8
Ängste

Alanna war glücklich in diesem Sommer. Tagsüber hatte sie Unterricht und bekam Aufgaben übertragen – der Unterricht hatte ab-, die Pflichten zugenommen, denn nun trat sie in ihr letztes Jahr als Knappe ein. Wenn Coram in Trebond besonders schwierige Probleme hatte und ihr schrieb, holte sie sich Rat bei Myles. Zu Frau Cooper ging sie, um sich zu unterhalten und um noch mehr darüber zu erfahren, was es bedeutete, eine Frau zu sein. Nachts lehrte Jon sie die Liebe. Es tat ihr leid, dass sich die Blätter zu verfärben begannen: Irgendwie wusste sie, dass diese ruhige, glückliche Zeit nicht mehr lange andauern würde.
Delia von Eldorn ging vor Herzog Rogers Sessel auf und ab, und ihre grünen Augen funkelten vor Wut. »Ich verstehe das nicht!«, fauchte sie zum zehnten Mal. »Ich hatte ihn da ...« Sie streckte ihre schlanke weiße Hand mit nach oben gewandter Handfläche aus und ballte sie dann zu einer Faust. »Und jetzt muss ich schon dankbar sein, wenn er bei einem Fest ein einziges Mal mit mir tanzt!« Sie warf sich vor Herzog Rogers Sessel auf die Knie und schaute anmutig zu ihm auf. »Vergebt mir, Meister«, flehte sie. »Ich habe alles getan, worum Ihr mich gebeten habt. Er ist einfach ...« Sie brach ab, sah zu Boden und klimperte mit ihren langen und dichten Wimpern.
Roger lächelte und strich ihr über das lange, dunkle Haar. »Ärgere dich nicht, meine Hübsche«, sagte er. »Dieser junge Mann entpuppt sich als ausgesprochen unbeständig. Glücklicherweise habe ich noch andere Pläne, die ich jetzt in die Tat umsetzen werde.«
»Andere Pläne?«, flüsterte Delia mit großen Augen. »Kann ich Euch helfen, Meister? Kann ich Euch irgendwie unterstützen? Ihr braucht es mir nur zu sagen!«
Roger, der immer noch das Haar des knienden Mädchens streichelte, sah in die Ferne. »Im Augenblick kannst du nichts für mich tun«, sagte er geistesabwesend. »Der nächste Schachzug ist an mir.« Er sah mit undurchdringlichen Augen auf sie hinunter. »Aber du musst dich bereithalten. Wenn alles schiefgeht, brauche ich deine Hilfe mehr als jemals zuvor.«
»Nichts wird schiefgehen!«, protestierte Delia heftig. »Nicht, wenn Ihr die Pläne geschmiedet habt!«
Herzog Roger von Conté lächelte wieder. »Vielleicht hast du recht, meine Liebe«, bemerkte er. »Ich hoffe es. Sei inzwischen ein liebes Mädchen und warte. Gib Jonathan zu verstehen, dass sich deine Zuneigung zu ihm nicht geändert hat, auch wenn er dir keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.«
»Und Eure anderen Pläne?«, flüsterte Delia.
Der Zauberer strich sich über den Bart. »Du wirst sehen. Zumindest vorerst muss ich sehr vorsichtig sein, aber ich denke, dass du mich gut genug kennst, um zu merken, was ich im Schilde führe.« Er lachte. »Außer dir wird das keinem gelingen – dafür habe ich gesorgt!«
Und im Oktober brach in den ganzen Ostländern ein Fieber aus. Nur wenige starben, doch viele waren krank, und die Königin war eine der Kränksten. Lianne war noch nie robust gewesen und das Fieber wollte einfach nicht abklingen. Schließlich ging es ihr besser, aber ganz gesund wurde sie nicht.
Während die Königin krank war, wurden Alanna und Jonathan zum ersten Mal seit Alannas Geburtstag getrennt, da Jonathan Tag und Nacht am Bett seiner Mutter Wache hielt. Von da an war ihre Liebesaffäre nicht mehr dieselbe – Jon machte sich große Sorgen um seine Mutter. Er war nicht der Einzige. Alanna gefiel es gar nicht, wenn sie sah, wie die Königin wie ein Spatz aß und weiterhin Gewicht verlor, obwohl sie keines zu verlieren hatte. Lianne bekam auch einen Husten, den sie trotz Herzog Bairds bester Pflege nicht mehr loswurde.
»Myles«, sagte Alanna an einem Dezemberabend. Sie spielten gerade Schach. »Findet Ihr es normal, dass die Königin andauernd so kränklich ist?«
»Es sieht aus, als könne es sie das Leben kosten«, sagte Myles nach einer Weile stirnrunzelnd. »Soll ich das ›normal‹ finden?«
Alanna betrachtete nachdenklich einen Springer. »Herzog Baird ist der beste Heiler von Tortall. Warum kann er der Königin nicht helfen?«
Myles sah sie scharf an. »Du willst doch auf etwas hinaus, oder? Was bekümmert dich?«
Alanna nagte an ihrem Daumennagel. »Die Sache gefällt mir nicht«, gab sie zu. »Am Drell habe ich gesehen, wozu Herzog Baird fähig ist. Er ist von den Göttern gesegnet. Ein Fieber, einen Husten – derartige Dinge kann er im Handumdrehen heilen. Nur diesmal nicht. Das einzige Mal, wo ich ihn hilflos sah, war während des Schwitzfiebers.« Sie schob einen Bauern ein Feld weiter. »Es gab Leute, die der Meinung waren, das Schwitzfieber sei durch einen Zauber ausgelöst worden. Ihr wart einer von ihnen – wisst Ihr noch?«
»Glaubst du, da gibt es eine Verbindung?«, fragte Myles.
