Sonnenlicht kriecht mir hinter die Lider und zieht mich langsam vom Schlaf in den Tag. Es ist ein zähes Abmühen, denn ein Teil von mir wehrt sich dagegen, die Augen aufzuschlagen. Er würde viel lieber noch länger in dämmrigen Träumen ausharren. Es riecht nach Kaffee und ich höre Mutsch in der Küche hantieren. Vergeblich versuche ich, noch einmal einzuschlafen, aber nach zehn Minuten schlage ich endlich die Decke zurück und schiebe die Beine aus dem Bett. Dann sitze ich einen Moment lang still auf der Matratze und lasse die Füße baumeln. Das Sonnenlicht kitzelt meine Zehen.
Auch nach dem Aufstehen ist jede Bewegung mühsam, mein Geist wabert trüb durch den Morgen und ist randvoll mit Bildern vom vorangegangenen Tag. Beinahe mechanisch ziehe ich die weiße Seidenbluse an, die im Sonnenschein blendet, dazu eine schwarze Hose mit roten Hosenträgern. Meinen braunen Haarwust stecke ich mit rot lackierten Essstäbchen hoch, die mir Herr Ouyang an meinem letzten Geburtstag geschenkt hat, weil er es nicht mehr mit anschauen konnte, wie mir die Haare in seinem Restaurant dauernd in die Suppe gefallen sind. Vermutlich wird Großmutter diesen Aufzug auch wieder schrecklich finden, aber das kümmert mich nicht im Geringsten.
Als ich endlich in die Küche komme, sitzt dort jedoch nicht wie vermutet Mutsch am Küchentisch, sondern Elsa, die sich ein Brötchen schmiert. Die rote Farbe ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Neben ihr steht ein offenes Paket mit allerlei Süßkram und Esszeug, das mit Schleifen und Aufklebern verziert ist.
»Geschenke von den Leuten aus meiner Balletttrainingsgruppe«, erklärt sie auf meinen Blick hin. »Ist gestern mit der Post gekommen. Kannst dir was aussuchen, am besten die Sachen von Laura-Sophie, die Schnepfe kann ich nicht leiden. Sie glaubt, sie ist die nächste Primaballerina, dabei hat sie ungefähr so viel Talent wie ein Elefant.« Sie legt das Messer zur Seite. »Deine Mutter ist rübergegangen, um mit Oma zu reden«, sagt sie und humpelt zum Sofa hinüber, wo sie sich fallen lässt. Wieder gleitet mein Blick zu ihrem Fuß, der über der Lehne hängt, als würde er gar nicht zu ihr gehören.
»Wie geht’s dir denn?«, fragt sie mit vollem Mund, wobei sie Brötchenkrümel auf die Decke spuckt.
»Ganz gut.« Ich setze mich an den Tisch und schmiere mir ebenfalls ein Brötchen.
Klebrig-süße Erdbeermarmelade gegen den Stimmungskater und bitterschwarzer Tee zum Wachwerden.
»Ich hab gehört, was gestern passiert ist, schätze, ich habe noch Glück gehabt, was?«, murmelt Elsa auf einmal, während sie das Brötchen in ihrer Hand ansieht, als wüsste sie nicht recht, wie es dahin gekommen ist. »Ich meine, ist doch scheiße, wenn dir jemand das Gesicht zerschneidet.«
Ich finde nicht, dass man das vergleichen kann. Mir kommt das, was Elsa zugestoßen ist, auch schlimm vor. Vorsichtig beäuge ich sie und warte darauf, dass sie mir Fragen über die Ereignisse im Moor stellt. Ob ich den Angreifer vielleicht gesehen habe, immerhin muss sie doch vor Neugier brennen.
