Sicht aus einer Sackgasse
Jasmine saß vorne in einem Landrover, der so robust und vom Wetter gezeichnet war wie sein Fahrer, und ihre Angst war teilweise einer schrecklichen Verlegenheit gewichen. Sie wusste nicht, ob die von ihrem Gefühl der Verletzlichkeit ausgelöst worden war oder andersherum, aber auf jeden Fall fühlte sie sich völlig ausgeliefert, als Ingrams mit ihr über die verschlungenen Landstraßen fuhr.
Sie war mit anderem beschäftigt gewesen, als sie am Morgen aus der Dusche kam, und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie einen BH angezogen hatte, den sie normalerweise nur unter Blusen und anderen eher lockeren Oberteilen trug und nicht unter dem Elastan-Mix-Top, in das sie sich in unterkoffeinierter Trance gezwängt hatte. Ihre Nippel zeichneten sich unter dem Stoff ab; der war zwar nicht durchsichtig, aber die Konturen waren klar zu erkennen. Bei Jasmine wurde ein wohlbekannter Teufelskreis ausgelöst: Sobald es ihr auffiel, bekam sie eine Gänsehaut, die sich natürlich entsprechend auf ihre Brust auswirkte. Während ihres Gesprächs mit Rita hatte sie nichts gemerkt, aber in der Enge des Landrovers nahm sie unausweichlich die männliche Präsenz neben sich wahr. Hauptsächlich durch die Nase: ein Geruch von Natur, von frischem Schweiß und einer schwindenden Note Duschgel und Deo.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, hatte sich aber schon so in die Sache hineingesteigert, dass ihr selbst das zu auffällig vorkam. Sie öffnete die Arme wieder und versuchte, entspannt, gelassen und professionell zu wirken.
Ingrams hatte anscheinend überhaupt nichts mitbekommen: Er konzentrierte sich auf die Straße, und wenn er sich doch kurz zu ihr umdrehte (nur an Kreuzungen), sah er ihr immer direkt in die Augen, was ihr auch nicht viel besser gefiel. Sonst gab er sich aber keine Mühe, sie zu beruhigen.
»Hoffentlich gefällt Ihnen die Aussicht, mehr werden Sie von dieser Fahrt nicht haben. Ich weiß nichts über den Typen, den Sie suchen. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«
»Ich hab Ihnen noch gar nicht gesagt, wen ich suche. Und ob Sie mir etwas zu sagen haben, wissen Sie erst, wenn ich Ihnen eine Frage gestellt habe.«
Ingrams seufzte nur, was bei seinem Körperbau eher einem Grummeln gleichkam, einem untergründigen Rumoren der Kontinentalplatten. Jasmine versuchte es mit dem einzigen Ansatz, der ihr einfiel.
»Ich glaube, Ihre Freundin Rita hatte erwartet, dass Sie ein bisschen freundlicher sind.«
Ingrams zog die Augenbrauen hoch.
»Meinen Sie, die ist auf Ihrer Seite?«, fragte er. »Das können Sie vergessen. Rita hat nur vorgeschlagen, dass Sie bei mir mitfahren, weil sie Sie so wieder schnell aus dem Haus hatte. Die hat nichts für Schnüffler übrig und ich auch nicht.«
Jasmine war fest entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Außerdem wurde ihr klar, dass er nur deshalb so abweisend tat, weil er etwas wusste. Seit er sie gesehen hatte, wich er ihr aus. Dann war da noch der Akzent. Anfangs hatte sie an Tennisspieler und Golfer in Interviews denken müssen: Leute, die die meiste Zeit auf Tour und von Leuten umgeben waren, die Englisch nicht als Muttersprache hatten. Doch je mehr er redete, desto mehr fielen ihr Ungereimtheiten in seiner Aussprache und seinem Tonfall auf, und für ihr in der Schauspielschule sensibilisiertes Gehör wirkte sein Akzent verdächtig aufgesetzt.
Er sah andauernd in den Rückspiegel, und irgendwann drehte Jasmine sich um und schaute durch die Rückscheibe des Landrovers. Das Lenkrad war links, was hieß, dass er den Wagen im Ausland gekauft hatte. Wenn ihnen Autos entgegenkamen, kam es ihr komisch vor, ohne Steuer auf der rechten Seite zu sitzen. Sie sah hinter ihnen einen schwarzen Audi A4, dessen Fahrer eine Baseball-Cap trug. Ihrer Erfahrung nach schrie so eine Aufmachung in einem Fahrzeug geradezu »Arschloch«, und Ingrams hatte sicher guten Grund, mit einem gewissen Maß an fahrerischem Leichtsinn zu rechnen, aber er wirkte fast ein bisschen zu misstrauisch.
