28

LETZTE WARNUNG

Geht zurück, solange es nicht zu spät ist!

Deutsche Soldaten!

Ihr seht selbst: nach der Katastrophe von Stalingrad hat Euer Hitler im Sommer die Entscheidungsschlacht verloren. Damit hat er den Krieg verloren. Ihr fühlt es selbst: es ist höchste Zeit, daß Ihr nach Hause zurückgeht.
Warum klammert Ihr Euch dann so sinnlos an unseren Boden?
Warum opfert Ihr Euch für nichts und wieder nichts?
Ihr bildet Euch ein, Ihr rettet Deutschland, indem Ihr ein Stück russischen Territoriums haltet.

WIR WARNEN EUCH:

Damit rettet Ihr Deutschland nicht, sondern richtet es zugrunde.

Wir brauchen Euer Deutschland nicht, aber wir brauchen unser Rußland –

und das bis zum letzten Dörfchen.

Otto entfernte vorsichtig das Flugblatt. Russische Truppen hatten es offenbar über dem Heer abgeworfen. Es klebte zwischen dem blutdurchtränkten Hemd und der Jacke des Soldaten.

»Bauchdurchschuss.«

Er musste schnell handeln. Er hatte sein Handwerk an der Front erlernt, in den leer gefegten Landschaften russischer Schlachtfelder, in den unter Kiefern- und Birkenzweigen notdürftig versteckten Zelten, die seine Sanitätskompanie in einem Wäldchen auf durchweichtem schwarzem Boden aufgeschlagen hatte, nah am Kampfgeschehen, um die Verwundeten schnell genug operieren zu können.

Ein Bauchschuss, der erst nach vielen Stunden versorgt wurde, ließ dem Patienten kaum eine Chance. Entweder er starb während der Operation, oder er überlebte den Weitertransport nicht, das wusste Otto. Mit fliegenden Händen machte er sich an die Arbeit. In der Ferne ratterte das Artilleriefeuer. Als er die Uniform aufgeschnitten hatte, war er kurz an dem Orden hängen geblieben. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Er war kein Soldat. Er war Arzt. Er wusste, dass es nicht stimmte, aber es half ihm. Es beruhigte sein Gewissen, ließ ihn im Schlaf genügend Kraft finden, um weiterzumachen. Er glaubte an die Sinnhaftigkeit seiner Existenz, auch wenn es ihm mit jedem Schnitt in halb tote Körper schwerer fiel. Dieselben Gesichter, die wenige Minuten zuvor voller Entschlossenheit tötend durch feindliches Gelände trieben, wurden in Sekundenbruchteilen aus dieser Bahn auf sich selbst zurückgeworfen, wenn ein Geschoss sie traf. Gerade noch ein Held, im nächsten Augenblick ein verwundetes Kind, hilflos und fremd.

Eine Stunde später schreckte Otto aus seinem Kurzschlaf hoch. Sein Zelt war voller Fliegen. Mücken hatten ihn zerstochen, es juckte höllisch. Er schälte sich aus seinem Feldlager. Den Kopf in die Hände gestützt, dachte er nach. Hannes. Der Name war mit einem fremden Kopf, auf einem fremden Körper durch seine Träume gegeistert. Wie war das passiert? Er versuchte sich an Salas Gesicht zu erinnern. Nur der Name war gefallen. Hannes. Sonst nichts. Keine Geschichte. Keine Beschreibung. Mit so etwas täte man sich nur weh. So oder anders hatte sie es gesagt. Nein, dass er Journalist war, das wusste er auch. DPA-Chef. Eher unwahrscheinlich, dass er irgendwann in diesem Krieg auf seinem Tisch landen würde und er ihn zusammenflicken müsste. Andererseits, wenn er Kriegsreporter wäre … dann wäre er wohl kaum Chef der Deutschen Presseagentur. Wahrscheinlich kam er aus einem besseren Stall als er. Das könnte den Ausschlag gegeben haben. Auf jeden Fall machte es einen Unterschied. Hin und wieder hatte sich Sala über seine mangelnde Kultur beklagt. Es war ihm bewusst. Er konnte lesen, so viel er wollte, er blieb in dieser Welt ein Fremder. Journalist. Jean schrieb auch gelegentlich für die Zeitung, meist für einen Hungerlohn. Da würde er nach dem Krieg als Arzt schon besser verdienen. Einmal hatte Jean gesagt, dass ihm zum Erfolg im Zeitungswesen die Frechheit gefehlt habe. Der Gegner war also erfolgreich und frech. Unterschätze nie deinen Gegner, das war die wichtigste Lektion im Ringverein gewesen, der erste Satz von Egon nach seinem ersten verlorenen Kampf. Danach hatte er nur noch gesiegt. Er würde ihn nicht unterschätzen. Diesen Fehler würde er nicht machen. Wo mochte der verfluchte Kerl jetzt sein? Durch seinen Beruf war er klar im Vorteil, er musste nicht in den Krieg. Wahrscheinlich bekam er für alle möglichen Veranstaltungen Freikarten. Konzerte, Theater, Oper, und zwar in Kriegszeiten. Sala liebte das Theater. Ihm war diese Welt verschlossen geblieben. Er wollte keinen fremden Leben lauschen, sein eigenes war laut genug. Wie er wohl aussah? Wahrscheinlich volles Haar. Sala hatte so merkwürdig auf seine Glatze gestarrt. Immer wieder war ihr Blick daran hängen geblieben. Wieso hatte sie behauptet, er würde nun viel besser aussehen? Wen wollte sie damit überzeugen? Ihn oder vielleicht doch sich selbst? Eifersucht war eigentlich etwas durch und durch Unwürdiges. Er betrachtete sie als albern, geradezu kindisch. Sala traf keine Schuld. Er war nicht da gewesen. Der Krieg hatte sie getrennt. Von vielen Kameraden kannte er solche Geschichten, manche weitaus schlimmer, schließlich liebte sie ihn noch. Sie hatte sich für ihn entschieden, glaubte er verstanden zu haben. Andere waren mit ein paar Zeilen abgespeist worden, einem Brief, der erstaunlich schnell seinen Adressaten an der Front erreichte. Manche vergruben sich danach in Selbstzweifeln, andere liefen klagend durch die Gegend, vernachlässigten ihre Aufgaben, was besonders nachts gefährlich werden konnte, im Schützengraben. Jammerlappen, die eine ganze Kompanie durch ihren Liebesschmerz gefährdeten.

