1
Die Dame im Wald

Die Reiterin mit dem kupferfarbenen Haar sah zum dunklen Himmel empor und fluchte. Gleich würde das Gewitter losbrechen, und dabei gab es weit und breit keinen Unterschlupf. Sie hatte keine Wahl: Sie musste die Nacht im Freien verbringen.
»Ich hasse es, nass zu werden«, erklärte Alanna von Trebond ihrer Stute. »Ich friere auch nicht gern, und wahrscheinlich droht uns gerade beides.«
Als Antwort wieherte das Pferd und warf den weißen Schweif. Alanna seufzte und tätschelte Moonlight am Hals – es missfiel ihr auch, dass ihre treue Stute derart schlechten Witterungsbedingungen ausgesetzt war.
Sie kamen von den Küstenhügeln, wo Alanna etwas zu erledigen gehabt hatte. Vor ihnen erstreckte sich ein Wald; dahinter lag die Große Südstraße, und von dort aus war es nur noch ein halber Tagesritt bis zur Hauptstadt und nach Hause. Alanna schüttelte den Kopf. Mit etwas Glück konnten sie vermutlich irgendwo unter den Bäumen einen Unterschlupf finden.
Sie schnalzte Moonlight zu und ritt schneller. In der Ferne grollte der Donner, und ein paar Regentropfen wehten ihr ins Gesicht. Vor Kälte zitternd, fluchte sie leise. Sie überzeugte sich, dass die Schriftrolle, die sie, zwischen Waffenrock und Hemd gesteckt, mit sich trug, gut in der wasserdichten Hülle verwahrt war, und schlüpfte in einen Umhang, der mit einer Kapuze versehen war. Ihr Freund Myles von Olau würde ganz schön wütend werden, wenn das dreihundert Jahre alte Dokument, das sie für ihn geholt hatte, Regentropfen abbekam.
Moonlight trug sie unter die Bäume, wo Alanna in die sich herabsenkende Dunkelheit starrte. Wenn sie noch lange weiterritten, würde es selbst in einem so dichten Wald wie diesem hier unmöglich werden, trockenes Feuerholz zu finden, denn der Regen fiel inzwischen in dicken Tropfen. Es wäre schön, wenn sie eine verlassene – oder sogar eine bewohnte – Hütte fände, doch ihr war klar, dass sie darauf nicht hoffen durfte.
Mit einem nassen Klatschen schlug etwas auf ihren behandschuhten Handrücken – eine riesige, haarige Waldspinne. Alanna stieß einen Schrei aus, schleuderte das eklige Ding beiseite und jagte damit Moonlight einen Schreck ein. Die goldfarbene Stute tänzelte nervös, bis ihre Herrin sie wieder unter Kontrolle hatte. Einen Augenblick lang hockte Alanna zusammengekauert unter ihrem Umhang und schüttelte sich.
Ich hasse Spinnen, dachte sie aufgebracht. Spinnen sind ekelhaft. Angewidert schüttelte sie den Kopf und nahm mit immer noch zitternden Händen die Zügel wieder auf. Die anderen Knappen im Palast würden sie auslachen, wenn sie wüssten, dass sie vor Spinnen Angst hatte. Sie würden sagen, sie benähme sich wie ein Mädchen, ohne zu wissen, dass sie ja tatsächlich eines war.
»Und überhaupt – was wissen denn die schon über Mädchen? « , fragte sie Moonlight, während sie weiterritten. »Die Dienstbotinnen im Palast gehen mit Schlangen um und töten Spinnen, ohne sich albern aufzuführen. Warum sagen die Jungs, einer benähme sich wie ein Mädchen, als wäre das eine Beleidigung?«
Alanna schüttelte den Kopf und lächelte vor sich hin. In den drei Jahren, die sie nun schon als Junge verkleidet ging, hatte sie gelernt, dass die Jungs die Mädchen ebenso wenig kannten wie die Mädchen die Jungs. Total verrückt, dachte sie. Immerhin sind wir ja alle Menschen. Aber so war es eben.
Links vom Weg erhob sich steil ein Hügel, an dessen Spitze eine alte Weide mit dichtem Geäst stand. An der Stelle würde es stundenlang dauern, bevor der Regen bis nach unten auf den Boden drang, sofern ihm das überhaupt gelang, und zwischen Geäst und Stamm war Platz genug für sie und ihr Pferd.
In Windeseile hatte sie Moonlight den Sattel abgenommen und ihr eine Decke übergeworfen. Die Stute graste unter dem Baum, während Alanna trockenes Kleinholz, Äste und Blätter sammelte. Mit einiger Mühe und vielen Flüchen (Coram, ihr erster Lehrer im Feuermachen, war Soldat, und von ihm hatte sie die wildesten Ausdrücke gelernt) brachte sie ein Feuer in Gang. Als es schön brannte, sammelte sie große, ein wenig feuchte Äste und legte sie zum Trocknen daneben. All das hatte ihr Coram in Trebond beigebracht, als sie noch klein gewesen war und davon geträumt hatte, eines Tages eine Kriegerin zu werden.
