9
Im Tanzenden Täubchen

Es war schon fast dunkel, als Georg, Marek und Ercole bei den Stadttoren von Corus ankamen. Gerade noch rechtzeitig schafften sie es; hinter ihnen wurde das große Tor geschlossen und zur Nacht verriegelt. Reisende, die jetzt noch eintrafen, würden die Stadt entweder zu Fuß betreten oder zu einem in der Nähe gelegenen Gasthaus zurückkehren müssen, bis die Tore bei Morgendämmerung wieder geöffnet wurden. Alle drei Männer waren müde. Bei ihrem Ritt von Caynnhafen her, der gewöhnlich nur einen halben Tag in Anspruch nahm, hatten sie gegen peitschenden Wind und Hagel ankämpfen müssen.
»Wir hatten schon leichtere Reisen, Majestät«, bemerkte Ercole, als sie ihre Gäule in die lange Gasse lenkten, die hinter der Schenke Zum Tanzenden Täubchen lag. »Und wärmer war es auch schon.«
Es war viel dunkler in der Gasse als auf den fackelbeleuchteten Hauptstraßen. Georg fühlte sich unbehaglich. Abrupt zügelte er seine Fuchsstute und ließ den Blick schweifen. Als Marek und Ercole bemerkten, wie vorsichtig sich ihr Herr verhielt, starrten auch sie ins Dunkel und hielten ihre langen Stöcke bereit. Nur Georg wagte es, offen ein Schwert zu tragen, denn das war dem gemeinen Volk von Tortall nicht erlaubt.
Georg ließ seine Stute langsam vorwärtsgehen, bis er einen in die Gasse hineinragenden Mauervorsprung entdeckte. Grimmig lächelnd versetzte er der Stute einen Tritt, dass sie einen Satz machte. Dadurch sprang der auf dem Mauervorsprung postierte Mann eine Sekunde zu spät ab und landete hinter Georg auf der Erde. Aus Seitengassen und Türeingängen strömten weitere maskierte Männer; einen überrannte er, dann wirbelte er herum und schnappte sich einen zweiten, der gerade nach seinem Sattel griff. Mit einem raschen Blick überzeugte er sich, dass Marek und Ercole noch auf ihren Pferden saßen, obwohl die Kerle ihr Möglichstes taten, die beiden herunterzuzerren.
Georgs Stute bäumte sich auf. Der Mann, der eben versuchte, die Sattelgurte zu durchtrennen, flog in hohem Bogen davon. Er grinste – nicht einmal die, denen er von all seinen Leuten am meisten traute, wussten, dass er sein Lieblingspferd dazu ausgebildet hatte zu kämpfen, wie es das Streitross eines jeden Edlen und auch Alannas Moonlight taten. Die Stute, die er Beauty nannte, machte Bocksprünge und suchte mit rollenden Augen nach dem Nächsten, der dumm genug war, sich in die Reichweite ihrer Hufe zu begeben.
Marek stieß einen Schrei aus und griff nach seiner Schulter, wo sich auf der hellen Jacke eine dunkle Blume entfaltete. Von seinem verwundeten Kumpan abgelenkt, sah Georg den Mann auf dem Mauervorsprung erst, als der heruntersprang und auf seinem Rücken landete.
Sie rauften um das Messer, das der andere hielt; Georg benutzte all seine Tricks, um den Feind abzuwerfen. Der Angreifer war stark, stärker als Georg, aber er hatte vergessen, wie unglaublich schnell der König der Diebe war. Georg drehte sich in eine Stellung, bei der ihm ein rasender Schmerz durch den Rücken fuhr, und bekam eine Hand frei. Mit einer raschen Bewegung des Handgelenks hielt er sein Messer in der Hand, das er im Ärmel versteckt trug, und stach blitzschnell zu. Der Mann keuchte, stürzte herunter und rollte in den Schnee.
Als wäre sein Tod ein Signal, wichen die anderen zurück und liefen davon. Georg hätte sie verfolgt, doch erinnerte ihn Ercole an Mareks Verletzung. Der jüngere Mann hing vornübergesunken in seinem Sattel; Blut lief an seinem Arm hinunter und in den Schneematsch am Boden.