Nein. So etwas war kategorisch abzulehnen. So wichtig durfte der Einzelne sich und seinen Kummer nicht nehmen. Er entschloss sich, im Krieg die Ursache für sein Unglück zu sehen, obwohl ihn das auch keine Ruhe finden ließ.

29

Bereits zum dritten Mal in Folge musste Sala sich an diesem Morgen übergeben. Was hatte sie denn gegessen? Eigentlich kannte sie keinerlei Unverträglichkeit. Mopp sah sie schief lächelnd an.

»Auf was hast du denn Lust?«

»Wie meinst du das?«

»Was würdest du gerne essen? Oder hast du gar keinen Hunger?«

Sala sah sie unverwandt an. Worauf wollte die Freundin hinaus?

»Also, wenn du keinen Hunger hast, dann hast du dir den Magen verrenkt oder vielleicht Liebeskummer, und wenn du Lust auf alles Mögliche hast, mal süß, mal sauer, in einem Moment Kuchen, im nächsten Gurken, dann bist du schwanger.«

»Nein.«

»Nein, was?«

»Das darf nicht sein.«

Sala schossen die Tränen in die Augen. Sie wusste augenblicklich, dass Mopp den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Sie war schwanger. Seit Tagen war sie mit einem komischen Gefühl durch die Gegend gelaufen, in einem Moment himmelhoch jauchzend, im nächsten zu Tode betrübt. Sie war verwirrt, verzettelte sich oder vernachlässigte ihre Pflichten. Zuerst glaubte sie, die so unerwarteten und kurz aufeinanderfolgenden Wiederbegegnungen mit Hannes und Otto könnten sie überfordert haben. Aber nachdem Mopp die unangenehme Wahrheit ausgesprochen hatte, gab es für Sala keinen Zweifel mehr. Die anstehende Untersuchung war eine reine Formsache. Sie kannte das Ergebnis, schlimmer noch, sie fühlte es bereits. Ihre Regelblutung war ausgeblieben. Auch das war in ihrem Fall ungewöhnlich. Sicher gab es einige Frauen, bei denen so etwas häufiger vorkam, aber nicht bei ihr. Weder Gurs noch die ersten Bombenangriffe hatten daran etwas ändern können. Sie hatte es sich nur nicht eingestehen wollen. Warum hatte sie ihrem Gefühl nicht getraut? Es hatte ihr geraten, Hannes auf Distanz zu halten. Sie erschrak. Wieso Hannes? Warum dachte sie zuerst an ihn? Otto war der Vater. Nein, um Gottes willen, es ging nicht, sie durfte jetzt kein Kind bekommen, nicht in diesen Zeiten, nicht in ihrer Situation. Und wenn der Pass, den ihr die Wolffhardts besorgt hatten, aufflog? Alles war überraschend schnell gegangen. Geradezu problemlos. Ein Kind. Die Geburt würde gemeldet werden, sie müsste den Namen des Vaters angeben. Wenn sie ihre wahre Identität herausfänden, würde man sie der Rassenschande bezichtigen. Egal wer der Vater des Kindes sein mochte, das Kind würde man ihr wegnehmen, es käme in ein Heim oder zu kinderlosen arischen Eltern, wenn die einen »jüdischen Bastard« überhaupt nähmen. Oder sie würden Mutter und Kind in ein Lager stecken, irgendwo in Polen, wohin auch die Juden aus Gurs transportiert worden waren. Bisher war niemand aus diesen Lagern zurückgekehrt.

