Zwei Stachelschweine beim Liebesspiel
Sie saßen an einem achtbeinigen Tisch in einem kleinen Besprechungsraum in den City Chambers mit Blick auf das Ende der John Street, das zwischen den Gebäuden hindurchlief. Abercorn hatte den Raum spontan von einem Kontakt beim City Council zur Verfügung gestellt bekommen. Catherine wusste nicht, ob die Wahl nur auf diesen Ort gefallen war, weil er nah und frei war, oder ob Abercorn ihre Gäste damit auf Bürgerpflicht und Kooperation fürs Gemeinwohl einstimmen wollte.
Bei Fallan war das wohl ein bisschen zu viel verlangt. Er wirkte durch die Umgebung eingeengt wie ein Raubtier im Zoo, unruhig und aggressiv. Wenn sie von ihm etwas hören wollten, mussten sie sich beeilen. Bei dem Mädchen hätten sie schon bessere Chancen, aber Catherine glaubte nicht, dass sie sie ohne Weiteres von ihrem Begleiter isolieren konnten. Seine Körpersprache stellte ihn als ihren bedingungslosen Beschützer dar, und ihre zeigte ihm gegenüber mehr Vertrauen, als sie sich wahrscheinlich selbst bewusst war.
»Samstagnachmittag gegen halb drei wurden Laura und ich von einem Mann in einem roten Neunziger-Honda-Civic beschossen.«
Catherine beobachtete ihre Gesichter. Fallan blieb ausdruckslos; kühl und kalkulierend. Jasmine Sharp wirkte erschrocken; überrascht und offensichtlich verwirrt.
»Wir wissen, dass Sie es nicht waren«, setzte Catherine fort. »Aber irgendwer will, dass wir das denken.«
»Interessant«, sagte Fallan. »Zwei Stunden später hat jemand aus einem silbernen Vauxhall Vectra auf uns geschossen. Bloß unser Schütze hat nicht nur so getan – er wollte uns wirklich umbringen. Auch Mittwoch hatte es einer unten in Northumberland versucht, und ich glaube nicht, dass die beiden Vorfälle nichts miteinander zu tun haben.«
Catherine hatte davon noch nichts gehört, und auch Abercorn sah aus, als wäre ihm das neu.
»Davon wussten wir nichts«, sagte sie. »Warum haben Sie es nicht gemeldet?«
Sie erwartete nicht, dass jemand wie Fallan ihr so eine Frage beantwortete. Er enttäuschte sie nicht.
»Ich weiß, dass die Polizei viel zu tun hat«, erwiderte er trocken und ohne zu lächeln. »Ich will sie nicht mit Banalitäten behelligen.«
Catherine ging nicht darauf ein.
»Die beiden Zwischenfälle am Samstag hatten auf jeden Fall etwas miteinander zu tun«, sagte sie. »Erst wurden wir beschossen, und wenig später sollten Sie tot sein, damit Sie kein Alibi mehr angeben können. Wir sollten dann glauben, dass Sie uns von unseren Ermittlungen abhalten wollten, nur um selbst erschossen zu werden und die Antworten auf viele schwierige Fragen mit ins Grab zu nehmen.«
»Was für schwierige Fragen? Wer die Typen umgebracht hat, von denen Sie erzählt hatten?«
»Zum Beispiel.«
»Wie haben Sie überlebt?«, fragte Laura. »Ich dachte zwar erst, der Kerl wäre einfach ein schlechter Schütze, aber er muss doch ziemlich gut gewesen sein, um ein Magazin in unser Auto zu jagen, ohne eine von uns zu treffen. Waren Sie bewaffnet?«
»Ja«, erwiderte Fallan. Er gab den drei Polizisten Zeit, sich ihre Fragen zu überlegen, bevor er hinzufügte: »Mit einem Handy.«
»Er hat so getan, als wär’s ’ne Pistole«, erklärte Jasmine. »Da ist der gleich abgehauen.«
»Mein Ruf ist mir wohl vorausgeeilt.«
»Oder der Ihres Vaters«, sagte Catherine.
Fallans Reaktion kam Catherine wie eine Veränderung des Klimas im Raum vor. Sie hatte gerade tatsächlich die Lyra des Orpheus gezupft, doch die Frage war, was nun aus Fallans persönlicher Unterwelt emporsteigen würde.
»Sie wissen, dass es jemand von der Polizei war«, stellte er fest. »Woher?«
»Unter anderem daher, dass Sie es mir gesagt haben.«
»Die größte Gang von Glasgow«, bestätigte er.