Ercole wischte seine Messer am Ärmel ab und steckte sie zurück in die am Gürtel befestigten Scheiden. »Die Kerle haben keinen Ton von sich gegeben, Majestät. Nicht ein einziges Wort.«
»Sicher deshalb, damit wir nicht erraten konnten, wer sie waren.« Georg hievte Marek hoch und zum ersten Mal wünschte er sich, er wäre wie Alanna in der Lage, etwas Licht in das Dunkel der Gasse zu zaubern. »Schaffst du es bis an einen sicheren Ort, Mann?«
Marek grinste kläglich. Sein hübsches Gesicht war fahl in dem schwachen Licht, das aus den Häusern und Einkaufsläden fiel. »Seit Jahren hab ich versucht, dir deine Herrschaft streitig zu machen, und jetzt müssen wir gemeinsam gegen jemanden kämpfen, der dir den Thron entreißen will!«
»Hältst du noch eine Weile durch?«
»Ja.« Marek gab sich einen Ruck und setzte sich aufrecht hin. »Zeig uns den Weg, Majestät!«
Georg nahm die Zügel von Mareks Gaul und lief eine zweite Gasse hinunter. Er überlegte scharf. Bis er wusste, wer der Feind war, mit dem er es zu tun hatte, war das Tanzende Täubchen kein sicherer Unterschlupf, weder für ihn noch für diejenigen, die ihm am nächsten standen. Darauf vertrauend, dass ihm seine Feinde nicht auch dort eine Falle aufgebaut hatten, brachte er Marek und Ercole hinter das von einer Mauer umgebene Haus seiner Mutter. Der Schneehaufen, der vor dem kleinen, verriegelten Tor lag, beruhigte ihn. Hier war in letzter Zeit keiner gegangen. Also stieg er vom Pferd, nahm seinen Schlüssel, entriegelte das Doppelschloss und brachte dann Marek und Ercole hinein. Der junge Mann war vornübergesunken. Ercole hielt ihn mit einer Hand fest, damit er nicht von seinem Pferd stürzte.
»Da drüben sind die Ställe«, erklärte Georg leise, als er Marek vom Pferd gleiten ließ. »Falls sich da drinnen keine weiteren Gäste verstecken, sind wir in Sicherheit.«
»Bring ihn ins Haus!«, riet Ercole. »Er blutet immer noch stark.«
Ein zweites Paar Schlüssel verschaffte Georg Zutritt zur Küche seiner Mutter. Auf dem Herd stand ein Wasserkessel, doch der Raum war dunkel. Vorsichtig legte der König der Diebe Marek auf eine Bank neben dem Tisch, dann schlich er hinaus. All seine Sinne waren hellwach. Im Erdgeschoss brannte nirgends Licht – komisch, dabei ist es noch nicht mal Zeit fürs Abendessen, dachte er. Dann erstarrte er, drückte sich gegen die Wand und verbarg sich im Schatten der Treppe, die zum oberen Stockwerk führte. Eine Frau kam herunter, doch es war nicht seine Mutter.
Mit einer schnellen Bewegung hatte er sie gepackt und hielt ihr seine Hand vor den Mund. »Keinen Ton!«, sagte er drohend ihr. »Sag mir, was du in Frau Coopers Haus zu suchen hast!«
Er nahm die Hand fort, woraufhin die Frau mühsam Atem holte. »Sie ist krank. Ich bin Heilerin. Ich wohne hier, bis es ihr besser geht.«
Als sie sich zu Georg umdrehte, flammten ihre braunen Augen entrüstet auf. »Hast du mir einen Schrecken eingejagt, Georg Cooper! Was soll das bedeuten, dass du dich ins Haus deiner Mutter stiehlst wie ein Dieb?«
Jetzt erkannte er sie. Er grinste. »Ich bin ein Dieb, Frau Kuri.« Als sie entsetzt nach Luft schnappte, fügte er hinzu: »Was fehlt denn meiner Mutter?«
»Ich weiß nicht. Seit dem Fest der Toten ist sie so schwach wie ein neugeborenes Kätzchen. Erst jetzt kommt sie langsam wieder zu Kräften.«
Georg warf einen Blick nach oben. »Ich sehe nach ihr, sobald ich kann. Aber zuerst hab ich auch einen Patienten, der versorgt werden muss.«
Kuri schüttelte bekümmert den Kopf, als er sie zu Marek brachte. Sie ging mit dem Verwundeten um, als sei er federleicht, stützte ihn gegen ihre Schulter und führte ihn mühelos fort. »Mach mir die Tür zum Behandlungszimmer auf!« Georg gehorchte und zündete die Lampen an, während Kuri Marek behutsam auf den langen Tisch legte. »Ich brauche kochendes Wasser. Mach dich nützlich!«, befahl sie und schnitt an Mareks Schulter die Jacke auf. In der Küche, wo sich Ercole gerade die Hände wärmte, stellte Georg den Wasserkessel auf. Dann erklärte er dem älteren Mann die Lage, befahl ihm, Frau Kuris Befehle auszuführen und rannte nach oben ins Schlafzimmer seiner Mutter.