»Was mache ich jetzt?« Sie sah Mopp verzweifelt an.

»Willst du’s behalten?«

Sala schlug schluchzend die Hände vors Gesicht. Alles, was sie bisher erlebt hatte, verblasste vor dieser Frage. Wie sollte sie eine Entscheidung über ein fremdes Leben treffen? Was würde dieses Kind in dieser Welt erwarten außer Hunger, Angst und Vernichtung? Sie war nicht mehr allein, endlich, nein, es war viel schlimmer, wie sie sich auch entscheiden würde, etwas daran würde immer falsch sein. Einsamer als jetzt konnte man nicht sein. Sie sah lange in Mopps fragendes Gesicht. Langsam schüttelte sie den Kopf. Mopp nahm ihre Hand.

»Ich hör mich mal um.«

Am Abend kam Mopp zu ihr.

»Wie geht’s dir?«

»So lala.« Sala versuchte zu lächeln.

»Du kennst doch die Patientin auf Zimmer elf im ersten Stock.«

Sala nickte.

»Ihr Mann ist Professor für Gynäkologie, war früher bei uns, weiß nicht, wo er jetzt arbeitet, aber so einer könnte dir helfen.«

Sala sah sie fragend an.

»Der ist über jeden Zweifel erhaben, verstehst du?«

»Ein Nazi?«

»Der würde sich für seinen Führer den rechten Arm mit links amputieren und dabei noch Blondi füttern.«

»Du bist verrückt.«

»Red mal mit der Frau. Sie ist nett. Aber beeil dich, lange macht sie’s nicht mehr. Darmkarzinom, hat schon überall gestreut.«

Am nächsten Morgen schob Sala den Frühstückswagen in das Zimmer mit der Nummer elf.

»Guten Morgen, Frau Professor Diebuck, ich bin Ihre neue Krankenschwester, mein Name ist Christa.«

Erika Diebuck war vor einigen Wochen als einzige Patientin in ein Einbettzimmer verlegt worden. Eigentlich gab es solche Zimmer gar nicht. Die kriegsbedingte Überlastung ließ es nicht zu. Es kostete Sala große Überwindung, diese Ungerechtigkeit zu schlucken, aber was sollte sie tun? Die Frau in dem Bett war laut Bericht siebenunddreißig Jahre alt, wirkte aber um vieles älter. Die Krankheit hatte ihr Gesicht ausgehöhlt. Die abgemagerten Arme lagen schlaff über der Bettdecke. Sie versuchte sich aufzurichten.

»Lassen Sie den Titel weg, er gehört meinem Mann, ich lege keinen Wert auf so etwas.«

Sala schob ihr das Kissen in den Rücken, rückte das Tablett zurecht und begann die Patientin vorsichtig zu füttern.

»Wie geht es Ihnen heute?«

»Gut.«

Sie lag im Sterben, das würde selbst ein medizinischer Laie erkennen, und antwortete auf die Frage nach ihrem Befinden mit einem einfachen Wort: gut. Sie beschwerte sich nicht über das Essen, klagte nicht über die unzureichende medizinische Versorgung und jammerte nicht über den Krieg oder die rücksichtslosen Terrorangriffe der Alliierten, wie alle anderen Patienten es taten. Wie mochte wohl ihr Mann aussehen? Diese Frau sprach für ihn. Wie war es möglich, dass sich jemand mit diesem menschenverachtenden System identifizierte, ohne seine Würde zu verlieren? Oder traf das nicht auf sie zu? Aber sie lebte doch mit so einem Menschen zusammen, war Tag für Tag neben ihm aufgewacht, um ihn auf seinem Weg in diese schwarze Hölle zu begleiten. Wie konnte ein Arzt, noch dazu ein Gynäkologe, der wie jeder Arzt den Schwur geleistet hatte, Leben zu erhalten, es mit sich vereinbaren, ein ganzes Geschlecht als unwert zu bezeichnen?

