Die Maate McQuarrie und Dorsey
»Über die Befestigung der Galionsfigur müssten wir sprechen, Sir.« – »Er meint, über das Huhn am Bug, Sir.« – »Hoho, wieder einer seiner Witze, Sir, wenn er ›Huhn‹ sagt, meint er natürlich die Galionsfigur.« – »Aye, Sir, im Moment sieht sie aus, als würde sie nach unten schielen und die Gischt von den Wellen picken.«
Am Samstag, dem 11. Mai, drei Tage früher als beabsichtigt, traf Vitus mit seiner Begleitung in Portsmouth ein. Es war ein frischer Seetag, die englische Kanalflotte dümpelte unruhig an ihren Liegeplätzen, Masten schwangen im Wind, Takelagen sangen, Trossen rieben sich knarrend an Duckdalben und Pollern.
Im Gegensatz zu dieser verhaltenen Kraft herrschte auf den Kaianlagen geschäftiges Treiben: Transport- und Proviantwagen fuhren hin und her, Kisten, Säcke und Ballen wurden verladen, Wasserfässer übernommen, Tauwerk, Munition, Ersatzsegel an Bord gehievt. Seesoldaten exerzierten auf den Piers, Presskommandos marschierten vorbei, Garküchen boten Essbares feil – und über alledem wurde lautstark gerufen, gepfiffen und kommandiert. Kein Zweifel: Hier machte sich ein großer Schiffsverband kampfbereit.
Vitus atmete tief ein. Das war die Luft, die er liebte: frisch und salzig und mit einem Beigeschmack nach Teer. Er ließ seinen Blick schweifen, aber die Falcon war nirgendwo zu entdecken. »Siehst du unser Schiff, Enano?«
»Wiewo? No, no! ’s Wasserhaus is futsch.« Der Zwerg plierte ebenfalls in die Runde und deckte dabei mit der Handfläche seine »Spählinge« gegen das grelle Licht ab, aber auch das half nichts.
Keith, der von den dreien die jüngsten Augen besaß, rief plötzlich: »Dahinten, Mylord! Dahinten liegt noch ein Segler. Aber ich weiß nicht, ob es die Falcon ist. Hab sie mir immer ganz anders vorgestellt.«
Vitus blickte in die angegebene Richtung und schluckte mehrmals. »Und ich habe sie ganz anders in Erinnerung.«
In der Tat schien die Falcon – denn sie war es wirklich – nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein. Nahezu gänzlich abgetakelt, stießen ihre Masten einsam wie verkohlte Baumstämme in die Luft, ihr Rumpf schien nur aus abgeblätterter Farbe zu bestehen, und der Falke, der ihr als Galionsfigur am Bug voranflog, hing schief – insgesamt bot sie ein mehr als peinliches Bild für jeden Kapitän, der etwas auf sich hielt.
»Ich wette, Captain Taggart ist noch nicht an Bord«, murmelte Vitus. »Wenn es so wäre, würde man ihn über den gesamten Spithead hinweg brüllen hören. Was ist da nur los?«
Als sie den Liegeplatz erreichten, saß Vitus ab. Ein Weiterreiten bis zu der Laufbrücke, die aufs Schiff führte, war unmöglich, denn die Rahen der Falcon, allesamt auf starken Böcken liegend, versperrten ihnen den Weg. Offenbar hatte sie jemand zur Überholung an Land bringen lassen. Gleiches galt für die mehr als zwanzig Culverines, die in Reih und Glied auf ihren Lafetten ruhten. Ganz offensichtlich war hier etwas angefangen, aber nicht zu Ende geführt worden.
Vitus hielt vergeblich nach Besatzungsmitgliedern Ausschau, doch außer einer schlafenden Gestalt auf dem Vorschiff war niemand zu entdecken. »Da stimmt doch etwas nicht«, rief er.
»Wui, wui«, fistelte der Zwerg. »Da is was faul, ich spür’s im Hintergeschirr.«
»Jawohl, so scheint’s!« Keith packte seinen im Gürtel steckenden Dolch. »Soll ich Euch an Bord begleiten, Mylord?«
»Nein, Keith. Der Zwerg und ich kommen schon allein zurecht. Reite du nur nach Hause. Marth wird dich bestimmt schon vermissen.«
»Das hoffe ich doch, Mylord.« Keith grinste bis über beide abstehenden Ohren. Der Gedanke, seine Frau bald wiederzusehen, stimmte ihn froh.
»Und achte mir gut auf Telemach.« Vitus tätschelte den Hengst. »Ich habe ihm versprochen, mit ihm auszureiten, sobald ich zurück bin.«
»Ich werde mich um ihn kümmern, Mylord, mein Wort darauf.«
»Dann Gott befohlen.« Vitus gab Telemach einen Klaps. »Ach, da ist noch etwas. Grüße bitte Lady Nina von mir, und sage ihr nichts von dem, äh, Zustand der Falcon. Sage ihr, alles wäre in schönster Ordnung und ich wäre schon wieder so gut wie zu Hause.«
»Wie Ihr wünscht, Mylord. Angenehme Reise und heile Rückkehr.« Keith verbeugte sich und strebte dann mit den Pferden zum Hafenausgang.
Telemach wieherte ein letztes Mal.
Vitus schulterte seine Kiepe und rückte sie zurecht. Dann packte er den kräftigen Wanderstock, der ihn schon durch so viele Länder begleitet hatte, und schritt die Laufbrücke zur Deckspforte hoch. Oben angekommen, bestätigte sich der äußere Eindruck. Auf dem Hauptdeck herrschten Schmutz, Dreck und Verwahrlosung. Alles, was das Auge erblickte, war kaputt oder lag wie Kraut und Rüben herum. Vitus dachte an Taggart und war froh, dass dieser das Elend nicht sah.
Er stolperte nach achtern, stieg einen Niedergang empor und suchte sich einen Weg zu den Kabinen und Kammern. Vielleicht würde er dort jemanden auftreiben, der ihm Rede und Antwort stehen konnte. Lautes Schnarchen drang aus einem der Räume. Er blickte hinein. Ein Betrunkener lag auf dem Boden inmitten von Erbrochenem.
Der Zwerg, der Vitus nicht von der Seite gewichen war, fistelte: »Is beschickert, der Bock.«
Vitus beugte sich herab und untersuchte den Mann kurz. »Beschickert ist gar kein Ausdruck. Der Kerl ist sternhagelvoll. Zum Glück ist er nicht beim Vomitieren erstickt. Ansonsten scheint er nur Schlaf zu brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen.«
»Wui, wui.«
Sie gingen weiter. Nach und nach wurden immer mehr Schnapsleichen sichtbar. Vitus unterdrückte einen Fluch. »Nichts als Chaos, Unrat und Alkohol! Mein Gott, wer hat es so weit kommen lassen? Irgendjemand muss doch dafür verantwortlich sein.«
»Wiewo, der Taggart isses gewisslich nich.«
»Natürlich nicht. Der Captain ist vor fast einem Jahr von Bord gegangen. Aber warte mal, du bringst mich auf einen Gedanken. Komm mit.« Vitus ging zur Kajüte des Kommandanten, wobei er über weitere Betrunkene steigen musste. Er stieß die Tür auf und erblickte die vertraute Umgebung. Nichts schien sich verändert zu haben – bis auf den Mann, der schlafend auf einem Stuhl saß, die Beine auf dem Kartentisch ausgestreckt. Im ersten Moment dachte Vitus, es sei Taggart, aber natürlich war er es nicht. Der Mann war deutlich jünger. Er wirkte nicht ganz so zerlumpt wie die anderen Schnapsleichen, trug sogar die Uniformjacke eines Offiziers, stank aber genauso nach Fusel. Er hatte ein aufgedunsenes, nichtssagendes Gesicht und einen dünnen Bart.
