6
Ein Stern wird geboren
Daphne blätterte verzweifelt im medizinischen Handbuch, das aus dem Jahr 1770 stammte, als die Leute noch nicht richtig buchstabieren konnten. Und dieses schmuddelige Buch mit den verklebten Seiten fiel schon auseinander. Darin waren simple Holzschnitte abgedruckt, die unter anderem zeigten, »wie man ein Bein absägt« – Igittigitt! – »Wie man Knochenbrüche richtet« – Ogottogott! – und Querschnitte von… O nein! Bitte nicht!
Der Titel lautete Medizinisches Handbuch für den Seemann, und es war für Leute gedacht, deren Medizinschrank lediglich eine Flasche Rizinusöl enthielt, deren Operationstisch eine Bank war, die auf einem wankenden Deck hin und her rutschte und deren Instrumente aus einer Säge, einem Hammer, einem Eimer mit heißem Teer und einer Schnur bestanden. In dem Buch fand sich nicht viel zum Thema Geburten, und was darin zu finden war – sie blätterte zur nächsten Seite – Hilfe! Diese Illustration hätte sie lieber nicht gesehen. Dagegen war die Arbeit eines Schiffsarztes fast harmlos…
Die werdende Mutter lag in einer der Hütten auf einer geflochtenen Matte und stöhnte, und Daphne wusste nicht so recht, ob das nun ein gutes Zeichen war oder eher ein schlechtes. Sie war sich jedoch absolut sicher, dass Mau nicht zusehen sollte, ganz gleich ob Junge oder nicht. Dieser Ort wurde als Frauenhain bezeichnet, und fraulicher als das konnte es wohl kaum werden.
Sie zeigte auf die Tür. Mau sah sie erstaunt an.
»Raus, husch! Ich meine es ernst! Es ist mir egal, ob du ein Mensch oder ein Geist oder ein Dämon oder was weiß ich bist, aber du bist eindeutig nicht weiblich! Wenigstens ein paar Regeln müssen eingehalten werden! So, und jetzt raus! Und nicht am Schlüssello… ich meine, an den Fasern lauschen!«, fügte sie hastig hinzu. Dann schloss sie den Vorhang aus Grashalmen, der – wenn auch eher schlecht als recht – die Aufgabe einer Tür erfüllte.
Danach ging es ihr etwas besser. Wenn man jemanden anbrüllen konnte, fühlte man sich immer besser, und es gab einem das Gefühl zu wissen, was man tat, auch wenn es gar nicht so war.
Dann setzte sie sich wieder neben die Matte auf den Boden.
Die Frau griff nach ihrem Arm und röchelte eine Frage hervor.
»Äh… es tut mir leid, aber ich verstehe dich nicht«, sagte Daphne.
Doch die Frau sagte wieder etwas und hielt Daphnes Arm so fest umklammert, dass die Haut weiß wurde.
»… ich weiß nicht, was ich tun soll… Oh, bitte nicht, bitte keine Komplikationen…!«
Der kleine Sarg, der auf dem großen stand und dadurch umso kleiner wirkte. Diesen Anblick würde sie nie vergessen. Sie hatte hineinschauen wollen, aber man erlaubte es nicht, und niemand hörte ihr zu, wenn sie es erklären wollte. Männer kamen vorbei und setzten sich zu ihrem Vater, so war das Haus die ganze Nacht voller Menschen. Sie bekam keinen neuen Bruder und keine neue Schwester, doch das war nicht alles, was man ihr genommen hatte. Also saß sie die ganze Nacht auf der obersten Treppenstufe, gleich neben den Särgen. Sie wollte etwas tun, traute sich aber nicht, obwohl ihr der kleine, tote Junge so unendlich leid tat, der ganz allein war und weinte.
Die Frau bäumte sich auf und schrie. Moment, da war doch noch was mit einem Lied, nicht wahr? Davon hatte der junge Mann gesprochen. Ein Willkommenslied für das Baby. Doch woher sollte sie dieses Lied kennen?
Vielleicht war es ja egal, welches Lied, solange es ein Willkommenslied war, ein gutes Lied, das der Geist des Kindes gerne hörte, damit es sich beeilte, auf die Welt zu kommen. Ja, das klang nach einer guten Idee, aber woher kam auf einmal die Gewissheit, dass es wirklich eine gute Idee war? Und plötzlich drang ihr ein Lied aus ihrem tiefsten Inneren ins Bewusstsein.
Ein Lied, das sie irgendwie schon immer gekannt hat – ihre Mutter hatte es ihr vorgesungen, als sie noch lebte.
Sie beugte sich vor, räusperte sich und sang: »Funkel, funkel, kleiner Stern, wer du bist, wüßt ich so gern…«
Die Frau starrte sie einen Moment lang verwirrt an, doch dann entspannte sie sich.
»Stehst hoch über aller Welt, ein Diamant am Himmelszelt…«, sangen Daphnes Lippen, während ihr Gehirn dachte: Sie hat sehr viel Milch und könnte mühelos zwei Babys stillen. Also werde ich den anderen auftragen, dass sie die kranke Frau und ihr Kind hierherbringen sollen. Ihr nächster Gedanke war: Habe ich das gerade gedacht? Ich weiß doch nicht einmal, wie Babys auf die Welt kommen! Ich hoffe nur, dass es nicht allzu sehr blutet, ich kann doch kein Blut sehen!
Funkel, funkel, kleiner Stern, Ach, wie bist du mir so fern. Seh ich dich am Himmel stehn, Würd ich gerne mit dir gehn. Funkel, funkel, kleiner Stern…
Dann geschah etwas Seltsames. Vorsichtig zog sie den Rock der Frau beiseite. Aha, so geht das also! Du meine Güte! Was mach ich denn jetzt? Sogleich kam ein anderer Gedanke hinterher, als hätte er nur auf diese Frage gewartet: Das musst du machen…
Die Männer warteten vor dem Tor zum Hain und fühlten sich überflüssig und fehl am Platze, was angesichts der Umstände wohl auch angebracht war.
Wenigstens hatte Mau jetzt Zeit, sich ihre Namen einzuprägen.
Milota-dan (groß, der ältere, mehr als einen Kopf größer als alle Männer, die Mau je gesehen hatte) und Pilu-si (klein, immer hektisch und ein Lächeln auf den Lippen).
Schnell wurde klar, dass Pilu das Reden übernahm. »Wir waren einmal sechs Monate lang auf einem Boot der Hosenmenschen und sind bis zu einem großen Dorf gefahren, das Port Mercia heißt. Ein Riesenspaß! Wir sahen gewaltige Häuser aus Stein, und sie hatten Fleisch, das sie Rind nannten, und wir lernten die Hosenmenschensprache, und als sie uns wieder zu Hause absetzten, gaben sie uns große Stahlmesser und Nadeln und einen dreibeinigen Topf…«
»Still!«, sagte Milo und hob eine Hand. »Sie singt! In Hosenmenschensprache! Komm schon, Pilu, darin bist du besser!«
Mau beugte sich vor. »Worum geht es in diesem Lied?«
»He, wir hatten die Aufgabe, an Seilen zu ziehen und Sachen zu tragen«, beschwerte sich Pilu. »Lieder hat man uns nicht beigebracht!«
»Aber du sagtest doch, dass du ihre Sprache verstehst!«, sagte Mau.
»Einfache Dinge, ja. Aber das klingt sehr kompliziert! Ähm…«
»Es ist wichtig, Bruder!«, rief Milo. »Es ist das Erste, was mein Sohn hören wird!«
»Ruhig jetzt! Ich glaube, es geht um… Sterne«, sagte Pilu mit höchst angestrengter, konzentrierter Miene.
»Sterne sind gut«, sagte Milo und blickte sich anerkennend um.
»Sie sagt, dass das Baby…«
»Er«, warf Milo entschieden ein. »Ein Junge.«
»Äh, ja, natürlich. Er wird wie ein Stern sein, ja, und Menschen durch die Dunkelheit führen. Er wird… ›funkeln‹, aber ich weiß nicht, was das bedeutet…«
Sie blickten zum Morgenhimmel hinauf. Der letzte Stern erwiderte ihren Blick, aber er funkelte in der falschen Sprache.
»Er wird Menschen führen?«, sagte Pilu. »Woher will sie das wissen? Das ist ein sehr mächtiges Lied!«
»Ich glaube, sie hat es sich ausgedacht«, warf Ataba ein.
»Aha?«, sagte Milo und drehte sich zu ihm um. »Wo kommst du so plötzlich her? Zweifelst du etwa daran, dass mein Sohn ein großer Anführer sein wird?«
»Das nicht, aber ich…«
»Seid doch mal still!«, sagte Pilu. »Ich glaube… er will ergründen, was die Sterne bedeuten. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und – glaubt mir, das hier ist gar nicht so einfach – und weil er sich diese Fragen stellt, werden die Menschen… nicht mehr im Dunkeln sein.« Dann fügte er hinzu: »Das war wirklich schwer! Mir tut schon der Kopf weh! Das sind eigentlich Priestersachen!«
»Still«, sagte Mau. »Ich habe was gehört…« Sie verstummten, und das Neugeborene schrie.
»Mein Sohn!«, sagte Milo, während die anderen jubelten.
»Und er wird ein großer Krieger sein!«
»Äh, ich glaube nicht, dass im Lied…«, begann Pilu. »Auf jeden Fall ein großer Mann«, sagte Milo mit wegwerfender Handbewegung. »Es heißt, das Geburtslied kann eine Prophezeiung sein. In dieser Sprache, zu diesem Zeitpunkt… das sagt uns zweifellos, was sein wird.«
»Haben die Hosenmenschen Götter?«, fragte Mau. »Manchmal. Wenn sie sich daran erinnern… He, da kommt sie!«
Der Umriss des Geistermädchens erschien im steinernen Tor zum Hain.
