23
Oloron stand auf dem Bahnhofsschild bei Gurs. In abblätternden Lettern. Der von den Pyrenäen herabfallende Wind schlug einem die Kälte ins Gesicht.
Den ersten Wagen hörten sie nicht. Langsam rollte er bis zur Mitte des Lagers. Die schwarz uniformierten Beamten der Police nationale stiegen schweigend aus. Kurz darauf rollte der zweite Wagen heran. Insgesamt waren es vier. Madame Frévet trat mit einer Trillerpfeife an das Ende des mittleren Barackengangs. Auf ihr Signal traten alle internierten Jüdinnen aus ihren Baracken. Wer nicht Jude war, wurde aufgefordert, in seine Baracke zurückzukehren. Manche brachen in Tränen aus, andere schritten mit stoischer Miene zu den Lastwagen. Die Schwarzen halfen ihnen, wie bei ihrer Ankunft, auf die offene Ladefläche. Sala kam von der Latrine zurück. Schnell versteckte sie sich hinter einer Baracke. Unter dem hereinbrechenden Regen rollte der Konvoi ebenso geräuschlos davon, wie er gekommen war.
Eine Aufseherin ging stumm zählend durch die Reihen. Mit spitzem Bleistift strich sie einen Namen nach dem anderen aus. Sara, Rachel, Deborah, Lana, Bescha, Mindel, Mirjam, Bihri, Dorothea, Nacha, Chawa, Jezabel, Rebekka, Tikvah, Ursula, Ruth, Judith, Nachme, Hannah, Jedidja, Mimi, Baschewa, Daniela, Doris, Heinke, Margalit, Nurit, Schoschanah, Dina, Jyttel, Pesse, Inge, Telze, Simche, Tal, Maria, Milkele. Die verwaisten Strohsäcke wurden zum Eingang geschleift. In Salas Baracke saßen nur noch 23 Frauen.
Drei Tage und drei Nächte durchwachte Sala in Angst. Es gab noch Juden im Lager. Männer, Frauen, Kinder. Die Schwarzen würden so oft wiederkommen, bis der letzte Jude verschwunden war. Niemand wusste, was mit ihnen geschah. Es gab Gerüchte, dass sie zurückgeführt würden. Man flüsterte auch von polnischen Lagern, in denen es noch schlimmer zugehe als hier. Sala dachte an all die Menschen, die sie im Lager lieb gewonnen hatte. Sie schrieb mehrere Briefe. An ihren Vater, an Lola, an Hannes, den letzten an Otto. Sie vernichtete sie alle. Keiner würde seinen Adressaten erreichen. Die Zensur, das wusste Sala, war unbestechlich. Etwas war mit den Menschen geschehen. Es war ein unmerklicher Prozess, hier im Lager, wie damals in Deutschland. Ihre Gesichter waren zu einer seelenlosen Masse verschmolzen. Einheitlich ergoss sich das über Straßen und Plätze, über Berge und Täler. Das Gefühl schien nahezu aufgebraucht, gespalten in einen ängstlichen Rest und aufschäumende Sachlichkeit.
Am vierten Tag brach Sala zusammen. Sie wurde in die Krankenbaracke getragen. Dort überlebte sie, von Durchfall und Erbrechen geschwächt, den nächsten Transport. Sie hörte die Trillerpfeife von Madame Frévet, vernahm die Schreie, das Stöhnen, das Jammern. In dumpfe Angst gekleidet, roch sie den Gestank des Todes.
Sala stand vor ihrem Strohsack. Ihr Blick huschte über die wenigen Dinge, die sie an ihre Zeit im Lager erinnern würden. Sie wusste nicht, was sie mitnehmen sollte, ob sie überhaupt etwas mitnehmen wollte. Am Abend zuvor war die Nachricht wie ein Blitz eingeschlagen.
»Morgen kannst du gehen.«
Keine Erklärung. Nur dieser einfache Satz. Als würde man sie rauswerfen. Raus in die Freiheit? Mit den anderen Frauen kletterte Sala auf die Ladefläche.
»Vous prendrez le train pour Leipzig et Berlin.«
Zurück nach Deutschland? Warum? Und warum Leipzig und Berlin? Es blieb keine Zeit zu fragen, der Lastwagen rollte aus dem Lager hinaus. Der Mond stieg über Gurs auf. Die Sonne stürzte sich von den schamrot glühenden Spitzen der Pyrenäen.
Wohin?
