Sünden des Vaters

Ruaraidh Wilson stand mit dem Rücken zu ihnen und starrte durch das beeindruckende Triptychon seiner hohen Bürofenster auf die St. Vincent Street. Catherine erinnerte das an die seltene Situation, wenn er vor Gericht eine unerwartete Frage oder Antwort gehört hatte, und sich abwandte, um sich eine Reaktion zurechtzulegen.

Er hielt den Kopf gesenkt und stützte sich auf der Fensterbank ab, wodurch seine Frackschöße leicht hochrutschten. Catherine hatte geglaubt, er trage so etwas nur als Kostüm vor Gericht und war überrascht, als sie ihn auch in seiner Kanzlei so antraf, wie einen Schauspieler, der nie seine Rolle verlässt. Er hatte schon ab Mitte zwanzig diesen Look des gesetzten Herren gepflegt, ein zeitloser, vielleicht etwas altmodischer Mann. Er wirkte dabei weder abgehoben noch allzu exzentrisch; nur ein bisschen eigen. Er existierte abseits jeder Mode als Intellektueller, der an solche Oberflächlichkeiten weder Zeit noch Hirnschmalz verschwenden wollte. Oder aber er hatte mit viel Hirnschmalz herausgefunden, dass er weise und imposant wirkte, wenn er genau diesen Eindruck erweckte.

Wenn er sich wieder umdrehte, erkannte man meistens an der erwartungsvollen Energie in seinen Zügen, dass er mit seiner Reaktion zufrieden war, auch wenn er sich dafür bekümmert, wütend oder verwirrt stellen musste. Als er sich diesmal umdrehte, wirkte er einfach nur alt.

Alt und auf einmal sehr, sehr müde.

»Es geht um seinen Sohn«, hatte Catherine Wilsons Sekretärin erklärt. Sie kam sich ein bisschen schlecht vor, weil sie wusste, was er sicher dachte, wenn die Polizei sich mit diesen Worten bei ihm ankündigte. Es musste aber sein. Sie mussten ihn sofort zu fassen bekommen, ohne dass er vorher telefonieren konnte. Jim Sharp hatte einen Termin mit ihm ausgemacht und war nie wieder aufgetaucht.

Ihr Gewissen wurde durch den Gedanken etwas beruhigt, dass es ihm leichter fallen würde, mit seiner zweitgrößten Angst fertigzuwerden, wenn er erst die größte durchlebte.

Doch auch mit Nummer zwei kam er anscheinend nicht ohne Weiteres klar.

Er wirkte erschrocken, als fünf Leute in sein Büro marschierten, statt der erwarteten zwei, aber auch das musste sein. Catherine wollte ihn sofort wissen lassen, dass er die Angelegenheit auch mit all seiner Macht, seinem Geschick und seinen Verbindungen nicht kontrollieren konnte.

Fallan und das Mädchen hatten ihr auch eindeutig klargemacht, dass sie nicht bereit waren, die Sache auszusitzen, und wenn man bedachte, was sie aufgedeckt hatten, war es wohl ihr gutes Recht, mit hineinzukommen.

Wilson lehnte sich ans Fensterbrett, als reichten der gute Meter bis zu seinem Mahagonischreibtisch und dessen eigene Tiefe nicht als Distanz zu den Eindringlingen in seinem Büro.

»Ich wusste es damals nicht«, sagte er.

»Das haben wir schon oft gehört«, erwiderte Fallan.

»Wirklich, ich hatte keine Ahnung.« Er hob eine Hand vors Gesicht und stützte die Stirn auf drei schlanke Finger. »Ich war jahrelang krank vor Angst, dass dieser Tag kommen würde, aber mit der Zeit habe ich immer seltener daran gedacht, bis ich irgendwann fast glaubte, er würde nie kommen. Ich hatte eine vage Vorstellung, was ich ihm sagen würde, aber jetzt fehlt mir selbst die.«

Wilson stiegen die Tränen in die blutunterlaufenen Augen.

»Er ist immer noch mein Sohn«, sagte er, und sein Gesicht verzerrte sich zu einem Schluchzen.

Catherine gab ihm einen Augenblick Zeit, widerstand aber dem Drang, ihn verständnisvoll anzuschauen.