»Mr. Pilu, sagen Sie bitte Ihrem Bruder, dass er Vater eines kleinen Jungen geworden ist und dass seine Frau es bestens überstanden hat und jetzt schläft.«
Diese Neuigkeit wurde mit einem Jubelschrei weitergegeben, was die perfekte Übersetzung war.
»Und sein Name Funkel?«, fragte Milo in gebrochenem Hosenmännisch.
»Nein! Ich meine, nein, lieber nicht. Nicht Funkel«, sagte das Geistermädchen schnell. »Das wäre falsch. Sehr, sehr falsch. Vergesst Funkel. Funkel? NEIN!«
»Leitstern?«, sagte Mau, was allgemeine Zustimmung fand.
»Das wäre ein sehr verheißungsvoller Name«, sagte Ataba.
»Gibt es hier zufällig noch Bier?«
Der neue Vorschlag wurde dem Geistermädchen übersetzt, und ihrer Ansicht nach war jeder Name besser als Funkel. Dann bat sie darum, nein, sie befahl es, die andere Frau und ihr Baby in den Hain zu bringen. Außerdem benötigte sie noch viele andere Dinge aus dem Wrack der Sweet Judy. Die Männer überschlugen sich förmlich, ihren Befehlen zu gehorchen. Endlich gab es für sie etwas Sinnvolles zu tun.
Das lag nun schon zwei Wochen zurück, und in der Zwischenzeit war sehr viel passiert. Am wichtigsten war jedoch, dass etwas Zeit vergehen konnte, Zeit, in der viele tausend beruhigende Sekunden über die Insel hinweggeflogen waren. Die Menschen brauchten Zeit, um das Nun zu verarbeiten, bevor es sich zurückziehen und zum Damals werden konnte. Und was sie dazu am meisten brauchten, war eine gewisse Ruhe.
Und hier bin ich nun und betrachte den weiten Horizont, dachte Daphne, die blaue Fläche, die sich bis zum Ende der Welt erstreckt. Mein Gott, Vater hatte recht. Wenn mein Horizont noch weiter wäre, müsste man ihn in der Mitte zusammenfalten.
Was für eine seltsame Redensart, »den Horizont erweitern«.
Schließlich gab es nur den einen Horizont, der sich von einem immer weiter weg bewegte, so dass man ihn nie erreichen konnte. Man kam immer nur dorthin, wo er zuvor gewesen war. Auf der ganzen Welt hatte sie schon das Meer betrachtet, und der Horizont hatte überall so ziemlich gleich ausgesehen.
Oder war es genau andersherum? Nicht der Horizont verändert oder bewegt sich – sondern ich mich.
Sie konnte kaum glauben, dass sie vor Urzeiten dem armen Jungen Brötchen serviert hatte, die wie totes Holz mit verwestem Hummer schmeckten! Dann hatte sie auch noch wegen fehlender Servietten einen Aufstand gemacht! Und mit Captain Roberts’ uralter Pistole hatte sie sogar versucht, auf ihn zu schießen, was in jedem Benimmbuch als äußerst unmanierliches Verhalten gelten würde.
Doch wer war sie wirklich? Die Daphne von damals oder jene von heute, die in dem geschützten Garten, im Frauenhain die Unbekannte Frau neben der Badestelle beobachtete, die ihren kleinen Sohn fest an sich gedrückt hielt wie ein junges Mädchen, das seine Lieblingspuppe nicht loslassen wollte, so dass Daphne sich schon fragte, ob sie ihn ihr abnehmen sollte, damit er für eine Weile wieder etwas Luft bekam.
Daphne hatte den Eindruck, die Männer glaubten, alle Frauen würden die gleiche Sprache sprechen. Das hatte sie albern und sogar etwas ärgerlich gefunden, aber sie musste zugeben, dass hier im Hain »Baby« gesprochen wurde. Das war die gemeinsame Sprache. Wahrscheinlich gab jeder gegenüber einem Baby die gleichen merkwürdigen Laute von sich, überall auf der Welt.
Irgendwoher wissen wir, dass es so richtig ist. Höchstwahrscheinlich wird es niemand auf der Welt für richtig halten, sich leise an ein Kleinkind heranzuschleichen und dann mit einem Hammer auf ein Stück Blech zu schlagen.
Und plötzlich wurde das alles hochinteressant. Wenn sie gerade nichts zu tun hatte, beobachtete Daphne die beiden Babys ganz genau. Sobald sie nicht mehr gestillt werden wollten, drehten sie den Kopf weg, aber wenn sie Hunger hatten, wippten die kleinen Köpfe vor und zurück. Und das war doch beim Kopfschütteln für »Nein« und dem Nicken für »Ja« genauso. Hatten diese Gesten vielleicht dort ihren Ursprung? Waren sie überall auf der Welt gleich? Wie finde ich das heraus? Sie nahm sich vor, diesen Gedanken niederzuschreiben.
Mittlerweile machte sie sich wirklich große Sorgen um die Mutter des Babys, dem Daphne insgeheim den Namen Schweinejunge gegeben hatte. Zwar saß sie jetzt aufrecht, lief manchmal herum und lächelte sogar, wenn man ihr zu essen gab, aber irgendetwas fehlte. Sie spielte auch nicht so oft mit ihrem Baby wie Cahle. Sie ließ es von Cahle stillen, weil offenbar noch irgendeine Lampe in ihrem Kopf flackerte, die ihr sagte, dass es keinen anderen Weg gab. Doch anschließend schnappte sie es sich sofort wieder und verschwand in der dunklen Ecke einer Hütte wie eine Katze mit ihren Jungen.
Cahle war bereits hier und dort beschäftigt und hatte immer ihr Baby unter dem Arm. Manchmal reichte sie es Daphne, wenn sie beide Hände brauchte. Anscheinend wusste sie bei Daphne nicht so recht, woran sie war, doch sie bemühte sich trotzdem, ihr respektvoll zu begegnen. Wenn sich ihre Blicke trafen, lächelten sie einander nur vorsichtig zu, als wollten sie sagen:
»Wir kommen miteinander zurecht, zumindest hoffe ich es.«
Und manchmal zeigte Cahle auf die andere Frau und tippte sich traurig gegen die Stirn. Diese Geste brauchte keine Übersetzung.
Jeden Tag brachte einer der Männer Fisch zum Hain, und Cahle zeigte Daphne die Pflanzen im Garten. Hauptsächlich wurden sie wegen ihrer Wurzelknollen angebaut, aber es gab auch ein paar Gewürzpflanzen, einschließlich eines Chili-Krauts. Danach musste Daphne ihren Mund drei Minuten lang in den plätschernden Bach halten, aber es ging ihr anschließend ausgesprochen gut. Einige der Pflanzen dienten Heilzwecken, soweit sie alles richtig verstanden hatte. Doch Cahle war eine gute Pantomimin. Daphne war sich zwar immer noch nicht sicher, ob einem von den kleinen, braunen Nüssen an dem Baum mit den roten Blättern übel wurde oder ob sie gegen Übelkeit halfen, aber sie wollte sich unbedingt alles merken. Sie hatte ein fast abergläubisches Verhältnis zu den nützlichen Dingen, die man ihr beibrachte, zumindest außerhalb der Schulstunden.
Ganz bestimmt würde sie dieses Wissen eines Tages gut gebrauchen können. Es war ein Test, mit dem die Welt prüfte, ob man im Leben auch gut aufpasste.
Aufmerksam verfolgte sie Cahles Erklärungen, wenn sie ihr Pflanzen zeigte, aus denen man Mahlzeiten zubereiten konnte. Das schien für die Frau sehr wichtig zu sein, also behielt Daphne lieber für sich, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie etwas gekocht hatte. Und schließlich lernte sie auch noch, ein bestimmtes Getränk zu brauen – Cahle bestand sogar darauf. Das Zeug roch wie der Teufelstrank – die Wurzel allen Übels.
Daphne wusste das deshalb so genau, weil ihr Butler Biggleswick eines Nachts in Vaters Arbeitszimmer eingebrochen war, sich schändlich am Whisky berauscht und dann das gesamte Haus mit seinem feuchtfröhlichen Gesang geweckt hatte.
Großmutter ließ ihn auf der Stelle hinauswerfen und wollte auch keine Gnade walten lassen, als Daphnes Vater ihr erklärte, dass Biggleswicks Mutter am selbigen Tag gestorben war. Die Lakaien schleiften ihn aus dem Haus zu den Ställen und warfen den weinenden Mann ins Stroh, wo die Pferde versuchten, ihm die Tränen vom Gesicht zu lecken, nur des Salzes wegen.
Daphne war erschüttert gewesen, weil sie Biggleswick gemocht hatte, vor allem, wie er mit nach außen gestellten Füßen lief und dadurch den Eindruck erweckte, als könnte er sich jeden Moment in zwei Hälften teilen. Doch am meisten hatte dieser Vorfall sie aufgeregt, weil sie schuld daran gewesen war, dass er seine Arbeitsstelle verlor. Großmutter hatte sich wie eine uralte Götterstatue auf dem Treppenabsatz in Pose gebracht, auf Daphne gezeigt (die alles interessiert vom Geländer im oberen Stockwerk beobachtet hatte) und ihren Vater angeschrien:
»Willst du etwa untätig herumstehen, wenn dein einziges Kind derartigen Entgleisungen ausgesetzt wird?«
Und damit hatte der Butler ausgedient. Daphne war sehr traurig gewesen, dass er gehen musste, weil er sie immer freundlich behandelt hatte und sie seinen Watschelgang schon recht gut imitieren konnte. Später hörte sie am Speiseaufzug, dass er ein »Böses Ende« gefunden hatte. Und alles nur wegen des Teufelstranks.