Auf der Fahrt zum Bahnhof redete niemand. Alle hockten in sich gekehrt auf ihren Siebensachen, den Blick in eine ungewisse Zukunft gerichtet. Eines wusste Sala sofort: Sie durfte sich mit keiner der Frauen in ein Abteil setzen. Niemand sollte von ihrer Vergangenheit erfahren, niemand sollte in Deutschland wissen, dass sie Halbjüdin war. Nach der Ankunft, hatte man ihnen gesagt, seien sie verpflichtet, sich umgehend bei der örtlichen Polizeidienststelle zu melden. Sie besaß keine Papiere, nur einen Zettel mit einem Stempel, der ihren Aufenthalt in Gurs bestätigte. Mit ruhigen Händen zerriss sie dieses lebensbedrohliche Empfehlungsschreiben. Die Papierschnipsel wirbelten in die dunkelnde Nacht. Ein Jahr, acht Monate, neunzehn Stunden, siebenunddreißig Minuten und einige Sekunden. Jetzt war sie frei. Es war verwirrend. Es tat weh.
Sie stieg in den Zug, lief durch die Waggons, als läge vor ihr ein klares Ziel. Als sie niemanden mehr hinter sich wähnte, blieb sie atemlos stehen. Die stickige Luft trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie schloss sich in der Zugtoilette ein. Beißender Gestank kroch ihr in die Nase. Roch so die Freiheit? Zum ersten Mal seit Tagen wagte sie einen Blick in den Spiegel. Ein heftiges Zittern erfasste ihren Körper. Ihr Gesicht zuckte, die Lippen klafften wund auseinander, ihr Kopf sackte leblos auf ihre Brust. So schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sie wusste, dass sie abgenommen hatte. Nacht für Nacht, Bewegung für Bewegung hatte sie auf dem Strohsack gefühlt, wie ihre durchscheinende Haut mehr und mehr die Konturen ihrer Knochen freigab, ein anhaltender Schmerz. Das war nicht schlimm. Ihr matter Blick, die hoffnungsleeren Augen, die schlaffen Gesichtszüge, nicht einmal der vorschnelle Alterungsprozess kümmerte sie. All das hatte sie erwartet. Ihre Hände tasteten verzweifelt über ihren Kopf. Zwischen ihren Fingern klebten feuchte Strähnen. Tränen liefen über ihr Gesicht. Ihr Haar. Ihr schönes, schwarzes, dickes Haar fiel ihr in Büscheln aus.
Sie richtete sich wieder auf und zwang sich, in den Spiegel zu schauen. Dann schlang sie diesem fremden Gesicht ein hellblaues Tuch um den Kopf und trat zurück auf den Gang. Im nächsten Waggon öffnete sie die Tür eines Abteils. An den Fensterplätzen saßen sich ein älterer Mann und seine Frau gegenüber. Von ihren Gesichtern strahlte ihr innige Verbundenheit entgegen. So konnten keine schlechten Menschen schauen, dachte Sala. Sie setzte sich auf den Platz neben der Tür, auf der Seite der Frau.
»Bonsoir«, murmelte sie.
»Bonsoir«, klang es mit deutschem Akzent wie aus einem Mund zurück.
»Vous allez jusqu’où, mademoiselle?« Die Dame trug ihr dünnes Haar zu einem Dutt gebunden. Über dem dunkelgrauen Rock schimmerte aus einer eleganten blauen Wolljacke zartgelb eine Bluse hervor. Der oberste Knopf stand offen. Auf der Nase trug sie eine goldene Halbbrille. Der Mann hatte sein schütteres Haar zurückgekämmt. Hinter seiner kräftigen runden Hornbrille blitzen kleine hellblaue Augen etwas spitzbübisch und neugierig hin und her. Sala überlegte, ob sie sich als Französin ausgeben sollte. Spätestens an der Grenze würde der Schwindel auffliegen, wenn sie keine Papiere vorweisen könnte.
»Ich fahre nach Leipzig«, sagte sie.
Die beiden lächelten sie an.
»Mögen Sie ein Stück Schokolade?« Die Dame kramte etwas umständlich eine kleine Schachtel hervor. Als sie den Deckel hob, starrte Sala verzückt auf die hell- und dunkelbraun schimmernden Pralinen.
»Aus Montellimar«, ergänzte der Mann.
»Au nougat«, fügte die Dame mit einem Lächeln über ihren Brillenrand hinzu.
»Wir wohnen auch in Leipzig.«
Sala wagte einen Griff in die Schachtel. Sie hielt es für ratsam, so wenig wie möglich zu sagen. Als sie vorsichtig in die erste Praline biss, fühlte sie eine Geborgenheit, wie aus den Tagen ihrer frühesten Kindheit, als ihre Eltern noch Hand in Hand über die Wiesen des Monte Verità rannten und der Vater ihr abends vor dem Schlafengehen eine warme Schokolade brachte. Damals hatte sie auch geschwiegen. Es war ihre glücklichste Zeit.