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, entgegnete Alanna. Dann nickte sie. »Ja, das glaube ich – und jetzt will ich nicht mehr länger schweigen. Zu viele schlimme Dinge sind Jonathan und all denen, die ihm nahe stehen, zugestoßen. Ich glaube ...«
»Alan, die Königin war noch nie sonderlich kräftig«, erinnerte Myles sie. »Sie hat sich nie ganz vom Schwitzfieber erholt. Ihre jetzige Schwäche ist vermutlich nicht so ungewöhnlich. Überleg es dir bitte genau, bevor du irgendjemanden beschuldigst.« Myles machte einen tiefen Atemzug. »Der Feind, den du dir damit einhandelst, ist zu mächtig, als dass du ihn ohne Beweise – ohne schlagkräftige Beweise – beschuldigen solltest.«
Alanna sah Myles in die Augen. »Ihr verdächtigt ihn also auch?«
Myles seufzte und strich sich über seinen Bart. »Beweise habe ich keine, Alan. Er ist gerissen und er lässt sich nicht so ohne Weiteres erwischen. Mein Verdacht – und dein Verdacht – ist lediglich auf Dingen begründet, die zufällig zusammenkamen. Deswegen kannst du niemanden des Hochverrats bezichtigen.«
»Der Graue Dämon und seine Gefährtin waren kein Zufall.« Nachdem sie wochenlang mit sich gerungen hatte, erzählte Alanna ihrem Freund nun von ihrer Entdeckung, dass der Glutstein ihr zeigen konnte, wann Magie mit im Spiel war. Sie gab ihn Myles sogar in die Hand. Er untersuchte ihn kurz und gab ihn zurück.
»Woher hast du dein?«
Alanna erzählte von ihrem Zusammentreffen mit der Göttin im Wald und unterschlug lediglich, dass diese sie als Mädchen erkannt hatte. Manchmal wurden auch Männer von der Muttergöttin erwählt. Sie brachte es nicht über sich, Myles zu gestehen, dass sie jahrelang vor ihm verheimlicht hatte, wer sie in Wirklichkeit war. Der Ritter lauschte mit ausdrucksloser Miene. Als sie fertig war, erkundigte er sich: »Gibt es vielleicht noch etwas, wovon du denkst, ich müsste es wissen?«
Nachdem Alanna ihren Verdacht so lange in sich angestaut hatte, sprudelte sie nun los. »Als Herzog Gareth von seinem Pferd abgeworfen wurde, hing eine Klette in der Satteldecke. Und der Mann, der es sattelte, verschwand am selben Tag. In der Nacht, in der ich von den Tusainern entführt wurde, unterhielt ich mich mit Herzog von Conté. Er wollte, dass ich sein Freund werde. Er sagte, wenn ich mit ihm befreundet wäre, könne ich ein hohes Alter erreichen. Ich sagte, meinen Freunden müsse das gleiche Vorrecht zukommen, ich sei aber nicht der Meinung, dass das auch sein Wunsch sei. Er ging weg und Nebel zog auf. Erinnert Ihr Euch an den Nebel und daran, dass man Trusty nicht mehr wach kriegen konnte? Ist es nicht komisch, dass alles geschah, nachdem Roger mich besucht hatte? Und dass das einzige Geschöpf, das mir hätte helfen können – nämlich mein Kater –, durch Zauberkraft die Besinnung verlor? Die Tusainer waren auf meine Ankunft vorbereitet, Myles. Sie haben mir ganz besondere Ketten angelegt. Nicht nur das, nein, sie hatten auch schon von mir gehört, und ich sollte nicht freigelassen werden. Wer hat ihnen so viel von mir erzählt? Jem – Jemis? Ich glaube nicht, dass er mehr von mir wusste, als dass ich die Heilgabe besitze. Und habt Ihr Euch nie gefragt, wieso Jonathan bei dem ersten größeren feindlichen Angriff von allen anderen abgedrängt wurde?«
»Du hast keine Beweise«, entgegnete Myles beharrlich.
»So nachlässig ist Herzog Roger nicht«, sagte Alanna bitter. »Ich habe nur das, was ich sah und was ich glaube.« Sie stand auf und stocherte im Feuer. Vor Wut hatte sie fest die Kiefer aufeinandergepresst.
»Du hasst Roger, habe ich recht?«, fragte Myles ruhig. Er schenkte zwei Gläser Wein ein.
Alanna schwieg und dachte nach. »Wenn Hass bedeutet, dass man jemanden, von dem man genau weiß, dass er böse ist, zur Strecke bringen will, dann ja – dann hasse ich den Herzog von Conté.«
Myles packte sie an den Schultern. »Sieh dich vor. Er ist zu mächtig: Du darfst ihn nicht reizen. Ohne Weiteres könntest du es sein, der stirbt, und keiner wüsste, dass er dafür verantwortlich ist. Er ist dazu fähig, das weißt du. Und wer wird Jonathan vor ihm schützen, wenn du nicht mehr da bist? Er hat Angst vor dir, sonst hätte er nicht riskiert, sich bloßzustellen, und dich um deine Freundschaft gebeten.«
Alanna grinste. Myles hatte sie auf einen Gedanken gebracht. »Ich glaube, ich kenne noch einen, vor dem er Angst hat.«
»Stell dich doch nicht so ungeschickt an«, drängte Alex, während sich Alanna mit ihren Schlittschuhen abmühte. »Bestimmt warst du in Trebond schon mal eislaufen.«
»Nur, als ich noch ganz klein war«, entgegnete Alanna kurz angebunden und beäugte die Eisfläche vor sich. Gary und Raoul jagten gerade ihren Knappen hinterher; Jonathan half Cythera von Eiden auf die Beine. Gwynnen, eine andere Hofdame, lachte ausgelassen, während sie unter der Januarsonne Achter zog.
Warum hatte sie sich von Alex bloß zu einer derart blöden Wette überreden lassen? Seit sie damals mit fünf eingebrochen war, war sie nie mehr Schlittschuh gelaufen. Aber alle hatten gesagt, sie sei ein Angsthase; Jonathan hatte sie mit einem »Wie bitte?« in den Augen angesehen, und Alex hatte zehn Goldnobel darauf gewettet, dass es ihr nicht gelänge, einmal rund um den Teich zu fahren, ohne zu stürzen. Ihr Stolz erlaubte es ihr nicht, eine derartige Herausforderung abzulehnen, obwohl sie sich seit dem »freundschaftlichen Duell«, bei dem Alex sie fast getötet hatte, vor ihm in Acht nahm.
Ihre Freunde applaudierten, als sie aufs Eis hinausstakste; Trusty miaute ermutigend vom Land her. Er hatte darauf bestanden mitzukommen, obwohl er – wie jede normale Katze – das Wasser hasste, ob es nun gefroren war oder nicht. Alanna probierte ein paar Schritte und war erleichtert, als sich das Eis unter ihren Füßen stabil anfühlte. Sie wurde ein bisschen mutiger, fuhr ein paar Fuß weit und hielt nur an, um ein Schlittschuhband neu zu knüpfen.