Er sah, dass sie sich umdrehte und bemerkt hatte, dass er sich Sorgen machte.
»Der folgt uns schon seit sechs Kilometern über drei Kreuzungen und zwei Kreisel. Gehört er zu Ihnen? Wenn ja, muss er an seiner Technik arbeiten. Nicht gerade unauffällig.«
»Nein, der gehört nicht zu mir. Hat wahrscheinlich nur noch keine Gerade zum Überholen gehabt. Sind Sie immer so paranoid?«
»Wenn Privatdetektive auftauchen, die mich über Tote ausfragen, die ich nicht kenne, dann ja. Umso mehr, wenn es zweimal passiert, obwohl schon beim ersten Mal klar war, dass Ihr Kollege bei mir falsch war.«
Jasmine schwieg ein paar Sekunden, damit er glaubte, er habe sie überzeugt. In Wirklichkeit war sie sich jetzt absolut sicher, dass er ihr etwas verheimlichte, und sie würde es ihm sogar erklären.
»Hatten Sie einen schlechten Morgen, Mr Ingrams? Mit dem falschen Bein aufgestanden? Hat Ihr Verein gestern Abend verloren?«
»Nein, aber mein Goldfisch ist gestorben und ich wurde bei der Ballettschule abgelehnt. Außerdem ist mein Schredder verreckt, aber all das ist nichts dagegen, dass ich hier zum zweiten Mal zu etwas verhört werde, wovon ich nicht die leiseste Ahnung habe. Das ist doch kafkaesk.«
»Im Gegenteil, Mr Ingrams. Ehrlich gesagt habe ich Sie nur gefragt, weil Sie mir übermäßig gestresst wirken, und da muss ich mich doch fragen, warum. Wenn man von jemandem ausgefragt wird, der fälschlicherweise glaubt, man wüsste Bescheid, geht doch die Welt nicht unter. Sie übertreiben’s ein bisschen.«
Ingrams lachte spöttisch.
»Wenn ich also genervt bin, weil Sie mir Fragen stellen, die ich nicht beantworten kann, ist das der Beweis, dass ich es doch kann? ›Nur der wahrhaftige Messias leugnet es.‹ Wie gesagt: kafkaesk. Und warum hat der andere Kerl eigentlich Sie geschickt? Wollten Sie mal sehen, wie es bei Papi auf der Arbeit ist?«
Jasmine kam sich ertappt vor und merkte, wie sie rot wurde. Er hatte sie sofort durchschaut.
Aber ein kleiner Funken Empörung glühte auch in ihr. So wenig sie die Arbeit als Privatdetektivin mochte, konnte sie es doch nicht haben, wenn jemand, der sie gar nicht kannte, sich über sie lustig machte. Eine Stimme in ihr sagte: »Warte, gleich zeigen wir’s ihm«, doch leider war es nur eine leise Piepsstimme, der auch sonst nichts einfiel. Ihr war klar, dass ihr nur die Wahrheit weiterhelfen konnte.
»Mein Chef ist verschwunden. Fast schon eine Woche lang. Und ich will wissen, was passiert ist.«
Ingrams nahm einen Sekundenbruchteil die Augen von der Straße und sah sie an: teils ungläubig, teils misstrauisch und absolut überrumpelt. Damit hatte er wirklich nicht gerechnet.
»Ich forsche bei den Aufträgen nach, an denen er gerade gearbeitet hat. Die Glen-Fallan-Akte lag offen auf dem Tisch und war wohl eine der letzten, die er sich angesehen hat.«
Ingrams seufzte leise, eher frustriert als gereizt.
