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Der neue Page

Herzog Gareth von Naxen war groß und dürr, und glanzloses braunes Haar fiel ihm in die trüben braunen Augen. Obwohl er unscheinbar aussah, lag etwas Respekteinflößendes in seiner Erscheinung.
»So – Alan von Trebond?« Seine Stimme war dünn und näselnd. Er runzelte die Stirn, als er das Siegel von Alannas Brief brach. »Ich hoffe, du wirst dich hier besser machen als dein Vater. Er hockte nur unentwegt über seinen Büchern.«
Alanna schluckte schwer. Der Herzog machte sie nervös. »Das tut er noch immer, Herr.«
Der Herzog, der nicht sicher war, ob das schnippisch gemeint war, warf ihr einen strengen Blick zu. »Soso. Das habe ich mir gedacht.« Er lächelte und nickte Alannas Diener zu. »Coram Smythesson. Es ist lange her seit der Schlacht im Frohwald.«
Coram verbeugte sich und strahlte. »Ich hätte nicht gedacht, dass sich Eure Lordschaft erinnern würden. Das ist schon zwanzig Jahre her, und ich war damals noch ein junger Bursche.«
»Ich vergesse keinen, der mir das Leben gerettet hat. Willkommen im Palast. Es wird euch hier gefallen – obwohl du hart arbeiten wirst, mein Junge.« Herzog Gareth wandte seine Aufmerksamkeit wieder Alanna zu. »Setzt euch, alle beide.« Sie gehorchten. »Du, Alan von Trebond, bist hier, um zu lernen, was es bedeutet, ein Ritter und ein Edelmann von Tortall zu sein. Das ist keine leichte Aufgabe. Du musst lernen die Schwachen zu verteidigen, deinem Oberherrn zu gehorchen, dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Eines Tages wirst du uns vielleicht sogar verraten können, was das ist – das Recht.« Es war unmöglich zu beurteilen, ob er scherzte. Alanna beschloss, nicht zu fragen.
»Bis zum Alter von vierzehn wirst du Page sein«, fuhr der Herzog fort. »Du wirst beim Abendessen bei Tisch servieren. Du wirst für jeden, der dich darum bittet – sei es nun ein Lord oder eine Lady –, Botengänge erledigen. Die Hälfte deines Tages wirst du darauf verwenden, Kampfsportarten zu erlernen. In der Hoffnung, dass wir dir das Denken beibringen können, wirst du die andere Hälfte mit Büchern verbringen. Wenn deine Lehrer der Meinung sind, du seist dafür bereit, wirst du mit vierzehn zum Knappen ernannt. Vielleicht wird dich dann ein Ritter zu seinem persönlichen Knappen wählen. Sofern das geschieht, wirst du dich um die Besitztümer deines Herrn kümmern, Botengänge für ihn erledigen und seine Interessen wahren. Dein übriger Unterricht wird weitergehen – und er wird natürlich schwieriger werden.«
»Mit achtzehn wirst du der Ritterprüfung unterzogen. Falls du überlebst, wirst du zum Ritter von Tortall ernannt. Doch nicht jeder überlebt.« Er hielt seine linke Hand hoch und zeigte, dass dort ein Finger fehlte. »Den habe ich im Prüfungssaal eingebüßt«, sagte er und seufzte. »Aber im Augenblick solltest du dir wegen dieser Prüfung noch keine Gedanken machen. Vorerst wirst du im Pagenflügel wohnen. Coram wird bei dir untergebracht, doch ich hoffe, dass er in seiner freien Zeit bei der Palastwache dienen kann.«
Coram nickte. »Gern, Euer Gnaden.«
Herzog Gareth verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln. »Ausgezeichnet. Einen Mann mit deinen Fähigkeiten können wir gebrauchen.« Er sah wieder zu Alanna. »Einer der älteren Pagen wird dich betreuen und dir zeigen, wie die Dinge hier ablaufen. Er wird für dich verantwortlich sein, bis du mit dem Palast und mit deinen Pflichten vertraut bist. Wenn du folgsam bist und hart arbeitest, wirst du mich nicht oft zu Gesicht bekommen. Benimmst du dich daneben, wirst du merken, wie streng ich sein kann. Sofern du es verdient hast, wirst du Freizeit erhalten, um in die Stadt zu gehen. Aber täusche dich nicht – du wirst dir jedes Vorrecht dreifach erarbeiten müssen. Du bist hier, um das Rittertum zu erlernen, und nicht, um dir eine schöne Zeit zu machen. Timon« – Alanna merkte erst jetzt, dass der Diener die ganze Zeit über im Raum gewesen war –, »bring die beiden in ihre Zimmer. Kümmere dich darum, dass der Junge ordentlich eingekleidet wird. Und besorge auch eine Wachtpostenuniform für Meister Smythesson.« Der Herzog sah Alanna prüfend an. »Ich erwarte, dass du in fünf Tagen deinen Dienst bei Tisch antrittst. Du wirst mich bedienen. Hast du noch irgendwelche Fragen?«
Sie musste ihre ganze Kraft zusammennehmen, um zu antworten: »Nein, Eure Lordschaft.«
»Ein Herzog wird mit ›Euer Gnaden‹ angesprochen.« Der ältere Mann lächelte und hielt ihr die rechte Hand hin. »Es ist ein hartes Leben, aber du wirst dich daran gewöhnen.«
Alanna küsste ihm schüchtern die Hand. »Ja, Euer Gnaden.« Sie und die beiden Männer verneigten sich und verließen den Raum. Der Pagenflügel erstreckte sich an der Westseite des Palasts und befand sich in der Nähe der Mauer, von der aus man auf die auf die Stadt hinunterblicken konnte. Hier zeigte Timon Alanna und Coram zwei kleine Zimmer, die sie für die Zeit, in der Alanna als Page diente, bewohnen würden. Jemand hatte hier schon ihr Gepäck abgestellt.
Ihr nächster Weg führte zum Palastschneider. Alanna wurde schlecht, als ihr klar wurde, dass man ihr eine Pagenuniform anpassen würde. Ihr gingen Befürchtungen durch den Kopf, man könnte sie zwingen sich auszuziehen, man könnte sie ertappen und in Schmach und Schande nach Hause schicken, noch bevor sie Gelegenheit hätte überhaupt anzufangen.
Stattdessen wand ihr ein missmutig wirkender Mann hastig eine mit Knoten versehene Kordel um Schultern und Hüften und rief seinem Gehilfen die Zahl der Knoten zu, die nötig waren, um Alanna zu umspannen. Dann maß er mit der Kordel die Länge ihres rechten Armes und ihres rechten Fußes ab. Er scheuchte den verängstigt dreinschauenden Lehrling in einen Lagerraum, während er Coram ebenso hastig vermaß. Der Lehrling kehrte mit einem Arm voll Kleider zurück und wurde sogleich beauftragt, nach passenden Stiefeln und Schuhen zu suchen. Inzwischen schüttelte der missmutige alte Schneider einen goldenen Waffenrock aus und hielt ihn Alanna hin. Das Kleidungsstück hätte ohne Weiteres einem wesentlich größeren Jungen gepasst.
Coram gab sich Mühe ein Grinsen zu unterdrücken. »Ist der nicht ein kleines bisschen zu groß?«
Der Schneider warf dem Diener einen bösen Blick zu. »Jungs wachsen«, bellte er und lud Alanna unsanft den Kleiderhaufen und die Stiefel auf die Arme. »Das liegt in ihrer Natur.« Er wandte sich mit finsterer Miene Alanna zu. »Wenn du die Sachen kaputt machst, dann flickst du sie auch«, sagte er. »Ich will dich mindestens drei Monate lang nicht mehr sehen.«
Alanna folgte Coram und Timon nach draußen. Sie hatte ganz weiche Knie vor Erleichterung. Ihr Geheimnis war nicht entdeckt worden!
