte, irgendetwas über Wärmebilder. Jim hatte sich wohl den Dachboden isolieren oder einen neuen Boiler installieren lassen. Jasmine fing fast an zu schluchzen, wie wenn eine von Mums alten Freundinnen anrief, die es noch nicht gehört hatte, oder wenn Post für sie kam. Am schlimmsten war eine abonnierte Zeitschrift gewesen, weil sie zu den Dingen gehörte, über die ihre Mutter sich immer gefreut hatte, und auf das Leben verwies, das sie eigentlich noch leben sollte.
Sie schwiegen, während Jasmine den Motor startete und losfuhr. Ingrams fragte nicht nach der Mailbox-Nachricht und wollte Jasmine anscheinend kaum anschauen. Man konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass irgendjemand ihren Beifahrer als verletzlich bezeichnen würde, schon gar nicht nach allem, was sie eben erlebt und erfahren hatte, aber sie hatte wirklich den Eindruck, dass er ziemlich niedergeschlagen war. Er wirkte zerknirscht und reuevoll, ganz anders als der wütende Dämon, der gerade noch Bain bedroht hatte.
Sie hatte sich in seiner Gegenwart nie so recht entspannen können, aber jetzt schien er sich in ihrer unwohl zu fühlen. Das machte Jasmine aber nicht mit. In dem kleinen Auto war kein Platz für große offene Fragen.
»Dann können wir jetzt wohl aufhören, so zu tun, als wären Sie nicht Glen Fallan, oder?«, fragte sie.
Er schwieg noch eine Weile, und sie fragte sich, ob er eingeschnappt oder ernsthaft verletzt war.
»Der war ich mal«, erwiderte er schließlich leise und abwesend, als hätte er die Worte aus seinem tiefsten Inneren hochholen müssen. Dabei wollte er es wohl belassen.
»Wusste Jim die Wahrheit über Sie?«
»Ja.«
»Scheiße«, zischte sie und krallte sich vor Wut am Lenkrad fest. »Und Sie haben die ganze Zeit keinen Ton gesagt!«
»Er hat sich nicht bei mir gemeldet. Ich hab ihn wirklich letztes Jahr zum letzten Mal gesehen.«
»Warum war er damals bei Ihnen?«
»Das darf ich Ihnen nicht sagen. Das fällt unter Jims Verschwiegenheitspflicht.«
Jasmine seufzte, hätte aber am liebsten geschrien.
»Und fällt es auch unter seine Schweigepflicht, wenn man fragt, warum er Ihre Akte offen liegen hatte? Was haben Sie mit der ganzen Sache zu tun? Warum haben Sie alles liegen lassen und sind mit mir hier hochgekommen? Keine Lügen mehr. Sagen Sie mir die Wahrheit.«
»Ich hab alles liegen lassen, weil jemand auf uns geschossen hat. Ich bin mitgekommen, weil ich wissen will, warum. Ich hab keine Ahnung, was ich mit der ganzen Sache zu tun habe, und wenn wir es herauskriegen wollen, müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir wissen.«
»Was wir wissen? Ich weiß nicht mal, wie ich Sie nennen soll. Tron? Glen? Was für ein Name soll Tron überhaupt sein? Wie der blöde Science-Fiction-Film? Wie die Kirche?«
»Wie das Theater. Da … ist mit mir etwas passiert.«
»Was?«
»Da habe ich beschlossen, dass ich nicht mehr Glen Fallan sein will. So hat mich seit zwanzig Jahren niemand mehr genannt.«
»Und würden Sie mich vielleicht aufklären, was diese Erleuchtung herbeigeführt hat?«
»Das ist gerade nicht relevant. Viel wichtiger ist, dass wir jetzt wissen, dass Bains Aussage gelogen war. Das ändert alles. Die Ramsays sind zum letzten Mal gesehen worden, als sie am Abend vorher das Campsieview Hotel in Lennoxtown verließen.«
»Warum sollte die Polizei ihre eigene Ermittlung verfälschen?«
»Ein Polizist hat Informationen manipuliert. Und wenn Sie meinen verstorbenen Vater kennen würden, wüssten Sie, dass er es nicht unbedingt von innen gemacht hat.«
»Also wollte Bain Sie nicht nur reizen? Ihr Vater war wirklich ein korrupter Polizist?«
»Sagen wir mal, seine korrupte Seite war noch seine beste.«
Jasmine sah kurz sein Gesicht, während er das sagte und sie an einer Ampel anhielt. Es verriet keinen Sarkasmus, sondern nur stählerne Bitterkeit.
