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Vereinbarungen, Bündnisse
und Versprechungen

Beim Ertrinken, so hatte Daphne gehört, zieht noch einmal das ganze Leben an einem vorbei. Dabei läuft das Leben eher dann in rasanter Geschwindigkeit vor dem inneren Auge ab, wenn man nicht ertrinkt, und zwar tatsächlich von der ersten Erinnerung bis zur letzten. Hauptsächlich sind es verwischte Bilder, aber in jedem Leben gibt es bedeutende Augenblicke, die immer farbiger werden, je häufiger man sich daran erinnert.

In Daphnes Leben war einer dieser Momente der mit der Landkarte gewesen. In jedem Leben sollte es eine Landkarte geben.

Ach ja, die Landkarte. Sie hatte sie im großen Atlas in der Bibliothek gefunden, an einem Winternachmittag. Eine Woche später hätte sie die Karte aus dem Gedächtnis nachzeichnen können.

Ihr Titel lautete: Der Große Südliche Pelagische Ozean. Das war eine halbe Welt aus blauem Meer, zusammengehalten durch Nähte kleiner Punkte, die ihr Vater als »Inselketten« bezeichnet hatte. Es gab abertausende Inseln, und viele davon waren gerade groß genug für eine Kokospalme, hatte er gesagt.

Laut Gesetz musste es selbst auf der winzigsten Insel mindestens eine Kokospalme geben, damit ein Schiffbrüchiger dort wenigstens etwas Schatten fand [4].

Ihr Vater hatte ein Bild gezeichnet, wie sie in einem weißen Kleid und mit ihrem Sonnenschirm im Schatten einer Kokospalme saß. Dann fügte er am Horizont noch schnell ein Schiff hinzu, das kam, um sie zu retten.

Einige Jahre später war sie selbst in der Lage, die Namen der Inselgruppen zu lesen: Die Rosenmontagsinseln, die AIlerseeleninsel, die Bitttagsinseln, die Muttertagsinseln, die Silvesterinseln… anscheinend hatte man den Großen Südlichen Pelagischen Ozean nicht mit einem Kompass, sondern mit einem Kalender als Navigationshilfe erkundet.

Ihr Vater hatte gesagt, wenn man wusste, wo man suchen musste, konnte man auch die Mrs.-Ethel-J.-Bundys-Geburtstag-Insel finden, und gab ihr eine starke Lupe. Dann hatte sie viele Sonntagnachmittage auf dem Bauch liegend verbracht und sorgfältig jede Pünktchenkette studiert, bis sie zu dem Schluss gelangt war, dass die Mrs.-Ethel-J.-Bundys-Geburtstag-Insel ein Papa-Scherz war, d. h. nicht sehr witzig, aber in seiner Albernheit wiederum charmant. Und dank seines Scherzes kannte sie nun die Inselketten des Großen Südlichen Pelagischen Ozeans in und auswendig.

Damals hatte sie davon geträumt, auf einer weit abgelegenen Insel zu leben, die so klein war, dass man sich nie sicher sein konnte, ob es wirklich eine Insel war oder ob nur eine Fliege auf der Landkarte ihr Geschäft hinterlassen hatte.

Doch das war noch nicht alles. Auf den letzten Seiten des Atlas hatte sie eine Sternenkarte gefunden. Zu ihrem nächsten Geburtstag wünschte sie sich ein Teleskop. Damals hatte ihre Mutter noch gelebt und stattdessen ein Pony vorgeschlagen, aber ihr Vater hatte gelacht und ihr ein wunderschönes Teleskop geschenkt, mit den Worten: »Selbstverständlich sollte sie die Sterne beobachten! Ein Mädchen, das nicht in der Lage ist, das Sternbild des Orion zu erkennen, interessiert sich einfach nicht genug für die Welt, in der es lebt!« Als sie ihm dann immer kompliziertere Fragen gestellt hatte, nahm er sie zu den Vorträgen der Royal Society mit, wo sich herausstellte, dass ein neunjähriges Mädchen, das blondes Haar hatte und den Zyklus der Präzession kannte, die berühmten, vollbärtigen Wissenschaftler alles fragen konnte, was es wissen wollte. Wer brauchte schon ein Pony, wenn man das ganze Universum haben konnte? Das war viel interessanter, und man musste es nicht mindestens einmal pro Woche ausmisten.

»Das war ein guter Tag«, sagte ihr Vater, als sie von einem Vortragsabend zurückkehrten.

»Ja, Papa. Ich glaube, Dr. Agassiz hat stichhaltige Beweise für die Eiszeittheorie vorgelegt, und ich brauche unbedingt ein größeres Teleskop, wenn ich mir Jupiters Großen Roten Fleck ansehen will.«

»Wir werden mal sehen, was sich machen lässt«, sagte ihr Vater mit sinnloser, elterlicher Diplomatie. »Aber erwähne deiner Großmutter gegenüber bitte nicht, dass du Mr. Darwin die Hand geschüttelt hast. Sie hält ihn für den Teufel.«

»Wirklich? Und was sagst du dazu?« Darwins Anschauungen fand sie hochinteressant.

»Nach meiner Einschätzung«, sagte ihr Vater, »ist er der größte Wissenschaftler, der je gelebt hat.«

»Größer als Newton? Das glaube ich nicht, Papa. Viele seiner Ideen wurden vor ihm von anderen Leuten formuliert, einschließlich seines eigenen Großvaters.«

»Aha? Du warst also schon wieder in meiner Bibliothek. Jedenfalls hat Newton selbst gesagt, er stünde nur auf den Schultern von Giganten.«

»Sicher, aber… er wollte doch nur bescheiden sein!« Und so hatten sie während des ganzen Heimwegs weiterdiskutiert.

Es war ein Spiel. Er liebte es, wenn sie Fakten sammelte und ihn mit fundierten Argumenten in die Enge trieb. Er glaubte an die Vernunft und wissenschaftliche Methodik, was auch der Grund war, warum er sich bei einem Streit nie gegen seine Mutter durchsetzen konnte. Denn seine Mutter glaubte allein daran, dass die Leute zu tun hatten, was sie ihnen sagte. Und davon war sie dermaßen überzeugt, dass jede Opposition schon von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Jedenfalls hatte es immer etwas Ungehöriges gehabt, zu den Vorträgen zu gehen. Ihre Großmutter lehnte sie schlichtweg ab, weil sie angeblich »ein Mädchen unruhig machen und es auf Ideen bringen« konnten. Und sie hatte recht. Ermintrude waren bereits einige interessante Ideen in den Sinn gekommen, aber ein paar mehr konnten nie schaden.

An dieser Stelle beschleunigte sich der Ablauf ihres Le bens und führte durch ein paar dunkle Jahre, an die sie sich nur in Albträumen erinnerte oder wenn sie ein Baby schreien hörte. Dann folgte ein Sprung zu dem Tag, als ihr zum ersten Mal klar geworden war, dass sie Inseln unter neuen Sternen sehen würde…

Zu diesem Zeitpunkt hatte ihre Mutter schon nicht mehr gelebt, was bedeutete, dass die Angelegenheiten auf dem Anwesen nun ausschließlich von ihrer Großmutter geregelt wurden. Ihr Vater war ein ruhiger, hart arbeitender Mann, der nicht mehr allzu viel Kraft übrig hatte, um sich mit ihr zu streiten. Also wurde das geliebte Teleskop weggeschlossen, weil es sich »für eine wohlerzogene junge Dame nicht ziemte, die Monde Jupiters zu betrachten, dessen Umgangsformen wohl kaum als ein gutes Vorbild« durchgingen! Dabei spielte es auch keine Rolle, dass Daphnes Vater geduldig erklärte, zwischen Jupiter, dem römischen Gott, und Jupiter, dem größten Planeten des Sonnensystems, lägen mindestens 36 Millionen Meilen. Sie hörte einfach nicht zu. Sie hörte nie zu. Man musste sie entweder hinnehmen oder ihr eine Streitaxt über den Schädel ziehen, und so etwas tat ihr Vater nicht – obwohl einer seiner Vorfahren den Herzog von Norfolk mit einem glühenden Feuerhaken übel zugerichtet hatte.

Ihre Besuche in der Royal Society wurden mit der Begründung verboten, Wissenschaftler seien nur irgendwe1che Leute, die alberne Fragen stellten, und damit war die Sache erledigt. Ihr Vater kam zu ihr und entschuldigte sich deswegen, was schrecklich gewesen war.