»Auf die Gefahr, Sie in Ihrer Nur-der-wahrhaftige-Messias-Theorie zu bestärken – was stand denn in der Akte, dass Sie zu mir kommen wollten? Ich hätte gedacht, ich bin da als Sackgasse vermerkt.«
»Ihr Name und die Adresse des Zufluchtsorts waren überhaupt das Einzige in der Akte. Weshalb ich mich ernsthaft frage – und bitte entschuldigen Sie, wenn ich kafkaesk werde –, warum er sie sich plötzlich wieder ansehen sollte, wenn Sie ihm wirklich nichts zu sagen hatten. War er noch mal bei Ihnen?«
»Ja. Den hab ich doch gerade zerstückelt, als der Schredder verreckt ist.«
»Ich will doch nur herauskriegen, wo er war, seinen Zeitplan ausarbeiten. Er ist wahrscheinlich seit Donnerstag verschwunden. Wenn er meinetwegen Freitag hier war, wäre das schon ein Anfang.«
»War er aber nicht. Ich hab nichts von ihm gehört, seit er letztes Jahr hier war, und ich hab keine Ahnung, woher er die Adresse hatte oder warum er meinte, ich könnte ihm helfen.«
Ingrams schaute wieder in den Rückspiegel. Jasmine sah sich nicht um. Der Audi hatte sie nicht überholt, also war er wohl immer noch da. Die Straße war anscheinend selbst für einen halbstarken Raser zu hügelig und verschlungen. Er hatte wohl vergessen, die Fenster herunterzulassen und die Dance Music aufzudrehen.
»Das ist ja der Witz«, sagte sie. »Normalerweise könnte ich Ihnen das alles erklären: Wie die Spur mich zu Ihnen geführt hat, welche Quelle mir Ihren Namen gegeben hat, wie Sie in die gesamte Ermittlung passen. Dann könnte ich Ihnen Fragen stellen, die auf dem aufbauen, weswegen Jim … mein Chef sich für Sie interessierte. Aber nichts davon steht in der Akte. Er nimmt es normalerweise extrem genau mit solchen Sachen, aber da fehlt alles. Also hat entweder jemand alle anderen Dokumente aus der Akte genommen, oder Sie, Mr Sackgasse, waren der Anfang und das Ende einer völlig erfolglosen Ermittlung. Was uns wieder zu der Frage bringt, warum … mein Chef sich den Ordner wieder vorgeknöpft hat.«
Jasmine fluchte innerlich und hoffte, dass Ingrams die Bedeutung ihres Versprechers nicht bemerkt hatte und am besten auch nicht ihren Gesichtsausdruck. Aus irgendeinem Grund wollte sie auf keinen Fall zugeben, dass Jim ihr Onkel war. Vielleicht wollte sie einfach nicht zu viel von sich preisgeben, bevor sie nicht mehr über Ingrams wusste, aber er sollte auch nicht in seinem Eindruck bestärkt werden, sie hätte den Job nur aus Vetternwirtschaft bekommen. Dann wurde ihr aber verspätet klar, dass es keinen Grund gab, so zurückhaltend zu sein, und dass sie sich womöglich gerade dadurch verraten hatte, dass sie Jims Namen verschweigen wollte.
»Keine Ahnung«, erwiderte Ingrams. »Und überhaupt – wenn in dem Ordner so wenig stand, aus welchem Grund sind Sie sich dann so sicher, dass gerade der etwas mit dem Verschwinden Ihres Chefs zu tun hat?«
Einen schrecklichen Augenblick lang hatte Jasmine Angst, sie würde anfangen zu weinen. Es kam ihr vor, als würde Ingrams ihre Arbeit nicht behindern, sondern ihr nur erklären, was sie für einen Unsinn machte.
»Aus keinem besonderen«, gab sie zu. »Ich suche nur nach Hinweisen und lote die Möglichkeiten aus. Ich mache mir Sorgen …«
Sie hatte »um ihn« hinzufügen wollen, hielt sich aber wieder zurück, um nicht zu verraten, wie nah sie Jim stand. Zum Glück konnte sie ein anderes plausibles Motiv vorschieben.
»Ende der Woche müsste ich mein Gehalt kriegen. Wenn ich ihn nicht finde, werd ich nicht bezahlt.«
»Mist«, sagte Ingrams. »Das ist ja mal eine leistungsbezogene Bezahlung. Immerhin erklärt das, warum jemand wie Sie so was macht.«
»Was soll das heißen, jemand wie ich? Eine Frau?«
»Jemand in Ihrem Alter, meine ich. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ›abgebrüht‹ sieht anders aus. Was machen Sie denn normalerweise? Sind Sie seine Sekretärin?«
Während er sprach, bremsten sie an einer weiteren Kreuzung, und Ingrams sah nach links und rechts. Als er an ihr vorbeischaute, merkte sie an seinem Gesichtsausdruck, dass er weder frech noch herablassend sein wollte. Er stellte ihr ehrliche Fragen, sein Gesicht verriet Aufrichtigkeit und sogar ein bisschen Mitgefühl. Das machte alles nur schlimmer.