Ohne Vorwarnung kamen Geoffrey und Sacherell hinter ihr angefahren, packten sie rechts und links an den Armen und zogen sie bis zum Ende des Teichs. Alanna lachte und befahl ihnen, sie loszulassen. Die beiden würden sie nicht stürzen lassen, das war ihr klar. Raouls Knappe war der beste Eisläufer im Palast und für einen, der in Persopolis geboren und aufgewachsen war, stellte sich auch Geoffrey ganz geschickt an. Grinsend setzten sie Alanna vor Alex ab.
»Was ist?«, fragte der junge Ritter lachend und deutete aufs Eis. »Eine Wette ist eine Wette!«
Alanna setzte sich mit zusammengebissenen Zähnen in Bewegung und fuhr mit regelmäßigen Zügen am Ufer entlang. Als sie erst einmal den Rhythmus heraushatte, musste sie nur noch nach Erhebungen und rauen Stellen im Eis Ausschau halten. Es macht mehr Spaß, als ich in Erinnerung hatte, dachte sie, als sie ein gutes Stück von ihren Freunden entfernt am anderen Ende des Teiches angekommen war. Vielleicht sollte ich öfter eislaufen gehen!
An diesem Ende des Teichs standen einige Büschel Schilfgras. Sie machte einen großen Bogen drum herum, da ihr einfiel, dass an solchen Stellen das Eis schwächer war. Nur noch ein Drittel der Strecke lag vor ihr, als das Eis unter ihr nachgab. Sie unterdrückte einen Schrei, als sie wie ein Stein ins eiskalte Wasser stürzte. Genauso war es damals mit fünf gewesen, und auch damals hatten die Schlittschuhe sie nach unten gezerrt. Sie versuchte verzweifelt sie von den Füßen zu ziehen, hielt die Luft an und verfluchte sich, weil sie sich aus Angst vor der Kälte so dick angezogen hatte. Da! Die Schlittschuhe waren ab, und Alanna kämpfte sich nach oben. Ihre Lunge platzte fast. Panik stieg in ihr auf. Sie zwang sich, einen klaren Kopf zu behalten, denn sie wusste, dass es ihr Ende sein würde, wenn sie die Nerven verlor. Ganz bestimmt war sie gleich oben und konnte wieder atmen ...
Ihre Hände trafen auf Eis. Sie tastete umher und versuchte, das Loch zu finden, durch das sie gestürzt war, aber es war hoffnungslos. Hilflos im Wasser schlotternd, tastete sie nach dem Glutstein. Sie merkte es nicht einmal, als sie ihn in ihrer gefühllosen Hand hielt, bis sein Feuer erstrahlte und ein Loch in das Eis über ihrem Kopf schmolz. Sie schoss zur Oberfläche und japste nach Luft, bevor die nassen Kleider sie wieder nach unten zerrten.
Noch einmal, befahl sie sich und kämpfte sich mit letzter Kraft wieder nach oben. Diesmal griffen starke Hände nach ihren Armen, und Jon und Raoul zogen sie hinaus aufs Eis. »Ist jemand losgerannt, um Hilfe zu holen?«, fragte Jonathan nervös, während er ihr die Jacke auszog. »Zieht ih... Zieht seine oberste Schicht Kleider raus!«
»Die Mädchen sind losgerannt«, entgegnete Gary und zerrte Alannas Fausthandschuhe herunter. »Mithros, Alan, du hast uns einen – Trusty, verschwinde von hier!«
Alanna versuchte den Kopf zu wenden. »Was macht er?«, fragte sie.
Raoul runzelte die Stirn, als er ihr den zweiten Stiefel auszog.
»Er leckt am Eis. Komm, Alan, wir bringen dich an Land.«
Alanna genoss das einmalige Gefühl, von jemandem getragen zu werden, der mit ihr umging wie mit einem Kätzchen. »Er leckt am Eis?«, fragte sie mit schwacher Stimme.
»Ich komme gleich wieder«, sagte Jonathan. Er fuhr mit Alex zusammen zu dem Kater hinüber. »Komm mit, Trusty«, befahl er streng. »Sonst macht sich Alan Sorgen.«
Alex schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Der Teich ist schon seit Wochen fest zugefroren. Wie ...«
»Warum lecken Tiere Eis?«, fragte Jon. Seine Stimme klang eigenartig. Vorsichtig kniete er sich neben Trusty und behielt dabei das große Loch im Auge, durch das Alanna eingebrochen war. Er rieb mit der bloßen Hand über das Eis und leckte am Finger. »Jemand hat hier Salz gestreut«, rief er. »Sieh dir die Vertiefungen an und wie rau es ist.«
»Mord«, flüsterte Alex und sah genauer hin. »Aber wer von uns sollte das Opfer sein? Könnte es vielleicht bloß ein echt schlechter Scherz gewesen sein?«
»Ich lache nicht«, kommentierte Jonathan trocken. »Lachst du?«
Als sie sich von ihrem eisigen Bad erholt hatte, entschloss sich Alanna zu handeln. Da sie es nicht wagte, ihre Gedanken schriftlich niederzulegen, schickte sie Thom durch Georg eine mündliche Nachricht. Sie brauchte die Hilfe ihres Bruders. Nur Roger konnte hinter dem Unfall am Ententeich stecken, und sie wollte nicht, dass ihr weitere derartige »Unfälle« zustießen. Sie fand es auch interessant, dass Alex dabei gewesen war.
Wochen gingen vorüber, ohne dass eine Antwort kam und ohne dass der Bote zurückkehrte. Schließlich sandte Georg einen Suchtrupp aus, und im März erhielt Alanna eine Antwort – oder zumindest so etwas Ähnliches.