Aber es gab zum Glück noch andere Möglichkeiten, das Universum zu erkunden…

Einer der Vorteile eines stillen Mädchens in einem sehr großen Haus lag darin, dass es – wenn es sich bemühte – unsichtbar sein konnte, ohne sich zu verstecken. Einfach erstaunlich, was man alles mithören konnte, wenn man ein braves Mädchen war und in der Küche beim Keksebacken half. Ständig kamen Lieferanten oder Arbeiter vom Anwesen auf eine Tasse Tee vorbei, oder alte Freunde des Kochs, die mit ihm ein Schwätzchen hielten.

Das Geheimnis war, Schleifen im Haar zu tragen und überall herumzuspringen. Davon ließen sich die Erwachsenen immer täuschen.

Jedoch nicht ihre Großmutter, die ihre Besuche im Dienstbotenflügel unterband, sobald sie die Leitung des Haushalts übernommen hatte. »Kinder darf man nie sich selbst überlassen, die haben ihr Augen und Ohren überall!«, sagte sie. »Und jetzt ab mit dir! Husch!«

Und damit war die Sache erledigt. Ermi… Daphne verbrachte daraufhin die meiste Zeit in ihrem Zimmer mit Stickereien. Nähen – sofern man es nicht tat, um etwas Nützliches herzustellen – war eine der wenigen Tätigkeiten, die einem Mädchen, das »eines Tages eine Lady sein wird«, erlaubt waren, zumindest nach Ansicht ihrer Großmutter.

Aber natürlich war es nicht das Einzige, was sie tat. Zum einen hatte sie den alten Speiseaufzug entdeckt, der zuletzt benutzt worden war, als ihre Urgroßtante noch in Daphnes Zimmer im obersten Stock wohnte und ihr gesamtes Essen die fünf Stockwerke von der Küche hinaufbefördert werden musste. Daphne wusste nicht viel über die alte Dame, aber es hieß, ein junger Mann habe sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag angelächelt, woraufhin sie sich sofort, in einem Anfall von Schwermut, zu Bett begeben hatte. Dort war sie geblieben und langsam von der Melancholie zerfressen worden, bis sich ihr Körper im Alter von sechsundachtzig Jahren völlig verzehrt hatte – offenbar war er es leid, nichts zu tun zu haben.

Seitdem war der Speiseaufzug offiziell nie mehr benutzt worden. Daphne hatte jedoch herausgefunden, wie er sich nach Entfernung einiger Bretter und dem Schmieren einiger Räder am Flaschenzug auf und ab bewegen ließ. Auf diese Weise war es ihr möglich, die Gespräche in verschiedenen Zimmern zu belauschen. Der Aufzug wurde für sie zu einer Art Teleskop, mit dem sie das häusliche Sonnensystem erkunden konnte, das sich um ihre Großmutter drehte.

Sie schrubbte ihn ein bisschen und dann gleich nochmal, denn – Pfui Spinne – wenn die Dienstmädchen die Tabletts mit den Speisen keine fünf Stockwerke tragen wollten, dann taten sie das auch nicht mit – urks – allem anderen, zum Beispiel Nachttöpfen.

Es war äußerst lehrreich, das große Haus zu belauschen, wenn es nichts davon ahnte, aber dann alles richtig zu verstehen, war mitunter so, als wollte man mit nur fünf Puzzleteilen das ganze Bild erkennen.

Während sie gerade zwei Hausmädchen belauschte, die sich über den Stalljungen Albert unterhielten und darüber, wie unanständig er war (eine Angelegenheit, die ihnen allerdings nicht gänzlich unangenehm zu sein schien und die, wie Daphne mittlerweile vermutete, wohl wenig mit seiner Liebe zu Pferden zu tun hatte), hörte sie den Streit im Esszimmer. Die Stimme ihrer Großmutter schnitt ihr ins Ohr wie ein Diamant in Glas, doch ihr Vater sprach mit der ruhigen, tonlosen Stimme, die er immer dann benutzte, wenn er wütend war, es aber nicht zu zeigen wagte. Endlich hatte sie den Aufzug weit genug hinaufbefördert, damit sie das Gespräch besser verstehen konnte, das offenbar schon seit einiger Zeit im Gange gewesen war.

»… und dann wirst du im Kochtopf dieser Kannibalen enden!« Unverkennbar die Stimme ihrer Großmutter.

»Kannibalen pflegen ihre Speisen zu rösten und nicht zu kochen, Mutter.« Und das war zweifelsfrei ihr Vater, der in Gesprächen mit seiner Mutter stets so klang, als wäre er fest entschlossen, nicht von seiner Zeitung aufzublicken.

»Und was soll daran bitte schön besser sein?«

»Vermutlich nichts, Mutter. Nur der Wahrheit zuliebe. Immerhin neigen die Bewohner der Muttertagsinseln keineswegs dazu, jemanden al fresco in irgendwelchem Kochgeschirr zu garen, zumindest soweit uns bekannt ist.«

»Ich verstehe einfach nicht, warum ausgerechnet du ans andere Ende der Welt gehen willst.« Und das war ihre Großmutter, wie sie unverhofft ihre Taktik änderte.

»Irgendjemand muss es tun. Einer muss schließlich die Fahne hoch halten.«

»Warum denn?«

»Herrje, Mutter, du überraschst mich. Weil es unsere Fahne ist. Sie muss wehen.«

»Vergiss nicht, dass nur einhundertachtunddreißig Personen sterben müssen, damit du König wirst!«

»Das sagst du mir immer wieder, Mutter, obwohl Vater stets darauf hingewiesen hat, dass sich dieser Anspruch nur schwer aufrechterhalten ließe, wenn man bedenkt, was 1421 geschehen ist. Und solange ich auf dieses höchst unwahrscheinliche Massensterben warte, kann ich genauso gut dem Empire dienen und meine Pflicht tun.«

»Gibt es dort eine Gesellschaft?« Mit »Gesellschaft« meinte Großmutter Menschen, die wohlhabend waren oder Einfluss hatten und vorzugsweise beides. Sie sollten jedoch nach Möglichkeit weniger vermögend und einflussreich sein als sie selbst.

»Nun, da wäre der Bischof, anscheinend ein recht lebensfroher Mann. Er nimmt sich ein Kanu, um seine Schäfchen zu besuchen, und beherrscht die Inselsprache wie seine eigene. Trägt auch keine Schuhe. Und dann natürlich McRather, der die Werft leitet. Nebenbei bringt er den eingeborenen Jungs Cricket bei. Ich werde ein paar neue Schläger zusätzlich mitnehmen. Und selbstverständlich wird immer wieder das eine oder andere Schiff anlegen, dessen Offiziere ich als Gouverneur bewirten und unterhalten muss.«

»Verrückte mit Sonnenbrand, nackte Wilde…«

»Sie tragen immerhin Lendenschurze.«

»Was? Wie bitte? Wovon redest du da?« Eine weitere Eigenart von Großmutter war ihre Überzeugung, ein Gespräch bestünde daraus, dass man einfach nur zuhörte, wenn sie redete. Deshalb erschienen ihr selbst kleine Unterbrechungen als seltsam irritierende Umkehrung der natürlichen Weltordnung. Als würden Schweine fliegen. So etwas brachte sie völlig aus dem Konzept.

»Lendenschurze«, wiederholte Vater hilfsbereit, »und schützende Dingsdas. McRather sagte, er müsse ihnen immer wieder erklären, dass sie das Mal und nicht den Schlagmann treffen sollen.«

»Nun gut, also Verrückte mit Sonnenbrand, halbnackte Wilde und die Royal Navy. Und du glaubst, ich würde tatsächlich zulassen, dass meine Enkeltochter schutzlos all diesen Gefahren ausgeliefert wird?«

»Ich würde die Royal Navy nicht unbedingt als Gefahr bezeichnen.«

»Am Ende heiratet sie noch einen Seemann!«

»Wie Tante Pathenope?« Daphne konnte sich gut das süffisante Lächeln ihres Vaters vorstellen, mit dem er seine Mutter jedes Mal zur Weißglut brachte. Andererseits machte sie fast alles wütend.

»Er war ein Konteradmiral!«, gab Großmutter zurück. »Das ist etwas ganz anderes!«

»Mutter, es hat überhaupt keinen Sinn, einen solchen Aufstand zu machen. Ich habe dem König bereits mitgeteilt, dass ich auf große Fahrt gehen werde. Ermintrude kommt in ein oder zwei Monaten nach. Es wird uns beiden guttun, eine Zeitlang auf Reisen zu sein. Dieses Haus ist einfach zu kalt und zu groß.«

»Trotzdem verbiete ich…«

»Außerdem ist es zu einsam. Hier sind zu viele Erinnerungen! In diesem Haus gibt es zu viel unterdrücktes Lachen, zu viele lautlose Schritte, zu viele stumme Echos, seit sie gestorben sind!« Die Worte donnerten nur so aus ihm heraus. »Meine Entscheidung ist gefallen, und ich werde mich nicht umstimmen lassen, nicht einmal von dir! Ich habe mit dem Palast vereinbart, dass sie so schnell wie möglich zu mir geschickt wird, sobald ich mich dort eingerichtet habe. Hast du verstanden? Ich glaube, meine Tochter würde es sofort verstehen! Und vielleicht gibt es am anderen Ende der Welt einen Ort, wo ich die Schreie nicht mehr höre, und vielleicht bringe ich es dann über mich, Gott Absolution zu erteilen!«

Sie hörte, wie er zur Tür ging, während sich Tränen an ihrem Kinn sammelten und auf ihr Nachthemd tropften.

