Die »Ratte« Odder
»Ja, das isses, das hab ich immer im Suff gehört. Weinst häufig, was? Bist verzweifelt, wie? Brauchst keine Angst nich haben, vor Odder braucht keiner Angst nich haben. ’n Verlorener tut ’ner Verzweifelten nix! Selbst wenn ich Lust hätt, es mit dir zu treiben, würd ich’s nich tun, Ehrensache, verstehste?«
Es war ungefähr drei Wochen her, dass Odder den Weg vom Land aufs Schiff gefunden hatte. Und fast genauso lange lag es zurück, dass er den Schlüssel entwendet hatte. Es war ein Universalschlüssel, der dem Koch gehört hatte, bevor dieser die Falcon auf Nimmerwiedersehen verließ.
Seit dieser Zeit ging es Odder gut. Jede Tür öffnete sich ihm, und die Sorge um sein tägliches Quantum Wein, die ihn früher so oft geplagt hatte, gehörte der Vergangenheit an. Auch Nahrung, wo immer sie sich befand, war ihm jederzeit zugänglich, aber aus Nahrung machte er sich wenig. Wie jeder echte Säufer trank er lieber, als dass er aß.
Er war bis auf die Knochen abgemagert und pflegte Tag und Nacht vor sich hin zu dämmern, und wenn er irgendwann einmal aus seinem Halbschlaf erwachte, überkam ihn das große Zittern. Dann stand er auf, horchte auf die Geräusche im Schiff und machte sich, wenn die Luft rein war, auf die Suche nach etwas Trinkbarem. Manchmal war er dabei so schwach, dass er vorübergehend wieder einschlief. Bei dieser Gelegenheit war er das eine oder andere Mal überrascht und fast zur Arbeit eingeteilt worden, aber er hatte sich immer wieder rechtzeitig drücken können.
Am besten war es immer gewesen, wenn sich die gesamte Mannschaft betrank, dann fiel es nicht weiter auf, dass er sich unter sie mischte. Aber seit einigen Tagen wehte ein anderer Wind an Deck, und die Geräusche sprachen dafür, dass die Falcon demnächst wieder unter Segel gehen würde.
Odder war das gleich. Hauptsache, er hatte den Schlüssel. Mit seiner Hilfe ließ sich immer und überall ein Schlückchen finden.
Und manchmal fand sich auch etwas anderes.
Ein paar Tage nur war es her, dass er die Frau gefunden hatte. Das heißt, von »gefunden« konnte eigentlich keine Rede sein. Er war auf sie gestoßen, als er sich wieder einmal verstecken musste, um nicht von irgendwelchen Leuten zum Dienst eingeteilt zu werden.
Die Tür hatte er zunächst überhaupt nicht gesehen. Nicht, weil es zu dunkel war – er hatte einen Kerzenstummel dabei –, sondern weil sie so verborgen lag, tief unten neben dem Rohrende der Bilgenpumpe. Er hatte gekichert vor Freude über das willkommene Versteck und zur Sicherheit die Kerze gelöscht. Dann war er hineingekrochen in die Schwärze des Raums und hatte sich fallen lassen. Er war weich gefallen, auf irgendetwas, das einen Laut von sich gab. Er hatte sich zu Tode erschreckt und eine Weile stumm und regungslos dagelegen. Dann hatte er sich getraut, die Kerze neu zu entzünden. Und dann hatte er die Frau erblickt.
Odder war einiges gewohnt, denn er hatte ein bewegtes Leben hinter sich, aber als er die Frau sah, war ihm fast schlecht geworden. Wie eine Mumie hatte sie ausgesehen, mit einem Gesicht wie ein Totenkopf. Ihre Augen waren leer gewesen, ihre Lippen geöffnet wie zum Schrei, ihre Zähne zum Teil ausgeschlagen, ihre Haare voller Spinnweben und widerlicher Asseln.
Die Frau hatte genauso entsetzt geguckt wie er.
Er hatte einen Moment gebraucht, um zu begreifen, dass sie ihn genauso ekelerregend fand. »Hab keine Angst«, hatte er geflüstert, »Odder tut dir nix.« Aber die Frau hatte die Augen geschlossen und ihn nicht weiter beachtet. Da war er gegangen, jedoch nicht, ohne die Tür vorher abgeschlossen zu haben.
Am nächsten Tag war er wiedergekommen, und die Frau hatte dagelegen, als hätte sie sich keinen Zoll von der Stelle gerührt. Er hatte etwas Wasser mitgebracht und etwas Pökelfleisch, und die Frau hatte sogar von beidem genommen, aber gesagt hatte sie nichts.
Von dem Tag an hatte Odder immer an sie denken müssen, jedenfalls immer dann, wenn er nüchtern war, und er hatte sich ausgemalt, wo sie wohl herkam und was sie auf das Schiff verschlagen hatte.
