4. Kapitel

 

WALDMOND ENDOR, JEDI-AUSSENPOSTEN

 

Einst hatte das flache Dach des Außenpostens als Landeplattform für Raumfähren und TIE-Jäger gedient, und jetzt, gute vierzig Standardjahre später, lagen immer noch Relikte jener Ära auf der Plattform verstreut - ein ausrangierter Reifen vom Landegestell eines Shuttles, ein rostiger Rollwagen, der früher Werkzeug enthielt, ein Durcheinander korrodierter Muttern und Bolzen, die weder der Wind noch die Zeit von der Oberfläche hatten fegen können.

Dort trafen sie sich, die Jedi-Meister im Exil: Luke Skywalker, Kyle Katarn, die Mon-Cal-Heilerin Cilghal, Kyp Durron, Corran Horn, die kämpferische, reptilartige Saba Sebatyne und Octa Ramis von Chandrila. Octa, die von Kam und Tionne Solusar ausgebildet worden war, welche sich beide nach wie vor von den beinahe tödlichen Wunden erholten, die sie durch die Hand von Jacen Solos Soldaten erlitten hatten, war zurückhaltender als die Übrigen. Ihre ruhige Gelassenheit in der Macht war zweifellos eher ein Zeugnis unbeugsamer Selbstbeherrschung als von innerem Frieden.

Kyp Suchte Lukes Aufmerksamkeit und sagte: »Vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken.« Mit einem Vorschnellen seines Handgelenks und dem Einsatz der Macht ließ er den alten Reifen durch die Luft auf Luke zusausen.

Luke vollführte einen Salto nach rechts, und der Reifen flog harmlos über ihn hinweg. Luke landete wieder auf den Füßen und aktivierte sein Lichtschwert, als der Reifen auf die Oberfläche der Plattform klapperte und beinahe bis zum anderen Rand des Dachs rollte, ehe er umkippte und still liegen blieb. »Sehr komisch.« Er näherte sich Kyp gespielt drohend. »Kämpft hier jeder Meister für sich?«

Kyp zuckte die Schultern und schaltete sein Lichtschwert ein. »Soll mir recht sein.«

Luke vernahm die Zssssch-Laute, mit denen die Waffen der anderen Meister zum Leben erwachten. Für jeden anderen als einen Jedi-Meister wäre diese freundschaftliche Übung schrecklich gefährlich gewesen, doch alle Anwesenden waren derart im Einklang mit der Macht und miteinander, dass das Risiko eines Unglücks für gewöhnlich nahezu gleich null war.

Luke stürmte auf Kyp zu, um dann jedoch ein gutes Stück außerhalb der Schlagreichweite seines Lichtschwerts abrupt stehen zu bleiben. Kyp blieb gerade noch genügend Zeit, dass sich in seiner Miene Argwohn zeigte, ehe Luke sich auf die Macht konzentrierte und damit nach den Baumästen griff, die über den Außenposten hinauswuchsen. Er riss sie nach unten. Ein dicker Zweig peitschte auf Kyp hernieder, nagelte ihn auf die Oberfläche der Landeplattform und ließ Blätter über das ganze Dach wirbeln.

Kyp lachte und rollte darunter hervor, um wieder auf die Füße zu kommen. »Das ist nicht fair.«

»Taktische Überlegenheit ist niemals fair.«

»Ich meine, Blätter und Käfer ins Haar zu bekommen.«

Luke spürte, wie sich Cilghal ihm von hinten näherte. Er sprang in die Höhe, machte einen Rückwärtssalto und blockte mit seiner Klinge den Hieb der Mon-Cal-Meisterin ab, während er kopfüber über sie hinwegglitt. Er landete hinter ihr. Einige Meter entfernt duellierten sich Saba Sebatyne und Corran Horn; beide nahmen eine traditionelle, formalisierte Lichtschwertposition ein - Saba hielt ein Lichtschwert in jeder Hand, während Corran die zweite Einstellung seiner Waffe aktiviert hatte, deren Klinge jetzt drei Meter lang und von gleißendem Violett war, anstatt silbern wie sonst. Octa Ramis, die Saba ihr eigenes Schwert überlassen hatte, gab sich damit zufrieden, an der Seite zu stehen und mithilfe der Macht Steine, die sie vom Boden weiter unten aufnahm, in das Getümmel trainierender Meister zu schleudern. Kyle Katarn hielt sich ganz in ihrer Nähe, behielt all die anderen sorgsam im Auge und übte ritualisierte Lichtschwertmanöver, während er darauf wartete, dass sich ein Gegner für ihn fand.