Dann sagte Großmutter: »Darf ich fragen, was aus der Schulbildung des Kindes wird?«

Wo kam das jetzt wieder her? Wie konnte sie so etwas sagen, wo doch die Echos noch immer klirrend im Silbergeschirr und in den Kerzenleuchtern nachhallten? Hatte sie die Särge bereits vergessen?

Vermutlich nicht. Wahrscheinlich hatte sie gehofft, sie könne ihn auf diese Weise halten. Für den Moment funktionierte es auch, denn er hielt mit einer Hand an der Türklinke inne und sagte mit ziemlich fester Stimme: »Sie bekommt Unterricht von einem Privatlehrer in Port Mercia. Das wird gut für sie sein und ihren Horizont erweitern. Wie du siehst, habe ich an alles gedacht.«

»Das bringt sie dir auch nicht wieder zurück.« Ihre Großmutter. Daphne hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. Wie konnte diese Frau nur so… dumm sein?

Daphne hatte das Gesicht ihres Vaters lebhaft vor Augen.

Sie hörte, wie er die Tür zum Esszimmer öffnete, und wartete auf den Knall. Doch ein solcher Ausbruch hätte ihrem Vater auch gar nicht ähnlich gesehen. Das knappe Klicken, mit dem die Tür ins Schloss fiel, hallte in ihrem Kopf lauter wider als jeder Knall.

An diesem Punkt erwachte Daphne erleichtert. Der Horizont leuchtete rot, doch am Himmel funkelten auch noch die Sterne.

Ihre Glieder waren steif, und sie hatte das Gefühl, in ihrem ganzen Leben noch nie etwas gegessen zu haben. Aber das traf sich gut, denn der Duft, der aus dem Topf drang, roch fischig und würzig und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Der Junge stand ein Stück entfernt, mit einem Speer in der Hand, und blickte aufs Meer hinaus. Im Feuerschein konnte sie ihn gerade noch erkennen.

Er hatte noch mehr Äste auf das Lagerfeuer geworfen, und das feuchte Holz knackte und explodierte dampfend, so dass eine dicke Rauchwolke in den Himmel aufstieg. Und er bewachte den Strand. Wovor? Dies war eine richtige Insel, deutlich größer als viele andere, die sie auf ihrer Reise gesehen hatte. Manche bestanden aus kaum mehr als einem Riff mit einer Sandbank. Konnte im Umkreis von hundert Meilen noch irgendjemand überlebt haben? Wovor hatte er Angst?

Mau starrte auf das Meer. Die ganze Nacht war es so glatt gewesen, dass sich der Sternenhimmel darin gespiegelt hatte.

Irgendwo da draußen flog ihm vom Rand der Welt der morgige Tag entgegen. Er hatte keine Ahnung, welche Gestalt er annehmen würde, aber Mau begegnete ihm mit Vorsicht. Sie hatten Feuer und Nahrung, aber das war noch nicht genug. Man brauchte Wasser, Nahrung, eine Unterkunft und eine Waffe, sagten die Leute. Und sie glaubten nur deshalb, dass man mehr nicht brauchte, weil das Wichtigste für sie selbstverständlich war. Nämlich ein Ort, wo man hingehörte.

Er hatte die Menschen der Nation nie gezählt. Es waren… genug. Genug, um das Gefühl zu haben, dass man Teil von etwas war, das viele vergangene Tage gesehen hatte und viele künftige Tage sehen würde, dass es Regeln gab, die jeder kannte und auf die man sich verlassen konnte, gerade weil jeder sie kannte. Sie gehörten einfach fest zu der Welt, in der die Menschen lebten.

Menschen wurden geboren und starben, aber die Nation bestand fort. Er hatte mit seinen Onkeln lange Reisen unternommen, über viele hundert Meilen, aber die Nation war die ganze Zeit da gewesen – irgendwo hinter dem Horizont – und wartete auf seine Rückkehr. Das hatte er ganz deutlich gespürt.

Was sollte er mit dem Geistermädchen machen? Vielleicht kam bald ein anderer Hosenmensch, der nach ihr suchte. Sie würde mit ihm gehen, und Mau wäre wieder ganz allein. Allein die Vorstellung fühlte sich schrecklich an. Nicht die Geister jagten ihm Angst ein, sondern die Erinnerungen. Aber vielleicht war es auch dasselbe. Wenn eine Frau jeden Tag denselben Weg ging, um am Wasserfall ihre Kalebasse zu füllen, erinnerte sich der Weg daran?

Sobald Mau die Augen schloss, war die Insel voller Menschen.

Erinnerte sich die Insel an ihre Schritte und ihre Gesichter und sandte sie die Bilder in seinen Kopf? Die Großväter sagten, dass er die Nation war, aber das konnte nicht stimmen. Aus vielen konnte einer werden, aber aus einem konnten niemals viele werden. Dennoch würde er sich an sie erinnern, und wenn andere Menschen hierherkamen, würde er ihnen von der Nation erzählen, und dadurch würde er sie wieder zum Leben erwecken.

Er war froh, dass das Mädchen hier war. Ohne sie würde er sich dem dunklen Wasser anvertrauen. Er hatte das Flüstern gehört, als er ihrem Schweif aus silbrigen Blasen hinterhergetaucht war.

Es wäre so einfach gewesen, sich von den listigen Worten Locahas überzeugen zu lassen und in der Finsternis zu versinken – aber dann wäre auch sie ertrunken.

Er wollte hier nicht allein sein. Und das wird auch nicht geschehen. Nur er und die Stimmen der alten, toten Männer, die ihm ständig Befehle erteilten und ihm nie zuhörten? Nein.

Nein… sie würden hier zu zweit leben und bleiben, und er würde ihr die Sprache beibringen, damit sie sich gemeinsam erinnern konnten. Und wenn Menschen hierherkamen, konnten sie ihnen sagen: Einst lebten hier viele Menschen, und dann kam die Welle.

Er hörte, wie sie sich rührte, und wusste, dass sie ihn beobachtete. Und er wusste noch etwas – nämlich, dass die Suppe sehr verlockend roch und dass er sie für sich selbst wahrscheinlich nicht zubereitet hätte. Sie bestand aus ein paar Weißfischen vom Riff und einer Handvoll Muscheln und etwas Ingwer aus dem Frauenhain und ein wenig fein geschnittenem Taro, um dem Ganzen Substanz zu geben.

Er benutzte zwei Äste, um den Topf aus der Glut zu ziehen, und reichte dem Mädchen eine große Muschelschale als Löffel.

Dann wurde es… komisch. Hauptsächlich, weil beide auf die Suppe pusteten, damit sie abkühlte, und Daphne sehr überrascht wirkte, dass Mau die Fischgräten einfach ins Feuer spuckte, während sie jede einzelne sehr vorsichtig in ein verziertes Tuch hüstelte, das von Sand und Salz ganz steif geworden war. Einer von ihnen fing an zu kichern, oder vielleicht auch beide gleichzeitig, und dann musste Mau so heftig lachen, dass er die nächste Gräte nicht mehr ausspucken konnte. Stattdessen hustete er sie in seine Hand, aber mit dem gleichen Laut, den Daphne dabei von sich gab und der wie »äh-püh« klang.

Beinahe hätte sie sich verschluckt, doch es gelang ihr, so lange nicht zu lachen, dass sie die nächste Gräte ins Feuer spucken konnte – wobei sie sich allerdings nicht sonderlich geschickt anstellte.

Sie wussten eigentlich gar nicht, was daran so lustig war.

Doch manchmal lachte man eben einfach, weil man schon zu viel geweint hatte. Manchmal lachte man aber auch, weil Tischsitten am Strand einfach komisch waren. Und manchmal lachte man, weil man noch am Leben war, obwohl man es eigentlich nicht sein sollte.

Und dann legten sie sich in den Sand und blickten in den Himmel, wo der Luftstern im Osten gelblich funkelte. Imos Lagerfeuer leuchtete grellrot über ihnen, und dann kam der Schlaf wie eine Welle über sie.

Mau schlug die Augen auf.

