Namen auf einem Blatt

Das Standesamt war auf der Martha Street, gleich um die Ecke vom Veranstaltungszentrum der Strathclyde University. Jasmine war bestimmt schon zwanzigmal daran vorbeigelaufen, ohne darauf zu achten, was sich in dem Gebäude befand; sie hatte sogar mal spätabends / frühmorgens an der verschlossenen Tür mit einem Typen rumgemacht, bevor sie am George Square mit dem Nachtbus nach Hause gefahren war. Vorher war sie mit Freunden bei einem Twin-Atlantic-Konzert gewesen. Sie hatte mit ihm geredet und getanzt, bevor sie toll mit ihm herumgeknutscht hatte. Er hatte sich als richtiger Gentleman erwiesen und die Hände nicht tiefer als bis zu ihren Schultern gleiten lassen.

Scott hatte er geheißen, meinte sie, oder vielleicht Sam. Später hatte sie erfahren, dass er erst sechzehn war und noch zur Schule ging – in die zwölfte Klasse an der Glasgow Academy. Natürlich hatte er wie ein Student ausgesehen, eigentlich sogar älter als sie. Die von der Privatschule sahen irgendwie immer älter aus. Bessere Klamotten oder vielleicht bessere Gene – bei denen hatte bestimmt seit Generationen keiner hungern müssen. Das war jetzt anderthalb Jahre her, und Jasmine musste sich immer noch ausweisen, wenn sie Alkohol kaufte. Er hatte ihr seine Nummer gegeben, und sie hatte ihn wirklich anrufen wollen, aber dann wurde Mum krank; genauer gesagt, sie bekam die Diagnose.

Als sie die Stelle sah, an der sie sich geküsst hatten, und das große Veranstaltungszentrum an der John Street, merkte sie, dass sie sich so viele Sorgen über die Zukunft gemacht hatte, dass sie nur selten an die Welt dachte, die sie verloren hatte. Nicht nur Mum war ihr genommen worden. Samstagabende, Jungs, Freunde, Konzerte, die Studentenjahre, die Zeit zum Träumen, all das war auch fort. Aber ein bisschen davon konnte sie doch wiederhaben, oder? Wenn sie das Ganze hier überstanden hatte. Wenn irgendwann niemand mehr auf sie schießen würde.

Fallan erklärte, wonach sie suchten, und der Mann am Schalter war so freundlich und hilfsbereit, dass Jasmine schon ein bisschen misstrauisch wurde. Ihre Erwartungen hatten sich wohl verschoben, weil sie mehrere Tage fast nur mit schwierigen, verschlossenen, aggressiven und teilweise sogar mordbereiten Menschen zu tun gehabt hatte.

Er sah aus, als arbeitete er möglicherweise schon in dem Gebäude, seit es gebaut worden war. Er passte so gut zu seinem Job und seiner Umgebung, dass sich sicher kaum jemand hier eins ohne das andere vorstellen konnte. Er war einer dieser vornehmen älteren Herren, die man sich unmöglich als junge Männer vorstellen kann, und die damals wahrscheinlich auch nicht anders gewesen waren. Er bewegte sich sicher schon seit Jahrzehnten so erhaben und leichtfüßig.

Er verschwand im Archiv und kam gut zehn Minuten später mit ein paar leicht vergilbten Blättern zurück. Er wollte sie gerade auf den Tisch legen, als er plötzlich unsicher und nachdenklich wirkte.

»Sie sind schon die Zweiten, die in der letzten Zeit danach fragen«, sagte er. »Ich hatte gerade ein kleines Déjà-vu, und dann ist mir eingefallen, dass ich genau diese Blätter vor gut zehn Tagen für einen Herrn herausgesucht habe.«

Jasmine und Fallan sahen einander an. Jim.

»Die vom Victoria wollten Sie, ja?«, versicherte er sich.

»Ja.«

»Genau. Sonntag, einundzwanzigster August 1983. Genau der gleiche Tag. Acht Geburten: drei Mädchen und fünf Jungen.«

Jasmine holte ein Blatt Papier aus der Tasche und schrieb die Namen der Jungen und der registrierten Eltern in alphabetischer Reihenfolge ab. Noch eine Liste zum Abarbeiten wie die in ihrer Tasche mit den Anrufen des Bürotelefons. Die kam ihr jetzt wie ein altes Überbleibsel vor, der erste Schritt auf ihrer Reise. Diese neue Liste dagegen würde sie ans Ziel führen. Sie enthielt die Antwort, die sie suchten.

Bevor sie fertig abgeschrieben hatte, stieß Fallan entschlossen mit dem Finger auf den letzten.

»Der«, sagte er.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß es eben, das können Sie mir glauben. Man arbeitet nicht jahrelang für Tony McGill, ohne den Namen zu hören. Natürlich ist er hier in der Gegend nicht allzu selten, also könnte es auch Zufall sein, aber davon gehe ich nicht aus.«

»Sie haben recht«, stimmte Jasmine zu, zog die Anrufliste aus der Tasche und faltete sie auf.

Fast ganz oben bei den ausgegangenen Nummern – einer der letzten Anrufe.

»Ich dachte, es wäre einfach eine der Kanzleien, für die Jim gearbeitet hat«, sagte sie. »Jim hat ihn wohl angerufen, als er den Namen auf der Liste gesehen hatte.«

»Er hätte aber nicht am Telefon darüber gesprochen. Nicht über so etwas Heikles. Er hat sich sicher mit ihm verabredet. Und deshalb hat er Anne Ramsay gesagt, dass er Neuigkeiten für sie …«

Jasmine bekam vage mit, wie sich neben ihr etwas bewegte, wie jemand durch die Schwingtür ein paar Meter weiter kam. Sie sah, wie Fallans Gesicht plötzlich höchste Alarmbereitschaft signalisierte, und ihr wurde eiskalt, weil ihr die Kontrolle über die Situation jeden Moment wieder entrissen werden würde.

Diesmal wurde sie aber nicht auf den Boden geworfen, und es würden auch keine Kugeln fliegen. So wie Fallan aussah, wäre ihm das wohl lieber gewesen.