22
»Na jaaa … und zu derselben Zeit saß meine Mutter in einer Zelle in Francos Staatsgefängnis und wartete bei Vollpension auf ihre Hinrichtung.«
Wir saßen an dem kleinen Esstisch in Spandau und löffelten eine Hühnersuppe.
»Wusstest du davon?«
»Woher denn? Post aus dem Todestrakt gab’s ja wohl nicht.«
Sie sah schweigend aus dem Fenster. Es schneite seit Tagen. Draußen tobten Kinder um einen Schneemann herum, bewarfen sich mit Schneebällen, einer zog einen Schlitten hinter sich her. Er schrie wütend nach seiner Mutter, kassierte einen Klaps auf den Hintern, heulte wild auf, warf sich zu Boden und trommelte mit seinen Fäustlingen auf den schneebedeckten Boden, bis er von seiner Mutter hochgerissen wurde.
»Großmutter war zum Tode verurteilt?«
»Ja.«
»Warum?«
»Weiß ich nicht mehr.«
»Und Tomás?«
»Na, der auch. Die waren doch Anarchisten. Haben ja gegen diesen Kerl gekämpft.«
»Bei den Internationalen Brigaden.«
»Ja.« Sie machte eine Pause. »Sie war schon mutig. Das muss man ihr lassen.«
Ich beobachtete meine Mutter von der Seite. Demnächst würde ich zu Dokumentarfilmarbeiten nach Lodz fahren, auf den Spuren ihrer und meiner Vorfahren. Ich dachte vage an meine Urgroßeltern.
»Was weißt du von deiner Großmutter?«
»Nichts.«
»Auch nicht den Namen?«
»Nichts.«
»Bist du sicher? Vielleicht kannst du dich nur nicht mehr so genau erinnern.«
»Ich kann mich sehr genau erinnern, mein lieber Freund und Kupferstecher. Was bildest du dir eigentlich ein?«
»An was denn?«
»An nichts.« Sie betonte jedes Wort nachdrücklich und sah mich dabei wütend an. »Wohl schwer von Kapee, was?«
Sie wollte aufstehen, um den Tisch abzuräumen.
»Lass mal, ich mach das schon.«
»Aber mach mir keine Unordnung in der Küche. Das schätze ich nicht.« Sie legte den Kopf etwas herrisch zurück. »Hier macht ja jeder, was er will. Die Trulla vom Pflegedienst ist ja auch etwas minderbemittelt. Alles räumt sie woandershin. Da findet man sich nicht mehr zurecht. Eine Frechheit. Wirklich unverschämt.«
Ich war bereits in der Küche, als sie mir hinterherrief, ich solle alles stehen lassen, sie würde es später wegräumen.
Wieder zu Hause, durchblätterte ich verschiedene Bücher über Gurs. Bilder von damals und von heute. Ich sah einen Dokumentarfilm über zwei Brüder, die 1941 als Kinder mit ihren Eltern aus Hoffenheim bei Frankfurt am Main nach Gurs abtransportiert worden waren. Zusammen mit sechsundvierzig anderen Kindern wurden sie nach wenigen Wochen in ein nahe gelegenes französisches Heim verlegt. Sie haben überlebt. Der ältere, Eberhard M a y e r, wanderte nach Amerika aus, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und wurde dort zu Frederic R a y m e s; den jüngeren, Manfred, zog es nach Palästina, ins gelobte Land, wo er nur den Vornamen wechselte, um sich fortan Menachem zu nennen. Menachem und Fred. Ihre Eltern hatten sie aus Liebe weggeschickt. Den meisten Eltern in Gurs fehlte die Kraft dazu oder die Weitsicht. Gemeinsam mit ihren Kindern wurden sie in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet.
Fred konnte schon nach wenigen Sätzen vor der Kamera die Tränen nicht zurückhalten. Mit erstickter Stimme wiederholte er stockend die letzten Worte seiner Mutter.
»Gib acht auf deinen kleinen Bruder!«
Ich hörte den Satz, sah zwei alte Männer, fast siebzig Jahre später, äußerlich entfernt, innerlich entfremdet, voller Angst und Zweifel, auf den Spuren ihrer Kindheit von Jerusalem und Florida über Hoffenheim nach Gurs reisen. Sah sie, um Fassung ringend, auf dem Boden des ehemaligen Lagers stehen, dessen Erinnerung ein nach dem Krieg eilig gepflanzter Wald schamlos erstickte, sah ihre Tränen, die vielleicht ebenso ihrem Schmerz wie ihren Versäumnissen galten – und weinte mit. Etwas an Fred und Menachem erinnerte mich daran, wie ich als Kind oft über das trennende Feld zwischen meiner Mutter und mir erschrak, bewachsen von demselben Gras, gedüngt mit derselben Scheiße, desselben Lagers, dessen Erinnerung die, die es überlebten, ein Leben lang vergessen wollten.
