21. Kapitel
AN BORD DER ANAKIN SOLO, HAUPTHANGAR
Syal Antilles bahnte sich ihren Weg durch den Haupthangar der Anakin Solo. Normalerweise wäre das nichts Besonderes gewesen, doch augenblicklich war der Hangar überfüllt mit Sternenjägern - nicht bloß mit dem üblichen Kontingent, sondern mit dem Großteil der Schiffe, die den Angriff der Centerpoint-Station überlebt hatten. Jetzt drängten sich die Jäger wesentlich dichter zusammen, als den Bodenmarkierungen zufolge zulässig war, und die Mechaniker arbeiteten rund um die Uhr daran, sie zu reparieren und zu warten.
Syal, eine zierliche Frau mit kurzem braunem Haar und einem Pony, der zur Seite schwang, wann immer auch nur der Hauch einer Brise über ihr Antlitz strich, überprüfte die alphanumerischen Kennungen, die an Wände, Decken und auf Bodenabschnitte gemalt waren. Ihr Ziel war V17, und erst, nachdem sie sich zwischen zwei gepanzerten Truppentransportshuttles hindurchgezwängt hatte, fand sie, was sie suchte - eine gewöhnliche Raumfähre der Lambda- Klasse mit hochgeklappten Atmosphärenflügeln und Allianz-Emblemen an Bug, Seite und Heck.
Sie näherte sich der Fähre von der Seite und winkte dem uniformierten Piloten zu. der vage durch das vordere Sichtfenster auszumachen war. Er winkte zurück, und Sekunden später glitt die Einstiegsrampe des Schiffs nach unten.
Sie erklomm die Rampe mit raschen, nervösen Schritten und hob die Stimme, damit man sie im ganzen Shuttle hörte. »Leut..., äh, Captain Antilles meldet sich wie gewünscht.« Am oberen Ende der Rampe angelangt, trat sie vor und sah sich dem Hauptabteil der Raumfähre gegenüber, das im üblichen VIP-Logenstil gehalten war - nur wenige Drehsitze aus Plüsch, mit kleinen Tischchen neben jedem einzelnen davon.
Die Cockpittür indes war geschlossen, und es war niemand zu sehen. »Hallo?«
Die Einstiegsrampe hob sich und rastete ein. Argwöhnisch legte sie die Hand ins Kreuz, wo unter der Uniform ihr Miniblaster im Halfter steckte. Es war Piloten nicht erlaubt, in gesicherten Bereichen an Bord eines Schiffs Waffen zu tragen, doch ihre Mutter hatte sie gelehrt, dass bedingungsloses Befolgen der Vorschriften zuweilen fast einer Einladung gleichkam, sich ermorden zu lassen.
Die Cockpittür schwang auf. In der Türöffnung stand ein Mann von durchschnittlicher Größe. Er trug die Dienstuniform des Sternenjägerkommandos der Galaktischen Allianz. Er war mittleren Alters, schlank, mit Haar, das sich im Laufe der Jahre von hellblond zu weiß gewandelt hatte, und Gesichtszügen, die gleichermaßen aristokratisch wie mitfühlend wirkten. Seine Augen waren von bemerkenswertem Blau.
Er schenkte ihr ein Lächeln. »Willkommen zurück, Syal.«
»Onkel Tycho.« Sie lief zu ihm. schlang ihre Arme um ihn und hielt ihn einen Moment lang ganz fest. »Es ist so schön, dich zu sehen. «
»Du führst dich auf. als wäre ich derjenige, der in Gefahr schwebt.« Er führte sie ins Hauptabteil, ließ sie in einem der dick gepolsterten Sessel Platz nehmen und setzte sich selbst ihr gegenüber. »Captain Antilles. Als ich das auf der Rettungsliste sah. dachte ich, es wäre einen Datenfelder.«
Syal schüttelte den Kopf. »Eine Feldbeförderung. Ich habe auf Luke Skywalker geschossen, und sie fanden, dass ich mir dafür eine bessere Gehaltsstufe verdient hätte.« Obwohl sie sich bemühte, konnte sie den Schmerz und die Verbitterung nicht aus ihrer Stimme heraushalten. »Ein schwacher Trost dafür, dass ich meine gesamte Staffel verloren habe. Und meinen Verlobten.«
»Deinen Verlobten?« Tycho war überrascht. »Ich wusste zwar, dass du dich mit jemandem triffst «
»Mit Tiom Rordan. Jägerpilot auf der Fregatte Schlundläufer.« Außerstande, den Ausdruck ehrlichen Mitgefühls in Tychos Gesicht zu ertragen, blickte sie auf ihre Stiefel hinab. »Es war noch nicht offiziell. Wir haben nicht einmal daran gedacht, zu hei raten, bis der Krieg vorbei ist.« Syal spürte die Tränen in ihr aufsteigen. Wieder Tränen, zum tausendsten Mal. Sie strich sie beiseite und blickte Tycho an; es war ihr gleich, ob er sie bemerkte.
