46

Salas neue Arbeitgeber waren extravagante junge Leute. Antonio war Staatsanwalt und seine Frau Isabella eine zur Hysterie neigende Malerin in der Schaffenskrise. Aber Sala konnte Ada wieder zu sich holen. Sie war jetzt ein hübsches Mädchen. Wenn sie in ihre dunklen Augen sah, empfand Sala Glück, schrieb sie Jean. Sie verschwieg ihrem Vater, wie oft sie an Otto dachte.

Beinahe acht Jahre lebten sie nun schon in Argentinien. Sie hatte Geld für ein Grundstück außerhalb von Buenos Aires gespart. Dort hatte sie sich mit Otto eine Existenz aufbauen wollen. Das war der Plan gewesen.

Wahrscheinlich hatte er recht: Sie waren zu verschieden. Oder war es der Krieg? Dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte, könnte sie verzeihen, sie hatte Hannes gehabt, aber der Name klang furchtbar. Waltraud. Deutscher ging es wirklich nicht. Vor drei Tagen wollte der Besitzer des Grundstücks von ihr wissen, ob sie immer noch zum Kauf entschlossen sei. Was sollte sie ihm antworten? Ohne Otto ergab das alles keinen Sinn.

Wie wollten sie in Zukunft leben? Wovon? Ada würde nach dem Sommer wieder eine Schule in Buenos Aires besuchen. Im Kloster hatten sich ihre Leistungen verbessert. Trotzdem war sie wieder stiller geworden, wirkte auf seltsame Weise in sich gefangen. An manchen Tagen verließ sie das Zimmer nicht, saß dicht am Fenster, den Blick schweigend in die Ferne gerichtet. Gerade wenn Sala fürchtete, sie könnte das Sprechen wieder verlernen, drehte sie sich um und überraschte sie mit abenteuerlichen Geschichten, die sie von ihrem Platz beobachtet haben wollte. Ihre innere Welt war von allerlei Fabelwesen bevölkert, aber auch von stolzen, schweigsamen Gauchos, die sich in kühlen Nächten um ein Feuer versammelten, um mit rauer Stimme zur Gitarre ihre einsamen Lieder zu singen. Sie erinnerte sich an die weiten Wiesen in der Nähe des Klosters, an ihren blitzenden Glanz im weißen Licht des vollen Mondes, an den süßlichen Duft, den die Bäume verströmten. Einmal, als Sala neben ihr stand, griff Ada überraschend fest nach ihrer Hand.

»Mama? – Der Himmel ist still und gewaltig.«

In dieser Nacht träumte Sala von einem unheilkündenden Vogel. Mit starrem Blick thronte er auf ihrer blanken Brust. Sie lag zitternd neben einem gefrorenen Bach. Links und rechts von ihr schossen die Berge hoch, vor ihr lag das weitgeschwungene Tal. Trotz des Sommers war der Boden vereist und schneebedeckt. Ein herrenloser Schimmel preschte auf sie zu, stieg mit geblähten Nüstern schnaubend vor ihr in die Höhe, die Augen weit aufgerissen, bleckte das Tier die Zähne und stieß einen furchterregenden, menschlichen Schrei aus, der in kurzem, trockenem Todesrasseln erstarb. Die Vorderläufe des Hengstes knickten ein, sein gewaltiger Leib ging zu Boden. Aus den sterbenden Augen quoll tiefrot das Blut.

Die Hitze kroch schon in den frühen Morgenstunden die Häuserwände hinauf, stahl sich feucht und heiß ins Schlafzimmer. Sala stand auf, wusch ihren schweißnassen Körper mit kaltem Wasser, legte alles für die Schule bereit und verließ die Wohnung. Nachdem sie leise die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie auf. Wann war sie das letzte Mal alleine morgens durch die Stadt gelaufen? Ein Gefühl von Freiheit und Unbegrenztheit überfiel sie, als sie, die Schuhe noch in der Hand, mit nackten Füßen den Asphalt berührte. Der Boden war angenehm kühl von der Nacht. Ziellos lief sie der Sonne entgegen, wie sie es früher, als Kind, auf dem Monte Verità auf dem Weg zum Wasserfall getan hatte. Leise rauschend erwachte die Stadt. Zwei Ecken weiter öffnete Manolo seinen Zeitungsstand. Er winkte ihr fröhlich zu. Warum erschien ihr dieser Gruß wie ein Abschied? Vor ihr lag Buenos Aires. Die Stadt jubelte der Sonne entgegen. Zum ersten Mal konnte sie nicht in diesen Gesang mit einstimmen.

Als sie die Wohnung betrat, flog ein Schuh knapp an ihrem Kopf vorbei gegen die Wand.

»Du Vieh! Du saugst mich aus«, schrie Isabella. Sie rannte halb nackt, nur mit einem Büstenhalter bekleidet, durch die Wohnung. Ihr Haar hing in nassen Strähnen herunter. Sala sah, wie sie mit dem Kopf gegen die Wand schlug, um sich gleich darauf zu Boden gleiten zu lassen. Isabella verdrehte die Augen, als müsste sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren.