Sie merkte wieder, wie sie rot wurde, weil sie wütend war und sich gleichzeitig schämte, erwischt worden zu sein. In ihrer kribbelnden Verlegenheit wollte sie wieder die Arme verschränken und tat es dann doch nicht, weil das noch mädchenhafter und erbärmlicher ausgesehen hätte.
Sie wollte unbedingt zurückschlagen, und plötzlich fiel ihr auch ein, wie.
»Nein, ich bin nicht die Sekretärin«, erwiderte sie kontrolliert verärgert, ohne eingeschnappt wirken zu wollen. »Ich bin Privatdetektivin. Kein Standard-Exbulle, aber ich verdiene damit schon meinen Lebensunterhalt. Und ich kann besser Menschen beurteilen, als Sie wohl denken. Sie haben eine Tochter in meinem Alter, oder? Vielleicht ein bisschen jünger.«
Sie sah eine winzige Reaktion, die aber zu neutral war, um etwas daraus zu folgern, zumal seine Augen immer noch zwischen dem Rückspiegel und der Straße hin und her wechselten. Er war auch zu keiner Antwort bereit.
»Wie kommen Sie denn darauf?«, fragte er.
»Stimmt’s denn?«
»Erklären Sie mir, warum Sie es glauben, dann sage ich, ob es stimmt.«
Ingrams beschleunigte den Landrover stetig aber ohne Eile aus der Kreuzung heraus und behielt die nächste scharfe Kurve im Auge.
»Das würde erklären, warum Sie mich eher als Sekretärin als als Detektivin sehen. Sie hätten so Ihre Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie jemand im Alter Ihrer Tochter einem Beruf nachgeht, der normalerweise eher eine Domäne der Älteren, vor allem der älteren Männer ist; vor allem, wenn Sie den Beruf für eine junge Frau unzumutbar finden.«
Das hörte sich recht plausibel an und wirkte auch etwas harmloser als der wahre Grund für Jasmines Schlussfolgerung. Das wichtigste Indiz, auf das sie ihre Behauptung stützte, das sie aber schön für sich behalten würde, war, dass sie nun seit zwanzig Minuten in dieser Kiste herumgeschaukelt wurde und ihn nicht einmal dabei erwischt hatte, wie er ihr auf den Busen guckte.
Ingrams schwieg und fuhr, er schnitt die Kurve etwas, seine Augen wechselten immer noch zwischen Spiegel und Straße hin und her.
»Und?«, fragte sie schließlich.
»Hm?«, brummte er verwirrt. »Ach so. Nein. Ich hab keine Tochter«, stellte er beiläufig fest.
Verdammt, dachte sie. Super Leistung, Mädchen. Dem haben wir’s gezeigt.
»Der Typ in dem Audi, gehört der zu Ihnen?«, fragte Ingrams, als hätten sie noch nicht darüber gesprochen. »Sie können’s ruhig sagen. Wär kein Problem.«
Jasmine sah in den Seitenspiegel. Der Audi war um die Kurve gekommen und näherte sich zügig. Vor ihnen war die Straße frei und gerade – kein Gefälle, keine Steigung, kein Gegenverkehr.
»Nein, wirklich nicht. Ehrlich. Jetzt überholt er sowieso. Da.«
Ingrams ging ein wenig vom Gas, um den Audi auf der Geraden überholen zu lassen. Als der Landrover langsamer wurde, drehte er den Kopf ein bisschen und ließ zum ersten Mal die Augen an Jasmine hinunterwandern; wenigstens zum ersten Mal, dass sie es bemerkt hätte. Jetzt, als ihnen niemand mehr folgte und sie geradeaus fuhren, gönnte er sich endlich mal einen Blick. Sie drehte sich zu ihm um und wollte gerade einen unterkühlten Kommentar abgeben, um ihn in Verlegenheit zu bringen, als sie merkte, dass er in Wirklichkeit konzentriert den Seitenspiegel beobachtete.
Als sie sich umsehen wollte, rammte Ingrams den Schalthebel in den dritten Gang und trat mit dem rechten Fuß voll durch, dass Jasmine in den Sitz gedrückt und ihr der Kopf nach hinten geworfen wurde. Fast im gleichen Augenblick explodierten die beiden hinteren Seitenfenster, als wäre das eine Reaktion auf den aufheulenden Motor.