Vitus rüttelte ihn an der Schulter. Er musste es mehrmals tun, bis der Kerl halbwegs erwachte. »Darf ich fragen, was Ihr in der Kajüte des Captains zu suchen habt?«
»Wer will das wissen?«
Vitus streckte sich. »Ich bin Vitus von Collincourt, Earl of Worthing. Und wer seid Ihr?«
»Der Kaiser von Cathai.« Ein hämischen Grinsen überzog das Gesicht des Unbekannten.
Vitus beherrschte sich. Sicher, sein Aufzug mit der alten Kiepe und dem Wanderstock wies ihn nicht gerade als Graf aus, und auch der Zwerg machte alles andere als einen adeligen Eindruck, aber das war noch lange kein Grund, ihm Unverschämtheiten an den Kopf zu werfen. »Ich nannte mich früher Vitus von Campodios, wenn Euch das mehr sagt. Ich werde von heute an auf der Falcon als Schiffsarzt und Cirurgicus dienen. Und nun heraus mit der Sprache, wer seid Ihr?«
»Ich bin Samuel Pigett, wenn’s beliebt.« Pigett bequemte sich, eines seiner Beine vom Kartentisch zu nehmen. »Zweiter Offizier der Falcon.«
»Seid Ihr der ranghöchste Offizier an Bord?«
»Erraten, Mister.«
Vitus schoss die Zornesröte ins Gesicht. »Hört gut zu, Pigett: Ihr habt mich eben zum ersten und letzten Mal ›Mister‹ genannt. Ihr werdet mich künftig mit ›Sir‹ anreden, wie es auf den Schiffen Ihrer Majestät üblich ist und wie es der nötige Respekt gebietet.«
»Mal langsam.« Pigett nahm das zweite Bein vom Kartentisch. Allmählich schien ihm zu dämmern, dass der andere keine Scherze mit ihm trieb.
»Wenn Ihr der ranghöchste Offizier an Bord seid, habt Ihr den Saustall hier zu verantworten. Ihr habt ein prächtiges Schiff bis zur Unkenntlichkeit verkommen lassen! Ich kann nur sagen: Gnade Euch Gott, wenn Captain Taggart eintrifft.«
Pigett sperrte den Mund auf. »Heißt das, er kommt …?«
»Genau das heißt es. Bis dahin rate ich Euch, alle nur erdenklichen Anstrengungen zu unternehmen, um die Falcon wieder auf Vordermann zu bringen. Tretet Euren versoffenen Männern in den Hintern, stellt einen Plan auf, was zuerst und am dringlichsten gemacht werden muss, sorgt dafür, dass aufgetakelt wird, lasst die Culverines wieder an Bord bringen.«
»Heißt das, wir segeln …?«
»Ihr habt es abermals erraten. Wir segeln so bald wie möglich gegen den Feind. Und nun: Tut, was ich Euch gesagt habe, oder ich werde Euch tanzen lehren!« Vitus schwang drohend seinen Stock.
»Aye, aye, äh, Sir.« Pigett war aufgesprungen. »Mich trifft keine Sch …«
»Eure Erklärungen, wie es zu dieser Schweinerei gekommen ist, könnt Ihr Euch für den Captain aufsparen. Der wird sich freuen, Euren Rapport zu hören.«
»Wui, wui, Schütterbart, der Kaptein wird Reißtag mit dir halten, stanzen wird er dich, zwicken, beuteln, zerren …«
Pigett schwieg und schluckte.
»Noch etwas, Pigett: Dies ist die Kapitänskajüte, Ihr habt hier nichts verloren. Schert Euch raus.« Vitus machte eine weitere drohende Geste mit dem Wanderstock, was aber kaum mehr nötig war, denn der Zweite Offizier verließ freiwillig und fluchtartig den Raum.
Vitus atmete hörbar aus. »Das wäre geschafft. Der schmierige Kerl ist fort. Hoffentlich tut er, was ich ihm gesagt habe.«
»Wui, wui.«
»Du könntest mir einen Gefallen erweisen, Zwerg, geh zur Feuerstelle am Bug, vielleicht gibt es an Bord noch einen Koch. Eine heiße Brühe wird den herumliegenden Kreaturen auf die Beine helfen. Ich gehe derweil zur Kammer von Doktor Hall.«
Sie trennten sich. Während der Zwerg nach vorn hüpfte, suchte Vitus die Kammer des alten Schiffsarztes auf. Er erwartete nicht, ihn anzutreffen, denn Hall musste mittlerweile vierundsiebzig oder fünfundsiebzig Jahre zählen. Vielleicht war er auch schon tot.
Der Raum jedoch sah aus, als hätte Hall ihn gerade erst verlassen. Noch immer war er klein, noch immer ließ das Fenster wenig Tageslicht herein, und noch immer hing da der Schrank mit den chirurgischen Instrumenten. Vitus nahm die Kiepe von den Schultern, stellte sie ab, und blickte auf die drei Kojen, die ihn in Form eines offenen U umgaben. In der Fensterkoje hatte Hall gelegen, in den beiden anderen er und der Magister. Wie lange war das her? Zwölf Jahre? Nicht zu glauben, wie die Zeit verging. Vitus fragte sich, wo der kleine Gelehrte gerade sein mochte, schob den Gedanken aber ärgerlich beiseite. Der Magister war für ihn gestorben.
Er setzte sich auf die Koje, die einmal seine gewesen war, und begann die Kiepe auszupacken. Tausend Gedanken schwirrten ihm dabei durch den Kopf. Wie sollten Taggart und er mit einem so heruntergekommenen Schiff jemals Spanien erreichen? Es war unmöglich. Und selbst wenn es möglich war, die Falcon wieder segelfähig zu machen, würde das Wochen, wenn nicht gar Monate in Anspruch nehmen. Bis dahin wäre die Armada längst vor Englands Küsten. Unangemeldet und todbringend.
