Keine zwanzig Minuten später stehe ich vor Tobis Haustür, die er mir mit bleichem Gesicht öffnet. An seinem besorgtem Blick erkenne ich, dass ich wohl nicht viel besser aussehe. Mir tut die linke Schulter ein bisschen weh, weil ich auf der Straße immer wieder mit Leuten zusammengestoßen bin, und beinahe wäre ich an einer Kreuzung von einem Auto gestreift worden, so aufgewühlt bin ich.
»Komm rein«, sagt er. »Sie ist wieder oben in ihrem Zimmer.«
»Hast du schon mit ihr geredet?«
»Nein, irgendjemand ist sie besuchen gekommen, ich hab’s nur von meinem Zimmer aus gehört, aber nicht nachgesehen. Wahrscheinlich jemand aus der Schule. Aber wer immer das ist, er muss jetzt gehen.«
Entschlossen steigt er die Stufen nach oben, doch meine Schritte werden immer langsamer, während ich an den Nina-Kopien vorbeigehe, die mich wieder regungslos beobachten. Ohne anzuklopfen, stürmt Tobi in Ninas Zimmer, und wir müssen feststellen, dass der ominöse Besuch Elsa ist. Sie steht neben ihr am Fenster, doch als wir hereinkommen, fährt sie mit funkelndem Blick zu uns herum.
»Du kannst es einfach nicht lassen, was, Harper?«, zischt sie.
»Ich dachte, du wärst einkaufen.«
»Ma hat mich abgesetzt.«
Nina starrt immer noch zum Fenster hinaus, so wie sie es auch schon das letzte Mal getan hat. Mir fällt auf, dass sie sich gleichen, so wie sie nebeneinanderstehen, obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich sehen. Aber irgendwas an der Art, wie sie ihre Schultern in Abwehr hochziehen, verleiht ihnen etwas Zwillingshaftes, das ich nicht erklären kann.
»Wir müssen mit euch reden«, sage ich, während ich Elsa betrachte, als würde ich sie zum ersten Mal wirklich sehen. »Wir denken, dass der Angreifer es auf Hochbegabte abgesehen hat, das ist die Verbindung bei euch, immerhin zerstört er das, was eure Begabung ausmacht.« Eine Sekunde zögere ich, dann füge ich an: »Ihr müsst uns sagen, wer dieser JAEGER ist, mit dem ihr in diesem Forum unterwegs seid, wir denken, er könnte in Gefahr sein.«
»Du bist wie meine Mutter, du kannst einfach nicht nachgeben!«, schreit Elsa wütend, worauf sich Nina endlich zu uns umdreht. »Wenn ich gewollt hätte, dass du dort mitliest, hätte ich dich eingeladen, Harper.«
Beschämt senke ich den Kopf. Ich weiß, dass sie recht hat, aber das ist jetzt auch nicht mehr zu ändern.
»Warum müsst ihr euch nur da einmischen?«, fragt Nina Tobi leise, der blass wie die Wand ist.
»Weil ich will, dass es wieder wie früher wird.«
»Aber das kann es nicht mehr.« Beinahe mitleidig sieht sie ihn an. »Und ich will es auch nicht!«
Ungläubig starrt er sie an. »Das begreife ich nicht.«
»Das weiß ich, du hast es nie begriffen. Es ist anders für Jungs, nehme ich an. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hast du’s wirklich nie gesehen …« Langsam geht sie zu ihrem Regal, räumt ein paar Bücher zur Seite und holt dahinter eine blaue Mappe hervor, die zwischen Bücher und Regalwand geklemmt war. Diese Mappe hält sie ihm entgegen, während Elsa sich auf den Schreibtischstuhl fallen lässt und dort regungslos sitzen bleibt. Als wäre alle Energie und jeder Kampfeswille plötzlich aus ihr gewichen. Die Amazone ist müde.
Tobi und ich setzen uns nebeneinander auf das Bett und ich schlage vorsichtig die Mappe auf. Ganz oben liegt das Foto eines jungen Mannes, vielleicht drei oder vier Jahre älter als wir. Er sieht sehr gut aus, hat dichtes, blondes Haar und grüne Augen. Das Vorzeigebild eines Mädchenschwarms.