»Irgendwann muss doch mal Schluss sein.«
Das von rücksichtslosem Verdrängungswillen gestählte Gesicht der Bäuerin des Hofes, auf dem Menachem und Fred in Hoffenheim bis zu ihrer Deportation gelebt hatten und den sie auf den Spuren ihrer Vergangenheit wieder besuchten, wollte mir nicht aus dem Sinn.
»Was wollen Sie hier?«
»Wir sind Juden. Wir haben früher hier gewohnt.«
»Irgendwann muss doch mal Schluss sein. Wir Deutschen wurden auch vertrieben und laufen nicht in Pommern rum und machen Fotos.«
Irgendwann muss doch mal Schluss sein.
In wie vielen Gesichtern steht stumm dieser Satz? Wie viele hat er ausgehöhlt und ihrer Möglichkeiten beraubt?
Die Unfähigkeit zu trauern, der eindrückliche Titel des Buches von Alexander und Margarete Mitscherlich, das von der nachfolgenden Generation aufgesogen wurde, beklagt nicht nur die fehlende Trauerarbeit der Tätergeneration, es versteht sich als Aufforderung an nachfolgende Generationen, also auch an uns, Erinnerung zu wagen, um dem unbewussten Wiederholungszwang vorzubeugen. Es geht eben nicht, wie von vielen 68ern missverstanden, um die häufig selbstgerechte Zuschreibung und Festschreibung einer ebenso individuellen wie historischen Schuld an die Adresse ihrer Eltern. Es geht um das Wagnis der Erinnerung für jeden unter uns. Wann dieser Vorgang als abgeschlossen gelten darf, mag jeder für sich entscheiden. Aber wollen wir die Erinnerung benutzen, um uns von etwas zu befreien, das wir nicht getan haben, oder wollen wir mit ihr versuchen, das Bild unserer Identität zu schärfen, zu der auch die Vergangenheit des Zwanzigsten Jahrhunderts und des deutschen Völkermords an den europäischen Juden gehört? Erst mit der Erinnerung gewinnt unser Leben ein Gesicht. Ich will nicht wie ein Buch dastehen, aus dem einzelne Kapitel herausgerissen wurden, unverständlich für andere wie für mich selbst. Ich will versuchen, die leeren Seiten zu füllen. Für mich. Für meine Kinder. Für meine Familie. Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wir Nachgeborenen die Verantwortung. Wollen wir mit dem Satz Irgendwann muss doch mal Schluss sein die Menschen von damals ein zweites Mal ermorden? Wie viele Namen wollen wir denn mit einem sauberen Schlussstrich eliminieren?
Ich entschloss mich, mit dem Auto nach Lodz zu fahren. Viereinhalb Stunden zeigte das Navigationsgerät an. Viereinhalb Stunden, in denen sich die Landschaft vor meinen Augen verändern, meine Gedanken in eine fremde Vergangenheit reisen würden. Immer wieder tauchte das Bild des Grabes meiner Urgroßeltern vor mir auf, ein riesiger jüdischer Hochzeitsbaldachin, der nicht gerade von der im jüdischen Glauben eingeforderten Demut im Angesicht des Todes zeugte. Emanuel Rotstein, der Regisseur und Produzent der Dokumentation, hatte es mir gemailt. Anders als auf dem jüdischen Friedhof in Prag hatten sich in Lodz wohlhabende Fabrikanten ihre eigenen Denkmäler geschaffen. Abraham Prussak und sein Bruder Dawid gehörten zu den größten Tuchfabrikanten von Lodz, dem Manchester Polens. Abraham Prussak hatte nicht nur als Erster mechanische Webstühle von Manchester nach Lodz gebracht, er gehörte auch zu den Bauherrn der Ezras-Israel-Synagoge, die in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1939 von den Nationalsozialisten niedergebrannt wurde. Dieser Mann war mein Urgroßvater. So hatte es mir meine Mutter erzählt. Ein orthodoxer Jude, der seine Töchter zum Studium in die Schweiz und nach Frankreich schickte, der aber auch seine Tochter, meine Großmutter Iza, verstieß, als sie einen Goij, einen Nicht-Juden, heiratete. Pädagogische Offenheit, Liebe und Modernität paarten sich mit alttestamentarischer, unnachgiebiger Härte.