Eleni Cooper musterte ihren Sohn mit wachem Blick. »Ich dachte mir schon, dass ich dich im Haus spüre. Hast du die arme Kuri zu Tode erschreckt?«
»Mir schien sie nicht sehr erschrocken. Was ist passiert? Als ich kurz vor dem Fest der Toten hier war, ging es dir noch gut.«
»Ich versuchte, jemandes Magie zu ergründen, dabei bin ich zu tief vorgedrungen. Die aufgebauten Schutzmauern waren sehr stark.«
»Thom!«, fauchte Georg. »Beim Dunkelgott, wenn er dir mit seinen hochgeschätzten ›Experimenten‹ geschadet hat, Mutter ...«
»Lady Alannas Bruder? Das hätte ich mir ja denken können. Zurzeit hat nur er so viel Macht.« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn ich bloß wüsste, was er im Schilde führt.« Sie seufzte und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Georg zu. »Und was tust du zu dieser Stunde hier? Ich dachte, ihr wärt unzertrennlich, du und Lady Alanna.«
Er schüttelte den Kopf und sah weg. »Wir haben uns getrennt, Mutter – sie geht auf Abenteuersuche, während ich ...««
»Das Haus hier wird nun schon seit fünf Wochen überwacht.« Wie schon immer las sie seine Gedanken. »Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, versuchte das Mädchen auszuhorchen, das zum Putzen kommt. Aber sie hat ihre Befehle und redet nicht, wenn ich es nicht will.« Georg hörte Frau Kuris energische Schritte auf der Treppe. »Sobald ich mich vergewissert habe, dass es Marek gut geht, geh ich noch mal aus.«
»Der junge Marek ist verwundet?« Sie hatte ihn nie kennengelernt, aber Georg hatte sie oft mit den Geschichten von Mareks Versuchen, sich den Thron der Diebe anzueignen, unterhalten.
»Er wird überleben«, verkündete Kuri, die Frau Coopers Frage von draußen gehört hatte. »Er hat allerdings eine Menge Blut verloren. Ich habe ihn in einem der kleinen Ruhezimmer untergebracht.«
»Aber er wird wieder gesund?« Erst jetzt spürte er seine Sorge um den Mann, der seit langem sein Rivale und gelegentlich sein Freund war.
»Er wird überleben und dir weiterhin Ärger machen, da bin ich ganz sicher.«
Georg nickte erleichtert. »Mutter, ich brauche Unterkunft für mich und einen anderen meiner Männer. Nur für heute Nacht. Morgen suchen wir uns eine andere Bleibe.«
»Natürlich.« Seine Mutter klang heiter, doch ihr Blick war besorgt. »Georg ...«
»Ich bin ein Gauner, dagegen komme ich nicht an, Mutter«, sagte er. »Und das ist der Preis, den ich dafür bezahlen muss.« Er küsste sie auf die Wange. Zu Frau Kuri gewandt sagte er: »Ich nehme Ercole mit. Wir machen uns die Tür schon selber auf, wenn wir wiederkommen.«
»Davon bin ich überzeugt«, entgegnete die Heilerin scharf. Georg tätschelte ihr lachend die Wange, bevor er im Erdgeschoss nach Ercole suchte.
Sie standen schon draußen vor der Mauer und hatten die Türen hinter sich verriegelt, als Ercole fragte: »Wo gehen wir denn überhaupt hin?«
»Ins Tanzende Täubchen«, sagte Georg mit düsterer Miene, bevor er sich einen Wollschal übers Kinn zog. Ercole fluchte und folgte ihm.
Damals, als Alanna noch Knappe Alan war und sich darauf vorbereitete, Ritter zu werden, verbrachte sie recht viel Zeit in der Schenke Zum Tanzenden Täubchen. Hier war Georgs Hauptquartier, der Königspalast der Gauner, die sich dem Schurkenring verschrieben hatten, und hier versammelten sie sich, wenn sie nicht ihren Geschäften nachgingen. Es gab zahlreiche Ein- und Ausgänge, von denen manche keinem außer Georg und dem alten Solom, dem Kneipenwirt, bekannt waren. Durch eine dieser Geheimtüren traten nun Georg und Ercole ein. Sie landeten in dem dunklen Flur unter der Treppe, die zu den oberen Stockwerken führte. Von dort aus, im Schutz der Dunkelheit, konnten sie den ganzen Schankraum überblicken. Er war brechend voll mit Dieben, Prostituierten, Blumenverkäuferinnen, Hehlern, Fälschern, Hausierern, Wahrsagerinnen, Heilern, Magiern mit geringer Zaubergabe, Händlern, die geheime Geschäfte tätigten, listigen Priestern und sogar ein oder zwei Edelleuten.
Solom und seine Mägde eilten geschäftig hin und her und brachten Speisen und Getränke herbei. Währenddessen hielten sie wachsam den Tisch vor dem großen Kamin im Auge, an dem Georg gewöhnlich saß.
