Der Admiral Don Pedro de Acuña

»Mit Verlaub, Lady Nina, Ihr redet nicht gerade wie die Gemahlin eines englischen Lords.«

Nachdem Kapitän Steel sein Einverständnis zur Bergung der spanischen Schiffbrüchigen gegeben hatte, ließ er beidrehen und unverzüglich mit den Rettungsarbeiten beginnen. Doch wie sich zeigte, gestaltete sich das Unterfangen weitaus schwieriger und aufwendiger, als er gedacht hatte. Die Verunglückten waren so entkräftet, dass sie nicht einmal die ihnen zugeworfenen Leinen packen konnten. Zwar bemühten sie sich tapfer darum, aber ihre Bewegungen wurden zusehends schwächer. Ein weiterer Versuch, sie mittels einer über Bord geworfenen Strickleiter zu bergen, schlug ebenfalls fehl.

Steel fluchte und bedachte die neben ihm stehende Isabella mit wenig freundlichen Blicken. »McQuarrie, wenn es nicht anders geht, müssen wir eines unserer Boote zu Wasser lassen!«, brüllte er.

»Aye, aye, Sir, wir sind schon dabei!« Der drahtige Schotte und sein Kollege Abbot scheuchten die Matrosen auf ihre Posten und benutzten dazu sogar den Starter, denn es kam mittlerweile auf jede Minute an. Das gekenterte spanische Boot driftete immer weiter ab – und mit ihm seine verzweifelte menschliche Fracht.

Nach einer kleinen Ewigkeit schlug das Boot der Camborne klatschend auf dem Wasser auf. Mit an Bord war Vitus, der sich seinen Instrumentenkasten unter den Arm geklemmt hatte. Nun ging alles sehr schnell. Mit kräftigen Ruderschlägen erreichten die Retter das gekenterte Boot und begannen die hilflosen Schiffbrüchigen aus dem Wasser zu ziehen. Vitus beobachtete die Arbeiten genau und befahl äußerste Vorsicht, besonders bei dem Offizier, dessen Hinterkopf eine klaffende Wunde aufwies. Er war so schwach, dass er kaum sitzen konnte. Vitus bettete ihn neben sich auf die Ruderbank und schob ihm das Knie unter den Kopf. Nach kurzer Begutachtung der Verletzung sagte er auf Spanisch: »Ihr habt eine üble Platzwunde am Kopf, Señor. Sie muss genäht werden. Ich werde das auf dem Schiff erledigen. Unser Beiboot schlingert zu stark.«

Der Offizier musterte ihn. Er mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen und hatte ein schmales, männliches Gesicht mit Augen, die so dunkel wie Oliven waren. »Muchas gracias«, sagte er leise. »Wer seid Ihr?«

»Ich bin Vitus von Collincourt, leitender Arzt an Bord des Lazarettschiffs Camborne. Und wer seid Ihr?«

»Mein Name ist Pedro de Acuña, kommandierender Admiral Seiner Allerkatholischsten Majestät Philipps II. und Stellvertreter von Don Miguel de Oquendo, dem Befehlshaber des Guipúzcoa-Geschwaders.«

Vitus musste sich beherrschen, um sich nichts anmerken zu lassen, denn Acuña war einer der höchsten und fähigsten Offiziere in den Reihen der Armada – und damit ein dicker Fisch, der den Engländern ins Netz gegangen war. »Es ist mir eine Ehre, Euch, wenn auch unter widrigen Umständen, kennenzulernen, Don Pedro.«

»Die Ehre ist ganz auf meiner Seite.«

Die beiden Männer sahen sich an und stellten fest, dass sie sich mochten.

Vitus legte Don Pedro einen Notverband an und widmete seine Aufmerksamkeit den beiden anderen Geretteten. Sie hatten weitaus mehr Glück gehabt als der Admiral, denn außer ein paar harmlosen Kratzern und Blutergüssen hatten sie nichts davongetragen.

Allerdings waren alle drei Geretteten stark unterkühlt, was Vitus dazu veranlasste, ihre Körper sofort nach Eintreffen auf der Camborne in dicke Decken wickeln zu lassen. Stonewell besorgte das mit wenigen Handgriffen, wobei er leicht beleidigt wirkte. Zu gern wäre er bei der Rettungsaktion dabei gewesen, aber Vitus hatte es nicht erlaubt, mit dem Hinweis, einer von ihnen beiden müsse alles für eventuell notwendige Operationen vorbereiten.

Steel hatte inzwischen erfahren, welch hochrangiger Gefangener an Bord gekommen war, und ließ es sich nicht nehmen, ihn persönlich zu begrüßen und in seine Kajüte schaffen zu lassen. Vitus überwachte den Transport und wies Stonewell an, die beiden Matrosen in die Behandlungsräume unter Deck zu bringen.