»Mein Bote wurde ermordet«, sagte ihr Georg. »Er hat fünf Pfeile in den Rücken gekriegt, und alle waren sie vergiftet. Da wollte einer ganz sichergehen.«
Alanna runzelte die Stirn. »Ich werde selbst gehen müssen«, sagte sie mit besorgter Stimme. »Nicht gleich; die Gebirgspässe sind zugeschneit. Und im Augenblick braucht mich Jonathan.«
Georg zwang sie, ihn anzusehen. »Du liebst Jon, nicht wahr?«, fragte er leise. »Und ich bin ein blinder Dummkopf, dass ich das noch nicht gemerkt habe.«
Alanna schüttelte seine Hände ab. »Ich weiß nicht, was Liebe ist«, sagte sie verlegen. »Zumindest die, von der du sprichst, die, die ewig währt, kenne ich nicht.«
Georg lachte und schüttelte den Kopf. »Mein Mädchen, wann wirst du lernen das zu sehen, was direkt vor deiner Nase liegt?«
Alanna griff nach oben und kniff Georg in die Nase. »Wenn es etwas zu sehen gibt«, neckte sie. »Also hör auf, von mir zu verlangen, dass ich etwas sehe, was gar nicht existiert.«
Georg lächelte. »Du bist ein störrisches kleines Ding«, sagte er. »Das macht dich ja so anziehend. Und wenn du vorhast, in die Stadt der Götter zu reiten, dann komme ich mit.« Als sie protestierte, brachte er sie zum Verstummen, indem er seine große Hand über ihren Mund legte. »Hast du nicht gehört, was ich sagte? Mein Mann bekam fünf vergiftete Pfeile in den Rücken, und du hast Glück gehabt, dass du ihm keinen Brief, sondern nur eine mündliche Nachricht mitgegeben hast. Er wurde durchsucht, und seine Sachen lagen um ihn herum im Schnee verstreut. Gut, dass es so kalt ist diesen Winter – dadurch war alles gefroren, und nichts hat sich verändert seit seinem Tod. Also, Fräulein, ich reite mit, wenn du deinen Bruder besuchen gehst, ob es dir nun gefällt oder nicht.«
Alanna zog eine Grimasse und schwieg. Wenn es so weit war, würde sie ohne Georg aufbrechen. Sie konnte allein auf sich aufpassen!
Jonathan wollte sie nicht gehen lassen, aber Anfang April machte sich Alanna trotzdem auf den Weg zur Stadt der Götter. Trusty gab sie genaue Anweisungen, er solle auf den Prinzen aufpassen und Myles holen gehen, wenn irgendetwas vorfiele.
Vor Morgengrauen sattelte sie Moonlight und stahl sich aus dem Palast. In der Stadt war kaum jemand – und kein einziger Schurke – unterwegs. Sie dachte, sie habe Georg überlistet, weil sie im Palast nur einen halben Tag zuvor Bescheid gesagt hatte. Sie irrte sich. Der Dieb wartete am Stadttor auf sie. Er trug Reitkleidung und saß auf einem stämmigen rotbraunen Gaul.
»Jonathan hat es dir gesagt«, beschuldigte ihn Alanna.
»Nein. Stefan hält sich Brieftauben. Ich lasse dich nicht aus den Augen, Kleine, und das ist auch gut so.«
Da sie sowieso nichts daran ändern konnte, dass Georg mit ihr kam, lachte Alanna und lenkte ihr Pferd neben ihn. Würde es ihr je gelingen, ihn auszutricksen?
Es war ein schöner Ritt in Richtung Norden. Georg war witzig und unterhaltsam; er hatte tolle Geschichten zu erzählen. In Trebond machten sie für eine Nacht halt. Coram war entsetzt von der Gesellschaft, in der sie sich befand, und hielt ihr eine ordentliche Strafpredigt, doch Alanna tat sein Geschimpfe mit einem Schulterzucken ab. Stattdessen verbrachte sie etwas Zeit mit dem jungen Mann, den Coram als seinen Ersatzmann einlernte; es war ein netter Kerl, der eine kleine Familie und etwas Bildung hatte. Alanna wusste nach diesem Gespräch, dass er ihr ebenso treu dienen würde, wie Coram es tat. Mit Coram vereinbarte sie, dass er im November zum Palast kommen würde, um mit dabei zu sein, wenn sie ihre Ritterprüfung ablegte.
Nun ritten Alanna und Georg weiter zur Stadt der Götter. Alanna seufzte müde, als sie endlich vor den mächtigen Stadtmauern ankamen. Rundum erstreckten sich meilenweit graue Berge, auf denen kaum etwas wuchs.
»Wie hält es Thom nur aus in so einer abscheulichen Gegend?« , fragte sie Georg. »Ich würde verrückt werden, wenn ich mir das unentwegt anschauen müsste.«
»Wie die meisten Gelehrten hat er vermutlich keinen Blick dafür«, entgegnete Alanna.
Die Kriegerpriester, die an den Toren Wache hielten, führten sie zum Mithran-Kloster. Als sie an der Klosterschule der Mutter der Berge vorüberkamen, schauderte Alanna. Hinter diesen Mauern hatte sie fast sechs Jahre ihres Lebens verbracht. Jetzt war sie glücklicher als jemals zuvor, dass sie dem entronnen war. Ein orangefarben gekleideter Geweihter ließ sie ins Kloster ein; Novizen nahmen ihnen die Pferde ab. Ein uralter, gelbhäutiger Mann in den schwarz-goldenen Gewändern der Meister kam ihnen mit wackligen Schritten entgegen, um sie zu begrüßen.
»Euer Besuch ehrt uns, Knappe Alan und Bürger Cooper«, sagte er. »Ich bin Si-cham, der Vorsteher der Meister hier.«
Alanna verbeugte sich tief. Als Zauberer war Si-cham fast so mächtig wie Herzog Roger. Als Priester stand er allen Mithros-Priestern der Ostländer vor. »Es wäre uns eine Ehre, wenn ihr uns bei unserem Abendessen Gesellschaft leisten wolltet«, fuhr der freundliche alte Mann fort. »Wir hören so wenig Neuigkeiten von draußen.«
»Es wird uns eine Ehre sein«, erwiderte Georg.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet. Folgt mir bitte. Ich denke nicht, dass euch Meisterschüler Thom erwartet. Oder doch?«
Alanna verneinte. »Ich wollte ihn überraschen.«
Si-cham warf ihr einen durchdringenden Blick zu, bevor er an eine der vielen Türen klopfte, die den langen Flur säumten. »Glaubst du, dass unseren Meisterschüler Thom noch vieles überraschen kann?«
Bevor Alanna diese komische Frage beantworten konnte, öffnete Thom die Tür. Er hatte einen Bart, war größer geworden – und älter. Voller Freude umarmte er Alanna und rief: »Bruderherz!« Als er ihren Begleiter sah, wurden seine violetten Augen ganz groß. »Das ist doch nicht etwa Georg Cooper?«, fragte er und strahlte.
»Derselbe«, entgegnete Georg und reichte ihm die Hand. »Ich habe auch schon das eine oder andere von dir gehört.«
»Sicher auch Gutes. Zumindest manchmal«, spaßte Thom und schüttelte Georgs Hand. Er warf Meister Si-cham einen Blick zu, während sich Alanna verwirrt sagte: Er wusste, dass wir kommen. Er war überhaupt nicht überrascht.