»Haben Sie Kinder, Frau Diebuck?«

»Leider nein. Als mein Mann nach eingehenden Untersuchungen diese Realität akzeptieren musste, fürchtete ich sehr, er würde mich verlassen. Er hat es nicht getan. Merkwürdigerweise hat es seine Liebe zu mir gefestigt. Bei mir musste alles raus. Uterus. Totaloperation. Wissen Sie, ich fühlte mich damals vollkommen wertlos. Jürgen hat mir meine Würde zurückgegeben. Als Mensch – vor allem aber als Frau.«

Sie machte eine Pause. Ein Leuchten ging durch ihr Gesicht. Sala reichte ihr eine Tasse Tee.

»Seltsam. Ich habe bisher mit niemandem darüber gesprochen. Wir kennen uns nicht, aber Sie sind ein besonderer Mensch. Das habe ich schon daran gespürt, wie Sie die Tür geöffnet haben. Sie achten den anderen.«

So hatte noch niemand mit Sala gesprochen. Ihr Vater nicht, Hannes nicht und auch nicht Otto.

»Haben Sie denn Kinder?«, fragte Erika nun.

Sala errötete.

»Nein.«

»Möchten Sie welche?«

Sala erschrak.

»Wahrscheinlich eine dumme Frage. Jede Frau träumt davon, nicht?« Erika Diebuck lächelte.

»Und wenn sie es nicht tut?«

Erika sah sie lange an, als müsste sie ihre Antwort sorgsam abwägen.

»Ach«, sagte sie schließlich.

Den Rest des Tages erlebte Sala wie in einem Dämmerzustand. Die Übelkeit war verflogen. Am Abend wurde sie zum Chefarzt gerufen. Er bot ihr höflich einen Stuhl.

»Bitte nehmen Sie Platz, Schwester Christa.«

Bei jeder Visite war sie Luft für ihn gewesen. Was konnte er jetzt bloß von ihr wollen?

Sie sah ihn vorsichtig abwartend an.

»Wie fühlen Sie sich bei uns?«

»Sehr gut, Herr Professor.«

»Das freut mich, die Zeiten sind hart, da hält nicht jede den Kopf so hoch wie Sie.«

Den Kopf so hoch? Hatte sie etwas falsch gemacht? Was wollte er damit andeuten?

Er war kein Freund von Dr. Wolffhardt gewesen. Das war ein offenes Geheimnis. Seinen Tod hatte er nicht kommentiert, war vielmehr kalt schweigend darüber hinweggegangen.

»Ich will nicht lange um den heißen Brei reden …«

Sie war entlassen. Oder noch schlimmer. Jemand war ihr auf die Spur gekommen. Erika Diebuck? Dieses stille Lächeln, als sie sie nach ihrem Kinderwunsch fragte, es konnte genauso gut Hass gewesen sein. Die Frau eines berühmten Gynäkologen, die keine Kinder gebären konnte, lag sterbend vor einer jungen Frau, einer schwangeren jungen Frau, noch dazu einer Jüdin. Sie zuckte bei dem Gedanken zusammen. Nun hatte sie selbst sich auch noch zur Jüdin gemacht, hatte die rettende Hälfte ihres Ichs einfach ausgelöscht.

»Der geschätzte Kollege Diebuck hat mich am Nachmittag angerufen. Er wird morgen seine Frau besuchen und möchte Sie kennenlernen.«

»Gern.«

Der Chef begleitete sie zur Tür.

»Der Kollege Diebuck leitet kriegswichtige Forschungen in Leipzig-Dösen. Lassen Sie sich nicht abwerben. Wir brauchen gute Kräfte in dieser Zeit.«

Er zwinkerte ihr zu.

Auf dem Rückweg blieb sie draußen stehen. Über ihr der Mond, wie damals in Gurs. Sie lenkte ihre Füße zur Hauptstraße. Sie musste laufen. Sie brauchte Luft, um zu denken. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Der Vers tanzte durch ihren Kopf, lud sie ein, sich weiter zu entfernen, hinaus, wenn es sein musste, hinüber, auf die Seite des Feindes.

Als Sala in ihr Zimmer schlich, schlief Mopp bereits. Sie setzte sich zu ihr. Sanft fuhr sie über ihren haarlosen Kopf. Was wäre sie ohne diesen Kopf? Wo immer die Seele sein mochte, bei ihrer Freundin strahlte sie hier, eingefangen von ihrem Lächeln, verborgen hinter der Stirn.