»Wer ist das?«
Fragend schaut Tobi auf.
»Ein englisches Model, mit dem ich im letzten Sommer zusammen ein Shooting in Frankfurt hatte.« Ihr Gesichtsausdruck wirkt seltsam starr und ihr Blick glasig. »Wir haben zwei Tage lang miteinander gearbeitet. Natürlich hat uns die Agentur auch zusammen im selben Hotel untergebracht, ist ja nichts dabei, schließlich hatte jeder sein eigenes Zimmer, nicht wahr?« Sie lehnt sich an die Fensterbank. »Ich erinnere mich noch genau, ich war so aufgeregt, nicht wegen des Shootings, sondern weil ich das erste Mal allein fahren durfte. Ihr habt mich zum Zug gebracht und in Frankfurt hat mich jemand von der Agentur abgeholt. Und dann dieses Hotel …« Sie lächelt, aber es ist ein böses Lächeln. »Mit Swimmingpool und allem Drumherum, was man sich denken kann. Und Jenson war so nett. Am Anfang war ich ein bisschen nervös, weil er doch etwas älter war als die Jungs, mit denen ich üblicherweise arbeite, doch er war so professionell, dass es ganz leicht ging.«
Mir zieht sich der Magen zusammen, beinahe rufe ich, dass sie nicht weitererzählen soll, weil ich vielleicht nicht ertragen kann, zu hören, was der Prinzessin geschehen ist – aber das tue ich nicht. Ich höre zu.
»Er hat mir Komplimente gemacht, er hat mir nicht erzählt, wie gut ich aussehe oder so einen Blödsinn, das tun sie immer alle. Nein, er hat mir gesagt, wie viel Spaß ihm die Arbeit mit mir macht und dass ich viel reifer wirke als die meisten Mädchen in meinem Alter. Und sogar als manche Frauen. Wir haben viel gelacht …«
Sie kneift die Augen zusammen, und Elsa sagt bestimmt: »Du musst das nicht erzählen«, aber Nina schüttelt heftig den Kopf.
»Es gibt ja gar nichts zu erzählen, so banal ist die ganze Geschichte. Kommt ja Hunderte Male vor. Haben wir doch alle schon mal im Fernsehen gesehen … Ist doch wirklich nichts Besonderes mehr … Ich hätte es ja auch besser wissen müssen. War ja nicht das erste Mal, dass einer versucht hat, mich anzugrapschen.«
Neben mir zieht Tobi scharf die Luft ein. »Was …«, aber Nina lässt ihn nicht ausreden.
»Komm schon, Tobi, sei doch nicht so naiv. Du weißt selbst, wie das ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie dieser alte Typ dich vor der Bibliothek angesprochen hat, da hast du doch auch schnell begriffen, was der von dir wollte.«
Fragend sehe ich Tobi an, seine Gesichtsfarbe ist von weiß auf rot gewechselt, in seinen Augen brennt Zorn.
Nina wendet sich wieder ab und fährt sich mit den Händen über die Arme, als würde sie frieren. »Danach ist es immer schlimmer geworden. Die Aufträge, die Bilder, das Anstarren …«
Mir fällt wieder ein, was David gesagt hat, dass es Gerüchte gibt, nach denen Nina ein Verhältnis mit einem älteren Mann haben soll. Sie könnten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Wie hypnotisiert blättere ich weiter in dem Ordner und begreife, was sie meint. Es sind alles Aufnahmen von Nina. Doch sie sehen anders aus als alle, die ich von ihr kenne. Und offenbar auch anders, als Tobi sie kennt.
»Diese Fotos hast du uns nie gezeigt.«
»Es waren Aufnahmen für ein ausländisches Modemagazin.«
»Aber die sind … sie sind …« Tobi schüttelt den Kopf, als könne er so vertreiben, was er sieht. Seine Hände haben sich verkrampft, und ich habe Angst, dass er sich selbst verletzt, wenn er so weitermacht.