Als seine Sachen verstaut waren, warf Vitus einen Blick in den Instrumentenschrank. Die Werkzeuge, die darin hingen, waren sämtlich alt und angerostet. Man sah ihnen an, dass sie jahrelang nicht benutzt worden waren. Bevor die Skalpelle, Lanzetten, Spatel, Knochensägen, Spreizer und Pinzetten eingesetzt werden konnten – was hoffentlich nie der Fall sein würde –, mussten sie gründlich gereinigt und hergerichtet werden. Da er im Augenblick nichts anderes zu tun hatte, beschloss er, gleich damit anzufangen. Er scheuerte und schärfte die Stahlklingen der Skalpelle, wechselte die Blätter in den bügelförmigen Knochensägen aus, richtete verbogene Pinzetten, tat dies und tat das und merkte, wie er über alledem ruhiger wurde. Er breitete die Instrumente halbkreisförmig vor sich aus und spürte die Freude, die eine gut gelungene Arbeit vermittelt. Dann merkte er, wie seine Augenlider schwer wurden, aber er wollte jetzt nicht schlafen.
Eine der Pinzetten richtete sich auf, begann sich auf ihren Enden zu drehen, hüpfte mit einem zarten »Pling« auf den Schenkel eines Spreizers, der sie mit einem Pfeifton empfing und zu dehnen versuchte, was jedoch nicht gelang, weil ein Spatel dazwischenging. Der Spatel vibrierte dabei so stark, dass es wie ein Trommelwirbel klang. Seltsam, alle Instrumente schienen sich auf einmal zu bewegen, ein Eigenleben zu entwickeln, Töne zu produzieren. Was war das? Waren aus chirurgischen Instrumenten Musikinstrumente geworden? Unsinn, so etwas gab es nicht.
Vitus wachte auf. Er war für ein paar Minuten eingenickt. Die stählernen Werkzeuge lagen nach wie vor im Halbkreis da, nur brachten sie keine Töne hervor. Er stand auf und blickte aus dem Fenster. Richtig, in zweihundert Yards Entfernung marschierte ein Musikzug vorbei. Daher also sein wirrer Traum. Der Schlaf hatte ihm einen Streich gespielt. Es würde gut sein, den Kopf in eine Schüssel mit kaltem Wasser zu stecken. Das würde ihn wieder wach machen.
Was war eigentlich aus den Schnapsleichen geworden? Auch ihnen würde eine kalte Dusche guttun. Doch wenn er es recht bedachte, war das wohl nicht mehr nötig. Pigett hatte ihnen sicher Beine gemacht. Er lauschte. Außer den verklingenden Tönen des Musikzugs war nichts zu hören. Das war ungewöhnlich, denn wo gearbeitet wurde, entstanden Geräusche.
Vitus beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, öffnete die Tür der Kammer, stieg über das Süll – und stolperte als Erstes über einen der Trunkenbolde. Der Mann hatte vorhin schon dagelegen, was nichts anderes hieß, als dass Pigett ihn nicht geweckt hatte.
Was war mit den anderen Schnapsleichen? Vitus schaute herum und stellte fest, dass sie alle noch ihren Rausch ausschliefen. Pigett, dieser Abklatsch eines Offiziers! War er nicht einmal in der Lage gewesen, seine Männer aufzuwecken und an die Arbeit zu schicken?
Mit einer gehörigen Wut im Bauch machte Vitus sich auf die Suche nach dem Zweiten Offizier, doch außer den wie Blei am Boden liegenden Zechbrüdern und dem Zwerg, der ohne Koch eine Brühe zu brauen versuchte, war niemand an Bord. Das konnte nur eines bedeuten: Pigett hatte sich davongestohlen.
Vitus knirschte vor Ärger mit den Zähnen. Pigett, dieser Feigling! Hatte sich davongemacht, um für das Tohuwabohu, das er angerichtet hatte, nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Aber es half nichts, der Kerl war fort, und es musste auch ohne ihn weitergehen.
Was war zu tun? Als Erstes musste er die Männer wieder zum Leben erwecken. Aber wie? Sein Blick fiel auf die Deckspumpe. Er ging hinüber, betätigte probehalber den Schwengel, und – o Wunder! – sie funktionierte. Ein kräftiger Strahl Seewasser prasselte auf die Planken. Vitus ging zu dem nächsten der Trunkenbolde, packte ihn am Kragen und schleifte ihn unter die Pumpe. Nach mehreren Wassergüssen wachte der Mann endlich auf. Er prustete und schüttelte sich wie ein junger Hund.
»Name, Dienstgrad?«, herrschte Vitus ihn an.
»Leck mich«, sagte der Kerl und wollte sich wieder hinlegen, aber Vitus war schneller. Er nahm einen der herumliegenden Tampen und zog ihn dem Trunkenbold übers Gesicht. Normalerweise war es nicht seine Art, Untergebene zu schlagen, aber hier musste von Anfang an ein Exempel statuiert werden.
Der Mann schrie auf, rappelte sich hoch und stand schwankend vor Vitus.
»Name, Dienstgrad?«
»Hutch, Sir. Matrose, Sir.«
»Wie ich sehe, trägst du am Hemd die silberne Spange der Falcons.« Vitus trat auf Hutch zu und riss ihm das Abzeichen herunter. »Du bist nicht mehr würdig, diese Spange zu tragen.«
»A … aber Sir!«
»Ich werde sie für dich verwahren. Sieh zu, dass du sie dir wieder verdienst. Du kannst gleich damit anfangen, indem du deine versoffenen Kameraden unter die Deckspumpe schleifst – so wie ich es mit dir gemacht habe.«
»Aye, aye, Sir!« Hutch musste nicht weit laufen, um sich einen der Trunkenbolde zu schnappen. Er packte ihn am Gürtel und zog ihn heran.
»Dreh ihm das Gesicht nach oben!«
»Aye, aye, Sir!«
Vitus bearbeitete kräftig den Schwengel. Ein Schwall eiskaltes Seewasser klatschte dem Mann ins Gesicht. Mit einem Fluch richtete er sich auf.
»Name, Dienstgrad?« Die Prozedur, die schon Hutch über sich hatte ergehen lassen müssen, wiederholte sich.
Hutch und Jack, so der Name des zweiten Matrosen, schwärmten anschließend gemeinsam aus und zogen, zerrten oder trugen einen Saufbold nach dem anderen unter die Pumpe. Nach über einer Stunde waren endlich alle an Bord befindlichen Schnapsleichen wieder auf den Beinen, einundzwanzig Mann insgesamt, ausschließlich Mannschaftsdienstgrade. Vitus ließ sie neben der Pumpe im Halbkreis antreten und richtete das Wort an sie:
»Hört, Männer, ich werde euch nicht Falcons nennen, weil ihr es nicht mehr wert seid, so angesprochen zu werden. Ich weiß nicht, warum, und ich weiß auch nicht, wie es geschehen konnte, aber ihr habt dieses herrliche Schiff wie eine Hure behandelt, habt es behandelt wie Dreck und zu einem Dreckskahn gemacht! Dafür müsste ich jeden von euch einzeln kielholen lassen. Aber ich will von dieser Strafe großzügig absehen, zunächst jedenfalls. Stattdessen biete ich euch zwei Möglichkeiten. Die eine: Ich gehe zum Hafenkommandanten und sorge dafür, dass jeder von euch in Ketten gelegt wird und die nächsten Jahre hinter Gittern verbringt. Die andere: Jeder von euch gibt sein Äußerstes, um die Falcon so rasch wie möglich wieder unter Segel zu bringen. Wer für die zweite Möglichkeit ist, hebt die Hand.«
Erst zögernd, dann entschlossen, meldeten sich die Leute. Vitus sah zu seiner Erleichterung, dass es alle waren. Ein erster Erfolg!