Auch heute fragte er sich das. Wieder hatte er etwas Pökelfleisch aufgetrieben und etwas zu trinken. Diesmal jedoch eine Kanne Wein. Er fand, es betrank sich netter zu zweit. »Ich bin’s, Odder«, flüsterte er verschwörerisch, während er die Tür aufschloss. »Haste schon auf mich gewartet?«
Die Frau lag da und antwortete nicht, und Odder machte erst einmal Licht. Er hatte nicht weniger als drei Kerzen mitgebracht, die er nacheinander abbrennen wollte, denn er gedachte, länger zu bleiben. »Hab wieder was zu beißen dabei, is alles für dich, hab mirs Fressen schon seit langem abgewöhnt, weißte. Ich nehm dafür ’n guten Schluck. Kannst auch was abkriegen, musst’s nur sagen. Was, das willste nich? Auch gut, dann kriegste nix.«
Odder trank einen kräftigen Schluck und spürte, wie es ihm gleich besserging. »Von dem Fleisch willste wirklich nich? Mädel, Mädel, mach kein’ Kokolores, bist ja fast so dürr wie ich. Solltest essen, ja, das solltest du.«
Die Frau sagte nichts. Odder vergaß sie und dämmerte vor sich hin. Dann zischte die Kerze, und er wachte wieder auf. »Da biste ja immer noch, un hast immer noch nix gespachtelt. Na, jeder, wie er will. Un ich will erst mal noch ’n Schluck.« Odder trank. »Weißte, ich muss aufpassen, dass ich nich zu schnell sauf, wenn ich zu schnell sauf, hör ich immer Töne, so welche, die ich nich kenn, weißte. Wenn ich’s mir recht überleg, hab ich schon ’n paarmal gehört, wie du geweint hast, hab aber immer gedacht, ’s wärn die Töne vom Suff. Der Suff kann einem böse Streiche spieln, wenn man nich aufpasst. Vor ’n paar Tagen isses mir passiert, da hat mich dieser Cirugu …, dieser Curirgi … dieser neue Arzt geschnappt un in ’n Loch mit alten Tauen gesperrt, aber als er weg war, hab ich ihm ’ne Nase gedreht un bin abgehauen. Hatte ja meinen Unviversalschlüssel dabei, hihi.«
Die Frau sagte nichts. Sie atmete schwer.
»Wart mal.« Odder kroch auf allen vieren zur Tür und schloss sie von innen. »Is sicherer, weißte. Durch ’ne zue Tür kann keiner kucken.«
Die Frau zuckte mehrmals zusammen. Odder sah es daran, dass sich ihr Lumpenkleid ruckartig bewegte. »Haste öfter solche Zuckungen? Brauchst keine Angst nich haben, vor Odder braucht keiner Angst nich haben. Ich bin ’n Verlorener, weißte, ’s hat mal ’n Reverend zu mir gesacht. ›Ihr seid ein Verlorener‹, hat er zu mir gesacht un gleich mit’m Beten angefangen. Mir war’s egal, beten hilft auch nich, aber sein Messwein hat mächtig gut geschmeckt.«
Die Frau begann leise zu wimmern.
»Ja, das isses, das hab ich immer im Suff gehört. Weinst häufig, was? Bist verzweifelt, wie? Brauchst keine Angst nich haben, vor Odder braucht keiner Angst nich haben. ’n Verlorener tut ’ner Verzweifelten nix! Selbst wenn ich Lust hätt, es mit dir zu treiben, würd ich’s nich tun, Ehrensache, verstehste?«
Nach dieser Rede fühlte sich Odder etwas erschöpft. Er trank einen kräftigen Schluck aus der Weinkanne und nickte ein.
Als er aufwachte, brannte die zweite Kerze. Jemand musste sie entzündet haben, denn von allein konnte sie nicht brennen. Odder kramte in den Windungen seines Verstands und kam darauf, dass es die Frau gewesen sein musste. »Das is gut«, gähnte er. »Hast Licht gemacht. Haste auch was gespachtelt? Nee, haste nich? Denn nich. Jeder muss selber wissen, was er will. Ich lass dir das Fressen da. Wenn de willst, nimmste später davon. Ich hau jetzt ab, muss woanders noch mal nach’m Rechten sehn. Brauchst keine Angst nich haben, ich komm wieder. Ich nehm den Scheißeimer mit un leer ihn für dich aus, is ja schon ganz voll, das Ding. Brauch dir nich peinlich sein, jeder muss mal auf’n Topf, sogar die Königin. Wenn ich geh, schließ ich’s Schloss wieder ab, aber brauchst keine Angst nich haben, is nur für deine Sicherheit, un die Ratten können auch nich rein zu dir.«
Odder legte seine Hand zaghaft auf die Schulter der Frau. »Mach dir keine Sorgen nich, ich komm wieder.«
Als der Befehl »Leinen los!« ergangen war und die Springtaue vorn und achtern gelöst wurden, stand Taggart mit Vitus an der Querreling des Kommandantendecks und legte wie immer seine Hand auf das Holz. »Lange her, dass ich mein Schiff gespürt habe«, knurrte er. »Viel zu lange. Aber jetzt ist wieder Leben darin.«
»Aye, Sir.« Vitus packte ebenfalls die Reling, fühlte aber nichts als frisch geschmirgeltes, gut lackiertes Holz.
»Die Zimmerer Jim und Tom haben gute Arbeit geleistet, das habe ich ihnen auch schon gesagt.« Taggart beobachtete McQuarrie, der auf dem Galion stehend das Ablegemanöver leitete. Obwohl der Wind günstig blies, hatte er alle Hände voll zu tun, die Falcon sauber vom Kai fortzumanövrieren und ins Fahrwasser zu bringen. Aber der drahtige Schotte war eine altgediente Teerjacke und hatte seine Männer gut im Griff.
Das sah auch Taggart, der trotz seiner Plauderei mit Vitus wie ein Schießhund aufpasste, ob alles nach guter Seemannschaft ablief. Ein Schiff, das den Hafen verließ, zog immer Hunderte von neugierigen Blicken auf sich, und wehe dem Kommandanten, der dabei eine schlechte Figur machte. »Manchmal hätte ich mir allerdings Colby hergewünscht.«
»Colby, Sir?«
»Meinen alten Zimmermann. Der Kerl hatte gesegnete Hände. Es gab nichts, was der nicht bauen oder reparieren konnte … He, McQuarrie, bringt das Schiff mehr an den Wind!« Ganz konnte Taggart es doch nicht lassen.
»Aye, aye, Sir!«, brüllte der drahtige Schotte und gab die entsprechenden Befehle.