Gegen neun Uhr abends kam ich an. Das Hotel befand sich in einem Teil der ehemaligen Fabrik von Izrael Kalmonowicz Poznański, dem berühmten polnischen Unternehmer. Nach den Berichten meiner Mutter musste die »Weiße Fabrik«, die Baumwollspinnerei meiner Vorfahren, ähnlich imposant gewesen sein. Die Industrielle Revolution, die Weberaufstände hatten hier Fahrt genommen. Die anarchistische Grundeinstellung meiner Großmutter Iza, ihr lebenslanger Kampf gegen Ungerechtigkeit und Diktatur, wurden mir beim Anblick der meterdicken Mauern nicht nur verständlich, sie erfüllten mich mit einem gewissen Stolz. Wahrscheinlich erlebte sie die Ausbeutung der Arbeiter damals hautnah mit, wusste, dass jeder Mann neben einem sehr niedrigen Lohn für vierzehn Stunden harter körperlicher Arbeit wöchentlich nur einen Laib Brot bekam, um seine Familie zu ernähren. Der Begriff Hungerlohn war keineswegs eine Metapher, beschrieb vielmehr eine grausame Wirklichkeit, in der die Menschen zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel hatten.
Am nächsten Morgen lief ich um sieben Uhr in den Frühstücksraum des Hotels, ich hatte eine Verabredung mit Emanuel Rotstein und der Historikerin und Ahnenforscherin Milena Wicepolska.
»Es gibt ein paar Ungereimtheiten.« Emanuel machte mich mit Milena bekannt. Sie sprudelte gleich drauflos.
»Deine Großmutter ist eine geborene Prussak, aber ihr Vater war nicht Abraham Prussak. Wie er hieß und ob er mit Abraham verwandt war, konnte ich bisher nicht rausfinden, aber der Name Prussak war damals in Polen recht verbreitet …«
War ich einer der vielen erzählerischen Eigenwilligkeiten meiner Mutter aufgesessen? Aber wie sollte sie von Abraham Prussak erfahren haben? Sie wusste nichts über Lodz, nichts oder nur sehr wenig über ihre Vorfahren, sie war nie in Polen gewesen. Ich gab vor, etwas in meinem Zimmer vergessen zu haben. Ich wollte allein sein. Was würde jetzt auf mich zukommen?
Für einen Moment zweifelte ich an allem, was ich bisher für wirklich gehalten hatte.
Ich erinnerte mich mit Schrecken an einen Dokumentarfilm, in dem sich ein alter Mann als unehelicher Sohn von Ernst Lubitsch ausgab und behauptete, im Besitz eines bisher unveröffentlichten Drehbuchs des jüdischen Filmregisseurs zu sein. Die Geschichte dieses Mannes führte die Dokumentaristen gegen Ende der Dreharbeiten nach Polen, wo sie die Arbeit an dem Film abbrachen, als sich herausstellte, dass der »uneheliche Sohn« Lubitschs in Wahrheit wohl ein polnischer Kollaborateur gewesen war, der sich mit dieser abstrusen Geschichte zu einem Verfolgten stilisieren wollte, zum Sohn eines der bedeutendsten jüdischen Regisseure der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre. Ich werde nie das starre Gesicht vergessen, das kalte Schweigen, als sie ihn vor laufender Kamera mit der Wahrheit konfrontierten. Wirklichkeit ist eine auf die vorgefundenen Tatsachen bezogene Interpretation, schoss es mir durch den Kopf, ein Konstrukt. Und wenn die Wirklichkeit nur vorgetäuscht wurde? In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Was, wenn meine Vorfahren stramme Nationalsozialisten waren, die sich mit einer erfundenen Geschichte reinwaschen wollten? Und wie war es um mein Bedürfnis, auf der richtigen Seite der Geschichte geboren zu sein, bestellt? Ich bekam weiche Knie. Was würde mich in den kommenden Stunden erwarten? Ich erinnerte mich an den Film über Menachem und Fred. Auf der Fahrt nach Gurs waren bei beiden Brüdern Zweifel gewachsen. Plötzlich verspürten sie eine diffuse Angst vor der Konfrontation, die sie gesucht hatten. Dann sagte der eine: »Wir wussten, als wir diesen Weg einschlugen, dass er uns in die Hölle führen würde.«
Ich ging ins Bad, wusch mir die Hände und schlug mir etwas Wasser ins Gesicht. Ich wagte es nicht, in den Spiegel zu schauen. Eilig trocknete ich mich ab. Von ferne hörte ich die höhnische Stimme eines alten Lehrers, an dessen Gesicht ich mich nur verschwommen erinnern konnte. Er rief mir zu: »Nur keine jüdische Hast.«