In der Kajüte wollte Steel umgehend damit beginnen, Don Pedro nach den weiteren Absichten der Armada zu befragen, doch Vitus ging dazwischen: »Mit Verlaub, Captain, zuerst muss die Wunde des Patienten versorgt werden.«

»Natürlich, natürlich.« Jetzt war es an Steel, beleidigt zu sein, doch immerhin zog er sich ohne weiteren Kommentar in den Hintergrund seiner Kajüte zurück, wo ein paar hochprozentige Tropfen seiner harrten.

Vitus sorgte dafür, dass Don Pedro bequem, aber fest auf einem Stuhl saß, gestützt von zwei kräftigen Helfern. Dann begann er mit seiner Behandlung. Zunächst löste er den Notverband und griff zum Schermesser. Vorsichtig rasierte er großzügig den Wundbereich. Es folgte das Auswaschen der Verletzung mit klarem Wasser. Anschließend nahm er einen sauberen Faden, aus dem Darm des Hochlandschafs gemacht, und zog ihn auf eine gebogene goldene Nadel. »Ich werde jetzt die Wundränder mit mehreren Stichen zusammennähen, Don Pedro.«

Der Spanier stimmte zu, indem er kurz die Lider senkte.

Vitus setzte behutsam Stich für Stich und fragte zwischendurch: »Sind die Schmerzen auszuhalten, Don Pedro?«

»Nicht der Rede wert.« Die Art, wie der Spanier es sagte, strafte seine Worte Lügen.

Vitus ging nicht näher darauf ein, sondern konzentrierte sich weiter auf seine Arbeit. Als er fertig war, verknotete er den Faden an beiden Wundenden, strich Zinksalbe auf die Verletzung und verband sie sorgfältig. Don Pedro sah aus wie ein türkischer Turbanträger. Als würde er es ahnen, verlangte er kurz darauf nach einem Spiegel und betrachtete sich eingehend darin. »Ich sehe aus wie Ali Pascha während der Seeschlacht von Lepanto«, meinte er nicht ohne Humor.

Steel erschien wieder auf der Bildfläche und wollte Wichtiges besprechen: »Don Pedro«, sagte er, »unsere beiden Flotten bekämpfen einander, und solange kein Sieger feststeht, werdet Ihr wohl oder übel an Bord meines Schiffs bleiben müssen. Wenn Ihr mir Euer Ehrenwort als Offizier gebt, weder Sabotage-, noch Spionage- oder irgendwelche Umsturzversuche zu unternehmen, könnt Ihr Euch an Bord der Camborne frei bewegen und seid auch abends an meiner Tafel willkommen. Nun, wie steht es?«

Don Pedro blickte Steel aus seinen olivdunklen Augen an und sagte zunächst nichts. »Was passiert, wenn ich Euch mein Ehrenwort verweigere?«

»Werde ich Euch in Ketten legen lassen müssen.«

Wieder schwieg Don Pedro eine Weile. Er schien einen innerlichen Kampf auszufechten. Dann sagte er ruhig: »Ihr habt mein Wort als spanischer Edelmann und Offizier.«

»Danke, das genügt mir, Don Pedro.« Steel schüttelte dem Spanier die Hand und wirkte erleichtert. »Die Frage nach einer Unterkunft für Euch ist leider weniger leicht zu lösen. Ihr werdet mit meinen Offizieren McQuarrie und Abbot eine Kammer teilen müssen. Leider kann die Camborne es an Größe nicht mit Euren riesigen Galeonen aufnehmen.«

»Ich bin Soldat«, sagte Don Pedro knapp. »Für Luxus ist im Krieg kein Platz.«

»Freut mich, dass Ihr das auch so seht!«

Vitus sagte: »Für trockene Kleidung und eine warme Koje wird dennoch gesorgt werden, Don Pedro.« Er musste an die vergangene Nacht denken, in der Isabella ihn von hinten umschlungen und gewärmt hatte. Ihr verdankte er es, dass die Erkältung sich nicht entfaltet hatte und er sich schon wieder fast gesund fühlte.

»Gracias, Sir Vitus«, sagte Don Pedro, nicht wissend, dass Vitus ein Conde war und korrekt mit »Mylord« angesprochen werden musste.