Jasmine spürte, wie Glassplitter durch den Wagen flogen, als säße sie in einer Schneekugel, die wild geschüttelt wurde.
Sie schaute durch ihr Fenster und sah, dass der Audi beschleunigte, um wieder gleichauf zu ziehen. Durch das offene Beifahrerfenster zielte ein Mann mit einer Schrotflinte auf den Landrover. Sie hatte vorher nicht gesehen, dass noch jemand in dem Auto saß. Er hatte sich vorher wohl versteckt und den richtigen Moment beim Überholen abgewartet. Wenn Ingrams nicht so plötzlich Gas gegeben hätte, wäre ihr der Kopf weggeblasen worden.
Eine fast krampfartige Panik packte sie, ein ursprüngliches, eiskaltes Grauen. Keine Ungläubigkeit, keine Verwirrung. Sie wusste, dass der Mann mit der Schrotflinte echt war, die Gefahr auch und dass alles genau so war, wie es schien. Früher hätte sie sich wahrscheinlich hundert andere Erklärungen ausgedacht, statt zu akzeptieren, dass ihr so etwas passierte. Aber Mums Krankheit und Tod hatten ihre Perspektive grundlegend verändert. Sie wusste, dass auch die schlimmsten Ängste Wirklichkeit werden können und dass einem nichts Schlimmeres erspart bleibt, nur weil man schon mal gelitten hat.
Der Audi war schneller und agiler als der verbeulte, alte Landrover. Ingrams konnte nicht einfach davonrasen. Ihr Schock wich schnell einer hilflosen Angst, und das Wimmern eines kleinen Mädchens, das nicht mehr weiterwusste, kam über ihre Lippen.
Wie gelähmt starrte sie den Audi an, der sich scheinbar in Zeitlupe der Schusslinie näherte. Dann zog Ingrams die Handbremse, schaltete wieder herunter und riss das Lenkrad herum.
Der Audi schoss nach vorne, als hätte der Landrover einen Bremsfallschirm geöffnet. Alles drehte sich, dass Jasmine fast schlecht wurde, und sie wurde heftig auf Ingrams zugeschleudert, als der Wagen über die schmale Straße rumpelte und rutschte. Ingrams rang mit dem Lenkrad und entlockte dem Motor und den Reifen Schmerzensschreie, während er sie vergeblich gegen die Gesetze der Physik ankämpfen ließ. Der Landrover schlidderte weiter seitwärts über den Asphalt und einen schmalen Grasstreifen, bevor er in eine hohe Hecke krachte und stehen blieb.
Beim Zusammenstoß schlug Jasmines Kopf gegen den Türrahmen und ihr fielen Glassplitter aus den Haaren. Ihre Finger waren blutverschmiert. Sie blutete, wusste aber nicht wo, denn der Adrenalinschub ließ sie noch keine Schmerzen spüren. Es hatte sich aber gelohnt: Der Landrover zeigte wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Sie sah verzweifelt in den Rückspiegel. Siebzig, achtzig Meter weiter hatte der Audi angehalten und fuhr jetzt rückwärts auf sie zu. Dann merkte sie, dass der Landrover trotz des brüllenden Motors nicht von der Stelle kam.
»Fahren Sie los«, trieb sie Ingrams an und ruckte wie ein ungeduldiges Kleinkind auf ihrem Sitz hin und her. »Schnell. Warum geht’s denn nicht los?«
»Wenn wir Pech haben, steckt der vordere Radlauf in der Hecke. Und wenn wir richtig Pech haben, ist die Achse gebrochen. Auf jeden Fall geht’s erst mal nicht weiter. Scheiße.«
Damit löste Ingrams seinen Gurt und öffnete die Tür. Jasmine wollte ihre aufmachen, stieß aber sofort gegen die Hecke.
»Lassen Sie mich nicht zurück«, flehte sie, in ihrer Verzweiflung frei von jeder Scham.
»Kopf runter, verdammt«, herrschte er sie an. Sein Akzent hatte sich verändert. Er hörte sich nicht mehr aufgesetzt an. Er klang immer noch nach jemandem, der an vielen verschiedenen Orten gelebt hatte, nur jetzt eben nach einem Schotten, der an vielen verschiedenen Orten gelebt hatte.