Timon brachte sie zum Mittagessen in die riesige Küche. Den Nachmittag verbrachte er damit, sie im Palast herumzuführen. Alanna hatte im Nu jegliche Orientierung verloren. Sie glaubte Timon nicht, als er ihr sagte, sie würde sich schnell zurechtfinden. In den königlichen Palast hätten ohne Weiteres etliche Trebonds hineingepasst, und hier lebten mehr Leute, als Alanna jemals gesehen hatte. Sie erfuhr, dass viele Adelige hier im Palast über Suiten verfügten. Außerdem gab es Unterkünfte für ausländische Besucher, einen Bedienstetenflügel, Thron- und Ballsäle, Küchen und Bibliotheken. All das bewirkte, dass sie sich sehr sehr klein vorkam.
Als sie schnell ihre Sachen auspackten, ging gerade die Sonne unter. Coram zog sich in seinem Zimmer frische Kleider an, während Alanna bedächtig ihre neue Uniform ausbreitete. Sie bemerkte, dass ihre Finger zitterten.
»Alan!«, rief der Diener.
Sie öffnete ihre Tür. Coram war bereit loszugehen. »Na, – Mäd... Junge?«, begann er. Seine dunklen Augen blickten freundlich. »Wie sollen wir es machen? Die Jungs ziehen sich gerade für das Abendessen um.«
Alanna versuchte zu lächeln. »Geh nur voraus.« Sie bemühte sich, ganz locker zu klingen. »Ich komme schon zurecht.«
»Bist du sicher?«
»Natürlich«, entgegnete sie entschlossen. »Würde ich es sagen, wenn es nicht der Wahrheit entspräche?«
»Ja«, antwortete er ruhig.
Alanna seufzte und rieb sich die Stirn. Sie wünschte sich, er würde sie nicht so gut kennen. »Am besten machen wir es gleich von Anfang an so, Coram. Ich schaffe es schon. Wirklich. Geh nur.«
Er zögerte einen Augenblick. »Viel Glück – Alan.«
»Danke.« Sie sah zu, wie er ging, und fühlte sich plötzlich ganz verlassen. Dann schloss sie die Tür ab – es ging nicht an, dass irgendeiner unangemeldet hereinkam – und nahm ihr Hemd.
Als sie fertig angezogen war, starrte sich Alanna im Spiegel an. Nie hatte sie so gut ausgesehen. Das weitärmelige Hemd und die Kniehosen hoben sich leuchtend scharlachrot von dem goldenen Waffenrock ab. Ihre Füße steckten in derben Lederschuhen; an einem schmalen Ledergürtel hingen ihr Dolch und ihr Beutel. Die Kleider waren wirklich etwas groß, aber sie war so von den Farben geblendet, dass sie sich daran nicht störte.
Ein so leuchtendes Rot und ein noch strahlenderes Gold hatten etwas für sich: In der königlichen Uniform fasste sie Mut, die Tür aufzuschließen und in den Flur hinauszutreten. In ihren schäbigen alten Kleidern hätte sie das nicht gewagt. Mehrere Jungs sahen sie und verbreiteten sofort die Nachricht: Es gibt einen neuen Pagen im Palast! Plötzlich war es vollkommen still geworden im Pagenflügel. Alle kamen herbei, um den Neuankömmling zu mustern.
Jemand packte sie von hinten. Sie wirbelte herum. Ein hoch aufgeschossener, knapp vierzehnjähriger Junge starrte sie an. Sein Mund war zu einem höhnischen Grinsen verzogen. Er hatte kalte blaue Augen und sandfarbenes Haar, das ihm über die Stirn fiel.
»Wen haben wir denn da?« Er spuckte beim Sprechen. Alanna wischte sich etwas Spucke von der Wange. »Vermutlich ist es ein Junge aus dem Hinterland, der sich für einen Edlen hält.«
»Lass ihn in Ruhe, Ralon!«, warf jemand ein. »Er hat doch gar nichts gesagt.«
»Das würde ich ihm auch nicht raten!«, gab Ralon barsch zurück. »Ich wette, er ist ein Bauernsohn, der so tun will, als sei er einer von uns.«
Alanna wurde tiefrot. »Man hat mir gesagt, dass die Pagen hier lernen sollen, wie man sich benimmt«, murmelte sie. »Derjenige, der mir das gesagt hat, hat sich offensichtlich geirrt.«
Der Junge packte sie am Kragen und hob sie hoch. »Du hast zu tun, was man dir befiehlt«, zischte er, »bevor du dir das Recht verdienst, dich Page zu nennen. Wenn ich sage, du bist der Sohn eines Ziegenhirten, dann antwortest du: ›Ja, Lord Ralon!‹«
Alanna keuchte vor Empörung. »Da küss ich noch eher ein Schwein! Das ist es wohl, womit du so deinen Spaß hast, was? Schweine küssen? Oder dich von ihnen küssen zu lassen?«
Ralon schleuderte sie gegen die Wand. Alanna ging zum Angriff über, rammte ihn in den Magen und warf ihn zu Boden. Ralon stieß einen Schrei aus und schob sie von sich weg.
»Was ist denn hier los?«
Die junge, männliche Stimme war klar und kraftvoll. Ralon erstarrte; Alanna stand langsam auf. Die anderen Jungs machten einem dunkelhaarigen Pagen und seinen vier Begleitern Platz.
Ralon sprach als Erster. »Hoheit, dieser Junge hat sich aufgeführt, als gehörte ihm der Palast«, sagte er mit weinerlicher Stimme. »Als wäre er der König hier. Und er hat mich beleidigt, wie kein Ehrenmann einen anderen beleidigt ...«
»Ich glaube nicht, dass ich dich angesprochen habe, Ralon von Malven«, sagte der Junge, den Ralon ›Hoheit‹ genannt hatte. Seine blauen Augen ruhten auf denen Ralons. Die beiden Jungen waren etwa gleich groß, doch der dunkelhaarige Junge schien ungefähr ein Jahr jünger zu sein und er besaß wesentlich mehr Autorität. »Wenn ich mich nicht irre, habe ich dir befohlen, mich überhaupt nicht mehr anzusprechen.«
»Aber Hoheit, er...«
»Halt den Mund, Ralon!«, befahl einer der Freunde des Jungen. Er war stämmig, hatte dichte, braune Locken und seine Augen waren pechschwarz. »Du weißt, was man dir befohlen hat.«
Mit zornrotem Gesicht trat Ralon beiseite. Der Junge, der hier die Befehl zu geben schien, sah sich um. »Douglass.« Er nickte einem Jungen zu, der schon die ganze Zeit über mit dabei gewesen war. »Was ist geschehen?«
Ein kräftiger blonder Page trat nach vorn. Seine Haare waren noch nass vom Waschen. Er war es gewesen, der Ralon zugerufen hatte, er solle Alanna in Ruhe lassen.
