Ausgespielt
Trotz des beachtlichen Drogenfundes konnte Maraidh Morgan sich nicht beschweren, dass ihr Einbruch in den vierundzwanzig folgenden Stunden von der Polizei stiefmütterlich behandelt wurde.
»Ich hab noch nie gesehen, dass so viele Leute auf einen Einbruch angesetzt werden«, sagte Zoe Vernon, die an Catherines Schreibtisch lehnte.
Zoe aß das letzte Stück einer Banane, ihrer dritten, die außerdem wahrscheinlich Catherine gehört hatte. Sie hatte sich eine für die Pause mitgebracht, wusste aber nicht mehr, ob sie sie auf den Tisch gelegt oder in der Tasche gelassen hatte. Zoe knabberte den ganzen Tag an irgendwelchem Obst herum, was sich nie so recht einer bestimmten Mahlzeit zuordnen ließ. Sie war so fit, dass man schon müde wurde, wenn man nur daran dachte, wie viel sie wohl trainieren musste, um diesen Standard zu halten. Dafür konnte sie, wenn nötig, einen fliehenden Verdächtigen zur Strecke bringen wie ein kenianischer Jäger eine Gazelle, doch der Preis dafür war, dass sie alles Obst, was irgendwo herumlag – und sei es auf fremden Schreibtischen – als Freiwild betrachtete.
»Fast schon unverhältnismäßig«, stimmte Catherine zu.
»Hab gehört, Cairns ist total abgedreht. Ist ja auch ziemlich peinlich für uns. Da müssen wir eben öffentlichkeitswirksam Wiedergutmachung betreiben. Wir räumen den Bahnhof, und irgendwer spaziert da mit Uhren für, wie viel war’s, hundertvierzigtausend Pfund raus.«
»Rolex Oyster, Ulysse Nardin, Baume & Mercier – das Feinste vom Feinsten.«
»Irgendwas auf den Überwachungskameras im Laden?«
»Baseball-Cap, den Kopf die ganze Zeit nach unten. An einer Stelle ist das Gesicht halb zu sehen. Cairns verteilt das Bild überall. Den Trennschleifer hatte der Dieb in ’ner Sporttasche dabei. Wir haben die Bänder aus dem Bahnhof noch nicht, aber bisher nehmen wir an, dass er sich während der Evakuation im Laden nebenan versteckt hat und dann durch die Hintertür raus und nebenan bei Coruscate wieder rein ist, ’ne Sache von Sekunden. Hat sich danach wohl hinter oder wieder in einem der Läden versteckt und ist später in der Menge verschwunden.«
»War also alles geplant? Er wusste, was passieren würde?«
»Sieht so aus. Aus dem Grund macht Cairns ja auch so einen Aufstand. Das ist nicht nur bei seinem Einsatz passiert, sondern deswegen. Das war eindeutig Cairns’ Informant. Er hat ja vorher schon gesagt, dass der Kerl die verschiedenen Seiten gegeneinander ausspielt wie ein Profi. Der hat das Ganze geplant, wer auch immer er ist. Er hatte die richtigen Informationen über die Drogen, aber er wollte nicht leer ausgehen. Deshalb hat er auch das Wort »explosiv« eingebaut.«
»Er wusste, dass Cairns evakuieren würde.«
»Das heißt er – oder eher jemand, den er eingeweiht hatte – hat in Position im Bahnhof seine Gelegenheit abgewartet. Verdammt schwierige Situation für Cairns. Der Informant hat sich schon mehrfach als wertvoll erwiesen, aber wie viel will man sich bieten lassen? Keiner lässt sich gerne ausspielen, egal wie groß der Fang ist.«
»Der Wert der Drogen wird auf gut drei Millionen geschätzt.«
»Der Presse sagen wir sieben«, erwiderte Catherine, was ein verschworenes Grinsen bei Zoe auslöste. »Und ’ne einmalige Geschichte war’s ja auch nicht. Die haben die Schließfächer als Treuhandkonto benutzt. So konnten sie Deals im großen Stil abwickeln, ohne dass sie Gefahr laufen, bei der Übergabe erwischt zu werden. Wahrscheinlich verstaut der Lieferant den Koffer und rückt dann Schließfachnummer und Kombination raus, wenn er das Geld bekommen hat.«
»Alles klar«, erwiderte Zoe. »Dann kommt der Käufer und macht sich mit den Drogen aus dem Staub, ohne dass die beiden jemals zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren. Der Lieferant kann mit der Bahn aus London oder sonstwoher kommen, abladen und die nächste wieder zurück nehmen. Minimales Risiko.«
»Je nachdem, in welcher Phase der Transaktion sie sich befanden, könnten jetzt die Fetzen fliegen. Keiner will verantwortlich sein, wenn’s um die Frage geht, wer wem was schuldet.«
»›Könnte explosiv sein‹«, zitierte Zoe und zeigte eine andere Auslegung der gezielten Wortwahl des Informanten. »Gibt’s schon was Neues, wer der verhinderte Käufer war?«
Catherine dachte an Frankie Callahans Ruhe, daran, wie er ihren Besuch hochprofessionell abgefertigt hatte. Ein Mann, der keine Komplikationen wollte; ein Mann, der etwas anderes Großes laufen hatte.
Sie sah durch die Glaswand, wie Laura mit ihrem ernsten, entschlossenen Blick auf ihr Büro zustapfte. Es war ja toll, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der so engagiert und pflichtbewusst war, aber wenn die Kleine nicht ab und zu mal ein bisschen gute Laune verbreitete, musste Catherine sich wohl langsam Sorgen machen.
Laura hatte den Großteil des letzten Tages damit verbracht, wie eine Getriebene Gary Fleetings Alibi auf Löcher zu prüfen. Der Kerl war sich unantastbar vorgekommen, als er sie provoziert und herausgefordert hatte. Damit hatte er es zu ihrer obersten Priorität gemacht, ihn einzusperren.
Laura hatte Fleetings One-Night-Stand aufgespürt, eine Lyndsay McLaughlin. Sie gab zu, dass sie mit Fleeting geschlafen hatte, aber genau im Schlafen lag das Problem: Lyndsay sagte, sie sei gegen zwei Uhr nachmittags aufgewacht, und konnte Fleetings Aussage nicht bestätigen, er sei erst nach eins aus dem Haus gegangen.
Auch die Blätter des Bay Tree konnten Fleetings Abend nicht völlig abdecken. Alle Gäste, mit denen Laura sprach, konnten bestätigen, dass sie ihn hinter der Bar hatten arbeiten sehen, waren sich aber nicht so sicher, ob er noch da war, als sie später gingen. Einer sagte, er sei sich ziemlich sicher, bei der letzten Runde von Fleeting bedient worden zu sein, gab aber zu, dass er da schon ein paar intus hatte. Besoffene machten sich vor Gericht nie gut als Zeugen, egal womit sie ihre Brötchen verdienten oder wie vornehm ihre Adresse war.
Laura rauschte ungeduldig und zielstrebig auf Catherines Büro zu. Sie sah aus, als hätte sie Neuigkeiten.
»Genau die Frau, die ich gesucht habe«, grüßte Catherine sie, als sie durch die Tür kam. »Wir müssen noch mal los, Frankie Callahan ein paar unangenehme Fragen stellen.«
»Das könnte schwierig werden«, erwiderte Laura.