»Warum wollen die Sie umbringen? Sie haben sich zwanzig Jahre lang nicht blicken lassen und plötzlich schießen die auf Sie. Worüber haben Sie nachgeforscht?«
Jasmine wollte antworten, aber Fallan kam ihr zuvor.
»Ich zeig Ihnen meins, wenn Sie mir Ihres zeigen.«
Abercorn nickte zustimmend. Catherine hatte sowieso mit offenen Karten spielen wollen, aber wenn selbst er dazu bereit war, musste es wirklich um viel gehen. Oder er hatte sich ausgerechnet, dass Fallan und das Mädchen ihnen mehr zu erzählen hatten als andersherum.
»Was können Sie mir über einen Polizisten namens Bob Cairns sagen?«, fragte Catherine und machte aus einer Enthüllung in fast abercornschem Stil eine Anfrage. Sie hoffte, dass Fallan nicht Gleiches mit Gleichem vergelten würde, sonst konnten sie die ganze Nacht damit verbringen.
»Ein guter Freund meines Vaters. War dauernd bei uns zu Besuch. Die beiden haben oft bis spät in die Nacht getrunken und sich unterhalten. Als ich klein war, wollte ich immer Polizist werden, so gut haben mir die Geschichten gefallen. Ich mochte Bob.«
Er zuckte mit den Schultern, als hätte er nicht mehr zu sagen, und Catherine wäre jetzt an der Reihe. Dann sprach er doch mit finsterer Stimme weiter.
»Natürlich wusste ich es damals nicht besser. Ich hab noch nicht verstanden, dass er zwar ’ne große Klappe hatte, aber trotzdem nur eine kleine Ratte war, die die Augen vor dem verschlossen hat, was bei uns zu Hause los war. Sonst hätte er sich ja mit meinem Vater anlegen müssen.«
»Was war denn los?«, fragte Laura mit einer Dringlichkeit, die ihren Verdacht verriet.
»Genau das, was Sie denken«, erwiderte Fallan und hielt ihren Blick einige schwierige Momente lang.
Catherine wusste nicht, was er in Lauras Augen sah, aber die beiden hatten sich auf jeden Fall verstanden.
»Dann ist er noch dabei?«, fragte Fallan Catherine. »Spielt immer noch den anständigen Glasgower Bullen vom alten Schlag? Oder ist er in Rente?«
»CID – Leute gehen mit fünfundfünfzig in den Ruhestand«, erklärte Abercorn. »Er ist noch im Dienst. Können Sie sich vorstellen, warum er Sie umbringen wollte?«
»Wenn er es wirklich ist, weiß ich, dass er mich umbringen will. Aber, wie ich es sehe«, sagte Fallan und schaute wieder Catherine an, »haben Sie mir noch nicht Ihres gezeigt.«
Catherine schwieg einen Augenblick und nickte dann ernst. Sie spielte keine Spielchen.
»Okay, hier ist die Zusammenfassung«, fing sie an. »Letzten Donnerstagmorgen hat Bob Cairns mich zu einem Treffen gebeten, weil er Informationen über den Mord an einem mittelgroßen Dealer namens James McDiarmid hatte. Während Laura und ich bei ihm waren, bekam er einen Anruf, vorgeblich von einem Kontakt namens Tommy Miller, in dem es um eine mögliche Bombe in der Central Station ging. Wir haben keine Bombe gefunden, dafür etwas, was nach einer großen Heroinlieferung für Frankie Callahan aussah. Gleichzeitig hat Liam Whitaker, ein Einbrecher und Freund von Tommy Miller, die Räumung dazu genutzt, Uhren für hundertfünfzigtausend Pfund bei dem Juwelier Coruscate im Bahnhof einzusacken.
Später mussten wir feststellen, dass es sich bei dem ›Heroin‹ um wertlosen Staub handelte. Whitaker hatte gesehen, wie zwei andere Polizisten zuerst in den Bahnhof gingen und ihn mit einem Rucksack wieder verließen, der wahrscheinlich die echte Drogenlieferung für Frankie Callahan enthielt. Am Ende des Tages waren Callahan, sein Handlanger Gary Fleeting und der Kontakt Miller alle tot, in einer Szene angeordnet, die so aussehen sollte, als hätten die ersten beiden den dritten gefoltert und wären dabei erschossen worden. Cairns’ Tipp war aber gar nicht von Miller gekommen, sondern von jemand anderem, höchstwahrscheinlich von einem der beiden Polizisten, die Whitaker beim Abtransport des echten Heroins beobachtete.«
»Was hat Cairns Ihnen über den anderen Mord gesagt?«, fragte Fallan.