»Er hat mich betrogen«, flüsterte sie in dramatischem Ton. Es klang beinahe, als würde sie ihren letzten Atemzug tun.

»Das ist nicht wahr, verdammte Hure, du versuchst ja nur von dir selbst abzulenken«, schrie Antonio aus dem Nebenzimmer. Der junge Staatsanwalt trat nun vollkommen nackt in den Flur, in der Hand ein großes Küchenmesser.

»Was tust du mir an, du verdammte Schlampe. Du ruinierst meinen Ruf, meine Karriere, alles.«

»Karriere? Was denn für eine Karriere, du Versager? Wir leben vom Geld meines Vaters, während du Kleinganoven hinterherjagst.«

»An Verbrecher wie deinen Vater kommt man gar nicht erst ran, weil sie das ganze Land in ihre Taschen stopfen.«

»Die haben wenigstens was in der Tasche, du Nichts, du!« Isabellas Stimme überschlug sich triumphierend. Die Tür zu Salas Zimmer stand offen. Ada stand da mit weit aufgerissenen Augen. Mit gesenktem Blick stürzte Sala an dem nackten Hausherren vorbei in ihr Zimmer und schloss sich ein. Ada sah sie verzweifelt an. Draußen holte Isabella tief Luft. Dabei röchelte sie so fürchterlich, dass Sala fürchtete, sie könnte sterben. Es folgte ein spitzer Schrei. Dann wurde es still. Kurz darauf hörten sie Schritte, raunende Stimmen, die Tür zum Schlafzimmer der Herrschaft wurde aufgestoßen und wieder zugeschlagen. Dem lauten Stöhnen nach zu urteilen, begann nun der Akt der Versöhnung.

»Mama, ich will hier weg«, sagte Ada.

47

Es war ein kühler, sonniger Märztag. Die Juan de Garay legte im Hamburger Hafen an. Vom Deck aus beobachtete Ada die Menschen am Quai. Als die Brücke heruntergelassen wurde, traten die Passagiere in freudiger Erschöpfung an die Reling. Aufgeregt rannte Ada los. Gierig, als Erste von Bord zu gehen, drängelte sie sich an den Erwachsenen vorbei, setzte zum Sprung an, und noch ehe die Brücke ganz heruntergelassen war, wurde Ada von einer fremden Hand gepackt und mitten im Sprung mit einem heftigen Ruck zu Boden gerissen. Eine trockene Ohrfeige, ein paar kratzige Laute, die sie nicht verstand, ließen sie zurückweichen. Graue, kleine Augen grinsten sie aus einem windschiefen norddeutschen Schädel an. Ihr erster Schritt auf deutschem Boden war ein Schritt auf Feindesland. Selbst die Sonne schien hier in freudloser Strenge. Sie wollte zurück auf das Schiff, zurück in ihre Heimat, zurück nach Buenos Aires. Nicht diese leeren Blicke, dieses Gegacker. Der Schreck war mit Tränen nicht zu bewältigen. Dies war das Land der Erwachsenen, und sie war gestrandet.

»Hier sind die Leute netter zu ihren Hunden als zu ihren Kindern«, sagte sie nach dem ersten gemeinsamen Spaziergang zu ihrer Mutter. Aus der Ferne taumelten Volkslieder besoffen an ihr Ohr. Die erste Nacht verbrachten beide ruhelos. Erst in den frühen Morgenstunden fanden sie in den Schlaf. Nach dem Frühstück ging es ihnen besser. Sie stiegen in den Zug nach Berlin. Während der Fahrt rührten sie sich kaum. Sala war froh zurückzukommen, und zugleich fürchtete sie sich vor ihrer Heimat. Der Zug ratterte über die Schienen. Gurs und die Bilder ihrer Kindertage stemmten sich gegen die vorbeifliegende Gegenwart. Vor ihr saß Ada. Es gab eine Zukunft.

Langsam stiegen sie die Treppe hinauf. Mopp Heinecke öffnete die Tür. Als sie sich in die Arme fielen, versuchte Sala, sich zu erinnern, was geschehen war, damals in Leipzig, was sie gefühlt, was sie gesehen hatte. Die Erinnerungen strömten an ihr vorbei, wie Menschen, denen sie begegnet oder ausgewichen war. Sie fragten einander allerlei Belangloses, erzählten, als dürften sie endlich wieder beim Friseur in alten Zeitschriften blättern. Manchmal hielten sie unvermittelt inne, als wollten sie eine Weile über das Gesagte nachdenken, um dann umso hastiger ihren Gedanken nachzulaufen, die Hand nach dem Griff eines anfahrenden Zuges streckend, um im letzten Moment aufzuspringen, sich forttragen zu lassen in die verlorene Zeit. Abends machten sie es sich auf Mopps kleinem Balkon gemütlich. Auf der Straße grölten Männerstimmen.

»Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,

Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,

Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,

Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!«

»Wo liegt Trizonesien, Mama?«

Sala dachte kurz nach, dann prustete sie los.

»Das ist hier … die meinen Berlin … das ist ja zum Piiiiepen, ist das, Trizonesien!«

Sie schüttelte sich, die Tränen liefen über ihr Gesicht.

»Weinst du?«, fragte Ada und griff nach ihrer Hand.