»Was wurde aus Colby, Sir?«
»Keine Ahnung, Cirurgicus. Das ist es ja gerade. Er verließ meine Falcon wie so viele andere, kaum dass ich ihr den Rücken gekehrt hatte … Mehr Backbordruder! … Vielleicht weilt er auch nicht mehr unter den Lebenden. Er war schon achtundvierzig Jahre alt.«
»Schon achtundvierzig?« Vitus grinste.
»Ich weiß, was Ihr denkt. Ihr denkt, das sagt einer, der bereits dreiundsechzig ist.«
»Und vielleicht gut daran getan hätte, sich neue Knie von seinem Zimmermann bauen zu lassen«, scherzte Vitus nicht ohne Absicht.
Taggart schaute verblüfft. »Den Gedanken hatte ich tatsächlich ein paarmal, Cirurgicus, obwohl es natürlich Unsinn war. Nebenbei: Was spielt Ihr eigentlich dauernd auf meine Knie an? Sie sind wieder in Ordnung. Könnten gar nicht besser sein. Professor Banester scheint da ein paar Sehnen oder Knorpel oder weiß der Teufel was kunstvoll zusammengespleißt zu haben.«
»Sind sie wirklich in Ordnung, Sir?«
»Nun ja.« Taggart zögerte. Dann schoss plötzlich seine Hand vor. »Seht mal da an Land, Cirurgicus. Scheint so, als hätte uns jemand noch besuchen wollen.«
Vitus’ Augen folgten der angegebenen Richtung und entdeckten einen prächtigen Reitertrupp, der eine Kutsche eskortierte. »Dem Wappen nach ist es die Kutsche von Sir Francis.«
»Was, Drake? Was will der denn?«
»Ich meine Francis Walsingham, Sir, den Staatssekretär und Geheimdienstchef Ihrer Majestät.«
»Ach so, ach so.« Taggart ärgerte sich über sein schwächer werdendes Augenlicht. »Der Mann, dem wir unsere Mission verdanken. Nett, dass er zu unserer Verabschiedung gekommen ist.«
»Wollt Ihr nicht lieber noch einmal anlegen, Sir?«
Taggart schnaufte. »Der Abstand zwischen uns und dem Kai beträgt mindestens schon hundertfünfzig Yards. Der hohe Herr kommt zu spät, wir segeln weiter.«
»Aber Sir!«
»Walsingham hat uns eine wichtige Aufgabe gegeben, vielleicht die wichtigste in dem ganzen kommenden Krieg, aber er hat es nicht für nötig befunden, die Instandsetzung meines Schiffs auch nur mit einem Halfpenny zu unterstützen.«
»Da habt Ihr leider recht. Seht nur, Sir Francis ist ausgestiegen und schaut zu uns herüber. Und da steht noch ein zweiter Gentleman, es ist Lordadmiral Howard, sollten wir nicht doch besser …?
»Nein! Wir schreiben heute den einundzwanzigsten Mai, bald ist Weihnachten, und wir kommen gerade erst aus diesem gottverdammten Hafen raus. Das alles verdanken wir einzig und allein der Gleichgültigkeit und der Untätigkeit jener Herren.«
»Vielleicht haben sie noch eine wichtige Botschaft für uns, Sir?«
»Und wenn schon. Dann hätte es ein Kurier auch getan. Der wäre auch früher hier gewesen. Nein, nein, die Herren wollen nur gucken. Tut mir leid, Gentlemen.« Taggart blickte grimmig drein und grüßte zu Walsingham und Howard hinüber.
»Wir sind weg!«
»Wir sin schon zwei oder drei Tage auf See«, sagte Odder tief unten im Schiffsbauch zu der Frau. »Manchmal schaukelt’s ganz schön. Haste’s schon mitgekriegt?«
Die Frau schwieg. Aber sie aß von dem mitgebrachten Brei aus Rüben und Speck.
»Den Fraß hat der Zwerch gemacht. Das is jetzt unser Koch, musste wissen. ’n Zwerch als Koch, das gab’s auch noch nich, aber schlechter als der davor isser auch nich. Der Koch heißt Enano, hab ich gehört. Enano is Spanisch un heißt Zwerch. Passt gut, nich?«
Die Frau antwortete nicht.
»Is ja auch egal, ob’s passt oder nich, nich? Ich heiß übrigens Odder, falls ich’s dir noch nich gesacht hab, un man nennt mich ›Ratte‹, kein schöner Name nich, aber hab mich dran gewöhnt. Ratten sin gar nich so dumm, wie sie aussehn, sin sogar ganz schön schlau. Musst dich mächtig anstrengen, wenn de eine fangen willst. Früher hab ich häufig welche geschnappt, wenn nix anderes zu fressen da war. Die schmecken nich schlecht. Wenn de nich weißt, dass de eine isst, merkste das gar nich. Vielleicht denkste, ’s is Wildschwein oder Karnickel oder so was, nich schlecht.«
Die Frau schob die Schüssel von sich und legte sich wieder hin.
»Wie heißt’n du mit Namen?«
Die Frau streifte Odder mit einem Blick und drehte sich um.