»Er hatte gehört, dass Paddy Steels Leute in Verbindung mit Jai McDiarmids Tod nach einem schwarzen Ford Transit suchten. Einer anderen Zeugenaussage nach sei der Wagen aber dunkelblau gewesen.«
»Die Spurensicherung hat dann in einem der dunkelblauen Lieferwagen von Frankie Callahans Restaurantdienstleistungsfirma Blut gefunden«, erklärte Abercorn. »Der Wagen stand vor dem Lager, wo Callahan, Fleeting und Miller tot aufgefunden wurden.«
»Und hatten Sie vorher schon irgendeine Bestätigung von Cairns’ Tipp?«, fragte Fallan.
»Nein«, räumte Catherine ein. »Wenn ich drüber nachdenke, war Cairns die einzige Quelle. Aber wenn die das Ganze gestellt haben, wie haben sie McDiarmids Blut in Callahans Wagen gekriegt?«
»Ganz einfach«, erwiderte Fallan. »Wenn sie McDiarmid selbst umgebracht haben.«
»Aber warum sollten sie …«, setzte sie an, bevor sie es ganz genau verstand. »Die haben das Ganze gestellt. Sie bringen McDiarmid um, weil sie wissen, dass Fleeting verdächtig ist, weil McDiarmid was mit seiner Freundin hatte. Und das gibt Paddy Steel ein Motiv für den Mord an Fleeting und Callahan.«
»Und die beiden mussten sterben, damit sie nicht fragen können, wo ihr ganzes Heroin hin ist«, sagte Abercorn. »Die Frage sollte durch den Koffer mit dem falschen Heroin beantwortet – oder zumindest verschleiert – werden. Deshalb musste auch Miller sterben – er wusste, dass an dem Tag eine echte Lieferung im Bahnhof abgelegt wurde. Und das ist auch der Grund dafür, dass Cairns mit der Suche nach Whitaker so einen Riesenaufstand getrieben hat – er hätte nicht dort sein dürfen.«
»Die große Frage ist doch, wer noch da war«, sagte Catherine zu Fallan. »Wer waren die anderen Polizisten? Wir wenden uns an Sie, weil Cairns mit Ihrem Vater zusammengearbeitet hat. Wir müssen wissen, wer noch mit dabei sein könnte, und wie weit nach oben das Ganze womöglich geht. Cairns’ Kumpel in der Drogenfahndung, Fletcher, steht ganz oben auf unserer Liste, weil die beiden schon ewig immer mal wieder zusammenarbeiten, nur damals in Gallowhaugh noch nicht. Wir wissen, dass Ihr Vater außerdem mit Bill Raeside und Graeme Sunderland zusammengearbeitet hat. Sagen Ihnen diese Namen etwas?«
Fallan nickte ernst und lehnte sich zurück. Man sah ihm an, dass ihm viel durch den Kopf ging, wovon er sicherlich nur einen Bruchteil aussprechen würde.
»Bill Raeside – oder Wullie, wie er damals hieß – war der Depp vom Dienst. Dazu geboren, Anweisungen zu befolgen. Hatte nie selber den Finger am Abzug, hat aber sehr gerne von den Machenschaften seiner Freunde profitiert und sie unterstützt.«
»Raeside war als erster Kollege vor Ort, als McDiarmids Leiche entdeckt wurde«, erinnerte sich Laura.
»Außerdem hat er dafür gesorgt, dass Locust nicht informiert wurde, und Sunderland nahegelegt, mir den Fall zu geben.«
»Was ist Locust?«, fragte Jasmine.
»Meine Abteilung«, erklärte Abercorn. »Organized Crime Unit Special Task Force. Warum hat er gerade Sie für den Fall vorgeschlagen?«
Catherine kochte vor Wut, als sie sich wieder eingestehen musste, dass sie hereingelegt worden war.
»Die haben wohl damit gerechnet, dass ich mich dankbar auf das Motiv stürzen würde, das auf kleine Verbrecherfehden schließen lässt.«
Sie spürte Fallans Blick.
»Die dachten sich, Sie werden einem geschenkten Gaul schon nicht ins Maul schauen«, sagte er und verstand auch, warum.
Oh, Moira Clark, wo bist du?, dachte Catherine.
»Und diesen Vorschlag nahm Graeme Sunderland bereitwillig an«, sagte Abercorn. »Wie hat der eigentlich damals ins Bild gepasst?«
Fallan schwieg eine Weile, und bevor er sprach, schnaufte er kaum hörbar. Er wirkte hin- und hergerissen, und Catherine nahm an, dass als Nächstes nicht die ganze Wahrheit kommen würde.
»Sunderland hat damit bestimmt nichts zu tun«, sagte er schließlich. Er sprach voller Überzeugung, aber seine Eile, das Thema abzuschließen, machte die anderen umso misstrauischer.