Wie Coram ihr damals erklärte, als sie ihm von ihrem Vorhaben erzählte, gab es da nur ein einziges Problem. Die Töchter der Edlen besuchten Klosterschulen und wurden Damen. Die Jungen, vor allem die Erstgeborenen, wurden Krieger. Jedes Mal, wenn Coram in seiner Rede an diesem Punkt angelangt war, warf er Thom, Alannas Zwillingsbruder, der oft über seinen Büchern hockte, in denen es meistens um die Kunst der Magie ging, einen finsteren Blick zu. Thom war kein Krieger, ebenso wenig wie Alanna eine Zauberin war, obwohl sie wie Thom die Zaubergabe besaß. Sie hasste und fürchtete ihre magischen Kräfte – Thom wiederum wollte der größte Zauberer werden, der auf der Götter Erdboden lebte.
Alanna runzelte die Stirn und nahm sich etwas zu essen aus den Satteltaschen. Jetzt, wo sie müde war und sich ein wenig einsam fühlte, wollte sie nicht über Thom nachdenken.
Sie nieste zweimal, schaute auf und starrte angestrengt auf die Lichtung, die hinter dem Netz aus Weidenästen lag. Bevor übernatürliche Dinge geschahen, juckte ihr immer die Nase; weshalb, wusste sie auch nicht. Irgendwie hatte sich jetzt auch die Atmosphäre gewandelt, die auf der Lichtung herrschte. Hastig warf sie den Umhang zurück, damit sie die Arme frei hatte. Sie starrte mit ihren weit aufgerissenen violetten Augen in die Dunkelheit und zog Blitz, ihr Schwert, aus der Scheide.
Moonlight wieherte und wich zum Weidenstamm zurück. »Stimmt was nicht, mein Mädchen?«, fragte Alanna. Sie nieste wieder und rieb sich die Nase.
Von den Bäumen hinter ihr erklang ein Geräusch. Sie fuhr herum und hob ihr Schwert. Da war das Geräusch noch einmal. Alanna runzelte die Stirn. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass das unmöglich war, hätte sie geschworen, dass da draußen etwas miaute. Als ein schwarzes Kätzchen zwischen den Ästen hervorgetrottet kam, unter denen sich Alanna vor dem Regen untergestellt hatte, lachte sie und steckte Blitz wieder in die Scheide zurück. Das Kätzchen miaute unentwegt, als es Alanna sah, und schwenkte den buschigen Schwanz wie ein Banner. Das winzige Tierchen tappte zu Alanna hinüber und wollte hochgehoben werden.
Alanna gehorchte. Sie drückte es zärtlich an sich und kramte in den Satteltaschen nach ihrer Decke.
»Wo kommst denn du her, Kätzchen?«, fragte sie und rubbelte es sanft trocken. »So eine grässliche Nacht sollte keiner draußen verbringen müssen.«
Das Kätzchen schnurrte laut, als wolle es zustimmen. Das arme Ding besteht nur aus Haut und Knochen – bestimmt hat es kein Zuhause, überlegte sich Alanna. Da sie wissen wollte, wie die Augen des Kätzchens aussahen, hob sie ihm sanft das Kinn. Sie schluckte. Die großen Augen des schwarzen Kätzchens waren so violett wie ihre eigenen.
»Mächtige Gnädige Mutter«, hauchte sie ehrfürchtig. Sie setzte sich ans Feuer, gab ihrem kleinen Gast etwas von ihrem Essen und dachte nach. Von einer Katze mit violetten Augen hatte sie noch nie gehört. War sie übernatürlich? Eine Unsterbliche vielleicht? Alanna wusste nicht so recht, ob sie mit dem Kätzchen etwas zu tun haben wollte, falls es tatsächlich zu den Unsterblichen gehörte. Schwierigkeiten hatte sie auch so schon genug!
Als das Kätzchen satt war, putzte es sich energisch. Alanna lachte. Nur weil jemand violette Augen hatte, musste er noch lange nicht übernatürlich sein – dafür waren ja sie selbst und ihr Bruder Thom der beste Beweis. Offensichtlich benahm sich diese Katze ganz normal. Da fiel ihr etwas ein. Sie hob den Schwanz ihres neuen Haustiers. Es war ein Kater. Sie ignorierte sein Protestgeschrei gegen diese würdelose Behandlung und hob ihn auf ihren Schoß. Er murrte noch ein kleines Weilchen und machte es sich dann bequem. Alanna lehnte sich gegen den mächtigen Weidenstamm zurück und hörte dem lauten Schnurren zu. Es wird schön sein, ein Tier zu haben, mit dem man reden kann, dachte sie schläfrig.
Schlagartig musste sie wieder niesen, und zwar gleich fünfmal hintereinander. Einen Augenblick lang konnte sie nichts mehr sehen. Alanna fluchte wie ein Wachposten und wischte sich die tränenden Augen. Als ihr Blick wieder klar wurde, stand neben ihrem Feuer ein hoch gewachsener Fremder, der seinen Kopf unter einer Kapuze verborgen hielt.