Der Zug ratterte gemütlich durch die Nacht. Anfangs zuckte Sala jedes Mal zusammen, wenn ein Schatten an ihrem Abteilfenster vorbeihuschte. Das Ehepaar war in seine Lektüre vertieft. Die beiden schienen nicht weiter Notiz von ihr zu nehmen. Das eintönige Rattern des Zuges wiegte Sala in den Schlaf. Als sie aufwachte, hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Im ersten Schreck meinte sie, ihre Mutter auf dem Fensterplatz zu erkennen. Aus ihren scharfen Zügen blickten sie ihre Augen eisblau an. Sala wollte sich aufrichten, zu ihr gehen, aber ihre Beine waren wie festgenagelt, die kaum drei Meter zwischen ihnen unüberbrückbar. Sie wollte etwas sagen. Ihr Mund war staubtrocken, die Zunge geschwollen, als müsste sie an sich selbst ersticken. Es war das andere Schweigen aus ihrer Kindheit, das unheilkündende, kurz bevor ihre Welt in Dunkelheit versank. Widerwillig schüttelte sie die alten Schatten ab und schlief unruhig weiter.
Ein schrilles Quietschen durchschnitt ihren Traum. Der Zug hielt auf freier Strecke. Die Maschinen atmeten aus. Schwere Schritte schlugen in die Stille. Sie kamen näher. Sie war allein, das Ehepaar verschwunden. Salas Magen zog sich zusammen. Wo war das Ehepaar aus ihrem Abteil? Warum waren sie verschwunden? Noch war sie in Frankreich, aber auf besetztem Gebiet. Eine falsche Bemerkung konnte sie ins Gefängnis bringen oder nach Polen, wohin die anderen Juden transportiert worden waren. Warum zum Teufel hatte sie den Zettel aus Gurs zerrissen? Es war ihr einziges rechtmäßiges Papier gewesen. Solche Dummheiten konnte sie sich nicht leisten.
Eine Abteiltür wurde aufgerissen. Laute Stimmen drangen an ihr Ohr. Sprachen sie Deutsch? Salas Körper spannte sich, sie hielt den Atem an. Ihr Herzschlag übertönte das Stimmengewirr. Vorsichtig rückte sie so dicht wie möglich an das Gangfenster. Zwei Abteile weiter erkannte sie deutsche Soldaten. Zwei von ihnen standen auf dem Gang, ein dritter war halb zwischen die Sitzreihen gebeugt. Sie steuerten auf das nächste Abteil zu. Hatte der Zug bereits die Grenze erreicht? Sie konnte unmöglich so lange geschlafen haben.
Im Hintergrund tauchte das Ehepaar auf. Umständlich zwängten sie sich an den Soldaten vorbei. Ohne Sala eines Blickes zu würdigen, betraten sie schweigend das Abteil und nahmen ihre Plätze ein. Hatten sie sie verraten? Sala wollte sich gerade zu ihnen wenden, da wurde die Tür aufgerissen.
»Ihre Ausweise.«
Sala zuckte bei dem bellenden Ton zusammen. Unwillkürlich griff sie nach ihrem Rucksack, sie musste Zeit gewinnen, auch wenn sie nicht wusste, wofür. Der Soldat schrie sie laut an.
»Na wird’s bald!«
Salas Hände begannen zu zittern.
»Un moment, s’il vous plaît.«
»Was haben denn diese ganzen Franzosen jetzt auf einmal im Reich zu suchen?«
»Pardon, monsieur?«
»Die Papiere, aber dalli«, herrschte er sie an.
Jetzt reckte sich die Dame aus ihrem Sitz empor. »Mäßigen Sie sich gefälligst. Mein Mann ist schwer herzkrank und kann solche Aufregungen nicht vertragen.«
Der Soldat sah sie verdattert an. Seine Kollegen waren dicht herangetreten. Sie starrten unsicher auf ihren Vorgesetzten. Ein Ruck ging durch seinen schweren Körper. Sein Hals schwoll rot an.
»Das ist eine Grenzkontrolle. Und Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden, verstanden?«, donnerte es aus ihm hervor.
Die Dame sprang auf.
»Was bilden Sie sich ein? Ich verbitte mir diesen flegelhaften Ton.«
Sala wurde ruhig. Ihr ganzer Körper fühlte sich kalt an. Für einen Moment war ihr, als würde sie aus sich heraustreten, um die Situation besser beobachten zu können. Sie sah die Arme des Dicken durch die Luft rudern. Seine Kameraden waren jetzt so dicht an ihn herangerückt, dass man nicht wusste, ob sie eine Stellung verteidigten oder sich zum Sturmangriff wappneten. Der alte Mann war hinter seinen runden Brillengläsern ganz fahl geworden. Zitternd suchte seine Hand nach dem obersten Kragenknopf. Ein schwaches Röcheln drang aus seiner Brust. Er schnappte nach Luft.