Er schüttelte einfach bloß den Kopf. »Es tut mir so leid.«
»Ja.« Sie rutschte unruhig herum. Ihr linkes Knie begann zu zittern, eine Vorwarnung, dass ihre nervöse Energie ihr Bein in Kürze dazu bringen würde, auf und ab zu wippen. Sie drückte mit der Handfläche fest auf ihr Knie. »Ist Winter wohlauf?«
Tycho nickte. »Es geht ihr gut. Syal, so schön es auch ist. dich zu sehen, ich habe in offizieller Angelegenheit nach dir schicken lassen.«
»Aha.« Syal richtete sich auf. »Wie kann ich zu Diensten sein, General?«
Einen Moment lang wirkte Tycho ein bisschen trauriger, als wäre ihre plötzliche Rückkehr zum Verhalten einer Offizierin gleichermaßen unerwünscht wie angebracht. »Dir ist bekannt, dass ich gegenwärtig als Analytiker für Admiralin Niathal tätig bin?«
Syal nickte, »Ich wünschte, du würdest wieder Piloten ausbilden. Die Frischlinge könnten jemanden mit deiner Erfahrung gut gebrauchen.«
»Danke. Was ich von dir wissen möchte, ist, nun ja, die Wahrheit. Die Wahrheit, ohne irgendwelche Schönfärberei, ohne jemanden zu schützen.«
Sie dachte darüber nach. »Inoffiziell? Und hast du dieses Shuttle nach Abhörgeräten abgesucht?«
»Ja und ja. Vergiss nicht, dass ich genau wie du in einem gemischten Haushalt lebe. Piloten und Spione.«
Das entlockte ihr beinahe ein Lächeln - aber eben nur beinahe. Ihr war nicht nach lächeln zumute. »Schieß los, General.«
»Ich würde gern wissen, was du über all das denkst. Aus der vernünftigen Perspektive einer Stabsoffizierin. Über die Moral. Über den Verlauf des Krieges. Über Jacen Solo.«
Das musste sie sich durch den Kopf gehen lassen. »Ich bin mir nicht sicher, was ich dazu sagen soll. Ich kenne den Zusammenhang nicht. Vielleicht ist das das Problem. Wie kann man eine Perspektive haben, wenn man nichts hat, womit man die Dinge vergleichen könnte? Ich zumindest habe das nicht. Und meine Teamkameraden auch nicht. Oder hatten es nicht.«
»Ich verstehe nicht recht.«
»Ich erinnere mich an den Yuuzhan-Vong-Krieg. Damals war ich noch ein Kind, aber meine Erinnerungen daran sind nach wie vor sehr lebendig. Alle, die ich kannte, kämpften für dieselbe Sache. Ums Überleben. Das war einfach. Falls wir verlören, würden wir sterben, und dann würden wir aussterben. Falls wir gewännen, nicht. Aber dieser Krieg ... Diejenigen von uns, die ihre Uniform bereits trugen, als er anfing, haben darauf vertraut, dass sie uns sagen würden, worum es hierbei geht, damit das Ganze einen Sinn bekommt. Doch dann haben sie es uns gesagt aber Sinn macht es trotzdem nicht.«
Sie nahm einen langen, zittrigen Atemzug. »Da draußen wird es zunehmend verrückter. Es ist, als würden beide Seiten beginnen, einander nur noch als Droiden zu betrachten. Ich höre immer wieder Geschichten über Infanterieeinheiten, die berichten, dass sie auf feindliche Ortschaften und Anlagen gestoßen sind, die im Zuge irgendeiner Vereitelungsmaßnahme der Konföderation in die Luft gesprengt wurden. Allerdings melden ihre Bodenstreitkräfte Gerüchten zufolge genau dasselbe über unsere Orte und Anlagen, und ich weiß, dass wir keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen haben. Und irgendwer hat vor Kurzem auf der Centerpoint-Station auf den Knopf gedrückt, um unseren gesamten Kampfverband auszulöschen. Hat bloß auf einen Knopf gedrückt... Ich habe furchtbare Angst, dass sie das wieder tun werden. Aber ich fürchte mich noch mehr davor, dass ich das nächste Mal womöglich bereit wäre, diesen Knopf zu drücken, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.« Schließlich brachen sich die Tränen Bahn, und sie vergrub ihren Kopf in den Händen. »Seit das hier angefangen hat, habe ich nicht bloß auf einen meiner Helden geschossen - auf Luke Skywalker -, sondern auch auf meinen eigenen Vater. Die Allianz und die Konföderation sagen über beide grässliche Dinge. Das hat keiner von ihnen verdient. Das alles ergibt nicht den geringsten Sinn.«