Aber stattdessen sagt sie: »Soll ich dir was verraten? Irgendwie bin ich auch erleichtert, dass es jetzt noch jemand anderem passiert ist. Das zeigt doch, dass es nicht an mir liegt, oder?«
Entsetzt sehe ich sie an. »Natürlich liegt es nicht an dir!«
»Wahrscheinlich ist es nicht mal was Persönliches, ich war eben nur zur falschen Zeit am falschen Ort, denkst du nicht?«
Vielleicht.
Grübelnd mampfe ich das Brötchen, von dem rechts und links die Marmelade auf meine Finger tropft. Ob der Täter wirklich einfach so im Moor war und dann Elsa überfallen hat, weil sie eben zufällig dort vorbeigekommen ist? Und was wäre geschehen, wenn sie an jenem Tag eine andere Strecke gelaufen wäre? Würde der Täter dann immer noch dort hinterm Busch sitzen und auf ein Opfer warten? Nein, ich denke, dass das kein Zufall war. Und jeder, der Elsa kennt, weiß auch, dass sie Ballett getanzt hat und was es für sie bedeutet, ihren Fuß auf diese Weise zu verletzen.
»Hast du der Polizei erzählt, dass deine Mailadresse Cinderella@the_castle.de ist?«, frage ich und versuche dabei, möglichst ruhig zu klingen, doch allein meine Frage lässt sie aufblicken und die Augen zusammenkneifen.
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Wozu soll das gut sein?«
»Findest du es nicht eigenartig, dass der Täter Aschenputtel zitiert? Gestern … bei diesem anderen Mädchen, das ich im Moor gefunden habe … Da lag auch ein Zettel.«
Ich warte, ob sie auf diese Nachricht reagiert, aber sie sieht mich nur weiter regungslos an.
»Soll ich dir sagen, was drauf stand? Es war ein Zitat aus Schneewittchen. Spieglein, Spieglein an der Wand …«
Mit starrem Gesicht wendet sich Elsa ab. »Vielleicht hat der Kerl eine Märchenfixierung oder so. Zu viele Märchen als Kind vorgelesen gekriegt. Wahrscheinlich trägt er gern rote Kappen oder denkt, er ist der achte Zwerg.« Sie lacht gehässig und beißt ein riesiges Stück vom Brötchen ab.
Ich begreife sie nicht. Warum tut sie so, als wäre das alles nur ein alberner Streich? »Bist du eigentlich gar nicht wütend, Elsa? Willst du nicht, dass der Typ geschnappt wird, der euch überfallen hat? Du solltest das mit der Mail der Polizei erzählen. Vielleicht ist das ja ein Hinweis, der die Polizei zum Täter führen kann.«
»Was soll das schon bedeuten, Harper? Millionen Menschen kennen Grimms Märchen. Das ist wirklich kein besonders interessanter Hinweis.«
Wütend werfe ich mein angefangenes Brötchen auf den Teller. »Kennst du dieses Mädchen eigentlich? Ihr Name ist Nina. Und soll ich dir noch was sagen, sie sieht aus wie Schneewittchen! Schwarze Locken, weiße Haut. Hältst du das etwa auch für einen Zufall?«
Wieder einmal zuckt sie nur mit den Schultern, was mich noch rasender macht.
»Kennst du sie?«, hake ich nach.
»Ich denke, sie geht auf meine Schule …«
»Und?«
»Ich hab nicht viel mit ihr zu tun, sie ist eine Klasse über mir. Du weißt doch, wie das ist, da sind ein Haufen Typen, mit denen du nie redest. Die einfach so neben dir her leben und du hast nie was mit ihnen zu tun. Manchmal sehe ich sie auf dem Gang, aber das war’s dann auch schon. Mehr gibt’s da nicht.«
Misstrauisch mustere ich sie.
»Mensch, Harper, sei doch nicht so. Was interessierst du dich überhaupt so für sie? Du kennst sie doch gar nicht.«
Wie soll ich Elsa erklären, dass man jemanden, den man verletzt im Moor gefunden hat, nicht einfach so vergessen kann? Auf unterschiedliche Weise hat das Monster unseren Weg gekreuzt und seitdem fühle ich mich ihr verbunden.