Die Dame begann laut zu schreien.
»Ernst! Ernst! Um Gottes willen, deine Tabletten, schnell. Einen Arzt. Mein Mann braucht einen Arzt. So helfen Sie doch, verdammt noch mal.«
Die Soldaten standen steif da.
»Rühren!« Die überraschend scharfe Stimme der Dame fuhr durch Mark und Bein.
Der Lämmerhaufen geriet in Unruhe.
»Je suis médecin.« Sala war ruhig aufgestanden. Sie winkte dem Anführer zu. »Aidez-moi.«
Die Soldaten sahen sie ungerührt an. Wenn sie jetzt Deutsch spräche, fürchtete Sala, würden sie sie womöglich verhaften.
»Die junge Frau ist Ärztin«, warf die Dame schnell ein, »helfen Sie ihr.«
Etwas benommen gehorchte der Dicke. Gemeinsam legten sie den Mann auf den Rücken. Sala öffnete sein Hemd bis zur Brust und begann eine fachgerechte Herzmassage. Alle fünf Stöße bedeutete sie der Dame, ihren Mann von Mund zu Mund zu beatmen. Die Soldaten standen jetzt mit offenem Mund starrend in der Gegend herum. Schließlich rang sich der Dicke durch. Zögerlich trat er hervor.
»Ich bitte meinen Ton zu entschuldigen, gnädige Frau. In diesem Krieg liegen auch unsere Nerven blank. Können wir noch etwas für Sie tun?«
Die Dame würdigte ihn keines Blickes. Ihr Mann öffnete langsam die Augen. Als er den Dicken erblickte, begann er sofort wieder hektisch zu röcheln. Der Dicke wich reflexartig zurück.
»Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber wir möchten Ihren Gatten nicht weiter aufregen. Wenn Sie keine weitere Hilfe benötigen, würden wir jetzt unserer Pflicht nachgehen.«
Die Soldaten traten vorsichtig den Rückzug an. Als sie den Mann noch einmal aufstöhnen hörten, beeilten sie sich, ungeordnet das Abteil zu verlassen. Die Dame hob den Kopf.
»Name, Dienstgrad! Ich werde mich direkt nach unserer Ankunft bei Ihrer Dienststelle beschweren.«
Die Dame stand auf und streckte den Kopf aus dem Abteil. Die Gruppe eilte davon. Sie wartete noch einen Augenblick, dann drehte sie sich zurück ins Abteil und nickte ihrem Mann lächelnd zu. Ernst richtete sich auf und klopfte sich lässig den Staub von den Kleidern. Sie reichten Sala die Hand.
»Ingrid Kerber, und das ist mein Mann Ernst.«
»Sala Nohl. Danke.« Sie wusste nicht weiter.
»Ihr Französisch klingt wirklich perfekt. Haben Sie schon eine Bleibe in Leipzig?«
Sala schüttelte den Kopf.
»Sind Sie wirklich Ärztin, oder studieren Sie noch Medizin?«
»Weder noch. Ich komme aus dem Lager in Gurs.«
»Das haben wir uns schon gedacht. Und nun?«
»Ich weiß es nicht. Ich soll mich direkt nach meiner Ankunft bei der Polizei melden.«
»Hier.« Die Dame reichte Sala eine Visitenkarte. »Wenn Sie Hilfe brauchen, zögern Sie nicht.«
Sala nahm die Karte mit zitternden Händen, als würde sie gerade jetzt aller Mut verlassen. Ihr Hals schnürte sich zu. Nur mit Mühe las sie: »Ingrid Kerber, Rosenstraße 5, Leipzig«. Unter Tränen verschwamm die Schrift vor ihren Augen. Stumm fiel sie der Frau um den Hals.
24
Allein auf dem Bahnsteig. Wieder Herbst. Bahnhöfe. Schicksale, die sich kreuzend in der Ferne verloren. Berlin, Madrid, Paris, Gurs und jetzt Leipzig. Durch das Glasdach fiel trübes Licht, so grau wie die Gesichter, die sich aneinander vorbeischoben. Die Augen starr auf den Boden geheftet, sahen diese Menschen einander nicht an. Sala dachte an die Baracken, denen sie gerade entkommen war. Von einem Lager ins nächste. Dort Dachpappe über dem Kopf, hier Glas. Dort waren die Gesichter von Angst, Kummer oder Sehnsucht gezeichnet, hier wirkte alles verzerrt und reglos. In Gurs lachte man auch. Und wie. Wo waren die Menschen?