Alanna sprang auf, zog ihr Schwert und ließ den laut protestierenden Kater auf den Boden plumpsen. Sie starrte den Neuankömmling an und bemühte sich Ruhe zu bewahren. Sie hatte nicht das Recht, diesen Mann – oder war es eine Frau? – anzugreifen, nur weil sie überrascht worden war.
»Womit kann ich dienen?«, keuchte sie. Das Kätzchen kratzte an ihrem Stiefel und wollte wieder hochgehoben werden. »Sei still«, befahl sie ihm und wandte sich dann wieder dem oder der Fremden zu.
»Ich sah dein Feuer durch die Bäume.« Die Stimme war so heiser und sanft wie der Wind, der durch die Baumwipfel strich, und doch erinnerte sie Alanna irgendwie an eine Meute bellender Jagdhunde. »Gestattest du mir, dass ich mich aufwärme?«
Alanna zögerte und nickte dann. Der oder die Fremde warf die Kapuze zurück und das Gesicht einer Frau – die größte Frau, die Alanna jemals gesehen hatte – kam zum Vorschein. Ihre Haut war schneeweiß, sie hatte schräg gestellte, smaragdgrüne Augen und volle, rote Lippen. Das Haar trug sie offen und es fiel ihr in schwarzen Locken bis über die Schultern herunter. Alanna schluckte. Das Gesicht der Frau war zu vollkommen, um wirklich zu sein, und sie ließ sich so graziös vor dem Feuer nieder, dass es aussah, als habe ihr Körper keine Knochen. Sie musterte Alanna, als diese sich unbeholfen wieder setzte. Die erstaunlich grünen Augen der Fremden waren undurchdringlich.
»Wie merkwürdig, hier an diesem Fleck einen Jüngling so ganz alleine anzutreffen«, sagte sie schließlich. Ihr Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln. »Über diesen Baum und das, was darunter vor sich geht, erzählt man sich seltsame Geschichten.«
Das Kätzchen hüpfte wieder auf Alannas Schoß und schnurrte. Alanna streichelte es nervös, ließ aber ihre Besucherin nicht aus den Augen.
»Das Gewitter hat mich überrascht«, entgegnete sie. »Das hier war der erste Unterschlupf, den ich finden konnte.« Und jetzt bedaure ich, dass ich ihn fand, fügte sie insgeheim hinzu. Überraschungen kann ich überhaupt nicht leiden!
Die Frau musterte sie von Kopf bis Fuß. Noch immer lag das undurchdringliche Lächeln auf ihrem Gesicht. »Jetzt bist du also ein Knappe, meine Tochter. In vier Jahren wirst du ein Ritter sein. Bis dahin ist es nun nicht mehr lange, wie?«
Alanna machte vor Überraschung mehrmals den Mund auf und wieder zu. Dann kniff sie die Lippen zusammen. Das mit dem Knappen war leicht zu erraten – unter ihrem Umhang trug sie die königliche Uniform, so wie es Vorschrift war, wenn ein Knappe ohne seinen Oberherrn auf Reisen ging. Aber die Frau hatte sie »meine Tochter« genannt. Die Fremde wusste also, dass sie ein Mädchen war, obwohl sie wie ein Junge gekleidet war und sich obendrein die Brüste bandagiert hatte! Und Alannas eigene Mutter war schon bei ihrer Geburt gestorben. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie die Stimme der Frau schon einmal gehört hatte. Nur wo? Schließlich gab sie die unverfänglichste Antwort, die ihr einfiel.
»Ich will ja nicht unhöflich sein, aber über die Ritterprüfung möchte ich lieber nicht reden«, sagte sie kurz und bündig. »Wenn möglich, möchte ich nicht einmal daran denken.«
»Aber du musst daran denken, meine Tochter«, mahnte die Frau. Alanna zog die Stirn in Falten. Fast wäre ihr wieder eingefallen, woher sie diese Stimme kannte. »Viele Dinge werden geschehen, wenn du die Ritterprüfung ablegst. Du wirst ein Ritter werden – der erste weibliche Ritter seit mehr als hundert eurer Jahre. Kurz darauf wirst du dein wahres Geschlecht bekennen müssen – so wie du geartet bist, wirst du nicht lange schweigen können. Ich weiß wohl, wie sehr du es hasst, deine Freunde im Palast so täuschen zu müssen.«
Alanna erstarrte. Jetzt wusste sie wieder, wo sie diese Stimme gehört hatte. Jonathan, der Sohn des Königs, war noch ein Junge gewesen. Er war am Schwitzfieber erkrankt und lag im Sterben. Die Palastheiler sagten, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Doch Alanna, die damals noch Page war, brachte Sir Myles dazu, die anderen zu überreden, sie ihre Heilkraft benutzen zu lassen. Die Zauberei, die das Fieber ausgelöst hatte, war zu mächtig für die Magie, die sie beherrschte, und so flehte sie schließlich inständig die Große Muttergöttin an. Daraufhin hörte sie eine Stimme, die ihr in den Ohren schmerzte – eine Frauenstimme, die so klang wie das Gebell einer aufgescheuchten Hundemeute oder wie die der Jägerin, die diese Hundemeute vorwärts hetzte. Und erst vor einem Jahr, als sie mit Jon in der Schwarzen Stadt gefangen war, hatte sie diese Stimme noch einmal gehört. Auch damals riefen sie die Göttin um Hilfe an, und sie antwortete und gab ihnen Anweisungen.