Rücklings auf ihrem Bett, ging ihr Blick in den Himmel. Wie oft hatte sie so dagelegen, wie oft den Blick durch ein Dach hindurch zu den Sternen geschickt? Wenn es den Teufel gab, und es gab ihn in vielerlei Gestalt, dann gab es auch einen Gott. Nur durch das eine wurde das andere glaubhaft. Sie legte die Hände schützend auf ihren Bauch. Leise rief sie »Otto« in die Nacht. Ja, wenn es ein Junge werden sollte, und das wünschte sie sich, dann würde sie ihn Otto nennen. Sie würde ihn taufen lassen, damit er nie um sein Leben fürchten müsste und damit er so klug und stark werden würde wie sein Vater.

Prof. Dr. Jürgen Diebuck war ein stattlicher Mann. Klarer Blick, fester Händedruck. Nur das wässrig schimmernde Blau seiner Augen verursachte Sala ein vages Unbehagen, für das sie keine befriedigende Erklärung fand. Nach der etwas förmlichen Begrüßung begleitete er sie zum Zimmer seiner Frau. Er trat an ihr Bett, beugte sich über sie, küsste sanft ihre Lippen. Sala war in gebührendem Abstand zurückgeblieben. Bei dem Gedanken, ebender Mann, der jetzt so liebevoll nach seiner sterbenden Frau sah, könnte vielleicht in der Kinderklinik in Leipzig-Dösen geistig kranke Kinder zu Tode spritzen, zumindest aber ihren Tod im Namen eines verrückten Volkes verordnen, sträubte sich alles in ihr. Wie sollte sie die Hilfe eines solchen Ungeheuers annehmen? Verwirrt folgte sie den Gesten, den Blicken, mit denen sich diese beiden Menschen begegneten. Von Angesicht zu Angesicht, dachte sie. Konnte ein Mensch lieben und zugleich gefühllos töten? Wie mochte er so etwas rechtfertigen? Nein. Das war ganz und gar unvorstellbar. Als Erika ihr über seinen Rücken zulächelte, drehte er sich um.

Der Chefarzt hatte ihnen sein Büro zur Verfügung gestellt. Innerhalb von zwei Tagen war sie nun schon zum zweiten Mal hier. In der Höhle des Löwen, dachte Sala gestern noch, heute kam es ihr hier schon beinahe vertraut vor. Die Sekretärin servierte einen Tee und verschwand. Jetzt erst bemerkte Sala die Regale voller Fachliteratur. Der Name Jürgen Diebuck glänzte auf mehreren Buchrücken. Der Professor schien es zu ignorieren, wie ein Mann, der es gewohnt ist, von seiner eigenen Aura umgeben zu sein.

»Meine Frau schätzt Sie sehr. Verzeihen Sie, wie war Ihr Name?«

»Schwester Christa.«

Er nickte abwesend.

»Darf ich Christa sagen?«

»Natürlich, Herr Professor.«

»Sie haben als Schwesternschülerin hier angefangen. Frau Wolffhardt hat Sie aufgenommen?«

»Jawohl, Herr Professor.«

Er blätterte durch die Unterlagen.

»Tragischer Tod, sagt man. Auch ihr Mann ist bei dem Bombenangriff ums Leben gekommen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Also?«

»Ich war … ich habe eine Ausbildung als Dolmetscherin in Spanien und in Frankreich absolviert.«

»Irgendwelche Zeugnisse?«

»Ich habe das Studium abgebrochen, weil ich mich in einen Arzt verliebt habe. In einen deutschen Arzt«, fügte sie schnell hinzu. »Wir möchten uns eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Deswegen die Umschulung.«

»Und warum gerade hier? Sind Sie hier aufgewachsen? Haben Sie vorher in Leipzig gelebt?«

Er musterte Sala kühl und präzise.

»In Ihren Unterlagen steht, dass Sie in Russland geboren wurden.«

»Ja?«

»Ja?« Er lächelte.

»Nein, ich meine, warum fragen Sie?«

»Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Das erspart uns beiden Unannehmlichkeiten. Würde ich Ihre Papiere prüfen lassen, würden sie sich wohl als gefälscht erweisen, nicht wahr?«

Sala sah ihn schweigend an.

»Sie müssen sich dazu nicht äußern. Diese Vorgehensweise ist weder neu noch besonders originell. Die Fälscher versuchen auf diesem Weg einer unmittelbaren Nachfrage bei den örtlichen Behörden zu entgehen, verstehen Sie?«

Sala rührte sich nicht.

»Wie gesagt, wir wollen offen miteinander reden. Ich nehme an, dass Sie aus anderen Gründen in Frankreich oder Spanien waren. Offen gesprochen …« Er beugte sich vor, der scharfe Geruch seines Rasierwassers wehte Sala an. »Offen gesprochen …« Er machte eine selbstverliebte Pause. »… ich glaube, dass Sie Jüdin sind.«

Sala wusste, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Es war vorbei. Für einen Moment fühlte sie eine tiefe Erleichterung. Undeutlich vernahm sie die Stimme des Professors.