Es war kalt, Frankreich weit weg, Gurs nur noch ein ziehender Schmerz. Konnte man die Juden wirklich an ihren Gesichtern erkennen? Sie sah sich um. Sah den Gang der Menschen, hörte ihre Stimmen. Leblos und hohl, als seien sie aus Ton. Die Bewegungen schienen genau bemessen. Alles lief nach Plan. Hier gab es nicht einmal die Freiheit unterzugehen. Das war ihr Volk gewesen? Hatte sie nicht geweint, als sie damals in Berlin in den Zug gestiegen war? Was war aus diesem Land geworden? Was um alles in der Welt war mit diesen Menschen geschehen? Klong, klong, klong, klong, klong, klong, klong. Sie stapften davon. Pappkameraden. Abziehbilder. Entmutigte. Kriecher. Selbstgerecht und feige. Eng. Mies. Kleinmütig. Falsch. Verhöhnt und missbraucht. Verräter, Seelenkrüppel, Mörder. Lautlos, geruchlos, gefühllos. Vertraut.
Ihre Füße steuerten auf den Ausgang zu. Ein kleiner Junge schoss mit weit aufgerissenen Augen an ihr vorbei, rempelte eine rundliche Dame an, stolperte. Sala sah den gelben Stern auf seiner linken vorderen Jackenseite aufblitzen, der Junge schlug sich das Knie auf, sprang lachend wieder hoch und verschwand in der Menge.
»Verdammter Judenlümmel«, fauchte die Frau aus schmalen, spitzen Lippen. Ihre Augen blitzten, dann klappte sie das Visier wieder herunter und wackelte mechanisch weiter wie alle anderen.
Vor dem Bahnhof blieb Sala stehen. Ihr Herz flatterte. Bleib ruhig, verdammt noch mal. Es kann doch nicht sein, dass du dich nach wenigen Metern genauso bewegst wie die. Wehr dich. Geh deinen eigenen Weg. Du gibst den Takt an, nicht sie. Die Bahnhofsuhr holte Sala mit zwölf Schlägen aus ihrer Erstarrung. Ihr wurde schwindelig. Sie hörte den Schlag nicht, mit dem ihr Kopf auf den Boden prallte.
»Verstehen Sie, was ich sage?«
Woher kam diese Stimme? Was war mit ihren Augen? Warum konnte sie sie nicht offen halten? Etwas drückte von innen gegen ihre Schädelwand. Ihre Lippen klebten aufeinander. Als sie sie öffnete, spürte sie, wie die oberste Hautschicht aufriss. Alles brannte.
»Wo bin ich?«
»In der Frauenklinik, in Leipzig, ich bin Dr. Wolffhardt. Sie wurden heute Mittag bewusstlos und mit ungeklärtem Befund notaufgenommen.«
Notaufgenommen? Was war geschehen?
»Können Sie sich an etwas erinnern? Sind Sie gestürzt?«
Wenn sie jetzt mit »Ja« antwortete, würde er nach ihren Papieren fragen. Sie verneinte.
»Haben Sie Schmerzen?«
Was sollte sie antworten? Sie musste so schnell wie möglich hier raus. Als sie den Kopf schüttelte, glaubte sie zu spüren, wie ihr Gehirn von einer Schädelwand zur anderen schwappte. Sie schloss die Augen.
»Leben Sie in Leipzig? Wir konnten keine Ausweispapiere finden.«
Die Visitenkarte, die ihr die Dame im Zug gegeben hatte, tauchte vor ihr auf.
»Kerber.«
»Ist das Ihr Name?«
Sie nickte.
»Sind Sie sicher?«
Sie nickte.
Es war ihre einzige Chance, sie musste es versuchen. Warum sah er sie so durchdringend an?
»Fräulein Kerber, Sie haben eine Gehirnerschütterung. Wir werden Sie noch ein paar Tage zur Beobachtung hier behalten, dann können Sie nach Hause gehen.«
»Danke.« Sie lächelte. Etwas stimmte nicht. Sie konnte es fühlen.
»Wir würden gerne Ihre Familie benachrichtigen. Leben Ihre Eltern auch in Leipzig?«
Vielleicht kannte er die Kerbers. Vielleicht wusste er, dass sie nicht ihre Tochter sein konnte. Hatten sie überhaupt Kinder? Würden sie ihr noch einmal helfen? Würden sie sich ein weiteres Mal in Gefahr bringen? Wofür? Nur weil sie in ihrer Not an das Gute in ihnen glaubte oder glauben wollte? Und wenn sie sich irrte? Wenn sie zu viel von ihnen erwartete?
»Ja.«
Der Arzt nahm ihre Hand. Sie spürte seine Wärme. Am liebsten würde sie ihn festhalten, aber sie lächelte nur scheu. Am nächsten Morgen saßen Ingrid und Ernst Kerber an ihrem Bett.