Kyp stürzte sich von Neuem auf Luke und hieb nach dessen Knöcheln, derweil Cilghal die Klinge des Großmeisters attackierte. Luke tänzelte über den niedrig geführten Schlag hinweg und stieß Cilghal einen Fuß gegen den Oberkörper - mehr ein Zurückstoßen als ein Tritt bevor er wieder aufkam. Die Mon Cal taumelte einige Schritte zurück und nickte anerkennend.

Kyp deckte Lukes Schultern mit einer Abfolge rascher Hiebe ein, um ihn zu beschäftigen, während sich Cilghal wieder sammelte. »Wir haben inzwischen Pläne geschmiedet, um Jacen unschädlich zu machen«, sagte er, und sein Lichtschwert zuckte auf Luke zu. »Pläne für eine Inhaftieren-oder-neutralisieren- Mission.«

»Neutralisieren.« Luke runzelte die Stirn. Er umkreiste Kyp in dem Versuch, ihn in den Mittelpunkt ihres Dreiergefechts zu drängen, doch Cilghal war schneller, sodass Luke weiterhin in der Mitte blieb. »Das bedeutet >töten<.«

Kyp nickte ohne Reue. »Das ist keine Attentatsmission, Luke. Aber wenn man ihn nicht so ohne Weiteres gefangen nehmen kann, wenn war bloß die Möglichkeiten haben, zu fliehen und ihm auch weiterhin die Führung der Allianz zu überlassen oder ihn an Ort und Stelle zu erledigen ... «

»Ja.« Luke gewahrte, wie Cilghal sich ihm von hinten näherte. Er lehnte sich zurück, und seine Schwerthand schoss nach unten, um sich auf dem Boden der Landeplattform abzustützen, sodass sein Oberkörper zwar in der Luft blieb, doch Cilghals Lichtschwert einfach über die Stelle hinwegzischte, wo eben noch seine Hüfte war. Dann richtete Luke sich sogleich wieder auf, packte den Griff ihrer Waffe mit der freien Hand und trat beiseite, ihr Lichtschwert jetzt in seinem Besitz. Er wirbelte mit einer Klinge vor jedem der beiden Meister herum. »Weiter geht's!«

Mit einem verärgerten Seufzen wich Cilghal zurück und streckte ihre Hand nach Kyle aus. Das Lichtschwert des Mannes sprang aus seinem Griff und segelte auf Cilghal zu. Kyle erhob keine Einwände. Cilghal fing die Waffe aus der Luft, rief »Vielen Dank« und stürmte auf Corran zu.

Kyp beäugte die beiden Waffen zweifelnd und nahm eine Abwehrhaltung ein. »Das Team wird aus ein oder zwei Meistern, drei oder vier Jedi-Rittern und einem einheimischen Führer bestehen. Sie werden sich dem Senatsgebäude durch die Unterstadt nähern.« Als Luke näher kam und in rascher Folge Sondierungsattacken ausführte, wehrte Kyp die Hiebe dicht an seinem Körper mit ebenbürtiger Gewandtheit und minimalem Bewegungsaufwand ab. »Sobald Jacen das Gebäude betritt oder verlässt, schnappt die Falle zu. Als Erstes werden Komagas und Schocknetze eingesetzt, ehe die Jedi unmittelbar darauf selbst zum Angriff übergehen.« Er blieb stehen, um Luke eindringlich anzusehen.