»Ihre Sachen wurden zum Gästeflügel gebracht.« Die Stimme des Meisters, die noch vor einem Augenblick warm und freundlich gewesen war, wurde plötzlich frostig. »Sie haben auch meine Einladung angenommen, mit uns zu Abend zu essen.« Thom zog eine seiner kupferfarbenen Augenbrauen hoch. »Oh?«, fragte er übertrieben freundlich. »Dann werde ich mich wohl ebenfalls dazugesellen müssen, wie?«
»Zur Abwechslung einmal.« Die Stimme des alten Meisters war so trocken wie Herbstlaub. »Ich werde euch nun allein lassen, damit ihr euch unterhalten könnt.« Er eilte den langen Flur hinunter.
Alanna war verwirrt. »Ich begreife das nicht. Vor einem Augenblick war er noch so freundlich.«
»Sie sind wütend auf mich, seit ich aufhörte, den Idioten zu spielen und die schriftliche Meisterprüfung bestand. Kommt rein, setzt euch. Wein?« Thom läutete die Glocke und ein Diener, der das weiße Gewand der Novizen trug, kam herein. Thom gab dem Jungen Anweisungen und tat so, als merke er nicht, das ihn Alanna und Georg anstarrten. Als der Novize verschwunden war, ließ sich Alanna auf einen Stuhl plumpsen. Die meisten, die den Meistertitel anstrebten, machten nicht einmal den Versuch, die Prüfung abzulegen, bevor sie mindestens dreißig waren.
»Du hast die schriftliche Meisterprüfung bestanden?« Alanna hatte Mühe die Worte herauszukriegen.
»Vor zwei Wochen. Sie war leichter, als du denkst.« Thom zuckte die Achseln, bedeutete Georg, er solle sich neben Alanna setzen, und nahm sich den dritten Stuhl. »Jetzt liegen nur noch die mündliche Prüfung und die Magierprüfung vor mir.«
»Das nennst du ›nur noch‹?«, fragte Alanna mit schwacher Stimme.
Thom lachte darüber, dass Alanna so entsetzt war. »Ich war schon vor über einem Jahr dafür bereit. Und jetzt können sie es nicht mehr erwarten, bis ich fertig bin und von hier verschwinde. Ich mache sie nervös.«
Der Wein wurde gebracht. Alanna trank den Inhalt ihres Glases in einem einzigen Zug aus und schenkte sich ein zweites ein, während Georg von ihrem Ritt zur Stadt der Götter erzählte. Als Alanna ruhiger geworden war, wandte sich Thom wieder zu ihr. »So. Was bringt euch beide gleich nach dem Auftauen der Pässe zu mir? Oder vielmehr – was bringt dich, Schwester? Ich liege mit meiner Vermutung wohl ganz richtig, dass Georg zu deinem Schutz mitkam.«
Georg lächelte und trank seinen Wein in kleinen Schlucken. »Um die Wahrheit zu sagen, so war mir eher an dem Ritt gelegen. Dir ist ja sicher klar, dass Alanna auf sich selbst aufpassen kann.«
Thom lächelte sarkastisch. »Du kamst, um sie vor einem gewissen Jemand mit seinem ewigen Lächeln zu beschützen«, sagte er. »Oder dachtest du, ich hätte ihn vergessen? Er hat mich nicht vergessen. Es gibt zwei Leute hier, die mich beobachten.«
»Umso besser, dass du deine Prüfung bald hinter dir hast.« Alanna zuckte die Achseln. Wenn Thom die Angelegenheit auf die leichte Schulter nahm, dann konnte sie das auch. »Ich brauche dich im Palast.«
»Wirklich?«
»Sei nicht so überheblich, Bruder«, sagte sie. »Früher habe ich dich in den Ententeich getaucht – und wenn du mich wütend machst, versuche ich es noch einmal. Die Angelegenheit ist zu wichtig.«
Thom lachte. »So ernst? Na gut – was gibt es?«
Sie unterhielten sich, bis die Glocken sie zum Abendessen riefen, und anschließend redeten sie weiter bis spät in die Nacht. Alanna wollte, dass Thom in den Palast kam, um auf Jonathan aufzupassen, wenn sie auf Reisen ging. Thom lehnte nicht ab; er hatte durchaus Lust, eine Zeit lang am Hof zu leben. Als diese wichtigste Frage geklärt war, erzählten Alanna und Georg, was sie von Roger wussten oder vermuteten. Das Einzige, was die beiden Männer überraschte, war die Geschichte mit dem Glutstein. Zuletzt erzählte sie ihrem Bruder noch von den Experimenten, die sie mit dem Stein angestellt hatte. Dann setzte sie sich zurück und gähnte. Sie konnte sich daran erinnern, dass die Uhr Mitternacht geschlagen hatte, aber das war vor mindestens einer Stunde gewesen.
Georg schüttelte den Kopf. »Hast du sonst noch irgendwelche Überraschungen für mich?«, fragte er.
»Sei nicht albern«, entgegnete sie. »Ich hätte es dir schon früher erzählt, aber ich fand nie die rechte Gelegenheit. Es ist meiner Meinung nach nichts, worüber ich viel reden sollte.«
Thom stand auf und sah auf sie hinunter. »Eine Göttin!«, sagte er leise. »Was hätte ich dafür gegeben, mit dabei gewesen zu sein!«
»Ich wollte, du wärst tatsächlich mit dabei gewesen«, sagte Alanna frei heraus. »Ich hatte schreckliche Angst. Aber vielleicht hätte sie nicht mit mir geredet, wenn ich nicht allein gewesen wäre.«
Thom streckte die Hand aus. »Lass ihn mich anschauen.«
Ohne ihren Zwillingsbruder aus den Augen zu lassen, zog Alanna langsam die Kette über den Kopf. Der Glutstein, in dessen Innern das Feuer glimmte, baumelte einen Augenblick in der Luft. Thom nahm ihn und hob ihn vor die Augen. »Verrät dich das Glimmen bei Nacht?«, fragte er gedankenverloren. Alanna sah, dass er mit seinen Gedanken nicht bei ihr, sondern bei den Fragen war, die das Andenken der Göttin aufwarf. Das war Thoms anderes Gesicht, das Gelehrtengesicht, das er trug, wenn er einem auf modernden Schriftrollen oder in halb verbrannten Büchern geschriebenen alten Zauberspruch auf der Spur war.
»Nein.« Sie fühlte sich ein wenig verlassen. An diesen Ort, wo sich ihr Zwillingsbruder gerade befand, konnte sie ihm nicht folgen. »Er brennt innerlich, aber eigentlich brennt er nicht, wenn du weißt, was ich meine.«
Georg, der ihr ansah, wie verloren sie sich vorkam, trat hinter sie und rieb ihr die Schultern. Dankbar lächelte sie zu ihrem Freund hinauf. Er schien immer ganz genau zu wissen, was in ihr vor sich ging.