»Gut, Männer, ich habe verstanden. Dann nichts wie an die Arbeit! Sämtliche Taue werden sauber aufgeschossen, die Decks blitzblank mit dem Holy stone geschrubbt, herumliegendes Zeug aufgeklart, alles hat an seinem Platz zu sein, spätestens morgen früh. Ja, ihr habt richtig verstanden: morgen früh. Wir werden im Vierstundentakt arbeiten und ruhen, wie auf See. Ist das klar?«
»Aye, aye, Sir!«, kam es wie aus einem Mund.
»Bevor ich es vergesse: Ihr sollt wissen, mit wem ihr es zu tun habt. Ich bin Vitus von Collincourt, der neue Schiffsarzt und Cirurgicus. Wir werden versuchen, die alten Zeiten aufleben zu lassen. Ich erwarte Captain Taggart in den nächsten Tagen an Bord. Wer ihn kennt, weiß, dass es besser ist – sehr viel besser ist! –, wenn er die Falcon tadellos in Schuss vorfindet. Und nun: Ran an die Arbeit! Hutch, Jack, ich ernenne euch hiermit zu Hilfsmaaten. Ihr teilt die Männer ein, ihr seid mir verantwortlich für alles! Lasst den Leuten nach jeweils vier Stunden etwas zu essen geben. Der Zwerg hält Brühe und Schiffszwieback bereit. Es herrscht absolutes Alkoholverbot! Ach, noch etwas: Sollte einer von euch eine Verletzung oder sonst ein Zipperlein haben, soll er sich bei mir melden. Er findet mich in der Kammer von Doktor Hall. Wegtreten!«
Die Männer machten sich umgehend an die Arbeit, und Vitus dachte, während er Halls Kammer zustrebte, dass Matrosen wie junge Hunde waren: Sie brauchten klare Befehle und sicheres Auftreten, sonst spielten sie verrückt und tanzten einem auf der Nase herum. Pigett jedenfalls, dieser erbärmliche Verschnitt eines Offiziers, hatte sie nicht führen können. Es stand zu befürchten, dass sich das gesamte Ausmaß seiner Fehlleistungen erst in den nächsten Tagen zeigen würde.
In Halls Kammer entzündete Vitus eine Kerze, setzte sich – und stand gleich wieder auf. Es hatte geklopft. »Herein!«
»Verzeihung, Sir, ich hab da was.« In der Tür stand ein Matrose und deutete auf seine Hand.
»Wie ist dein Name?«
»Will, Sir.«
»Gut, Will, zeig mal her.« Vitus zog die kranke Hand ins Licht und sah in der Innenfläche einen anderthalb Zoll langen Splitter stecken. Um den Fremdkörper herum war die Haut rotviolett und zum Bersten geschwollen. »Du hast Glück, Will, dass ich heute an Bord gekommen bin. Morgen, spätestens übermorgen, wären deine Säfte so sehr im Ungleichgewicht gewesen, dass wahrscheinlich nur noch eine Amputation geholfen hätte.«
Will fuhr zusammen. »Is es so schlimm, Sir? Ich mein, ’s tut auch höllisch weh. Will meine Hand auf keinen Fall verlieren!«
»Wir werden sehen, was sich machen lässt.« Vitus zündete weitere Kerzen an und stellte sie auf ein fest verschraubtes Tischchen. »Setz dich und leg die Hand auf den Tisch, Innenfläche nach oben. Ja, so. Ich sage dir jetzt, was ich machen werde. Ich werde mit dem Skalpell einen Schnitt direkt neben dem Splitter vornehmen, danach noch einen Schnitt quer, um die Haut aufklappen zu können. Anschließend werde ich den Übeltäter mit einer Pinzette herausziehen.«
Will schielte ängstlich nach dem Skalpell. »Könnt Ihr den Splitter nich einfach so rausziehen, Sir?«
»Das dürfte schwierig werden. Außerdem muss ich die Stelle öffnen, damit der Eiter und die kranken Säfte abfließen können.«
»Ja, wenn’s so is.«
Vitus antwortete nicht, sondern begann mit dem Eingriff. Halb drückend, halb schneidend drang er mit dem Werkzeug in das entzündete Gewebe. Will gab einen scharfen Laut von sich, hielt aber ansonsten still. Vitus arbeitete weiter, wobei er darauf achtete, keine Sehnen zu verletzen. Schließlich setzte er die Pinzette an und zog mit einer gleitenden Bewegung den Splitter heraus. »Jeder Fremdkörper ist leicht zu entfernen, wenn er genügend freipräpariert wurde«, sagte er dabei. Dann drückte er auf die geschwollenen Hautpartien, und ein Gemisch aus Eiter und Blut schoss hervor. Will konnte nicht mehr an sich halten und schrie auf.
»Schon gut, Seemann.« Vitus drückte noch zwei weitere Male, bis er sicher sein konnte, dass alle schlechten Säfte aus der Wunde entwichen waren. Dann tat er Zinksalbe darauf und verband sie. »Die Verletzung wird in den nächsten Tagen noch nacheitern, aber das Schlimmste ist überstanden. Du meldest dich regelmäßig bei mir, damit ich die Wunde kontrollieren und versorgen kann.«
»Aye, aye, Sir. Behalte ich jetzt die Hand?«
»Das kann ich dir nicht versprechen. Sagen wir mal, es sieht nicht schlecht aus.«
»Kann ich mich hinhauen, Sir, fühl mich ’n bisschen schwummrich, un arbeiten kann ich ja nun auch nich mehr?«
Vitus, der schon seine Utensilien forträumte, blickte auf. »Natürlich kannst du arbeiten. Ich habe dich an der linken Hand operiert, da bleibt dir immer noch die rechte. Wenn nicht gerade einer mit dem Kopf unter dem Arm bei mir erscheint, wird er arbeiten, so wahr ich der Cirurgicus auf diesem Schiff bin, verstanden?«
»Aye, aye, Sir.«
Es gelang Will, halbwegs strammzustehen, bevor er die Kammer verließ.
Kaum war er fort, klopfte es schon wieder. Ein anderer Matrose stand in der Tür. »Ich bin Gerry, Sir«, teilte er zur Begrüßung mit, »ich kenn Euch noch von damals, als wir mit der Falcon in der Karibik waren.«
Vitus musterte den Mann, konnte sich aber nicht an ihn erinnern. Das jedoch musste nichts bedeuten. Seine Abenteuer in Neu-Spanien lagen zehn Jahre zurück, und seit dieser Zeit war viel passiert. »Wo drückt der Schuh, Gerry?«
»Hab die Scheißerei, äh, ich mein Durchfall, Sir. Alle Augenblicke spritzt es mir raus.«
»Blut dabei?«
»Nee, ich glaub nich.«
»Wie lange hast du das schon?«
Gerry zog die Stirn in Falten. »Vielleicht ein, zwei Tage.«
»Nun gut: runter mit der Hose, bücken, Hintern zum Licht.«
»Aber Sir, ich …«
»Genierst du dich etwa? Du bist hier beim Arzt. Ich habe schon mehr Darmausgänge gesehen, als du Jahre auf dem Buckel hast.«
Gerry gehorchte, wenn auch zögernd.