»Unmöglich«, flüsterte sie und ihre Stimme schwankte. »Ihr ... Ihr könnt nicht...«
»Und weshalb nicht?«, fragte die Muttergöttin. »Es wird Zeit, dass wir beide uns unterhalten. Du musst doch wissen, dass du eine meiner Auserwählten bist. Ist es denn so seltsam, dass ich für eine Weile zu dir komme, meine Tochter?«
Auch ohne dass die Götter sich einmischen, ist das Leben schon schwierig genug hatte ihr Myles mehr als einmal gesagt. Aber sie tun es trotzdem. Wir Menschen können nur hoffen, dass es ihnen bald zu mühsam wird und sie uns wieder in Ruhe lassen!
Alanna reckte störrisch das Kinn. »Ich habe nie darum gebeten, mit den Göttern zu sprechen«, erklärte sie der Unsterblichen auf der anderen Seite des Feuers.
»Stimmt. Du bittest nur selten um etwas«, sagte die Muttergöttin und nickte. »Du ziehst es vor, so viel wie möglich selbst zu erledigen. Aber das, was in den nächsten Jahren geschieht, wird dein künftiges Leben bestimmen, und du hast keine Mutter, die dir einen guten Rat geben könnte.«
Das Kätzchen hüpfte von Alannas Schoß und lief mit einem wütenden Miauen zu der Göttin hinüber. Diese hob es mit einer graziösen Handbewegung hoch und streichelte es mit scharlachrot lackierten Nägeln. »Keine Angst, Kleiner, ihr wird nichts zustoßen. Sie braucht nur einen Augenblick oder zwei, um sich auf ihre Angst einzustellen.«
»Ich habe keine Angst«, fauchte Alanna. Smaragdgrüne Augen fingen ihren Blick ein und hielten ihn fest, bis Alanna schluckte und beiseitesah.
»Also gut – ich habe Angst. Aber es nutzt mir wenig, wenn ich meine Angst zulasse. Dass Ihr mit mir redet, kann ich sowieso nicht verhindern, also finde ich mich am besten gleich damit ab.«
Die Göttin nickte. »Du hast deine Lektion als Page gut gelernt«, lobte sie. »Allerdings hast du drei Ängste, mit denen du dich nicht auseinandergesetzt hast.« Als Alanna nichts sagte, fuhr sie fort. »Du fürchtest die Ritterprüfung. Du fürchtest dich davor, seit du beim letzten Mittwinterfest bei Prinz Jonathans Prüfung Nachtwache hieltest.«
Alanna sah ins Feuer. Als sie entdeckte, dass es heruntergebrannt war, legte sie frisches Holz in die Flammen. Sie sah direkt vor sich, wie Jonathan mit grauem Gesicht aus dem mit Eisengittern versperrten Prüfungsraum gestolpert war. Er hatte sie angeschaut, ohne sie zu sehen – Jonathan! Selbst jetzt noch wurden seine Augen manchmal ganz dunkel und leer, und ihr war klar, dass er an die Prüfung denken musste.
Ihre Stimme schwankte, als sie sagte: »Er sah aus, als sei da drinnen ein Teil von ihm gestorben. Und dann, in der darauffolgenden Nacht, legte Gary seine Prüfung ab, dann Alex und dann Raoul – und alle sahen sie so aus.« Sie schüttelte den Kopf, ohne die Göttin anzusehen. »Keiner von ihnen ist ein Feigling. Was auch immer dort passiert sein mag: Wenn es so schrecklich war für sie ...« Sie machte einen tiefen Atemzug. »Manchmal wacht Jon nachts schreiend auf. Und es ist die Ritterprüfung, von der er träumt, obwohl er mir nichts Näheres darüber sagen darf. Wenn die Prüfung so schlimm ist, werde ich sie nicht bestehen. Bestimmt nicht. Und dann war alles umsonst: drei Jahre als Page, vier als Knappe, die Lügerei, alles.« Sie starrte in das undurchdringliche Gesicht der Göttin. »Oder etwa nicht?«
»Prinz Jonathan hat dich als seinen Knappen erkoren, obwohl er wusste, dass du ein Mädchen bist«, entgegnete die Göttin. »Du hast die Welt kennengelernt, die außerhalb von Trebond liegt. Du kannst reiten; du weißt den Bogen zu benutzen; du kannst mit dem Messer, dem Schwert und dem Speer kämpfen. Du kannst Karten lesen. Du verwaltest mit Corams Hilfe dein Lehnsgut, während dein Bruder studiert. Du schreibst und sprichst zwei Fremdsprachen; du kannst Kranke heilen. Ich glaube, du musst deine Frage selbst beantworten: Hat es sich gelohnt, was du getan hast?«
Alanna zuckte die Achseln. »Jetzt schon. Aber nicht, wenn ich versage. Manchmal wache ich nachts schwitzend auf und will schreien, nur mache ich es nicht. Dann käme nämlich Jon in mein Zimmer, und wir haben abgemacht, dass er das nicht darf. Nicht, nachdem wir zu Bett gegangen sind. Und von meinem Traum weiß ich nur noch, dass sie das Eisengitter hinter mir schließen, und ich bin in diesem Raum, und alles ist stockdunkel.«
»Ein Traum ist bloß ein Traum«, murmelte die Göttin. Alanna sah sie skeptisch an. Sanft fügte die Frau hinzu: »Wäre es denn so schlimm, wenn Jonathan tatsächlich käme, um dich zu trösten?«