»Wichtig ist«, setzte er fort, »dass mein Vater wusste, was für Auswirkungen Bains Aussage auf die Ermittlungen haben würde. Sie brachte den ganzen zeitlichen Ablauf durcheinander, und das Bewegungsbild erst recht.«
»Meinen Sie, Jim hatte das auch herausbekommen?«
Als alle Karten auf dem Tisch lagen, hatten sie Bain zu Jims Ermittlung ausgefragt. Bain gab zu, dass Jim bei ihm gewesen war, er selbst sei aber bei seiner Version geblieben.
»Natürlich ist Bain vor Jim nicht zusammengebrochen wie vor mir, aber wenn Jim die Ermittlung bis ins kleinste Detail vorangetrieben hat, ist ihm sicher klargeworden, wie viel von Bains Aussage abhing. Sie hat den ganzen Fall geprägt und ist letzten Endes für diesen ganzen Mythos verantwortlich. Bei einer letzten Sichtung spätabends am Hotel sagen alle, na ja, die armen Schweine liegen eben irgendwo tot im Straßengraben oder sind in irgendeinem Kanal abgesoffen. Bei der letzten Sichtung am helllichten Tag an einer Raststätte denken alle an eine Reise. All die Artikel, die die Story über die Jahre am Leben gehalten haben, die Leute, die den Zeitungen sagen, sie haben die Ramsays im Urlaub gesehen, all das geht auf Bains Lüge zurück.«
»Das heißt, Jim hat sich wahrscheinlich irgendwann gefragt, wie das Ganze ohne die Aussage aussähe. Warum hat die Polizei das nie getan?«
»Wahrscheinlich, weil sie sonst keine Spuren hatten und keine Gründe, an Bains Aussage zu zweifeln.«
»Aber Sie wussten es sofort, als sie sein Bild in der Zeitung erkannt haben.«
»Ich hab’s nicht sofort gewusst. Ich hatte nur meine Zweifel, die auf einer detaillierteren Kenntnis von Mr Bains Charakter beruhten, als sie die Ermittler von damals wohl hatten.«
»Warum haben Sie mir nichts gesagt?«
»Ich wollte unser kleines Interview nicht allzu voreingenommen werden lassen, und ich brauchte von Ihnen etwas, was man Method Acting nennt, damit er nichts merkt.«
»Ich weiß, was Method Acting ist. Ich kenn mich mit Schauspielerei viel besser aus als mit Privatermittlungen.«
»Sie sind ausgebildete Schauspielerin?«
Darüber freute er sich sichtlich – unverhülltes Entzücken war in seinem Gesicht zu erkennen. Jasmine wünschte, sie könnte sich genauer ansehen, ob er sich vielleicht nur lustig machte und sich dachte, »tja, das erklärt so einiges«, aber sie musste die Straße im Blick behalten.
»Ich möchte nicht darüber reden. Wie Sie sagen, wir müssen uns konzentrieren.«
»Richtig«, stimmte er zu. »Und was Sie eben gesagt haben, stimmt auch: Mein Vater hätte leicht einen deutlich vertrauenswürdigeren Zeugen finden können als Wullie Bain.«
»Vielleicht hatte Bain andere Qualitäten, die ihn für den Job prädestinierten«, sagte Jasmine.
»Klar. Er kannte seinen Platz und war nicht zu neugierig. Wullie hat nie viele Fragen gestellt, wenn man ihm Geld in die Hand gedrückt hat.«
»Kannten Sie ihn damals gut?«
Er starrte geradeaus und hatte wohl ebenso wenig Lust darüber zu erzählen wie sie über ihre abgebrochene Schauspielausbildung. Dann atmete er durch und antwortete.