Vitus sah sich den Anus und die ihn umgebende muskulöse Manschette genau an, indem er die Gesäßbacken auseinanderzog. Rötungen und Schwellungen, wie sie für einen beschleunigten Darmdurchfluss typisch waren, konnte er nicht entdecken. Alles schien völlig normal zu sein. »Hm, hm, aha«, sagte er bedeutungsschwer.
»Isses sehr schlimm, Sir?«
»Du wirst nicht daran sterben. Ich gebe dir ein Heil-Liquidum, von dem du dreimal trinken sollst. Heute Abend einmal und morgen noch zweimal. Dann sollten deine Beschwerden verschwunden sein. Vitus griff zu einem Arzneifläschchen, an dessen flüssigem Grund ein Pulver aus Knospen der Gewürznelke lag. Es trug die Aufschrift Aqua de Ambonis, da die besten Gewürznelken von der Molukkeninsel Ambon stammten.
»Soll ich gleich davon nehmen, Sir?«
»Wenn du willst.« Vitus schüttelte das Fläschchen, damit das Pulver sich innig mit der Flüssigkeit vermischte, und erbrach den Wachsverschluss. »Gute Besserung.«
Gerry trank schwungvoll einen Schluck – und spuckte ihn fast wieder aus. »Pfui Teuf … äh, das schmeckt aber sehr bitter, Sir!«
»Die meisten Arzneien munden nicht nach Manna.« Vitus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Nimm nur noch einen Schluck.«
Gerry tat es mit todesverachtender Miene.
»Dreh dich noch einmal zu mir.«
»Sir?«
»Dreh dich zu mir, ich will einen Blick auf deinen Penis werfen.«
»Aye, aye, Sir. Mit Verlaub: Worauf wollt Ihr gucken?«
»Auf deinen Schwanz, ich will sehen, ob er gesund ist.« Gerry gehorchte, und Vitus untersuchte das Glied. Er schob die Vorhaut zurück und betrachtete die Eichel, um nach Geschwüren und Läsionen zu forschen, konnte aber keinerlei Hinweise für die hochansteckende Syphilis entdecken. Das war beruhigend. Zunächst jedenfalls, denn die Krankheit war tückisch – nach dem ersten Stadium verbarg sie sich gern für ein paar Wochen vor dem forschenden Auge des Arztes. Zur Sicherheit ließ Vitus sich noch die Handteller und Fußsohlen zeigen, die zwar rissig und schmutzig, aber frei von jeglichen Papeln waren. »Hast du in letzter Zeit Knötchen in der Hand oder unter dem Fuß bemerkt?«
»Nee, Sir, nich dass ich wüsste.«
»Knubbel in der Leiste?«
»Nee, Sir.«
»Probleme beim Wasserlassen gehabt?«
»Nee, Sir.«
Das waren zufriedenstellende Antworten. Vitus nahm sich vor, in nächster Zeit alle Besatzungsmitglieder eingehend auf Syphilis zu untersuchen. »Du könntest dir den Schwanz öfter mal waschen.«
»Äh, Sir?«
»Wo die Deckspumpe ist, weißt du ja mittlerweile.«
»Aye, Sir.«
»Wann hattest du zuletzt Verkehr mit einer Frau?«
»Ihr wollt’s aber ganz genau wissen, was, Sir?«
»Beantworte meine Frage.«
Gerry grinste anzüglich. »Vorgestern oder vorvorgestern, glaub ich.«
»Wo war das?«
Gerry grinste noch immer. »Hier, Sir.«
»Hier? Nun gut.« Vitus beschloss, nicht weiter zu fragen. Mit »hier« meinte Gerry wahrscheinlich eines der billigen Bordelle in Portsmouth, in denen namenlose Huren ihren Dienst verrichteten. »Zieh die Hose wieder hoch und geh an deine Arbeit zurück.«
»Aber Sir, ich hab doch die Scheißerei, ich muss doch alle Augenblicke …«
»Dann lass dich von Hutch für eine Arbeit im Vorschiff einteilen, da hast du es nicht so weit zum Garten.«
Der Garten war der Locus necessitatis für Mannschaften. Er befand sich in der äußersten Bugspitze und bestand aus Brettern mit Löchern, die über das Deck hinausragten. Wenn ein Matrose sich erleichtern wollte, sagte er häufig: »Ich geh mal eben in den Garten.«
»Äh, meint Ihr wirklich, ich könnte es mit der Arbeit wagen, Sir?«
»Das meine ich. Und nun hinaus mit dir.«
»Aye, aye, Sir.«
Vitus war sicher, dass der Mann simulierte. Deshalb hatte er ihm auch das Nelken-Liquidum gegeben, das eigentlich für Mundspülungen bei Patienten mit Zahnschmerzen vorgesehen war. Er hoffte, dass Gerry seine »bittere« Erfahrung gleich weitererzählte, damit die Leute wussten, dass er sich nichts vorgaukeln ließ.
Es klopfte abermals. Sollte das schon wieder ein Drückeberger sein?
»Wui, wui, Örl, ich bin’s, der Kreipel. Wollt nach dir spähen, wie strömt’s denn?« Der Zwerg trat ein.
»Danke, Enano, es geht ganz gut. Was im Übrigen auch für die Matrosen gilt, obgleich der eine oder andere ein Zipperlein vortäuscht. Wenn ich allerdings an den Zustand des Schiffs denke, wird mir angst und bange. Es sind einfach zu wenige Männer da.«
»Wui, oder zu viele sin verblüht un ha’m Fersengeld gegeben.«
»So kann man es auch sehen.« Vitus seufzte.
»Hab dir was zum Picken mitgebracht, Örl.« Der Zwerg stellte eine Kanne mit Brühe und zwei Becher auf den Tisch. In dem Gebräu schwammen Zwiebackstücke. Das Ganze sah nicht besonders einladend aus, roch aber lecker. »Brüh un Bäckling, schmerfig, schmerfig! Hast bis jetzt ja nur Luftklöße un Windsuppe geschnappt.«
»Das stimmt.« Vitus hatte den ganzen Tag nichts gegessen und merkte erst jetzt, wie hungrig er war. Sie tranken die Brühe und kauten den Zwieback, und während sie es sich schmecken ließen, sagte Vitus: »Auf dich ist Verlass, Zwerg, du bist ein guter Freund.«
»Wui, nebbich.« Das Mondgesicht des Winzlings wurde rot.