»›Sir‹ genügt, Don Pedro«, sagte Vitus. »Wir wollen die Sache nicht komplizierter machen, als sie ist.«

Der Spanier nickte ernst. »Wie Ihr meint – Sir.«

Steel steckte die Nase aus seiner Kajütentür und rief nach einem Läufer. Als dieser erschien, erhielt er Weisung, den spanischen Admiral zu McQuarries und Abbots Kammer zu begleiten und ihm alles für seinen persönlichen Bedarf zur Verfügung zu stellen. Don Pedro – jeder Zoll ein Grande – bedankte sich für die Gastfreundschaft, wehrte jegliche Hilfe beim Gehen ab und folgte dem Läufer mit kleinen, kontrollierten Schritten. Steel schnaufte zufrieden, schenkte sich ein großes Glas Brandy ein und rief ihm leutselig hinterher: »Wir sehen uns beim Dinner, Don Pedro!«

 

 

 

Das Dinner in Steels Kajüte war für acht Uhr angesetzt worden, doch bevor es begann, hatte Vitus in seiner Kammer Gelegenheit, Isabella bei ihren Vorbereitungen zu beobachten. Er hatte den Eindruck, als mache sie sich an diesem Abend besonders sorgfältig zurecht, denn sie bürstete endlos lange ihre schwarze Perücke aus, schminkte sich das Gesicht blass und den Mund kirschrot, zupfte sich die Brauen und die Lider und feilte sich die Nägel – alles getreu dem Schönheitsideal, das der bekannten Dreierregel folgte: drei Mal weiß galt für Haut, Zähne und Hände; drei Mal schwarz für Augen, Augenbrauen und Augenlider; drei Mal lang für Körper, Haare und Fingernägel; drei Mal schmal für Mund, Taille und Fesseln; drei Mal dick für Arme, Po und Schenkel.

Diesem Anspruch wurde sie nahezu gerecht, wenn man davon absah, dass sie nicht dick war und keine schwarzen, sondern graue Augen hatte. Genau wie Vitus. »Brauchst du noch lange?«, fragte er. »Ich möchte nicht gern unpünktlich sein.«

»Ich muss nur noch ein Kleid auswählen, Liebster. Leider habe ich viel zu wenig Garderobe mit, Madame Pointille hatte ja kaum Zeit, mir etwas anzufertigen.«

»Madame Pointille? Wer soll das sein?«

»Die Schneiderin von Nina.«

»Nenne meine Frau nicht Nina!«

»Sie ist nicht mehr deine Frau. Ich bin deine Frau. Ich werde das Seidenkleid nehmen. Mit seinem großen Ausschnitt ist es zwar etwas gewagt, aber die Farbe Lila wirkt andererseits sehr züchtig, findest du nicht auch?«

Er sagte daraufhin nichts. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Gefühle durch Farben ausgelöst wurden.

»Schließe mir mal die Häkchen auf dem Rücken.«

Er gehorchte. Er arbeitete sich von unten nach oben vor und bemerkte, dass der Stoff sich mit jedem weiteren Häkchen stärker spannte. Der Grund dafür waren ihre prächtigen Brüste, die sich gegen die Einengung wehrten. »Das Kleid sitzt viel zu knapp. Was sollen die Herren am Kapitänstisch denken!«

Isabella drehte sich Vitus zu. Ihre Augen blickten spöttisch. »Na, was wohl? Das, was alle Männer denken, wenn sie einen tiefen Ausschnitt sehen.«

»Ich will nicht, dass du so herumläufst!«

»Bist du etwa eifersüchtig?«

»Lächerlich!«

»Dann ist es ja gut.« Isabella zog ein grobmaschiges, aus Goldfäden geknüpftes Netz über ihr Haar und befestigte es. Vitus sah, dass jeder Knoten mit einer kostbaren Perle geschmückt war, und er sah auch, dass es Ninas Netz war. »Der Haarschmuck gehört meiner Frau!«

»Richtig, Liebster, ich bin deine Frau. Vergiss das nicht. Und nun komm, ich habe einen Bärenhunger.«

Sie hakte sich bei ihm unter und drängte ihn zur Tür.

 

 

 

Die Speisen an diesem Abend waren bei weitem nicht so vielfältig wie jene, die Kapitän Steel noch vor wenigen Tagen hatte auftischen lassen, denn die Camborne befand sich auf See und lag nicht mehr an der Pier von Plymouth, wo jederzeit frische Nahrungsmittel eingekauft werden konnten. Das Angebot bestand in erster Linie aus Pökelfleisch und Klippfisch sowie einer Suppe aus unterschiedlichen Hülsenfrüchten, die mit Zwieback angereichert war.

