Familie (I)

Catherine ließ normalerweise niemanden im Auto rauchen, aber diesmal machte sie eine Ausnahme. Dominic Wilson war so aufgeregt, dass sie Angst hatte, er könnte die Tür aufreißen und nach draußen hechten, wenn er sich nicht mit einer Zigarette beruhigte. Catherine saß mit ihm hinten und Laura fuhr. Ihre kleine schwarze Wolke hatte sich in den letzten Tagen etwas aufgehellt. Laura war etwas ruhiger geworden, besonnener, und wenn sie etwas sagte, wirkte sie selbstbewusster. Irgendwie fand sie Glen Fallan wohl faszinierend, worüber Catherine sich weniger freute, aber wenn das die Polizistin zum Vorschein brachte, von der ihre Kollegen an der Ostküste so geschwärmt hatten, sollte es ihr recht sein.

»Wie geht’s Ruaraidh?«, fragte Catherine. Eine heikle Frage, das wusste sie, aber auch ein gutes Thema, um Dominic von dem bevorstehenden Treffen abzulenken. Sie hatte bewusst die Worte »Dad« und »Vater« vermieden, weil die mittlerweile ziemlich fragwürdig waren.

»Der ist verreist«, erwiderte Dominic. »Mit seiner Freundin nach Malaysia gejettet. Alle meinen, er ist vor der Presse geflohen, aber ich glaub eher vor mir. Komischerweise bin ich ihm gar nicht böse. Aus irgendeinem Grund bin ich sogar weniger sauer auf ihn als je zuvor. Vielleicht steh ich immer noch unter Schock, aber mir kommt’s nicht so vor.«

»Ich war dabei, als er zum ersten Mal damit konfrontiert wurde«, erklärte sie. »Und an einer Sache gibt es keine Zweifel – an seinen aufrichtigen Gefühlen für Sie.«

»Ja. Ich glaub, ich bin nicht böse auf ihn, weil er mir irgendwie leidtut. Ich weiß nicht, ob er aus schlechten Gründen was Gutes getan hat oder andersrum. Und ohne hier allzu anthropisch werden zu wollen: Seine Entscheidungen haben mich zu dem gemacht, was ich bin, daran kann ich nichts ändern. Totaler Hirnfick. Hab’s im Kopf schon tausendmal durchgekaut, komm aber zu keinem Schluss.«

»Die Staatsanwaltschaft denn?«

»Ach, er kommt da auf jeden Fall ungeschoren raus. Ich hab damit aber nichts zu tun, bin ja befangen. Ich überleg, ob ich mir selber Urlaub nehmen soll. Bin ehrlich gesagt froh, dass ich mich damit nicht befassen muss. Irgendwann kann mal wer seine Doktorarbeit über den Kuhhandel schreiben, den die da gerade damit treiben, wem sie was genau vorwerfen.«

»Undurchschaubar verschachtelte Deals und Kompromisse?«, fragte Catherine.

»Und wie. Die Kunst, einen angemessenen Abschluss zu erreichen, ohne in gewisse Wespennester zu stechen. Jeder hat seine Eigeninteressen im Auge. Ihr habt die Drogen nie gefunden, oder?«

»Keine Chance«, gab Catherine zu. »Auf Nimmerwiedersehen in Tony McGills Labyrinth verschwunden, wahrscheinlich schon Stunden nach der Sache im Bahnhof.«

»Ja. Cairns, Raeside und McDade geben uns auch nichts über ihn, was mich wundert. Ich hätte gedacht, sie tun alles, damit so wenig wie möglich an ihnen kleben bleibt.«

»Man hat’s nicht leicht als Polizist im Gefängnis«, erklärte Catherine. »Die werden da drinnen ’ne Menge Feinde haben, also brauchen sie dringend Verbündete. Für die ist es wichtiger als je zuvor, dass Tony McGills Gangsterkarriere einen goldenen Herbst erlebt.«

Laura hielt vor dem Haus der Ramsays. Catherine spürte förmlich, wie Dominic einen neuen Panikschub bekam, als der Motor endgültig abgeschaltet wurde. Er hatte es nicht gerade eilig auszusteigen.

»Ich bin schrecklich aufgeregt«, sagte er, was ganz offensichtlich war.

»Keine Angst. Ich hab sie vor ein paar Tagen kennengelernt. Sie ist sehr sympathisch.«

»Ich kenn sie doch auch«, erwiderte er. »Hab sie bestimmt schon zehnmal getroffen. Als sie noch Strafverteidigerin war, hab ich ihre Klienten angeklagt. Das ist ja so komisch. Jetzt ist alles anders.«

»Sie haben doch schon mit ihr telefoniert, oder?«

»’Ne gute Stunde.«

»Dann ist doch alles klar.«

»Ich weiß, ich weiß. Aber jetzt persönlich … ich bin einfach aufgeregt. Es wird bestimmt toll«, versicherte er sich. »Ich hab ’ne Nichte und ’nen Neffen, wussten Sie das? Tanten und Onkel auch; Cousins und Cousinen. Bisher war meine Familie immer so klein und abgeschlossen.«

Er griff nach dem Türöffner. Endlich fasst er sich ein Herz, dachte Catherine, aber dann hielt er inne und drehte sich wieder zu ihr um.