Alanna errötete. »Natürlich wäre es schlimm. Er – na ja, so etwas gibt es nicht zwischen uns. Das will ich nicht.«
»Weil du Angst hast vor der Liebe«, erklärte ihr die Göttin. »Du hast Angst vor Jonathans Liebe und vor Georgs auch. Sogar vor Myles’ Liebe, der nur ein Vater für dich sein will, fürchtest du dich. Was ist es denn, was dir Angst macht? Menschliche Wärme? Vertrauen? Die Berührung eines Mannes?«
»Ich will von keinem Mann berührt werden!«, rief Alanna. Entsetzt streckte sie mit einer entschuldigenden Geste die Hände aus. »Entschuldigt. Ich wollte nicht respektlos sein. Ich möchte nur eine Kriegerin werden und Abenteuer erleben. Ich mag mich nicht verlieben; vor allem nicht in Georg oder Jon. Sie werden wollen, dass ich ihnen einen Teil von mir gebe. Das will ich aber nicht. Ich will mich nicht hergeben. Seht meinen Vater an. Er ist eigentlich nie über den Tod meiner Mutter hinweggekommen. Man hat mir gesagt, dass er nach ihr rief, als er letzten Monat starb. Er hat ihr einen Teil von sich selbst geschenkt und den hat er nie wiedergekriegt. Das soll mir nicht passieren.« Sie atmete tief ein. »Was ist meine dritte Angst? Am besten höre ich es mir gleich an und bringe die Sache hinter mich.«
»Herzog Roger von Conté.« Die Stimme der Göttin klang leise und sanft.
Alanna erstarrte. Schließlich flüsterte sie: »Ich habe keinen Grund, Herzog Roger zu fürchten. Nicht den geringsten.« Dann schlug sie die Hände vors Gesicht. »Grund habe ich keinen, ihn zu fürchten – aber ich tue es doch.« Sofern Alanna bisher noch einen Zweifel daran hatte, ob es auch wirklich die Muttergöttin war, die da vor ihr saß, so überzeugte sie jetzt die Tatsache, dass sie – fast gegen ihren Willen – so offen zu der Frau sprach. »Ich hasse ihn!«, rief sie plötzlich und hob das Gesicht. Es fühlte sich gut an, das nach so langer Zeit zu sagen. »Wisst Ihr, was ich glaube? Die Schwitzkrankheit hat damals alle Heiler so entkräftet, dass sie nicht mehr heilen konnten. Sie trat nur in der Hauptstadt auf – sonst nirgendwo – und Jon war der Letzte, der sie bekam. Man wusste, dass sie das Werk eines Zauberers sein musste. Man schickte nach Herzog Roger um Hilfe, aber keinem – weder dem König, noch Myles, Herzog Gareth oder Herzog Baird –, keinem kam in den Sinn, Herzog Roger selbst könne diese Krankheit hervorgerufen haben! Thom sagt, Roger sei mächtig genug als Zauberer, sie auch von Carthak aus zu senden, wo er sich gerade aufhielt. Und Thom müsste sich ja eigentlich auskennen.«
Alanna erhob sich. Die Daumen fest in den Gürtel gehakt, ging sie unter der Weide auf und ab. »Als Roger prüfte, ob ich die Gabe besitze, fühlte sich mein Kopf ganz komisch an – als habe einer mit einem Stock in meinem Gehirn herumgestochert. Und Thom schrieb mir aus der Stadt der Götter, er stünde unter Beobachtung. Und letzten Sommer ...«
»Letzten Sommer?«, half die Göttin nach.
»Ich glaube nicht, dass Jonathan die Schwarze Stadt betreten hätte, wenn uns nicht Roger alle zusammengerufen hätte, um uns zu warnen, wie gefährlich es dort sei. Jonathan ist sehr verantwortungsbewusst, was die Tatsache betrifft, dass er der Thronerbe ist – er würde sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Aber Roger trug einen großen blauen Edelstein um den Hals. Er drehte und wendete ihn, während er mit uns sprach, und die Lichtblitze, die dieser Stein ausstrahlte, machten mich schläfrig, bis ich schließlich den Blick abwandte. Mir kam es damals so vor, als sei Rogers Ansprache nur für Jonathan bestimmt – als wolle er ihn herausfordern, in diese Stadt zu gehen, obwohl er dort, wie Roger ganz genau wusste, sein Leben riskierte!« Seufzend lehnte sich Alanna an den Baumstamm. Sie fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. »Mit Jon kann ich nicht darüber sprechen. Einmal habe ich es versucht, aber er wurde wütend. Er hängt nämlich sehr an Roger. Der König mag ihn auch sehr. Roger sieht gut aus, er ist jung, klug und ein mächtiger Zauberer. Alle bewundern ihn. Keiner macht sich klar, dass Roger Thronerbe ist, falls Jonathan etwas zustößt. Keiner außer mir.«
»Was willst du wegen dieser dritten Sache, die dich so ängstigt, unternehmen?«, erkundigte sich die Göttin und scheuchte das Kätzchen von ihrem Schoß.