Georg lächelte bitter. Fast alle im Schankraum wirkten still und verschreckt. Wenn er am Feuer hockte, herrschte so ein Krach, dass man seine eigenen Gedanken nicht hören konnte. Jetzt kamen die lautesten Geräusche von Solom und seinen Mägden.
An Georgs Tisch saß der Mann namens Kralle, allerdings nicht auf Georgs »Thron«, wie dem König der Diebe auffiel. Er wandte den beiden Männern im Flur den Rücken zu. Nur seine engsten Freunde – drei brutale Kerle, die Georg nicht im Rücken hätte haben wollen – saßen bei ihm. Georg suchte den Raum nach seinen eigenen »Höflingen« ab. Dabei entdeckte er den Gelehrten, der betrunken und in sich zusammengesunken auf der anderen Seite der Feuerstelle hockte. Langfinger war nirgends zu sehen. Rispah war noch in Caynnhafen, doch hinten im Schankraum saßen Orem und Shem und würfelten.
Georg vergewisserte sich, dass jedes der sechs Messer, die er bei sich trug, bereit war. Dann nickte er Ercole zu, trat mit dem älteren Mann auf den Fersen ins Licht und tippte Kralle auf die Schulter. »Dank dir, dass du mir meinen Platz warm gehalten hast, Freund«, sagte er mit betont süßlicher Stimme.
Kralle fuhr hoch und warf dabei seinen Humpen um. Dunkles Bier lief unbeachtet über seine Kniehose, während er zu Georg hochstarrte. »Aber ... du ...«
»Ich weiß, ich hab gesagt, dass ich noch ’ne Weile in Caynnhafen bleiben will«, sagte Georg freundlich. »Aber stell dir vor, ich kriegte mächtig Sehnsucht nach all diesen freundlichen Gesichtern, und mir wurde langweilig ohne diese Bande, die mich in Trab hält.« Orem und Shem hatten sich bei der Vordertür aufgestellt, wo sie mit gezogenen Messern Wache hielten. Zwei andere Männer, denen Georg, wie er wusste, trauen konnte, kamen herbei, um den Hinterausgang und Ercoles Rücken zu decken. »Du tropfst«, fügte Georg hinzu und rutschte auf seinen »Thron«, ohne Kralle auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Der Mann hatte den Ruf vollkommen überraschend zu reagieren und möglicherweise war er verrückt genug, einen sofortigen Angriff auf Georg zu wagen.
Kralle starrte Georg eine ziemliche Weile an. Seinem einzigen, fahlen Auge war nicht anzusehen, was in ihm vorging. Schließlich drehte er sich um und sagte barsch zu seinen Kumpanen: »Warum glotzt ihr so? Holt einen Lappen oder irgendwas und putzt diese Schweinerei auf!« Sein Auge blickte wieder zu Georg. »Willkommen daheim, Majestät!« Er ignorierte die ungeschickten Versuche von einem seiner Männer, ihm das Bier von der Kniehose zu wischen. »Ich hoffe, deine Heimreise verlief ohne Zwischenfälle.«
»Ein bisschen kalt war es.« Kralle hatte seine Entschlusskraft eingebüßt, aber es war ratsam, trotzdem kein Risiko einzugehen. Georg nahm von Solom einen Humpen Glühwein entgegen, ohne den alten Mann anzusehen. »War alles ruhig hier?«
»So ruhig wie im Tempel des Dunkelgottes.« Jetzt endlich machte Kralle Anstalten zu verschwinden. Seine Männer folgten.
»Bleib!«, sagte Georg mit einer einladenden Geste. »Setz dich her zu mir und erzähl, was sich in den letzten Wochen, die ich in Caynnhafen verbracht hab, so alles zugetragen hat! Es wäre echt schade, wenn ich dort die Probleme aus der Welt geräumt hätte, bloß um festzustellen, dass es dafür nun hier Ärger gibt.«
Der Einäugige zögerte. Georg hoffte, der Mann möge verrückt genug sein seine Einladung abzulehnen. Das hätte ihm eine ausreichende Entschuldigung gegeben, ihn zu einem Zweikampf herauszufordern. Mit dem Messer hatte Kralle nicht die geringste Chance gegen ihn. Da fuhr Kralle barsch einen seiner Männer an: »Geh und besorge mir einen sauberen Stuhl!«
Der Mann gehorchte sofort.
Kralle redet wie ein Edler, wurde Georg in diesem Augenblick klar.
»Ich lad dich zu ’nem Humpen ein.« Georg lächelte und winkte Solom her. »Ich hab ein Hühnchen zu rupfen mit dir.«
Kralle schüttelte den Kopf, als ihm Solom Wein anbot. Achselzuckend schenkte der Wirt Georgs Krug wieder voll. »Was soll ich getan haben, um dich zu verärgern?«, erkundigte sich Kralle. Er tat verblüfft und machte ein unschuldiges Gesicht.