»Ich muss einfach wissen, wer sie ist und warum ihr das passiert ist. Warum es dir passiert ist …«
»Pech?«
Ich schüttle den Kopf. »Das reicht mir nicht.«
Seufzend richtet sich Elsa auf und zieht die Knie an, die sie mit den Armen umschlingt. »Ich kann dir wirklich nicht viel erzählen. Ich weiß auch nur das, was alle wissen. Sie ist superhübsch, modelt nebenbei. Sie fehlt immer mal wieder, weil sie Shootings hat und dazu nach Berlin und Frankfurt oder sonst wohin fahren muss. Manche sagen, sie wäre eingebildet, aber ich denke, sie ist einfach zurückhaltend.«
»Was hat sie wohl allein im Moor gemacht?«
»Das Gleiche wie du?«
Daran habe ich gar nicht gedacht. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass auch noch andere einfach im Moor spazieren gehen könnten. Für gewöhnlich pflegen nur wenige andere Jugendliche meine Spleens. Elsa ist auch nur auf dem Heimweg vom Scherbenberg gewesen, denn sie teilt Mutschs Abneigung gegen das Moor. Tante Luise war außerdem immer der Meinung, die Gefahr, dass sich Elsa auf dem unsicheren Grund etwas bricht, sei zu groß. Das könne sie sich nicht leisten. Dass Elsas Ballettkarriere jetzt doch vorbei ist und es im Moor geschehen ist, scheint böse Ironie.
»Ich weiß nicht, Elsa. Es muss doch eine Verbindung zwischen euch geben. Ich kann nicht glauben, dass es keine Rolle spielt, wer ihr seid und was ihr macht. Nicht, wenn da diese Zettel sind …«
Genervt legt sie den Kopf schief. »Vielleicht nimmst du das auch zu ernst, vielleicht haben die Zettel gar nicht so viel zu bedeuten. Was, wenn sie gar keine Botschaft sind, sondern eben nur ein paar Zitate, die ihm gefallen haben? Mach dich deswegen doch nicht verrückt.« Ihre Stimme ist sanft, aber eindringlich geworden.
»Wirst du sie besuchen gehen?«
»Nina? Sicher nicht.«
»Aber vielleicht könnt ihr zusammen herausfinden, ob ihr irgendwelche Gemeinsamkeiten habt. Irgendetwas, das den Täter auf euch aufmerksam gemacht hat. Ich habe der Polizei gestern erzählt, dass du diesen merkwürdigen Anruf bekommen hast, die wollen dem mal nachgehen …«
»Wie du dich anhörst!«, sagt sie nun beinahe ärgerlich. »Was bist du? So eine Art Detektiv? Ich habe dir doch gesagt, dass das nur ein Idiot ist.«
Ich wünschte ja, ich könnte die Sache so verdrängen wie Elsa, aber das gelingt mir eben nicht. Ich öffne gerade den Mund, um ihr das zu sagen, da klopft es plötzlich an der Fensterscheibe und wir fahren erschrocken zusammen. Eine Sekunde lang starren wir hinüber zum Fenster, hinter dem sich ein Schatten bewegt, der durch den wilden Wein nur schlecht zu erkennen ist.
Keine von uns bewegt sich, und ich weiß genau, dass wir beide an das Monster denken, das aus dem Moor aufgetaucht ist. Ob es zu Ende bringen will, was es dort angefangen hat? Auch beim zweiten Klopfen, diesmal gegen die Haustür, zucken wir zusammen.
»Hallo!«, dringt es durch die Tür. Der Rufer klingt jung und die Stimme kommt mir irgendwie vertraut vor.