Die Welt war voller Vogelstimmen. Sie kamen von überall und von allen möglichen Vögeln. Angefangen bei den Großvatervögeln, die die Reste der vergangenen Nacht auswürgten, bis hin zu etwas, das aus der Richtung des unteren Waldes kam und eigentlich nicht als Vogelstimme zählte, denn es hörte sich an wie: »Polly will ’ne Feige, du bibelklopfender, alter Narr! Rraa! Zeig uns deinen Schlüpfer!«

Er setzte sich auf.

Das Mädchen war fort, aber ihre seltsamen, zehenlosen Fußabdrücke führten zum unteren Wald.

Mau blickte in den Tontopf. Es war kaum noch Suppe übrig geblieben, nachdem sie ihn mit den Muschelschalen ausgekratzt hatten, aber während sie schliefen, war der Topf von etwas Kleinem sauber geleckt worden.

Heute könnte er damit weitermachen, die Felder freizuräumen. Vielleicht gab es noch mehr Gemüse, das er…

ERSETZE DIE GOTTESANKER! SINGE DIE LIEDER!

Ach ja… bis eben war es trotz allem ein guter Tag gewesen.

Die Gottesanker… ein schwieriges Thema. Wer danach fragte, bekam zur Antwort, dass man noch zu jung war, um es zu verstehen. Mau wusste nur, dass sie die Götter daran hinderten, in den Himmel davonzutreiben. Natürlich hielten sich die Götter sowieso im Himmel auf, aber danach zu fragen war kindisch, eine von den dummen Fragen. Die Götter konnten immer überall sein. Doch aus Gründen, die zumindest den Priestern völlig klar waren, blieben sie in der Nähe der Gottesanker und brachten den Menschen Glück.

Welcher Gott hatte also die große Welle geschickt, und was hatte das mit Glück zu tun?

Es hatte schon einmal eine große Welle gegeben, sagten die Leute. Von ihr wird erzählt in den Geschichten über die Zeit, als alles anders war und der Mond noch nicht derselbe. Die alten Männer behaupteten, die Welle sei gekommen, weil die Menschen schlecht gewesen waren, aber alte Männer sagten so etwas ständig. Wellen kamen, Menschen starben, und den Göttern war es egal. Warum hatte Imo, der alles erschuf und alles war…? Sollte Er womöglich nutzlose Götter geschaffen haben?

Und schon wieder war aus der Dunkelheit in seinem Innern ein Gedanke gestiegen, den er noch vor wenigen Tagen überhaupt nicht hätte denken können und der so gefährlich war, dass er ihn schnellstens aus seinem Kopf vertreiben wollte.

Was sollte er mit den Gottesankern tun? Dummerweise beantworteten die Großväter keine Fragen. Auf der ganzen Insel hatten kleine Göttersteine aus Schlamm oder Holz gestanden.

Die Menschen stellten sie aus den unterschiedlichsten Gründen auf, um ein krankes Kind zu beschützen oder damit das Gemüse nicht verdarb. Und da es großes Unglück brachte, einen Götterstein zu entfernen, tat es auch niemand. Man ließ sie auf natürliche Weise verfallen.

Sie waren Mau schon so oft begegnet, dass er sie gar nicht mehr beachtet hatte. Die Welle musste Hunderte von ihnen zerstört und fortgespült haben. Wie sollte er die alle ersetzen?

Er betrachtete den Strand. Mittlerweile waren die meisten Äste und umgestürzten Bäume verschwunden, und zum ersten Mal sah er, was nicht mehr war.

Im Dorf hatte es drei ganz besondere Göttersteine gegeben – die Gottesanker. Doch es fiel ihm schwer, sich daran zu erinnern, wo genau sie gestanden hatten. Jetzt waren sie jedenfalls nicht mehr da. Diese Anker waren große würfelförmige Blöcke aus weißem Gestein gewesen, die ein Mann allein kaum anheben konnte. Aber die Welle hatte sogar die Pfähle der Häuser umgeknickt und mannsgroße Korallenbrocken quer durch die Lagune geschleudert. Mit ein paar Steinblöcken hätte sie erst recht keine Schwierigkeiten gehabt, ganz gleich, was sie verankerten…

Er ging am Strand entlang und hoffte, einen halb im Sand vergrabenen Stein zu finden. Doch da war nichts. Schließlich entdeckte er einen Götterstein auf dem Grund der Lagune, wo das Wasser mittlerweile wieder etwas klarer geworden war. Er sprang hinein, um ihn zu holen, aber er war so schwer, dass Mau für die Bergung mehrere Tauchgänge benötigen würde. Die Lagune war von der Welle größtenteils eingeebnet worden und fiel am westlichen Ende ziemlich steil ab. Er musste den Stein über den Grund tragen und ihn immer wieder loslassen, um seine Lungen mit Luft aufzufüllen, bis er endlich eine Stelle gefunden hatte, die seicht genug war, um ihn ans Ufer zu bringen.

Aber natürlich wog er außerhalb des Wassers noch viel mehr – aus irgendeinem magischen Grund, den niemand verstand.

Mau war völlig außer Atem, als er ihn endlich auf den Strand gewälzt hatte.

An diesen Stein konnte er sich erinnern. Er hatte neben dem Haus des Häuptlings gestanden. Es war der, in den ein seltsames Wesen eingeritzt war. Es hatte vier Beine, wie ein Schwein, nur viel länger, und einen Kopf wie ein elasginin. Die Menschen nannten ihn Wind und opferten ihm Fisch und Bier für den Gott der Luft, bevor sie auf eine lange Reise gingen. Vögel und Schweine holten sich die Fische, und das Bier versickerte im Sand, aber das spielte keine Rolle. Es ging sowieso mehr um den Geist des Fisches und den Geist des Bieres. Wenigstens hatten die Leute das gesagt.

Wieder tauchte Mau unter. In der Lagune herrschte ein wildes Drunter und Drüber. Die Welle hatte überall hausgroße Brocken vom Riff abgebrochen und einen neuen Eingang für das Meer geöffnet. Aber da hinten hatte Mau etwas Weißes gesehen.

Als er näher kam, wurde ihm klar, wie gewaltig die neue Öffnung war. Ein Zehnmannkanu hätte quer hindurchgepasst.

Genau unter seinen Füßen lag ein weiterer Götterstein.

Er tauchte, und ein Schwarm kleiner, silbriger Fische flüchtete vor ihm.

Ah, die »Hand«, der Anker für den Feuergott. Er war kleiner als der andere, aber er lag tiefer im Wasser und war weiter vom Strand entfernt. Mau brauchte mehr als eine Stunde, um ihn dem Griff des Meeres zu entreißen. In vielen Tauchgängen rollte er ihn Stück für Stück über den weißen Sand am Grund der Lagune.

Mitten in der neuen Rifflücke hatte er einen weiteren gesehen, genau dort, wo die Brandung gefährliche Wirbel erzeugte. Aber das konnte nur der Gott des Wassers sein, und Mau fand, dass dieser in letzter Zeit schon zu viele Opfer gefordert hatte. Wasser konnte warten.

SAMMLE DIE STEINE UND DANKE IHNEN VOLLER DEMUT, SONST WIRST DU UNGLÜCK ÜBER DIE GANZE NATION BRINGEN!, sagten die Großväter in seinem Kopf.

Wie kamen die überhaupt in seinen Kopf? Woher wussten sie so viel? Und warum verstanden sie so wenig?

Die Nation war stark gewesen. Es gab zwar größere Inseln, aber sie waren weit entfernt und nicht so begünstigt. Entweder war die Insel zu trocken oder der Wind ungünstig, oder sie hatten nicht genug fruchtbaren Boden oder lagen an Stellen mit starken Strömungen oder schlechten Fischgründen, oder sie waren den Räubern zu nahe, die sich schon lange nicht mehr bis zur Nation vorgewagt hatten.

Aber hier gab es einen Berg und immer frisches Quellwasser.

Auf der Insel wuchsen viele verschiedene Gemüsearten, die anderswo nicht vorkamen, und es gab jede Menge Wildschweine und Dschungelhühner. Hier fand sich die Gaukelknolle, und die Menschen kannten das Geheimnis des Bieres. Sie konnten mit ihren Erzeugnissen Handel betreiben. So war die Nation auch an die Jadeperle gekommen, an die Stahlmesser und den dreibeinigen Kochtopf und Stoffe, die von weit her kamen. Die Nation war reich und stark, und manche behaupteten, das läge an ihren weißen Steinankern. Auf keiner anderen Insel gab es solches Gestein. Die Nation war gesegnet, sagten die Leute.

Und nun irrte ein kleiner Junge darauf herum, gab sich alle Mühe und machte trotzdem immer wieder alles falsch.