»Haben Sie sonst noch etwas zu verbergen?«

Ob sie etwas zu verbergen hatte. Beinahe musste sie lachen. Was mehr konnte man verbergen als die eigene Existenz? Dann fühlte sie eine ungeheure Wut in sich aufsteigen. Ihr Kopf schoss hoch. Die Adern traten an Hals und Schläfen hervor. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

»Ich bin schwanger«, schrie es aus ihr heraus.

Der Professor zuckte zurück. Erschrocken flog sein Blick zur Tür, zum Fenster und wieder zur Tür.

Pack ihn! Los, drück ihm die Kehle zu, und dann geh in aller Ruhe raus. Die Treppen runter, aus dem Gebäude hinaus, runter zur Hauptstraße und dann renn, renn um dein Leben und um das Leben deines Kindes.

Aber wohin? Mit einem Mal verließ sie alle Kraft.

»Ich kann Ihnen helfen«, hörte sie ihn plötzlich sagen.

»Ich will das Kind nicht.« Ihre Worte hallten dumpf in die Stille.

»Auch dabei kann ich Ihnen helfen.«

Sala sah ihn an. Er wirkte unsicher. In seinem Blick lag jetzt etwas Flehendes. Hatte sie sich verhört?

»Sehen Sie, Christa oder wie auch immer Sie heißen, das alles hier ist nicht mehr von langer Dauer.«

Sala sah ihn überrascht an.

»Sie meinen das Leben Ihrer Frau?«

»Das wohl leider auch.«

»Sie lieben sie sehr.«

Er nickte.

»Wir kennen uns, seit wir Kinder waren. Ich habe immer gewusst, dass ich sie heiraten werde. Es waren wunderschöne Jahre. Und dann …« Sein Blick ging zum Fenster hinaus.

»Das alles ist ein einziger Irrtum.«

Sie schwiegen.

»Helfen Sie meiner Frau, ich bitte Sie darum. Sie mag Sie. Schenken Sie ihr noch ein paar gute Stunden, ein paar Tage vielleicht oder Wochen. Dann helfe ich Ihnen. Und wenn Sie meinen Rat wollen, den Rat Ihres Feindes: Kriegen Sie Ihr Kind. Diese Welt ist kaputt genug.«

In seine letzten Sätze mischte sich ein neuer Ton.

»Ganz offen: Wenn das hier vorbei ist, brauche ich jemanden, der Gutes über mich sagt. Es wäre ein Tauschgeschäft, von dem wir beide profitieren würden.«

Sala senkte ihre Stirn. Ihr Atem ging ruhig.

»Darf ich mir Bedenkzeit ausbitten?«

»Eine Stunde.«

Sala nickte.

Der Professor begleitete sie zur Tür. Als sie ging, sagte er in ihrem Rücken:

»Vergessen Sie nicht, noch geben wir den Ton an. Auch wenn Sie mich schwach gesehen haben, vergessen Sie das nicht!«

Sie musste raus. Eine Stunde. Sie überquerte den Hof, lief die Straße hinunter, entlang der Gleise der stillgelegten Elektrischen, vorbei an den Trümmerlandschaften, beschleunigte ihren Schritt, laufen, einfach laufen, bis der Kopf zur Ruhe kommt, bis sie zwischen den Ruinen eine Antwort fände.

Vögel flogen durch ausgebombte Fenster. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hatte mehr erlebt als andere mit fünfzig. In ihr wuchs ein Leben. Dieses ungeborene Leben wollte sie schützen, endlich gab es etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Ein Kind. Vielleicht ein Junge? Es war zutiefst unvernünftig. Alles sprach dagegen. Nichts konnte ihr gefährlicher werden als ein neugeborenes Kind. Aber sie wären zu zweit. Während die feindlichen Bomben flächendeckend über Deutschland abgeworfen wurden, um diesen Wahnsinn zu zerstören, um Menschen wie sie zu schützen und zu befreien, würde in wenigen Monaten ein Wesen um ihre Hilfe schreien. Sie schwor sich, dass sie es nicht im Stich lassen würde.

30

Nachts war das im Wald versteckte Zeltlager umstellt worden, Widerstand war zwecklos. Es war kein einziger Schuss gefallen. Sie waren Gefangene der Roten Armee.