Kapitän Steel räusperte sich und blickte in die Runde. Die Zahl seiner Tischgäste hatte sich um Don Pedro erweitert, den er in aller Form begrüßte und vorstellte. »Leider müssen wir alle heute Abend mit schnöder Seemannskost vorliebnehmen, Don Pedro«, dröhnte er, »aber wir sind im Krieg, und im Krieg sind die Zeiten für Feinschmecker nicht rosig.«

Der Spanier, der sich in der Zwischenzeit gut erholt zu haben schien und in seinen getrockneten Kleidern einen mehr als passablen Eindruck machte, lächelte. »Der Wert einer Tafel misst sich nicht unbedingt an der dargebotenen Speise, sondern eher an Geist und Schönheit der Teilnehmer, Capitán.«

»Danke, Don Pedro!« Steel schien das Kompliment, das zweifellos nicht ihm gegolten hatte, auf sich zu münzen. »Das habt Ihr trefflich gesagt! Da Ihr mit uns schlecht auf das Wohl unserer Jungfräulichen Majestät Elizabeth trinken könnt und wir mit Euch schlecht auf das Wohl Eures Königs Philipp, denke ich, trinken wir, äh …«

Er hatte den Faden verloren und suchte nach einer Gemeinsamkeit, auf die man das Glas erheben konnte.

Isabella half ihm mit einem reizenden Lächeln aus: »Trinken wir auf die gerechte Sache.«

»Bei Gott, das ist eine gute Idee! Jeder möge auf seine eigene gerechte Sache trinken, ha, ha! Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin! Erhebt mit uns Euer Glas, Don Pedro, cheers und salud!«

Steel, Don Pedro, Vitus, Isabella, Stonewell, McQuarrie und Abbot tranken von dem Wein. »Es scheint mir eine Traube aus der La Mancha zu sein«, sagte Don Pedro zu Steel. »Ihr Engländer verteufelt also doch nicht alles, was aus Spanien kommt?«

Steel lachte sein aufgesetztes Lachen. »Ebenso, wie ihr Spanier nicht unser gutes englisches Tuch verteufelt, habe ich recht?«

»Gewiss.«

Die Unterhaltung stockte etwas, und das nicht nur, weil die Anwesenden der Suppe zusprachen. Dann sagte Don Pedro: »Es gibt in diesen Zeiten nicht viele Themen, über die man ohne Bedenken sprechen kann, aber ich glaube, das Wetter und die Mode gehören dazu. Das Wetter war heute recht annehmbar, nicht zu hohe Wellen, nicht zu viel Wind, nicht zu kaltes Wasser – andernfalls würde ich jetzt nicht die Ehre haben, an Eurem Tisch sitzen zu können, Capitán Steel. Die Mode hingegen ist ein weitaus erfreulicherer Gesprächsgegenstand. Es sei an dieser Stelle erlaubt, Lady Nina, Euch zu versichern, dass Ihr ein ganz bezauberndes Kleid tragt.«

Isabella strahlte. »Ihr seid ein echter Caballero, Don Pedro!« Dann streifte ihr Blick wie zufällig Vitus. »Ich habe lange kein so reizendes Kompliment bekommen.«

Vitus bekämpfte die aufkommende Missgunst. Am liebsten hätte er beziehungsvoll gesagt: Der Wert einer Person misst sich nicht an der Staffage, sondern eher an ihrem Charakter! Aber er schwieg.

»Ein Seemann braucht in erster Linie praktische Kleidung«, versuchte McQuarrie, das Gespräch in neutralere Bahnen zu lenken. »Auch unser guter schottischer Kilt, der vielfach belächelt wird, ist viel praktischer, als gemeinhin angenommen wird.«

Abbot nickte. Er war kein großer Redner und schätzte sich glücklich, wenn er nicht viele Worte machen musste.

Stonewell hatte seine Suppe ausgelöffelt und wollte auch seinen Beitrag liefern: »Praktische Kleidung ist auch vom gesundheitlichen Standpunkt her gesehen nicht zu unterschätzen. In wärmeren Ländern sollte sie leichter, in kälteren Ländern schwerer sein.«

Nach dieser umwälzenden Erkenntnis geriet die Unterhaltung abermals ins Stocken, und jeder an der Tafel beschäftigte sich mit den weiteren Speisen. Schließlich sagte Don Pedro: »Ihr sprecht sehr gut spanisch, Lady Nina, genau wie Euer Gemahl. Darf ich fragen, ob Ihr über einen längeren Zeitraum in meinem Land gelebt habt?«

Isabella strich sich eine schwarze Locke ihrer täuschend echten Perücke aus dem Gesicht und blickte Don Pedro direkt an. »Ich habe nicht nur eine Zeitlang in Spanien gelebt, ich bin sogar Spanierin. Ich komme aus Cádiz.«