»Nicht alle sind so treu wie du.«
»Blausinn! Der Magister is auch treu, wennste den meinst. Is nur grad nich da, der Blinzler, aber er is gewisslich lampenfrei, un wenn ihr euch wieder späht, wirste dich lenzen wie toll, un er sich auch.«
»Nun ja.« Vitus tat es bereits leid, das Thema angedeutet zu haben. »Wie sieht es bei dir aus? Hast du jemanden, der dir hilft, wenn schon kein Koch an Bord ist?«
»Wui, wui.«
»Und wie steht es mit den Vorräten?«
»Mies, schofel, schattnig!«
»Auch das noch.« Was Vitus befürchtet hatte, war eingetreten. »Das heißt, wir müssen uns verproviantieren. Daran hätte Lordadmiral Howard auch gern denken können, als er Taggart und mir die Segelorder erteilte. Schließlich wusste er, dass die Falcon seit einem Jahr am Kai liegt.«
»Wiewo, Örl?«
»Ach nichts. Mir wird schon etwas einfallen. Vielleicht hat Taggart ja auch ein paar Fässer Bohnen und Pökelfleisch dabei, wenn er kommt.«
»Wui, wui.« Der Zwerg erhob sich, gähnte, streckte die Ärmchen in die Luft und schickte sich an zu gehen. »Adjö!«
»Du kannst gern bei mir in der Kammer schlafen, Enano, es ist Platz genug vorhanden.«
»No, no. Bin alleweil lieber da, wo die Spachtelei gepflanzt wird.«
»Nun gut.« Das hatte Vitus sich schon fast gedacht. Der Zwerg pflegte stets dort zu sein, wo der Quell leiblicher Genüsse sprudelte. »Dann angenehme Nacht, Enano.«
»Glatte Schwärze, Örl.«
Vitus schaute dem Zwerg nach und streckte sich in der Koje aus. Es war die erste Nacht seit vielen Jahren ohne Nina an seiner Seite. Seine Frau fehlte ihm. Und Odo, Carlos und Jean fehlten ihm auch. Odo, den er nach seinem Großonkel benannt hatte, Carlos, der den Namen von Ninas Vater trug, und die kleine Jean, deren Name an seine Mutter erinnerte, die in Spaniens Erde begraben war. Sie alle fehlten ihm.
Was machte er eigentlich hier? Was hatte er hier zu suchen? Die Koje war hart, die Luft feucht, die Kammer klein und stickig. Nichts stimmte mit den schönen Erinnerungen überein, die er mit der stolzen Falcon von früher verband. Heute war sie nicht viel mehr als ein Wrack – und er hatte die Verantwortung für sie übernommen. Nina, du fehlst mir so sehr! Dein Duft, deine Wärme, dein leises Stöhnen, wenn ich dich liebkose …
Warum warst du so hart zu mir? So kenne ich dich gar nicht. Und ich kenne dich doch schon so lange. Genau genommen seit zwölf Jahren, seit ich dir und deiner Familie auf dem Feld begegnete. Damals warst du erst vierzehn, und ich hatte überhaupt keine Augen für dich. Aber später, viel später, haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Es war während eines Gewitters, weißt du noch? Bei unserer Hochzeit haben wir uns geschworen, dass wir uns immer lieben werden, egal, was passiert, egal, was kommt, und so haben wir es die ganzen Jahre gehalten. Verzeih mir, dass ich fortgegangen bin. Ich konnte doch nicht anders. Ich hatte mein Wort gegeben. Oh, Nina, Nina. Wenn ich zurückkomme, werde ich dich nie wieder verlassen, das verspreche ich dir hoch und heilig.
Du fehlst mir.
Ich weiß, ich weiß, ich habe es nicht anders gewollt.
Am anderen Morgen war Sonntag. Vitus war früh auf den Beinen und fühlte sich wie gerädert. Er war in der Nacht mehrmals aufgestanden, um die Arbeiten im Schiff zu kontrollieren und hatte dabei einige Bummelanten erwischt, darunter auch Will und Gerry. Er hatte sie lautstark zusammengestaucht, so lautstark, dass er hoffte, Derartiges nie wieder tun zu müssen. Ein Mann jedoch, Odder mit Namen, schien ein hoffnungsloser Fall zu sein. Der Kerl hatte zwischen zwei Weinfässern gelegen und unüberhörbar geschnarcht. Vitus hatte ihn ein Gatt mit Takelwerk sparren lassen.
Nach einer flüchtigen Gesichtswäsche und einer ebenso flüchtigen Rasur stieg Vitus auf das Hauptdeck hinunter und ließ alle Männer, auch die der Freiwache, antreten. Er hielt eine kurze Sonntagsandacht, wie es sich auf den Schiffen Ihrer Majestät gehörte, und endete mit den Worten: »Wir sind bei allem, was wir tun, in des Allmächtigen Hand, wir sind Seeleute, die Jesus Christus, Gottes eingeborenem Sohn, vertrauen, wenn es gilt, den Feind aufzuspüren und ihn zu schlagen. Denn wie heißt es bei Jakobus im dritten Kapitel, Vers vier:
Siehe, die Schiffe, obwohl sie so groß sind und von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wo Der hin will, Der es regieret.
Amen.«
Danach schickte er die Leute wieder an die Arbeit und machte sich auf einen Rundgang, um den Stand der Dinge zu inspizieren. Im Großen und Ganzen war er zufrieden mit dem, was Hutch und Jack mit ihren Männern zuwege brachten – auch wenn es hier und da seiner korrigierenden Hand bedurfte. Danach schritt er die Laufbrücke hinunter an den Kai und hielt einen vorbeifahrenden Proviantwagen an. Der Kutscher hatte es eilig, aber Vitus zeigte ihm einige Silbermünzen und fragte ihn, was er eher gebrauchen könne: die Münzen oder die beiden Fässer auf seinem Wagen. Der Kutscher sagte, nachdem er das Geld mit begehrlichem Blick gezählt hatte, er habe keine Ahnung, was die Fässer auf seinem Wagen zu suchen hätten, sicher habe sich jemand einen Spaß erlaubt und sie daraufgestellt. Wenn der edle Herr wolle, könne er sie gern sofort haben.
Vitus ließ die Fässer zur Falcon fahren, nachdem er festgestellt hatte, dass in dem einen Pökelfleisch war und in dem anderen eingelegter Kohl. Er war sehr zufrieden mit seinem Fang. Zu dem Kutscher sagte er: »Sollten sich wieder ein paar Fässer auf deinen Wagen verirren, vielleicht welche mit Frischwasser, mit Bohnen, mit Linsen, mit Salzfisch, gib mir Bescheid. Du findest mich in den nächsten Tagen stets an Bord der Falcon.«
Der Kutscher grinste und meinte, er könne nichts versprechen, aber es gäbe sehr viele Zufälle im Leben.