Luke fühlte die Attacke - die Macht, die zahlreiche kleine Gegenstände auf ihn zukatapultierte. Er sprang zurück und riss beide Lichtschwerter hoch, als mit Raketengeschwindigkeit ein Hagel alter Muttern und Schrauben auf ihn zuschoss. Es wär, als würde er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder gegen die Prallkäfer der Yuuzhan Vong zur Wehr setzen, doch die alte Taktik funktionierte nach wie vor - er schätzte ab, welche Objekte eine Chance hatten, ihn zu erwischen, und äscherte bloß diese mit seinen Klingen ein, um die anderen gefahrlos vorbeifliegen zu lassen.

Das Problem war, dass diejenigen, die an ihm vorbeisegelten, sogleich kehrtmachten, um von Neuem zum »Angriff« überzugehen.

Unterdessen fuhr Kyp fort: »Wir wenden mit einem Shuttle oder einem anderen geschlossenen Gefährt landen, für eine rasche Evakuierung. Der Trick dabei ist, dass es sich um ein leeres Droidenschiff handelt. In Wahrheit kehrt unsere Gruppe mit Jacen, ihrem Gefangenen, durch die zum Ausgang umfunktionierte Bodenluke eines Wartungsschachts in die Unterstadt zurück. Während das Shuttle flüchtet und so mögliche Verfolger weglockt, geht unser Team denselben Weg zurück, den es gekommen ist, zur richtigen Abflugstelle.«

»Wer ist der Gruppenführer?«

Kyp zuckte die Schultern. »Steht noch nicht fest.«

Corran und Kyle sagten gleichzeitig: »Ich.«

Nachdenklich äscherte Luke die letzten fliegenden Schrauben ein. Er schaltete Cilghals Lichtschwert aus und warf es über die Schulter. Er hörte, wie es mit einem dumpfen Klatschen in ihrer großen, schwimmhäutigen Hand landete. »Was ist mit diesem einheimischen Führer? Jemand, der euch durch die Unterstadt bringt, nehme ich an. Vertraust du ihm?«

Kyp nickte.

»Nicht einmal so weit ich sie werfen kann.« Das war Corran: seine Worte wurden von Zischlauten unterstrichen, als Saba vorrückte und versuchte, seine längere Klinge beiseitezuschlagen.

Kyp machte ein mürrisches Gesicht. »Horn, du kannst niemanden sonderlich weit werfen. Jedenfalls nicht mithilfe der Macht. Solche Äußerungen stellen dein Urteilsvermögen infrage.«

»Sie.« Luke deaktivierte sein Lichtschwert. »Vielleicht sollte ich mich mit ihr treffen.«

Kyps Waffe erlosch ebenfalls. »Sie ist eine Etage tiefer. Ich kann sie hochkommen lassen, wenn du sie jetzt kennenlernen willst.«

»Sicher.« Luke schaute sich nach etwas um, das ihm als Stuhl dienen konnte - als provisorischer Ehrenplatz für den Jedi Großmeister -, und gelangte zu dem Schluss, dass der Landegestell- reifen ein bisschen unter seiner Würde und seiner bevorzugten Kopfhöhe war. Stattdessen entschied er sich für den alten Werkzeugständer und setzte sich darauf. Die korrodierten Räder ächzten unter seinem Gewicht: eins davon, das hoffnungslos verrostet war, gab langsam nach, sodass sich der Ständer leicht nach vorn neigte.

Derweil sprach Kyp in ein Komlink. Die anderen Meister brachen ihr Training ab, deaktivierten ihre Lichtschwerter und versammelten sich.

Ein Teil des Dachs glitt beiseite, und eine Metallplatte stieg wie ein Aufzug in die flöhe, um die Öffnung zu füllen. Darauf stand ein Mädchen im Teenageralter, das Jedi-Gewänder trug. Sie war rothaarig und wickelte nervös eine Locke um ihre Finger. Auf Kyps Winken hin kam sie näher.

Luke erkannte sie und runzelte die Stirn. »Ich kenne dich. Seha, aus dem Tempel.«

Sie blieb vor ihm stehen und nickte. »Ja, Großmeister.« Ihre Stimme war leise. Ihr Gesicht war so blass. dass Luke fürchtete, sie sei kurz davor, ohnmächtig zu werden.