»Ich hab damals als Schuldeneintreiber für einen Gangster namens Tony McGill angefangen. Ich sage Gangster, aber eigentlich hatte Tony nie eine echte Gang. Meiner Erfahrung nach war die organisierte Kriminalität in Glasgow nie so richtig organisiert. Aber wenn man Tonys Interessen vertrat, traf man eine Menge Leute, knüpfte Kontakte. Das war wie Facebook für Verbrecher. Und ich vergesse nie ein Gesicht.«
Den letzten Satz sprach er nicht stolz oder bedrohlich, sondern wie einen bitteren Selbstvorwurf.
In der folgenden Stille ließ Jasmines Wut über seine Täuschung nach und sie sah, was dahinterlag. Er hatte bei dem Versuch, seine alte Identität zurückzulassen, seinen Namen aufgegeben, blieb aber belastet mit Glen Fallans Sünden. Und damit verstand sie auch endlich, wie sehr er sich für sie aufgeopfert hatte.
»Bain hat Sie erst erkannt, als Sie ihn mit der Nase drauf gestoßen haben. Sie hätten Ihre Identität verschweigen können, aber Sie haben sie preisgegeben, um mir zu helfen.« Sie schluckte und merkte, wie sie einen Kloß im Hals bekam, was in der letzten Zeit oft passierte, wenn jemand ihr mit Freundlichkeit begegnete. »Danke.«
»Ich hab meine Identität nicht erst da drinnen aufgegeben. Ich wusste schon, dass ich das muss, als ich mich entschieden habe, mit Ihnen nach Glasgow zu fahren. Danach war es nur eine Frage der Zeit.«
»Trotzdem danke.«
»Warten Sie damit lieber, bis Sie wissen, was noch zum Paket gehört.«
»Warum sind Sie überhaupt mit mir hergekommen?«, fragte sie, da er ohnehin gerade nicht mehr so reserviert wirkte.
Er starrte sie eine Weile ausdruckslos an.
»Ich hab mir damals viele Feinde gemacht. Eine Menge offene Rechnungen hinterlassen. Ich reagiere lieber schon auf die ersten Anzeichen, dass meine Vergangenheit mich einholt. Von wem war der Anruf?«, fragte er, um klarzumachen, dass das vorige Thema damit erledigt war.
»War für Jim. Nichts Wichtiges. Die Gaswerke wegen irgendwelcher Wärmebild-Geschichten. Ich glaub, die wollten ihm einen neuen Boiler aufschwatzen.«
»Können wir dann eine Nummer von Ihrer Liste streichen?«
»Hab ich noch gar nicht überprüft.«
»Darf ich?«, fragte er und nahm Jasmines Handy von der Mittelkonsole.
»Okay.«
Ingrams nahm das Papier vom Rücksitz und drückte sich dann zu Jasmines Anrufliste durch.
»Ja. Da ist sie: ausgegangener Anruf. Aber hier ist noch was: Wussten Sie, dass Bains Nummer auch bei den eingehenden Nummern steht und nicht nur bei den ausgehenden?«
»Hatte ich nicht gesehen, nein. Vielleicht hat er Jims Anruf verpasst und deshalb zurückgerufen. Kann auch sein, dass ich sie falsch abgeschrieben hab«, gab sie zu. »Ich wollte ganz methodisch arbeiten, aber ich bin ja noch neu in dem Job.«
In dem Moment klingelte Jasmines Handy in Ingrams’ Hand.
»Soll ich?«, fragte er.
»Bitte.«
Ingrams nahm ab. Jasmine hörte ein paarmal neutral »okay«, »alles klar«, und dann berichtete er dem Anrufer seltsamerweise: »Tut mir leid, Jim ist zur Zeit außer Landes. Ja, ganz unerwartet. Aber er hat mir vor seiner Abreise davon erzählt, ich komme dann gleich morgen früh vorbei. Maxwell Road, ja? Okay, bis dann.«
»Mit wem treffen wir uns in der Maxwell Road?«, fragte Jasmine.
»Mit der Scottish Gas. Geschäftskundenabteilung. Der Typ hat’s noch einmal versucht, bevor er für heute Feierabend macht. Er hat mir ausgerichtet, dass die Wärmebilder fertig sind, die Jim angefordert hatte.«
»Was sind Wärmebilder?«
»Keine Ahnung, aber die, die Jim wollte, sind siebenundzwanzig Jahre alt. Ich glaub nicht, dass es da um einen neuen Boiler geht, oder?«