Doch dann wiederum wollte sie schon immer wissen, wie dieser Teufelstrank wohl sein mochte, nachdem ihre Großmutter so oft davon gesprochen hatte. Der spezielle Teufelstrank der Insel wurde sehr sorgfältig und methodisch aus einer roten Wurzel hergestellt, die in einer Ecke des Gartens wuchs. Cahle schälte sie besonders vorsichtig und wusch sich sofort und gründlich die Hände im Bach. Dann wurde die Knolle mit einem Stein zerstampft, und hinzukam eine Handvoll kleiner Blätter. Cahle starrte die Schale eine Weile an und fügte dann vorsichtshalber ein weiteres Blatt hinzu. Und schließlich kam noch etwas Wasser aus einem Flaschenkürbis hinzu, wobei achtgegeben werden musste, dass es nicht spritzte, und dann wurde die Schale bis zum nächsten Tag einfach in ein Regal gestellt.
Am darauffolgenden Morgen hatte sich der Inhalt der Schale in einen brodelnden, giftgelben Schaum verwandelt. Daphne wollte hinaufsteigen und herausfinden, ob das Zeug genauso übel roch, wie es aussah, doch Cahle zog sie sanft, aber entschieden zurück und schüttelte nachdrücklich den Kopf.
»Nicht trinken?«, fragte Daphne.
»Nicht trinken!«
Cahle nahm die Schale vom Regal und stellte sie in die Mitte der Hütte. Dann spuckte sie hinein. Eine Dampfwolke stieg bis zum Strohdach der Hütte auf, und die brodelnde Mixtur in der Schale zischte noch wilder.
Das war jedenfalls ganz und gar nicht mit den Sherry-Nachmittagen ihrer Großmutter zu vergleichen, dachte Daphne, die den Vorgang schockiert, aber auch fasziniert beobachtete.
Dann sang Cahle. Es war ein fröhliches Liedchen mit einer Melodie, die einem nicht mehr aus dem Kopf ging, auch wenn man die Worte nicht verstand. Sie tänzelte durch die Luft, und es war sofort klar, dass sie sich wie klebriger Sirup in den Gehirnwindungen festsetzen würde.
Cahle sang für das Bier. Und das Bier hörte zu. Es kam zur Ruhe wie ein aufgeregter Hund, der sich durch die Stimme seines Herrchens beschwichtigen ließ. Das Zischen wurde leiser, die Blasen wurden kleiner, und dann klärte sich die einst trübe Brühe.
Cahle sang weiter und schlug mit ihren Händen den Takt.
Aber ihre Hände taten gleichzeitig noch mehr: Sie zeichneten Formen in die Luft, die zu der Musik gehörten. Das Bierlied bestand aus vielen kleinen Strophen, zwischen denen jedes Mal der gleiche Refrain folgte. Also sang Daphne irgendwann mit und bewegte dazu die Hände. Sie hatte das Gefühl, dass sich die Frau darüber freute, denn sie beugte sich zu ihr, ohne den Gesang zu unterbrechen, und zeigte Daphne die richtige Fingerhaltung.
Eigenartige Wellen wie Ölschlieren glitten über das Zeug in der Schale, das mit jeder Strophe klarer wurde. Cahle beobachtete es aufmerksam, klatschte weiter… und hörte dann auf.
Die Schale war mit flüssigem Diamant gefüllt. Das Bier glitzerte wie das Meer. Eine letzte Welle breitete sich darin aus. Cahle tauchte eine Muschelschale hinein und bot sie Daphne mit aufforderndem Nicken an.
Eine Ablehnung wäre sicher dem gleichgekommen, was Großmutter als Fauxpas bezeichnete. Schließlich gab es immer noch so etwas wie gute Manieren. Andernfalls könnte sich jemand beleidigt fühlen, und das kam einfach nicht in Frage.
Sie probierte das Gebräu. Es fühlte sich an, als würde sie Silber trinken, und ihre Augen tränten davon.
»Für Mann! Ehmann!«, sagte Cahle grinsend. »Für wenn zu viel Ehmann!« Sie legte sich auf den Rücken und gab laute Schnarchgeräusche von sich. Sogar die Unbekannte Frau lächelte.
Daphne dachte: Ich lerne neue Dinge. Hoffentlich finde ich bald heraus, was ich da eigentlich lerne.
Am nächsten Tag fand sie es heraus. In einer Sprache, die sich aus wenigen Worten und dafür umso mehr Lächeln, Nicken und Gestik zusammensetzte – darunter äußerst peinliche Gesten, über die Daphne eigentlich hätte schockiert sein müssen, nur dass es hier auf dieser sonnigen Insel einfach ohne Sinn und Zweck gewesen wäre –, lehrte Cahle sie jene Dinge, die sie wissen musste, wenn sie einen Ehemann bekommen wollte.
Sie wusste, dass sie nicht lachen sollte, und gab sich größte Mühe, es nicht zu tun, aber sie konnte dieser Frau einfach nicht begreiflich machen, dass ihre Methode, einen Ehemann zu bekommen, darin bestand, einen sehr reichen Vater zu haben, der als Gouverneur über viele Inseln regierte. Außerdem war sie sich gar nicht so sicher, ob sie wirklich einen haben wollte, da Ehemänner scheinbar sehr viel Arbeit machten. Und nachdem sie die Geburt von Leitstern miterlebt hatte, war sie absolut sicher, dass sie sich, falls sie jemals Kinder haben wollte, bereits fertige kaufen würde.
Aber so etwas durfte sie natürlich nicht zu den frischgebackenen Müttern sagen, selbst wenn sie es gekonnt hätte. Also bemühte sie sich zu verstehen, was Cahle ihr zu erklären versuchte. Sie ließ sich sogar von der namenlosen Frau das Haar zurechtmachen, was dieser große Freude bereitete, obwohl Daphne fand, dass es zwar sehr hübsch aussah, aber viel zu erwachsen für eine Dreizehnjährige. Ihre Großmutter würde es nicht gutheißen, in Kursivschrift, jedoch war das andere Ende der Welt vermutlich selbst für ihren wachsamen Blick zu weit entfernt.
Außerdem konnte jeden Moment das Schiff ihres Vaters in Sicht kommen. Das stand jedenfalls fest. Er brauchte nur etwas Zeit, weil er so viele Inseln absuchen musste.
Aber was wäre, wenn er nicht kam?
Diesen Gedanken verdrängte sie sofort aus ihrem Kopf. Doch er kehrte gleich wieder zurück. Sie ahnte, dass dahinter noch weitere Gedanken lauerten, die ihr schwer zusetzen würden, wenn sie es wagte, sie zu denken.
Am Tag nach Leitsterns Geburt waren noch mehr Menschen eingetroffen, ein kleiner Junge namens Oto-I und eine verhutzelte, alte Dame, die beide völlig ausgedörrt und hungrig waren.
Die alte Dame war nicht größer als der Junge und hatte einen Winkel in einer Hütte mit Beschlag belegt, wo sie alles aß, was man ihr brachte, und Daphne mit ihren kleinen, hellen Augen beobachtete. Cahle und die anderen behandelten sie mit großem Respekt und redeten sie mit einem langen Namen an, den Daphne nicht aussprechen konnte. Sie nannte sie einfach Mrs. Glucker, weil ihr Bauch so unglaublich laut gluckerte, und es war stets ratsam, sich nicht in ihrem Windschatten aufzuhalten.
Oto-I hatte sich in einem Tempo erholt, wie es für Kinder wohl typisch war, und so schickte sie ihn zu Ataba, damit er dem alten Mann half. Von hier oben konnte sie die beiden am Schweinezaun beobachten, und wenn sie bis zum Ende der Felder ging, sah sie am Strand einen immer größer werdenden Haufen aus Planken, Sparren und Segeltuch. Da es offenbar doch eine Zukunft geben würde, benötigte sie auch ein Dach über dem Kopf.
Die Judy lag im Sterben. Das war traurig, doch sie führten nur zu Ende, was die Welle begonnen hatte. Es würde allerdings recht lange dauern, weil es nicht einfach war, ein Schiff in seine Bestandteile zu zerlegen, selbst wenn man die Werkzeugkiste des Zimmermanns gefunden hatte. Sie war eine wahre Schatzkiste, besonders auf einer Insel, auf der es vor der Welle nur zwei Messer und vier kleine, dreibeinige Kochtöpfe gegeben hatte. Gemeinsam schlachteten Mau und die Brüder das Schiff aus, fast wie Großvatervögel, die an einem Kadaver herumpickten. Sie schleppten alles ans Ufer und dann den Strand entlang.
Es war Schwerstarbeit.
Pilu prahlte gerne damit, dass er die Namen der Werkzeuge in der Kiste kannte, doch Mau fand, dass es letztlich nur darum ging, dass ein Hammer ein Hammer war, ob nun aus Metall oder aus Stein. Das Gleiche galt natürlich auch für einen Meißel. Und Rochenhaut war mindestens genauso gut wie dieses Sandpapier!
»Das mag schon sein, aber was ist mit einer Zange?«, sagte Pilu und hielt eine hoch. »Wir hatten nie Zangen.«
»Aber wir hätten welche machen können«, erwiderte Mau, »wenn wir gewollt hätten. Wenn wir welche gebraucht hätten.«
»Ja, aber das ist doch das Interessante daran. Man weiß gar nicht, dass man sie braucht, bevor man sie nicht hat.«
»Wir hatten sie nie und wollten sie deswegen auch gar nicht brauchen!«, sagte Mau.