Mit klopfendem Herzen stehe ich auf und gehe hinüber, um zu öffnen. Als ich die Hand nach der Klinke ausstrecke, murmle ich: »Wir sind ja zu zweit«, auch wenn Elsa mit ihrem verletzten Fuß wohl kaum eine Hilfe ist, sollte da draußen wirklich ein Angreifer stehen.
Doch es ist nicht das Monster. Es ist Ninas Bruder.
Und mir bleibt fast die Luft weg, weil ich schon wieder vollkommen unvorbereitet in dieses Gesicht sehe, das eine so eigenartige Wirkung auf mich hat.
An diesem Tag trägt er eine Baggyhose, dazu ein blaues T-Shirt mit einem Aufdruck, der sich in weißen Lettern über die gesamte Vorderfront zieht: Wer seinen Fantasien nicht gewachsen ist, sucht Trost in der Wirklichkeit. Ich muss es zweimal lesen, um es zu verstehen.
»He«, sagt er und steckt die Hände in die Hosentaschen.
»He«, antworte ich und tue das Gleiche.
»Deine Mutter hat gesagt, dass du hier bist, ich war erst drüben. Im Krankenhaus waren sie so nett, mir einen Tipp zu geben, wo ich dich finde.« Mit einer Kopfbewegung deutet er zum Herrenhaus. »Ich wollte nur mal kurz vorbeikommen, um mich zu bedanken für das, was du getan hast. Wegen Nina …«
»Das war ja gar nichts«, wiegle ich ab, dann fällt mir nichts mehr ein. Ich würde ihn gern nach seiner Schwester fragen, aber ich weiß nicht genau, wie.
Zwei Zinnfiguren gleich, stehen wir uns gegenüber, bis Elsa ruft: »Wollt ihr ewig da rumhängen?«, woraufhin ich ihn verlegen hereinbitte, weil ich nicht früher daran gedacht habe.
Ich deute zum Sofa. »Das ist Elsa, meine Cousine. Kennt ihr euch vielleicht von der Schule her?«
»Nein«, sagt Tobi, »ich gehe auf eine andere Schule als meine Schwester.«
Dann ist es wieder still zwischen uns, denn auch er scheint noch zu überlegen, was es jetzt noch zwischen uns zu besprechen geben könnte, nachdem er das Offensichtliche erledigt hat. Vielleicht haben ihn auch nur seine Eltern hergeschickt, um sich bei mir zu bedanken, denke ich enttäuscht.
»Magst du einen Tee oder irgendwas?«, frage ich in die peinliche Stille, aber Tobi hebt abwehrend die Hand.
»Nein, danke. Ich wollte dich noch etwas fragen, ob … ob dir vielleicht etwas eingefallen ist, ich meine … vielleicht kannst du dich inzwischen an irgendwas erinnern, das du der Polizei gestern nicht gesagt hast.«
Rasch schaue ich zu Elsa hinüber, doch sie hat wieder ihr Maskengesicht aufgesetzt. Regungslos und unlesbar. Gespannt warte ich darauf, dass sie ihm von der Mail erzählt, aber das tut sie nicht. Dafür legt sie bestimmt fest: »Es gibt nichts mehr dazu zu sagen. Tut uns leid.«
So leicht gibt Tobi jedoch nicht auf. »Wirklich?« Sein Blick wird genauso eindringlich wie am Tag zuvor, und für einen Moment überlege ich, ob ich ihm davon erzählen soll. Doch ich habe das Gefühl, dass Elsa es mir übel nehmen würde, also lasse ich es, obwohl ihn offenbar dieselben Fragen umtreiben wie mich.
Stattdessen frage ich endlich: »Wie geht es deiner Schwester?«
»Die Ärzte sagen, dass die Wunde verheilen wird. Natürlich wird die Narbe nie ganz verschwinden, aber mit Make-up …« Er zuckt mit den Schultern. »Sie hat noch Glück gehabt, weil keine der wichtigen Gesichtsnerven oder Sehnen verletzt wurden.«
»Das ist doch gut.«
»Ja. Aber ihre Karriere als Model ist wohl vorbei. Das hat sie jahrelang gemacht. Ich glaube, sie hat angefangen, als sie acht war oder so …« Beinahe nachdenklich lässt er den Blick über die alten Dielen schweifen, als hätte er Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern.