»Hast recht, Namen sin unwichtig. Ich hätt ja auch sagen können, ich heiß James oder Henry oder William oder so, un du hättst mir das auch geglaubt, un ich wär deshalb auch kein schlechterer Mensch gewesen. Kennste Aberdeen? Da hab ich früher die Ratten geschnappt, manchmal zehn un mehr am Tach, un hab se verkauft. Bin da auch aufgewachsen. Meinen Alten hab ich nie gesehn, un meine Mutter war ’ne Seeschwalbe im Hafen, wenn de verstehst, was ich mein. Irgendwann isse weggeflogen. Bin zwischen Fischresten aufgewachsen, weißte. Das sin so Reste, die bleiben beim Fischeschlachten über, Flossen un Schwänze un Gedärm un so. Mit den Fischblasen konnten wir Jungs prima spielen, ha’m sie uns über’n Pimmel rübergezogen un Pimmelfechten gespielt un uns halb schlappgelacht. Oh, ’tschuldigung, wollt nich unanständig wer’n. Aber’s war immer ’n fürchterlicher Gestank mit den Fischen. Wenn de den Gestank einmal an dir hast, wirste den nie nich mehr los. ’s is auch der Grund, warum ich immer etwas riech. Was soll’s, ’s gibt Schlimmeres. Schlimm is, wenn de jeden Tach Fisch fressen musst, weil nix anderes da is, der kommt dir zu den Ohren wieder raus, der Fisch, das sach ich dir, irgendwann kommt er dir zu den Ohren wieder raus. Wollte gern mal was anderes fressen als Abfälle, un da hab ich ’ne Arbeit angefangen, hab Fischkisten gebaut, das war ’ne üble Sache, ’s war’n nämlich Fischbretter, die se dafür genommen ha’m, un die stanken auch ganz erbärmlich. For Quai Use Only hat auf den Brettern draufgestanden, aber das weiß ich nur, weil’s mir einer gesacht hat, kann ja nich lesen. Kannste lesen?«
Die Frau schien zu schlafen, aber das störte Odder nicht. Er nahm einen tiefen Zug aus der Weinkanne und rülpste vernehmlich. »Weißte, ich hab mich gefragt, was du wohl so früher gemacht hast, un ich hab mir gedacht, du bist innem Schloss aufgewachsen un hast immer satt zu essen gehabt un Bedienung un Spielzeug un Puppen un so was un musstest kein’ Fisch essen un konntest immer Braten un Fasan un so was essen un hast immer schöne Kleider gehabt, so richtig teure, wo jedes tausend Pfund kostet wie die Königin ihre, un dein Vater wär’n Fürst un deine Mutter ’ne Fürstin, un du wärst ’ne Prinzessin, hihi, ’tschuldigung, bin etwas albern.«
Odder trank einen weiteren Schluck. »Mach dir nix draus, war’n ja nur so Gedanken. Aber manchmal musste als armes Schwein so was denken, sach ich immer, sonst wirste verrückt. Verrückt wirste sonst …«
Odder schlief ein.
Als er erwachte, war die Kerze heruntergebrannt. Sie lag gelöscht im Stroh. Er fand sie nur, indem er mit der Hand nach ihr tastete. Dabei stieß er gegen die Frau. Er glaubte, ihre Brust berührt zu haben, und erschrak. »’tschuldigung, beim Leben vom lieben Jesus, das wollt ich nich! Bist doch meine Verzweifelte un sollst nich noch verzweifelter wer’n! Weißte, was, ich verdünnisier mich jetzt, muss nur aufpassen, dass se mich nich erwischen, ha’m mich schon’n paarmal gesucht, die Hunde. War nett mit dir. Warte, ich mach wieder Licht. Is der Eimer schon wieder voll? Ich leer ihn aus, un morgen bring ich ihn wieder mit.«
In den folgenden Tagen zogen stürmische Winde auf, sie kamen aus verschiedenen Richtungen, heulten durch die Takelage und peitschten Gischt über die Wogen des Meers. Für einen Renner wie die Falcon war es genau das richtige Wetter, um beachtliche Etmale zu erzielen. Doch sie arbeitete sich nur langsam nach Süden vor, denn Taggart ließ einen ausgeprägten Zickzackkurs steuern, um die Biskaya in ihrer gesamten Breite ausspähen zu können. Er hatte befohlen, die Ausgucks Tag und Nacht zu besetzen, und für diese Arbeit die Männer mit den besten Augen abgestellt.
Aber die Armada ließ sich nicht blicken.
Taggart, den alten Fuchs, machte das nicht ruhiger. Ständig fragte er sich, wo der Feind steckte, ob er noch kommen würde oder ob er ihn schon verpasst hatte. »Unsichtiges Wetter!«, fluchte er ein ums andere Mal und wich nicht von seinem Kommandantendeck, dem höchsten Punkt auf dem Achterschiff.
Der Sturm und die rauhe See forderten seinen Kräften das Äußerste ab, aber er schonte sich nicht – und die Mannschaft erst recht nicht. An allen Ecken und Enden fehlten Matrosen: an den Brassen ebenso wie beim Setzen und Reffen der Segel, am Kolderstab für die Steuerung, in den Ausgucken, bei der täglichen Wartung. Der Mangel wäre nicht ganz so erheblich gewesen, hätte nicht die Notwendigkeit bestanden, mehr als die Hälfte der Männer in die Geheimnisse der Geschützbedienung einzuweisen. Schlimmer noch: Wegen des Wetters konnte das Exerzieren sich nur auf Trockenübungen beschränken, was bei dem Rollen und Stampfen des Schiffs oftmals albern genug aussah, und selbst dem grimmigen Taggart hier und da ein Lächeln entlockte.
Dennoch war es alles andere als ein Witz, wenn die Männer bei schwerer See mit Schwabbern und Ladestöcken in der Hand hin und her torkelten, vergebens an den Brooktauen der Culverines Halt suchten und über alledem eine mehr als fragwürdige Figur machten.
»Poseidon, Poseidon!«, fluchte Taggart. »Kneif endlich die Arschbacken zusammen und lass weniger Winde wehen! Meine Männer müssen schießen lernen, Scharfschießen lernen!« Dabei beugte er sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf der Reling ab, um die Belastung seiner Knie zu mindern. Die vermaledeiten Gelenke taten mittlerweile so weh, als hätte Professor Banester nur ein paar Beschwörungsformeln und nicht seine ganze Kunst auf ihre Genesung verwendet. Aber für Gejammer war jetzt keine Zeit. Die Falcon hatte einen Auftrag übernommen, und dieser Auftrag war auszuführen. Koste es, was es wolle.