»Wir müssen wissen, was passiert ist«, forderte sie.

Wilson sammelte sich wieder und wischte sich mit einem weißen Taschentuch das Gesicht ab.

»Ich hab’s für Wilma getan«, erklärte er. »Meine verstorbene Frau. Ein Kind, das war ihr größter Wunsch. Wenn man jung ist, hat man nie Angst davor, keine zu kriegen; man geht einfach davon aus, dass es irgendwann passiert. Was betreibt man nicht für einen Aufwand, damit es nicht passiert …«

Wehmütig schüttelte er den Kopf.

»Bei ihr ist es einfach nicht passiert. Bei uns. Sie hatte mehrere Fehlgeburten, und die Ärzte sagten, mit jedem Mal werde es unwahrscheinlicher, dass sie das nächste behalten werde. Für sie selbst wurde es auch gefährlich, sagten sie. Sie bekam Depressionen und zog sich immer mehr zurück. Wir ließen uns natürlich für eine Adoption registrieren, aber wir standen auf einer langen Warteliste.«

Er schloss die Augen und wandte den Kopf ab, als wollte er eine Erinnerung verdrängen, oder vielleicht auch etwas, was in der Zukunft lag.

»Fletcher McDade war ein Freund von mir. Wir haben zusammen Golf gespielt. Ich hatte ihm von Wilma erzählt.«

»McDade?«, hakte Jasmine plötzlich nach. »Das ist Fletcher? Cairns’ Kumpel?«

»Schon seit sie Kadetten in Tulliallan waren, glaub ich«, erwiderte Catherine. »Was ist denn mit ihm?«

»Egal«, sagte Jasmine und schaute zu Wilson hinüber. »Das hat Zeit.«

Catherine fragte sich, warum das Mädchen die Verbindung nicht schon vorher hergestellt hatte, als ihr einfiel, dass sie ihn noch nie mit Nachnamen genannt hatten. Das tat niemand – bei der Polizei war er für alle Fletcher oder Fletch.

Wilson wirkte dankbar für die Unterbrechung; alle guten Anwälte wissen, was eine Pause wert ist, wenn sie feststecken. Diesmal konnte er den Karren aber nicht aus eigener Kraft aus dem Dreck ziehen.

»Fletcher kam mitten in der Nacht zu mir. Ich dachte, jemand wäre gestorben. Das stimmte auch, nur nicht der, von dem er mir erzählte. Fletcher sagte, irgendein Mädchen hätte eine Überdosis genommen, ein armer Junkie, und das Baby hätten sie in ihrer Wohnung gefunden. Das Kind sei kaum eine Woche alt. Die Mutter hätte es zu Hause total zugedröhnt zur Welt gebracht und sei danach irgendwann losgegangen, neuen Stoff besorgen. Die Geburt war nicht registriert worden. Die Mutter war tot, und von dem Baby wusste keiner.

Er sagte, sie könnten das Baby als unseres registrieren lassen, und niemand würde es je anzweifeln. Der Kleine würde ein gutes Zuhause bekommen, und wir bräuchten ihm die Sache nie zu erklären. Er musste nie wissen, dass er adoptiert war, und wir brauchten uns auch keine Sorgen zu machen, dass es ihm jemand anders erzählen würde, weil es keiner wusste. Wenn man mitten in der Nacht vor Verzweiflung nicht mehr ganz bei Sinnen ist, hört sich das alles ganz einfach an.«

»Hatten Sie keine Angst, dass es auffallen könnte, dass Ihre Frau nicht schwanger war?«, fragte Catherine.

»Wilma war schon lange nicht mehr aus dem Haus gegangen«, erwiderte er. »Wie gesagt war sie immer verzweifelter, immer depressiver geworden. Und auch immer üppiger. Heutzutage nennt man das ›Frustessen‹, glaube ich. In der Nacht kam sie nach unten, als sie uns reden hörte. Fletcher musste sie nicht zweimal fragen. Wir dachten, schlimmstenfalls drängelten wir uns ein bisschen vor und ersparten uns die ganze Adoptionsbürokratie.«

»Wann haben Sie die Wahrheit erfahren?«

»Ende der Woche stand die Story über die Ramsays in allen Zeitungen. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, wollte mir einreden, dass es Zufall war, aber in Wirklichkeit wusste ich es. Ich habe diskret nachgeforscht und an dem Tag, in der ganzen Woche, keine einzige Drogentote gefunden.«