Seit drei Tagen marschierten sie in glühender Kälte. Einige waren entkräftet zusammengebrochen. Ein Rotarmist war herbeigesprungen. Ein Schuss ins Genick und weiter. Besser, als liegen zu bleiben, bis man verreckte, erfroren oder bei lebendigem Leib von herumstreunenden Tieren gefressen wurde. Immer wieder versuchte Otto, seine verdurstenden Kameraden davon abzuhalten, das Eis aufzukratzen und von dem schlammigen Boden zu trinken. Vor Schmerzen wimmernd starben sie wenige Stunden später unter krampfartigen Durchfällen. Nachdem der erste Schock überwunden war, begannen die Überlebenden heftig zu fluchen. Die aufgestaute Frustration über den drohenden Zusammenbruch des Reichs brach aus ihnen hervor.

Ein Kind. Sala hatte geschrieben, es würde bestimmt ein Junge. Ein Sohn. Sie würde ihn Otto nennen. Wie sein Vater. Wie sein Großvater. Seine Füße waren wund gelaufen. Er spürte sie nicht mehr. Auch der Hunger hatte nachgelassen. Seinen Wasserverbrauch rationierte er streng. Zwischendurch trank er seinen Urin. Der unangenehme Eigengeschmack war bald neutralisiert. Man gewöhnte sich an alles, nur nicht an den Gedanken, ein Gefangener zu sein.

Es hieß, sie kämen in ein Lager in der Nähe von Rostow. Dort müssten sie dann in den Wäldern arbeiten. Bei diesem Winter würden sie schneller sterben als die Fliegen, die ihnen noch vor Kurzem das Leben schwer gemacht hatten. Otto versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, ein Kind in den Armen zu halten.

Nachts lauschte er den Liedern der Rotarmisten. Wenn er nicht schlafen konnte, versuchte er, mit den Wachen ins Gespräch zu kommen. Man verständigte sich mit Händen und Füßen. Ein Kamerad sprach ein paar Brocken Russisch. Otto schnappte begierig nach jedem neuen Wort. Immer wieder dachte er daran, nachts zu türmen. Wenn ihm die Flucht gelingen sollte, würde ihm seine Muttersprache schnell zum Verhängnis werden. Um bis nach Deutschland durchzukommen, würde er sich wie ein russischer Arbeiter kleiden müssen oder wie ein Bauer. Und er würde ihre Sprache beherrschen müssen. Akzentfrei.

Er mochte den Klang, die dunkle, melancholische Färbung. Die Soldaten klopften ihm lachend auf die Schulter, wenn er sich radebrechend zu ihnen ans Feuer setzte. Er beobachtete sie beim Durakspiel, erlernte schnell die Regeln und kämpfte sich verbissen durch. Anfangs war er regelmäßig der Durak, der Dummkopf, der es nicht schaffte, sich gegen die Angriffe seines Nachbarn zu verteidigen. An den schlitzohrigen Blicken erkannte er langsam, dass das Schummeln Teil dieses Spiels war, es ging darum, den Gegner zu demütigen. Die jeweils höhere Karte war Trumpf. Man schlug seinen Nachbarn, konnte sich dabei mit anderen verbünden und musste so schnell wie möglich seine Karten loswerden. Wer am Ende übrig blieb, war der Durak. Vor allem aber lernte er schnell die verschiedenen Flüche kennen, die die Soldaten jedem Satz ein- bis zweimal beiläufig untermischten. Es war wie damals, in seiner Kindheit und Jugend, er war wieder der Schwächste. Aber er hatte ein Ziel, er wollte nicht mehr lange der Durak sein.

Wieder mussten sie zwei Kameraden zurücklassen. Sie schauten apathisch weg, als die Schüsse fielen. Erst starb die Achtung, dann die Aufmerksamkeit. Man sah den Tod des anderen nicht mehr. Die Kräfte schwanden. Taub wankten sie weiter. Ihr Hass verwandelte sich in Gleichgültigkeit.

Und wenn das Kind nicht von ihm war? Er hatte nicht mehr an Hannes gedacht. Jetzt war er wieder da. Mitten im Kartenspiel stand er plötzlich vor ihm und rief: »Durak!« Otto starrte ihn an. Seine Stirn zog sich zusammen. Er wollte auf ihn zuspringen, ihm sein Gewehr entreißen, ihm mit dem Kolben den Schädel zertrümmern. Er wollte ihn an der Gurgel packen, zudrücken, bis der Kehlkopf knackte. Er wollte ihm seine Faust in den Rachen schieben, seine Zunge rausreißen, ihn durchs Feuer schleifen, bis er in den Flammen erstickte.

»Durak.«

Dieser Mann, der ihm lachend gegenüberhockte, konnte nicht Hannes sein. Er war ein russischer Soldat. Ein Feind. Aber nicht sein Feind. Er lachte ihn aus. Es war ein Spiel. Otto bezwang seine Wut. Er durfte sich hier nicht gehen lassen. Er war in Gefahr. Wie oft hatte er in diesem Krieg gesehen, dass Menschen sich aus Angst selbst verstümmelten. Die Angst war der gefährlichste Feind eines Soldaten. Sie richtete sein Handeln gegen ihn selbst. Otto sah seinen Gegner an. Er lächelte, warf seine Karten in die Mitte, griff nach dem Spiel.