Don Pedro stutzte. »Carai! Habla en serio?«

»Ja, sicher! Cádiz ist die schönste Stadt der Welt, auch wenn die Engländer im letzten Jahr vieles zerstört haben.«

»Mit Verlaub, Lady Nina, Ihr redet nicht gerade wie die Gemahlin eines englischen Lords.«

»Ich bin, wie gesagt, Spanierin. Was in Cádiz passierte, werde ich niemals vergessen!«

Don Pedro nickte. »Es waren erbitterte Kampfhandlungen. Ich selbst war unmittelbar daran beteiligt.«

Isabella legte spontan ihre Hand auf Don Pedros Arm. »Davon müsst Ihr mir unbedingt erzählen!«

Steel rülpste dezent und versuchte abzulenken: »Es passiert so viel auf dieser Welt, Angenehmes und weniger Angenehmes, wenden wir uns lieber den erfreulicheren Dingen zu: »Cheers und salud!«

Die Runde trank, doch kaum waren die Trinkgefäße wieder abgesetzt, hakte Isabella nach: »Wo habt Ihr gekämpft, Don Pedro?«

»Ich befehligte die Galeeren unserer Stadt. Wir versuchten, die Angreifer zu vertreiben, aber leider hatte der Feind das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Meine Bemühungen waren weitgehend vergebens. Unsere prachtvollen Schiffe, die Kriegsgaleonen, die Kauffahrer, die Transporter, die Versorger, sie alle wurden zusammengeschossen …« Don Pedro machte eine Pause, denn er merkte, wie vorwurfsvoll seine Worte klangen. Deshalb fuhr er mit einem Lächeln fort: »Man kann über die Ritterlichkeit der Engländer streiten, aber zumindest einen gibt es unter ihnen, der sich während der Kämpfe ohne Fehl und Tadel verhalten hat. Er legte das Gebaren eines wahren Caballeros an den Tag. Man muss dazu wissen, dass von meinen zehn Galeeren bereits sieben starke Beschädigungen aufwiesen und eine weitere lichterloh brannte. Sie war dem Untergang geweiht, und es hätte nur einiger gezielter Schüsse bedurft, um sie und ihre Männer endgültig zu versenken, doch genau das geschah nicht.«

»Was geschah denn?«, fragte Steel.

»Die englische Galeone, die den Fangschuss hätte setzen können, drehte ab und schonte das Leben meiner Männer. Ihr Capitán ließ mir sogar seine Empfehlung ausrichten. Ich weiß nicht, warum, aber es war tatsächlich so. In jedem Fall hat dieser Capitán ein leuchtendes Beispiel für Großmut und Manneszucht abgegeben.«

»Was Ihr nicht sagt!« Steel hing an Don Pedros Lippen. »Und wie heißt dieser Captain?«

»Sein Name, so wurde mir berichtet, ist Taggart. Es muss sich wohl um jenen Taggart handeln, der Anfang der siebziger Jahre unsere Schatzgaleonen in der Karibik überfiel, aber in diesem Fall, wie gesagt, handelte er wie ein echter Caballero.«

»Sir Hippolyte Taggart gehört zu meinen besten und ältesten Freunden«, sagte Vitus, der fand, dass die Unterhaltung zum ersten Mal eine erfreuliche Wendung nahm.

»Was Ihr nicht sagt!« Don Pedro musterte Vitus. »Darf ich fragen, ob Capitán Taggart mit seiner Falcon ebenfalls an den kommenden Schlachten teilnehmen wird?«

Steel mischte sich ein: »Das dürft Ihr fragen, Don Pedro, aber Ihr werdet darauf keine Antwort erhalten. Ich versichere Euch jedoch, dass unter den englischen Seefahrern viele sind, die ähnlich wie Taggart gehandelt hätten.«

»Dem will ich nicht widersprechen«, sagte Don Pedro höflich und tupfte sich einen Suppentropfen von seinem gepflegten Bart.

Vitus sagte: »Ritterlichkeit ist eine Tugend, die über alle Grenzen und über alle Feindschaft hinweg verbindet. Ich hoffe, sie wird der Maßstab für alle kommenden Kampfhandlungen mit der Armada sein.«

»Wo wir gerade von der Armada sprechen«, nahm Steel den Faden wieder auf, »könnt Ihr uns sagen, Don Pedro, was genau die Armada in unseren Gewässern vorhat?«

»Sicher kann ich das, aber ich werde es nicht tun.«

»Nun ja.« Steel schluckte mannhaft die Retourkutsche. »Wie auch immer die Armada im Einzelnen vorgehen mag, sie wird ihre Ziele nicht errreichen. Und wir, wir werden gewinnen, und dann, ha, ha, Don Pedro, hoffe ich, dass Eure Verwandtschaft gut bei Kasse ist, denn ich werde für Euch ein stattliches Lösegeld fordern.«