»Du musst ja nicht gleich wütend werden.«
»Ich bin nicht wütend!«, gab Mau zurück. »Ich finde nur, wir kommen sehr gut zurecht!«
Und so war es auch. Auf der Insel waren sie immer gut zurechtgekommen. Aber die Sachen von der Sweet Judy ärgerten ihn auf eine Weise, die er selber nicht ganz verstand, was es für ihn sogar noch schlimmer machte. Wie war es den Hosenmenschen möglich, so viele Dinge zu haben? Mau und die Brüder hatten dort, wo der untere Wald an den Strand grenzte, Unmengen davon aufgehäuft, und das Zeug war schwer. Töpfe, Pfannen, Messer, Löffel, Gabeln… Darunter war auch eine große Gabel, die man nur an einem Stiel befestigen musste, und schon hatte man den besten Fischspeer aller Zeiten, und dergleichen gab es jede Menge mehr. Auch Messer, so groß wie Schwerter.
Das alles war so… überheblich. Die Besatzung hatte dieses wunderbare Werkzeug behandelt, als hätte es kaum einen Wert.
Alles war einfach zusammengeworfen worden, so dass es herumklapperte und zerkratzte. Auf der Insel wäre eine Gabel jeden Tag gereinigt und anschließend an die Wand einer Hütte gehängt worden.
Wahrscheinlich gab es allein auf diesem Schiff mehr Metall als auf allen Inseln zusammen. Und Milo hatte erzählt, dass viele Schiffe in Port Mercia gewesen waren, und einige sogar noch größer als die Sweet Judy.
Mau wusste, wie man einen Speer machte, vom Aussuchen des Schafts bis zur Herstellung einer scharfen Steinspitze. Und wenn er den fertigen Speer in Händen hielt, war es wirklich sein Speer, jeder Teil davon. Ein Metallspeer wäre sehr viel besser, aber er wäre nur… ein Ding. Und wenn der kaputtging, wüsste Mau nicht, wie er sich einen neuen machen sollte.
Mit den Pfannen war es genauso. Wie wurden sie gemacht?
Nicht einmal Pilu wusste es.
Also sind wir letztlich genau wie die roten Krabben, dachte Mau, während sie eine schwere Kiste zum Strand schleppten.
Die Feigen fallen von den Bäumen, und das ist alles, was sie wissen. Müssten wir es nicht schaffen, besser zu sein?
»Ich will die Hosenmenschensprache lernen«, sagte Mau, als sie eine Pause einlegten, bevor sie erneut in die stickige, stinkende Hitze im Innern des Wracks stiegen. »Kannst du sie mir beibringen?«
»Was möchtest du denn sagen?«, fragte Pilu. Dann grinste er.
»Du willst mit dem Geistermädchen sprechen können, nicht wahr?«
»Ja, wenn du schon so fragst. Wir sprechen wie Babys miteinander. Wir müssen Bilder in den Sand malen!«
»Tja, wenn du mit ihr über das Be- und Entladen von Schiffen und das Ziehen an Seilen reden willst, kann ich dir vielleicht helfen«, sagte Pilu. »Vergiss nicht, wir waren fast immer auf einem Schiff und nur unter Männern. Die meiste Zeit haben sie über das Essen geschimpft. Ich glaube nicht, dass du einen Satz lernen möchtest wie ›Dieses Fleisch schmeckt, als hätte man es von einem Hundearsch abgeschnitten‹. Den könnte ich dir beibringen.«
»Nein, du hast recht. Aber es wäre nett, mit ihr zu sprechen, ohne die ganze Zeit nach Wörtern fragen zu müssen.«
»Cahle sagt, dass das Geistermädchen unsere Sprache ziemlich schnell lernt«, brummte Milo. »Und sie macht besseres Bier als alle anderen.«
»Ich weiß! Aber ich will wie ein Hosenmensch mit ihr reden!«
Pilu grinste. »Nur du mit ihr allein, wie?«
»Was?«
»Na ja, sie ist ein Mädchen und du bist ein…«
»Das Geistermädchen interessiert mich nicht! Ich meine, ich …«
»Überlass das einfach mir! Ich weiß genau, was du brauchst.«
Pilu kramte im Haufen der Sachen, die sie bereits aus dem Schiff geholt hatten, und hob etwas hoch, das für Mau auf den ersten Blick wie ein altes Brett aussah. Aber nachdem Pilu eine Weile darauf herumgeklopft hatte, verwandelte es sich in…
»Eine Hose«, sagte Pilu und zwinkerte seinem Bruder zu.
»Und?«, fragte Mau.
»Die Hosenmenschenfrauen sehen einen Mann lieber in Hosen«, sagte Pilu. »Als wir in Port Mercia waren, durften wir erst an Land gehen, nachdem wir welche angezogen hatten. Weil die Hosenmenschenfrauen uns ansonsten komisch angesehen und geschrien hätten.«
»So etwas werde ich hier auf gar keinen Fall tragen!« »Das Geistermädchen denkt dann vielleicht, dass du ein Hosenmann bist«, sagte Milo, »und lässt dich…«
»Das Geistermädchen interessiert mich nicht!«
»Ach ja, das sagtest du schon.« Pilu zerrte noch ein bisschen an der Hose herum und stellte sie dann auf den Strand. Sie war so stark mit Schlamm und Salz verkrustet, dass sie von allein stand. Irgendwie furchteinflößend.
»Hosen sind ein mächtiger Zauber«, sagte Milo. »Sie sind die Zukunft. Ganz klar.«
Mau versuchte, nicht auf die roten Krabben zu treten, als sie durch die Schneise zum Wrack zurückkehrten. Wahrscheinlich wussten die Krabben gar nicht, ob sie lebten oder tot waren, dachte er. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht an kleine, seitwärtslaufende Krabbengötter glauben, aber sie haben die Welle überlebt, und es waren so viele wie eh und je. Auch die Vögel hatten gewusst, dass die Welle kam. Wir nicht. Aber wir sind doch so klug! Wir machen Speere und Fischfallen und erzählen Geschichten! Als Imo uns aus Lehm geformt hat, warum hat Er den Teil vergessen, der uns gesagt hätte, dass die Welle kommt?
Wieder auf der Sweet Judy pfiff Pilu fröhlich vor sich hin, während er Deckplanken mit einer langen Metallstange aus der Werkzeugkiste aushebelte. Es war eine unbeschwerte Melodie, wie Mau sie noch nie zuvor gehört hatte. Wenn sie auf der Jagd gewesen waren, hatten sie nach ihren Hunden gepfiffen, aber dies klang irgendwie… komplizierter.
»Was ist das?«, fragte er.
»Das ist ein Lied der Hosenmenschen«, sagte Pilu. »Einer der Männer auf der John Dee hat es mir beigebracht.«
»Und wovon handelt es?«
»Es erzählt davon, dass jemand einen ordentlichen Batzen Kokosnüsse hat und nun möchte, dass man etwas dagegenwirft«, erklärte Pilu, als sich langsam eine Planke löste.
»Aber man muss doch nichts gegen die Kokosnüsse werfen, wenn sie schon gar nicht mehr an der Palme hängen«, gab Mau zu bedenken und lehnte sich gegen die Werkzeugkiste.
»Ich weiß. Aber die Hosenmenschen bringen die Kokosnüsse in ihr eigenes Land, stecken sie auf Stöcke und werfen dann Sachen nach ihnen.«
»Warum?«
»Ich glaube, zum Spaß. Das Spiel heißt ›Triff die scheue Kokosnuss‹.«
Die Planke hob sich mit einem langgezogenen Kreischen der Nägel. Es war ein grauenvolles Geräusch. Für Mau hörte es sich an, als würde etwas sterben. Jedes Kanu hatte eine Seele.
»Scheu? Was heißt das?« Es war immer noch besser, sich über diesen Unsinn zu unterhalten als über den Tod der Judy.
»Das heißt, die Kokosnüsse wollen sich vor den Menschen verstecken«, versuchte Milo es zu erklären, doch offensichtlich war er selbst nicht sonderlich überzeugt. »Verstecken? Aber sie sind doch in den Palmen! Wir können sie sehen.«
»Warum stellst du so viele Fragen, Mau?«
»Weil ich so viele Antworten haben will! Was bedeutet ›schüchtern‹ wirklich?«
Pilus Miene war ernst, wie immer, wenn er nachdenken musste. Meistens war ihm das Reden lieber.
»Scheu? Die Seemänner haben manchmal zu mir gesagt: ›Du bist nicht so scheu wie dein Bruder.‹ Weil Milo nicht sehr oft mit ihnen geredet hat. Er wollte sich nur seinen dreibeinigen Kochtopf und ein paar Messer verdienen, damit er heiraten kann.«
»Willst du damit sagen, dass die Hosenmenschen Dinge auf Kokosnüsse werfen, weil Kokosnüsse nicht sprechen?«
»Schon möglich. Sie tun viele verrückte Dinge«, sagte Pilu.
»Das Interessante an den Hosenmenschen ist, dass sie sehr mutig sind und mit ihren Schiffen von einem Ende der Welt bis zum anderen fahren und das Geheimnis des Eisens kennen, aber es gibt da eine Sache, vor der sie große Angst haben. Rate mal, was es ist!«
»Ich weiß nicht. Seeungeheuer?«, überlegte Mau.
»Nein!«
»Sich verirren? Piraten?«
»Nein.«
»Dann gebe ich auf. Wovor haben Sie Angst?«
»Beine. Sie haben Angst vor Beinen«, sagte Pilu triumphierend.