Was wollte ich hier? Wonach suchte ich wirklich? Während ich Stufe für Stufe von der siebten Etage die Treppen hinunterstieg, wurde es mir immer klarer. Als ich erneut den Frühstücksraum betrat, wusste ich es. Ich war keinen Deut besser oder schlechter, schuldiger oder unschuldiger als all die anderen, zu denen ich nie gehören wollte. Ob meine Vorfahren nun Juden waren oder nicht, Deutscher war ich gewiss, das konnte ich nicht abschütteln, das hatte ich schon damals in Paris gefühlt, als mir ein Mitschüler auf dem Schulhof lachend zurief: »On reconnait l’allemand à ses tatanes«, man erkennt den Deutschen an seinen Schuhen. Ich war ein Deutscher, mit oder ohne jüdische Wurzeln. Einer, der damals nicht gelebt hatte, der weder schuldig noch unschuldig war, einfach nur deutsch, mit einer deutschen Geschichte – der deutschen Geschichte, die alle Verbrechen der Menschheitsgeschichte in den Schatten stellte. Damals fragten sie mich auf dem Schulhof in Paris, wie es sich denn anfühle, ein Deutscher zu sein? Später in Amerika wiederholte ein Freund die Frage in etwas anderer Form. Es müsse doch sicher schlimm sein, wenn die Filmindustrie, in der ich ja auch noch selber arbeitete, den Deutschen immer nur als das Ungeheuer aus dem Zweiten Weltkrieg darstellen würde. Was würde das für das eigene Selbstwertgefühl bedeuten? Beiden entgegnete ich damals, ich sei ja gar kein Deutscher, jedenfalls nicht so einer. Meine Mutter sei Jüdin. Den Franzosen verschwieg ich natürlich, dass sie in ihrem Land in einem von Franzosen errichteten und von Franzosen geleiteten Lager gewesen war, aus dem ab 1942 regelmäßig die Transporte in die Gaskammern von Auschwitz fuhren. Ich sagte auch nicht, dass die Franzosen den Deutschen für ihre Bemühungen einen Unkostenbeitrag von etwa 700 Reichsmark für jeden Juden bezahlten, von dem sie die deutschen Besatzer befreiten. Das stand mir nicht zu, denn, so furchtbar es war, es war nichts, verglichen mit dem, was das Land meiner Väter getan hatte. Am verblüffendsten, am genauesten und am ahnungslosesten war damals die Antwort eines französischen Schulfreundes, die mich verstörte wie ein tragischer Justizirrtum: »Du bist aber trotzdem ein Deutscher.« Ja, das bin ich. Trotzdem.
Ich betrat schnellen Schrittes den Frühstücksraum. Alles war unverändert. Niemand guckte merkwürdig. Milena war verschwunden. Sie sei noch mal ins Archiv gefahren und würde später wieder zu uns stoßen. Wir würden jetzt erst einmal ins Marek Edelmann Dialogue Center fahren, um dort eine Historikerin zu treffen, die gerade eine Ausstellung über polnisch-jüdische Geschichte kuratierte. Der Titel dieser Ausstellung passte zu mir: »Mischmasch«.
Am Nachmittag besuchten wir den jüdischen Friedhof. Ich stand vor dem Grab der Familie Prussak. Inzwischen wusste Milena, dass mein Urgroßvater Leib oder Leijb Prussak hieß und seine Frau Alta. Meine Mutter stammte also aus einer jüdischen Familie, die aber wahrscheinlich nicht direkt mit Abraham Prussak verwandt war. Enttäuschung? Ein wenig, ja. Demut hin oder her, das Grab war wirklich beeindruckend. Erleichtert? Und wie! Doch kein fürchterlicher Deutscher, doch auf der richtigen Seite geboren. Alle Erkenntnisse der letzten Stunden in den Wind geschlagen. Ich war Deutscher, ja, aber auch Jude, von einer jüdischen Mutter geboren. Katholisch erzogen, gut, aber aus dem Verein war ich ja schon mit zwanzig Jahren ausgetreten. Und mein protestantischer Vater? Na, der war zeit seines Lebens Atheist.
Wir spazierten über den Friedhof, machten Aufnahmen von den imposanten Gräbern großer Fabrikanten, Poznanski, Scheibler, Prussak. Von Alta und Leijb fehlte jede Spur. Hier waren sie jedenfalls nicht begraben. Wir gingen schweigend weiter. Unter jedem Grab lag eine Geschichte verborgen. Sie alle hatten gelebt, geliebt, gelitten und gehofft, und die meisten unter ihnen waren gläubige Juden gewesen. Es war die Geschichte einer vergangenen Zeit, die kurze Blüte einer Gesellschaft, in der Juden neben Christen einen Platz gefunden hatten, an dem sie bleiben durften.