»Dass Ihr den Wert meiner Person so hoch einschätzt, ehrt mich«, entgegnete der Spanier kühl. »Doch Eure Ansicht, dass Ihr den Krieg gewinnen werdet, kann ich nicht teilen. Am Ende wird der Sieg unser sein.«

»Ha, ha! Eher geht in der Hölle das Feuer aus! Wir werden gewinnen, niemand anderes als wir! Ihr Spanier kennt euch nicht aus im Kanal, habt keine Ahnung von Windverhältnissen, Meeresströmungen, Wassertiefen und Gezeiten …« Steel brach ab, vielleicht, weil er merkte, dass der Alkohol ihm zusehends die Zunge löste und seine Rede distanzlos wurde.

Don Pedro de Acuña lächelte wieder sein feines Lächeln. »Ganz so unwissend, wie Ihr glaubt, Capitán, sind wir nicht. Wir haben gute Karten, wir haben gute Lotsen, wir haben seemännisches Geschick. Kennt Ihr einen gewissen Lucas Janszoon Waghenaer?«

»Wie? Äh, natürlich.« Steel versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass der Name ihm wenig sagte.

»Der Mann ist Holländer. Er schuf vor vier Jahren den ersten Seeatlas, den sogenannten Spiegel der Seefahrt. Darin findet sich eine Karte, die Südengland mit seinen Häfen in allen Einzelheiten zeigt. Ferner den Kanal, den er als Canalis inter Angliam et Galliam bezeichnet. Die Abbildung zeigt alle wichtigen Meerestiefen sowie die Bodenbeschaffenheiten der verschiedenen Regionen. Ihr seht, ganz so unwissend, wie Ihr behauptet, sind wir nicht. Wir werden unseren Weg gehen, und wir haben, in aller Bescheidenheit, mit dem hölzernen Halbmond eine Schlachtformation entwickelt, die uns alle Möglichkeiten offenlässt. Der Halbmond ist unzerstörbar. Er ist ein seemännisches und organisatorisches Kunstwerk, das seinesgleichen sucht. Im Übrigen vertrauen wir auf die Jungfrau Maria, die auch ›Die Jungfrau der Navigatoren‹ genannt wird. Sie wird unseren Schiffen den siegreichen Kurs weisen.«

»Woran ich nicht zweifle!«, rief Isabella mit leuchtenden Augen.

Die darauffolgende peinliche Stille versuchte Vitus zu entschärfen, indem er sagte: »Um Missverständnissen vorzubeugen, Gentlemen, möchte ich versichern, dass Ihr soeben nur den halben Ausruf meiner Frau gehört habt. Im vollen Wortlaut wollte sie sagen: ›Woran ich nicht zweifle, ist der Sieg der englischen Geschwader!‹ Stimmt’s, meine Liebe?«

Er sah Isabella so drohend an, dass sie nicht zu widersprechen wagte, und fuhr fort: »Nachdem dies geklärt ist, bitte ich um Verständnis dafür, wenn wir uns zurückziehen. Es war ein ereignisreicher Tag. Ich danke für die Speise, Captain Steel, und wünsche allseits eine gute Nacht.«

Danach stand er auf, packte die Hand Isabellas so fest, dass diese fast aufschrie, und verließ mit ihr die Kapitänskajüte.

»Was fällt dir ein?«, zischte sie, als sie draußen an Deck waren.

Vitus antwortete nicht. Er zerrte sie mit verbissenem Gesicht zur gemeinsamen Kammer und stieß sie hinein. Als die Tür hinter ihnen zugefallen war, sagte er mit gefährlich leiser Stimme: »Was ist nur in dich gefahren? Spielst du verrückt? Auf der einen Seite willst du meine Gemahlin sein, auf der anderen Seite ergreifst du in schamloser Weise Partei für den Feind!«

»Ich bin Spanierin!«

»Meine Frau Nina, die wahre Lady Nina, ist auch Spanierin! Und dennoch würde sie niemals ihren Ehemann derartig bloßstellen.«

»Don Pedro de Acuña ist mein Landsmann! Ein vornehmer Hidalgo! Er hat dieselben Wurzeln wie ich, warum sollte ich ihm nicht beipflichten!«

»Papperlapapp! Du hast Don Pedro den ganzen Abend schöne Augen gemacht, mehr nicht!« Er riss sie an sich. »Aber damit ist jetzt Schluss! Es war das erste und letzte Mal, dass du mich zum Narren gemacht hast! Wenn wir schon ›verheiratet‹ sind, dann benimm dich entsprechend und akzeptiere, dass ich das Sagen habe!«