»Autsch!«, entfuhr es Taggart, denn ein rasender Schmerz schoss ihm durch die Beine. Eine Quersee hatte den Bug der Falcon jählings angehoben und so den Druck auf seine geplagten Gelenke nochmals erhöht. »McQuarrie!« Taggart formte die Hände zu einem Trichter, um besser gegen den Sturm anschreien zu können. »McQuarrie!«
Der drahtige Schotte hangelte sich über die Strecktaue auf dem Hauptdeck heran. »Sir?«
»Übernehmt mal für eine Weile. Ich, äh, ich muss mal einer menschlichen Regung nachgeben.«
»Aye, aye, Sir.« Der Schotte strahlte. Was Taggart da eben angeordnet hatte, stellte eine besondere Anerkennung dar. Es kam so gut wie niemals vor, dass der Kommandant seinen angestammten Platz räumte.
Taggart rang sich ein Lächeln ab und quälte sich den Niedergang hinunter, wobei er seinem Schöpfer dankte, dass der Grund für sein Hinken auf das Schwanken des Decks zurückgeführt werden konnte. Er riss die Tür zu seiner Kajüte auf, stolperte halb über das Süll und warf sich aufatmend in den Stuhl am Kartentisch. Einige Atemzüge verweilte er so, dann stand er auf, stelzte breitbeinig zu dem hölzernen Schapp auf der Backbordseite und holte die Dose mit der Aufschrift Castoreum anglicum hervor. Er beabsichtigte, sich eine Portion Bibergeil auf die Knie zu schmieren, so wie er es im vergangenen Jahr schon öfter praktiziert hatte – wenn auch mit geringem Erfolg. Er öffnete die Dose und verzog die Nase, das Zeug stank zum Gotterbarmen, ebenfalls wie im vergangenen Jahr, das hatte er ganz vergessen. »Dann wollen wir mal«, knurrte er und ließ – nach einem sichernden Blick in Richtung Tippertons Tür – die Hose herunter. »Aaah, die verfluchten Schmerzen.«
»Ich würde das nicht nehmen, Sir.«
»Was?« Taggart fuhr herum. Hinter dem Paravent, der den Nachtstuhl verdeckte, trat Vitus hervor. Auf Taggarts Stirn entstand eine Falte. »Wo kommt Ihr denn her?«
»Ich habe auf Euch gewartet, Sir.«
»Ihr habt hier nichts verloren!«
»Vielleicht doch, Sir.«
»Ihr seid unerlaubt in meine Kajüte eingedrungen!«
»Und Ihr habt mich belogen.«
»Ich? Euch belogen? Lächerlich!«
»Ihr habt mir versichert, mit Euren Knien sei alles in Ordnung. Wenn das so ist, frage ich mich, warum Ihr sie einreiben wollt.«
Taggarts Narbe begann zu glühen. »Nun, äh, eine Vorsichtsmaßnahme.«
»Unsinn!« Vitus ging auf Taggart zu und beugte sich zu ihm hinunter, so dass ihre Gesichter sich fast berührten. »Die Schmerzen sieht Euch ein Blinder an! Statt sich mir anzuvertrauen, der ich extra Euretwegen an Bord gekommen bin, hantiert Ihr mit dieser Salbe herum.«
»Moment mal, Ihr seid nur meinetwegen an Bord? Ich denke, es hat Euch gejuckt, die Nase mal wieder in die Seeluft zu halten? Jedenfalls hat Howard etwas Ähnliches auf der Segelorder vermerken lassen. Und ich habe ihm geglaubt.«
»Ich habe in erster Linie Euretwegen angeheuert, Sir. Das ist die Wahrheit.«
»Howard, dieser heimtückische Hurensohn! Er kann von Glück sagen, dass er zu spät an den Kai gekommen ist, ich hätte ihm sonst alle Rippen gebrochen. Mich so zu hintergehen!«
»Lordadmiral Howard hat sich Sorgen um Euer Wohlbefinden gemacht, dasselbe gilt für Sir Francis. Und nun stellt das Bibergeil zur Seite, es nützt sowieso nicht viel.«
»Das habe ich auch schon gemerkt.«
»Warum wollt Ihr es dann nehmen?«
Taggart grummelte irgendetwas.
»Zieht die Stiefel und die Hose aus und die lange Unterhose auch. Dann legt Euch auf Eure Koje, ich will mir Eure Knie genau ansehen.«
Taggart grummelte noch immer, gehorchte aber.
Vitus setzte sich auf die Kante der Koje und tastete die Beingelenke ab. Dann beugte er sie langsam und streckte sie wieder. Ob dieser Vorgang Schmerzen bereitete, musste er Taggart nicht fragen, er sah es ihm am Gesicht an. »Wie ich mir dachte: Eine inflammatio wütet in Euren Knien. In diesem Fall verordne ich Euch zunächst kalte Umschläge. Die Lappen dafür habe ich vorsorglich angefeuchtet und in den Wind gehängt, damit sie stark abkühlen und umso größere Linderung schenken. Das Feuer der Entzündung wird auf diese Weise zwar nicht gänzlich gelöscht, aber zumindest eingedämmt.«
Taggart ächzte: »Die Methode kenne ich. Tipperton kühlt mir auf diese Weise immer den Wein. Ein Gläschen würde mir jetzt guttun.«
»Das kommt überhaupt nicht in Frage, Sir. Wein und jegliche Form von Alkohol sind ab sofort verboten.« Vitus schlug die Tücher um die Knie, und Taggart zog scharf die Luft ein, jedoch nicht vor Schmerz, sondern weil die Lappen tatsächlich sehr kalt waren.