»Es war Ralon, Jon«, sagte er. »Der neue Junge stand einfach nur hier herum. Ralon hat angefangen auf ihm herumzuhacken – er hat ihn einen Jungen vom Land, einen Bauernsohn genannt. Der Neue sagte, er habe gemeint, wir seien hier, um Manieren zu lernen. Ralon packte ihn und sagte, er habe zu tun, was er, Ralon, ihm befehle, und er habe ›Ja, Lord Ralon‹ zu sagen.«
Der Junge, der Hoheit genannt wurde, sah Ralon angewidert an. »Das überrascht mich nicht.« Er wandte seine hellen Augen wieder Alanna zu. »Und dann?«
Douglass grinste. »Der neue Junge meinte, da würde er noch eher ein Schwein küssen.« Die Pagen begannen zu kichern. Alanna wurde rot und ließ den Kopf hängen. Ralon hatte sich schlecht benommen, aber ihr Verhalten war auch nicht viel besser gewesen. »Er sagte, Ralon habe wohl schon Schweine geküsst. Oder sich von ihnen küssen lassen.«
Die meisten Jungs begannen laut loszulachen. Alanna konnte sehen, dass Ralon die Fäuste ballte. Sie hatte sich ihren ersten Feind gemacht. »Ralon hat den Neuen gegen die Wand geschleudert«, fuhr Douglass fort. »Der neue Junge hat sich gewehrt und ihn zu Boden geworfen. Und dann bist du gekommen, Jon.«
»Mit dir rede ich später, Ralon«, meinte der dunkelhaarige Junge. »In meinen Wohnräumen, vor dem Lichterlöschen.« Als Ralon zögerte, fügte Jon mit leiser, eisiger Stimme hinzu: »Du bist hiermit entlassen, Malven.«
Ralon stürzte durch den Flur davon. Die Jungs sahen ihm nach, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Alanna zuwandten, die immer noch den Fußboden anstarrte.
»Du hast einen guten Geschmack, was deine Feinde betrifft, auch wenn du sie dir gleich am ersten Tag hier einhandelst«, sagte Jon. »Lass dich mal anschauen, Feuerschopf!«
Langsam hob sie den Blick und sah in seine Augen. Er war etwa drei Jahre älter als sie, hatte pechschwarzes Haar und Augen in der Farbe von Saphiren. Seine Nase war leicht gebogen, seine Gesichtszüge streng, doch auf seinen Lippen lag ein leichtes Lächeln, und seine Augen strahlten sie verschmitzt an. Alanna verschränkte die Hände hinter dem Rücken und erwiderte seinen Blick, bis ihr der stämmige Junge, der Ralon zum Schweigen gebracht hatte, zuflüsterte: »Das ist Prinz Jonathan.«
Sie verneigte sich nur leicht, denn sie befürchtete, sie könnte umfallen, wenn sie sich tiefer beugte. Man traf nicht jeden Tag einen Thronerben. »Königliche Hoheit«, sagte sie. »Ich bedaure dieses – dieses Missverständnis.«
»Du hast nichts missverstanden«, erklärte ihr der Prinz. »Ralon ist kein Ehrenmann. Wie heißt du?«
»Alan von Trebond, Hoheit.«
Er runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht erinnern, deine Eltern hier am Hof gesehen zu haben.«
»Nein, Hoheit.«
»Warum nicht?«
»Es liegt an meinem Vater. Er mag den Hof nicht, Hoheit.«
»Ich verstehe.« Man konnte ihm nicht ansehen, was er von ihrer Antwort hielt. »Magst du den Hof, Alan von Trebond?«
»Ich weiß es nicht«, entgegnete sie ehrlich. »In ein paar Tagen werde ich es Euch sagen können.«
»Ich bin gespannt auf deine Meinung.« Lachte er etwa leise in sich hinein? »Hast du die anderen schon kennengelernt?«
Dank dieser königlichen Erlaubnis wollten sich die anderen nun alle gleichzeitig vorstellen. Der freundliche stämmige Junge, der ihr gesagt hatte, wer Jonathan war, hieß Raoul von Goldensee. Der kräftige Junge mit den kastanienbraunen Augen und Haaren war Gareth – Gary – von Naxen, der Sohn des Herzogs. Der dunkle, dünne Junge neben ihm war Alexander von Tirragen und Raouls schüchterner blonder Schatten war Francis von Nond. Da waren noch zehn andere, aber diese vier – und der Prinz – waren die Anführer.
Schließlich sagte Jonathan: »Jetzt, wo wir unser neuestes Mitglied kennengelernt haben – wer wird ihn betreuen?«
Fünf der älteren Jungs hoben die Hand. Jonathan nickte. »Dein Betreuer wird dafür sorgen, dass du dir nicht allzu verloren vorkommst«, erklärte er Alanna. »Ich glaube, es ist das Beste, wenn Gary sich um dich kümmert.«
Der kräftige Junge nickte Alanna zu.
Seine braunen Augen blickten sie freundlich an. »Ist mir eine Freude.«
Alanna verneigte sich höflich.
Eine Glocke erklang. »Wir sollten gehen«, verkündete Jonathan. »Alan, du bleibst in der Nähe von Gary und passt auf, was er dir sagt.«
Alanna folgte ihrem neuen Betreuer zu dem großen Speisesaal, der nur den Sommer über geschlossen war, wenn sich die meisten Edlen auf ihren Ländereien aufhielten und sich der restliche Hof zum Sommersitz am Meer begab. Für den Rest des Jahres tafelte hier der gesamte Hof, wobei die Pagen auftrugen. Gary wies Alanna an, sich in eine Nische zu stellen, aus der sie alles beobachten konnte. Während er seinen Servierpflichten nachging und hin und her eilte, gab er ihr flüsternd Erklärungen ab. Es war Gary, der ihr den Weg zum Speisesaal der Pagen zeigte, nachdem das Bankett vorüber war, und er war es auch, der sie aufweckte (sie schlief über dem Nachtisch ein) und sie in ihr Zimmer brachte. »Willkommen im Palast, junger Trebond«, sagte er grinsend, als er sie Coram übergab.
Alanna kroch müde ins Bett und dachte: Gar nicht so übel – wenn man bedenkt, dass es der erste Tag war.
Die Glocke, die hoch über dem Pagenflügel in einem Turm hing, weckte Alanna, als der Morgen graute. Stöhnend tauchte sie das Gesicht in kaltes Wasser. Sie war noch immer erschöpft von ihrem fünftägigen Ritt und hätte ausnahmsweise einmal länger schlafen können.
Gary – hellwach, unverschämt gut gelaunt und voller Energie –, kam sie abholen, gerade als sie fertig angekleidet war. Während Alanna, die Frühstück hasste, am liebsten nur einen Apfel gegessen hätte, häufte ihr Gary den Teller voll. »Iss«, ermahnte er sie. »Du wirst deine Kraft brauchen.«
Leise bimmelte die Glocke. Die Pagen eilten zu ihrem Unterricht. Alanna musste fast rennen, um mit ihrem Betreuer Schritt zu halten.
»In der ersten Stunde haben wir Lesen und Schreiben«, erklärte er ihr.
»Aber lesen und schreiben kann ich schon!«, protestierte Alanna.
»So? Gut. Du würdest dich wundern, wie viele Söhne von Edelleuten es nicht können. Mach dir keine Sorgen, junger Trebond.« Er grinste sie an. »Ich bin sicher, der Lehrer wird schon irgendetwas finden, was du tun kannst.«
Alanna entdeckte bald, dass das, was die Edlen die »Geisteskünste« nannten, von Mithran-Priestern gelehrt wurde. Diese in orangefarbene Roben gekleideten Männer waren strenge Lehrmeister, die jeden Jungen ertappten, der vor sich hin träumte oder döste. Als sich der Priester überzeugt hatte, dass Alanna lesen und schreiben konnte (er ließ sie eine Seite aus einem Buch laut vorlesen und anschließend abschreiben), teilte er ihr ein langes und ziemlich langweiliges Gedicht zu. Alanna sollte es lesen und sich darauf vorbereiten, am nächsten Tag etwas darüber zu erzählen. Als die Glocke am Ende der Stunde erklang, war sie noch längst nicht fertig.
»Wann soll ich den Rest machen?«, fragte sie Gary und wedelte mit der Rolle, auf der das Gedicht geschrieben stand. Er führte sie zum nächsten Unterrichtsraum.
»In deiner Freizeit. So, da wären wir. Mathematik. Kannst du auch rechnen?«
»Ein wenig«, gestand sie.