»Du hast ’ne Dienstmagd überprüft und sie für fähig erklärt, mir und meinen Leuten in Caynnhafen im Haus zu dienen. Sie hat versucht mich zu vergiften. Ich denk doch, du hast ihre Vergangenheit überprüft, Meister Kralle, oder etwa nicht?«
»Eine Dienstmagd? Ich habe dir keine Dienstmagd geschickt«, entgegnete der andere Dieb.
Georg schob den schmutzigen Zettel über den Tisch, damit ihn Kralle begutachtete. Der Einäugige musterte ihn genau, spitzte den Mund, drehte und wendete das Stück Papier im Licht. Schließlich schüttelte er den Kopf und gab es wieder zurück. »Wirklich eine ausgezeichnete Fälschung«, sagte er ruhig. »Aber nichtsdestotrotz eine Fälschung. Ich habe diesen Brief niemals geschrieben.«
»Bist du sicher?«, fragte Georg leise. »Denk lieber gut nach, denn es würd mir nicht passen, wenn ich zu ’nem späteren Zeitpunkt das Gegenteil erfahren müsste.«
»Du kannst jeden hier fragen«, bot Kralle an. Dabei deutete er mit einer weit ausholenden Geste auf die gaffenden Zuhörer. »Habe ich jemals eine Dienstmagd in den Hafen geschickt, damit sie dort Seiner Majestät dient?«
Langsam schüttelten die Leute ihre Köpfe. Georg musste feststellen, dass Kralle die perfekte Antwort gefunden hatte, und er konnte nicht anders, als den Kerl zu bewundern. Zeugen gab es keine, die Frau war gestorben, ohne ihren Auftraggeber zu nennen, und somit war ihm nichts nachzuweisen.
»Du hast Glück gehabt, Freund Kralle«, erklärte er dem jüngeren Mann. »Vielleicht wirst du immer solches Glück haben: Nämlich unschuldig zu sein an den Verschwörungen der anderen.«
»Das hoffe ich, Majestät«, antwortete Kralle mit einem leisen Lächeln. »Ich habe nämlich keine Lust mich in erfolglose Unternehmungen verwickeln zu lassen.«
Als der Morgen dämmerte, hatte sich der Schankraum bis auf diejenigen geleert, von denen Georg wusste, dass sie ihm treu ergeben waren. Von Kralle hatte er nichts erfahren, obwohl er ihn die ganze Nacht nicht von seiner Seite hatte weichen lassen. Er hatte nichts anderes erwartet. Aber jetzt würde er aus Quellen, denen er vertraute, etwas erfahren.
Der Reihe nach schickte er seine Leute los, damit sie mit den anderen Dieben redeten, diejenigen ausfindig machten, die nicht da gewesen waren, und in Erfahrung brachten, warum sie sich nicht hatten blicken lassen. Außerdem sollten sie sich umhören, wer auf Kralles Seite stand und wer nicht. Er schickte seine Leute paarweise los, riet ihnen aber auf der Hut zu sein. Shem kehrte mit einer Nachricht für Rispah, die besagte, sie solle nach Corus kommen, sobald Alanna und Coram aufgebrochen seien, nach Caynnhafen zurück. Georg brauchte sie, damit sie sich um die Frauen kümmerte, die dem Schurkenring angehörten. Ihm gehorchten sie, weil er gut aussah und charmant war, doch Rispah kannte ihre Geheimnisse. Schließlich war nur noch der Gelehrte übrig. Von der langen Nacht und der Anspannung erschöpft hatte sich sogar Solom nach oben in sein Zimmer verzogen.
»Geh mit Diskretion vor, aber finde mir Sir Myles von Olau!«, befahl Georg dem alten Fälscher. »Ich brauch ihn bei Anbruch der Nacht hier, und zwar verkleidet!«
Der Gelehrte nickte. Er kippte den letzten Rest seines Glühweins runter. »Ich weiß, wo ich ihn auftreiben kann. Und, Majestät ...« Georg sah auf. Zu seiner Überraschung entdeckte er, dass der alte Mann Tränen in den Augen hatte. »Bin ich froh, dass du wieder da bist. Dieser Kralle ist ein richtig übler Kerl.«
Als sich die Tür hinter dem Gelehrten schloss, seufzte Georg leise. Ercole trat aus dem Schatten. Er sah ebenso müde aus wie sein Herr. »Schlafen wir her?«
Georg schüttelte den Kopf. »Ich hab nicht vor, diesem Kralle meinen Kopf auf ’nem silbernen Tablett zu servieren. Wir verdrücken uns ins Haus meiner Mutter, aber so, dass uns keiner sieht.«
»Und morgen – vielmehr heute – Nacht?«
»Da hab ich einen besseren Unterschlupf im Sinn.« Georg stand auf und schlug Ercole auf die Schulter. »Gehen wir. Ich will sehen, wie es Marek geht.«
Myles lugte durch das Guckloch in der falschen Wand des Schankraums und beobachtete Kralle. Hinter ihm stand wartend Georg. Der alte Solom wollte Kralle, der genau vor dem Guckloch saß, in ein Gespräch verwickeln, damit Myles seine Stimme hören konnte.