»Woher wollen Sie das wissen?«
Wieder hielt er inne, und Catherine stellte sich vor, wie er innerlich gewisse Zeilen auf dem Dokument schwärzte, bevor er es übergab.
»Mein Vater, Cairns und Raeside waren ein eingeschworenes Grüppchen. Haben jahrelang zusammengearbeitet. Sunderland war der Neue, der für seinen ersten CID – Posten nach Gallowhaugh geschickt worden war. Er wird ein bisschen was mitbekommen haben, aber nur so viel, dass die drei sehen konnten, ob er selbst interessiert war. Von den größeren Sachen durfte er bestimmt nichts wissen; nur Kleinkram, gegen den er nichts machen konnte. Er war aber nicht interessiert. Hat sich schnell wieder versetzen lassen. Und ihm nehm ich’s am wenigsten übel.«
»Was?«, fragte Laura.
»Dass sie alle ignoriert haben, was bei uns zu Hause ablief. Mein Vater war brutal, sehr brutal. Man wird nicht zu dem, was ich wurde, wenn man Ned Flanders als Vater hat. Sie haben alle so getan, als hätten sie nichts mitbekommen, selbst wenn es ganz offensichtlich war, weil sie Angst hatten, ihn zu konfrontieren. Ich hab mich auch nicht getraut, was zu sagen, aber ich war noch ein Kind. Die sollten doch das Gesetz verteidigen, die Schwachen beschützen. Tolle Polizisten. Sunderland war der Einzige, der sich wenigstens für seine Feigheit geschämt hat. Der ist nicht Ihr Mann, das können Sie mir glauben. Außerdem zu jung.«
»Zu jung wofür?«, fragte Catherine.
»Sie haben doch gesagt, Cairns steht kurz vorm Ruhestand. Raeside bestimmt auch. Ich würd sagen, Sie suchen jemanden, der auch nicht mehr lange hat.«
»Wieder Fletcher«, sagte Catherine und Abercorn warf ihr einen zustimmenden Blick zu.
»Um wie viel Heroin geht’s?«, fragte Fallan.
»Drei Millionen en gros«, erwiderte Abercorn. »Das hat Frankie Callahan unseren Quellen nach pro Lieferung bezahlt. Pur und ungestreckt.«
»Hört sich an, als hätten die sich einen kleinen Bonus zur Pension dazuverdienen wollen«, sagte Fallan.
Catherine erinnerte sich an das, was Abercorn vor einer Woche über Cairns und Fletch gesagt hatte.
Es gibt viele Polizisten wie die beiden. Die haben ihre dreißig Jahre hinter sich, stehen kurz vor der Pension und sind pleite, obwohl sie ihr ganzes Leben gearbeitet haben, und dann sehen sie jeden Tag die Dealer in ihren gepimpten Jeeps vorbeirollen und Geld verpulvern, als gäbe es kein Morgen.
Es kam ihr vor, als würden die Wände des Raums sich von ihr wegbewegen, als würden sich wieder die Dimensionen der Welt verschieben, sodass nichts mehr so zusammenpasste wie vorher. Nichts war mehr sicher. Clarks Gesetz war widerlegt, die Guten waren sehr, sehr böse, und sie befand sich nicht nur auf derselben Seite wie ihr Lieblingsfeind von Locust, sondern auch wie einer der wenigen Menschen auf der Welt, die bei ihr ernsthafte Mordlust auslösten.
So langsam war es Zeit, dass er ihr Seins zeigte.
»Sie haben gesagt, Mittwoch hat Sie unten im Süden jemand umbringen wollen?«, fragte sie.
Jasmine nickte bereitwillig; Fallan starrte nur.
»An dem Tag hat Bob Cairns einen von sehr wenigen Tagen seiner Karriere krank gefeiert. Wie Sie es ausdrücken, Mr Fallan, ich glaube nicht, dass diese Vorfälle nichts miteinander zu tun haben. Die Sache in der Central Station musste von langer Hand geplant werden. Die drei mussten vorsichtig, geduldig und vor allem diskret sein. Warum also sollte Cairns bei allem, was er um die Ohren hatte, nach Northumberland runterfahren, um Sie umzubringen?«
»Weil sein Anteil an dem Drei-Millionen-Drogendeal ihm nichts bringt, wenn er den Rest seines Lebens im Knast sitzt.«
Fallan sah das Mädchen an und gab ihr das Zeichen, dass sie an der Reihe war.
Skeptisch aber erwartungsvoll fragte Catherine sich, ob diese Übergabe der Redeführung bedeutete, dass er seinen Teil der Abmachung einhielt.
Das Mädchen erzählte ihre Geschichte.
Und wie.