Obwohl sie noch etwas geschwächt war, als sie die Station verließ, glaubte sie bei der Verabschiedung von Dr. Wolffhardt eine Vertrautheit zwischen ihm und den Kerbers zu erkennen.
Als sie die Wohnung der Kerbers betrat, überfiel sie ein wohliger Schauer. Der nach Süden ausgerichtete Wohnbereich war hell und aufgeräumt. Alles stand an seinem Platz. Nichts wirkte aufdringlich oder schwer. Im Eingang hüpfte ein Kuckuck aus der Uhr. Sala lachte erschrocken. So etwas wäre bei ihren Eltern, ob in Berlin oder Madrid, unvorstellbar gewesen. Diese Ordnung war beruhigend. Die Ehe der Kerbers war kinderlos geblieben.
In den folgenden Tagen begann Sala zu erzählen. In einem Monolog, der aus ihr herausfloss, nur hier und da durch kurze, mitfühlende Fragen unterbrochen, berichtete sie von ihrem Weg vom Monte Verità über Berlin nach Madrid, erzählte von ihrem Vater, ihrer Mutter, von Tomás, der Begegnung mit Otto, von Paris, von Lola und Robert, verschwieg auch Hannes nicht, erzählte von der Flucht und dem Lager in Gurs, sie sprach von Mimi, Madame Frévet und Mickey Mouse, den spanischen Anarchisten, ihren Träumen vom Theater, den Juden, die schweigend auf den Ladeflächen der Lastwagen aus dem Lager rollten, von den Sonnenuntergängen hinter den Pyrenäen. Ohne es zu merken, legte sie ihr ganzes Leben vor ihnen aus, als wäre sie nach einer langen Reise endlich heimgekehrt. Ihr Blick gewährte ihr einen Halt, den sie nicht einmal von Otto erfahren hatte. So konnte Deutschland auch sein. Sie wusste, dass hier ihre Heimat war. Sie würde nie wieder weggehen.
Die ersten Wochen vergingen wie ein Tag in einer Kette von Jahren.
»Sala?«
Sie sah in Ingrids Augen, das graue Haar fiel in Wellen offen über ihre Schultern.
»Ja?«
»Hast du je darüber nachgedacht, nach Palästina zu gehen?«
Nein, das hatte sie nicht. Warum auch? Sie war keine Jüdin. Sie verstand dieses Leben nicht. Es war eines Tages wie ein Fluch über sie hereingebrochen, hatte sie aller Rechte beraubt. Sie durfte nicht leben, wo sie wollte, nicht studieren, nicht lieben, wen oder wie sie wollte. Das Erbe ihrer Mutter hatte sie von allem abgeschnitten, was ihr teuer war. Was half es ihr, dass das Judentum nichts dafür konnte? Welche Schuld hatte sie denn auf sich geladen?
Als sie am Bahnhof ausgestiegen war, hatte ihr das Land, das sie verstoßen hatte, so wie ihr Vater und ihre Mutter von ihren Eltern verstoßen worden waren, kalt ins Gesicht geschlagen, so hart, so übergangslos, dass sie einige Meter weiter zu Boden gegangen war. Und wer hatte sie wieder aufgerichtet? Wer hatte sie aufgenommen und gerettet? Dieses deutsche Ehepaar. Selbstlos, ohne Furcht. Auch das machten Menschen in diesem Land, dachte sie. Sie liebte dieses Land. Schon immer. Sie konnte nichts dafür, dass es jetzt von einer seltsamen Krankheit ausgehöhlt wurde. Niemals konnte sie nach Palästina gehen, niemals wie eine Jüdin fühlen, nie so werden wie ihre Mutter.
»Nein.«
»Warum nicht?«
Palästina. Wie kam sie darauf? War das eine Falle? Hatten sie sie aus dem Krankenhaus geholt, um sie aufzupäppeln? Woher die Vertrautheit zwischen ihnen und Dr. Wolffhardt?
»Ist dir kalt?«
»Nein. Warum?«
»Du zitterst.«
Dann zitterte sie eben. Na und?
»Ich bin müde.«
Sie hatte Angst. Sie wollte weg.