Nach einer kleinen Weile trat der Ritter zurück. Er nickte. Leise führte ihn Georg von dem geheimen Beobachtungsposten weg und nach oben in die Zimmer, die er zu friedlicheren Zeiten bewohnte. Dort schenkte er Myles ein Glas Branntwein ein und wartete, bis der ältere Mann es ausgetrunken hatte, bevor er fragte: »neun?«
»Es gibt keinen Zweifel«, entgegnete Alannas Adoptivvater. »Dieser Mann ist von edler Geburt. Zumindest eine Zeit lang erhielt er eine gute Ausbildung.« Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. »Das Problem ist, dass ich seine Stimme kenne. Ich habe ihn schon mal reden hören, und damals war er kein Dieb.« Er hielt Georg sein Glas hin, damit dieser nachfüllte. »Vielleicht hat meine Tochter recht: Ich sollte mit dieser Sauferei aufhören.«
Georg grinste.
»Ich möchte Euch gratulieren, Herr, dass Ihr Alanna adoptiert habt. Da habt Ihr eine gute Tat begangen.«
»Es war eine gute Tat von Alanna, dass sie es zuließ«, wandte Myles ein. »Wenn sie nur diese Sache mit Jonathan klären könnte. Nichts für ungut, Georg – aber ich vermisse sie wirklich am Hof.«
»So wie ich sie hier vermisse«, versicherte Georg. »Wo wir gerade von meinem Mädchen sprechen – habt Ihr irgendeine Ahnung, was ihr heiß geliebter Bruder am Fest der Toten im Schilde führte?« Er erzählte Myles, was seiner Mutter widerfahren war.
Der Ritter seufzte kopfschüttelnd. »Ich weiß, dass viele von denen im Palast, die über die Gabe verfügen, noch tagelang wütend waren auf Thom. Sonderbare Gerüchte kamen mir zu Ohren ...« Er brach einen Moment ab, als wisse er nicht so recht, was er sagen sollte, dann fuhr er fort: »Ich habe Grund zur Annahme, dass Thom sich möglicherweise daran versuchte, die – die Toten auferstehen zu lassen.«
Georg gab sich keine Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. »Die Toten? Ist der Kerl übergeschnappt? Die Toten sind dazu bestimmt, tot zu bleiben.«
»Ich hörte einige Unterhaltungen mit, die er mit Lady Delia führte«, sprach Myles weiter. »Sie schien ihn zu verhöhnen. Sie sagte, wenn er wirklich der mächtigste Zauberer der Welt sei, könne er die Toten auferwecken, wie es angeblich Kerel der Weise tat. Auch einige junge Leute im Palast wollten wissen, wie weit Thoms Macht eigentlich reicht. Ich glaube, sie betrachten es als ein Spiel.«
»Ein Spiel?«, flüsterte Georg. »Sie betrachten es als Spiel, die Welt auf den Kopf zu stellen und Mächte anzurufen, die kein Mensch anrufen sollte, falls es der Zweck nicht rechtfertigt?«
»Was ich da äußerte, sind meine Vermutungen«, sagte Myles finster. »Vielleicht irre ich mich, Georg. Ich versuchte, mit ihm zu reden. Aber ich glaube, ich habe ihn in seinem Stolz verletzt, als ich seine Schwester zu meiner Erbin machte. Er verhöhnte mich mit Halbwahrheiten und irgendwelchen Geschichten; ich bekam nichts Genaues zu hören, nicht einmal eine einfache Lüge. Ich weiß, dass Ihr mit wichtigen Dingen beschäftigt seid, doch ...«
»Was könnte wichtiger sein als das, was Ihr da vermutet?«
Ein Lächeln erhellte das Gesicht des Ritters. Zum ersten Mal wurde Georg klar, wie besorgt Myles sein musste. Sein Lächeln ließ ihn nämlich gleich zehn Jahre jünger aussehen. »Wenn Ihr Thom mal darauf ansprechen würdet? Als das, was Ihr seid – wer Ihr seid ...«
»Und so respektabel, wie ich bin?«, schlug Georg grinsend vor.