»Ja, sie ist ein Schneewittchentyp, das ist sicher gefragt«, meine ich, und er sieht mich ganz komisch an.
»Das stand auf dem Zettel. So hat es uns die Polizei jedenfalls erzählt. Spieglein, Spieglein an der Wand …«
Als er den Spruch zitiert, überläuft es mich kalt.
»Was sollen die Märchensprüche?« Nachdenklich wendet er sich an Elsa. »Könntest du nicht mal mit Nina reden?«
»Wozu?«
Mit halb zusammengekniffenen Augen beobachtet Tobi Elsa, die ebenso intensiv zurückstarrt, grau gegen blau, und es kommt mir wie ein stummes Kräftemessen vor. Ihre Blicke verhaken sich ineinander, während ich Zeuge dieses Duells bin. Die Amazone hat irgendein Problem mit dem Hexer, ich bin mir nur nicht sicher, welches.
»Lasst uns doch einfach in Ruhe«, murmelt Elsa nach einigen Momenten, und mit diesen Worten humpelt sie plötzlich an uns vorbei und zur Tür hinaus. Sie lässt uns allein im Gästehaus zurück, der klägliche Rest ihres angefangenen Brötchens liegt auf der Flohdecke, und ich sehe ihr ein bisschen ratlos nach. Ob ich ihr folgen soll? Doch in dieser Stimmung hat das wahrscheinlich keinen Sinn, dazu kenne ich sie zu gut. Sie muss erst mal Dampf ablassen.
Dafür lässt sich Tobi auf dieselbe Stelle auf dem Sofa fallen, auf der gerade noch Elsa gesessen hat, bevor ich ihn über die angeblichen Flöhe aufklären kann. »Warum ist sie so abweisend?«, fragt er.
»Keine Ahnung.«
Erschöpft setze ich mich neben ihn und auch die Flöhe sind mir in diesem Moment gleich. »Was hat die Polizei zu euch gesagt?«
»Dass sie alles dafür tun werden, den Täter zu fassen. Sie wollen versuchen herauszufinden, was es mit den Märchenzitaten auf sich hat und was er gegen Nina und deine Cousine gehabt haben könnte. Oder ob sie nur zufällige Opfer waren. Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus.«
»Das bedeutet, dass Nina und Elsa den Täter kennen?«
Er nickt.
Ob Elsa Billy kennt? Immerhin ist er ihr Nachbar …
»Elsa hat behauptet, dass sie mit deiner Schwester nicht viel zu tun hatte.«
»Das stimmt. Jedenfalls habe ich sie nie bei uns zu Hause gesehen. Sie gehört nicht zu Ninas engeren Freunden. Aber Nina hat ohnehin nicht viele Freunde. Sie ist nicht so der gesellige Typ.« Finster starrt er vor sich hin, und ich frage mich, wie das bei ihm ist. Er macht auf mich auch nicht den Eindruck, als wäre er der reinste Partylöwe, dazu schaut er viel zu ernst.
»Wenn ich daran denke, was dieser Kerl ihr angetan hat, könnte ich ihn umbringen«, flüstert er und ballt die Hand zur Faust. »Meine Eltern sind gestern völlig ausgeflippt. Sie haben mich angeschrien, wo ich war, als Nina überfallen wurde. Dabei wusste ich nicht mal, dass sie ins Moor gegangen ist.« Er kneift die Augen zusammen und schüttelt den Kopf. »Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen, aber das kann ich eben nicht.«
Das Monster in seiner Vorstellung ist sicher noch größer als meines.