Sala erwachte mitten in der Nacht von dem Regen, der gegen ihr Fenster schlug. Als sie aufstehen wollte, spürte sie ihre Beine nicht mehr. Sie fiel zurück aufs Bett und klammerte sich an der Matratze fest. Ihr Herz raste. Langsam atmen. Ganz ruhig. Sie lauschte in die Nacht. Nichts regte sich. Sie machte einen erneuten Versuch aufzustehen. Diesmal ging es besser. Sie trat ans Fenster. Die Straße unter ihr war menschenleer. Hier bei den Kerbers konnte sie nicht bleiben. Deutschen konnte man nicht trauen. Vielleicht tat sie ihnen unrecht, aber es war zu gefährlich, das herauszufinden. Früher hatte sie immer viel auf ihre Menschenkenntnis gegeben. Aber das war früher. Jetzt war alles anders. Leise packte sie ihren Rucksack. Wohin? Wenn sie jetzt davonlaufen würde, wäre sie vogelfrei. Briefe schreiben. Vielleicht an ihren Vater? Oder war das zu gefährlich? Otto? Sie wusste ja gar nicht, wo er war. Anna. Sie würde seiner Mutter Anna schreiben. Sie könnte nach ihrem Sohn fragen. Und falls Inge davon erfuhr und ihr den Günter und seine Nazikumpanen auf den Hals hetzte? Sie würde Anna schreiben und sich als eine ehemalige Kommilitonin ihres Sohnes Otto ausgeben. Ja, und dann, was wäre dann alles möglich? Allein mit Otto in Leipzig. Oder weg von hier. Und wenn Otto nicht mehr lebte? Gefallen an irgendeiner Front, im Osten oder sonst wo? Otto. Sie sah ihn auf der Leiter stehend, in der Bibliothek ihres Vaters. Er hatte sie nicht kommen hören. Versunken starrte er auf die Bücher, griff eines heraus, roch daran, schob seine Finger zwischen die Seiten, wie unter einen Rock. Sie hatte ihn auf der Stelle geliebt. Er war in ihr Leben eingebrochen. Damals hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als von ihm entführt zu werden. Bis heute hatte sie es ihm nicht gesagt. Vielleicht jetzt? Sollte sie ihm schreiben: Bitte bring mich weg von hier? Nur diesen einen Satz. Aber wie sollte er antworten? An welche Adresse? Die Post. Nein, auch das war zu gefährlich. Und wenn sie schriebe, dass sie jeden Tag um Punkt zwölf Uhr vor der Post auf ihn wartete? Und sie würde warten. Zwei Zeilen in schneller Schrift aufs Papier geworfen. Im Morgengrauen würde sie den Brief zur Post bringen, adressiert an Otto. Anna würde es nicht wagen, einen Brief an ihren Sohn zu öffnen. Schließlich gab es ein Briefgeheimnis. Daran würde sie sich halten. Und die Schwestern auch. Sie ließ den Rucksack sinken und setzte sich an den Schreibtisch. Ihre Gastgeber waren gute Menschen. Wie konnte sie ihnen so misstrauen? Noch bevor die Kerbers aufwachten huschte sie aus der Wohnung.
In einer Gasse blieb sie stehen. Wie lange war sie schon gelaufen? Ihre Füße schmerzten. Es war kalt. Sie schlug die Arme um ihren Körper und dachte nach.
Etwas später stand sie auf dem Augustusplatz. Das Postamt lag vor ihr. Wie ein Schloss aus dem letzten Jahrhundert. Auch damals schon größenwahnsinnig, dachte sie. Was war schon dran? Einfach hineingehen, zum ersten Schalter, den Brief aufgeben und wieder raus. Menschen kreuzten ihren Weg. Keiner schien sie zu beachten. Der Schalterbeamte nahm ihren Brief, ohne aufzublicken. Schnell schob sie das Kleingeld über den hellen Marmor, dann wandte sie sich ab, um zu gehen. Ganz ruhig. Nicht auffallen. Langsam und mechanisch wie alle andern zum Ausgang streben.
»Fräulein.«
Die Stimme hämmerte durch den Raum. Sala blieb stehen. Alle Blicke waren jetzt auf sie gerichtet.
»Fräulein.«
Es hallte spitz und spöttisch nach. Die Gesichter um sie herum verschwammen zu einer dumpf grinsenden Masse. Still warteten alle auf den Beginn des Spektakels. Was wollte er? Was hatte sie falsch gemacht? Sollte sie einfach davonrennen? Hals über Kopf? Sie sah dem Beamten gerade ins Gesicht. Wie weit war es von hier bis zum Ausgang? Und dann? Der Vorplatz war riesig, ihn zu überqueren zu gefährlich, chancenlos, sie musste entweder sofort nach links oder nach rechts abbiegen. Warum hatte sie nicht vor dem Betreten des Gebäudes darüber nachgedacht? Bevor man auf einen Baum klettert, muss man sich überlegen, wie man wieder runterkommt. Das hatte sie doch schon als Kind gelernt.
»Der Absender fehlt.«
Der Beamte sah sie aus kalten Schlangenaugen an, bereit, sie bei der nächsten falschen Bewegung zu zerquetschen, dachte sie. Leicht bleiben. Den Umschlag nehmen, irgendeinen Namen draufschreiben, irgendeine Adresse, lächeln und gehen.