Am nächsten Morgen betrat ich vor laufender Kamera das Archiv der Stadt Lodz. Milena begrüßte mich und führte mich in den Hauptsaal. Auf einem Tisch lag, bereits aufgeschlagen, ein fünfhundert Jahre altes Buch. Hier war alles per Hand eingetragen. Wer wann wohin gezogen war, wie lange er dort mit wem gelebt hatte. Jeder Umzug war dokumentiert, sofern er innerhalb von Lodz stattgefunden hatte.
»Die Geburtsdaten sind nicht unbedingt präzise«, sagte Milena. »Wurde ein Kind zu Hause geboren und war es noch dazu ein Mädchen, was für die Familie von geringerer Bedeutung war als die Geburt eines Stammhalters, benachrichtigte der Vater den Rabbi oder das Amt oft erst Monate später. Dann kam es schon mal vor, dass er sich nicht mehr so genau erinnerte, in welchem Monat sein Kind geboren war, geschweige denn an welchem Tag, zumal er ja als Vater damals bei der Geburt nicht anwesend war.«
Dann nahmen wir vor einem kleinen Bildschirm Platz. Hier konnte man Mikrofilme sichten. Mit der Linken drehte Milena an einem kleinen Rädchen, als wäre es das Rad des Schicksals. Der Name meiner Großmutter tauchte auf. Mit einem schelmischen Grinsen wandte sie sich zu mir.
»Und hier ist deine Großmutter Iza, aber hier, schau, eigentlich hieß sie Scheindla, oder Schejndla, die Schöne, oder eben Isa…bella.«
Bald fand sie auch Lola und Zecha oder Cesja, die früh nach Buenos Aires emigriert war, und dann tauchte plötzlich noch ein Bruder auf, von dem ich nie gehört hatte, den wohl auch meine Mutter nicht kannte.
»Hier, Menachem Prussak, Bruder von Schejndla, Lola und Cesja.«
»Gibt es weitere Spuren von ihm?«, fragte ich.
»Nein, wahrscheinlich ist er aus Lodz weggezogen. Es wurden damals nur Wohnungswechsel innerhalb der Stadt dokumentiert. Aber er hatte zwei Söhne, Vaclav und Stepan.«
»Was ist aus ihnen geworden? Und aus Leijb und Alta?«
Meine Hände zitterten. Nie hätte ich gedacht, dass der Besuch eines Stadtarchivs so aufwühlend sein könnte.
»Vaclav und Stepan wurden in Chelmno vergast.«
Der Satz stand still im Raum.
»Leijb ist 1921 gestorben.«
Damals war meine Mutter bereits geboren. Er starb, ohne von seiner Enkeltochter zu erfahren.
»Und Alta?«
»Die letzte Spur findet sich 1940 im Ghetto in Kutno. Damals muss sie zum letzten Mal umgezogen sein. Deine Urgroßeltern stammten aus Kutno, etwa fünfzig Kilometer von Lodz entfernt.«
Wir rechneten nach. Damals war Alta achtzig Jahre alt.
»Wenn sie noch bis 1941 gelebt hat, wurde sie mit Sicherheit auch nach Chelmno gebracht.«
Das heutige Chelmno wurde damals in Kulmhof umbenannt, so wie die Nationalsozialisten aus Lodz Litzmannstadt gemacht hatten, das sie in eine deutsche Musterstadt verwandeln wollten, mit einem Hermann-Göring-Platz und einer Adolf-Hitler-Straße. Deswegen wurde Lodz auch während des Krieges nicht zerstört.
Das war bei Chelmno anders. Chelmno war das erste Todeslager, das die Nationalsozialisten in Polen errichteten. Eine nicht ganz ausgereifte Vernichtungsstätte, eine Vorstufe zu dem, was noch kommen sollte. Es wurde von den Nationalsozialisten zerstört, als die ersten Berichte in der Weltpresse erschienen.