»Es ist nicht nur, dass Nina verletzt ist«, fährt er fort, »mein Vater geht nicht arbeiten, er hatte vor Jahren einen Unfall, seitdem ist er berufsunfähig. Nina hat bisher gut Geld verdient, sodass wir über die Runden gekommen sind. Doch jetzt müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Das Haus ist noch nicht abbezahlt und meine Mutter arbeitet nur als Verkäuferin. Ich wollte das Haus nie, Nina auch nicht, es war uns immer viel zu protzig, aber meine Eltern haben eben gedacht, dass das mit Nina gut weitergehen wird, nachdem sie in den ersten Jahren so toll verdient hat. Das ist alles eine Katastrophe …«
Er hat Schuldgefühle, weil er es nicht verhindern konnte. Genau wie ich. Dabei ist das totaler Blödsinn, was hätten wir auch tun können? Trotzdem kann ich das Gefühl nicht abschütteln.
»Ich weiß gar nicht, was ich hier eigentlich will«, murmelt er auf einmal und fährt sich mit den Händen durchs Haar. »Sonst bin ich auch nicht der Typ, der alle Familiengeheimnisse ausplaudert.«
Aber ich bin irgendwie froh, dass er es getan hat, und auch um seinetwillen hoffe ich, dass wir das Rätsel um Elsa und Nina lösen werden. Weil es einfach so sein muss! Damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt und Tobi und ich wieder ruhig schlafen können. Man darf den Monstern nicht das Feld überlassen, das wäre feige und einer Melli Beese nicht würdig. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn der eigene Schatten an der Wand sich so weit zusammenkrümmt, dass man darin nicht mal mehr sein Abbild erkennen kann.
»Wir werden herausfinden, wer dahintersteckt«, verspreche ich ihm, obwohl ich noch nicht so recht weiß, wie wir das anstellen werden.
Nachdem Tobi wieder gegangen ist, weil die Besuchszeit im Krankenhaus begonnen hat, wird das Wetter mit jeder Stunde besser, als wollte es mich aufheitern. Die Sonne strahlt von einem makellos blauen Himmel herab, und Mutsch beginnt damit, alle möglichen Arten von Kulturstreifen auf ihren Schultern zu züchten, weil sie abwechselnd Bikinioberteile und Spaghettitops trägt.
In Großmutters angestaubter Büchersammlung finde ich eine Ausgabe von Grimms Märchen, doch aus den Märchen werde ich nicht schlau. Was wollte der Täter damit sagen? Drei Mal lese ich Aschenputtel und Schneewittchen, aber es will mir kein plausibles Motiv einfallen.
Trotz Elsas Verletzung scheucht Großmutter Elsa und mich nach dem Mittagessen aus dem Haus, als sie mich im Wohnzimmer über dem Buch hocken sieht. »Kinder sollten nicht die ganze Zeit drinnen vor dem Computer hocken«, schnauft sie, obwohl meilenweit gar kein Rechner zu sehen ist. Und auch Elsas Hinweis auf ihren Verband hält Großmutter nicht davon ab, uns hinauszuschicken. »Du hast von deinem Arzt zwei funktionierende Krücken bekommen, die kannst du benutzen«, sagt sie nur – und damit ist das Thema beendet.
Also gehen wir Eis essen und brauchen für den Weg zum Café doppelt so lange wie normalerweise, denn Elsa denkt überhaupt nicht daran, ihre Krücken zu benutzen. Als ich sie im Café frage, ob es ihr nicht zu viel wird, lacht sie nur.
»Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Freizeit wie diesen Sommer«, erklärt sie und stopft eine weitere Kugel Eis in sich hinein. Seit sie keinen Diätplan mehr einhalten muss, verschlingt sie sämtliche Süßigkeiten, derer sie habhaft werden kann, und Tante Luise hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie bereits drei Kilo zugenommen hat. Aber das scheint Elsa egal zu sein, denn sie bestellt noch eine weitere Portion Schlagsahne für ihren Eisbecher.