»Verzeihung.«
»Na bitte.«
Sie bewegte sich ruhig auf den Ausgang zu. Nur noch ein paar Meter. Die Blicke? Ach was. Keiner nahm Notiz von ihr. Warum auch? Sie bildete sich das alles nur ein. Es war Krieg. Jeder hatte seine eigenen Probleme.
Der Brief an Otto war verschickt. Hielt man sie auf der Straße für eine Jüdin? Worauf musste sie achten? An jeder Ecke konnte ein Spitzel lauern, jedes auffällige Zögern konnte das Ende dieser Irrfahrt bedeuten. Ziellos lief sie durch die Stadt.
Als sie bei hereinbrechender Dunkelheit in die Rosenstraße bog, sah sie nach wenigen Metern einen Mann in einem langen Ledermantel vor dem Haus der Kerbers stehen. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, er wandte ihr den Rücken zu. Er trug einen Hut. Im Schutz eines Hauseingangs, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus, folgte sie seinem Blick, hoch zu den Fenstern der dritten Etage. Die Wohnung von Ingrid und Ernst war hell erleuchtet. Er verschwand durch die Eingangstür. Ingrid trat ans Fenster. Sie wirkte aufgewühlt. Ihre Blicke trafen sich. Ingrid legte ihre Hand an die Fensterscheibe, als wollte sie Sala berühren. Sala erkannte ihren Blick. Wie oft hatte sie diesen Ausdruck in Gurs gesehen, wenn die Schwarzen mit ihren Lastwagen durch die Stille des Lagers rollten? Dreimal? Ja und jede weitere Nacht, wenn sie ihnen in ihren Träumen wiederbegegnete, oder tagsüber, sogar wenn eine helfende Hand nach ihr griff. Ingrid winkte ihr kurz zu. Nein, sie winkte sie weg. Sie sollte verschwinden. Vielleicht hatte der Mann gerade geklingelt. Ein schwarzer Wagen bog um die Ecke. Scheinwerfer und Motor wurden ausgeschaltet. Kurz darauf traten Ingrid und Ernst aus dem Haus, gefolgt von dem Fremden. Sala wich ein paar Schritte zurück. Der Fahrer war ausgestiegen und half jetzt, Ingrid und Ernst in den Wagen zu schieben. Ihre Gesichter leuchteten unter der Laterne. Sala begann zu zittern. Ihr wurde schwindelig. Jetzt nicht umfallen! Reiß dich zusammen! Warum rannte sie nicht hin? Warum half sie ihnen nicht? Sie hatte sie verlassen. Sie, die einzigen Menschen, die gut zu ihr gewesen waren. Der Fahrer warf den Motor an, der Wagen verschwand ohne Licht im Dunkel der Nacht. Wie in Gurs war alles schnell gegangen. Nahezu lautlos. Eine kurze Unterbrechung, von den Nachbarn keine Spur. Überall waren die Lichter erloschen, als das Auto vor der Nummer 5 gehalten hatte. Das Haus stellte sich tot.
Sie hatten ihr geholfen. Der Satz raste durch ihr Gehirn. Und sie? Sie hatte aus ihrem Versteck zugeschaut. Wie in Gurs, als die ersten Juden abtransportiert wurden.
Die Straße war wieder leer. Sala huschte hinüber. Vor der Tür entdeckte sie eine Tablettenschachtel. Sie sah sich schnell um, bückte sich und hob sie auf. Auf die Verpackung war ein einzelner Buchstabe gemalt. Ein großes W. Es waren Salas Kopfschmerztabletten. Hatte Ingrid sie beim Heraustreten aus der Tasche gleiten lassen? Sala ging hinein. Vorsichtig schlich sie die Treppe hoch. Die Tür im dritten Stock stand offen. Aufgeregtes Flüstern drang an ihr Ohr. Schatten huschten über den Korridor, von einem Zimmer ins andere. Ein Ehepaar. Die Nachbarn von der oberen Etage. Wahrscheinlich hatten sie die Gestapo alarmiert. Was warf man ihnen vor? Vielleicht, dass die Kerbers eine Jüdin bei sich versteckten? Woran sollten sie das gemerkt haben? Sala betrachtete die Tablettenschachtel in ihrer Hand. W? Die Nachbarn stopften, was sie kriegen konnten, in ihre Reisetaschen.
Sala lief durch die Straßen. Die Stadt wuchs zu einem Labyrinth. Wenn sie vor Erschöpfung stolperte, suchte sie Zuflucht in einem Hauseingang, setzte sich auf die Treppenstufen, im Nacken die Angst. Manchmal nickte sie für wenige Minuten ein, wachte nach den ersten Traumbildern im Schreck wieder auf, rannte hinaus, lief weiter, immer weiter, dem spärlichen Licht am Ende der Nacht entgegen, aus der sich die ersten Gestalten schälten.