»Ein echter Gelehrter«, bemerkte Alex, der sie eben einholte, und lachte.
Alanna schüttete den Kopf. »Nein. Aber was das Studieren von Büchern betrifft, ist mein Vater sehr streng.«
»Hört sich so an, als wäre er in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie meiner«, sagte Gary trocken.
»Keine Ahnung«, entgegnete Alanna. Da ihr einfiel, was der Herzog am Tag zuvor über ihren Vater gesagt hatte, fügte sie hinzu: »Ich glaube nicht, dass sie gut miteinander auskämen.«
Wieder musste Alanna zeigen, was sie konnte. Als sich der Priester, der Mathematik unterrichtete, überzeugt hatte, wie weit ihre Kenntnisse reichten, wollte er, dass sie etwas lernte, das er »Algebra« nannte.
»Was ist Algebra?«, wollte Alanna wissen.
Der Priester runzelte die Stirn. »Das ist die Grundlage für die verschiedensten Dinge«, erklärte er ihr streng. »Ohne Algebra kannst du keine sichere Brücke, keinen ordentlichen Kriegsturm, kein Katapult, keine Windmühle und kein Bewässerungsrad bauen. Es gibt unendlich viele Anwendungsgebiete, und lernen kannst du Algebra, indem du sie studierst, und nicht, indem du mich anstarrst.«
Tatsächlich starrte Alanna ihn an. Der Gedanke, dass ausgerechnet Mathematik Dinge wie Windmühlen und Katapulte zum Funktionieren brachte, war erstaunlich. Und als ihr klar wurde, wie schwer die Aufgaben waren, die sie für den nächsten Tag erledigen sollte, war sie noch erstaunter.
Als Gary herüberkam, um ihr zu behilflich zu sein, fragte sie ihn wieder: »Wann soll ich das alles erledigen? Ich muss für morgen vier Aufgaben lösen, und es ist schon fast Zeit für die nächste Stunde!«
»In deiner Freizeit«, entgegnete Gary. »Und in der Zeit, die dir jetzt noch verbleibt. Hör zu – wenn du nicht klarkommst, dann biete Alex an, ihm bei seinen Extrapflichten zu helfen. Was Mathematik betrifft, ist er ein richtiger Rechenkünstler.« Die Glocke läutete. »Komm, wir gehen, Kleiner.« In der nächsten Unterrichtsstunde ging es um Umgangsformen – oder vielmehr um die Manieren, wie sie ein Edelmann an den Tag legen sollte. Alanna hatte schon frühzeitig gelernt »Bitte« und »Danke« zu sagen, aber sie merkte rasch, dass das nur die einfachsten Grundbegriffe waren. Sie wusste nicht, wie man sich verneigte. Sie wusste nicht, wie man einen Lord im Gegensatz zu einem Grafen anredete. Sie wusste nicht, welcher der drei Löffel bei einem Bankett zuerst benutzt wurde. Sie konnte nicht tanzen und sie beherrschte kein Instrument. Der Lehrer gab ihr einen riesigen Band mit Benimmregeln zu lesen und befahl ihr, sofort Harfenunterricht zu nehmen – in ihrer Freizeit.
»Aber ich muss doch heute Abend in meiner Freizeit das erste Kapitel hiervon lesen!«, erklärte sie Gary, und Alex und pochte auf das dicke Etikettebuch. Sie saßen während ihrer Vormittagspause, die ganze zehn Minuten dauerte, auf einer Bank. »Und vier Mathematikaufgaben habe ich auch zu lösen, und dann ist da noch der Rest von diesem blöden Gedicht ...«
»Ah«, sagte Gary verträumt. »Freizeit. Davon habe ich auch schon mal gehört. Mach dir nichts vor, Feuerkopf. Bei den zusätzlichen Unterrichtsstunden, die du sowieso schon jeden Tag kriegst, ist Freizeit eine Illusion. Freizeit hast du, wenn du tot bist – als Belohnung der Götter für ein Leben, in dem du von Sonnenaufgang bis Mitternacht geschuftet hast. Das wird uns allen früher oder später klar – die einzige freie Zeit, die du hier hast, ist diejenige, die dir mein ehrenwerter Vater möglicherweise zugesteht, wenn er der Meinung ist, du habest sie verdient.«
»Und die gibt er dir nicht abends«, warf Alex ein. »Die gibt er dir, wenn du eine Weile hier warst, am Markttag und manchmal einen Vormittag oder einen Nachmittag, den du ganz allein für dich verbringen darfst. Aber niemals einen Abend. Abends lernst du. Tagsüber lernst du. Im Schlaf ...«
Die Glocke bimmelte.
»Ich könnte lernen diese Glocke zu hassen«, murrte Alanna, während sie ihre Sachen einsammelte. Die beiden älteren Jungs grinsten und schleppten sie zur nächsten Unterrichtsstunde.
Zu ihrer Überraschung war diese Stunde ganz anders. Die Jungen saßen aufrecht auf ihren Stühlen und sahen so aus, als wären sie gespannt auf das, was ihnen bevorstand. An den Wänden hingen Karten und Schaubilder. Vor den Stühlen stand ein Brett, auf dem mehrere große, unbeschriebene Papierbögen befestigt waren. Auf einem Tisch daneben lag eine Schachtel mit Kohlestiften.
Als der Lehrer eintrat, wurde er freundlich begrüßt. Dieses Mal war es kein Priester. Der Mann war klein und dick, sein langes braunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, sein langer Bart war struppig. Seine Kniehose war an den Knien ausgebeult; sein Waffenrock so zerknittert, als habe er darin geschlafen. Er hatte eine winzige, fein geschnittene Nase und auf seinen Lippen war ein Lächeln. Alanna sah in die großen, grünbraunen Augen des Mannes und musste unwillkürlich lächeln. Er wirkte so seltsam chaotisch und gutmütig zugleich, wie sie es noch nie bei jemandem erlebt hatte, und sie mochte ihn auf den ersten Blick. Er hieß Sir Myles von Olau.
»Hallo!«, begrüßte er Alanna freundlich. »Du musst Alan von Trebond sein. Du bist ein ziemlich tapferer Kerl, dass du am ersten Tag bis jetzt durchgehalten hast. Hat dir jemand verraten, was wir hier lernen wollen?«
Alanna sagte das Erste, was ihr in den Sinn kam. »Ich weiß nur, dass ich gehorchen muss, wenn man mir etwas befiehlt, und dass ich keine Freizeit habe.«
Die Jungs kicherten und Myles lächelte. Alanna wurde rot.
»Entschuldigung«, murmelte sie. »Ich wollte nicht frech sein.«
»Macht nichts«, versicherte ihr Myles. »Dein Leben hier wird nicht einfach werden. Unser Ritterkodex stellt hohe Anforderungen.«
»Sir Myles, wollt Ihr schon wieder mit dem Kodex anfangen?« , fragte Jonathan. »Ihr wisst, dass wir Eure Meinung, er verlange uns zu viel ab, nicht teilen.«
»Nein, heute werde ich mich nicht wieder über den Kodex auslassen«, entgegnete Myles. »Erstens einmal werdet ihr mir nicht zustimmen, bis der Ruhm, ein Ritter und ein Edelmann zu sein, seinen Glanz verloren hat und bis ihr seht, welchen Preis ihr für diese Lebensweise zahlen müsst. Und zweitens hat Herzog Gareth mir zu verstehen gegeben, dass unsere Kenntnisse über die Bazhir-Stämme nicht adäquat sind und dass wir ein höheres Niveau erreicht haben müssen, wenn er uns das nächste Mal mit seinem Besuch beehrt.«
»Wie bitte?«, fragte einer.