»Sie fürchten sich vor Beinen? Wessen Beine? Ihre eigenen? Versuchen sie etwa, davor wegzulaufen? Wie denn? Und womit?«
»Nicht vor ihren eigenen Beinen. Aber die Hosenmenschenfrauen regen sich furchtbar auf, wenn sie die Beine eines Mannes sehen. Und einer der Jungs auf der lohn Dee erzählte, dass ein junger Hosenmann in Ohnmacht gefallen ist, weil er den Fußknöchel einer Frau gesehen hat. Der Junge sagte auch, dass die Hosenmenschenfrauen sogar ihren Tischbeinen Hosen überziehen, damit junge Männer sie nicht sehen und an Frauenbeine denken!«
»Was ist ein Tisch? Warum hat er Beine?«
»Das da«, sagte Pilu und zeigte in eine Ecke der großen Kabine. »Damit macht man den Boden höher.«
Mau hatte das Ding bereits bemerkt, sich aber nicht weiter damit beschäftigt. Es bestand doch nur aus ein paar kurzen Brettern, die durch Holzstöcke vom Deck ferngehalten wurden.
Und weil sich das Wrack der Sweet Judy zur Seite geneigt hatte und der Tisch festgenagelt war, stand er schief. Außerdem waren zwölf glanzlose Metallstücke auf den Brettern befestigt worden. Sie hießen Teller (»Was macht man damit?«) und waren festgenagelt, damit sie bei stürmischem Wetter nicht herunterrutschten und man sie mit einem Schwall Wasser aus einem Eimer abwaschen konnte (»Was ist ein Eimer?«). Die tiefen Scharten in den Tellern waren beim Schneiden des zwei Jahre alten, gepökelten Rind- und Schweinefleisches entstanden, das selbst mit einem Stahlmesser schwer zu schneiden war. Aber Pilu hatte es immer sehr gemocht, weil man den ganzen Tag lang darauf herumkauen konnte. In der Sweet Judy standen gewaltige Fässer voll Fleisch. Davon lebte die ganze Insel. Mau mochte das Rindfleisch am liebsten. Nach Pilus Auskunft stammte es von einem Tier namens Vieh.
Mau klopfte auf die Tischbretter. »Dieser Tisch trägt keine Hosen«, stellte er fest.
»Danach habe ich auch gefragt«, sagte Pilu, »und man hat mir erklärt, dass es auf der ganzen Welt nichts gibt, das einen Seemann davon abhalten könnte, an Frauenbeine zu denken, also wären Hosen an dieser Stelle die reinste Verschwendung.«
»Seltsame Leute«, sagte Mau.
»Aber irgendwie sind sie auch faszinierend«, fuhr Pilu fort.
»Gerade wenn du glaubst, dass die Hosenmenschen einfach nur verrückt sind, siehst du so etwas wie Port Mercia! Riesig große Hütten aus Stein, höher als ein Baum! Manche sind im Innern wie ein Wald! Und mehr Schiffe im Wasser, als du zählen kannst! Und Pferde! Die muss man gesehen haben!«
»Was sind Pferde?«
»Äh, sie sind wie… kennst du Schweine?«, sagte Pilu, während er die Eisenstange unter die nächste Planke rammte.
»Besser, als du dir vorstellen kannst.«
»Ach ja, tut mir leid. Wir haben schon davon gehört. Das war sehr mutig von dir. Also, sie sind nicht ganz genau wie Schweine. Aber wenn du ein Schwein nehmen und es größer und länger machen würdest, mit einer längeren Nase und einem Schwanz, dann hättest du ein Pferd. Oh, aber ein Pferd sieht viel schöner aus. Und es hat richtig lange Beine.«
»Also sind Pferde eigentlich kein bisschen wie Schweine.«
»Ja, richtig. Aber sie haben genauso viele Beine.«
»Tragen die etwa auch Hosen?«, fragte Mau, der nun völlig verwirrt war.
»Nein. Nur Menschen und Tische. Probier sie doch mal an!«
Sie hatten ihr keine andere Wahl gelassen. Und das war wahrscheinlich auch gut so, dachte Daphne. Denn sie hatte es zwar gewollt, sich aber nicht getraut, und dann haben sie es einfach mit ihr gemacht beziehungsweise sie dazu gezwungen, es selbst zu tun. Und nachdem sie es jetzt getan hatte, war sie heilfroh darüber. Wirklich sehr froh. Unendlich froh. Ihre Großmutter hätte es nicht gutgeheißen, aber das war schon in Ordnung, weil sie a) nichts davon erfahren würde, es b) in Anbetracht der Umstände überaus vernünftig war und c) ihre Großmutter es wirklich nie erfahren würde.
Sie hatte ihr Kleid und alles andere, bis auf einen Unterrock, ausgezogen. Nun war sie doch tatsächlich nur noch drei Kleidungsstücke von der völligen Nacktheit entfernt! Beziehungsweise vier, wenn man den Grasrock mitzählte.
Die Unbekannte Frau hatte ihn für sie gemacht, sehr zur Freude von Cahle. Dazu hatte sie jede Menge von den seltsamen Ranken verwendet, die hier überall wucherten. Es schien eine Art Gras zu sein, das jedoch nicht nach oben wuchs, sondern sich wie eine endlose, grüne Zunge entrollte. Diese Ranken verhedderten sich mit anderen Pflanzen, zogen sich an den Bäumen hoch und drängten einfach überall hin. Nach Cahles recht anschaulicher Pantomime zu urteilen, konnte man daraus eine halbwegs schmackhafte Suppe machen oder sich mit dem Saft die Haare waschen, aber hauptsächlich wurde es zur Herstellung von Schnüren, Taschen oder Kleidung verwendet. Wie dieser Rock von der Unbekannten Frau. Daphne war klar, dass sie ihn unbedingt tragen musste, weil es eine große Leistung für die arme Frau gewesen war, ihr Baby aus einem anderen Grund wegzugeben, als es von Cahle stillen zu lassen. Und das war gut und musste unterstützt werden.
Der Rock raschelte beim Gehen, und zwar auf äußerst irritierende Weise. Es klang wie ein rastloser Heuhaufen. Aber dafür drang eine wunderbar kühle Brise hindurch.
Das musste es sein, was Großmutter als »sich verfremden« bezeichnete. Sie war der Ansicht, es sei ein Verbrechen, fremdländisch zu sein, oder zumindest eine Art Krankheit, die man sich einfangen konnte, wenn man zu lange der Sonne ausgesetzt war oder Oliven aß. »Sich verfremden« hieß nachgeben und zu einem von ihnen werden. Zum Schutz vor dem Verfremden musste man sich nur genauso verhalten wie zu Hause, und das beinhaltete, in schwerer Kleidung zum Abendessen zu erscheinen und gekochtes Fleisch und braune Suppe zu essen. Gemüse war ungesund, und Obst sollte man ebenfalls meiden, weil man »schließlich nicht weiß, wo es vorher war«. Das hatte Daphne schon immer verwirrt, denn wohin konnte eine Ananas schon gehen?
Außerdem gab es doch das hübsche Sprichwort: Bist du in Rom, mach es wie die Römer. Aber ihre Großmutter würde wahrscheinlich behaupten, es bedeutete, in Blut zu baden, den Löwen Menschen zum Fraß vorzuwerfen und zum Tee Pfauenaugen zu essen.
Aber das ist mir egal, dachte sie. Meuterei! Dennoch würde sie auf keinen Fall ihr Mieder oder ihre Pantalons oder ihre Strümpfe ausziehen. Es gab keinen Grund, völlig durchzudrehen. Gewisse Formen mussten einfach gewahrt werden.
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie den letzten Gedanken mit der Stimme ihrer Großmutter gedacht hatte.
»Ich finde, sie steht dir richtig gut«, sagte Pilu im unteren Wald. »Das Geistermädchen wird sagen: ›Aha, ein Hosenmenschenmann!‹ Und dann kannst du sie küssen.«
»Ich habe dir doch schon gesagt, dass es nicht darum geht, das Geistermädchen zu küssen!«, wehrte sich Mau. »Ich… ich will nur sehen, ob die Hose irgend eine Wirkung auf mich hat, mehr nicht.«
Er ging ein paar Schritte. Sie hatten die Hose im Fluss ausgespült und gegen einen Felsen geklatscht, damit sie weicher wurde, aber sie gab beim Laufen immer noch quietschende Geräusche von sich.
Ihm war klar, dass das idiotisch war, aber wenn man sein Vertrauen nicht in die Götter setzen konnte, dann vielleicht in eine Hose. Immerhin hieß es doch in dem Lied über die Vier Brüder, der Nordwind hätte einen Mantel, der ihn durch die Lüfte trug.
Und wenn man noch nicht einmal an ein Lied glauben konnte, das Gift in Bier verwandelte, woran sollte man dann überhaupt noch glauben?
»Spürst du etwas?«, fragte Pilu. »Ja, sie scheuert am Struller!«
»Ach so, das liegt wohl daran, dass du keine Unterhose trägst«, mutmaßte Pilu. »Das sind dünne, weichere Hosen, die man unter der äußeren anzieht.«
»Heißt das, sogar die Hosen tragen Hosen?«
»Ja, genau. Die Hosenmenschen glauben, dass man gar nicht genug Hose haben kann.«
»Moment mal, was sind das denn für Dinger?«, sagte Mau und tastete mit den Fingern darin herum.
»Ich weiß nicht«, sagte Pilu vorsichtig. »Was kann man damit machen?«
»Sie fühlen sich an wie kleine Beutel in der Hose. Gar keine schlechte Idee!«
»Hosentaschen«, sagte Pilu.
Aber Hosen allein konnten die Welt auch nicht verändern. Das wurde Mau schnell klar. Eine Hose war zweifellos nützlich, wenn man in dornigem Unterholz jagte, und die Taschen, in denen man Sachen mit sich herumtragen konnte, waren wirklich eine geniale Idee. Doch nicht die Hosen bescherten den Hosenmenschen Metall und große Schiffe.