»Nein, ich … ich glaube, ich lache …«

Beim Einschlafen überlegte Sala, ob Otto wohl noch in der Scharperstraße wohnte.

»Bist du seinetwegen zurückgekommen?«, fragte Mopp am nächsten Morgen. Sala erschrak. Ihre Freundin war immer noch so direkt wie früher. Ein paar Falten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, die Perücke wirkte etwas vornehmer, aber die kleinen Augen sprühten immer noch vor überbordender Energie und Lebenslust, trotz allem, dachte Sala, trotz allem.

»Ich weiß nicht … ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr, warum wir weggefahren sind. Damals nicht … und jetzt auch nicht …« Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als könnte sie ihren Zweifel schnell wieder wegwischen. »Heute Nacht, weißt du, da habe ich kurz gedacht, dass ich vor sechzehn Jahren angefangen habe um mein Leben zu rennen …« Sie zögerte.

»…Ich glaube, ich bin genug gerannt.«

Mopp legte beide Arme um sie.

»Habt ihr euch geschrieben?«

Sala nickte. Erstaunt stellte sie fest, wie leicht ihr dieses Nicken fiel. Ja, sie hatte geschrieben. Hunderte von Briefen, jeden Tag, jede Nacht, ob schlafend oder wachend, jetzt konnte sie es sich eingestehen, jetzt konnte sie es zum ersten Mal einem Menschen sagen, jemandem, der ihr vertraut war, der sie nicht verraten würde, wie Mercedes es getan hatte, jetzt konnte sie reden, aber alles, was sie zu sagen hatte, lag in einem stummen Nicken.

»Und nu?« Mopp ließ nicht locker.

Sala sah sie fragend an.

»Willste jetzt hier hocken, bis de festgewachsen bist?«

Mopp hüpfte zur Anrichte und schnappte sich das Telefonbuch. Wie leicht sie ihren rundlichen Körper zu bewegen wusste, dachte Sala, sie war bestimmt eine gute Tänzerin. Ob Otto immer noch so gerne tanzte? Keiner tanzte so wie er, nicht einmal Hannes, und der war wirklich ein guter Tänzer. Mopp warf das Telefonbuch auf den Küchentisch.

»Guck doch mal rein. Vielleicht steht er ja drin.«

Sie lief in den Flur zum Telefon und winkte mit dem Hörer.

»Komm«, lachte sie, »Widerstand ist zwecklos.«

Aufgeregt flogen Salas Hände über die Seiten. Namen, so viele Namen. Die hatten alle überlebt. Und hinter jedem dieser Namen, dachte Sala, verbarg sich eine Geschichte, eine schöne oder schreckliche, egal. Helden waren die meisten ja wohl nicht, aber war sie eine Heldin? Was war das überhaupt für ein grässliches Wort? Helden. Damit war es ein für alle Mal vorbei. Vaterland. Ehre. Anstand. Treue. Alles futsch. Sie lachte kurz auf. Da hieß doch tatsächlich einer Himmler. Den Namen gab es wirklich? Vielleicht auch noch ein Hitler? Sie suchte. Nein. Wieso war sie jetzt bei H gelandet? Sie blätterte zurück. Ihr Herz schlug schneller. Wie viel Schläge konnte ein Herz pro Minute verkraften? Wie viele pro Sekunde? Baermann, Balser, Berhenke … Da war er. Otto. Es war sein Name. Otto Berkel, Dr. med., Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Er war umgezogen, wohnte jetzt in der Rankestraße 11. So einfach war das? Sie drehte die Wählscheibe über die Zahlen. 80 31 90. Es klingelte endlos. Sie sah zu Mopp und schüttelte den Kopf. Da knackte es in der Leitung.

»Ja?«

Die Stimme war fremd.

»Wer ist denn da?«

Das klang verärgert. Sala zitterte. Schnell auflegen? Mopp drohte mit dem Zeigefinger.

»Guten Abend, Herr Doktor, wie geht es Ihnen?«

Es wurde still. Sala hörte Schritte im Hintergrund. Ein Knacken in der Leitung.

»Mit wem spreche ich?«

»Dreimal dürfen Sie raten.«

Otto blieb stumm. Beinahe musste sie lachen.

»Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?«

Was machte er? Saß er? Stand er? Schaute er zum Fenster hinaus? Warum schwieg er?

»Woher kennen wir uns?«

Es war ein Fehler gewesen anzurufen. Am besten legte sie jetzt einfach auf.

»Erkennen Sie denn meine Stimme nicht?«, fragte sie.

Ob sie seine Stimme erkannt hätte? Unter Tausenden. Das konnte doch nicht sein. Er musste wissen, dass sie es war.

»Wer sind Sie?«

Sala schwieg. Wer war sie? Wer war denn er? Warum war sie überhaupt zurückgekommen?

»Woher kennen wir uns?«

Nein, so hatte sie sich dieses Gespräch nicht vorgestellt. Was für eine Dummheit!

»Aus Berlin. Ist schon etwas länger her.«

Ihre Stimme klang matt. Sie stützte sich auf die Anrichte, auf der das Telefon stand. Ihre Augen suchten nach einem Stuhl. Etwas weiter hinten stand einer. Die Schnur würde bis dahin nicht reichen.