Beinahe wirkt es, als wäre alles vergeben und vergessen.
Ist es aber nicht.
Nicht für mich.
Wenn hinter mir ein unbekanntes Geräusch zu hören ist, drehe ich mich um, weil ich irgendwie stets damit rechne, dass mich etwas von hinten anfällt. Während wir im Sonnenschein an den eisbekleckerten Melonenscheiben nagen, versuche ich noch einmal, mit Elsa über die ganze Sache zu reden und auch darüber, ob ihr das Ballett fehlt, aber sobald ich auch nur das Wort Moor in den Mund nehme, lenkt sie auch schon vom Thema ab.
Als auf dem Rückweg ihr Handy klingelt, wirft sie nur einen kurzen Blick auf das Display und drückt sofort den Anrufer weg. »Unbekannte Nummer«, beantwortet sie meinen fragenden Blick, aber ich habe den Verdacht, dass sie genau weiß, wer dahintersteckt. Vermutlich wieder derselbe Typ mit der verzerrten Stimme, der sie schon die ganze Zeit belästigt.
Doch Elsa tut so, als wäre nichts geschehen, und den Rest des Tages verbringen wir damit, Großmutter mit den Zucchinibeeten zu helfen, auf denen sich die Schnecken niedergelassen haben, wobei Elsa mit ununterbrochenem Geplapper verhindert, dass die Ereignisse der letzten Zeit zur Sprache kommen.
An diesem Abend sitze ich vor dem Schlafengehen mit schmerzendem Rücken noch ein paar Minuten im Dunkeln auf der Stufe vor dem Häuschen und werfe einen Blick zum Moor hinüber, über das Elsa kein Wort verlieren will. Im Schein der alten Laterne, die über der Tür angebracht ist, schwirren die Falter und verbrennen sich ihre Flügel. Das Licht reicht kaum aus, um den Weg zu beleuchten.
Nachts ist das Grundstück noch unheimlicher, die Bäume sind kaum zu erkennen, sie bilden eine schwarze Wand, die alles Licht zu verschlucken scheint. Es sieht aus, als würde man am Rand des Grundstücks einfach in ein schwarzes Loch fallen. Um mich herum zirpen ein paar Grillen und in der Ferne bellen Hunde. Kein Auto ist zu hören und die Stille kommt mir eigenartig vor. Zu Hause gibt es immer irgendwelchen Lärm.
In diesem Augenblick flackert plötzlich ein zitterndes Licht zwischen den Bäumen auf, das durch den Bruchwald tanzt. Erschrocken fahre ich zusammen.
Was ist das?
Ob jemand mit einer Taschenlampe durchs Moor geht?
Um diese Uhrzeit?
Billy wird seine Schafe sicher nicht nachts ins Moor führen …
Ich springe auf und beginne, am ganzen Körper zu zittern. Ob ich Mutsch rufen soll?
Aber da erlischt das Licht auch schon wieder und es wird dunkel. Am Himmel sind keine Sterne zu sehen, die Wolkendecke reflektiert nur schwach das Licht des Ortes, sodass die Nacht stockfinster ist.
Habe ich mir das Ganze etwa nur eingebildet oder war da wirklich jemand im Moor unterwegs?
Wieder habe ich das Gefühl, dass mich etwas aus dem Dunkel heraus belauert und weiche langsam einen Schritt in den Hausflur zurück. Ich kann den Blick fremder Augen auf mir spüren, die mich im Licht der Laterne gut sehen können. Trotzdem fällt es mir schwer, die Tür zu schließen … als wäre ich hypnotisiert …
Wie lange wird es wohl dauern, bis sich das Monster aus seinem Versteck traut und die Wiese überquert, um sich auf mich zu stürzen?
Doch an diesem Abend kommt keine Gestalt aus dem Moor zu uns herüber. Die Tür fällt ins Schloss und ich bin sicher.
Für den Moment.