Myles grinste ebenfalls. »Ja, tatsächlich. Möglicherweise redet Thom offen mit Euch oder er gibt zumindest mehr von der Wahrheit preis.«
»Außerdem habe ich auch ein Hühnchen mit dem Kerl zu rupfen«, erinnerte Georg ihn, da er an das müde Gesicht seiner Mutter denken musste. »Sobald ich diese Sache hier im Griff habe, komme ich hoch in den Palast.«
Myles erhob sich und griff nach seinem Umhang. »Und ich werde Nachforschungen über diesen Kralle anstellen«, versprach er. »Solche Verletzungen, wie er sie hat, vor allem die Säurenarben, holt man sich nicht so einfach. Vor allem nicht, wenn man von edler Geburt ist.«
Georg ergriff Myles’ Hand. »Ihr seid ein guter Freund. Seid versichert, dass ich das nicht vergessen werde.«
Nachdem er den Ritter hinausgeleitet hatte, kehrte Georg zurück, um noch einmal im Tanzenden Täubchen Hof zu halten. Wieder blieb er die ganze Nacht, sah jeden, wurde gesehen.
Während der nächsten Tage, als Rispah und Shem zurückkamen und an die Arbeit gingen, kamen allmählich einzelne Informationen rein. Es gab keinen weiteren Anschlag auf sein Leben, aber ihm kam ein Raub von wertvollen Juwelen zu Ohren, der nicht mit ihm abgesprochen gewesen war.
Eine Woche nach Rispahs Rückkehr versammelte er in einem geheimen Raum unter den Straßen, die den Marktplatz bildeten, all jene um sich, die ihm nahestanden.
Das Bild, das sich ergab, als die Diebe ihre jeweiligen Eindrücke austauschten, war nicht gerade rosig.
»Er hat sich fast die Hälfte unserer Leute geschnappt – teilweise durch Bestechungsgelder, teilweise, indem er sie einschüchterte«, fasste Georg zusammen. »Er muss die Sache schon ewig geplant haben. Vermutlich schon, bevor er nach Corus kam. Er hat mit Leuten wie der Hexe Zorina und Nav, dem Hehler, zusammengearbeitet, um seine Krallen in unsern Ring zu schlagen.« Er seufzte. »Wir müssen also sehr vorsichtig vorgehen, müssen unsere Leute zurückkaufen und die Angelegenheiten aus der Welt schaffen, mit denen er sie unter Druck setzt.«
»Wieso?«, wollte Marek wissen. »Wieso legen wir ihn nicht einfach um? Dann ist die Sache erledigt.«
»Weil dann einer seiner Leute kommt und seinen Platz einnimmt«, entgegnete Georg. »Ich will seine ganze Organisation, nicht nur ihn, denn er hat Helfer, und ich will wissen, wer sie sind. Und ich will wissen, wer er ist, warum er mich nicht herausgefordert hat, wie es jeder andere Schurke getan hätte.«
»Und wenn er gewinnt«, wollte Rispah wissen. Sie sah in aus ihren braunen Augen sorgenvoll an.
»Wenn er gewinnt, dann verdiene ich es nicht, König der Diebe zu sein«, sagte Georg mit verbissener Miene. »Wenn er gewinnt, habe ich keinerlei Gewähr, dass er nicht jeden Einzelnen von uns beim Obersten Richter – oder an noch schlimmerer Stelle – verpfeift. Ich weiß nicht, was er vorhat. Die Stellung, die er im Moment innehält, erlaubt ihm, uns zu beherrschen oder zu zerstören. Hat einer von euch Lust, eine Wette einzugehen, was von beidem er tun wird?« Keiner gab Antwort, was Georg auch nicht erwartet hatte. »Also, ihr wisst alle, was ihr zu tun habt und wo ihr eure Fragen stellen müsst. Sobald die Pässe nach Osten passierbar sind, will ich einen losschicken, um zu erfahren, was dieser Kerl namens Kralle in Galla getrieben hat, bevor er zu uns kam.«
Thom, Lord von Trebond und der jüngste Mithran-Zaubermeister überhaupt, schenkte seinem Gast spöttisch lächelnd ein Glas Wein ein. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dass mich der – Bekannte – meiner Schwester besuchen kommt«, sagte er. »Vor allem deshalb, weil es dich ja den Kopf kosten kann, wenn du hier im Palast gesehen wirst.«
»Warum sprichst du es nicht offen und ehrlich aus und nennst mich Alannas Geliebten?«, schlug Georg vor. Die in Violett und Gold gehaltene Brokatrobe, die Thom über dem tiefschwarzen Hemd und der Kniehose trug, tat in den Augen weh. Das Gold, das er dafür bezahlt hatte, würde einen armen Mann aus dem Volk mitsamt seiner Familie ein ganzes Jahr ernähren. »Wie die Dinge stehen, gibt es einiges, worüber ich mich gern mit dir unterhalten hätte. Ich konnte nicht bis zu deinem nächsten Ausflug in die Stadt warten, um dich dort zu treffen.«
»Vor allem, da ich ja nie in die Stadt komme«, stimmte Thom zu. »Also ist Alanna mit dem treuen Coram im Schlepptau in die Wüste zurückgeritten. Wie selbstlos von ihr. Oder hatte sie womöglich Angst, Jonathan könne sie überreden ihr Nein zurückzunehmen? Da hätte sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Er ist zurzeit sehr mit Prinzessin Josiane beschäftigt.«
Georg starrte Thom an. Wenn mein Mädchen sich nur Feinde gemacht hätte und keine Freunde, überlegte er sich, und wenn es zu viel Angst gehabt hätte, den anderen zu zeigen, dass es trotz seiner Verkleidung und allem Drum und Dran ein menschliches Wiesen ist, dann wäre es gut möglich gewesen, dass es sich so entwickelt hätte wie dieses Monster hier. Dieser Kerl besteht nur noch aus seinem zynischem verstand, keine Spur mehr von Herz.