»Ihn beobachten«, sagte Alanna müde. »Warten. Vor allem will ich ihn, so gut ich kann, im Auge behalten. Georg – der Dieb – wird mir helfen. Thom auch. Jedenfalls soweit es ihm aus der Entfernung möglich ist. Wenn meine Vermutung richtig ist, werde ich nicht aufgeben, bevor ich Roger zur Strecke gebracht habe.«
Die Göttin nickte. »Du stellst dich also deiner Angst, meine Tochter. Mit der Zeit wirst du auch deine Angst vor dem Prüfungsraum überwinden. Und was ist mit deiner Angst vor der Liebe? Nun ja, wer weiß, was geschehen wird, um dich noch umzustimmen.«
»Nichts wird mich umstimmen«, sagte Alanna entschlossen.
»Vielleicht.« Die Göttin griff ins Feuer und holte ein rot glühendes Stück Glut daraus hervor. »Meine Zeit mit dir neigt sich dem Ende zu. Nimm dies aus meiner Hand.«
Alanna schluckte schwer. Das war ein bisschen viel verlangt, sogar von einer Göttin. Sie hob den Kopf und sah der Frau in die Augen. Zögernd streckte sie ihre zitternden Hände aus und nahm es entgegen.
Es war kalt! Sie erschrak so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ. Als sie es anschaute, entdeckte sie, dass die Glut von einer kristallenen Hülle umschlossen schien, in der sogar ein Loch eingelassen war, gerade groß genug, um eine Kette durchzuziehen. Die Glut flackerte in ihrer Hülle; die grelle Röte verblasste nach und nach zu einem sanften Strahlen.
Die Göttin erhob sich. »Der Prüfungsraum ist bloß ein Raum, auch wenn er mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist, und du wirst ihn betreten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Herzog Roger ist nur ein Mann, auch wenn er über Zauberkräfte verfügt. Man kann sich ihm stellen und ihn bezwingen. Aber du, meine Tochter, du musst das Lieben lernen. Man hat dir einen schweren Lebensweg auferlegt. Die Liebe wird ihn leichter machen. Viel hängt von dir ab, Alanna von Trebond. Enttäusche mich nicht!«
Alanna erinnerte sich ihrer guten Manieren und sprang auf. »Ich werde Euch nicht enttäuschen«, versprach sie, und ihre Hand umschloss fest das Stückchen Glut. »Oder zumindest will ich es versuchen.«
»Mehr kann eine Göttin nicht verlangen.« Die Muttergöttin sah auf das kleine Tier hinunter, das jetzt zu Alannas Füßen saß. »Pass gut auf sie auf, Kleiner.«
Das Kätzchen miaute als Antwort, und Alanna sah es durchdringend an. War an ihrem neuen Haustier mehr, als sie zuerst angenommen hatte?
Die Göttin reichte ihr die Hand. »Trag mein Andenken und sei mutig. Aber vergiss nicht – ich scherzte nicht, als ich sagte, über diesen Baum erzähle man sich seltsame Geschichten. Bleib in der Nähe deines Feuers!« Sie lächelte. »Leb wohl, meine Tochter.«
Als Alanna die Hand der Unsterblichen küsste, spürte sie, wie eine seltsame Energie ihren Körper durchströmte. Sie trat beiseite und schüttelte den Kopf, um ihre Benommenheit loszuwerden. »Lebt wohl, Muttergöttin!«
Die Frau trat zu Moonlight hinüber, streichelte sie und sprach mit leiser Stimme zu ihr. Dann hob sie, zu Alanna gewandt, noch ein letztes Mal die Hand und war verschwunden. Plötzlich konnte Alanna kaum mehr die Augen offen halten. Sie hatte Mühe ihre Schlafrolle auszubreiten und das Feuer einzudämmen, doch sie zwang sich diese Arbeiten zu verrichten. Über das eigenartige Gespräch, das sie soeben geführt hatte, wollte sie später nachdenken. Als sie sich schließlich in ihre Schlafrolle fallen ließ, hatte es sich das Kätzchen schon darin bequem gemacht.
»Untersteh dich zu schnarchen«, murmelte Alanna verschlafen. Das Kätzchen antwortete, solange Alanna nicht schnarche, wolle es sich auch still verhalten. Alanna nickte zum Zeichen ihres Einverständnisses und schlief ein, wobei sie fest das kristallene Glutstück in der Hand hielt.