Er wälzte den Steinblock namens Hand nicht weit vom Feuer auf den Sand. Wer sich einen erfolgreichen Jagdoder Kriegszug wünschte, legte vorher eine Gabe auf den Hand-Anker. Und wenn man Erfolg gehabt hatte, war es vermutlich eine gute Idee, ihm auch nach der Rückkehr etwas zu opfern.

Im Augenblick konnte Mau ihm allerdings nur seinen Hintern anbieten. Ich habe dich aus dem Meer gezogen, dachte er. Die Fische haben dir bestimmt keine Opfer gebracht! Also entschuldige bitte, wenn ich dir nur meine Müdigkeit geben kann.

Er hörte den Zorn der Großväter, bemühte sich aber, nicht darauf zu achten.

Du musst den Göttern danken, damit kein Unglück über dich kommt, dachte er. Doch was für ein Unglück sollte das schon sein? Was könnten die Götter ihm Schlimmeres antun als das, was sie ihm bereits angetan hatten? Wut stieg wie Galle in ihm hoch, und er spürte, dass sich die Dunkelheit in seinem Inneren auftat. Hatten die Menschen die Götter angerufen, als die Welle über sie hereingebrochen war? Hatte sich seine Familie womöglich an diese Steine geklammert? Hatten die Götter tatenlos zugesehen, wie sie versuchten, die höher gelegenen Lagen zu erreichen? Hatten die Götter dabei gelacht?

Seine Zähne klapperten. Trotz der heißen Sonne war ihm kalt.

Aber in seinem Kopf brannte ein Feuer, das seine Gedanken zum Glühen brachte.

»Habt ihr die Schreie der Menschen gehört?«, brüllte er in den leeren Himmel. »Habt ihr zugesehen? Ihr habt sie zu Locaha geschickt! Ich werde euch nicht dafür danken, dass ich am Leben bin! Ihr hättet das Leben der Menschen retten können!«

Er setzte sich wieder auf die Hand und zitterte vor Wut und düsterer Ahnung.

Es kam keine Reaktion.

Mau blickte in den Himmel. Weder waren Sturmwolken zu sehen, noch machte es den Anschein, als wollte es Schlangen regnen. Er betrachtete die blaue Perle an seinem Handgelenk. Eigentlich sollte ihre Wirkung nur für einen Tag reichen. Hatte sich womöglich ein Dämon eingeschlichen, während er geschlafen hatte? Zweifellos wäre nur ein Dämon imstande, solche Gedanken zu denken!

Aber sie stimmten! Oder ich habe gar keine Seele. Vielleicht ist die Dunkelheit in mir meine tote Seele… Er saß da und hatte die Arme um den Oberkörper geschlungen, während er darauf wartete, dass das Zittern aufhörte. Er musste seinen Kopf mit alltäglichen Dingen ausfüllen, genau! Das würde ihn schützen.

Er blickte den leeren Strand entlang und dachte: Ich sollte lieber ein paar Kokosnüsse pflanzen. Immerhin sind sehr viele angespült worden. Und Schraubenbäume, auch von denen werde ich welche einpflanzen, damit sie Schatten spenden. Das klang jedenfalls nicht dämonisch. Mau konnte das Bild dessen, was sein würde, vor seinem geistigen Auge sehen, es überlagerte das schreckliche Chaos am Strand, doch in der Mitte des Bildes war ein weißer Fleck. Er blinzelte und erkannte das Geistermädchen, das zu ihm gelaufen kam. Sie war ganz in Weiß gehüllt und trug zudem noch etwas weißes Rundes über dem Kopf, wahrscheinlich, um sich vor der Sonne zu schützen oder damit die Götter sie nicht sahen.

Ihr Gesicht zeigte einen entschlossenen Ausdruck, und unter dem Arm, der nicht den Sonnenschirm hielt, klemmte etwas, das wie ein Holzblock aussah.

»Guten Morgen, Mau«, sagte sie.

»Daphne«, erwiderte Mau – das einzige Wort, dessen er sich sicher war.

Sie blickte bedeutungsvoll auf den Stein, auf dem er saß, und hüstelte leise. Dann wurde ihr Gesicht hellrosa. »Es tut mir schrecklich leid«, sagte sie. »Ich bin diejenige mit den schlechten Manieren, nicht wahr? Also, wir sollten wirklich lernen, uns miteinander zu unterhalten, und da ist mir diese Idee gekommen, weil du doch immer die Vögel beobachtest…«

Der Holzblock… war keiner. Er klappte auf und teilte sich, als Daphne daran zog. Im Innern bestand er aus Blättern, die wie Papierreben aussahen, jedoch flachgedrückt und nicht zusammengeflochten. Darauf waren Zeichen. Mau konnte sie nicht lesen, aber Daphne strich mit dem Finger darüber hinweg und sagte laut:

Die Vögel des Großen Südlichen Pelagischen Ozeans, von Colonel H. j. Hookwarm, M.R.H., F.R.A.

Mit sechzehn handkolorierten Illustrationen des Autors Dann wendete sie das Blatt…

Mau hielt die Luft an. Ihre Worte waren in seinen Ohren unverständliches Geplapper, aber er kannte die Sprache der Bilder … Das war ein Großvatervogel! Da, auf dem Blatt! Und er sah wie in Wirklichkeit aus! In wunderschönen Farben! Niemand auf der Insel hatte jemals solche Farben herstellen können, und auch von anderswo konnte man sie nicht einhandeln. Es sah aus, als hätte jemand einen Großvatervogel aus der Luft gezogen!

»Wie wird das gemacht?«, fragte er.

Das Daphne-Mädchen tippte mit einem Finger darauf. »Pantalonvogel«, sagte sie. Dann sah sie Mau erwartungsvoll an. Sie zeigte auf ihren Mund und machte dann eine schnappende Bewegung mit Daumen und Zeigefinger.

Was sollte das bedeuten, fragte sich Mau. »Ich werde ein Krokodil essen?«

»Pan-taa-Iooon-vooo-gelll«, sagte sie sehr langsam.

Sie hält mich für ein Baby, dachte Mau. So redete man mit kleinen Kindern, damit sie einen auch ganz genau verstehen konnten. Sie will, dass ich es sage!

»Pan-taaa-Ion… vvvooo-gel«, sagte er.

Sie strahlte, als hätte er ein beeindruckendes Kunststück vollführt. Dann zeigte sie auf die gefiederten Beine des Vogels.

»Pantalons«, sagte sie und zeigte nun auf ihre Rüschenhose, die unter ihrem zerrissenen Kleid hervorlugte. »Pantalons!«

Also gut, dachte sich Mau, wie es scheint, bedeutet »Pantalonvogel« wohl »Hosenvogel«. Was das Mädchen unter dem Kleid trug, sah wirklich fast genauso aus wie die seltsam gefiederten Beine des Vogels. Aber der Name war trotzdem falsch!

Jetzt zeigte er auf das Bild und sagte im Tonfall, den man bei ganz kleinen Kindern benutzte: »Groooß-vaaatervooogelll!«

»Großvater?«

Mau nickte.

»Großvater?« Immer noch schien das Mädchen verwirrt zu sein.

Ach so. Jetzt müsste er ihr einen zeigen. Für niemanden würde er den großen Stein vor der Höhle zur Seite rollen, aber…

Mau bot ihr eine recht ordentliche Vorstellung. Er strich sich über einen unsichtbaren langen Bart, machte ein paar wankende Schritte, gestützt auf einen nicht vorhandenen Stock, murmelte mürrisch vor sich hin, während er mit dem Finger herumfuchtelte, und – darauf war er besonders stolz – so tat, als kaute er mit nicht vorhandenen, fehlenden Zähnen auf einem unsichtbaren, zähen Stück Schweinefleisch herum. Er hatte schon alte Menschen beim Essen beobachtet, und nun ließ er seinen Mund aussehen wie zwei Ratten, die sich in einem Sack balgten.

»Ein Greis?«, rief Daphne. »Ja! Sehr putzig! Der Greisenvogel! Ja, ich verstehe, was du meinst! Sie sehen wirklich aus, als wären sie ständig schlecht gelaunt!«

Danach ging es immer schneller – mit Hilfe des Sandes und einem Stock, ein paar Steinchen und sehr viel Schauspielerei.

Manche Dinge waren leicht, wie zum Beispiel Kanu, Sonne und Wasser. Zahlen gingen auch recht gut, nachdem ein anfängliches Missverständnis aus dem Weg geräumt werden konnte, denn ein Stein war in diesem Fall nicht nur ein Stein, sondern auch »einer«. Es war harte Arbeit für sie beide. Vogel, großer Vogel, kleiner Vogel, fliegender Vogel… Nest! Ei! Feuer, kochen, essen, gut, schlecht (bei »gut« tat Daphne, als würde sie essen, gefolgt von einem zufriedenen Lächeln, »schlecht« illustrierte sie durch die wenig damenhafte, aber sehr realistische Pantomime, wie sie sich übergab). Sie verstanden, was »hier« und »dort« war, und wahrscheinlich auch, wie man »das ist« und »hier ist« benutzte. Mau war sich bei vielen Worten nicht ganz sicher, aber wenigstens hatten sie einen Anfang gemacht.