Nina ist auf den Aufnahmen nicht wiederzuerkennen. Das Mädchen darauf ist jung, aber irgendwie auch nicht. Die Art, wie es in die Kamera schaut, ist distanziert. Etwas Abschätzendes liegt in diesem Blick. Aber auch Abwehr und Resignation. Das Mädchen hat kaum noch etwas an, es ist eingehüllt in ein merkwürdiges Lederkostüm, das Ähnlichkeit mit einer Schuluniform hat, aber zwei Nummern zu klein ist. Dadurch wirkt selbst Ninas schmaler Körper üppig. Sie hockt in einer alten Fabrikhalle auf irgendwelche Rohren, meist in obszönen Posen mit weit gespreizten Beinen.
»Wissen Ma und Paps, was du da für Bilder gemacht hast?«
Sie schüttelt den Kopf. »Ich hab versucht, es ihnen zu erklären, aber sie haben nicht zugehört. Wie immer. Und hinterher … hab ich mich irgendwie geschämt.«
»Aber wenn sie es gewusst hätten …«
Ihr Blick bringt ihn zum Schweigen, bevor sie sich abwendet und im Fenster ihr Spiegelbild betrachtet.
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Ein kaputtes Schneewittchen.
Mit dem Zeigefinger fährt sie dem Spiegelbild über die Wange, die noch immer von Mull bedeckt ist. »Es ist eigentlich gar nicht so schlimm. Es stört mich wirklich nicht«, flüstert sie, und es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. »Es wird die Dinge sogar viel einfacher machen …«
Da springt Tobi auf und stürzt auf sie zu. In seiner Umklammerung wird sie beinahe erdrückt, aber das scheint sie nicht zu kümmern. Er hat die Augen fest zusammengepresst, als könne er so die Welt ausschließen.
Nach einer Weile macht sie sich sanft von ihm los. »Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es ist.« Sie wartet unsere Reaktion nicht ab, der Damm ist gebrochen, und nun strömt alles aus ihr heraus, was sie monatelang nur in die Tastatur gehämmert hat. »Und irgendwie gehörst du ja auch ein bisschen allen, schließlich hast du ja nichts dafür getan, dass du so gut aussiehst, nicht wahr? Du bist so geboren worden, also hast du auch kein Anrecht auf deine eigene Schönheit. Sie gehört dir nicht, sondern allen, die gerade Lust darauf haben …«
»Nein«, presst Tobi hervor, aber ich beginne langsam zu begreifen.
Vielleicht war es das, was ich bei der ersten Begegnung mit ihm gefühlt habe: dass Gesichter wie seines und das von Nina deshalb gefährlich sind, weil sie Begehrlichkeiten wecken.
Auf einmal hebt Nina den Kopf wieder und sieht Tobi fest an. »Manchmal gab es Tage, da wünschte ich mir, es würde niemand mit mir reden, damit ich nicht immerzu ihre Blicke auf mir spüren müsste. Jetzt ist es genau so, wie ich es wollte. Die Leute vermeiden es, mich anzusehen, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen.«
»Wie kann es sein, dass ich nie etwas gemerkt habe …« Ihre Aussage erschüttert ihn, das kann ich sehen, er zittert am ganzen Leib und Schweiß steht ihm auf der Stirn. »Du hättest etwas sagen müssen, Nina!« Er packt sie an den Armen, und einen Moment lang lässt sie es zu, bevor sie ihre Hände auf seine Schultern legt und ihn von sich schiebt.
»Das habe ich, du hast es nur nicht verstanden.«
»Haben deine Eltern nie versucht, dich auch zum Modeln zu bringen?«, frage ich ihn.
»Nein, der erste Agent, bei dem wir waren, hat gesagt, Jungs sind schwerer zu vermitteln und sie verdienen auch nicht so viel. Also haben sie sich ganz auf Nina konzentriert.« Erschüttert sieht er sie wieder an, und man muss kein Gedankenleser sein, um zu wissen, was ihm gerade durch den Kopf geht.
Sie seufzt leise. »Es ist nicht deine Schuld, Tobi.«
»Aber du hast recht, ich hätte etwas merken müssen.« Sein Blick wird beinahe flehentlich, doch ich habe selbst an meiner Blindheit zu tragen, ich kann ihm seine nicht erklären.
Ich habe mir immer eingebildet, mein Instinkt würde wunderbar funktionieren, aber er scheint sich genauso blenden zu lassen, wie es Augen manchmal tun.
»Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich mit Ma und Pa deswegen gestritten hast«, sagt er zu Nina. »Manchmal warst du müde, aber du hast dich nie richtig beschwert.«
»Du hast doch mitgekriegt, wie sie immer darauf gedrängt haben, dass wir das Geld brauchen …«
»Hast du etwa gedacht, du musst das Geld verdienen?«
Sie schaut ihn nur an, aber dieser Blick spricht Bände. Ich würde ihm gern etwas Tröstendes sagen, stattdessen mustere ich Elsa. Tante Luise hat bei jedem Familientreffen behauptet, dass Elsa ehrgeizig ist und dass wir uns keine Sorgen um sie machen müssen, ganz gleich, wie sehr sie sich wieder mal während des Trainings aufgerieben hatte.
Irgendwann haben wir das wohl auch geglaubt.
Sie lächelt mich auf eine seltsame Art an. »Weißt du, früher hab ich nie Zeit gehabt, Bücher zu lesen, jetzt kann ich gar nicht damit aufhören. Es macht Spaß.«
»Ich hab immer gedacht, dass das Ballett deine Leidenschaft ist«, flüstere ich.
»Das haben alle gedacht.«
»Was denn?« Sie neigt den Kopf zur Seite.
Dass ich wie alle anderen gedacht habe, nur weil du lächelst, macht es dir auch Spaß.
Aber heraus kommt nur: »Ich weiß nicht genau.«
»Hast du wirklich geglaubt, es macht mir Spaß, wenn ich nie essen kann, was ich will? Ist dir nie aufgefallen, dass ich kaum Freunde habe? Das liegt daran, dass ich nie Zeit für welche hatte. Es gab keinen Tag, an dem mir nicht irgendwas wehtat. Aber alles, was ich gehört habe, war immer nur: Wenn du es bis nach ganz oben schaffen willst, dann musst du eben auch Opfer bringen.« Sie kneift die Augen zusammen. »Dabei wollte ich ja gar nicht an die Spitze.«
Auf einmal scheint sie mir unberechenbar, als wäre da plötzlich eine Elsa zum Vorschein gekommen, die bisher unentdeckt in ihrem Körper geschlummert hat und nun erwacht ist.
»Du hättest etwas sagen müssen«, wiederhole ich das, was schon Tobi gesagt hat.
»Denkst du denn, das habe ich nicht? Du hast doch keine Ahnung, wie es hier zugeht, wenn du nicht da bist. Pa sieht mich mit seinen großen traurigen Augen an, so nach dem Motto: Tu deiner Mutter doch den Gefallen. Er mag es nicht, wenn wir uns streiten, aber weil sie nicht nachgibt, muss ich es tun. Und meine Mutter findet für alles einen Grund, um es durchzuziehen. Die Ballettschule in Lausanne hat sie mir damit verkauft, dass ich rauskomme und Erfahrungen sammle. Das ist für ein Mädchen in meinem Alter ja auch wichtig, was? Das Problem ist nur, dass ich diese Art von Erfahrung nie wollte. Also hab ich gesagt, ich mach es nicht.«
»Was ist passiert?«
»Sie hat eine Woche lang nicht mit mir geredet. Von Sonntagabend neunzehn Uhr bis Montag früh halb acht. Ich hab auf die Uhr geschaut.«
Das kann ich nicht glauben. Ich kenne Tante Luise doch schon mein Leben lang, ich weiß, dass sie streng ist und nicht besonders offen, aber …
»Das Schlimme daran ist, dass sie nicht mal merkt, was sie mir damit antut«, fährt Elsa fort. »Sie glaubt immer noch, dass das alles zu meinem Besten war. Damit ich später im Leben mal eine Chance habe. Als ob ich Mahnburg nicht auch einfach mit dem Zug verlassen könnte. Wen juckt‘s schon.«
Stumm sehen wir uns an, wie Schauspieler, die ihren Einsatz verpasst haben und nun aus dem Takt gekommen sind. Aber es gibt keine Souffleuse, die uns Stichwörter zuflüstert. Wir müssen ganz allein wieder in das Stück finden.
»Ihr müsst uns trotzdem sagen, wer hinter dem JAEGER steckt«, sagt Tobi nach einer Weile, doch Elsa schüttelt den Kopf.