Er versuchte, sich an ihre Aufnahme in den Jedi-Orden zu erinnern. Sie war noch nicht sonderlich lange dabei. Seit ihrer Kindheit eine Waise, entsann er sich. Im Orden war sie protegiert worden von...

Von Jacen. Aha. »Wie mir scheint, gibt es gewisse Zweifel an deiner Verlässlichkeit?«

Seha nickte: Unruhe machte ihre Bewegungen hektisch, ruckartig. »Einige Leute trauen mir nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich den Jedi-Orden verraten habe.«

Corran Horns Augenbrauen glitten in die Höhe. Er wirkte gelinde beeindruckt. »Nun, wenigstens ist sie ehrlich.«

Luke ignorierte ihn. »Vielleicht solltest du das besser näher erklären.«

Seha sah sich um, als würde sie nach verständnisvollen Gesichtern Ausschau halten, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder Luke zuwandte. »Als die Yuuzhan-Vong nach Coruscant kamen, war ich noch klein. Damals, als die Vong mit der Umformung begannen. Der Großteil meiner Familie starb. Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, außer an meinen Vater. Wir lebten in der Unterstadt, so tief unten und abgelegen, dass die Yuuzhan-Vong schon seit Monaten vom Planeten vertrieben worden waren, bevor ich auch bloß davon erfuhr. Da war mein Vater bereits tot, durch den Stich eines Yuuzhan-Vong-Insekts, das er nicht rechtzeitig gesehen hatte. Ich blieb dort unten, zusammen mit den anderen Flüchtlingen und Verrückten und Außenseitern, weil das die einzigen Leute waren, die ich kannte.

Aber dann begegnete ich Jacen. Er kam von Zeit zu Zeit runter - manchmal lagen seine Besuche Jahre auseinander -, um seinen Freund das Weltenhirn aufzusuchen. Mein Zuhause lag dicht beim Versteck des Weltenhirns. Ich dachte, das Hirn wäre ein schreckliches, böses Ding, doch Jacen erklärte mir, dass es sich lediglich gemäß seiner Natur verhielt, dass sein Aussehen nichts mit dem zu tun hatte, was es im Innern war, Jacen fand heraus, dass ich machtsensitiv bin. und arrangierte, dass ich als Schülerin in den Orden eintreten konnte, auch wenn ich dafür bereits ein bisschen alt war.«

»Ich weiß, wie es ist, erst spät zum Schüler zu werden.« Lukes Stimme klang sanft, auch wenn er jetzt eine gewisse Schärfe in seine Worte schleichen ließ, »Also, inwiefern hast du den Orden verraten?«

»Ich habe Sachen für Jacen erledigt. Ihn über die Vorgänge im Tempel auf dem Laufenden gehalten. Nachdem er zum Anführer der Garde wurde, bat er mich, für ihn Dinge in und aus dem Tempel zu schaffen, wie überzählige Datapads und Elektronikersatzteile.« Sie nahm einen tiefen Atemzug, ehe sie fortfuhr. »Als Euer Sohn verschwand ... war ich diejenige, die Ben dabei half, aus dem Tempel zu verschwinden, ohne gesehen zu werden.«

Luke sah sie einen langen Moment an. »Auf Jacens Befehl hin.«

»Ja.«

Luke wandte den Blick von ihr ab, als seine Gefühle außer Kontrolle zu geraten drohten. In Bens Bericht seiner Solomission hatte sich keinerlei Bestätigung dafür gefunden, dass Jacen ihn entsandt hatte. Ben hatte niemals Einzelheiten darüber verlauten lassen, wohin er gegangen war und was er getan hatte. Rein verstandesmäßig hatte Luke die ganze Zeit über gewusst, dass bloß Jacen den Jungen losgeschickt haben konnte. Doch nun hatte er endlich einen Beweis dafür, eine Zeugin, die mit Jacen unter einer Decke gesteckt hatte, und sonderbarerweise machte ihm diese Bestätigung seiner Vermutung schwerer zu schaffen, als er erwartet hatte.