Sie ließ sich auf ihrem Sitz hinabsinken und reichte noch kurz nach oben, um den Rückspiegel so einzustellen, dass sie die Straße sah. Ihr Herz schlug wie eine Double-Kick-Drum. Der Audi kam näher, das Jaulen des Rückwärtsgangs wurde lauter. Fünfzig Meter. Vierzig. Der Fahrer und der Beifahrer hatten sich beide umgedreht und schauten durch die Rückscheibe. Sie trugen Gummimasken, der Fahrer zusätzlich immer noch die Baseball-Cap, mit der er seine Tarnung getarnt hatte. Er war wohl davon ausgegangen, dass ein Paranoider wie Ingrams einen Richard Nixon hinter dem Lenkrad auf einer Straße in Northumberland sofort bemerkt hätte.
Sie hob den Kopf ein bisschen und suchte nach Ingrams. Sie hatte erwartet, dass er versuchen würde, das Vorderrad auf ihrer Seite zu befreien. Er war nirgends zu sehen. Plötzlich bekam sie noch mehr Angst, was sie nie für möglich gehalten hatte. Warum hatte er sie zurückgelassen? Wo zum Teufel war er?
Dann hörte und spürte sie ein metallisches Schnappen unter sich.
Der Audi hatte in gut zwanzig Metern Entfernung angehalten. Im Rückspiegel sah Jasmine, wie sich die Beifahrertür langsam öffnete und eine Gestalt in Nixon-Maske mit einer Pumpgun in der Hand zielstrebig, aber ohne Hast ausstieg.
Jasmine zuckte und schrie, als ihr die ersten Schüsse in den Ohren dröhnten. Als sie wieder in den Spiegel sah, stand der Mann mit der Nixon-Maske mit leeren Händen da, und seine Schrotflinte lag auf der Straße. Er sprang darauf zu, als Jasmine von einem zweiten Schuss aus ihrer Nähe erschüttert wurde, der die Pumpgun über den Asphalt zucken ließ, als wäre sie an einem Faden gezogen worden.
Jasmine setzte sich etwas aufrechter hin und sah aus der Fahrertür, wo Ingrams direkt am Wagen hockte. Er hielt eine Pistole in beiden Händen, sein Gesicht eisern konzentriert und einen Finger am Abzug.
Es rummste, als der Angreifer die Beifahrertür des Audis hinter sich zuschlug, und die Reifen quietschten, als der Wagen Gas gab. Ingrams schoss weiter, zerstörte die Rückscheibe und bohrte ein paar Löcher in die Karosserie, während der Wagen davonraste wie ein aufgescheuchtes Kaninchen.
Insgesamt schoss er sechsmal, hielt die Waffe aber auf den Audi gerichtet, bis er hinter der nächsten Kurve in gut vierhundert Metern verschwunden war. Erst dann wagte Jasmine auszuatmen.
Als der Audi wegfuhr, hatte sie nicht gewollt, dass Ingrams weiterschoss, teils wegen des Schocks, der sie jedes Mal hochriss, teils, weil sie Angst hatte, er könnte die Reifen treffen. Sie wollte nicht, dass der Wagen anhielt, dass der Angreifer einen Grund hatte auszusteigen und zurückzuschießen, falls er noch eine Waffe dabeihatte.
Im Nachhinein wurde ihr klar, dass Ingrams so etwas nie beabsichtigt hatte, schließlich behielt er das fliehende Auto nur im Visier, ohne weiterzuschießen. Er hatte sie verjagt und wollte sie nicht in eine Schießerei verwickeln.
Ingrams senkte die Pistole und ging gelassen zu der Schrotflinte, die er am Abzugsbügel aufhob. Der Schaft war von den Kugeln zertrümmert worden und hing krumm herab wie ein gebrochener Arm. Jasmine beobachtete das Ganze in erstarrter Ungläubigkeit, als wäre das kleine Rechteck des Rückspiegels in Wirklichkeit das Display eines Smartphones oder tragbaren DVD – Players, das Szenen zeigte, die nichts mit ihr zu tun hatten. Als sie sich wieder gefangen hatte, spürte sie einen stechenden, pulsierenden Schmerz, den die Angst vorher betäubt hatte.