Dann nahm Mau sich wieder einen Stock und zeichnete ein Strichmännchen in den Sand. Er sagte: »Mensch.« »Mensch«, wiederholte Daphne und nahm ihm den Stock ab. Sie zeichnete eine zweite Figur daneben, deren Beine aber dicker waren.

Mau dachte darüber nach. »Pantalonmensch?«, probierte er.

»Hosenmensch«, sagte Daphne mit Nachdruck.

Was bedeutete das? Dass nur Hosenmenschen richtige Menschen waren? Ich trage keine Hosen. Warum sollte ich auch? Ich muss mir nur vorstellen, was passiert, wenn ich sie beim Schwimmen trage!

Er nahm den Stock und zeichnete sorgfältig ein Strichweibchen. Im Gegensatz zum Strichmännchen fügte er noch einen Rock aus geflochtenen Papierreben hinzu und zwei Kreise mit Punkten darin. Über dem Rock.

Der Stock wurde ihm aus der Hand gerissen, und hastig zeichnete Daphne eine neue Figur. Es sollte wahrscheinlich eine Frau sein, aber über dem Rock trug sie einen zweiten Rock, der den Oberkörper bedeckte, so dass nur der Kopf und die Arme herausragten. Dann steckte sie den Stock in den Sand und verschränkte trotzig die Arme mit hochrotem Kopf.

Ach so! Das erinnerte ihn an die Zeit, kurz bevor seine ältere Schwester ausgezogen war, um in der Hütte der unverheirateten Mädchen zu leben. Plötzlich war alles, was er sagte und tat, falsch, und er hatte nie verstanden, warum. Sein Vater hatte nur gelacht, als er es ihm erzählte, und gesagt, dass er es eines Tages verstehen würde und ihr bis dahin einfach aus dem Weg gehen sollte.

Aber diesem Mädchen konnte er schlecht aus dem Weg gehen, also zog er den Stock aus dem Sand und bemühte sich, auch sein Strichweibchen mit einem zweiten Rock auszustatten. Es gelang ihm nicht besonders gut, aber Daphnes Blick verriet, dass er das Richtige getan hatte, was auch immer das sein mochte.

Dennoch war die Stimmung getrübt. Es hatte Spaß gemacht, mit Wörtern und Bildern zu spielen, und dieses Spiel hatte ihn ausgefüllt und die Visionen vom dunklen Wasser vertrieben.

Aber nun hatte er eine Regel verletzt, die er nicht verstand, und die Welt war wieder so, wie sie vorher gewesen war.

Er hockte sich in den Sand und blickte aufs Meer hinaus.

Dann sah er sich die kleine, blaue Perle an seinem Handgelenk an. Ach ja… und eine Seele hatte er auch nicht. Seine Jungenseele war mit allem anderen fortgespült worden, und jetzt würde er niemals eine Männerseele bekommen. Er war der blaue Einsiedlerkrebs, der von einem Schneckenhaus zum nächsten huschte, aber das Große, das er zu sehen geglaubt hatte, war ihm vor der Nase weggeschnappt worden. Tintenfische konnten blitzschnell zugreifen. Nur dass es bei ihm kein Tintenfisch sein würde, sondern ein Dämon oder ein Geist. Der würde einfach in seinen Kopf eindringen und von ihm Besitz ergreifen.

Dann malte er wieder kleine Figuren in den Sand. Männer und, ja, auch Frauen – aber so wie er sie kannte, keine verhüllten Hosenmenschenfrauen – und noch kleinere Gestalten, Menschen in allen Größen, die den Sand mit Leben erfüllten. Er zeichnete Hunde und Kanus und Hütten und…

… und er zeichnete die Welle. Der Stock schien es von ganz allein zu tun. Es war ein wunderschöner Wellenbogen, wenn man nicht ahnte, was er angerichtet hatte.

Mau rückte ein Stück zur Seite und malte nun ein einzelnes Strichmännchen mit einem Speer in der Hand, den Blick auf den fernen Horizont gerichtet.

»Ich glaube, das alles soll Trauer bedeuten«, sagte das Mädchen hinter ihm. Behutsam nahm sie ihm den Stock aus der Hand und zeichnete eine zweite Gestalt neben die erste. Sie hielt ein tragbares Sonnendach und trug Pantalons. Jetzt blickten zwei Gestalten auf das endlose Meer hinaus.

»Trauer«, sagte Mau. »Trauer.« Er bewegte das Wort auf seiner Zunge hin und her. »Trauuuer.« Es klang düster, so als würde man in eine dunkle Höhle treten… oder in dunkles Wasser tauchen…

»Kanu!«, sagte Daphne plötzlich.

Mau blickte auf, den Kopf noch voller Trauer. Was wollte sie damit sagen? Kanu hatten sie doch schon vor Stunden behandelt, oder nicht? Kanu war erledigt!

Und dann sah er das Kanu. Es war ein Viermannkanu, und es kam durch das Riff. Jemand gab sich große Mühe, es hindurchzusteuern, und er machte seine Sache gar nicht so schlecht, aber das Wasser wirbelte und schwappte in der neuen Durchfahrt hin und her, und für ein solches Kanu waren mindestens zwei Männer nötig, um es sicher zu lenken.

Mau sprang in die Lagune. Als er wieder hochkam, erkannte er sofort, dass der Ruderer bereits die Kontrolle über sein Gefährt verlor. Die Lücke im Riff war zwar groß genug für ein Viermannkanu, aber wer tatsächlich so dumm war, es im Strom der Gezeiten hindurchsteuern zu wollen, würde zweifellos bald kentern. Mau kämpfte sich durch die schäumende Brandung und rechnete jeden Augenblick damit, dass es auseinanderbrach.

Er tauchte wieder auf, nachdem eine große Welle über ihn hinweggegangen war, und nun versuchte der Ruderer, das Kanu von den scharfen Kanten des Riffs fernzuhalten. Es war ein alter Mann. Aber er war nicht allein. Mau hörte ein Baby schreien, das unten im Kanu liegen musste.

Eine große Welle wirbelte das Kanu herum, und Mau bekam es zu fassen. Es warf ihn mit dem Rücken gegen die Korallen, bevor es sich zurückdrehte. Als das Kanu mit der nächsten Woge ein zweites Mal versuchte, ihn zu zerquetschen, war er vorbereitet. Er hatte sich hochgezogen und ins Kanu geworfen, kurz bevor es erneut gegen das Riff krachte.

In dem schaukelnden Kanu lag noch jemand unter einer Decke.

Aber er achtete nicht weiter darauf, sondern schnappte sich ein Paddel und tauchte es ins Wasser. Wenigstens verstand der alte Mann genug vom Rudern, um das Kanu vom Riff fernzuhalten, während Mau sich bemühte, es in Richtung Strand zu bewegen.

Panik würde ihnen nicht weiterhelfen, man konnte es nur Stück für Stück aus dem brodelnden Wasserkessel herausziehen, mit langen geduldigen Schlägen, die immer leichter fielen, je mehr sie freikamen. Dann war das Kanu plötzlich in ruhigerem Wasser und bewegte sich schnell vorwärts. Jetzt entspannte er sich, aber nicht zu sehr, denn er war sich nicht sicher, ob er die Kraft aufbringen würde, es noch einmal in Bewegung zu setzen.

Er sprang aus dem Kanu, kurz bevor es auf Sand glitt, und zog es noch ein Stück den Strand hinauf.

Der Mann wäre beinahe gestürzt, als er versuchte, den anderen Menschen unter der Decke aus dem Kanu zu heben. Eine Frau.

Der alte Mann bestand nur aus Haut und Knochen – und noch dazu mit weitaus mehr Knochen als Haut. Mau half ihm, die Frau und das Baby zum Lagerfeuer zu tragen, wo er sie auf die Decke legte. Zuerst dachte er, die Frau sei tot, doch dann zuckte es um ihre Lippen.

»Sie braucht Wasser«, krächzte der alte Mann, »und das Kind braucht Milch! Wo sind eure Frauen? Sie wissen, was zu tun ist!«

Daphne kam mit wippendem Sonnenschirm angelaufen.

»Ach, diese armen Menschen!«, rief sie.

Mau nahm der Frau das Baby ab. Sie machte einen schwachen Versuch, es festzuhalten, doch Mau reichte es an das Mädchen weiter.