Tychos Tonfall war freundlich, doch seine Worte drängten sie unerbittlich dazu fortzufahren. »Und Colonel Solo?«
»Alle haben Angst vor ihm. Alle. Niemand spricht über ihn. Hast du so was schon mal gehört? Von jemandem, über den selbst die eigenen Leute nie reden?«
»Ein- oder zweimal. Vor sehr langer Zeit.« Tycho seufzte. »Syal, willst du den Dienst quittieren?«
Aufgerüttelt und verärgert über seine Worte setzte sie sich aufrecht hin und sah ihn an. »Ich will nicht weglaufen. Ich will bloß, dass all dies einen Sinn ergibt.«
»Ich bitte dich nicht darum, wegzulaufen oder deine Uniform zu entehren. Ich frage dich, ob du unter diesen Umständen lieber den Dienst quittieren willst?«
»Nein. Ich möchte etwas tun, von dem ich glaube, dass es dabei helfen wird, diesen Krieg zu beenden. Ansonsten ist mein Captain-Abzeichen ... das Metall nicht wert, aus dem es gestanzt wurde. Ich werde meiner Uniform keine Schande machen ... aber im Hinblick darauf, wie die Dinge laufen, kann ich ihr auch keine Ehre machen. Verstehst du, was ich meine?«
»Du sprichst mit einem Mann, der für Imperator Palpatine geflogen ist. Für Palpatine, dessen Untergebene niemals über ihn geredet haben.«
Sie strich ihre Tränen fort. »Es tut mir leid, Tycho. Ich vergaß.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.« Er musterte sie. »In ein oder zwei Tagen bekommst du neue Befehle. Sie werden dir furchtbar vorkommen, wie etwas, das kein Kommandant mit einem Funken Verstand einem Ass wie dir antun würde. Aber ich bitte dich, nicht dagegen zu protestieren, keine Wellen zu machen. Begib dich einfach dahin, wo sie dich hinschicken. Ich werde dort auf dich warten.« »Ja, General.«
»Kannst du Kontakt zu deinem Vater aufnehmen?«
Sie nickte. »Bislang habe ich das nicht getan. Technisch gesehen wäre das Hochverrat. Aber ich kann es.«
»Wenn ein vorgesetzter Offizier es dir befiehlt, ist es kein Hochverrat.«
»Stimmt.«
»Dann befehle ich es dir.«
»Ja, Sir. Ich weiß aber nicht, wie lange das dauern wird.«
»Meine Möglichkeiten, ihn zu erreichen, sind leider genauso langsam und unsicher. Deshalb verdopple ich meine Chancen, indem ich dich um deine Hilfe bitte.« Er schenkte ihr erneut ein sanftes Lächeln, sein Onkel-Tycho-Lächeln. »Also. Das offizielle Gespräch ist vorüber. Bekommt man irgendwo in der Nähe eine gute Tasse Kaf? Nicht dieses Abbeizzeug, das sie einem hier im Hangar servieren?«
»Mein Schütze, Zueb Zan, kocht guten.«
»Worauf warten wir dann noch?«
CORELLIA, CORONET, KOMMANDOBUNKER
Das Hologramm im Zentrum der abgedunkelten Kammer zeigte einen hageren Mann in einer dunklen Offiziersuniform, der eines Konföderationsgenerals. Sein Gesicht war vernarbt, sein Körper steif.
Und er war bloß etwas mehr als eine doppelte Handbreite größer als einen Meter, weshalb Premierminister Koyan sein Technikteam angewiesen hatte, das Hologramm auf eine »angemessene Größe« zu bringen.