»Bleibt jetzt für eine Weile so liegen. Was hat übrigens Professor Banester gegen die Torturen unternommen?«
»Ach …« Taggart machte eine wegwerfende Geste.
»Irgendetwas muss er Euch ja gegeben haben.«
Taggart richtete den Oberkörper halb auf, wurde von Vitus aber wieder in die Kissen gedrückt. »Eine gottverdammte Pampe war das! Schlamm, wenn Ihr so wollt. Den hat er mir um die Knie gepackt und ein Tuch drumgewickelt. Gegen den Schmerz hat er mir Weidenrindentee eingetrichtert, manchmal auch Laudanum, wenn es zu schlimm wurde.«
Vitus nickte. »Ich kenne die Therapie mit heilendem Schlamm und Naturmoor, aber ich kann sie hier auf dem Schiff natürlich nicht anwenden, da ich beides nicht habe. Ich verordne Euch lindernden Tee und Salben zum Auftragen.«
»Also dasselbe, was Banester gemacht hat«, maulte Taggart.
»Es ist nur fast dasselbe«, korrigierte Vitus. »Wir Ärzte haben nicht viele Möglichkeiten, wenn es gilt, die Symptome Eurer Krankheit zu bekämpfen. Und die Schmerzen, die Ihr spürt, sind nichts anderes als Symptome. Sie stehen für das Ungleichgewicht der Säfte, das in Euren Knien herrscht. Die Säfte müssen wieder ins Gleichgewicht, was nur gelingen kann, wenn die Ursache der Gelenkentzündung bekämpft wird.«
»Solch theoretisches Zeug hat Banester auch von sich gegeben, und was es genützt hat, seht Ihr ja.«
Vitus verkniff sich eine scharfe Zurechtweisung. »Ihr seid genau das, was ich erwartet habe: kein besonders geduldiger Patient. Um die Ursache Eurer Leiden zu bekämpfen, müssen wir erreichen, dass Eure Knie weniger belastet werden. Das heißt, stundenlanges Stehen auf dem Kommandantendeck ist nicht mehr möglich.«
Taggart fuhr hoch und achtete nicht auf Vitus’ Versuche, ihn zurückzudrängen. »Ach, und wie stellt Ihr Euch das vor? Soll ich wie ein Erzengel über dem Deck schweben, oder wie?«
»Ihr könntet Euch dort einen Stuhl installieren lassen, einen Seestuhl, fest verschraubt, witterungsbeständig …«
»Sehr komisch! Warum nicht gleich ein Bett, eine Lagerstatt, eine Lotterkiste! Und wenn der böse Sturm kommt, zieht der Captain sich die Daunendecke hoch bis über beide Ohren!«
»Ich verstehe Euch ja, Sir. Aber als Arzt muss ich Euch sagen, was vonnöten wäre.«
»Mein Platz ist auf dem Kommandantendeck, am höchsten Punkt, von dem aus ich alles beobachten kann. Das war so, das ist so, und das wird immer so bleiben. Und wenn mir die verfluchten Knie dabei abfallen!«
Es gelang Vitus, Taggart wieder in die horizontale Lage zu drängen. »Regt Euch nicht auf, Sir. Sagt mir lieber, ob Ihr schon eine Besserung spürt.«
»Bei allen Klabautermännern, das tue ich tatsächlich! Ich wusste ja immer, dass Ihr ein guter Arzt seid, Cirurgicus.«
»Danke für die Lorbeeren, Sir, aber ich muss sie mir erst noch verdienen. Ihr könntet mir – und in erster Linie Euch – helfen, wenn Ihr den Vorschlag mit dem Stuhl annehmen würdet.«
»Nein!«
»Nun, gut, ich merke schon, dass in dieser Hinsicht nicht mit Euch zu reden ist. Ich verlasse Euch jetzt. Ich werde die Arzneien vorbereiten und komme dann wieder. Versucht, Euch in dieser Zeit zu entspannen. Wartet, ich will die kalten Umschläge vorher noch einmal wechseln.« Vitus ging hinaus, wo ein zweiter Satz feuchter Lappen am Mast hängend durchgekühlt war, kehrte zurück und schlug ihn um die Knie seines uneinsichtigen Patienten. »Ich brauche ungefähr eine halbe Stunde, Sir. Bis dann.«
Zur angegebenen Zeit war Vitus wieder da und fand Taggart tatsächlich schlafend vor. Schmerzen, das wusste er, konnten einen sehr erschöpfen. Ohne Taggart zu wecken, nahm er die Umschläge fort und ersetzte sie durch eine Salbenschicht, die aus den entzündungshemmenden Extrakten von Brennnessel und Arnika bestand sowie einem Ölanteil aus Wacholder, Lavendel und Rosmarin zur Förderung der Durchblutung. Eine Kanne mit würzigem, heißem Weidenrindentee sollte ein neuerliches Aufkommen starker Schmerzen verhindern.