Er hörte ein »Ach, ist er nicht reizend!… Äh… oh, nein«, während er zum Fluss rannte und mit zwei Kokosnüssen zurückkehrte, die er bis zum Rand mit Wasser gefüllt hatte, das immer noch nach Asche schmeckte.

»Wo sind die anderen Frauen?«, fragte der alte Mann, als Daphne das tropfende Baby auf Armeslänge von sich weghielt und sich verzweifelt nach einer Stelle umsah, wo sie es ablegen konnte.

»Hier ist nur diese eine«, sagte Mau.

»Aber sie ist eine Hosenmenschenfrau! Das sind keine richtigen Menschen!«, sagte der alte Mann.

Das war Mau neu. »Hier gibt es nur uns beide.«

Der alte Mann war niedergeschlagen. »Aber hier lebt doch die Nation!«, jammerte er. »Eine Insel aus Fels, die von den Göttern gesegnet ist! Ich bin hier als Priester ausgebildet worden.

Die ganze Zeit, während ich paddelte, dachte ich: Die Nation hat überlebt! Und jetzt gibt es hier nur einen Jungen und ein verfluchtes Mädchen von den ungebackenen Menschen?«

»Ungebacken?«

»Hat man dir denn überhaupt nichts beigebracht? Imo schuf sie zuerst, aber da hatte Er noch keine Erfahrung und ließ sie nicht lange genug in der Sonne. Und du wirst feststellen, dass sie auch noch stolz darauf sind und ihre Körper vor der Sonne bedecken. Außerdem sind sie wirklich sehr dumm.«

Sie haben mehr Farben als wir, dachte Mau, aber er sprach es nicht aus.

»Ich heiße Mau«, sagte er – damit würde er wenigstens keinen Streit auslösen.

»Und ich muss mit deinem Häuptling sprechen. Lauf, Junge!

Sag ihm meinen Namen. Er hat vielleicht schon von dem Priester Ataba gehört.« Sein letzter Satz hatte einen traurigen, aber hoffnungsvollen Unterton, als würde der alte Mann diesen Fall für nicht sehr wahrscheinlich halten.

»Hier gibt es keinen Häuptling. Seit der Welle nicht mehr.

Sie hat das Hosenmenschenmädchen hergebracht, und alle anderen… hat sie fortgespült. Das habe ich dir doch gesagt, Priester.«

»Aber dies ist eine so große Insel!«

»Ich glaube nicht, dass sich die Welle darum geschert hat.«

Das Baby weinte. Daphne wollte es liebkosen, ihm aber nicht zu nahe kommen, und bemühte sich peinlich berührt, es zum Schweigen zu bringen.

»Dann wenigstens ein älterer Mann…«, setzte Ataba an.

»Sonst gibt es hier niemanden«, erklärte Mau geduldig. »Nur mich und das Hosenmenschenmädchen.« Er fragte sich, wie oft er das wohl noch wiederholen musste, bis der alte Mann es schaffte, diese Vorstellung in seinem kahlen Schädel unterzubringen.

»Nur dich?«, fragte Ataba mit verstörter Miene.

»Glaub mir, manchmal kann ich es selbst nicht fassen«, sagte Mau. »Dann denke ich, dass ich gleich aufwachen werde, und alles war nur ein Traum.«

»Ihr habt die wunderbaren, weißen Gottesanker«, sagte der alte Mann. »Ich wurde als kleiner Junge hierher gebracht, um sie zu sehen, und das war der Tag, an dem ich beschloss, Prie…«

»Ich denke, ich sollte diesen kleinen Jungen seiner Mami wiedergeben«, sagte Daphne hastig. Mau verstand die Worte nicht, aber ihr entschiedener Ton sprach für sich. Das Baby schrie jetzt.

»Seine Mutter kann es nicht stillen«, sagte Ataba zu Mau. »Ich habe sie zusammen mit dem Kind auf einem großen Floß gefunden. Erst gestern. Es war mit Nahrung beladen, aber sie wollte nicht essen, und das Kind nimmt keine Milch von ihr an.

Es wird bald sterben.«

Mau betrachtete das kleine, weinende Gesicht und dachte: Nein. Geschieht nicht.

Er suchte Daphnes Blick, zeigte auf das Baby und machte Kaubewegungen mit dem Mund.

»Ihr esst Babys?«, sagte Daphne und wich zurück. Mau verstand ihren entsetzten Tonfall und beeilte sich, ihr pantomimisch begreiflich zu machen, dass es das Baby war, das essen musste.

»Was?«, sagte Daphne. »Es füttern? Womit?«

Daphne wurde knallrot. »Was? Nein! Wie kannst du es wagen!

Du musst…« Dann zögerte sie. Diesbezüglich war sie ein wenig unsicher, da alles, was sie über die Beulen auf der Brust wusste, aus einem heimlich mitgehörten Gespräch zweier kichernder Dienstmädchen stammte – von dem sie das meiste einfach nicht glauben konnte. Und aus einem seltsamen Vortrag einer ihrer Tanten, in dem immer wieder die Worte »wenn du alt genug bist« vorkamen und der ansonsten auch ziemlich unwahrscheinlich geklungen hatte.

»Dafür muss man verheiratet sein«, sagte sie entschieden.

Es spielte keine Rolle, dass er sie nicht verstand, sie fühlte sich danach einfach besser.

»Kennt sie sich aus? Hat sie schon Kinder zur Welt gebracht?«, sagte Ataba.

»Ich glaube nicht.«

»Dann hat sie auch keine Milch. Bitte hol eine andere Frau, eine, die erst vor kurzem… Oh.« Der alte Mann sackte in sich zusammen, als er sich erinnerte.

»Wir haben zu essen«, sagte Mau.

»Es muss Milch sein«, sagte der alte Mann matt. »Das Baby ist noch zu jung für andere Nahrung.«

»Zumindest hätten wir eine Hütte für die Mutter, oben im Frauenhain. Bis dort ist es nicht weit. Ich könnte dort ein Feuer machen«, sagte Mau.

»Du wagst es, den Frauenhain zu betreten?« Der Priester sah ihn schockiert an, aber dann lächelte er. »Ach, ich verstehe. Du bist ja noch ein Junge.«

»Nein, ich habe keine Jungenseele mehr. Ich glaube, die Welle hat sie fortgeschwemmt.«

»Sie hat viel zu viele Dinge fortgeschwemmt«, sagte Ataba.

»Aber du hast keine Tätowierungen, nicht einmal die Sonnenuntergangswelle. Hast du die Lieder gelernt? Nein? Kein Männlichkeitsmahl? Dir wurde keine Männerseele gegeben?«

»Nichts von alledem.«

»Und die Sache mit dem Messer…?«

»Das auch nicht«, sagte Mau hastig. »Ich habe nicht mehr als das.« Er zeigte ihm sein Handgelenk.

»Der blaue Jadestein? Er schützt dich höchstens einen Tag lang!«

»Ich weiß.«

»Dann könnte es sein, dass hinter deinen Augen ein Dämon oder Rachegeist lauert.«

Mau dachte darüber nach und fand, dass es durchaus möglich war. »Ich weiß nicht, was hinter meinen Augen ist«, sagte er.

»Ich weiß nur, dass es sehr zornig ist.«

»Andererseits hast du uns gerettet«, sagte der alte Mann und lächelte nervös. »Das klingt nach keinem der Dämonen, von denen ich gehört habe. Aber ich hoffe, du hast den Göttern für deine Rettung gedankt.«

»Gedankt…?«, sagte Mau.

»Vielleicht haben sie andere Pläne mit dir«, sagte der Priester.

»Pläne«, sagte Mau mit einer Stimme, die so kalt wie die dunkle Strömung war. »Sie hatten also einen Plan? Ach, jetzt verstehe ich. Irgendwer musste überleben, um all die anderen zu bestatten! War das der Plan?« Mit geballten Fäusten trat er einen Schritt vor.

»Wir können nicht wissen, aus welchen Gründen all das gesch…«, begann Ataba und wich dann vor Mau zurück. »Ich habe ihre Gesichter gesehen! Ich habe viele von ihnen dem dunklen Wasser anvertraut! Ich habe kleine Steine an kleine Leichen gebunden. Die Welle hat alle mitgenommen, die ich geliebt habe, und alles in mir will nur noch wissen, warum!«

»Warum hat die Welle dich verschont? Warum hat sie mich verschont? Warum hat sie dieses Baby verschont, das ziemlich bald sterben wird? Warum regnet es? Wie viele Sterne stehen am Himmel? All das können wir nicht wissen! Sei einfach nur dankbar, dass die Götter dir dein Leben gelassen haben!«, rief der alte Mann.