In den Ghettos lebte man unter menschenunwürdigen Verhältnissen, der Zugang zur Kanalisation war abgesperrt, lebensbedrohliche Seuchen breiteten sich aus. So war es nicht verwunderlich, dass die Juden sich freuten, wenn ein Lastwagen sie einsammelte und es hieß, sie würden nun woanders untergebracht. Es gab auch frische Kleidung und etwas zu essen. Man war darauf bedacht, die Menschen bei Laune zu halten. Niemand sollte Verdacht schöpfen. Nach der Ankunft wurden die Gefangenen in einen Innenhof geführt. Dort wurde ihnen erklärt, dass sie geduscht und entlaust und anschließend zum Arbeitsdienst nach Deutschland geschickt würden. Alles ging still und freundlich vonstatten, um eine Panik zu vermeiden. Niemand konnte beim Eintreten in den neuen Raum, in den sie über eine Rampe gebracht wurden, erkennen, dass er sich im Innern eines Lastwagens befand, der zu einer Gemeinschaftsdusche umgebaut worden war. Die Tür wurde verschlossen. Der Fahrer kroch unter das Fahrzeug, stellte über einen Schlauch die Verbindung zwischen Auspuff und Wageninnerem her und warf den Motor an. Der Todeskampf dauerte acht bis zehn Minuten. Um sicherzugehen, ließ er den Motor fünfzehn Minuten laufen. In Sichtweite stand eine katholische Kirche. Der Fahrer montierte den Verbindungsschlauch wieder ab, fuhr die Leichen in den Wald, wo sie von der Ladefläche in Massengräber gekippt wurden. Da man die Erde nicht tief genug ausgehoben hatte, entstanden Probleme während der Fäulnisprozesse. Die Leichen mussten wieder ausgegraben werden. Dafür holte man Juden aus den nahe gelegenen Ghettos, die anschließend per Genickschuss getötet wurden. Mit einer Knochenmühle wurden nun die Leichen zerkleinert und etwas effektiver entsorgt. Man erkannte jedoch bald, dass dieses Verfahren alles in allem umständlich und zeitaufwendig war. Vor allem ließen sich mit den vorhandenen drei Lastwagen keine vernünftigen Zahlen erzielen.
Immerhin wurden in Kulmhof von 1941 bis 1945 zwischen 150.000 und 200.000 Menschen vergast, vorwiegend Juden, aber auch Roma. Nur zwei Menschen haben Kulmhof überlebt.
In der angrenzenden Scheune, die heute Teil des Museums von Chelmno nad Nerem ist, sind die letzten Besitztümer ausgestellt, die nach dem Krieg gefunden wurden. Spielzeug, Brillen, ein Feuerzeug. Ein paar Kilometer weiter, im Wald, befindet sich heute die Gedenkstätte.
Schweigend stand ich zwischen Massengräbern. Während meine Urgroßmutter Alta Prussak im Ghetto verhungerte, an einer Seuche starb oder hier mit ihren Neffen Vaclav und Stepan, den Cousins meiner Mutter, vergast wurde, saß ihre Tochter in einer Todeszelle in Madrid, und ihre Enkeltochter kämpfte in Gurs ums Überleben. Alta, Iza, Sala. Drei Generationen, ein Schicksal. Sie wussten nicht voneinander.
Iza und Sala überlebten. Von Altas Leben, von ihrem Sterben, erfuhren sie nie.
Irgendwann muss doch mal Schluss sein?
Eines Tages fiel mir bei meinen Recherchen ein altes Comicheft in die Hände. Der Autor und Zeichner Horst Rosenthal war zur selben Zeit wie meine Mutter in Gurs inhaftiert gewesen. Auf dem rötlichen Einband ist eine einfache Baracke gezeichnet, in der Mitte ein kreisrundes Loch, in dem der Kopf von Walt Disneys Mickey Mouse zu sehen ist. Hinter der Baracke ein einfacher Zaun, unterhalb der Titel, Mickey im Lager von Gurs, veröffentlicht ohne die Genehmigung von Walt Disney. Mickey wird nach kurzer Befragung von einem französischen Polizisten nach Gurs gebracht. Dort führt man ihn in eine Baracke und stellt ihn vor einen riesigen Papierstapel. Nach ein paar Minuten taucht ein Kopf aus dem Berg hervor.
»Ihre Papiere?«
»Papiere? So etwas habe ich nie gehabt.«
»Ihr Name?«
»Mickey.«
»Der Name Ihres Vaters?«
»Walt Disney.«
»Der Name Ihrer Mutter?«
»Meine Mutter? Ich habe keine Mutter.«
»Wie bitte? Sie haben keine Mutter? Wollen Sie mich verar…?«
»Nein, wirklich, ich habe keine Mutter.«
»Sie machen Witze! Ich habe Typen gekannt, die keinen Vater hatten, aber keine Mutter … Nun gut, sei’s drum. – Sind Sie Jude?«
»Wie meinen Sie?«
»Ich frage Sie, ob Sie Jude sind!!«
Beschämt gestand Mickey seine völlige Ignoranz bei diesem Thema.
»Waren Sie auf dem Schwarzmarkt tätig? Haben Sie ein Komplott gegen die Sicherheit des Staates geschmiedet? Haben Sie subversive Reden gehalten?«
»!!!???!!!??????????!!«
»Staatsangehörigkeit?«
»Ähhh … Ich bin in Amerika geboren, aber ich bin international!«
»International! INTERNATIONAL!! Dann sind Sie Kommu……………..«
Und mit einer fürchterlichen Grimasse verschwindet sein Kopf wieder in dem Papierstapel.