Myles sah Alanna an und seine Augen blitzten verschmitzt. »Ich vergesse des Öfteren, dass nicht jeder ein Gelehrter ist wie ich, und ich neige dazu, mich unverständlich auszudrücken. Also – anders formuliert – Herzog Gareth wünscht, dass ich die Bazhir-Kriege behandle, weil er findet, dass ich zu viel Zeit darauf verwende, mit euch über den Ritterkodex zu diskutieren, und zu wenig auf die Geschichte von Tortall und die Kriege – und das ist es ja, was ich euch beibringen soll.«
Alanna verließ nachdenklich den Unterrichtsraum, was sie sonst nur selten ernsthaft tat.
»Warum runzelst du die Stirn?«, fragte Gary, als er sie einholte. »Magst du Myles nicht? Ich schon.«
Überrascht blinzelte Alanna ihn an. »Oh, nein. Ich mag ihn sehr. Er kommt mir nur ...«
»Merkwürdig vor«, sagte Alex trocken. Er und Gary schienen enge Freunde zu sein. »Das ist das Wort, nach dem du gesucht hast – merkwürdig.«
»Alex und Myles diskutieren unentwegt darüber, was richtig ist und was falsch«, erklärte Gary.
»Tatsächlich scheint er mir sehr weise zu sein«, sagte Alanna zögernd. »Nicht dass ich viele weise Menschen kenne, aber...«
»Er ist auch der Trunkenbold des Hofs«, bemerkte Alex. »Komm – sonst ist das Mittagessen vorüber, bevor wir etwas abbekommen haben.«
Nach dem Essen hatten sie eine Stunde lang Philosophie. Fast wäre Alanna eingeschlafen, während der Priester seine Lektion über die Pflicht herunterleierte.
Schließlich nahm Gary sie mit nach draußen zu den weitläufigen Übungshöfen hinter dem Palast. Hier erhielten die Jungen ihre Ritterausbildung. Hier würde Alanna ihre Nachmittage und einen Teil ihrer Abende verbringen und sie würde nur nach drinnen gehen, wenn es regnete oder schneite – und manchmal nicht einmal dann. Hier würde sie das Turnierspiel, den bewaffneten Kampf mit Keule, Axt und Knüppel, Bogenschießen aus dem Stand und vom Pferd aus, Reiten und Kunstreiten erlernen. Hier würde sie auch lernen müssen hinzufallen, sich abzurollen und sich zu überschlagen. Sie würde schmutzig werden, sich Muskelrisse, Schrammen und Knochenbrüche holen. Sofern sie alles überstand, sofern sie beharrlich und zäh genug war, würde sie eines Tages voller Stolz einen Ritterschild tragen. Das Training hörte nie auf. Selbst dann, wenn ein Ritter schon seinen Schild trug, arbeitete er weiterhin auf dem Übungsgelände. War man nämlich nicht mehr in Form, so riskierte man, auf einem einsamen Weg von einem Fremden überwältigt und ermordet zu werden. Als Tochter eines an der Landesgrenze lebenden Lords wusste Alanna genau, wie wichtig die Kampfsportarten waren. Jedes Jahr musste sich Trebond gegen Banditen zur Wehr setzen. Gelegentlich versuchten die nördlich lebenden Bewohner von Scanra durch das Grimholdgebirge einzufallen, und somit lag Trebond an der vordersten Verteidigungslinie von Tortall.
Mit dem Bogen und mit dem Dolch konnte Alanna schon umgehen, sie war geschickt im Aufspüren von Fährten, und sie ritt auch recht gut. Doch sie lernte schnell, dass die Männer, die die Pagen und die Knappen unterrichteten, sie für einen blutigen Anfänger hielten.
Und sie war tatsächlich ein blutiger Anfänger. Ihr Nachmittag begann mit einer Stunde Liegestütze, Kniebeugen, Sprünge und Drehübungen. Ein Ritter musste beweglich sein, damit er schnell herumwirbeln und ausweichen konnte.
In der nächsten Stunde trug sie eine gepolsterte Stoffrüstung, während sie ihren ersten Unterricht im Umgang mit einer Lanze erhielt. Bevor sie lernen würde mit einem Schwert umzugehen, musste sie erst einmal nachweisen, dass sie den Kampf mit einer Lanze einigermaßen beherrschte. Ohne die dicke Polsterung hätte sie sich gleich an diesem ersten Nachmittag etwas gebrochen. So lernte sie einen auf ihren Körper gerichteten Stoß aufzuhalten – und anschließend fühlte sie sich, als habe ein Pferd sie getreten.
Dann lernte sie die wichtigste Bewegung beim Ringen – den Fall. Sie versuchte, im Fallen mit der Hand auf den Boden zu klatschen, sie versuchte, ihr Gewicht auf die richtigen Stellen zu verlagern, und jedes Mal, wenn ihr das misslang oder wenn sie es vergaß, zog sie sich neue Schrammen zu.
In der nächsten Stunde musste sie mit ihrem verschrammten und schmerzenden linken Arm einen Schild halten. Als Partner bekam sie einen Jungen mit einem dicken Holzstock zugeteilt. Der Zweck der Übung war zu lernen, wie man einen Schild zur Abwehr benutzt. Wenn sie Erfolg hatte, konnte sie den Schlag abfangen. Hatte sie keinen, dann versetzte ihr der Gegner einen schmerzhaften Hieb auf den Teil des Körpers, den sie ungedeckt gelassen hatte. Nach einer Weile wechselten sie die Seiten. Jetzt schwang sie den Stock, während ihr Partner ihren Angriff abwehrte. Doch das gab ihr nicht unbedingt ein besseres Gefühl – da sie zum ersten Mal mit einem Stock umging, wehrte ihr Gegner jeden Stoß ab, den sie zu landen versuchte.
Mit dem leisen Gefühl, irgendwie betrogen worden zu sein, folgte Alanna Gary zum nächsten Hof. Das Bogenschießen lief etwas besser, aber nur etwas. Da sie es schon zum Teil beherrschte, erlaubte man ihr tatsächlich, den Bogen zu spannen und abzuschießen. Als der Lehrer entdeckte, dass sie ein gutes Auge hatte und noch besser zielen konnte, ließ er sie daran arbeiten, richtig zu stehen und den Bogen zu halten – und zwar eine Stunde lang.
Die letzte Unterrichtsstunde dieses Tages verbrachte sie auf dem Pferderücken. Da Alanna nur Chubby hatte, teilte man ihr eines der vielen Pferde aus den königlichen Ställen zu. Ihre erste Lektion beinhaltete, richtig zu sitzen, im Kreis zu galoppieren, ohne herunterzufallen, und genau vor dem Lehrer anzuhalten. Da das Pferd zu groß für sie und zudem hartmäulig war, fiel Alanna dreimal herunter. Es gelang ihr nicht, das Tier in den Griff zu bekommen, und als sie das dem Lehrer sagte, befahl er ihr nur, sie solle sich dreimal wöchentlich nach dem Abendessen für zusätzliche Reitstunden bei ihm melden.
Alanna war völlig erschöpft, als die ferne Glocke sie nach drinnen rief. Schnell ging sie mit den anderen hinein, um ein Bad zu nehmen und sich eine saubere Uniform anzuziehen. Inzwischen war sie so erledigt, dass sie kaum noch die Augen offenhalten konnte. Aber ihr Tag war noch nicht zu Ende. Gary rüttelte sie wach und nahm sie mit hinunter in die Banketthalle, wo er sie neben der Küchentür abstellte. Von dort aus reichte sie die Platten, die ihr vom Küchenpersonal übergeben wurden, an die Pagen weiter und nahm schmutzige Platten entgegen, um sie in die Küche zurückzugeben.