»Nein.«
»Aber warum nicht?«
»Weil es das Beste ist, was mir passieren konnte.«
Fassungslos sehe ich sie an. »Das ist nicht dein Ernst. Willst du wirklich zulassen, dass einem anderen dasselbe passiert?«
Sie nickt entschlossen. »Ich hab nicht drum gebeten, Harper, aber jetzt ist es, wie es ist, und es gefällt mir besser. Es ist ein kleiner Preis und eigentlich ist es ja auch gar nicht so schlimm. Ich meine, ich kann ja noch laufen und alles andere machen. Wenn der Verband erst mal ab ist, dann spielt das doch gar keine Rolle mehr. Ist doch nur ein Zeh …«
Plötzlich schaut Nina auf und sieht erst Tobi, dann mich an, vollkommen unvermittelt sagt sie: »Ich will, dass ihr jetzt mein Zimmer verlasst. Ich will nicht mehr darüber reden.«
»Das glaube ich einfach nicht«, erwidert er fassungslos.
Ihr Blick wird eisern. »Wenn du mich liebst, dann tust du, worum ich dich bitte. Glaub mir, es ist alles gut so, wie es ist. Du musst dir deswegen keine Sorgen machen.«
Das wäre vielleicht zu verstehen, wenn ihr Gesicht nicht aussehen würde wie eine Mumie, mit all dem Mull. Doch so macht es Tobi nur sprachlos.
»Kommst du mit?«, frage ich Elsa, aber sie schüttelt den Kopf.
Noch immer vollkommen erschüttert, gehen wir schließlich aus dem Zimmer und Nina schließt hinter uns die Tür, als wären wir ein Feind, den es auszusperren gilt. Wie ein Besessener rennt Tobi die Treppe hinunter, und mit riesigen Sätzen, die mich fast ins Straucheln bringen, setze ich ihm nach. Er reißt die Tür auf, rennt einfach die Straße hinunter, und ich ihm hinterher, ohne darauf zu achten, wer uns entgegenkommt. Wir laufen und laufen, immer geradeaus, bis uns die Lungen brennen und der Schmerz in den Oberschenkeln den Schmerz im Bauch ersetzt.
Auf den Stufen einer Bank lassen wir uns schnaufend fallen und ringen beide nach Luft, während sich am Himmel eine dunkle Wolke vor die Sonne schiebt. Tobi fährt sich durch die Haare, und ich weiß, dass er völlig aus der Bahn geworfen ist wegen der Sache, die Nina erzählt hat. Auch mir zittern die Hände. Wir wissen zwar nicht, was in jener Nacht in Frankfurt genau passiert ist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kerl dafür ins Gefängnis gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, was in Nina vor sich geht, wie groß der Schmerz in ihrem Innern sein muss, von dem sie geglaubt hat, dass sie mit niemandem darüber reden kann.
Fassungslos starre ich in den Himmel. Ob das Monster wirklich nicht mehr zuschlagen wird?
»Wir müssen herausfinden, wer dieser JAEGER ist, Tobi, ganz gleich, was die beiden sagen. Wir können nicht zulassen, dass noch jemand überfallen wird. Es steht niemandem zu, eine solche Entscheidung für einen anderen zu treffen, und auch wenn Elsa und Nina glauben, dass es ihnen jetzt besser geht – der Nächste denkt das vielleicht nicht, und dann ist es zu spät.«
Erschöpft fährt er sich über die Augen. »Ich weiß. Vielleicht hat es etwas mit diesem Treffen zu tun, das beim Bürgermeister. Darüber ist bestimmt etwas im Internet oder in einer Zeitung zu lesen gewesen. Könnte sein, dass der Täter so auf die Idee gekommen ist.«
»Du denkst, dass der dritte Teilnehmer der JAEGER war?«
Er nickt. »Ja, die Einträge im Forum beginnen nach dem Treffen, und Nina hat selbst zugegeben, dass sie Elsa erst dort richtig kennengelernt hat. Ich denke, das ist der beste Ansatz, den wir haben.«
»Und was machen wir, wenn wir wissen, wer es ist?«
»Wir warnen ihn und gehen dann zur Polizei. Ich will, dass sie das Schwein erwischen, das meiner Schwester das angetan hat.«