»Tja, du bist wirklich ein ekelhafter Kerl geworden, hab ich recht?«, bemerkte Georg mit liebenswürdiger Stimme. »Ich denke doch, wir sollten uns über dein Treiben am Fest der Toten unterhalten.«
In Thoms violettfarbenen Augen zeigte sich widerwilliger Respekt. »Ich bin sicher, dass ich dir und Alanna schon erklärte, dass es sich um Experimente handelte.«
Georg machte ein angewidertes Gesicht. »Und ich bin sicher, dass es um nichts Derartiges ging. Hast du nicht gespürt, wie meine Mutter deinen Schutzzauber auf die Probe stellte? Oder haben so viele zu erfahren versucht, was du vorhattest, dass du denen, die du halbtot auf der Strecke ließest, keine Beachtung mehr schenktest?«
»Ich spürte, wie jemand meinen Schutz prüfte«, gab Thom zu. »Aber ich war – na ja, in Anspruch genommen. Es tut mir leid, dass es deine Mutter war, die Schaden nahm. Aber sie hatte kein Recht, in einer derartigen Zauberei herumzuschnüffeln. Sie hatte Glück, dass es sie nicht das Leben kostete.«
»Freut mich, dass du so denkst. Und was für Experimente sind so wichtig, dass du einen solchen Zauber verwenden musst, um sie zu schützen?« Als Thom nicht antwortete, drängte ihn Georg: »Wen wolltest du von den Toten auferwecken?«
Thom sprang auf. Sein ironischer Gesichtsausdruck war wie fortgewischt. »Du wagst es, mich zu vernehmen, Georg Cooper?«, schrie er. Sein Zorn war regelrecht körperlich spürbar. »Deine Beziehung zu meiner Schwester ist hier ohne jede Bedeutung. Also komm nicht auf die Idee, meine Geduld auf die Probe zu stellen!«
Georg erhob sich. Er warf ihm einen erbarmungslosen Blick aus seinen haselnussbraunen Augen zu. »Wag bloß nicht, mir zu drohen, Bürschchen!«, warnte er ihn mit leiser Stimme. »Das lasse ich mir nicht bieten.«
»Ich habe dir nichts mehr zu sagen«, knirschte Thom. »Verschwinde!«
»Dann will ich mich also verabschieden«, entgegnete Georg. »Aber ich brauche meine Sehergabe nicht, um zu wissen, dass du Probleme hast, ob du nun ein mächtiger Zauberer bist oder nicht.« Er zögerte und sagte dann ironisch: »Zweifellos werde ich das noch bereuen, doch Alanna zuliebe magst du dich an mich wenden, wenn du in Not bist.«
Thom reckte sich. »Ich bin durchaus in der Lage, meine Angelegenheiten selbst zu regeln.«
»Zitterst du deshalb so?«, erkundigte sich Georg. »Am besten trinkst du einen Schluck Branntwein, damit sich deine Nerven beruhigen, mein Lord. Der Gedanke, es könnte auf dieser unserer Welt etwas geben, dem du mit deinen Fertigkeiten nicht gewachsen bist, wäre mir höchst unangenehm.« Er verbeugte sich spöttisch und ließ Thom allein.
Es gibt rein gar nichts, was ich tun oder sagen könnte, solange ich nicht weiß, was ihn reitet wie eine alte Friedhofshexe, sagte sich Georg bitter, als er sich aus dem Palast stahl. Aber ich verwette jedes meiner Messer, dass er ganz tief in der Patsche sitzt und da so leicht nicht wieder rauskommt.
Georg lächelte. Schwierigkeiten mit dem Schurkenring, Schwierigkeiten mit Thom. Die Zukunft sah aufregend aus. Zumindest würde er sich nicht langweilen. Und solange er seine fünf Sinne zusammenhielt – es war schön, wieder in Corus zu sein.