»Haben Sie Fletcher darauf angesprochen?«

»Ja, vorsichtig. Er hat schließlich zugegeben, dass es keinen toten Junkie gegeben hatte, sagte aber, es wäre nicht gut für mich, wenn ich mehr wüsste. Wörtlich. Ich habe es dabei belassen; ich wusste, dass er recht hatte. Ich wollte nicht mehr wissen und konnte auch nichts ändern. Zu dem Zeitpunkt hätte ich Wilma das Baby nicht mehr wegnehmen können, und ich habe es ihr nie verraten. Die Last musste ich allein tragen.«

»Das hat Sie aber erpressbar gemacht, oder?«, sagte Catherine. »Dass die Polizisten so etwas über Sie wussten.«

Er schüttelte schwermütig den Kopf.

»Nein. Ich hatte die in der Hand. Ich hatte mir schlimmstenfalls eine illegale Adoption zuschulden kommen lassen. Ich weiß nicht, was mit den Ramsays passiert ist, aber mir war klar, dass für Fletcher und seine Kollegen weit mehr auf dem Spiel stand, wenn die Wahrheit herauskam; aber das hätte ich nie zugelassen. Was das mit Wilma angerichtet hätte … und später auch mit Dominic …«

»Hat sich die Polizei deshalb auch in Dominics wilden Jahren so verständnisvoll gezeigt?«, fragte Catherine. »Wurden da Fäden gezogen und Gefallen eingefordert?«

»Ich habe nie auf jemanden Druck ausgeübt. Ich glaube, Fletcher und gewisse andere fühlten sich für Dominic verantwortlich und haben deshalb vermittelt. Die haben sich mit gutem Recht schuldig gefühlt. Aber nur ich war dafür verantwortlich, dass Dominic über die Stränge schlug. Manchmal wurde mir die Last einfach zu schwer. Man sagt, es macht nichts, dass er nicht mein leiblicher Sohn ist, und das stimmt absolut, aber wenn man stark belastet wird, kommen einem unangebrachte Gedanken. Es gab oft Spannungen zwischen uns, und ich habe oft dazwischen geschwankt, ihn hart ranzunehmen und ihn dann wieder aus schlechtem Gewissen zu verziehen.

Vielleicht kann man eine gewisse Ironie darin finden, dass er sich von mir distanzierte, sich sogar öffentlich von mir lossagte. Aber deshalb tut es nicht weniger weh. In den letzten Jahren verstehen wir uns sogar deutlich besser, seit seine Mutter … seit Wilma tot ist. Wahrscheinlich hat er mittlerweile selbst verstanden, dass unser Metier nicht ganz so moralisch schwarz-weiß ist, wie er immer geglaubt hat.«

»Warum haben die Polizisten das Baby nicht einfach bei jemandem vor der Tür oder bei einem Krankenhaus abgesetzt?«, fragte Jasmine.

»Weil es dann eine Ermittlung gegeben hätte«, erwiderte Catherine. »Irgendwer hätte Verbindungen gezogen. Stephen Ramsays Eltern hätten das Kind sicher identifizieren können. So ist Charlie Ramsay einfach aus der Welt verschwunden.«

»Bis jetzt«, sagte Jasmine, und Wilson zuckte zusammen. »Bis mein Onkel die Wahrheit herausgefunden hat. Was ist mit Jim passiert?«

»Ich dachte, ich wäre noch mal davongekommen«, erwiderte Wilson. »Ich hatte vor ein paar Wochen den Artikel gelesen, dass Anne Ramsay einen Detektiv angeheuert hatte. Bald darauf rief mich dieser Jim Sharp an und wollte einen Termin, damit wir uns unterhalten konnten. Ich wusste, worum es ging, und erwartete natürlich das Schlimmste. Ich habe Fletcher angerufen. Er sagte, ich solle mir keine Gedanken machen – der Detektiv sei ein Polizist im Ruhestand, und er würde das schon mit ihm regeln. Das hat er wohl auch, denn ich habe nie wieder von Sharp gehört.«

»Wir auch nicht«, sagte Jasmine düster.