Nein, das war die Werkzeugkiste. Vor Pilu hatte er nicht zugeben wollen, dass die Nation den Hosenmenschen in irgendetwas nachstehen könnte, aber die Werkzeugkiste hatte ihn zutiefst beeindruckt. Natürlich konnte jeder einen Hammer erfinden, aber diese Kiste enthielt wunderschöne und glänzende Dinge aus Holz und Metall, von denen nicht einmal Pilu wusste, wozu sie nütze waren. Und irgendwie sprachen diese Dinge zu Mau.
Wir haben nie daran gedacht, eine Zange anzufertigen, weil wir nie eine brauchten. Bevor man also etwas Neues hervorbringen kann, muss man zuerst einen ganz neuen Gedanken haben. Das ist das Entscheidende. Wir brauchten keine neuen Dinge, also hatten wir auch keine neuen Gedanken.
Jetzt brauchen wir neue Gedanken!
»Lasst uns zu den anderen zurückgehen«, sagte er. »Aber diesmal nehmen wir das Werkzeug mit.« Er stapfte los und fiel vornüber. »Autsch, hier liegt ein großer Stein!«
Pilu zog die ewig wuchernden Papierreben zur Seite, während Mau versuchte, wieder Leben in seinen Fuß zu kneten.
»Ach so, das ist eine Kanone der Judy« , gab er bekannt. »Was ist eine Kanone?«, fragte Mau und musterte den langen, schwarzen Zylinder.
Pilu erklärte es ihm.
Die nächste Frage lautete: »Was ist Schießpulver?« Auch das erklärte Pilu ihm. Und plötzlich sah er wieder den Silberfaden, der zu einem Bild der Zukunft führte. Das Bild war etwas unscharf, aber die Kanone passte hinein. Mau fiel es zwar schwer, an Götter zu glauben, aber die Judy war eindeutig ein Geschenk der Welle. Sie gab ihnen, was sie brauchten – Nahrung, Werkzeug, Holz, Stein –, also brauchten sie vielleicht auch, was die Judy ihnen gab, selbst wenn sie es jetzt noch nicht wussten, selbst wenn sie es jetzt noch gar nicht haben wollten.
Doch nun sollten sie sich allmählich auf den Rückweg machen.
Jeder nahm einen Griff der Werkzeugkiste, die auch schon ohne Inhalt schwer genug gewesen wäre, und alle paar Minuten mussten sie eine Verschnaufpause einlegen, während Milo mit den Brettern vorbeimarschierte. Mau erholte sich, indem er tatsächlich verschnaufte, aber Pilu, indem er weiterplapperte. Er redete die ganze Zeit über alles Mögliche.
Etwas hatte Mau inzwischen über die Brüder gelernt. Sie waren nicht der große, dumme Milo und der kleine, schlaue Pilu.
Milo redete einfach nicht so viel, das war alles. Und wenn er dann etwas sagte, lohnte es sich auch, ihm zuzuhören. Pilu hingegen schwamm in Worten wie ein Fisch im Wasser, er zeichnete damit Bilder in die Luft, und er redete ununterbrochen.
Irgendwann fragte Mau: »Denkst du manchmal an deine Sippe, Pilu? Was aus den Leuten geworden ist?«
Zum ersten Mal wurde Pilu nachdenklicher. »Wir kamen zurück. Alle Hütten waren weg. Auch die Kanus. Wir hoffen, dass sie es zu einer der Steininseln geschafft haben. Sobald wir ausgeruht sind und das Baby gesund und kräftig, werden wir nach ihnen suchen. Ich hoffe, dass sich die Götter um sie gekümmert haben.«
»Glaubst du daran?«, fragte Mau.
»Wir haben immer die besten Fische zum Altar gebracht«, sagte Pilu mit tonloser Stimme.
»Hier werden sie – ich meine, sie wurden – auf die Gottesanker gelegt«, sagte Mau. »Die Schweine haben sie gefressen.«
»Ja gut, aber nur die Reste.«
»Nein, ganze Fische«, entgegnete Mau.
»Aber ihr Geist geht zu den Göttern«, sagte Pilu. Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen, so als wollte er nicht weitersprechen, ohne jedoch das Gespräch wirklich abzubrechen.
»Hast du das je beobachtet?«
»Hör mal, ich weiß, du glaubst nicht daran, dass es Götter…«
»Vielleicht gibt es sie ja. Ich will nur wissen, warum sie sich so verhalten, als gäbe es sie nicht – ich will eine Erklärung von ihnen!«
»Es ist nun einmal geschehen«, sagte Pilu unglücklich. »Ich bin einfach nur dankbar, dass ich lebe.«
»Dankbar? Wem?«
»Dann sagen wir eben, ich bin froh. Froh, dass wir alle am Leben sind, und traurig, dass andere gestorben sind. Du bist wütend, aber wofür soll das gut sein?« Nun schwang in Pilus Stimme ein seltsames Knurren mit, wie von einem harmlosen kleinen Tier, das in die Enge getrieben worden war und damit drohte, sich heftig zu wehren.
Mau stellte erstaunt fest, dass Pilu weinte. Ohne zu wissen, warum, aber gleichzeitig in der absoluten Gewissheit, dass es richtig war, nahm er ihn in den Arm und Pilu wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt, Rotz und Tränen verschluckten seine Worte. Mau hielt ihn so lange fest, bis er aufhörte zu zittern und im Wald wieder das Vogelgezwitscher vorherrschte.
»Sie sind zu Delfinen geworden«, murmelte Pilu.
»Da bin ich mir ganz sicher.«
Warum kann ich das nicht auch?, dachte Mau. Wo sind meine Tränen, wenn ich sie brauche? Vielleicht hat die Welle sie mitgenommen. Vielleicht hat Locaha sie getrunken, oder ich habe sie im dunklen Wasser verloren. Jedenfalls spüre ich sie nicht.
Wahrscheinlich braucht man eine Seele, um weinen zu können.
Nach einer Weile hörte das Schluchzen auf und ging in Husten und Schniefen über. Dann drückte Pilu sehr behutsam Maus Arme von sich und sagte: »So kriegen wir unsere Arbeit aber nicht erledigt. Komm, lass uns weitermachen! Ich weiß übrigens ganz genau, dass du mir das schwere Ende gegeben hast!«
Und schon war das Lächeln wieder da, als wäre es nie fort gewesen.
Man musste Pilu nicht besonders gut kennen, um zu verstehen, dass er durchs Leben schwamm wie eine Kokosnuss auf dem Meer. Er kam immer wieder an die Oberfläche. Pilu besaß eine natürliche Quelle der Fröhlichkeit, die nie versiegte.
Trauer war nur eine Wolke vor der Sonne, die schon bald weiterzog. Kummer wurde irgendwo in seinem Kopf weggesperrt, in einen Käfig mit einer Decke darüber, wie der Papagei des Captains. Unangenehme Gedanken verarbeitete er, indem er sie gar nicht erst dachte. Als hätte jemand ein Hundehirn in einen Menschenkörper gepflanzt, und in diesem Augenblick hätte Mau alles gegeben, um wie er zu sein.
»Kurz vor der Welle flogen alle Vögel auf«, sagte er, als sie aus dem Schatten des Blätterdachs hinaus ins helle Tageslicht traten. »Sie schienen etwas zu wissen, das ich nicht wusste!«
»Die Vögel fliegen doch immer auf, wenn Jäger durch den Wald streifen«, sagte Pilu. »Das ist doch nichts Besonderes.«
»Ja, aber die Welle war noch gar nicht zu sehen, und die Vögel wussten es trotzdem. Die Vögel wussten es! Woher können sie das gewusst haben?«
»Wer weiß?« Noch eine Eigenschaft von Pilu: Kein Gedanke blieb allzu lange in seinem Kopf – dort war es einfach zu einsam.
»Das Geistermädchen hat ein… ein Ding, das Buch genannt wird. Es ist aus etwas Ähnlichem wie Papierreben gemacht. Und es ist voller Vögel!« Er war sich gar nicht sicher, worauf er eigentlich hinauswollte. Vielleicht wollte er nur sehen, wie die Neugier in Pilus Augen aufblitzte.
»Zerquetscht?«
»Nein, wie… Tätowierungen, aber in den richtigen Farben!
Und den Großvatervogel nennen die Hosenmenschen Pantalonvogel!«
»Was ist Pantalon?«
»Eine Hosenmenschenhose für Hosenmenschenfrauen«, erklärte Mau.
»Was für ein Blödsinn, dafür einen anderen Namen zu haben!«, sagte Pilu.
Und damit war die Sache für ihn erledigt. Seine Seele füllte ihn aus, also lebte er glücklich und zufrieden. Doch wenn Mau in sich hineinblickte, sah er nur Fragen, und die einzige Antwort lautete scheinbar immer »Darum«, aber das war keine richtige Antwort. Warum gab es Götter, Sterne, die Welt, die Welle, Leben und Tod? Darum. Es gab keinen Grund und auch keinen Sinn, nur eine Antwort, die keine war, und dieses »Darum«
war ein Fluch, ein Schlag ins Gesicht, und es trieb einen in Locahas kalte Arme…
WAS WILLST DU TUN EINSIEDLERKREBS?
WILLST DU DIE STERNE VOM HIMMEL REISSEN?