»Nein! Das werde ich nicht! Wenn ich das tun würde, könnte ich mich auch gleich für die Toten bedanken. Ich will die Gründe wissen. Ich will verstehen, was geschehen ist! Aber ich kann es nicht, weil es überhaupt keine Gründe gibt. Dinge geschehen oder sie geschehen nicht, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen!«

Das Getöse der wütenden Großväter in Maus Kopf war so laut, dass er sich fragte, warum Ataba es nicht hörte.

DU TROTZT DEN GÖTTERN, JUNGE. DU WEISST GAR NICHTS. DAMIT WIRST DU DIE WELT NIEDERREISSEN.

DU WIRST DIE NATION ZERSTÖREN. BITTE IMO UM VERGEBUNG!

»Das werde ich nicht tun! Er hat diese Welt Locaha überlassen!«, schrie Mau. »Er soll die Toten um Verzeihung bitten! Er soll mich um Verzeihung bitten! Aber sagt mir nicht, dass ich den Göttern danken soll, dass ich am Leben geblieben bin, um mich daran zu erinnern, dass alle anderen tot sind!«

Jemand schüttelte Mau, doch er nahm es nur aus weiter Ferne wahr.

»Hör auf! Du bringst das Baby zum Weinen!« Mau starrte in Daphnes wütendes Gesicht.

»Baby, Essen«, sagte sie nachdrücklich. Die Bedeutung war ihm völlig klar, auch wenn er die Worte nicht verstand.

Hielt sie ihn für einen Zauberer? Frauen fütterten Babys, das wusste doch jeder! Es gab keine Milch auf der Insel. Warum begriff sie das nicht? Es gab einfach kei… Er stutzte, als ein Teil seines tobenden Gehirns sich ein Stück öffnete und ihm Bilder zeigte. Er starrte sie an: Konnte das klappen? Ja, und da war er wieder, dieser silberne Faden, der zu einem kleinen Teil ihrer Zukunft führte. Es könnte funktionieren. Es musste funktionieren.

»Baby, Essen!«, wiederholte Daphne fordernd und versuchte, ihn hochzuziehen.

Sanft wehrte er ihre Hände ab. Er musste nachdenken und sorgfältig planen. Der alte Mann sah ihn erschrocken an und wich hastig zurück, als Mau seinen Fischspeer aufhob und zielstrebig in die Lagune hinausmarschierte. Seine Schritte sollten selbstbewusst und männlich wirken, aber innerlich kochte er vor Zorn. Waren die Großväter völlig verrückt geworden? War Ataba wahnsinnig? Glaubten sie wirklich, dass er den Göttern für sein Leben danken sollte? Wenn das Geistermädchen nicht gewesen wäre, hätte er nicht gezögert, sich ins dunkle Wasser zu werfen!

Babys und Milch waren das kleinere Problem, aber es machte sich lauter bemerkbar und lag näher. Er konnte die Lösung sehen. Denn er hatte ein Bild vor Augen, wie es klappen könnte.

Allerdings hing es von vielen anderen Faktoren ab. Doch es gab einen Weg. Und wenn er ihm Schritt für Schritt folgte, sollte er am Ende Milch bekommen. Und es dürfte einfacher sein, Milch für ein Baby zu besorgen, als das Wesen der Götter zu verstehen.

Er starrte ins Wasser, obwohl er eigentlich nichts anderes als seine Gedanken sah. Er brauchte Wurzelknollen und vielleicht etwas Bier, aber nicht zu viel. Doch zuerst musste er einen Fisch fangen…

Und da war auch schon einer, nicht weit von seinen Füßen entfernt, weißer Fisch auf weißem Sand, so dass er sich nur durch seinen hellen Schatten verriet. Er schwamm dort wie ein Geschenk der Götter… Nein! Er schwamm dort, weil Mau sich völlig ruhig verhalten hatte, wie es ein Jäger tun sollte. Der Fisch bemerkte ihn überhaupt nicht.

Er erlegte den Fisch mit dem Speer, nahm ihn aus und brachte ihn zum Priester, der zwischen den zwei großen Gottesankern saß.

»Kannst du einen Fisch kochen, Priester?«

»Bist du hier, um gegen die Götter zu lästern, Dämonenjunge?«, sagte Ataba.

»Nein. Es wäre nur Gotteslästerung zu sagen, es gäbe sie nicht, wenn sie doch existieren«, sagte Mau mit ruhiger Stimme. »Also, kannst du Fisch kochen?«

Ataba machte den Eindruck, als wollte er sich nicht weiter über Religionsfragen streiten, wenn es bald etwas zu essen gab.

»Schon seit der Zeit vor deiner Geburt«, sagte der alte Mann und betrachtete den Fisch gierig.

»Dann gib dem Geistermädchen etwas davon ab, und mach bitte eine Schleimsuppe für die Frau.«

»Sie wird sie nicht essen«, sagte Ataba matt. »Auf ihrem Floß war Nahrung. In ihrem Kopf ist etwas nicht in Ordnung.«

Mau sah sich die Unbekannte Frau an, die immer noch am Feuer hockte. Das Geistermädchen hatte mehr Decken von der Sweet Judy geholt, und inzwischen hatte sich die Frau aufgesetzt. Daphne saß an ihrer Seite, hielt ihre Hand und redete auf sie ein. Sie machen sich einen Frauenhain, dachte er. Die Sprache spielt keine Rolle.

»Es werden weitere kommen«, sagte Ataba hinter ihm. »Viele Leute werden hier landen.«

»Woher willst du das wissen?«

»Der Rauch, Junge! Ich habe ihn aus vielen Meilen Entfernung gesehen. Sie werden kommen. Wir waren nicht die Einzigen. Und vielleicht werden auch die Räuber von ihrem großen Land kommen. Dann wirst du die Götter anrufen, o ja! Du wirst vor Imo kriechen, wenn die Räuber kommen.«

»Nach allem, was geschehen ist? Was ist denn noch übrig?

Was haben wir noch, was sie begehren könnten?«

»Schädel. Fleisch. Ihr Vergnügen an unserem Tod. Das Übliche. Bete zu den Göttern, wenn du nicht willst, dass diese Kannibalen so weit kommen.«

»Und das hilft?«, fragte Mau.

Ataba zuckte mit den Schultern. »Was können wir sonst tun?«

»Dann bete du zu den Göttern, dass sie uns Milch für das Kind geben«, sagte Mau. »So etwas Einfaches werden sie doch wohl schaffen.«

»Und was willst du tun, Dämonenjunge?«

»Etwas anderes.« Dann hielt Mau inne und dachte: Er ist ein alter Mann. Er ist viele Meilen über das Meer gefahren, und er hat sich um die Frau und ihr Baby gekümmert. Das ist wichtig.

Er ließ seinen Zorn verrauchen. »Es war nicht meine Absicht, dich zu beleidigen, Ataba«, sagte er.

»Ich verstehe dich sehr gut«, sagte der alte Mann. »Wir alle sind manchmal von den Göttern enttäuscht.«

»Sogar du?«

»Ja. Das ist das Erste an jedem Morgen, wenn meine Knie knacken und mein Rücken schmerzt. Dann verfluche ich sie, dessen kannst du dir sicher sein. Aber nur ganz leise.

Und ich frage sie: ›Warum habt ihr mich alt werden lassen?‹«

»Und was antworten sie?«

»So funktioniert das nicht. Aber wenn sich der Tag dem Ende zuneigt und es vielleicht etwas Bier gibt, glaube ich, ihre Antwort in meinem Geist zu hören. Ich glaube, sie sagen mir:

›Weil es dir lieber als das Gegenteil sein dürfte.‹« Er bemerkte Maus verwirrte Miene. »Lieber alt als tot, verstehst du?«

»Das glaube ich nicht«, sagte Mau. »Ich glaube, du hörst nur deine eigenen Gedanken.«

»Hast du dich schon einmal gefragt, woher deine Gedanken kommen?«

»Ich glaube nicht, dass sie von einem Dämon kommen!« Ataba lächelte. »Wir werden sehen.«

Er starrte den alten Mann an. Mau sollte stolz sein. Dies war seine Insel. Er sollte sich wie ein Häuptling verhalten.

»Ich werde etwas ausprobieren«, sagte er steif. »Ich tue es für meine Nation. Auch wenn ich nicht zurückkehre, könnt ihr hierbleiben. Wenn ihr bleibt, gibt es Hütten im Frauenhain.

Und wenn ich zurückkomme, werde ich dir Bier holen, alter Mann.«

»Es gibt Bier, das es gibt, und Bier, das es nicht gibt«, sagte der Priester. »Mir ist das Bier, das es gibt, lieber.« Mau lächelte.

»Zuerst muss es Milch geben, die es gibt«, erwiderte er.

»Hol sie, Dämonenjunge«, sagte Ataba, »und ich werde dir alles glauben!«