Beim Abendessen schlief sie ein. Gary bugsierte sie nach dem Essen in eine kleine Bibliothek und erinnerte sie an die Aufgaben, die sie für den nächsten Tag zu erledigen hatte. Er half ihr mit dem Gedicht; dann ließ er sie mit ihren Mathematikaufgaben allein. Alanna kämpfte sich durch drei davon, bevor sie über dem Schreibtisch einschlief. Ein Diener fand sie und weckte sie gerade noch rechtzeitig vor dem Lichterauslöschen. Sie fiel ins Bett und war augenblicklich eingeschlafen.
Alanna stöhnte, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Jeder einzelne Muskel war hart und schmerzte, und ihr Körper war von großen und kleinen Schrammen und blauen Flecken übersät. Schwerfällig machte sie sich fertig für den neuen Tag, wobei sie sich fragte, ob sie ihn wohl lebend überstehen würde.
Er verlief wie der vorhergehende, nur noch schlimmer. Der Mathematiklehrer gab ihr vier weitere Aufgaben auf und – als Strafe für die eine, die sie nicht gelöst hatte, weil sie am Abend zuvor eingeschlafen war – noch drei dazu. Der Lehrer, der Lesen unterrichtete, teilte ihr mit, da ihr Referat über das lange Gedicht nicht zufriedenstellend sei, könne sie für den nächsten Tag ein ausführlicheres Referat vorbereiten – und zwar schriftlich. Der Lehrer für Benimmregeln gab ihr ein weiteres Kapitel aus dem Buch über Etikette zu lesen und ließ sie die ganze Stunde über Verbeugungen üben. Der Nachmittag war katastrophal. Da Alanna so steif war und ihr alles wehtat, machte sie mehr falsch als am Tag zuvor und handelte sich weitere Extraaufgaben ein.
»Du musst dich daran gewöhnen, dass du nie alles schaffen wirst«, erklärte ihr Gary freundlich. »Tu, so viel du kannst, und nimm die Strafen auf dich, ohne zu murren. Manchmal frage ich mich, ob es nicht das ist, was sie uns in Wirklichkeit beibringen wollen – alles zu akzeptieren und den Mund zu halten.«
Alanna war nicht in der Laune, sich gedanklich weiter damit zu befassen. Als sie an diesem Abend in ihr Zimmer zurückkehrte, war sie müde und aufgebracht.
»Pack deine Sachen«, befahl sie Coram, als sie zur Tür hineinstapfte. »Wir reiten heim.«
Coram sah sie an. Er saß auf seinem Bett und reinigte sein Schwert. »Wirklich?«
Alanna lief auf und ab. »Ich schaff das nicht«, erklärte sie dem Diener. »Dieses Tempo bringt mich um. Keiner kann Tag für Tag so leben. Ich werde nicht ...«
»Ich hätte nicht gedacht, dass du so leicht aufgibst«, unterbrach Coram sie leise.
»Ich gebe nicht auf!«, fauchte Alanna. »Ich – ich protestiere! Ich protestiere gegen die ungerechte Behandlung – und – und dagegen, dass ich schuften muss, bis ich umfalle. Ich will Zeit haben für mich selbst. Ich will jetzt lernen mit einem Schwert zu kämpfen und nicht dann, wenn die es wollen. Ich will ...«
»Du willst. Du willst. Was du hier lernen sollst, ist was anderes. Disziplin nennt man das. Die Welt läuft nicht immer so, wie du es willst. Du musst lernen, Disziplin zu üben.«
»Das hat nichts mit Disziplin zu tun! Das ist unmenschlich! Ich kann so nicht leben und ich werde es auch nicht! Coram, ich habe dir einen Befehl erteilt! Pack deine Sachen!«
Coram rieb bedächtig einen winzigen Schmutzfleck von seinem funkelnden Schwert. Schließlich legte er es sorgfältig aufs Bett. Stöhnend kniete er sich auf den Boden, griff unters Bett und zerrte seine Tasche hervor. »Wie du meinst«, entgegnete er. »Aber ich hab gedacht, ich hätt dir ’n bisschen mehr Schneid beigebracht. Ich hätt nicht erwartet, dass aus dir so ein wehleidiges Prinzesschen werden würd ...«
»Ich bin kein wehleidiges Prinzesschen!«, rief Alanna. »Aber ich bin doch nicht verrückt! Ich schufte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und noch länger ohne Pause und kein Ende in Sicht. Meine freie Zeit ist ein Witz – sie ist schon vormittags vor meiner dritten Schulstunde auf null zusammengeschrumpft. Und sie erwarten von mir, dass ich alles schaffe, und wenn mir das nicht gelingt, werde ich bestraft. Und ich muss lernen, wie man hinfällt; ich lerne noch mal ganz von Anfang an die Haltung, die man beim Bogenschießen einnehmen muss, dabei war ich die beste Jägerin von Trebond. Und wenn ich etwas sage, dann geben sie mir noch mehr zu tun!«
Coram kniete auf dem Boden und sah sie an. »Du wusstest doch, dass es schwer sein würde, als du den Entschluss gefasst hast hierherzukommen«, erinnerte er sie. »Keiner hat je behauptet, es sei einfach, Ritter zu werden. Also ich jedenfalls nicht. Ich hab dir gesagt, es sei nichts als harte Arbeit den ganzen Tag lang und nicht nur den ganzen Tag lang, sondern noch bis weit in die Nacht hinein. Und jetzt rennst du schon nach zwei Tagen davon.«
»Ich renne nicht davon!«
»Wie du meinst, Prinzesschen.« Coram ließ sich stöhnend auf sein Bett nieder und griff nach seinen Stiefeln. »Ich hab in einer Minute gepackt.«
Alanna ging in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Sie zerrte eine ihrer Taschen hervor und starrte sie an. Seufzend setzte sie sich und rieb sich entnervt den Kopf. In Trebond konnte sie kommen und gehen, wie es ihr beliebte. Hier war das Leben völlig anders. Aber war es deshalb schlechter?
Sie war sich nicht mehr sicher. Corams Worte »aufgeben« und »davonrennen« steckten wie Stacheln unter ihrer Haut. Sie versuchte sich einzureden, sie renne ja in Wirklichkeit gar nicht davon, doch sie hatte nicht viel Erfolg.
Schließlich öffnete sie ihre Tür und sah zu Coram hinaus.
»Na gut«, knurrte sie. »Ich werd es noch eine Woche probieren. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich hoffe bei den Göttern, dass es in der Zeit einfacher wird.«
»Du bist die Herrin – oder der Herr«, entgegnete Coram, »aber wenn du verschwinden willst ...«
»Die Entscheidung treffe ich«, erklärte sie. »Und jetzt gute Nacht!«
Erst als sie unter die Decken kroch, wurde ihr klar, dass Coram seine Taschen unters Bett zurückgestellt und seine Stiefel ausgezogen hatte. Der alte Soldat hatte also überhaupt nicht gepackt. Wenn er mich doch nur nicht so gut kennen würde, dachte sie. Und dann schlief sie ein.
Aus der einen Woche wurden zwei, aus den zwei Wochen wurden drei, und Alanna war zu erschöpft, um den langen Ritt nach Hause noch groß zu erwägen. Es gelang ihr nie, mit ihrer Arbeit fertig zu werden, und jeden Tag stellte mindestens einer ihrer Lehrer fest, dass sie irgendetwas nicht erledigt hatte, und gab ihr noch mehr auf. Sie lernte Garys Ratschlag zu befolgen, sie solle jeden Tag so viel erledigen, wie sie schaffte, und die Strafen ohne Widerrede auf sich zu nehmen.