WILLST DU DIE BERGE WIE SCHÜCHTERNE KOKOSNÜSSE ZERTRÜMMERN, UM IHRE GEHEIMNISSE ZU ERGRÜNDEN? DIE DINGE SIND, WIE SIE SIND! IHRE EXISTENZ IST BEREITS DIE ANTWORT AUF DIE FRAGE NACH DEM WARUM! ALLE DINGE SIND DA, WO SIE HINGEHÖREN. WER BIST DU, DASS DU NACH GRÜNDEN VERLANGST? WER BIST DU?
So donnernd hatten die Großväter noch nie zu ihm gesprochen. Ihm taten richtig die Zähne weh, und er sackte auf die Knie. Die Werkzeugkiste landete krachend im Sand.
»Was ist los mit dir?«, fragte Pilu.
»Puh!«, sagte Mau und spuckte Galle in den Sand. Jedes Mal, wenn die alten Männer in seinen Kopf eindrangen, was an sich schon schlimm genug war, brachten sie obendrein auch noch alles durcheinander. Mau starrte auf den Boden, bis sich die Bruchstücke seiner Gedanken wieder zusammensetzten.
»Die Großväter haben zu mir gesprochen«, murmelte er.
»Ich habe nichts gehört.«
»Dein Glück! Puha!« Mau hielt sich den Kopf. Diesmal war es wirklich schlimm gewesen, schlimmer als je zuvor. Außerdem war etwas hinzugekommen. Es hatte geklungen, als wären da noch andere Stimmen gewesen, sehr schwach oder weit entfernt, und sie hatten auch etwas anderes gerufen, was jedoch in dem ganzen Lärm untergegangen war. Noch mehr von dieser Sorte, dachte er finster. Sämtliche Großväter aus tausend Jahren, und alle schreien mich an, doch nie sagen sie mir etwas Neues.
»Sie wollen, dass ich auch den letzten Gottesanker wieder aufstelle«, sagte Mau.
»Weißt du, wo er abgeblieben ist?«
»Ja, er liegt in der Lagune, und da kann er meinetwegen auch bleiben!«
»Gut, aber was könnte es schaden, ihn wieder aufzustellen?«
»Schaden?« Mau glaubte, nicht richtig zu verstehen. »Du willst dem Gott des Wassers danken?«
»Du musst ja nicht daran glauben, aber die Leute würden sich besser fühlen«, sagte Pilu.
Irgendetwas flüsterte Mau ins Ohr, doch es war zu leise, um es zu verstehen. Wahrscheinlich irgendein uralter Großvater, der etwas langsam war, dachte er verdrossen. Aber als Häuptling habe ich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Menschen besser fühlen, oder nicht? Entweder sind die Götter mächtig und haben meine Leute einfach sterben lassen, oder sie existieren gar nicht und all die Dinge, an die wir glauben, sind in Wirklichkeit nur Lichter am Himmel und Bilder in unseren Köpfen.
Ist das nicht die Wahrheit? Und ist die nicht viel wichtiger?
Die Stimme in seinem Kopf antwortete oder versuchte es zumindest. Jedoch war es, als würde man jemanden am anderen Ende des Strandes stehen sehen, der etwas rief. Man sah, wie er auf und ab sprang, mit den Armen herumfuchtelte, und vielleicht sogar, wie er die Lippen bewegte, aber der Wind wehte durch die Palmen und ließ die Schraubenbäume rascheln, die Brandung donnerte, und die Großvatervögel würgten gerade besonders laut, so dass einfach nichts zu verstehen war. Man wusste genau, dass jemand rief, nur hören konnte man es nicht.
Und so war es auch jetzt in seinem Kopf. Zwar ohne den Strand, das Gehüpfe, das Gewinke, die Lippen, die Palmen, die Schraubenbäume, die Brandung und die Vögel, aber dafür mit dem gleichen Gefühl, dass einem etwas ganz, ganz Wichtiges entging. Aber er wollte ihre Befehle sowieso nicht mehr hören.
»Ich bin der kleine, blaue Einsiedlerkrebs«, sagte Mau flüsternd. »Und ich renne. Aber ich lasse mich nicht wieder in ein Schneckenhaus sperren, weil… ja, dafür muss es einen richtigen Grund geben… weil… jedes Schneckenhaus zu klein für mich wäre. Ich will Gründe wissen. Gründe für alles. Ich kenne die Antworten nicht, aber bis vor ein paar Tagen wusste ich noch nicht einmal, dass es Fragen gibt.«
Pilu beobachtete ihn aufmerksam, als wüsste er nicht genau, ob er lieber die Flucht ergreifen sollte oder nicht. »Lass uns gehen und mal nachsehen, ob dein Bruder kochen kann«, sagte Mau in ruhigem und freundlichem Tonfall.
»Kann er nicht, normalerweise jedenfalls«, sagte Pilu. Wieder grinste er übers ganze Gesicht, doch diesmal hatte es etwas Nervöses an sich.
Er hat Angst vor mir, dachte Mau. Dabei habe ich ihn gar nicht geschlagen oder auch nur die Hand erhoben. Allerdings habe ich versucht, ihn auf neue Gedanken zu bringen, und jetzt fürchtet er sich. Vor dem Denken. Für ihn ist es Zauberei.
Es kann keine Zauberei sein, dachte Daphne. Zauberei ist nur ein hübsches Wort für »Ich verstehe es nicht«.
Inzwischen standen mehrere Schalen mit zischendem Bier auf den Regalen in der Hütte. Die kleinen Blasen wurden immer größer, bis sie an der Abdeckung zerplatzten. Dieses Bier war noch nicht besungen worden. Mutterbier nannten sie es in diesem Stadium. Es war leicht zu erkennen, weil überall tote Fliegen herumlagen. Allerdings ertranken sie nicht etwa darin. Sie mussten nur ein wenig daran nippen und starben sofort, erstarrten zu kleinen Fliegenstatuen. Wenn etwas ein wahrer Teufelstrank war, dann dieses Gebräu.
Man spuckte hinein, man sang ihm ein Lied, man bewegte die Hände in einem bestimmten Rhythmus, und der Dämon wurde fortgejagt nach, äh, wohin auch immer, und schließlich blieb ein bekömmliches Getränk übrig. Wie konnte so etwas sein?
Daphne hatte eine Theorie. Immerhin hatte sie die halbe Nacht daran herumgetüftelt. Die Frauen waren auf der anderen Seite des Hains und pflückten Blumen. Wahrscheinlich würden sie Daphne nicht hören, wenn sie leise sang. Das Spucken… war offensichtlich ein Glücksritual. Abgesehen davon, musste man wissenschaftlich an solche Sachen herangehen und alles schön der Reihe nach analysieren. Das Geheimnis waren die Handbewegungen, da war sie sich ganz sicher. Zumindest einigermaßen.
Sie goss ein wenig von der tödlichen Biervorstufe in eine Schale und starrte sie an. Vielleicht lag es aber auch an der Melodie, und der Text hatte gar nichts damit zu tun. Vielleicht machte die Frequenz der menschlichen Stimme etwas mit den winzig kleinen, atomaren Substanzen, ähnlich wie bei der berühmten Opernsopranistin Dame Ariadne Stretch, die ein Glas zerspringen ließ, indem sie es ansang. Das klang doch sehr vielversprechend, vor allem, wenn man wusste, dass nur die Frauen für das Bier zuständig waren, und die hatten ja schließlich die höheren Stimmen!
Der Teufelstrank erwiderte ihren Blick, geradezu selbstgefällig, wie sie fand. Na los, schien er zu sagen, zeig, was du kannst!
»Ich weiß leider nicht, ob ich noch den ganzen Text zusammenkriege«, sagte sie, und schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie sich soeben bei einem Getränk entschuldigt hatte. Das kam dann dabei heraus, wenn man in feinen Gesellschaftskreisen zur Höflichkeit erzogen worden war. Daphne räusperte sich.
Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen!
Wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen…
Nein, das war wohl nicht das richtige Lied für ein Getränk, und außerdem konnte sie ja nicht einmal backen. Wie wäre es mit…? Sie zögerte und dachte über Lieder nach. Konnte es wirklich so einfach sein? Sie stimmte ein neues Lied an und zählte dabei mit den Fingern ab.
»Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum, di-deldum…«
Sie sang die Strophe genau sechzehnmal. Dabei beobachtete sie das blubbernde Bier und wartete darauf, dass es plötzlich klar wie ein Diamant wurde. Dann testete sie ihre Schlussfolgerung – wie es auch ein richtiger Wissenschaftler tun würde – an zwei weiteren Schalen Mutterbier. Danach war sie sich ziemlich sicher und äußerst zufrieden. Jetzt hatte sie eine Arbeitshypothese.
»Bi-Ba-Butzemann…«
Sie stutzte, als sie Menschen spürte, die sich bemühten, still zu sein. Cahle und die Unbekannte Frau standen im Eingang und lauschten interessiert.
»Männer«, sagte Cahle fröhlich. Sie hatte sich eine Blume ins Haar gesteckt.
»Äh… was?«, sagte Daphne verwirrt.
»Ich will gehen und meinen Ehmann sehen!«
Das konnte Daphne gut verstehen, und es sprach ja auch nichts dagegen. Männer durften den Hain nicht betreten, aber Frauen konnten kommen und gehen, wie sie wollten.
»Äh… ja«, sagte sie und spürte etwas an ihrem Haar. Sie wollte es gerade wegwischen, als sie erkannte, dass es die Unbekannte Frau war, die ihre Zöpfe öffnete. Daphne war drauf und dran, sie davon abzuhalten, doch dann sah sie Cahles warnenden Blick. Die Unbekannte Frau war von einem schlimmen Ort in ihrem Kopf zurückgekehrt, und jeder Schritt in die Normalität sollte unterstützt werden.
Daphne spürte, wie die Zöpfe vorsichtig auseinander gezogen wurden.