»Faszinierend«, flüsterte Thom. Plötzlich wurde sein Gesicht angespannt. Er warf den Stein in die Luft, deutete mit dem Finger darauf und rief ein Wort, das weder Alanna noch Georg kannten. Es gab eine mächtige, aber geräuschlose Explosion. Der Raum wankte; Alanna packte Georg, damit er nicht stürzte. Überall in den Klostergebäuden flammten Lampen auf. Schreie ertönten. Alanna warf Thom einen wütenden Blick zu. Achselzuckend gab er ihr den Glutstein zurück. Die Kette war verschwunden; ein kleiner Klumpen geschmolzenen Goldes hing an der Kristallumhüllung des Steins. »Es ist ihm nichts passiert«, versicherte ihr Thom.
Alanna fand die Sprache wieder. »Nichts passiert?«, rief sie wütend. »Was hast du damit gemacht?«
»Er hat einen Befehl gesprochen«, sagte eine trockene Stimme von der Tür her. Si-cham, der über seinem Schlafgewand einen zerknitterten Morgenmantel trug, stand da. »Stammt dieser Gegenstand von den Unsterblichen?«
Wortlos reichte ihm Alanna den Glutstein. Insgeheim nahm sie sich vor, es Thom heimzuzahlen, dass er sie in diese Lage brachte. Der gelbhäutige Mann musterte den Stein einen Augenblick lang und gab ihn dann zurück. »Dein Bruder hat dem Stein befohlen seine Geheimnisse preiszugeben«, erklärte er. »Nur ein Gegenstand, der von den Unsterblichen gemacht wurde, kann so einem Befehl widerstehen, und dieser hier hat es getan. Du solltest deinem Bruder Thom kein so gefährliches Spielzeug geben. Knappe Alan.« Si-cham warf Thom einen Blick zu. »Ich nehme an, dir ist klar, dass du eine Menge äußerst komplizierter Zaubersprüche unterbrochen hast, an denen einige der Meister arbeiteten. Viele von ihnen werden wochenlang brauchen, um den Schaden wiedergutzumachen.«
Thom zuckte die Achseln. »Es war notwendig«, sagte er kühl. »Ich musste feststellen, wie mächtig der Stein ist.«
»Ich verstehe.« Si-cham lächelte mit schmalen Lippen. »Sehr wohl. Um dich zu lehren, dass es sich lohnt, deine Mitgelehrten zu warnen, wenn du vorhast mit den Naturgewalten zu spielen, wird deine Magierprüfung darin bestehen, die Arbeit, die du heute Nacht zunichtemachtest, wieder in Ordnung zu bringen.« Der alte Meister nickte Alanna zu. »Bis morgen früh, Knappe Alan.«
Als sich hinter Si-cham die Tür schloss, drehte sich Alanna zu ihrem Bruder um. »Könntest du dich nicht mit ihnen anfreunden?« , wollte sie wissen. »Ich mag Meister Si-cham. Und die anderen...«
Thom schüttelte den Kopf. »Sie haben Angst vor mir, weil ich besser bin als sie. Sie würden mich hassen, selbst wenn ich mir ein Bein ausrisse, um nett zu ihnen zu sein – und das habe ich absolut nicht vor.«
Alanna runzelte besorgt die Stirn. »Du wirst sehr einsam sein«, sagte sie.
Thom lachte. »Ich hab die Gabe. Das reicht mir.«
»Ich frage mich, ob du recht hast. Das scheint mir nicht genug zu sein.« Sie musste daran denken, dass die Göttin ihr gesagt hatte, sie müsse das Lieben lernen. Ohne Liebe und Freundschaft würde Thom ein einsames Leben führen. Sie hatte wenigstens Freunde. War es möglich, dass sie auch das Lieben gelernt hatte? Sie verbrachten einen weiteren Tag im Kloster. Während sich Thom seinen Studien widmete, unterhielten sie sich mit anderen. Auch mit Thom gab es noch einiges zu besprechen. Als sie am nächsten Tag bei Morgengrauen aufbrachen, wusste Alanna, dass ihr Bruder bald kommen und ihr helfen würde Jonathan zu beschützen. Zumindest darauf freute sie sich; damit würde ihr eine große Last von der Seele genommen werden.
Einen halben Tag lang ritten sie wortlos dahin. Alanna dachte über ihren Bruder nach. Georg brach das Schweigen erst, als sie Rast machten, um Mittag zu essen.
»Dein Bruder ist ein interessanter Kerl.«
Alanna musste lachen. »Das ist er.«
»Er wird einen starken Beschützer für Jon abgeben. Du kannst also ohne Sorge auf Abenteuersuche gehen.« Alanna nickte. Georg beobachtete sie einen Augenblick lang, bevor er hinzufügte: »War er schon immer so stolz?«
Alanna schaute unglücklich zu ihrem Freund auf. »Ich glaube nicht. Er hatte sich verändert, als wir heimkamen, um unseren Vater zu begraben. Damals sah ich schon, dass er härter wurde. Aber als der mächtige Zauberer, der er jetzt ist, hat er jedes Recht, stolz zu sein. Nicht jeder kann mit so viel Magie umgehen. Ich habe es nie versucht; ich hatte Angst davor.«
»Eine weise Angst«, bemerkte Georg. »Außerdem – wolltest du denn ein guter Krieger und ein mächtiger Zauberer werden?«
»Das ist es nicht«, protestierte Alanna, der klar wurde, dass Georg annahm, sie könne ein bisschen eifersüchtig sein. »Er scheint nur so einsam zu sein. Und er merkt es nicht mal.«
Georg zog die Augenbrauen hoch. »Soll ich meinen Ohren trauen? Alanna, das herzlose Ding, spricht für die Liebe und nicht dagegen«
»Zieh mich nicht auf, Georg. Er ist mein Bruder. Ich liebe ihn.«
»Das weiß er«, sagte Georg, legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich. »Und darum beneide ich ihn. So, jetzt iss auf! Wir haben einen langen Heimritt vor uns.«
Diesmal machten sie nicht in Trebond halt. Sie ritten am Trebondweg vorbei, und Alanna blieb nur einen Augenblick stehen, um zu ihrem Zuhause hinüberzublicken. Mehr und mehr wurde der Palast zu ihrer Heimat, und Trebond war nur noch ein Ort auf der Karte für sie.