»Neues Spiel, fick deine Mutter.«

Die Soldaten grölten vor Freude.

»Fick deine Mutter. Fick deine Mutter.«

Bald würde er kein Durak mehr sein.

Hunger. Die Schwachen starben in den ersten Tagen. Die anderen tauschten begierig Rezepte aus, entwarfen in langen Reden kunstvolle Menüs, labten sich an den Bildern, die der jeweilige Redner in ihren Köpfen entstehen ließ.

»Filet, so nennen es die Franzosen, wir sagen Lendenbraten, die Österreicher Lungenbraten, und beim Schwein heißt es Jungfernbraten, das ist dieser keulenförmige Muskelstrang unterhalb der Lende, einer auf jeder Seite. Das Fleisch ist so unvergleichlich zart und saftig, weil das Tier, diesen Muskel kaum bewegt.«

Der Kerl war baumlang. Stand er vor ihnen, glaubte man, er könnte seine Beine über eine Felsschlucht spannen. Die Gefangenen hingen an seinen Lippen. Man sprach nicht mehr über Frauen, man sprach über das Essen. Mit seinen prankenartigen Händen demonstrierte Herbert, wie er in Friedenszeiten auf dem Hof seiner Eltern Rinder und Schweine zerlegt hatte. Der Familienbetrieb belieferte alle umliegenden Metzgereien. Auch während des Krieges mussten sie nicht hungern.

»Beim Rind schlachten wir der Länge nach. Dabei entstehen zwei symmetrische Hälften, die wir in Vorderviertel und Hinterviertel abstechen. Vorderkeule, Rücken, Lappen, Hinterkeule. So was nennt man Grobzerlegung.«

»Meine Mutter hat sonntags Rinderbraten gemacht und dazu Stampf. Der dampfte noch, wenn er auf den Tisch kam«, sagte ein Spindeldürrer. Er mochte vielleicht zwanzig sein, sah aber aus wie ein frühzeitig vergreistes Kind.

»Mit was für einer Soße? Du musst die Soße beschreiben, sonst kann man sich’s nicht richtig vorstellen«, sagte sein Nachbar.

»Na, die Soße, die, weiß nicht, die hat ja meine Mutter gemacht, also die war … so … braun, glaube ich.«

»Mann, bist du irre?« Die Augen des Nachbarn traten aus seinem hageren Gesicht hervor. »Erzählst hier was von Rinderbraten, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft, und dann geht’s nicht weiter? Ich polier dir gleich die Fresse, nur mal so als Gedächtnisstütze.«

Der Junge rührte sich nicht. Stumpf starrte er vor sich hin. Sein Gesicht wirkte wie eine leere Stube, in der jemand das Licht ausgeknipst hatte.

Ein Dicker, dessen Haut unter dem Kinn beim Reden wie ein alter Lappen hin und her wackelte, sprang ihm zu Hilfe.

»Man nimmt dafür das Fleisch aus der Keule. Schön mit Salz einreiben, pfeffern und dann mit Butter von allen Seiten kurz und scharf anbraten, dann ziehen sich die Poren schön zusammen, und das Fleisch bleibt innen saftig.«

Stöhnende Laute und Seufzer wurden ausgestoßen. Der Dicke hatte sein Publikum gefunden und fuhr mit leuchtenden Augen fort.

Es war wichtig, nach jedem Detail zu fragen, gerne wurden auch verschiedene Varianten diskutiert, um den Vorgang in die Länge zu ziehen. Niemand wollte dieses gemeinsame Essen vorzeitig beenden, wieder allein dasitzen, von Hunger gequält, einsam und verlassen, ohne Familie, ohne Mutter.

»Also erst mal die Rindermarkknochen im kalten Wasser aufsetzen und schön zum Kochen bringen. Die Brühe abschäumen, dann fünf Minuten kochen lassen. Du gibst anschließend ordentlich Kochrindfleisch dazu, geschnipseltes Suppengemüse. Salz, Pfeffer, Wacholderbeeren drüberstreuen und bei schwacher Flamme zwei bis drei Stunden köcheln lassen. Und nicht vergessen, zwischendurch immer wieder schön abschäumen. Dann nehmt ihr das Fleisch heraus, würfelt es als Suppeneinlage, könnt ihr aber auch anders verwenden …«

Tosender Applaus. Im Hintergrund schüttelten die Russen den Kopf.