Vitus grinste ebenfalls und rief Hutch zu sich, denn er fand, dass es an der Zeit war, die auf dem Kai liegenden Rahen zu überprüfen. Leider war unter den Mannschaften niemand, der etwas von Schiffszimmerei verstand. So war er auf sein eigenes Urteil angewiesen, und was er sah, gefiel ihm gar nicht. Die ledernen Ummantelungen, mit denen die Rahen vor der aggressiven Salzluft geschützt wurden, waren zerschlissen oder nicht mehr vorhanden. Das darunter befindliche Rundholz wirkte ausgetrocknet und rissig. Zumindest eine Ölung, um wieder Feuchtigkeit und Geschmeidigkeit in die Holzfasern zu bringen, war dringend vonnöten. Gelang das nicht, konnte eine Rahe wie ein dürrer Ast brechen und im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass die gesamte Takelage wie ein Kartenhaus zusammenbrach. »Haben wir Öl, um die Rahen zu behandeln?«, fragte Vitus.
»Ich weiß nicht, Sir.« Hutch zuckte mit den Schultern. »Schmierfett ist da, Farbe auch. Vielleicht ginge es damit?«
»Vielleicht. Ich fürchte nur, dass bei manchen Rahen eine oberflächliche Behandlung nicht ausreichen wird, sie müssten erneuert werden.«
»Aye, Sir.«
Vitus ging weiter zu den Culverines auf ihren Lafetten. Er untersuchte sie genau und kam zu dem Ergebnis, dass die Läufe keine Risse oder Beschädigungen aufwiesen, die Pulverkammern und die Innenrohre jedoch gereinigt werden mussten. Wahrscheinlich sollten diese Arbeiten in einer Gießerei vorgenommen werden – andernfalls hätte es keinen Sinn gemacht, sie an Land zu bringen. Aber das spielte ohnehin keine Rolle mehr. Die Geschütze mussten schleunigst wieder an Bord, egal, wie, und das so rasch wie möglich. Das Dumme war nur, dass ihm die Männer dazu fehlten.
»Vitus von Campodios? … Sir?«
Vitus fuhr herum. Vor ihm standen zwei Burschen, offensichtlich altgediente Teerjacken. Der eine, ein kleiner, drahtiger Mann, trug außer seiner Schwerwetterjacke einen blaugrün karierten Tartankilt über den nackten Beinen, der andere war größer und trug ein salzfleckiges Wams, dazu die übliche weite Seemannshose aus festem Köperstoff. Beide strahlten um die Wette. Vitus musste ein zweites Mal hinsehen, bevor er seinen Augen traute. »McQuarrie und Dorsey?«, brachte er schließlich hervor.
»So ist es, Sir!« McQuarrie, der Schotte, grüßte stramm.
»Ja, wo kommt ihr denn her? Woher wusstet ihr …?« Vitus suchte noch immer nach Worten.
McQuarrie griente. »Die Welt ist ein Dorf, Sir. Kennt Ihr einen gewissen Christopher Mufflin? Der Mann ist Schreiber bei Sir Walsingham, dem berühmten Spion unserer Jungfräulichen Majestät. Mufflin hat einen Bruder, der wiederum einen Schwager hat, der zur See fährt. Dieser Schwager nahm vorgestern eine Kutsche von London nach Portsmouth, um einen Onkel zu besuchen. Bevor er das tat, war er gestern allerdings im White Unicorn und erzählte …«
»Es war im Golden Bear«, unterbrach Dorsey.
»Wie? Ach ja.« McQuarrie war kurzzeitig aus dem Konzept gebracht, fing sich aber wieder und griente. »Wir haben nicht nur die eine Kneipe, äh, besichtigt, Sir. Es waren deren mehrere. Jedenfalls erzählte besagter Schwager, er habe erfahren, dass die Falcon wieder in See stechen würde, und zwar in besonders kitzliger Mission, und dass Captain Taggart auf dem Weg sei, sie wieder zu übernehmen. Tja, das haben wir uns natürlich nicht zweimal sagen lassen, wo wir doch seit Monaten in Portsmouth herumhängen und uns von den Landratten anöden lassen müssen. Als alte Falcons wollen wir gern dabei sein, wenn’s wieder auf große Fahrt geht.«
Bevor Vitus antworten konnte, deutete Dorsey hinter sich, wo ein gutes Dutzend Männer stand. »Wir sind auch nicht allein gekommen, Sir. Haben bei der Gelegenheit gleich ein paar altgediente Falcons aufgetrieben, denen die Landluft ebenfalls schon lange nicht mehr schmeckt.«
Die Männer traten vor, und wenn Vitus auch viele nicht mehr beim Namen nennen konnte, so kannte er doch noch alle Gesichter. Besonders Mahon und Reffles, die beiden Geschützführer, fielen ihm auf, ferner Jim und Tom, die Zimmermannsgehilfen, und darüber hinaus Arch, Muddy und Chock. Dazu Dunc, der Veteran, der Taggarts Golddublone in der Schädeldecke trug.
»Ihr alle kommt wie gerufen!« Vitus strahlte und gab McQuarrie und Dorsey die Hand. »Und dazu noch zwei erfahrene Maate wie ihr! Herzlich willkommen!«
»Danke, Sir!« Nun war es an den beiden Maaten, zu strahlen.
»Wie ihr erkennt, sieht unser altes Mädchen leider ziemlich gerupft aus. Es muss eine Menge geschehen, bis sie wieder über die Wellen fliegt, aber darüber lasst uns in Captain Taggarts Kajüte reden. Er ist noch nicht an Bord, wird aber zweifellos nichts dagegen haben, wenn wir es uns bei ihm gemütlich machen. Hutch, du kommst auch mit. Und ihr anderen« – er wandte sich an die alten Falcons –, »richtet euch auf dem Vorschiff ein. Alles Nähere später.«
Am Nachmittag gönnte Vitus sich eine Mütze voll Schlaf. Er hatte die Muße dazu, denn das Gespräch mit McQuarrie und Dorsey war sehr erfreulich verlaufen. Die beiden erfahrenen Maate hatten im Anschluss an die Unterredung sofort Maßnahmen ergriffen.
Sie waren an Deck gegangen und hatten mit dem kundigen Blick alter Seebären die Wachen neu eingeteilt, so dass beide, die Backbordwache wie auch die Steuerbordwache, gleich stark und gleich gut besetzt waren.
Sie hatten ein Kommando unter Hutch, dem Hilfsmaaten, zusammengestellt, das sich nach Ersatzrahen bei den anderen Schiffen »umsehen« sollte, wie sie es nannten.
Sie hatten einen Trupp unter dem zweiten Hilfsmaaten Jack gebildet, der sich auf die Suche nach jenem Kutscher machen sollte, der Vitus bereits zwei Fässer mit Nahrungsmitteln verkauft hatte. Ihn zu finden, konnte Gold wert sein, oder besser: das Ende aller Proviantsorgen bedeuten.
Sie hatten mit Mahon und Reffles, den beiden Geschützführern, die Culverines inspiziert und besprochen, wie und in welcher Reihenfolge die schweren Feldschlangen an Bord zu hieven seien. Sie hatten ferner erörtert, wie die Ruß- und Schlackerückstände in den Rohren am besten zu entfernen seien.