Am nächsten Tag bei Sonnenuntergang und noch einige Meilen von der nächsten Herberge entfernt spürte Georg, dass Gefahr im Anzug war. Er zügelte sein Pferd und blähte die Nasenflügel, als schnuppere er in den Wind.
»Falls mich meine Nase nicht täuscht ...« Er brach ab und stieß einen Schmerzensschrei aus: Ein hässlicher schwarzer Pfeil ragte aus seinem Schlüsselbein hervor. Männer stürmten zwischen den Bäumen hervor und umzingelten sie.
»Reit davon!«, ächzte Georg.
Moonlight bäumte sich auf und schlug mit den Hufen nach den beiden Schurken aus, die ihre Zügel zu packen versuchten. Georg zog einen Dolch aus der Scheide und schleuderte ihn einem Mann in die Kehle. »Reit endlich los!«, schrie er, als sich vier weitere auf ihn stürzten.
»Nein!«, schrie Alanna entschlossen und ritt geradewegs auf einen Mann zu, der eben einen Pfeil an seinen Bogen legte. Die Stute trampelte ihn unbarmherzig nieder, während Alanna Blitz zog und auf einen dritten Angreifer einhieb. Auch Georg zog sein Schwert, um den Mann zu töten, der ihn vom Sattel zu zerren versuchte. Das Gesicht des Diebes war fahl und mit Entsetzen fiel Alanna ein, dass der zu Thom ausgesandte Bote mit vergifteten Pfeilen ermordet worden war. Mit einem wütenden Aufschrei schlug sie die beiden Männer nieder, die sie von Georg abdrängen wollten. Als sie Moonlight wendete, sah sie, wie Georg einem Angreifer seinen zweiten Dolch in die Schulter schleuderte.
Georg zügelte sein Pferd. Sein Gesicht war weiß in der herabfallenden Dunkelheit. »Mach dir um mich keine Sorgen«, keuchte er. »Der Pfeil ist nicht vergiftet. Versuche von dem da so viel wie möglich zu erfahren!« Er deutete auf den Mann, den er soeben verwundet hatte; er war der Einzige, der noch auf den Beinen stand.
Alanna schnitt dem Schurken den Weg ab, als dieser wegzulaufen versuchte, und trat mit dem Fuß nach ihm, dass er zu Boden stürzte. Dann sprang sie vom Pferd. Wutentbrannt legte sie ihr Schwert an die Kehle des Mannes. Er starrte zu ihr empor und versuchte fortzukriechen.
»Rühr dich nicht vom Fleck!«, schrie Alanna, und ihre Stimme wurde schrill vor Zorn. Dieser Mistkerl hatte zusammen mit seinen Komplizen Georg verwundet! »Wer hat euch geschickt? Wer war es?«
»Dir sollte nichts zustoßen«, flüsterte der Schurke mit vor Angst weit aufgerissenen Augen. »›Ich will den Jungen lebend‹, wurde uns befohlen und dabei hat uns keiner gesagt, dass ihr so starke Kerle seid. ›Eine leichte Beute‹, sagte er.
›Tötet den Mann und bringt mir den Jungen, dann werdet ihr reich belohnt...‹«
»Wer hat das gesagt?«, brüllte Alanna.
Der Mann machte den Mund auf und wollte reden, doch aus seiner Kehle kamen nur schwache, erstickte Geräusche, und große Schweißtropfen liefen ihm übers Gesicht. Plötzlich wurde er bleich, kreischte und krallte nach unsichtbaren Händen, die um seine Kehle lagen. Seine Augen rollten nach oben, und er brach tot zusammen. Sofort nestelte Alanna an dem Glutstein unter ihrer Kleidung. Als sie ihn ergriff, sah sie augenblicklich, wie Spuren orangefarbenen Lichts den Körper des Mannes umgaben und dann verschwanden.
»Magie«, flüsterte sie. Sie sah sich nach Georg um. Wankend saß er in seinem Sattel. Da war keine Zeit zu verlieren! Alanna riss ein Seil aus ihrer Satteltasche und band Georg auf dem Rücken seines Pferdes fest. Dann bestieg sie Moonlight und reichte dem Freund ihre Branntweinflasche, während sie die Wunde untersuchte. Der Pfeil hatte Georgs Schultermuskel durchbohrt, und aus seinem Rücken ragte die Pfeilspitze hervor. Alanna nahm ihren ganzen Mut zusammen, schnitt die Pfeilfedern ab und zog den Pfeil aus der Wunde. Georg sank im Verlauf dieser Prozedur ohnmächtig gegen sie, wofür sie dankbar war. Sie lehnte ihn auf seinem Pferd nach vorn, nahm die Zügel und machte sich auf den Weg in die Dunkelheit.
Es kam Alanna so vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, bis sie in der Herberge anlangten. Barsch gab sie den Pferdeknechten Anweisungen und sah besorgt zu, wie sie Georg vom Pferd hoben und nach drinnen trugen. Das Angebot der Herbergswirtin, nach einem Heiler zu schicken, lehnte sie mit der kurzen Erklärung ab, sie besitze selber die Heilgabe. Sofort wurde ihnen ein Zimmer hergerichtet; ein Dienstmädchen brachte Branntwein, kochendes Wasser und saubere Tücher. Alanna machte sich daran, die Wunde zu reinigen und zu verbinden, und sprach dann ihren mächtigsten Heilzauber. Vom Kampf und vom Zaubern erschöpft, hielt sie bis spät in die Nacht hinein bei Georg Wache. Seine Gesichtsfarbe gefiel ihr nicht. Er hatte so viel Blut verloren ...
»Stirb mir nicht weg«, flüsterte sie, als die Uhr Mitternacht schlug und er sich immer noch nicht rührte. »Es ist doch nur eine kleine Schulterwunde. Göttin, Georg – stirb mir nicht weg!«
Seine Lider flatterten; er öffnete die Augen und lächelte. »Ich wusste nicht, dass dir was an mir liegt«, flüsterte er. »Und warum willst du mich beleidigen? Ich sterbe nicht wegen so ’nem winzigen Kratzer – ich hab schon Schlimmeres überlebt.«
Alanna wischte sich über die nassen Wangen. »Natürlich liegt mir was an dir, du gewissenloser Dieb!«, flüsterte sie. »Natürlich.«
An ihrem achtzehnten Geburtstag weckte Trusty sie kurz nach dem Morgengrauen. Steh auf und zieh dich an, erklärte ihr der Kater. Du willst doch nicht, dass die Überraschung, die sie planen, nicht nur für dich, sondern auch für sie eine Überraschung wird. Jonathan sagte, du sollest dich beeilen!