»Haben wir etwas gemeinsam?«

Was lag da in seiner Stimme? Wärme? Oder nur ihre Sehnsucht danach? Sala starrte gegen die Wand. Hatten sie etwas gemeinsam? So direkt hatte sie sich diese Frage noch nie gestellt. Ihr war immer nur das Trennende aufgefallen.

»Ich glaube, ja.«

Zum ersten Mal kamen ihr Zweifel. Hätte sie lieber Hannes anrufen sollen?

»Was?«

»Was?«

»Ich meine, was haben wir gemeinsam?«

Die Frage war berechtigt. War die Verbindung aus Samen und Eizelle eine Gemeinsamkeit?

»Eine Tochter.«

»Wo bist du?«

Sie merkte, wie ihre Knie zu zittern begannen.

»Bei Mopp.«

»Ist das Kind auch da?«

Sala antwortete nicht. Das Kind. Wo sollte das Kind wohl sein? Diese Frage beschrieb recht treffend den Unterschied zwischen ihnen. Sie hätte sich ihr nie gestellt.

»Können wir uns sehen?«

Konnten sie das? Sollten sie es? Wenn eine Frau »Nein« sagt, meint sie »Vielleicht«, sagt sie »Vielleicht«, meint sie »Ja« und sagt sie »Ja«, dann ist sie eine Schlampe. Warum musste ihr ausgerechnet jetzt Hannes durch den Kopf gehen?

»Vielleicht.«

»Bei Kranzler?«

Sie nickte still.

»Ich bin in zehn Minuten da«, sagte Otto.

Zehn Minuten. Sala legte zitternd auf. Was würde sie antworten, wenn man sie aufforderte, ihr Leben in zehn Minuten zu beschreiben? Was würde sie tun, wenn man ihr sagte, ihr Leben würde in zehn Minuten ein anderes sein? Ihr Körper straffte sich, als müsste sie sich jetzt sofort um alles kümmern, was liegen geblieben war, ein Gesicht mit guter Laune aufsetzen, um nicht die Leere zu fühlen, die sich dahinter verbarg.

Mopp sah die Freundin schweigend an.

»Was machst du?«

»Gerade wusste ich es noch.«

»Und jetzt?«

»Ich gehe hin.«

Lachend drehte sie sich durch das Zimmer.

»Hast du ein schönes Kleid? Ich glaube, meine argentinischen Sachen passen nicht hierher. Ihr kleidet euch alle nüchterner.«

»Ich hab zwar abgenommen, aber …«

»Macht nichts, dann gehe ich eben so, wie ich bin.« Sie sah Mopp verloren an. »Wie lange brauche ich von hier zu Kranzler?«

»Das geht ruckzuck, die Straßen sind leer.«

»Wieso?«

»Na, wir sind doch im Endspiel, Kindchen.«

Was für ein Endspiel, dachte Sala, war aber zu aufgeregt, um zu fragen. Sie gab Ada einen flüchtigen Kuss. Sie wollte ihr nicht erzählen, mit wem sie sich gleich treffen würde. Diesmal würde sie vorsichtig sein. Ada sah sie traurig an. In ihrem Zimmer warf Sala mit jedem Kleidungsstück, ein Stück Vergangenheit ab oder legte es sorgsam zusammengefaltet in den Schrank. Sie fand einen einfachen schwarzen Rock, dazu eine weiße Bluse. Fast wie damals, dachte sie, bei ihrer ersten Begegnung.

Er würde sich demnächst einen Fernseher leisten, dachte Otto, jetzt, da seine Familie zurückgekehrt war. Aus dem Radiolautsprecher über ihm schepperte die aufgeregte Stimme des Sportreporters Zimmermann.

»Griffiths, der Linienrichter aus Wales, auf unserer Seite, hatte die Fahne hoch, und Ling hat prompt reagiert, drei zu zwei, aber das hätte natürlich ins Auge gehen können, zu spielen noch vier Minuten im Wankdorf-Stadion in Bern im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft, und die deutsche Mannschaft hat etwas nervös, verständlich natürlich in diesem Augenblick, äh … eine Situation vergeben, und dadurch rutscht der Ball ins Aus …«

Otto saß im ersten Stock an einem Zweiertisch mit Fensterblick. Er zupfte nervös seine Manschetten hervor. Unter ihm still und leer der Kurfürstendamm, rechts von ihm, in der Mitte des Raumes, der Treppenaufgang. In seinem dunkelblauen Zweireiher mit Nadelstreifen wirkte er verkleidet. Ein etwas verrutschter James Cagney, bevor er von Kugeln durchlöchert in die Gosse kippt. Er trug eine rote Krawatte, ein weißes Einstecktuch, die schwarzen Schuhe waren nicht geputzt. Waltrauds schrille Stimme, ihre lauten Fragen, hatte er ignoriert. Innerhalb von fünf Minuten war er gestiefelt und gespornt gewesen. Im Spiegel war sein Blick zum ersten Mal an seinen Narben hängen geblieben. Sicher hatte er sie schon früher entdeckt, damals, als sie noch blutrot leuchteten. Inzwischen hatten sie sich eingegraben, sie gehörten zu ihm wie die unbeantworteten Fragen hinter seiner Stirn. Damals war es ohne Belang gewesen. Jetzt war es ihm unangenehm. Seinen Hut hatte er an der Garderobe abgegeben.