Der erste Abend, an dem sie Tischdienst hatte, kam und ging vorüber. Sie war zu müde, um während dieser ersten Prüfung aufgeregt zu sein. Sie bediente Herzog Gareth, hörte sich seine Lektion über Tischsitten an und servierte von da an täglich bei den abendlichen Banketten. Schließlich wurde sie zu ihrer größten Freude angewiesen, künftig Sir Myles zu bedienen. Der Ritter hatte immer ein freundliches Wort für sie, auch wenn er – wie Alex gesagt hatte – tatsächlich zu viel trank. Manchmal, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte, half sie ihm sogar zurück in seine Räumlichkeiten. Oft schenkte er ihr einen Silberpfennig oder etwas Süßes, und seine Unterrichtsstunden waren der Lichtblick ihrer Vormittage. Myles hatte die Gabe, Geschichte richtig zum Leben zu erwecken.
Alanna und Gary wurden rasch Freunde. Gary machte ständig witzige Bemerkungen über den Lehrer im Benimmunterricht und er nahm sich immer die Zeit, ihr zu helfen, wenn sie es über sich brachte, ihn darum zu bitten. Sie entdeckte auch, dass sie ihren Freund zum Lachen bringen konnte, indem sie einfach nur das sagte, was ihr gerade in den Sinn kam. Sie freute sich, dass sie jemanden, der so intelligent wie Gary war, zum Lachen bringen konnte.
Durch Gary, Myles und einige andere im Palast wurde Alannas Leben leichter, und sie vergaß, dass sie Coram vor Kurzem befohlen hatte, zu packen und sie nach Hause zu bringen.
Drei Monate – und ihr elfter Geburtstag – gingen vorüber, ohne dass es Alanna richtig wahrnahm. Eines Abends, als Timon nach ihr suchte, wurde ihre neue Routine zum ersten Mal unterbrochen.
»Er will dich sehen.« Timon brauchte nicht zu erklären, wer »er« war. »Du sollst in sein Arbeitszimmer kommen.«
Alanna strich ihren Waffenrock zurecht und versuchte ihr Haar zu ordnen, bevor sie an Herzog Gareths Tür klopfte. Warum wollte der Herzog sie sehen? Was hatte sie falsch gemacht?
Er rief sie herein und schaute von seinen Papieren auf, als sie die Tür hinter sich schloss. »Alan, komm herein. Ich schreibe gerade deinem Vater, welche Fortschritte du machst. Hast du irgendeine Nachricht, die ich an ihn weiterleiten soll?«
Sie hatte also nichts ausgefressen! Alanna unterdrückte einen erleichterten Seufzer. Dann fiel ihr etwas noch Schlimmeres ein. Was war, wenn ihr Vater aus seinem Büchernebel auftauchte und Herzog Gareths Brief tatsächlich las?
Darüber mache ich mir Sorgen, wenn es tatsächlich passiert, sagte sie sich. Würden die Probleme denn niemals aufhören?
»Bitte schreibt meinem Vater, dass ich ihm meine Grüße sende, Euer Gnaden«, sagte sie.
Er legte seinen Federkiel beiseite. »Mein Bericht ist recht positiv. Du lernst gut und schnell. Wir sind froh, dich bei uns zu haben.«
Alanna wurde ganz rot vor Freude. So ein tolles Kompliment hatte man ihr noch nie gemacht. »Vie-vielen Dank, Euer Gnaden!«
»Zur Belohnung darfst du morgen früh in die Stadt. In Zukunft kannst du mit den anderen Pagen auch am Markttag nach Corus hinuntergehen. Da du noch neu bist, kannst du einen von den älteren Jungen als Begleiter mitnehmen. Nur nicht Alex. Er hat morgen eine zusätzliche Stunde Benimmunterricht.«
Alanna strahlte. »Ihr seid sehr gütig«, sagte sie. »Dürfte ich Gary – Gareth – mitnehmen?«
Der Herzog zog eine Augenbraue hoch. »Hm. Er hat gesagt, dass er gern mit dir zusammen ist. Das lässt sich machen. Aber achte darauf, dass ihr rechtzeitig zum Nachmittagsunterricht wieder zurück seid.«
»Ja, Herr!« Sie verbeugte sich tief. »Und noch einmal vielen Dank!«
Gary musste lachten, was für große Augen Alanna machte, während sie über den Marktplatz von Corus liefen. »Mach den Mund zu, Bauernjunge«, zog er sie auf. »Das meiste von dem, was es hier gibt, ist viel zu teuer.«
»Aber es gibt hier so viel von allem!«, rief sie aus.
»Hier nicht. Aber demnächst werden wir mal nach Caynnhafen reiten. Dort wirst du erst recht staunen.« Er blieb stehen, um sich ein Paar Reithandschuhe anzusehen. Alanna betrachtete sehnsüchtig das Langschwert, das danebenhing. Irgendwann einmal würde sie ein Schwert brauchen. Wie sollte sie jemals zu einem guten kommen?
Eine große Hand klopfte ihr auf die Schulter. Erschrocken schaute sie auf und sah in die haselnussbraunen Augen des Mannes, den Coram erst vor drei Monaten einen Dieb genannt hatte.
»Tatsächlich – es ist der junge Kerl mit den purpurfarbenen Augen«, sagte der Mann freundlich. »Ich hab mich schon gefragt, ob du vielleicht in ’nen Brunnen gefallen bist.« Seine Stimme war rau und unbeholfen, aber er bemühte sich beim Reden. Alanna kam es so vor, als dächte er über jedes Wort nach, bevor er es aussprach.
Sie grinste ihn an. Aus irgendeinem Grund überraschte diese Begegnung sie nicht. »Ich war im Palast.«
»Wer ist dieser Freund von dir?«, fragte Gary und musterte Alannas Bekannten misstrauisch.
»Erlaubt mir, dass ich mich vorstelle, meine jungen Herren.« Der Mann verbeugte sich. »Ich bin Georg Cooper aus der Unterstadt. Habt ihr Lust, etwas mit mir zu trinken? Ihr seid natürlich meine Gäste.«
»Vielen Dank«, antwortete Alanna rasch. »Das nehmen wir gerne an.«
Georg führte sie in eine kleine Schänke, die den Namen »Zum Tanzenden Täubchen« trug. Der alte Wirt begrüßte ihn wie einen guten Freund und brachte ihm sofort ein Bier und Limonade für die Pagen. Alanna schlürfte ihre Limonade und beobachtete währenddessen Georg. Er sagte, er sei siebzehn, doch er sah älter aus. Eigentlich war seine Nase zu lang, aber trotzdem sah er gut aus, wenn er lächelte. Wie die anderen Bürgerlichen trug er das Haar kurz geschnitten. Alanna spürte, dass er etwas Gebieterisches, ja fast etwas Königliches an sich hatte. Außerdem war er ihr ausgesprochen sympathisch.
»Du brauchst nicht verwundert zu sein, weil ich dich angesprochen habe«, erklärte er Alanna. »Um ganz ehrlich zu sein – es gefällt mir, wie du aussiehst. Augen wie die deinen kriegt man nicht oft zu Gesicht. Weil du ja vom Land bist – jetzt sieht man es dir zwar nicht mehr an, aber damals schon –, dachte ich, du würdest dich freuen, hier in der Stadt jemanden zu kennen.«
»Schließt du immer so schnell Freundschaften?«, fragte Gary in scharfem Ton.
Georg betrachtete ihn einen Augenblick lang. »Ich verlasse mich auf meinen Instinkt, junger Herr. In meinem Gewerbe lernt man schnell, sich auf seinen Instinkt zu verlassen.«
»Was genau machst du denn?«, wollte Alanna wissen.
Georg zwinkerte ihr zu. »Ich – ich kaufe und ich verkaufe.«
»Du bist ein Dieb«, sagte Gary unumwunden.