Dann nahm sie einen Hauch Parfum wahr und bemerkte erst dann, dass die Frau ihr eine Blüte hinters Ohr gesteckt hatte.
Diese Blumen wuchsen überall im Hain. Sie hatten große rosa- oder purpurfarbene Blütenblätter, und ihr Duft war ungemein betörend. Cahle steckte sich jeden Abend eine ins Haar.
»Äh, danke«, sagte Daphne.
Cahle nahm sie behutsam am Arm, und Daphne verspürte leichte Panik. Auch sie sollte zum Strand gehen? Aber sie war doch praktisch halbnackt! Unter dem Grasrock trug sie schließlich nur einen Petticoat, ihre Pantalons und ihre Unaussprechlichen! Und ihre Füße waren sogar bis hinauf zu den Knöcheln gänzlich nackt!
Dann wurde es seltsam, und auch später würde sie nie so richtig verstehen, wie es dazu gekommen war.
Sie sollte zum Strand hinuntergehen. Die Entscheidung stand klar und deutlich in ihrem Kopf. Sie hatte entschieden, dass es an der Zeit war, zum Strand hinunterzugehen. Nur konnte sie sich nicht erinnern, diese Entscheidung bewusst getroffen zu haben. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so als wäre man satt, ohne die Erinnerung daran, etwas gegessen zu haben. Und da war noch etwas, das langsam wie ein Echo ohne Stimme verhallte: Jeder hat Zehen!
Mau musste zugeben, dass Milo ein ziemlich guter Koch war. Er wusste, wie man Fisch zubereitete. Als sie zurückkehrten, hing ein verführerischer Duft über dem Lager, und selbst der Luft schien das Wasser im Mund zusammenzulaufen.
Von der Sweet Judy war immer noch sehr viel übrig. Es würde Monate, vielleicht sogar Jahre dauern, bis das Schiff zerlegt war.
Nun hatten sie zwar genug Werkzeug, aber nicht genügend Leute. Für die größeren Holzteile wären bestimmt ein Dutzend kräftige Männer nötig. Aber jetzt hatten sie schon mal eine Hütte, auch wenn die Wände aus Segeltuch ständig im Wind flatterten, und zudem Feuer und eine Kochstelle. Und was für eine!
Sie hatten die gesamte Kombüse zum Strand geschleppt, jedes einzelne kostbare Metallstück, nur nicht den großen schwarzen Ofen. Der konnte warten, denn allein die Töpfe, Pfannen und Messer bedeuteten bereits ein großes Glück.
Doch nicht wir haben das alles gemacht, dachte Mau, als das Werkzeug herumgereicht wurde. Wir können gute Kanus bauen, aber niemals etwas wie die Sweet Judy…
»Was tust du da?«, sagte er zu Milo. Der Mann hatte sich einen Hammer und einen Metallmeißel genommen und schlug damit auf eine kleinere Kiste aus dem Trümmerhaufen ein.
»Sie ist verschlossen«, sagte Milo und zeigte ihm, was ein Schloss war.
»Heißt das, sie enthält etwas Wichtiges?«, fragte er. »Noch mehr Metall?«
»Vielleicht Gold«, sagte Pilu. Dazu war eine Erklärung nötig, und Mau erinnerte sich an den schimmernden, gelben Metallrand der seltsamen Einladung, die das Geistermädchen ihm gegeben hatte. Die Hosenmenschen liebten es fast so sehr wie ihre Hosen, sagte Pilu, obwohl es viel zu weich war, um nützliche Dinge daraus zu machen. Ein kleines Stück Gold war mehr wert als eine richtig gute Machete was wieder einmal bewies, wie verrückt diese Leute waren.
Doch als das Schloss zerbrach und der Deckel aufsprang, stellten sie fest, dass die Kiste den Geruch von abgestandenem Wasser enthielt und…
»Bücher?«, sagte Mau.
»Seekarten«, sagte Pilu. »Sie sind wie Bilder, aber ganz anders. So sieht das dann aus.« Er hielt eine Handvoll der triefenden Karten hoch.
»Wozu sollen die denn gut sein?«, wollte Ataba lachend Wissen.
Eine der durchgeweichten Karten wurde auf dem Sand ausgebreitet. Sie sahen sie sich an, doch dann schüttelte Mau den Kopf. Wahrscheinlich musste man ein Hosenmensch sein, um so etwas verstehen zu können.
Was bedeutete das alles? Es waren nur Linien und Formen zu sehen. Wozu sollte so etwas tatsächlich gut sein? »Seekarten sind Bilder vom Meer, die es so zeigen, als wäre man ein Vogel am Himmel«, sagte Pilu.
»Können die Hosenmenschen denn fliegen?«
»Sie haben Werkzeug, das ihnen hilft«, sagte Pilu vage.
Dann hellte sich seine Miene wieder auf, und er fügte hinzu:
»Zum Beispiel das hier.« Mau beobachtete, wie Pilu ein schweres, rundes Ding aus dem Haufen zog. »Es heißt Kompass. Mit einem Kompass und einer Seekarte finden sie immer den richtigen Weg!«
»Schmecken sie denn nicht das Wasser? Beobachten sie etwa nicht die Strömungen? Riechen sie nicht den Wind? Kennen sie das Meer denn nicht?«
»Sie sind schon ganz gute Seefahrer«, sagte Pilu, »aber sie befahren unbekannte Gewässer. Der Kompass sagt ihnen, wo ihr Zuhause ist.«
Mau drehte das Ding in der Hand und beobachtete das Einpendeln der Nadel, wie die Nadel pendelte. »Und wo es nicht ist«, sagte er. »An beiden Enden sind Spitzen. Dieser… Kompass zeigt ihnen also auch, wo unbekannte Länder liegen. Und wo sind wir auf dieser Seekarte?« Er zeigte mit dem Finger auf eine große Fläche, die offensichtlich Land darstellen sollte.
»Nein, das ist Vorderaustralien«, sagte Pilu. »Das ist ein wirklich großes Land. Wir sind…« Er suchte auf der Seekarte und zeigte dann auf eine Reihe von Zeichen. »… hier. Glaube ich.«
Mau starrte auf die Stelle. »Und wo genau? Ich sehe nur jede Menge Striche und Kringel.«
»Äh, diese Kringel heißen Zahlen«, sagte Pilu nervös. »Sie sagen dem Captain, wie tief das Meer ist. Und das hier sind Buchstaben. Sie bedeuten ›Muttertagsinseln‹. So nennen Sie uns.«
»Das hat man uns auf der lohn Dee erklärt«, warf Milo ein.
»Und außerdem lese ich es hier auf dieser Karte«, betonte sein Bruder und bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Warum nennen sie uns so?«, wollte Mau wissen. »Wir sind doch die Inseln des Sonnenaufgangs!«
»Nicht in ihrer Sprache. Hosenmenschen wissen oft nicht, wie etwas richtig heißt.«
»Und die Insel? Wie groß ist die Nation?«, fragte Mau, der immer noch auf die Karte starrte. »Ich kann sie nicht sehen.«
Pilu wandte sich ab und murmelte etwas. »Was hast du gesagt?«, wollte Mau wissen.
»Sie ist hier gar nicht eingezeichnet. Weil sie zu klein ist…«
»Klein? Wie meinst du das, klein?«
»Er hat recht, Mau«, erklärte Milo mit ernster Miene. »Wir wollten es dir eigentlich nicht sagen. Aber sie ist klein. Es ist eine kleine Insel.«
Mau fiel die Kinnlade herunter. »Das kann nicht sein«, wehrte er sich. »Sie ist doch sogar viel größer als jede Windfängerinsel.«
»Das sind Inseln, die noch kleiner sind«, sagte Pilu. »Und davon gibt es unglaublich viele.«
»Tausende«, sagte Milo. »Trotzdem ist es nun einmal so, dass die Nation im Vergleich zu den richtig großen Inseln eher eine von den kleineren ist«, vollendete Pilu den Satz.
»Aber sie ist die beste von allen«, sagte Mau schnell, »und auf keiner anderen gibt es Baumkraken!«
»Absolut!«, bestätigte Pilu.
»Das dürfen wir auf keinen Fall vergessen. Hier ist unsere Heimat«, sagte Mau. Dann stand er auf und zerrte an seinen Hosen. »Ahh! Diese Dinger jucken wie verrückt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Hosenmenschen besonders viel herumlaufen!«
Ein Geräusch ließ ihn aufblicken, und dann entdeckte er das Geistermädchen – zumindest hatte es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Geistermädchen. Dahinter standen Cahle mit einem breiten Grinsen und die Unbekannte Frau mit ihrem entrückten Lächeln.
Mau sah erst auf seine Hosen und betrachtete dann ihr langes Haar mit der Blume darin, während sie zuerst auf ihre Zehen schielte und dann seine Hose begutachtete, die viel zu lang für seine Beine war, so dass es aussah, als stünde er auf zwei Ziehharmonikas. Und die Kapitänsmütze schwamm wie ein Schiff in einem Meer aus Locken. Sie drehte sich zu Cahle um, die jedoch in den Himmel stierte. Er drehte sich zu Pilu um, der gerade auf seine Füße glotzte, mit bebenden Schultern.
Dann blickten sich Mau und das Geistermädchen direkt in die Augen, und es gab nur noch eins, was sie in diesem Moment tun konnten – sie prusteten los.
Die anderen stimmten in das Gelächter mit ein, und selbst der Papagei krächzte: »Zeig uns deinen Schlüpfer!« Dabei wippte er hektisch auf Atabas Kopf hin und her.
Milo jedoch, der stets sachlich blieb und zufällig aufs Meer hinausgeblickt hatte, stand auf, streckte einen Arm aus und sagte:
»Segel!«