»Wenn eine elegante junge Dame nach mir fragt, ich sitze oben.«

Die Garderobiere hatte erfahren genickt. Er wusste gar nicht, warum er das gesagt hatte. Am liebsten wollte er es in die Welt hinausschreien. Bald waren die ersten Zweifel gekommen. Es gab hinreichend Gründe, warum Sala es sich hätte anders überlegen können.

Er versuchte, sich zu erinnern, was hatte er Sala aus der Gefangenschaft geschrieben? Wenig Gutes. Eigentlich nur Kränkendes. Die erste Begegnung mit Jean im Tiergarten tauchte vor ihm auf. Er versuchte, sich an seine Kleidung zu erinnern. Ein rotes Unterhemd. Aber sonst? Seine Lippen stammelten halblaut die ersten Zeilen eines Puschkin-Gedichts. Er sah den Überfall in gedehnter Zeit, fühlte Mommsens Römische Geschichte im exquisiten Lederband der Sonderausgabe, das einzige Diebesgut, das er je behalten hatte. Erna, seine ältere Schwester, die sich nachts in dem kleinen Zimmer an ihn schmiegte. Ihre heisere Stimme: »Komm, fick mich.« Die Beerdigung seines Vaters. Kriegsfetzen. Paris. Boulangerie. Blutende Säuglinge. Roland, der im Hauseingang von Kugeln getroffen zusammensackte. Schläge. Sein Leben bei den Pflegeeltern. Der Hunger. Der eigene Kot, an dem er fast erstickte. Luftschutzkeller. Fliegerangriff. Das zersplitternde Glas, das ihm das Gesicht zerschnitt. Maschas Wangenknochen. Ihr Lächeln. Waltraud. Wieder Puschkin. Der grüne Filz vom Spieltisch, die rasende Roulettekugel, die sich drehenden Zahlen. Das Niederkrachen der Bäume im russischen Schnee. Er versuchte, sich Sala vorzustellen, ihr Gesicht, ihre Hände, ihre Schultern, das Haar, ihre Stille, ihren Körper, ihr Lachen. Er versuchte, sich das Kind vorzustellen. Ein Mädchen? Er war jetzt Vater. Ihm wurde übel. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Am Kohleofen starb sein Stiefvater. Die grölende Familie. Das Gesicht seiner Mutter. Tapfer und fest. Jean. Leere Landschaften. Tote Birken. Ein Foto seines leiblichen Vaters, Otto, mit leicht geschwungenem Schnurrbart. Die Schreie eines Säuglings, Wimmern, das sich zu einem Klagelaut dehnte. Ein Karussell. Spieluhrmusik. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Sala saß vor ihm und schaute ihn still an. Er hatte sie nicht kommen sehen. Ihre Schönheit ließ ihn erzittern. Er suchte schweigend Halt an der Tischkante. Keine Gedanken. Er fühlte sich leicht. Dann kam der Schmerz. Die Schwäche. Die Scham. Er berührte ihre Hand.

»Aus, aus, aus, auuuuus! Das Spiel ist auuus. Deutschland ist Weltmeister!«, dröhnte Zimmermanns Stimme aus dem Radiolautsprecher.

Die Menschen stürmten aus den Seitenstraßen auf den Kurfürstendamm. Otto führte Sala die Treppe hinunter. Er würde sich scheiden lassen, dachte er. Als sie heraustraten, bot er ihr vorsichtig seinen Arm.

48

»Monsieur Berkel?«

Ich war fünfzehn Jahre alt. Hinter mir stand Monsieur Weinberg, mein Französischlehrer. Er kam aus dem Elsass, sein Name wurde Vimbert gesprochen, die mögliche jüdische Abstammung war nur auf dem Papier zu erkennen. In Frankreich verschleierte die Aussprache immer schon die Herkunft.

»Warten Sie.«

Ich hatte in der letzten Woche seine Stunde geschwänzt, obwohl sein Literaturunterricht das Einzige war, was mich interessierte. Aber ich wollte zu meinem Schauspielunterricht, wie jeden Freitag, nur diesmal war die Stunde vorverlegt worden. Ich hatte gefragt. Ich hatte auf sein Einverständnis gehofft, nein, ich war davon ausgegangen, weil er mich mochte. Ich müsse mich entscheiden, hatte er mir knapp gesagt, dann war er verschwunden, ohne ein weiteres Wort. Die Entscheidung war mir nicht leichtgefallen.

»Berkel.« Er trat dicht an mich heran.