»›Dieb‹ ist ein hartes Wort, Meister Gareth.« Georg sah den großen, kräftigen Jungen an. »Wie kommst du darauf, dass ich einer bin? Du hast noch immer deine Börse und das, was drin ist. Zumindest hoffe ich das.«
Gary sah nach und räumte ein: »Ja, meine Börse ist noch da. Aber weshalb willst du dich eigentlich mit uns anfreunden? Wenn du meinst, wir würden im Palast ein gutes Wort für dich einlegen, dann irrst du dich. Weißt du denn nicht, wer ich bin?«
Georg erwiderte Garys Blick und konnte in dessen Augen erkennen, wie intelligent dieser Junge war. Es war offensichtlich, dass sich Gary mit seinem scharfen Verstand und seiner noch schärferen Zunge gelegentlich Feinde machte. Georg begriff das schnell und entspannte sich. »Ich weiß wohl, das du Gareth von Naxen bist, der Sohn des Herzogs. Ich hatte keine praktischen Gründe im Sinn, als ich dich ansprach. Wenn ich ehrlich sein soll – wärst du nicht mit Alan zusammen, wäre ich nicht auf dich zugegangen. Wir mögen hier die Edlen nicht sonderlich gern.« Er lächelte schief. »Aber ich habe die ›Gabe‹. Sie hilft mir, klarer zu sehen als mancher andere. Ich wusste, dass ich Meister Alan kennenlernen musste. Tatsächlich habe ich ihn in den letzten drei Monaten genauestens im Auge behalten. Ich setze mich nicht über meine Gabe hinweg, wenn sie mir etwas sagt.«
Gary zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht viel über Magie, doch was du sagst, klingt vernünftig. Aber trotzdem – was kann Alan für dich tun? Er ist doch nur eine halbe Portion.« Gary grinste Alanna entschuldigend an, und sie zuckte mit den Achseln. Langsam gewöhnte sie sich an solche Bemerkungen. »Und wenn ich mich nicht irre, dann bist du der Mann, den der Oberste Richter liebend gern zwischen die Finger kriegen würde.«
Georg nickte voller Respekt. »Ganz schön clever, Meister Gary. Also gut – ich bin der, den man den König der Diebe, den Herrscher am Hof der Schurken nennt. Die Schurken«, erklärte er, zu Alanna gewandt, »das sind all jene, die ihren Lebensunterhalt mit ihrem schlauen Köpfchen verdienen. Sie werden von einem König regiert – und im Augenblick bin das ich. Manchmal nennt man mich auch schlicht und einfach ›den Schurken‹. Aber in so einem Königreich währt die Herrschaft nicht besonders lang. Wer weiß, wann mir irgendein junger Kerl das antut, was ich vor sechs Monaten dem vorherigen König angetan habe? Wenn es so weit ist, brauche ich Freunde.« Er zuckte die Achseln. »Na ja, es wird nicht so bald dazu kommen. Und bis dahin – warum einem geschenkten Dieb ins Maul schauen? Denjenigen, die ehrlich mit mir sind, kann ich ein guter Freund sein.«
Gary musterte ihn und nickte. »Ich mag dich – auch wenn du ein Dieb bist.«
Georg lachte. »Und ich mag dich, Gary – auch wenn du ein Edler bist. Wir sind also Freunde?«
»Wir sind Freunde«, sagte Gary entschlossen. Sie schüttelten sich über den Tisch hinweg die Hände.
»Und du, Alan?«, fragte Georg. Alanna hatte sich das alles angeschaut und überlegt, doch man sah ihr nicht an, was sie dachte. Würde Georg, der ja die Gabe besaß, ihr Geheimnis erraten? Dann fiel ihr ein, was Maude ihr beigebracht hatte: Wenn man die Gabe besaß, schützte einen das vor dem hellseherischen Blick eines anderen, der ebenfalls die Gabe hatte. Im Augenblick würde Georg ihr Geheimnis also nicht erraten können. Und selbst wenn, vermutete Alanna, dann würde ein Dieb ohne guten Grund nicht einmal seiner Mutter verraten, wie spät es ist.
»Ich hätte gern noch ein bisschen Limonade«, sagte sie und goss sich ihren Krug voll. »Die Gabe ist dir sicher sehr hilfreich.«
»Sie hat mir mehr als einmal aus der Patsche geholfen«, gab Georg zu. »Sie hilft mir meine Schurken im Auge zu behalten, also halte ich mich unter Umständen länger aus als der König vor mir.« Er trank seinen Krug leer und stellte ihn ab. »Ihr braucht euch nicht um eure Taschen zu sorgen oder um die eurer Freunde, die ihr mitbringt. Aber passt auf, wen ihr anschleppt. Ein Wort von ihnen und mein Oberster Richter schnappt sich mit Sicherheit meinen Kopf.«
»Wir werden aufpassen«, versprach Gary. »Mach dir keine Sorgen um Alan. Er hält den Mund.«
Georg grinste. »Das sehe ich. Kaum einer von den Kerlen – nicht einmal einer von denen, die dem Schurkenring angehören – könnte sich all dies anhören, ohne ein Wort dazu zu sagen. Na gut. Ihr macht euch jetzt besser auf den Rückweg. Wenn ihr etwas braucht, dann gebt mir durch Stefan Bescheid – er arbeitet in den Ställen vom Palast. Ihr werdet mich meistens hier finden, und wenn nicht, dann fragt den alten Solom.« Er deutete mit dem Daumen auf den Wirt. »Er wird mich sofort holen.«
Alanna erhob sich. Sie und Gary schüttelten ihrem neuen Freund die Hand. »Wir sehen uns bald wieder«, versprach Alanna. »Hab noch einen schönen Tag.«
Die beiden Pagen schlenderten auf die Straße hinaus. Der König der Diebe sah ihnen nach und lächelte.
Einige Wochen später ließ Herzog Gareth Alanna aus ihrer Mathestunde rufen. Verstört machte sie sich auf den Weg zu ihm.
Er überreichte ihr einen Brief. »Kannst du mir das erklären?«
Alanna überflog das mit vielen Klecksen übersäte Pergament. Es war von ihrem Vater.
Der Brief war kurz und es stand bloß darin, er hoffe, Thom möge sich weiterhin gut anstellen.
Glücklicherweise hatte sie sich eine Geschichte zurechtgelegt. Sie sah auf, zuckte die Achseln und schaute ein wenig traurig drein.
»Wisst Ihr, er erinnert sich nicht. Ich glaube nicht, dass er meinen Bruder und mich jemals auseinanderhalten konnte.« Sie überkreuzte die Finger hinter ihrem Rücken und wagte eine Vermutung zu äußern. »Ich glaube nicht einmal, dass er Seine Majestät jemals von unserer Geburt unterrichtet hat.«
Der Herzog überlegte und nickte dann. »Du hast recht – das hat er tatsächlich nicht getan. Er hat sich nicht geändert.« Er seufzte. »Ich hoffe, dein Bruder macht seine Sache ebenso gut wie du. Wenn euer Vater euch auch nicht auseinanderhalten kann, so kann er wenigstens stolz auf seine beiden Söhne sein.«
Alanna senkte den Kopf. Sie hasste sich selbst, weil sie jemanden wie Herzog Gareth anlügen musste. »Ich danke Euch, Euer Gnaden«, flüsterte sie.
»Du kannst jetzt gehen. Und vergiss nicht, deinem Vater zu schreiben.«
Alanna verneigte sich. »Gewiss, Herr.« Sie ging hinaus und schloss die Tür. Im Flur ließ sie sich gegen die Wand sinken. Wenn sie Glück hatte, würde Herzog Gareth von nun an glauben, derartige Briefe seien Lord Alans schlechtem Gedächtnis zuzuschreiben.
Sie kehrte ins Klassenzimmer zurück, aber sie hatte noch immer weiche Knie. Es war wirklich praktisch, wenn man einen Vater hatte, den es nicht kümmerte, was man tat.
Aber wenn das so praktisch war, warum war ihr dann zum Weinen zumute?