Sie war erleichtert, als sie am nächsten Tag im Palast angelangt war und wieder bekannte Gesichter um sich hatte. Coram, der für sie und Thom Trebond verwaltete, bis sie ihren Ritterschild erlangt hatte, vermisste sie immer noch, doch daran war nichts zu ändern. Da Lord Alan tot war und Thom sich, mal abgesehen von seinen Studien, um nichts kümmerte, war diese Regelung am besten – zumindest, bis Alanna bereit war auszuziehen und Abenteuer zu erleben. Dann würde sie Coram an ihrer Seite haben wollen.
An ihrem ersten Abend im Palast gab sie gerade ihrem kleinen Kater sein Abendessen, als sie in Jonathans Räumlichkeiten Stimmen hörte. Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür.
»Ich bin’s, Knappe, dein Oberherr«, rief Jonathan. Laut ihrer geheimen Absprache bedeutete das: Ich bin nicht allein. »Lass mich rein.«
Alanna öffnete die Verbindungstür, und Jonathan trat mit Gary und Raoul, ihren gemeinsamen Freunden, ein.
»Wir wollten fragen, ob du Lust hättest, mit uns ins Tanzende Täubchen zu kommen und Georg zu besuchen«, sagte Gary.
Alannas Gesicht leuchtete auf. Seit kurz vor dem Tod ihres Vaters vor fast sechs Wochen hatte sie dem König der Diebe keinen längeren Besuch mehr abgestattet. Gerade zog sie die Stiefel an, als Raoul rief: »Großer Mithros, eine Katze! Was willst du denn mit der? Vermutlich hat sie Flöhe.«
Jonathan beugte sich hinunter und ließ das Kätzchen an seinen Fingern schnuppern. »Erkennst du denn nicht den Hausgenossen eines Zauberers, wenn er vor dir steht?«, witzelte er. »Und haben solche Hausgenossen etwa Flöhe?« Er hob das winzige Tierchen hoch und sah es sich genauer an. Seine saphirblauen Augen wurden groß. »Bei der Göttin!«
Raoul und Gary kamen herüber und starrten auf das kleine Tier. Das Kätzchen hatte ebenso violette Augen wie ihr Freund Alan. Raoul schluckte und fragte schließlich: »Wie willst du ihn nennen? Ist er überhaupt ein ›er?‹« Alanna nickte.
»Nenn ihn doch Pounce«, schlug Jonathan vor.
»Oder Blacky«, meinte Raoul.
»Wie wär’s denn mit Raoul?«, erkundigte sich Gary.
Das Kätzchen streckte eine Pfote nach Alanna aus und miaute. Sie nahm Jonathan ihren neuen Freund ab und setzte ihn an seinen Lieblingsplatz – auf die Schulter unter ihrem linken Ohr.
»Mir gefällt ehrlich gesagt Trusty am besten«, meinte sie.
Jonathan zog seinen Dolch aus der Scheide und berührte den Kater auf beiden Schultern und auf dem Kopf damit, als wolle er ihn zum Ritter schlagen. »Hiermit taufe ich dich auf den Namen Trusty«, erklärte er feierlich. »Diene redlich und gut.«
Trusty machte seinem Namen Ehre, er war Alanna treu und folgte ihr auf Schritt und Tritt. In den Übungshöfen erhob er Anspruch auf einen bequemen Pfosten, auf dem er sitzen und zuschauen konnte, wie sich Alanna mit den anderen Knappen und Pagen zusammen in den Kampfsportarten übte. Es dauerte etwas länger, bis es ihm gelang, sich in die Unterrichtsräume einzuschleichen. Myles ließ ihn von Anfang an zusehen und sagte, ebenso wie allen anderen stünde auch Katzen das Recht zu, Geschichte zu lernen. Aber Alannas andere Lehrer – die meisten waren Mithran-Priester – versuchten tagelang, Trusty daran zu hindern hereinzukommen. Doch regelmäßig tauchte er bis zum Ende der Stunde im Unterrichtsraum auf. Schließlich gaben die Lehrer den Kampf auf und streichelten den Kater sogar geistesabwesend, während sie unterrichteten.
Nur zu Herzog Rogers Unterricht für diejenigen, die wie Alanna und Jonathan die Zaubergabe besaßen, ließ Alanna ihren kleinen Freund nicht mitkommen. Sie wusste nicht, was der Zauberer von ihrem Haustier halten würde, und sie wollte es auch gar nicht wissen.
Die restliche Zeit klebte Trusty an Alanna wie eine kleine schwarze Klette. Herzog Gareth von Naxen, Garys Vater, verwehrte es dem Kater nicht, Alanna auf Schritt und Tritt zu folgen, als er sah, dass er keinen vom Lernen ablenkte. Schon bald war Alanna mit ihrem Katerchen unter dem linken Ohr ein wohl bekannter Anblick im Palast. Obwohl Trusty Myles, Jon und die meisten von Alannas anderen Freunden (einschließlich Georg) offensichtlich mochte und bei ihnen blieb, wenn Alanna zu tun hatte, gewährte er nur ihr das Vorrecht, ihn auf ihre Schulter zu nehmen.