In Deutschland interessierten sich die Lehrer nicht für ihre Schüler. Nicht zu meiner Zeit. Sie waren Beamte. Mäßig interessiert, mäßig gebildet, mäßig überzeugend. Man konnte sie duzen. Das lag mir nicht. Warum sollte ich jemanden duzen, der mir nie ein Freund werden würde, der es nicht sein konnte, der mich nicht interessierte, den ich nicht interessierte, der die Welt fortwährend mit seiner Langeweile bestrafte und quälte und mich dann auch noch bei meinem Vornamen rief, als würden wir uns kennen, als hätten wir etwas gemeinsam. Zwischen uns lagen Welten, die ich nicht betreten wollte. Das war in Frankreich anders. Hier duzte man niemanden. Jedenfalls nicht von vorneherein und erst recht nicht ungebeten. Die Lehrer waren streng. Sie interessierten sich für ihre Schüler, sie liebten ihren Stoff.

Monsieur Weinberg sah mich prüfend an. Seine Lippen waren halb geöffnet. Nachdenklich sog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein, presste die Lippen aufeinander und stieß den Atem durch die Nase wieder aus. Der Gedanke in seinem Kopf war fertig formuliert.

»Sie kommen aus einem geteilten Land.« Seine Stimme blieb in der Schwebe. »Aus einer geteilten Stadt.« Wieder hielt er kurz inne. »Aufgewachsen mit zwei Sprachen, zwischen zwei verschiedenen Kulturen.« Jetzt kam der Doppelpunkt, die Conclusio, ich konnte es kaum erwarten, vielleicht hielt er die Antwort auf meine Fragen bereit. »In Ihnen ist viel Teilung. Geben Sie acht. Irgendwann werden Sie sich entscheiden müssen.«

Damit ließ er mich stehen. Meine Augen folgten ihm bis ans Ende des Ganges des dunklen Gebäudes in der rue Raynouard 72. Seine Schritte hallten jahrelang in mir nach. Was hätte er wohl gesagt, wenn er auch noch von meinen jüdischen Wurzeln gewusst hätte?

Monsieur Weinberg.

Musste ich mich entscheiden? Und wenn ja, wofür, was auch immer bedeutet, wogegen? Ich sollte mich also entscheiden, ein Deutscher zu sein oder ein Franzose zu werden, ein Mann und keine Frau, wie Lacan es sagt, ein Schauspieler und kein Regisseur oder Schriftsteller, ein Vater und keine Mutter, ein Ehemann und kein Liebhaber. Ein Jude oder ein Christ?

»Monsieur Weinberg?«

Ich stelle mir manchmal vor, ich würde ihn anrufen. Wahrscheinlich lebt er nicht mehr. Seine Nummer habe ich nie besessen. Ich würde ihm gerne sagen, dass ich nach langer Zeit begonnen habe, ihm dankbar zu widersprechen. Ich habe mich nicht entschieden, nicht zwischen zwei Möglichkeiten, wie er mir nahelegte. Wenn der Zuschauerraum voll ist, jeder Platz besetzt, kann man sich dazwischenzwängen, ja, oder man kann sich an den Rand setzen oder auf die Stufen oder auf den Boden vor dem Proszenium oder hinter der letzten Reihe das Spektakel im Stehen verfolgen oder ein Teil davon werden. Es gibt nicht nur zwei Möglichkeiten. Es gibt mehr. Viel mehr.

Drei Wochen vor seinem Tod rief mein Vater mich aus Spanien von seinem Krankenbett aus an. Die Stimme war so schwach, wie sie einst stark gewesen war. Ich konnte Berlin nicht sofort verlassen, ich bat ihn zu warten. Er wartete. Drei Wochen lang. Als ich die Tür zu seinem Krankenzimmer öffnete, wussten wir beide, dass uns nicht viel Zeit blieb. Ich hatte zwei Bücher mitgenommen. Eines, aus dem ich ihm vorlas, im anderen las ich, während er schlief. Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Michel Houellebecqs Elementarteilchen. Eine Woche lang besuchte ich ihn jeden Morgen und blieb bis zum Abend. Wie oft hatten wir früher über den Tod gesprochen? Er war Atheist. Nach dem Tod kam für ihn nichts. Angst? Wovor? Vorbei ist vorbei. Ich glaubte ihm nicht. Kein einziges Wort. Jeder fürchtet sich vor dem Tod, weil wir fürchten müssen, was wir nicht begreifen können. Das war meine feste Überzeugung. An seinem vorletzten Tag schwieg er. Sammelte er sich, oder dachte er nach? Ich meinte zu sehen, wie er seine Chancen abwägte. Was könnte im besten Fall bei all der Anstrengung herauskommen? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Ein Jahr? Und wie würde das aussehen? Er bekam kaum noch Luft. Also Sauerstoffgerät und Rollstuhl. In Spanien könnten sie nicht bleiben. Das Haus war nicht behindertengerecht ausgestattet, die Anstrengung für meine Mutter nicht zumutbar. Zurück nach Deutschland, wo sie nicht gerne lebte? Nein. Es war genug. Und es war nicht schlecht gewesen. Manches sogar sehr gut. Sein Haus war bestellt.