»Niemals!«

»Gut! Dann wirst du mich von einer ganz neuen Seite kennenlernen!« Er drückte sie nach unten und zwang ihren Körper über sein Knie. Mit ein paar klatschenden Hieben versohlte er ihr den Hintern. Obwohl er sich bei den Schlägen keine große Zurückhaltung auferlegte, kam kein Laut des Schmerzes über ihre Lippen. Das reizte ihn. Er wollte ihr Gesäß weiter bearbeiten, aber das kam nicht in Frage. Man schlug keine Frau, auch wenn sie es noch so sehr verdient hatte. Wie konnte er sie weiter strafen? Indem er Dinge tat, die sie nicht wollte, und dazu gehörte zweifellos, dass er sie gegen ihren Willen küsste. Er stieß sie aufs Bett, warf sich über sie und küsste sie hart auf den Mund. »Du bist die Frau eines englischen Earls, verdammt noch mal! Hast du das endlich begriffen?«

Sie lächelte.

»Ich werde dich lehren, mich zum Hanswurst zu machen!« Wieder küsste er sie hart.

Sie stöhnte.

Gut so, endlich eine Reaktion der Schwäche!

Sie stöhnte erneut. »Don Pedro sieht wirklich phantastisch aus.«

»Was sagst du da? Er ist ein Aufschneider wie alle Spanier, mehr nicht!«

»Er hat sicher sehr viel Temperament.«

»Ach ja? Hat er das? Das haben wir gleich!« Er griff in ihren Ausschnitt und riss ihn mit einer Bewegung bis zur Taille auf. »Meinst du, er hätte so viel Temperament?« Er riss den Rest des Kleides entzwei. »Oder so viel?« Er riss ihr die Leibwäsche herunter. »Oder so viel?«

»So viel und noch viel mehr.« Wieder lächelte sie.

Er fluchte innerlich. Wie konnte er ihren Widerstand, ihre verdammte Überlegenheit nur brechen? »Ich, ich …!«

»Du, du …«, antwortete sie.

»Ich werde dich hier und jetzt …«

»Dann tu’s doch endlich.« Sie spreizte die Beine und zog sie an, so dass er in die Tiefe ihres Schoßes blicken konnte. Er erkannte, dass der Streit zwischen ihnen die ganze Zeit von ihr gesteuert worden war und sie ihn genau da hatte, wo sie ihn haben wollte. »Du … du bist so schamlos.«

»Das bin ich. Ich bin schamlos. Ich bin Spanierin. Ich bin deine Ehefrau. Und jetzt nimm mich. Ich bin wild auf dich. Komm, mein kleiner Vitus, oder soll ich sagen: mein großer, starker Earl? Komm, komm endlich, wo bleibt dein Temperament?«

Er konnte nicht anders, er stürzte sich auf sie, er drang in sie ein, füllte sie aus, zog sich zurück, drang wieder in sie ein, wurde schneller, hektischer, spürte, wie die Lust in ihm anschwoll, unbezähmbar, nicht beherrschbar, erreichte den höchsten Gipfel der Leidenschaft, entlud sich mit einem heiseren Schrei …

Und kam sich die ganze Zeit wie eine Marionette vor.

 

 

 

Er erwachte, als das Tageslicht bereits hell durch das Fenster fiel. Isabella lag halb auf ihm, einen Arm um seine Taille geschlungen. Sie schlief noch. Ihr Gesicht war völlig entspannt, wirkte friedlich und freundlich – und so ganz anders als in der vergangenen Nacht, als es vor Leidenschaft geglüht hatte. Er wusste nicht mehr, wie oft und wie lange sie sich geliebt hatten, er wusste nur noch, dass er niemals zuvor so überwältigende Gefühle erlebt hatte.

Sie war eine Frau von wildem, ungezügeltem Feuer.

Vorsichtig löste er sich aus ihrem Griff und stand auf. Er wollte einen klaren Kopf bekommen, wollte an Deck, um frische Luft zu atmen und den neuesten Stand der Dinge zu erfahren.

Nach einer kurzen Wäsche und einer Rasur mit kaltem Wasser stieg er in seine Kleider und ging hinaus. Draußen wehte ein unruhiger Südwest, der die Camborne tiefer in die Wellentäler eintauchen ließ als am Vortag. Das Schiff lief nahezu Ostkurs, die Haupt- und Bramsegel waren gesetzt, dazu das Blindesegel am Bugspriet. Die Geschwindigkeit mochte vier oder fünf Knoten betragen. Vor der Camborne lief Howards Geschwader in guter Ordnung, Vitus erkannte die Ark Royal, die Mary Rose und andere. Und noch weiter entfernt – bei der guten Sicht klar auszumachen – sah er den majestätischen Halbmond der Armada nach Osten streben, tiefer und tiefer in den Kanal hinein.