Auf den folgenden Seiten durchläuft Mickey die verschiedenen Stationen des Lagers, versucht einen Brief abzuschicken, scheitert aber unter den strengen Blicken des Zensors, passiert auf dem Weg zur Poststelle einen einsamen Mann, der hoch konzentriert eine kümmerliche Pflanze im Lehmboden wässert, wird bei dem Versuch, das Frauenlager zu besuchen, von einem Aufseher nicht durchgelassen, weil er keinen Passierschein vorweisen kann. In seiner Baracke entdeckt Mickey entsetzt eine winzige Lebensmittelration auf seinem Tisch. Kurz darauf führt ihn sein Latrinengang vorbei an einem als Internierten verkleideten Herrn, der angeblich für die Sûreté arbeitet. Wütend sucht er nach dem Tabak, den man ihm ein paar Tage zuvor völlig überteuert verkauft hat. Er pafft nervös eine Zigarette, während seine Augen krötengleich mit einem einzigen Blick das gesamte Lager erfassen.
Im Lager kursierten immer neue Blättchen des Künstlers, der damit nicht nur die Kinderherzen erfreute. Wie die Zeichnungen ungehindert von Hand zu Hand gelangten, obwohl der Verfasser auch die Verwaltung der Vichy-Regierung nicht verschonte, bei der sich Mickey höflich für die luxuriöse Unterkunft und für die fantasievolle Bewirtung bedankte, bleibt ein Rätsel. Die Darstellungen zähnefletschender Baracken oder der feinen Küche, mit denen man betuchte Touristinnen zur Schlankheitskur nach Gurs einlud, schenkten den Gefangenen ein Lachen, eine vorübergehende Anästhesie ihrer geschundenen Herzen.
Mickey Mouse, als dessen Geburtsstunde die Uraufführung des Zeichentrickfilms Steamboat Willie am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre gilt, war schnell weltberühmt geworden. Horst Rosenthal schien 1942 noch auf seine Freilassung zu hoffen, deswegen wollte er offenbar keinen Urheberstreit mit Walt Disney und schrieb unter den Titel »Ohne Genehmigung von Walt Disney«.
In dem letzten erhaltenen Heft gefällt Mickey seine neue Heimat nicht. Erleichtert stellt er fest, dass er nur eine Comicfigur ist. Also beschließt er, sich auszuradieren. Mit ein paar weiteren Strichen träumt er sich nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, mitten auf die hoch bebaute Insel Manhattan. Dort sollen die Gendarmen mal versuchen, ihn zu finden. Sie finden ihn nicht, dafür aber seinen Zeichner Horst Rosenthal, der nie nach Amerika gelangte.
Ich kam aufgeregt von der Grundschule nach Hause.
»Mama! Papa! Vor der Schule steht ein Mann mit einem Auto und verkauft für die Kinder Micky-Maus-Hefte. Kann ich eins? Bitte!!!«
»Comics?« Mein Vater sah mich etwas unwirsch an. »Für so einen Quatsch geb’ ich kein Geld aus, lies lieber was Anständiges.«
Meine Mutter nickte abwesend.
»Guck, Mama hat’s erlaubt.«
Mein Vater sah sie schweigend an. Sie nickte wieder. Sein ganzer Körper verdrehte sich ungläubig zu einem Fragezeichen.
»Micky Maus?«
»Die sind doch zum Piepen.«
»Zum Piepen?«
»Nun gib ihm schon das Geld.«
Ich fiel meiner Mutter um den Hals, stahl mich schnell davon, bevor mein Vater es sich noch anders überlegte, sprang draußen auf meinen Drahtesel und trat in die Pedale, bis ich außer Sichtweite war. Schnell, schneller, noch schneller, peitschte ich mich an. Ich musste die verlorene Zeit einholen, sonst war der Mann mit den kostbaren Heftchen vielleicht schon verschwunden.
»Eine halbe Stunde«, hatte er mich gewarnt, »dann breche ich meine Zelte hier ab.« Er war groß und kräftig, mit roten, zurückgekämmten Haaren und überall Sommersprossen, auf den Händen, den Armen, sogar im Gesicht. Ich kannte sonst nur einen Menschen mit Sommersprossen, Sabrina, und die hatte vor ein paar Tagen meinen Heiratsantrag kategorisch abgelehnt, mit der fadenscheinigen Begründung, dass wir noch zu jung seien, dabei hatte sie mir noch vor Kurzem ewige Treue und Liebe geschworen. Menschen mit Sommersprossen durfte man nicht zu viel Zeit zum Nachdenken geben.