»Wein wäre mir lieber«, murrte Taggart, der inzwischen wach geworden war. »Wollt Ihr mir noch die letzten Freuden des Lebens nehmen, Cirurgicus?«
»Ich will Euch helfen, Sir. Deshalb rate ich Euch nochmals dringend, die Knie nicht mehr so stark und so lange zu belasten. Steht wenigstens nicht mehr stundenlang auf dem Kommandantendeck. Lasst Euch von McQuarrie oder Dorsey öfter ablösen, wenn Ihr schon keinen Stuhl aufstellen mögt. Im Übrigen brauche ich Eure Stiefel.«
»Bei allen Seespinnen, was soll das denn nun wieder heißen? Was wollt Ihr mit meinen Stiefeln?«
»Ich will erreichen, dass es sich in ihnen besser gehen lässt.«
»Meine Stiefel bleiben, wie sie sind! Ich habe sie seit dreizehn Jahren, sie sind wie eine zweite Haut. Daran wird nicht herumgebastelt!«
»O doch! Eure Stiefel mögen Euch lieb und wert sein, aber sie haben lederne Hacken. Und mit jedem Schritt, den Ihr tut, landen Eure Fersen auf eben diesen ledernen Hacken. Sie sind fest und unnachgiebig. Jede Erschütterung beim Auftreten läuft deshalb durch Eure Beine hinauf bis in die Knie – und belastet sie. Deshalb werde ich beide ledernen Hacken durch solche aus Hanf ersetzen. Ich werde dazu Hanfseil nehmen, es zu zwei Schnecken aufschießen und sie unter Eure Stiefel nageln. Euer Gang wird dadurch federnder werden, Eure Knie werden weniger beansprucht werden.«
Taggart stöhnte in komischer Verzweiflung: »Hacken aus Hanf, so weit ist es also schon gekommen! Ihr macht noch einen Narren aus mir.«
Odder schaute beim Schein der Laterne in die Spiegelscherbe und fand, dass er eigentlich gar nicht so schlecht aussah. Gewiss, seine Haare waren etwas lang und etwas wirr, auch die dunklen Ränder unter den Augen machten ihn nicht jünger und die zwei scharfen Falten neben den Nasenflügeln auch nicht, aber sonst sah er ganz passabel aus. Was eine Rasur doch gleich ausmachte!
Fast eine Stunde lang hatte er sich mit dem Schermesser abgequält und sich ein paarmal geschnitten, aber wenigstens das Wasser war warm gewesen. Er hatte es dem Zwerg abgeschwatzt, der seit einiger Zeit als Koch auf dem Schiff arbeitete. Der Zwerg war der Einzige, mit dem er ab und zu sprach. »Was, heißen Plempel willste?«, hatte der Gnom gefistelt. »Da könnt ja jeder kommen. Für nix gibt’s nix.«
Odder war nichts eingefallen, was er dem Zwerg hätte geben können. Schließlich hatte er gesagt: »Ich würd dir ’n paar Geschichten erzähln, die haste noch nie nich gehört, echt gute Geschichten.«
»Willst Meisen trällern lassen? Dass ich nich schmeiche! Kenn selbst jede Menge Meisen, nich zu knapp. Aber wenn de schon mal da bist, hier, stech dir den Plempel un verblüh.«
So war Odder an das heiße Wasser für seine Rasur gekommen, ganz ohne Gefahr, verraten zu werden. Denn die Verlorenen, zu denen er auch Zwerge mit Buckel zählte, hielten überall auf der Welt zusammen.
Noch einmal blickte er in die Scherbe, schnitt eine Grimasse und machte sich auf den Weg zu der Frau. Tief unten neben dem Rohrende der Bilgenpumpe schloss er die Tür auf und begrüßte sie: »Ich bin’s wieder, Odder. Hab mich zwei Tage nich sehn lassen, oder waren’s drei? Is egal, ’s ging nich anders, is viel zu viel Unruhe im Schiff, weißte. Dauernd üben se mit den Kanonen, das rummst un bummst, dass dir Hören un Sehen vergeht. Außerdem ha’m se mich schon wieder gesucht, musste höllisch aufpassen, ha’m gemerkt, dass ich fehl, aber Odder is schlau, da brauchste nich bange sein, mich kriegen se nich. Den ganzen Tach üben se an den Kanonen, jetzt, wo’s Wetter besser geworden is, dabei is gar kein Feind zu sehn, un richtig schießen tun se auch nich. Un mit’n Segeln üben se auch immer, Segel rauf un runter, dabei is der Wind immer gleich, rauf un runter, warum, weiß ich auch nich, bin ja kein Seemann nich.«
Die Frau räusperte sich, als wolle sie etwas sagen, sagte aber nichts.
»Vielleicht wunderste dich, dass ich rasiert bin, aber ’s war mal wieder nötich, sonst hätt ich’s ja nich gemacht. Hatt sogar warmes Wasser dafür, hab an dich gedacht, ’n bisschen warmes Wasser würd dir auch guttun, ich mein, für die Haut, ’s wär doch angenehm auf der Haut, nich?«
Die Frau strich sich mit einer trägen Bewegung über die Wange.
»Gegessen haste auch wieder nix, oder? Na ja, ’n bisschen. Aber so geht das nich, das sach ich dir, auf die Dauer geht das so nich. Fällst mir ja noch ganz vom Fleisch. Hab dir Zwieback mitgebracht, Zwieback vom Zwerch. Dem Koch, weißte. Is ganz nett, der Kleine, hat’n Buckel un is’n Freund von diesem Cirugu …, äh, Arzt. Aber sonst isser nett. Is auch’n Verlorener. Der Zwieback is gut, zweimal gebacken, un die Maden hab ich alle schon rausgeklopft. Willste mal probiern? Nee? Auch gut. Früher mocht ich auch keinen Zwieback, wo mal Maden drin war’n. Vielleicht überlegste dir’s noch mal. Wart, ich mach die Tür schnell zu, weißt ja, damit uns keiner sieht, man weiß ja nie. Kennste die Kneipe Proud’s Flag in Southampton? Is eigentlich gar keine Kneipe, is’n Puff, da hab ich mal drin gearbeitet. Hab mich ganz gut mit der Puffmutter, Mrs.Proud, verstanden, nee, nich so, wie du jetzt denkst. Hab die Zimmer saubergemacht un die Flecken vonner Bettwäsche weggemacht, weil die immer für vier Wochen war, un hab den Mädels zu fressen geholt un mir ihre Geschichten angehört. Manche sin gar nich so übel, ich mein die Mädels, gar nich so übel sin die, eine war mal da, mit der hätt ich gern mal, äh, du weißt schon, aber sie wollt nich. Nach’n paar Tagen hab ich sie noch mal gefragt, aber sie hat gemeint, sie hätt grad Kopfschmerzen, un beim dritten Mal war’s der Rücken, un beim vierten Mal war’s der Magen, un beim fünften Mal warn’s ihre Tage, immer hatte sie grad was, un irgendwann hat sie zu mir gesacht, sie hätt nix gegen mich, aber ich hätt ja auch nix für sie, un nur von lauer Luft könnt sie nich leben. Aber malen dürfte ich sie. Malen? Hab ich gefragt. Wieso malen? Ja, hat sie gesacht, sie hätt sich vorgestellt, ich wär’n Maler, un sie würd mir Modell liegen, un vielleicht würd sie dann irgendwann mal bei vornehmen Leuten inner Bude hängen.«
Die Frau kratzte sich heftig in den verfilzten Haaren, aber sie schien zuzuhören.