Jeden Tag begleitete ich meine Mutter ins Krankenhaus und schaute meinen Eltern beim Abschied zu, der keiner war. Sie lebten wie zuvor, lachend, streitend, uneins. Als eine Krankenschwester fragte, ob sie den Tropf wechseln solle oder ob meine Mutter das übernehmen wolle, bat er mit einem entschuldigenden Lächeln darum, dass sie, die Schwester, es tun möge, das sei besser so. Er sah in ihr Gesicht. Sie war hübsch. Er lächelte. Meine Mutter glühte vor Wut. Kaum war die Krankenschwester gegangen, verließ sie ohne ein weiteres Wort erhobenen Hauptes den Raum. Er machte keinerlei Anstalten, sie zurückzuhalten. Er war immer gegangen, wann es ihm passte, er gestand es auch jedem anderen zu. Ein Schulterzucken, dann lächelte er mich an, als wollte er sagen, so ist sie nun mal. Ich lief ihr nach. Vor dem Fahrstuhl hielt ich sie an. Vielleicht fasste ich zu fest nach ihrem Arm. Sie riss sich los.

»Du kannst jetzt nicht gehen«, sagte ich.

Ich versuchte so ruhig wie möglich zu sprechen, obwohl ich sie am liebsten packen und schütteln wollte.

»Er stirbt. Du weißt nicht, ob du ihn wiedersehen wirst.«

»Das werden wir schon sehen. Und wenn nicht, dann eben nicht. Was bildet er sich eigentlich ein, mich vor einer Krankenschwester so abzukanzeln? Ich habe seine Arzthelferinnen ausgesucht und ausgebildet, eine nach der anderen. Ich habe auch noch die unbegabtesten durch die Berufsschule gepeitscht, bis sie es begriffen hatten, egal wie störrisch sie waren, ich war immer der Besen, zu ihm haben sie ehrfürchtig aufgeschaut, so viel zur weiblichen Solidarität. Was taten sie nicht alles für ein bisschen Anerkennung vom Chef! Ich habe ihm seine Buchhaltung gemacht, sonst wären wir nämlich pleitegegangen, ich habe seine Launen, sein Schweigen, seine Eigensinnigkeit ertragen, ohne meinen Vater wäre er mit Pauken und Trompeten durchs Abitur gerasselt.« Sie hatte die Sätze in einem Atemzug gesprochen, jetzt holte sie tief Luft: »Und er kommt und lächelt die Schwester an?« Sie schüttelte wütend den Kopf. »Er sagt, machen Sie das bitte? Meine Frau ist zu blöd, zu ungeschickt, zu, ich weiß nicht was, dafür? So eine Unverschämtheit lasse ich mir nicht bieten.«

»Er meint es nicht so.«

»Er meint es genau so.«

Ihre Stimme wurde ruhiger. Vorsichtig versuchte ich es noch einmal. Diesmal ließ sie sich führen. Wir gingen zurück in sein Zimmer. Von der Tür aus sah ich, wie sie an sein Bett trat. Als sie sich über ihn beugte, um seine Stirn zu küssen, nahm er ihre Hand.

Auf der Rückfahrt sprachen wir kein Wort. Zu Hause ging sie ins Bett. In dieser Nacht starb er. Allein. Mir fehlten noch zwanzig Seiten bis zum Ende der Elementarteilchen. Ich habe sie nie gelesen. Er ging ohne Angst. Das war, zum Abschied, sein Geschenk.

Als meine Mutter sich anschickte zu sterben, stand meine Hochzeit bevor. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass der Zeitpunkt schlecht gewählt sei. Zweimal schon hatte ich danebengelegen, und jetzt, jetzt hatte ich endlich die Richtige gefunden, da konnte sie nicht einfach gehen, das musste sie doch einsehen. Etwas mürrisch stieß sie den oberen Teil ihrer Bettdecke von sich, um sich Luft zu verschaffen.

»So Gott will«, sagte sie, ohne durchblicken zu lassen, inwieweit sie überhaupt danach gelüstete, ihn darum zu bitten. Ich stand an ihrem Bett. Nach einem längeren Schweigen sagte ich, wie sehr mich die Bewegungen ihres Lebens beeindruckten. Sie schlug die Decke wieder hoch.

»Ein bisschen weniger Bewegung wäre auch ganz gut gewesen.«

Am Tag vor ihrem Tod rief sie mich an, es war ein Sonnabend. Ihre Stimme klang aufgeregt.

»Sag mal, Knabe, du gehst doch immer in dieses Restaurant, wo die Filmleute und die Politiker hingehen, wie heißt das noch mal?«

»Meinst du das Borchardt?«

»Borchardt, richtig, wie spaaaßig, das gab’s ja schon in meiner Kindheit.«

Machte sie eine Pause, oder wusste sie nicht weiter?

»Ja?«, sagte ich.

»Was?«

»Du sprachst vom Borchardt.«

»Das Borchardt. Ja. Wo ist das?«

»Warum fragst du?«

»Na, ich bin da verabredet, weißt du?«

»Ach, das ist ja schön. Mit wem denn?«, fragte ich, immer noch auf der Hut. Wenn sie mich mit »Knabe« ansprach, bedeutete das selten etwas Gutes.

Es wurde still.

»General Putin.«

»Wer?« Ich musste mich verhört haben.

»General Putin und seine Leute erwarten mich dort.«

»Bist du sicher?«

»Was ist denn das für eine alberne Frage? Natürlich bin ich sicher. Also?«

»Also was?«

»Die Adresse«, sagte sie.