Sie hatten einen Befehl erlassen, dass es bis auf weiteres allen verboten war, die silberne Spange der Falcons zu tragen, denn keiner an Bord sollte sich etwas Besseres dünken als der andere.
Sie hatten eine Bestandsaufnahme des Brandys und des Weins durchgeführt und bei der Gelegenheit festgestellt, dass Ebbe in sämtlichen Fässern herrschte. Eine bedauerliche Tatsache, die sie Jack und seinem Provianttrupp mitteilten, verbunden mit der Order, ebenfalls Alkoholisches zu »organisieren«. Gleiches galt für Bandeisen und Rundstahl, denn der bordeigenen Schmiede fehlte es an Rohmaterial. Gleiches galt ebenso für einen Heckanker, denn der alte war spurlos verschwunden, sowie für Munition – besonders an Kugeln für die Culverines fehlte es.
Diese und weitere Maßnahmen hatten sie innerhalb weniger Stunden in die Wege geleitet und darüber hinaus ein paar praktische Vorschläge unterbreitet, deren Sinn Vitus sofort einleuchtete. Wie ein altes Ehepaar hatten sie sich dabei abgewechselt, und McQuarrie hatte den Anfang gemacht: »Mit Verlaub, Sir, die Malerarbeiten an Deck sind nicht so wichtig.« – »Aye, sie sind nicht so wichtig, weil man mit Farbe nicht segeln kann.« – »Er macht einen seiner üblichen Scherze, Sir, er meint, wir sollten zuerst die Segel instand setzen …«
Es war noch eine Weile so weitergegangen, auch als über den geschnitzten Falken am Bug geredet wurde: »Über die Befestigung der Galionsfigur müssten wir sprechen, Sir.« – »Er meint, über das Huhn am Bug, Sir.« – »Hoho, wieder einer seiner Witze, Sir, wenn er ›Huhn‹ sagt, meint er natürlich die Galionsfigur.« – »Aye, Sir, im Moment sieht sie aus, als würde sie nach unten schielen und die Gischt von den Wellen picken.«
Vitus hatte das eine oder andere Mal über die beiden schmunzeln müssen. Ihre Energie war herzerfrischend, und er hatte einen Hauch der alten Zeiten gespürt.
Gegen sechs wachte er auf, mit hungrigem Magen und schlechtem Gewissen, denn er hatte tief geschlafen. Das allgegenwärtige Klopfen, Hämmern und Fußgetrappel war nicht in sein Bewusstsein gedrungen.
Er sprang aus der Koje, streckte die Glieder und wollte hinaus auf Deck, um das Fortschreiten der Instandsetzungen zu beaufsichtigen, pfiff sich aber selbst zurück. Er vertraute McQuarrie und Dorsey vollends, und er wollte dieses Vertrauen auch zeigen – und nicht durch kleinliches Kontrollieren in Frage stellen.
Was konnte er stattdessen tun? Natürlich, er konnte sein Lazarett einrichten, so wie es jeder umsichtige Cirurgicus an seiner Stelle tun würde. Nur wo? Die Kammer von Doktor Hall kam dafür nicht in Frage, sie war viel zu klein, obwohl sie wenigstens ein Fenster hatte, das bei Tag für Licht sorgte. Nein, es würde wohl wieder aufs Orlopdeck hinauslaufen.
Das Orlopdeck war das unterste Deck im Schiff, ein Ort, zu dem kein noch so kleiner Sonnenstrahl hinabreichte. Ewige Dunkelheit herrschte hier, und das Licht, das der Wundarzt für seine Operationen benötigte, musste mittels einer Reihe von Laternen hergestellt werden.
Vitus kannte den Behandlungsraum von früher, aber dass er so beengt war, hatte er nicht mehr in Erinnerung. In der Mitte stand nach wie vor der Operationstisch, der während einer Seeschlacht hauptsächlich zur Amputation von Körpergliedern diente. Der Tisch maß ungefähr sieben Fuß in der Länge und zweieinhalb Fuß in der Breite; an seinen Seiten befanden sich mehrere kräftige Gurte, mit denen der Patient angeschnallt werden konnte, damit er bei Schmerzen nicht den Operateur durch heftige Bewegungen störte.
Auf dem Tisch lagen mehrere Beißhölzer. Das waren Holzstücke, die dem Patienten in den Mund geschoben wurden, damit sie im Augenblick der größten Qualen daraufbeißen konnten.
Überdies gab es einen speziellen Stuhl für Kranke, denen ein Blasenstein herausoperiert werden musste oder denen ein Starstich zu besserem Sehen verhelfen sollte.
Ein feststehender Beistelltisch rundete die Möblierung ab. Er bot genügend Fläche für alle zur Durchführung einer Operation notwendigen Instrumente.
In die Bordwand waren einige Regale und Schränke eingelassen. Sie dienten als Aufbewahrungsort für medizinische Bestecke, Verbandmaterial, liquide Arzneien wie Essenzen und Tonika, Salben, Pasten, Gallerte sowie Bücher. Vitus verstaute alles, was er besaß, auch seine Literatur, wobei er für das Werk De morbis einen gesonderten Platz vorsah.
Über dem Operationstisch hingen sieben Laternen in einer Reihe an ihren Haken. Vitus untersuchte sie im Licht seiner mitgeführten Lampe und stellte fest, dass die Laternen allesamt keinen Brennstoff mehr hatten und gewartet werden mussten. Ein Fall für McQuarrie und Dorsey.
Er setzte sich in den Stuhl, und begann im Buch De morbis zu blättern – eine Tätigkeit, die ihn von jeher beruhigte und entspannte. Nichts war erquicklicher als das Studium der alten Meisterärzte; man konnte sie immer wieder lesen, denn jedes Mal entdeckte man Neues und Wissenswertes. Nur das schummrige Licht verhinderte einen ungetrübten Lesegenuss. Und die Geräusche.
Die Geräusche auf einem Schiff unterschieden sich in ihrer Art sehr stark voneinander: Auf den obersten Decks herrschten stets Arbeits- und Windgeräusche vor, doch je weiter man nach unten stieg, desto leiser wurden sie und desto stärker wurden sie übertönt von dem Knarzen der Spanten, dem Ächzen der Verbände, dem Stöhnen der Bodenhölzer – untermalt von dem Scharren und Huschen der Ratten.
Und ganz unten, im Orlopdeck, hörte man all das am lautesten.
Doch ein neues Geräusch hatte sich heute zu den gewohnten gesellt: Es war eine Art Fiepen oder Wimmern, vielleicht auch ein Klagen, und es erinnerte Vitus an Welpen in einer Wurfkiste.
Hunde hier unten im Orlopdeck?
Das war schwer vorstellbar. Eher konnte es sich um eine Katze handeln. Ja, eine Katze, das mochte sein. Für eine Katze war das Orlopdeck mit seinen vielen versteckten Winkeln ein reichgedeckter Tisch.
Vitus hoffte, dass sie eine gute Jägerin war.
Und las weiter.