»Hab ich Ihnen schon gesagt, dass ich in Wirklichkeit katholisch bin?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich bin wohl mit drei Wochen getauft worden. In einer Ironie des Schicksals hab ich sogar ’ne Dauerkarte vom Celtic Park.«

»Wieso Ironie?«

»Ich hab so mit zwölf beschlossen, dass ich Celtic-Fan bin, um meinen Vater zu ärgern. Der ist schließlich vornehmer Rangers-Anhänger mit braunen Handschuhen und allem. Und jetzt kommt raus, dass ich sowieso die ganze Zeit katholisch war.«

»Genug geredet«, sagte Catherine. »Jetzt mal rein mit Ihnen.«

Als sie den Gartenweg entlanggingen, machte Jasmine Sharp die Haustür auf, die die Rolle der Anstandsdame für ihre Auftraggeberin übernommen hatte.

Jasmine führte Catherine und Dominic ins Wohnzimmer, wo Anne Ramsay stand und händeringend wartete. Sie sah genauso aufgeregt aus wie Dominic, aber eher erwartungsvoll als ängstlich. Catherine bemerkte, dass der Boden voller Spielzeug lag, aber keine Kinder da waren. Waren wohl zu Oma abgeschoben worden, damit dieser Moment der Zusammenführung sie nicht zu sehr verwirrte.

Anne schwieg. Sie wollte wohl etwas sagen, öffnete den Mund ein, zwei Sekunden, bekam aber kein Wort heraus; Worte reichten nicht. Dann trat sie zwei Schritte vor und drückte Dominic an sich. Die Tränen flossen schon, bevor sie sich berührten. Sein Körper bebte von ihrem Schluchzen, und auch seine Arme schlossen sich eng um sie, als er nachgab.

Catherine schaute still Jasmine an und nickte in Richtung Tür. Auch Annes Mann, Neil Caldwell, verstand und ging mit ihnen in den Flur, wo Laura wartete.

»Kommt sie klar da drinnen?«, fragte Jasmine.

»Auf jeden Fall«, erwiderte Neil, dessen Augen selbst feucht geworden waren. »Schon seit Tagen ist sie wie ein Kind an Heiligabend, voller freudiger Erwartung. Jetzt hat sie Seelenfrieden.«

Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen und die Nase.

»Wir sind Ihnen so dankbar«, sagte er zu Jasmine. »Und das mit Ihrem Onkel tut uns unendlich leid.«

Jasmine nickte. Catherine sah, dass sie selbst den Tränen nah war.

»Und lassen Sie sich nicht zu viel Zeit mit der Rechnung«, forderte Neil. »Keine falsche Bescheidenheit. Besser konnten wir unser Geld gar nicht investieren.«

»Ist schon okay«, erwiderte Jasmine leise. »Mir ging’s nicht ums Geld.«

Catherine merkte, dass das Mädchen von ihren Gefühlen überwältigt war.

»Sie schickt Ihnen die Rechnung«, sagte sie. »Dafür sorge ich. Von Dankbarkeit können Sie keine Miete zahlen«, belehrte sie Jasmine mit einem freundlichen Lächeln.

Das Mädchen nickte ertappt.

»Ja«, erwiderte sie. »So was Ähnliches meinte Glen auch.«

Sofort verging Catherine das Lächeln.

»Hör mal«, sagte Laura, als sie den Zündschlüssel drehte, während Catherine sich den Gurt anlegte, »sobald jemand seinen Namen sagt, siehst du aus, als würdest du gleich jemanden schlagen. Das ist ziemlich gruselig.«

Catherine sah sich nach dem Haus um. Vor der offenen Tür unterhielt Jasmine sich noch mit Neil Caldwell.

»Nicht so gruselig wie Fallan«, erwiderte sie. »Wir reden hier von jemandem, der in gewissen Kreisen so berüchtigt ist, dass er letzte Woche einen bewaffneten Angreifer mit einem Handy verjagt hat.«

»Ja, aber heutzutage ist er doch anscheinend auf unserer Seite.«

»Mir geht’s nicht darum, für welches Team er spielt, denn das kann sich jederzeit ändern, sondern darum, wozu er fähig ist. Einmal Killer, immer Killer«, fügte sie mit einer Überzeugung hinzu, die hauptsächlich auf der Angst beruhte, dass es stimmen könnte.

»Kein Wunder. Je mehr ich von seinem Vater höre …« Laura schüttelte sich. »Ein absoluter Psychopath.«

»Sag ich doch«, erwiderte Catherine. »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

Laura nahm die Hand vom Schalthebel und drehte sich zu Catherine um.

»Du hasst ihn richtig, oder?«, fragte sie. »Das ist nicht nur Angst. Echter Hass. Kanntest du ihn damals, bevor er untergetaucht ist?«

Catherine seufzte und verschaffte sich Zeit, um sich zu sammeln. Sie wollte sich nicht auf dieses Thema einlassen, nicht vor Laura und nicht jetzt. Sie war Laura aber eine Antwort schuldig, weil sie recht hatte.

»Ich hab ihn vor langer Zeit mal kurz getroffen«, erwiderte sie. »Da war er ein Niemand, ein kleines Rad in einer schrecklichen Maschinerie, dem nicht klar oder immerhin egal war, was er angerichtet hat, weshalb er sich gar nicht mehr dran erinnert. Ihn hasse ich deswegen nicht, sondern alles, wofür er steht.«

Laura dachte darüber nach und verstand wohl, was Catherine meinte, war aber sichtlich unzufrieden damit. Sie sah auch nicht mehr aus wie jemand, der seine Gedanken für sich behalten würde.

»Aber steht er nicht auch dafür, dass wir uns nicht vom schlimmsten Ereignis unseres Lebens definieren lassen müssen?«, fragte sie und hörte sich an, als wollte sie unbedingt daran glauben. »Steht er nicht für die Möglichkeit, dass wir uns ändern können?«