»Wieso bist du denn mit General Putin verabredet? Ist der überhaupt General?«

»Natürlich ist er das. Er ist der oberste General, ja? Der General überhaupt. Und wir sind verlobt. So, jetzt weißt du es.«

»Die Adresse, ja … warte mal …«

Ich dachte nach. Was sollte ich jetzt tun? Sie würde nicht nachgeben. Ich überlegte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, in der Hoffnung, dass sie den Grund ihres Anrufs schnell vergessen würde. Aber mir fiel nichts Passendes ein.

»Das Borchardt.« Sie wurde ungeduldig.

»Ja, natürlich, das Borchardt, entschuldige, warte mal, das Borchardt, das ist in der Französischen Straße, weißt du, in Mitte, da beim Gendarmenmarkt, wo das Konzerthaus ist, das alte Schauspielhaus, von Max Reinhardt, weißt du?«

»Natürlich weiß ich das, was denkst du, wie oft ich da gewesen bin, mit meinem Vater, das wäre ja noch schöner … ich bin doch nicht von gestern.«

»Nein.«

»Die Nummer.«

»Die Nummer … warte mal, das ist die … du, ich muss mal nachschauen, ich rufe dich gleich noch mal an, ja?«

»Nein, ich warte.«

»Gut, dann … ich gehe mal in meinem Adressbuch gucken.«

»Hast du das nicht in deinem komischen Handy?«

An manchen Tagen war sie einfach nicht zu schlagen. Eigentlich vergaß sie mittlerweile alles, aber dann auch wieder nicht. Es gab keine Regel, auch nicht in der über sie hereinbrechenden Nacht.

»Bin gleich wieder bei dir.«

Ich legte den Hörer beiseite und lief im Zimmer auf und ab. Dann griff ich nach dem Telefon.

»Ich habe nur die Telefonnummer, nicht die Hausnummer, ich ruf da mal kurz an, ja? Bis gleich.« Ich wollte auflegen.

»Mach das mit deinem Handy. Ich warte so lange.«

»O.k.«

Jeder, der mich hätte sehen können, hätte wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Mitten in meinem Wohnzimmer zückte ich mein Mobiltelefon und tat so, als würde ich eine Nummer eingeben. Ich wartete.

»Ja, hallo, ist da das Restaurant Borchardt? Ja, bitte verzeihen Sie die Störung, meine Mutter ist mit General Putin verabredet und verspätet sich etwas, würden Sie so freundlich sein … Bitte? – Ah ja … Ach so … und was soll ich meiner Mutter ausrichten? – Ja … ja … natürlich. Und er meldet sich dann wieder? – Gut. Ganz herzlichen Dank für Ihre Mühe. Auf Wiederhören.«

Ich tat, als würde ich auflegen. Dann nahm ich das Gespräch mit ihr wieder auf.

»Also pass auf, General Putin lässt sich sehr entschuldigen, es tut ihm furchtbar leid, aber er musste mit seinen Leuten zum Flugplatz. Dringende Geschäfte, die unaufschiebbar waren. Du kennst ihn. Es tut ihm sehr leid, aber er wird sich in Kürze bei dir melden.«

»Tegel oder Tempelhof?«

»Tegel, Tempelhof ist ja jetzt geschlossen.«

»Ja, aber nicht für General Putin. Er fliegt also von Tegel, ja?«

»Ja.«

»Und ich muss jetzt nicht ins Borchardt?«

»Nein.«

»Ach. Also weißt du, da bin ich jetzt aber wirklich erleichtert. Da bin ich regelrecht froh, muss ich dir sagen.«

»Ja?«

»Ja, weißt du, ich schätze das gar nicht, wenn wir da mit seiner Entourage rumhocken müssen. Man ist dann nicht wirklich frei im Umgang, wenn du verstehst, was ich meine …«

»Vollkommen.«

»Er ist dann oft so förmlich, weißt du, weil, du weißt, er ist ja um einiges jünger als ich. Und darüber wird hinter seinem Rücken gerne geredet.«

»Du meinst, wie bei deiner Mutter und Tomás?«

»Das war doch etwas vollkommen anderes. Vollkommen. Jedenfalls bin ich froh, dass ich da nicht hinmuss. Den ganzen Vormittag habe ich überlegt, welches Kleid ich nun anziehen soll. Und damit ist jetzt Schluss. Mach es gut, mein Junge, gehab dich wohl.«

Am nächsten Tag war sie tot. Es war ein Sonntag.

An Sonntagen blieb in meiner Kindheit die Zeit stehen. Die Eltern allein bestimmten ihren Lauf. Eine Reise nach Jerusalem, zwischen Anfang und Ende. Die Musik spielte, alle Stühle waren besetzt, nur ich rannte und rannte und rannte im Kreis um sie herum. Die Musik brach ab. Umgeben von Jean, Iza, Tomás, Lola, Robert, Hannes, Mimi, Mopp, Cesja, Max, Erich, Kläre, Walter und Ada, ragten meine Eltern hinein in die Stille. Kein Stuhl war mehr frei. Ich sprang dazwischen. Und von dort hinauf. Hinauf auf den Apfelbaum.