Dieses Mädchen hatte dabei geholfen, den Plan auszuführen - hatte Ben in Gefahr gebracht. Und das alles aus fehlgeleiteter Loyalität zu einem sehr bösen Mann.

Luke musterte sie von Neuem. Er versuchte, weiterhin gelassen zu wirken, doch offensichtlich sah sie etwas in seiner Miene, dass sie unwillkürlich einen halben Schritt zurückweichen ließ.

Luke machte sich nicht die Mühe, die Verärgerung aus seiner Stimme zu halten. »Wie ist man dir auf Schliche gekommen?«

»Ist man nicht. Sie ist zu uns gekommen.« Cilghal legte Seha beruhigend eine Hand auf die Schuler.

»Als wir von dem Massaker auf Ossus erfuhren.« Seha blinzelte, und Tränen kamen. »Ich weiß nicht, wie er das machen konnte - wie er einen Verrückten schicken konnte, um die Jünglinge als Geiseln zu nehmen, Kam Solusar und Tionne zu foltern und all diese anderen zu töten.« Jetzt flössen ihre Tränen ungehindert, doch sie schenkte ihnen keine Beachtung. »Ich habe den Orden verraten ... aber nicht so. So etwas würde ich nie tun.«

»Du bist keine Jedi.« Corrans Stimme klang schroff. »Du lässt dich von deinen Gefühlen beherrschen. Selbst einer Schülerin sollte das bewusst sein. Deshalb können wir dir als Jedi nicht vertrauen; wir können nicht darauf vertrauen, dass du bei diesem Einsatz ruhig und gefasst bist, und nun hast du auch noch zugelassen, dass der gefährlichste Mann der Galaxis enttäuscht von dir ist...« Er wies auf Luke. »Abgesehen davon hast du dich freiwillig gemeldet, auf eine Mission zu gehen, um den zweit- gefährlichsten gefangen zu nehmen, obgleich alles, was du tun musstest. um dir weiterhin das Vertrauen aller zu bewahren, darin bestand, den Mund zu halten.«

Seha warf ihm einen Blick zu. »Vertrauen ist nichts wert, wenn es auf Lügen aufgebaut ist. Ich bin vielleicht das dämlichste Mädchen, das Euch je unter die Augen gekommen ist, aber das ist selbst mir klar.«

Niemand antwortete ihr sofort. Selbst Corrans Gesichtsausdruck war eher abschätzend als wütend, und Luke wusste sowohl aufgrund seiner Erfahrung als auch dank dem, was er durch die Macht fühlte, dass Corran das Mädchen lediglich geschickt anstachelte und seine eigene Zurschaustellung von Emotionen bloß gespielt war.

Schließlich brach Cilghal das Schweigen. »Fairerweise muss man sagen, dass Seha dabei geholfen hat, die Computer zu zerstören, nachdem der Orden bei Kuat mit Jacen und der Allianz gebrochen hatte und die Garde ausrückte, um den Tempel zu besetzen. Sie hat im Alleingang ein komplettes Datenarchiv gelöscht und zwei Jedi- Ritter durch die Unterstadt in Sicherheit geführt.«

Luke räusperte sich, um Sehas Aufmerksamkeit zu erlangen. »Du kannst im Orden bleiben, ohne an dieser Mission teilnehmen zu müssen.«

Ein flüchtiges, unsicheres Lächeln flackerte über Sehas Lippen. »Kann ich das?«

»Ja. das kannst du. Und das solltest du. Jacen ist ... außerordentlich gefährlich. Für den Fall, dass er dich entdeckt, genügt es, wenn er sich zu nur einem einzigen noch so geringfügigen Angriff hinreißen lässt. Ein solcher Angriff würde einen Jedi-Meister ablenken, einen Jedi-Ritter verwunden ... und dich töten.«

Sie schluckte. »Weiß irgendjemand im Orden, wie man durch die Unterstadt zu Jacens Amtszimmern gelangt?«

»Zekk vielleicht.«

Sie schüttelte den Kopf. »Seit der Vong-Umformung kennt er sich dort nicht mehr aus. Seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg. Ich gehe lieber mit auf diese Mission.«

»Und hältst dabei deinen Kopf unten.«

»Und halte dabei meinen Kopf unten.«

Luke nahm einen tiefen Atemzug, dann schaute er sich um. »Würdet ihr mich bitte allesamt entschuldigen? Kyp, bitte begleite Seha nach unten und komm in ein paar Minuten wieder zu mir.«

Alle verneigten sich, zogen sich mit Grabesmienen zurück und fuhren mit der Aufzugplattform nach unten, die Seha hergebracht hatte.