Alanna stopfte sich eben das Hemd in die Kniebundhose, als der Prinz an ihre Tür klopfte. »Bist du präsentabel, Knappe?«, wollte er wissen.
Alanna riss die Tür auf. »Ich bin immer präsentabel, Oberherr«, entgegnete sie. Dann sah sie, dass Gary, Raoul und Alex bei ihm waren. »Meint ihr nicht, dass es noch ein bisschen früh ist?«, murrte sie.
Mit großen Paketen beladen kamen sie hereinmarschiert. »Nein, meinen wir nicht, nörgle nicht so rum«, sagte Gary und schlug ihr auf die Schulter. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«
Die jungen Männer häuften ihre Geschenke aufs Bett und drehten sich zu Jonathan um. Er warf ihnen einen finsteren Blick zu. »Ich dachte, Raoul wollte es Alan erklären?«
»Du kannst besser Reden führen als ich«, sagte Raoul.
»Was sie versuchen dir nicht zu sagen«, erklärte Gary geduldig, »ist, dass wir uns abgesprochen und beschlossen haben, unser zukünftiger Held müsse ordentlich ausgerüstet sein.« Er deutete auf die Pakete auf dem Bett. »Die Geschenke sind von uns, vom König, der Königin, meinem Vater, Herzog Baird, Douglass, Geoffrey, Sacherell – habe ich einen vergessen?«
»Ich glaube nicht«, sagte Alex.
»Myles sagte, er wolle verdammt sein, wenn er zu dieser Stunde aufstünde, aber wenn du in die Ställe gingst, fändest du etwas von ihm«, fügte Raoul hinzu.
Jonathan übergab Alanna das größte und schwerste Paket. »Mach schon«, drängte er, als sie es bloß anstarrte. »Es ist für dich.« In dem Paket befand sich das leichteste Kettenhemd, das Alanna je in der Hand gehabt hatte. Es war vergoldet. In den anderen Paketen waren ein vergoldeter Helm, ein mit Amethysten besetzter Gürtel aus Golddraht, weiche Glacé-Reithandschuhe, eine goldbesetzte Scheide für Blitz mit passendem Dolch und vergoldete, zum Kettenhemd passende Beinkleider. Alanna öffnete schweigend die Pakete. Das kleinste Päckchen von »Vetter Georg« enthielt einen Ring mit einem in mattes Gold gefassten schwarzen Opal.
Ehrfürchtig und fast erschrocken über diese liebevoll ausgesuchten Geschenke sah sie die anderen an. »Ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Sag gar nichts«, riet ihr Jonathan. »Geh und schau dir Moonlight an.«
Myles hatte ihr eine komplette Ausrüstung aus sauber gearbeitetem, mit Gold besetztem Leder für die Stute geschenkt. Moonlight zeigte ihre Freude mit einem schrillen Wiehern, während Trusty, in einem für ihn am Sattel befestigten Korb hockend, zufrieden schnurrte. Alanna heulte vor Glück, doch sie verbarg das Gesicht in Moonlights Mähne, und so merkte es keiner.
Und keiner wollte ihren Dank. Die jungen Männer befahlen ihr, still zu sein, oder ihnen – falls sie sich unbedingt erkenntlich zeigen wollte – den Text der schlüpfrigen Lieder beizubringen, die sie von den Männern aus der Drellfestung gelernt hatte.
»Warum bist du so durcheinander?«, fragte Jonathan sie in dieser Nacht. »Merkst du denn nicht, dass wir dich alle lieben und dir Erfolg wünschen – auch wenn du uns verlässt?«
»Umso mehr werden sie mich hassen, wenn sie die Wahrheit erfahren«, sagte Alanna unglücklich.
»Ach Quatsch. Meinst du nicht, dass manch einer von ihnen inzwischen was vermutet?«
Alanna sah ihren Freund und Geliebten an. »Myles«, flüsterte sie. »Ich möchte wetten, dass er es weiß.«
Jonathan entschloss sich, die äußerst eigenartige Unterhaltung, die er mit Myles am Tag nach der Entführung Alannas durch die Tusainer geführt hatte, nicht zu erwähnen. »Warum fragst du ihn nicht?«, entgegnete er stattdessen.
Darüber dachte Alanna nach, als ihr etwas anderes einfiel. »Jonathan – ich brauche zwei Ritter, die mich in den Ritterkodex einweisen, während ich vor der Prüfung das Reinigungsbad nehme. Was soll ich tun?«
»Ich schlage vor, dass du Vetter Gary Bescheid sagst«, gähnte Jonathan und ließ sich auf sein Bett sinken. »Er wird das Ganze für einen Riesenspaß halten. Aber ich glaube, wir können dich auch nach dem Bad einweisen.«
Alanna lachte und legte sich neben ihn. »Du willst nur nicht, dass Gary mich nackt sieht.«
»Da hast du recht, das will ich nicht! Willst du das?«, fragte Jonathan misstrauisch und sah ihr in die Augen. Als Alanna bloß kicherte, wiederholte Jonathan: »willst du das?«
»Für einen, der es nicht ernst meint mit mir, bist du ziemlich eifersüchtig«, sagte sie und lachte.
Jonathan zwang sie, ihn anzusehen. »Ich meine es ernst mit dir. Auf meine Art«, sagte er ruhig. »Aber wenn ich von Liebe spräche, liefest du mir weg.«
»Bitte tu es nicht, Jonathan«, flüsterte sie.
»Siehst du, was ich meine?« Er gähnte wieder. »Reg dich nicht auf. So oder so kann ich nicht vom Heiraten reden ...«
»Ich will auch nicht vom Heiraten reden!«, rief sie. »Und ich will auch nicht, dass du von Liebe ...«
Jonathan brachte sie zum Verstummen, indem er ihr die Hand auf den Mund legte. »Ich liebe dich, Alanna«, sagte er mit fester Stimme. »Du brauchst das nicht weiter zu beachten, wenn du nicht willst, aber ich liebe dich. Schlaf jetzt.«
Alanna lag lange wach. Sie wünschte sich, er hätte es nicht gesagt, und doch war sie glücklich darüber. Sobald sie ein Ritter sein würde, wollte sie weggehen. Daran gab es keinen Zweifel. Und Jonathan musste eine Ehe eingehen, die gut war fürs Königreich. Daran gab es auch keinen Zweifel. Und doch ...
Sie dachte, er schliefe. »Ich liebe dich auch, Jonathan«, flüsterte sie.
Er schlang den Arm um sie und zog sie näher zu sich. »Ich weiß.«