»Vielleicht hat er was gegen große Leute«, mutmaßte Gary an einem Regennachmittag im Mai kurz vor Alannas fünfzehntem Geburtstag.
Es war einer jener seltenen, ruhigen Nachmittage für die jungen Ritter und für Alanna. Da Gary und Raoul frei hatten, gaben sie auch ihren beiden Knappen Urlaub. Raoul und Jonathan spielten Halma, während Alex – das fünfte Mitglied ihrer Gruppe und der Einzige, der nicht heimlich mit Georg befreundet war – zusah. Gary lümmelte auf einer Fensterbank und überlegte sich, wie er sich wohl diesen Sommer um einen Besuch auf seinem heimatlichen Lehnsgut Naxen drücken konnte. Alanna hatte es sich auf einer anderen Fensterbank gemütlich gemacht und hörte zu, wie ihr Trusty ins linke Ohr schnurrte, und dachte an gar nichts.
»Hm?«, fragte Alanna schläfrig, als sie merkte, dass Gary mit ihr sprach.
»Vielleicht will Trusty nicht auf unserer Schulter sitzen, weil er Höhenangst hat.«
»Gut möglich.« Jonathan grinste. »Sogar Alex ist einen halben Kopf größer als Alan.«
»Vielen Dank auch«, sagte Alex trocken.
Plötzlich öffnete sich die Tür, und Herzog Roger trat ein. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und Jonathan war nicht zu übersehen, obwohl die Augen des Herzogs dunkler waren als die seines Vetters. Außerdem hatte er nicht wie Jonathan tiefschwarzes, sondern dunkelbraunes Haar. Aber beide hatten die gleiche helle Haut, die gerade geschnittene Nase und das ausgeprägte Kinn, das in der Conté-Linie vorherrschte.
»Da bist du ja, Alex«, sagte der Ältere. »Ich bitte dich nicht gern, aber in Caynnhafen ist ein überaus wichtiges Paket für mich angekommen. Außer dir möchte ich es keinem anvertrauen. Holst du es für mich ab?«
Alex strahlte und stand auf. »Es ist mir ein Vergnügen, Eure ...«
»Lass mich los, du verdammtes Vieh!«, schrie Alanna, als ihr Trusty die Krallen in die Schulter bohrte. Er sträubte das Fell, machte einen Buckel, knurrte tief in der Kehle und starrte den Herzog an. Alanna versuchte die Krallen zu lösen und sagte zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch: »Willst du wohl aufhören dich derart aufzuführen?« Der Zauberer beobachtete sie.
Er war aufmerksam geworden und trat näher. »Hast du einen neuen Freund, Alan?«
»Er war mein Freund, bis er damit anfing.« Alanna löste die letzten Krallen und hob Trusty hoch. Das Kätzchen zappelte, um Roger im Blickfeld zu behalten, und knurrte. »Was ist denn bloß los mit dir?«, fragte Alanna und versuchte, Trusty zu sich herumzudrehen, damit Herzog Roger seine Augen nicht sah.
»Benimm dich! So hat er sich noch nie aufgeführt, Herr ...«
Als Roger noch näher trat, schlug Trusty mit gespreizten Krallen nach ihm. »Ich glaube, er will mich davor warnen, ihm nahe zu kommen«, bemerkte der Zauberer und blieb stehen. Er musterte Trusty, während Alanna ein paarmal schwer schluckte.
»Ungewöhnliche Augen«, bemerkte Roger schließlich. Trusty kreischte. »Ich komme gerade aus den Zwingern – vielleicht riecht er die Hunde. Oder vielleicht weiß er, dass ich sie noch nie mochte, die ...« Er brach ab, und Alanna spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. »Die Katzen«, endete er.
Alanna drückte das Tier, das immer noch grollte, an die Brust. Roger wusste, wo sie ihren Kater herhatte, oder zumindest vermutete er es, aber er sprach es nicht aus. Das war ihr recht.
»Vermutlich sind es die Hunde, Herr«, stimmte sie zu. »Menschen und Pferde mag er, aber gegen Hunde hat er was.« Die anderen warfen ihr einen Blick zu. Genau wie Alanna wussten auch sie, dass Trusty die Hunde in Ruhe ließ, während die Hunde den Kater mieden. Eine richtige Lüge war es ja eigentlich nicht, und der Herzog schien ihre Erklärung zu akzeptieren. Er nickte Alex zu, und die beiden verließen zusammen den Raum.
Als sie fort waren, hob Alanna ihren Kater hoch und hielt ihm eine ordentliche Strafpredigt. Ehe sie fertig war, fing Trusty schon an zu schnurren, ihre Freunde lachten, und die ganze Angelegenheit war vergessen. Zumindest hoffte Alanna das.
Trotzdem schrieb sie an diesem Abend ihrem Bruder Thom in die Stadt der Götter und ließ den Brief heimlich von Georg losschicken. Thom war der Zauberer, nicht sie. Er musste von Trusty und von dessen Reaktion auf Herzog Roger erfahren.