Luke stand allein vor dem schiefen Werkzeugständer, schloss die Augen, tauchte in die Macht ein ... und suchte nach Führung.

Eigentlich hätte sein Herz genügen sollen, um ihm den Weg zu weisen, dieweil die Macht ihm gelegentlich einen Schubs in eine bestimmte Richtung gab, wenn Dinge unklar waren. Gleichwohl, als Mara starb, war sein Herz bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, und von den Bruchstücken, die davon noch übrig waren, drängte jedes auf eine andere Vorgehensweise. Konzentrier alle Bemühungen darauf Jacen unschädlich zu machen. Bring Alema Rar zur Strecke und lass sie dafür bezahlen, dass sie Mara getötet hat. Die Fäulnis geht zu tief der Jedi-Orden sollte sich aus alldem heraushalten und die Kriegführenden Staaten ihren Konflikt alleine ausfechten lassen: erst dann kann der Wiederaufbau beginnen. Der Kerl gehört mir. Er gehört mir.

Und die Macht schwieg. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit sie ihm zum letzten Mal irgendeine Führung in Bezug auf das große Ganze geboten hatte. Alles, was sie dieser Tage für ihn parat hatte, waren Empfehlungen für unmittelbare Probleme, für das Hier und Jetzt. So war es jetzt bereits seit - wie langer Zeit? Wenigstens seit Maras Tod. Gut möglich, dass es schon davor seinen Anfang genommen hatte.

Vielleicht war er nicht länger imstande, die Macht zu deuten. Vielleicht hatte sie beschlossen, nicht mehr länger zu ihm zu sprechen.

Und falls das zutraf, konnte er nicht der Großmeister des Ordens bleiben. Dann würde er die Jedi in den Untergang führen.

»Großmeister?«

Luke öffnete die Augen. Kyp stand vor ihm. Luke hatte weder gehört noch gefühlt, dass er gekommen war.

Luke zwang seine Gedanken in die Gegenwart zurück. »Du hast den Plan für diese Mission ausgetüftelt.«

»Ja.«

»Warum gibt es dann noch Zweifel, wer die Führung übernimmt?«

Kyp zögerte einen Moment. »Die Meister Horn und Katarn haben sich freiwillig gemeldet. Ich bin ebenfalls bereit, die Gruppe anzuführen. Bislang habe ich aber noch keinen Missionsleiter benannt ... weil ich denke, dass du das übernehmen solltest.«

»Auf keinen Fall.«

»Bitte, hör mir zu. Im Orden macht sich Unruhe breit, die daher rührt, dass die anderen nicht wissen, wo das alles hinführt. Du musst den Jedi den Weg weisen. Du musst sie anführen. Eine Mission wie diese zeigt ihnen deine Ziele, dein Herz.«

Wenn ich diese Mission führe, werde ich Jacen voller Hass niederstrecken. Dann wird einer von uns sterben, und Ben wird unser beider Beispiel folgen und an die Dunkle Seite verloren sein. Luke brauchte sich nicht auf die Macht zu berufen, damit sie ihm die Zukunft zeigte, um zu wissen, dass das die Wahrheit war.

Er dachte einen langen Augenblick darüber nach. »Meine Entscheidung ist gefallen. Meister Katarn wird diese Mission anführen.«

Kyps Gesicht fiel in sich zusammen. »Ja, Großmeister.«

»Ich überlasse es euch beiden, die Einzelheiten abzuklären.« Damit beendete Luke die Unterredung und wandte sich ab, um seinen Blick wieder den sonnenbeschienenen Wäldern von Endor zuzuwenden, ebenso wie dem flüchtigen Frieden, die sie ihm boten.