Odder, der bisher neben ihr gehockt hatte, legte sich neben sie. Die Kerze blies er aus, weil es sich so gemütlicher plaudern ließ. »Tja, so hab ich’s Malen angefangen«, fuhr er fort. »’s ging ganz gut, Mrs.Proud meinte, ich hätt Talent, aber vielleicht lag’s auch nur daran, dass ich die Mädels immer’n bisschen hübscher gemalt hab, als sie war’n. Hab die Dicken ’n bisschen dünner gemacht un die Dünnen ’n bisschen dicker. Einmal hab ich ’ne Dicke von ganz nah gemalt, du weißt schon, die Stelle zwischen den Beinen, da hat sie mir eine geknallt, das wär keine Kunst un so, hat sie gesacht, un auch Mrs.Proud war wütend. Da hab ich das Bild im Hafen verkauft, ’s ging ganz leicht, hab’n Farthing dafür gekriegt, ’s war viel Geld damals. Hab dann nur noch so ›Stellen‹ von den Mädels gemalt un nach un nach immer mehr ›männliche Teile‹ dazugemalt, wenn de verstehst, was ich mein. Bin rausgeflogen aus’m Puff, machte aber nix, weil die Sachen gut zu verkaufen war’n. Die Teerjacken auf den Schiffen war’n ganz wild danach un ha’m immer gefracht, wieso ich mich so gut auskenn, ’s würd alles haargenau stimmen, was ich da so malen tät. ›Haargenau‹, hihi, verstehste? Hab dann immer gesacht, solche Bilder würd’s in Rom in den Puffs anner Wand geben, weil mir’n alter Fahrensmann mal so was erzählt hat. Vielleicht war’s auch in Venedig. Kennste Venedig? Ich auch nich. Egal, die Bilder gingen jedenfalls wech wie geschnitten Brot. Hab mir dann den einen oder andren Tropfen mehr gegönnt. Fing an, nich mehr Bier zu trinken, nur noch Wein. Französischen Wein, spanischen Wein, italienischen Wein, deutschen Wein. Der deutsche Wein is der beste. Wein is’n Göttertrank, hab ich mal gehört. Aber Wein is teurer wie Bier. Obwohl, gegen ’n schönes englisches Ale is auch nix einzuwenden. Aber trotzdem. War dann bald pleite. Fühlte mich nich. Konnt nich malen. ’s dauerte ’n paar Wochen, bis ich mich wieder berappelt hatt, dann hab ich weitergemalt. Hab dann wieder Bier getrunken, englisches Ale, weil’s billiger is, aber irgendwie wollt’s mir nich mehr schmecken. Kennste das, wenn einem plötzlich nix mehr schmeckt? Ich glaub, ’s is genau wie mit Kuchen. Wenn de dich erst an Kuchen gewöhnt hast, magste kein Brot nich mehr. Wenn de dich erst ans Faulenzen gewöhnt hast, schmeckt dir die Arbeit nich mehr. Wenn de dich erst ans Geld gewöhnt hast, schmeckt dir die Armut nich mehr. Kennste das? Aber da is noch was: Wenn de dich erst mal an die Freiheit gewöhnt hast, erträgste den Kerker nich mehr. Da hab ich drüber nachgedacht. Ich glaub, du erträgst den Kerker auch nich mehr. Ich glaub, du willst hier raus. Stimmt’s?
Die Frau nickte langsam.
»Hab ich mir doch gedacht. Aber’s wird nich einfach sein, dich hier rauszuholn. Jetzt sowieso nich bei dem Rummel im Schiff. Aber später vielleicht. Alle Augenblicke kommt einer gelaufen un will was, un sogar nachts haste keine Ruhe nich. Aber ich hab was für dich, warte mal, Odder hat was für dich.«
Odder entzündete wieder die Kerze und holte unter dem Hemd ein zusammengerolltes, verschnürtes Papier hervor. »Hier, kannstes ruhig nehmen. Ich muss jetzt los. Aber keine Bange, ich komm wieder.« Odder strich der Frau scheu über das verfilzte Haar. »Ich komm wieder, meine Verzweifelte.«
Als Odder fort war, richtete die Frau sich auf, so weit es ihr geschwächter Körper zuließ. Dann löste sie mit langsamen Bewegungen die Schnur und entrollte das Papier. Das Papier zeigte ein Bild mit zwei Köpfen, einen jungen Mann und eine junge Frau. Beide hatten schöne, glatte Gesichter, lächelten und schauten sich glücklich an. Es waren die Gesichter von Odder und der Frau.
Die Frau legte die Zeichnung zur Seite und weinte.