Auf die Stimme des Generals hatte seine kleinwüchsige Statur allerdings keinen Einfluss. Wuterfüllt hallte sie von den Wänden der Kammer wider und ließ Koyans Brustbein vibrieren. »Die Centerpoint-Station ist ein Aktivposten der Konföderation. Sie einzusetzen, ohne sich zuvor mit meinem Büro abzustimmen, stellt eine grobe Pflichtverletzung dar - und, schlimmer noch, zeugt von schwerwiegender Inkompetenz.«
»Die Station gehört Corellia. General Phennir. Und wir haben uns dazu entschlossen, sie in dem Bemühen einzusetzen, diesem Krieg ein schnelles Ende zu bereiten.« Koyan zuckte mit den Schultern. »Und bislang gehen wir davon aus. dass die Aktion den gewünschten Erfolg hatte. Jacen Solo, einer ihrer beiden Staatschefs, ist tot. Seine Partnerin, Admiralin Niathal, ist um einiges vernünftiger, als Solo es war.«
»Unser Tarnschiff im Coruscant-System meldet, dass die Anakin Solo die Umlaufbahn des Planeten erreicht hat. Wie kommen Sie darauf, dass Colonel Solo tot ist?«
Koyan spürte, wie sein Magen nach unten sackte, als wäre er unwissentlich in einen Turbolift gestiegen und würde unvermittelt vierzig Stockwerke in die Tiefe sausen. Er versuchte, seine Bestürzung aus dem Gesicht herauszuhalten. »Unsere Sternenjäger berichten, dass sämtliche Allianz-Schiffe im Kampfgebiet zerstört wurden.«
»Als das Geschütz abgefeuert wurde, hatte sich die Anakin Solo anscheinend bereits vom Schlachtfeld zurückgezogen. In Ihrem Bestreben, die Streitkräfte unschädlich zu machen, die Corellia belagern, und einen - einen einzigen - wichtigen Strategen der Allianz zu eliminieren, haben Sie das Geheimnis um die Einsatzbereitschaft der Station preisgegeben, das Gleichgewicht der Macht um einige Prozentpunkte zu unseren Ungunsten gekippt und ansonsten nichts erreicht. Hätten Sie hingegen mit mir und meinem Büro zusammengearbeitet, hätten wir einen wesentlich erfolgreicheren Schlag gegen den Feind führen können. Einen, der den Verlauf des Krieges tatsächlich verändert hätte.«
Koyan schüttelte den Kopf. »Glücklicherweise ist es uns gelungen, sämtliche Spione auszuräuchern, die Informationen über die Reparaturen an der Station an die GA hätten weitergeben können. Hätten wir Ihre Leute mit einbezogen ... wäre es zu kompliziert geworden, das Ganze geheim zu halten.«
»Ich sage das nicht allzu häufig, Koyan. aber jetzt kann ich nicht anders. Sie sind ein Narr.«
»Was Sie zu einem noch größeren Narren macht, wenn man bedenkt, dass Sie liier gerade mit dem Mann sprechen, der über die zerstörerischste Waffe verfügt, die je geschaffen wurde.«
»Nun, da Sie über die zerstörerischste Waffe verfügen, die je geschaffen wurde, sind Sie zweifellos in der Lage, das corellianische System ohne die Unterstützung der übrigen Konföderation zu verteidigen. Dann gibt es auch keinen Anlass mehr, unsere Flottenbewegungen zu synchronisieren. Oder Geheimdienst informationell mit den anderen Planeten auszutauschen. Ganz zu schweigen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Versorgungsgütern.«
Das brachte Koyan zur Raison. Bis die Station wieder einsatzbereit war, waren diese Ressourcen von unschätzbarem Wert.
Der gesunde Menschenverstand verlangte, dass er einen Schritt zurücktrat, sein Gegenüber ein bisschen beschwichtigte und gut, Wetter machte. Als erfahrener Politiker war er sich dessen bewusst.
Gleichwohl, seine nächsten Worte überraschten sogar ihn selbst. »Drohen Sie mir nicht. General. Meine Antwort darauf würde Ihnen nicht gefallen.« Er winkte seinen Technikern zu die unsichtbar außerhalb des Hologrammbereichs warteten, und Phennirs Bild verschwand, während die Kammer in Dunkelheit versank.
Schwer schluckend wandte sich Koyan dem Ausgang zu. Vermutlich hätte er das nicht tun sollen. Andererseits war es wichtig. der Konföderation zu zeigen, welche Welt hier das Sagen hatte und welcher Herrscher der Boss war.
Die Antworten darauf lauteten Corellia und Sadras Koyan.