Sie musste unbedingt aus dem Wagen. Obwohl die Gefahr zunächst gebannt war, wollte sie unbedingt dieser klapprigen Metallkiste entfliehen und die Füße auf den Boden stellen. Sie kletterte über den Fahrersitz und ließ sich ungeschickt auf die Straße rutschen.
Draußen war es heiß, wärmer als im lüftergekühlten Auto. Jasmine wurde ganz schwummrig, als sie in der unangenehmen Schwüle auf zwei Beinen stand. Aus irgendeinem Grund hatte sie erwartet, dass ihr draußen kalte Luft das Gesicht erfrischen würde wie Wasser, sie wieder klar denken und sich die Benommenheit abschütteln lassen würde. Sie stand immer noch unter Adrenalin, und die Ohren klangen ihr von Ingrams’ Schüssen. Sie spürte, wie die Tränen wieder flossen, aber zu ihrer Überraschung war sie gleichzeitig auch wütend und frustriert.
»Alles okay?«, fragte Ingrams, als er die Pistole sicherte und sich in den Hosenbund steckte.
Er beugte sich in den Kofferraum, klappte eine Kiste auf und legte die kaputte Schrotflinte vorsichtig hinein. Seine Frage hing in der Luft, denn Jasmine fand sie sehr schwierig und merkte, dass sie keine einfache Antwort wusste.
»Was heißt denn okay unter diesen Umständen?«, fragte sie mit schwacher Stimme.
»Dass Sie auf zwei Beinen stehen, ist schon mal ein gutes Zeichen«, erwiderte er.
Irgendetwas an der Antwort brachte sie zum Kochen, vulkanisch zum Brodeln, und diese Gefühle schockierten sie so sehr, dass sie erst nicht verstand, warum. Es war seine ruhige, sachliche Art, die nahelegte, dass so eine Situation nichts Neues für ihn war. Er hatte sie in diese Welt hineingezogen.
»Ich steh vielleicht auf zwei Beinen, aber okay bin ich deshalb noch lange nicht«, sagte sie mit einem Beben in der Stimme, das zu einem Drittel aus Schock, zu einem weiteren aus einem Rest Angst und zum dritten aus kochender Wut bestand. »Von Anfang an haben Sie immer nur um den heißen Brei rumgeredet, und jetzt haben Sie mich fast umgebracht«, setzte sie fort und gab sich alle Mühe, klar und deutlich zu sprechen. »Ich würde sagen, Sie sind mir ein paar Antworten schuldig. Sie sind dieser Glen Fallan, oder? Deshalb steht sonst nichts in der Akte.«
Er schüttelte ernst den Kopf.
»Ich heiße Tron Ingrams. Ich kann Ihnen meinen Pass zeigen, meine Entlassungspapiere von der Army, was Sie wollen.«
»Und wer zum Teufel ist Tron Ingrams? Im einen Augenblick tuckern Sie wie ein Rentner vor sich hin, im nächsten geben Sie den Stuntman. Dann kommen maskierte Typen und schießen auf Sie, und Sie haben natürlich selber auch Pistolen unter dem Auto versteckt.«
»Eine Pistole. Eine einzige«, korrigierte er.
»Das reicht ja wohl, oder? Normalen Menschen wenigstens. Eine Pistole ist mehr als genug.«
Sie redete wirr vor sich hin, aber mittlerweile war ihr völlig egal, was für einen Eindruck sie machte, und dass sie sich wie ein hysterisches Mädchen benahm – sie hatte jedes Recht dazu, zumal die abgebrüht-professionelle Tour überhaupt nichts gebracht hatte.
»Was für ein Name ist Tron überhaupt? Woher wussten Sie eigentlich, dass der Kerl ein Gewehr hatte? Warum haben Sie ’ne Pistole unterm Auto, obwohl Sie in ’nem Frauenhaus arbeiten? Was waren das für Kerle? Ach ja, und warum wollten die Sie umbringen?«
Ingrams machte eine beschwichtigende Geste. Einen Augenblick dachte sie, er würde sie berühren, sie an den Armen fassen oder vielleicht umarmen, um sie zu trösten. Sie wurde steif, bereit, jeden Körperkontakt abzuwehren, obwohl sie sich heimlich danach sehnte.
»Ich kann ja verstehen, dass Sie ziemlich fertig sind«, sagte er, »und es tut mir wirklich leid, wenn ich Ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworte: Aber könnten Sie mir vielleicht sagen, warum Sie genau meinen, dass die nicht hinter Ihnen her waren?«