Ich presste meinen Oberkörper flach über das Lenkrad, schneller, schneller, schneller! Mein Atem flatterte, ich fühlte das Blut durch meine Adern sausen, konnte in meinem Ohreninnern sein Rauschen deutlich hören. Jetzt war ich gleich da. Dort vorne blitzte der beigefarbene VW Käfer in der Sonne, ein paar Meter noch, vielleicht zehn, höchstens fünfzehn. Meine zitternden Beine strampelten mit letzter Kraft dem Ziel entgegen, ich hielt das ersehnte Heft schon fast in den Händen und sah noch einmal das überraschte Gesicht meines Vaters vor mir, als er schweigend ein Fünfzigpfennigstück in meine Hand fallen ließ. Um Worte verlegen, hatte er zu meiner großen Überraschung, entgegen all seinen Prinzipien, zugestimmt. Meine Mutter hatte mich verstanden, sie hatte erkannt, wie wichtig mir dieses Heft war. Ich legte meinen Kopf nach unten, ihr Gesicht lächelte mir über den dahinfliegenden Asphalt entgegen. »Mama«, dachte ich noch, als ich mit dem Vorderreifen in die Stoßstange des nagelneuen Käfers krachte, unendlich langsam die Kühlerhaube hinaufrutschte und rutschte und rutschte – bis ich zu Boden fiel. Es war meine zweite Gehirnerschütterung in einem Jahr. Meine Eltern waren zutiefst besorgt.
Sie brachten mir das schwer erkämpfte Heft an mein Krankenbett. Ich spürte etwas über meinen Kopf streichen. Es waren die Zauberhände meines Vaters: Jeder, den er damit berührte, wurde auf der Stelle gesund. Ich hielt die Augen geschlossen, um den Heilungsprozess nicht zu stören.
»Mickey au Camp de Gurs«, flüsterte meine Mutter. »Die Kinder haben sich immer so gefreut, wenn neue Hefte von Horst kamen. Sie wuschen sich sogar ihre Händchen, um keine Flecken zu machen. Die Maus hat uns alle zum Lachen gebracht.«
»Was ist aus dem Mann geworden?«, fragte ich.
Meine Mutter saß auf ihrem Sessel, in ihrer kleinen Wohnung in Spandau. Draußen schneite es immer noch. Sie schaute zu der gelben Baskenmütze meines Vaters am Türhaken, wischte eine weiße Haarsträhne aus ihrem Gesicht und starrte vor sich hin. Dann zuckte sie kurz mit den Schultern. Nach den Kindern wagte ich nicht zu fragen.
Schwerer Weihrauch kroch duftend in meine Nase, als ich siebenjährig vor dem Tannenbaum zu den Worten der Weihnachtsgeschichte neben meiner Mutter kniend darauf wartete, wann ihre Lesestimme dieses Jahr zittern, wann sie brechen würde, wann sie dieses fürchterlich trockene Schluchzen aus sich herauspressen würde, so wie sie es jedes Jahr unter dem Christbaum tat, bis sie weinte, bis sich ihr ganzer Körper unter Krämpfen schüttelte, während mein Vater ihr beruhigend den Rücken streichelte oder einfach nur seine Hand darauf legte, bis ihre Tränen langsam wieder versiegten. Dieses Jahr jedoch beschloss ich, ihr zuvorzukommen. Noch las sie mit fester Stimme, da begann ich mit den Knien zu zittern, wie ich es jahrein, jahraus bei ihr beobachtet hatte, anschließend in immer kürzeren Abständen zu hecheln, immer stärker zu hecheln, bis ich die ersten besorgten Seitenblicke spürte, aber … was war das, gottverdammt, die Tränen wollten nicht kommen. Hecheln, dachte ich, hecheln, hecheln … Ich hatte noch kurz die Dunkelheit aufsteigen sehen, erst grau und dann schwarz, als würde jemand eine riesige Decke über mich werfen, dann war ich umgekippt.
Wenig später saß ich, bei einer Tasse süßlich dampfendem Tee, halb aufgestützt vor meinem Geschenk. Das Christkind hatte mir eine Eisenbahn der Firma Märklin unter den Baum gelegt. Ein besonders großes Geschenk, weil ich in diesem Jahr zweimal im Krankenhaus gewesen war. Auf einer Spanholzplatte rauschte der Zug friedlich über seine Schienen durch eine grün blühende Waldlandschaft, vorbei an Hütten und Häusern, gezogen von einer schwarz glänzenden Lokomotive, der ich mit halb geschlossenen Augen folgte, bis sie dampfend in den kleinen Bahnhof tuckerte.