Bei den Steuerbord-Sechspfündern traf er auf Stonewell, dessen Anblick ihn daran erinnerte, dass er sich noch nicht um die beiden aufgefischten spanischen Matrosen gekümmert hatte. »Was machen unsere Teerjacken von der San Salvador?«, fragte er.

»Ich habe heute Morgen bereits nach ihnen gesehen, Sir«, antwortete Stonewell. »Sie sind ganz munter. Es sind junge Burschen um die zwanzig, deren Körper sich schnell erholen. Sie brauchen in erster Linie Wärme und Schlaf.«

»Ich möchte mir selbst ein Bild machen.«

»Gewiss, Sir.« Stonewell ging voran und wies Vitus den Weg nach unten. »Mein Spanisch ist nicht das Beste, Sir, deshalb konnte ich mich den beiden nicht gut verständlich machen. Doch ihr Allgemeinzustand scheint recht gut zu sein.«

»Wir werden sehen«, sagte Vitus.

Im Behandlungsraum nahm er Platz und ließ sich die Männer vorführen. »Buenos dias, yo soy Vitus von Collincourt«, sagte er zur Begrüßung. »Ich bin der leitende Arzt an Bord. Ich will euch untersuchen. Kommt näher.«

Gehorsam traten beide heran, und Vitus fragte den Ersten: »Cómo te llamas?«

»Manoel.«

»Gut, Manoel, mach die Zähne weit auseinander.« Er blickte im Schein einer hellen Laterne in die Mundhöhle und stellte Anzeichen des Scharbocks fest. Das Zahnfleisch war geschwollen und an einigen Stellen schwammig. Die Schneidezähne saßen locker.

Vitus merkte sich das und fuhr mit seiner Untersuchung fort. Er besah sich Kopf und Körperglieder genau, befühlte die Muskulatur, beugte die Gelenke, prüfte die Haut, kniff sie an mehreren Stellen zusammen und stellte fest, dass sie sich nach dem Zusammenpressen nicht genügend schnell glättete. »Der Mann trinkt zu wenig«, sagte er zu Stonewell. »Seine Tagesration an Wasser muss erhöht werden.«

»Jawohl, Sir, ich werde es veranlassen.«

»Sorgt bitte auch dafür, dass der Mann gute Kost bekommt. Der Scharbock nagt schon an ihm.«

»Es soll geschehen, Sir.«

Vitus fuhr mit seiner Begutachtung fort. Einige Kratzer und leichte Wunden, die Manoel bei der gestrigen Rettungsaktion davongetragen hatte, waren von Stonewell vorbildlich versorgt worden. Dasselbe schien für eine Brandwunde am Oberarm zu gelten. »Welche Arznei habt Ihr für die Behandlung der Verbrennung gewählt, Stonewell?«, fragte er.

»Nun, Sir, am liebsten hätte ich Hühnerfett genommen, aber da wir an Bord keins haben, musste es Johannisöl tun.«

»Habt Ihr das Johannisöl selbst hergestellt?«

»Jawohl, Sir. Ich habe die Blüten und die Blätter von Hypericum perforatum vor einigen Wochen mit Olivenöl angesetzt. Wenn nötig, ließe sich aus dem Öl auch eine Salbe machen.«

»Sehr schön.« Vitus konzentrierte sich wieder auf Manoel und stellte die Fragen, die er immer stellte: nach dem Stuhlgang, dem Wasserlassen, der allgemeinen Befindlichkeit. Als alles zu seiner Zufriedenheit beantwortet war, fragte er weiter: »Hattest du in letzter Zeit Fieber und rötlichen Ausschlag auf der Brust?«

»Nein.«

»Es heißt in der englischen Marine ›Nein, Sir‹, wenn niedrige Dienstgrade antworten. Bitte merke dir das.«

»Ja.«

»Es heißt auch ›Ja, Sir‹. Oder besser ›Aye, Sir‹. Kannst du dir das merken?«

»Äh, aye, Sir.«

»Hattest du in letzter Zeit häufiger ohne Grund Kopfschmerzen?«

»Nein, Sir.«

»Sehr gut.« Vitus war zufrieden. Der Mann schien nicht unter dem gefürchteten Fleckfieber, dem Morbus lenticularis, zu leiden, das von Girolamo Fracastoro, einem italienischen Arzt, vor gar nicht langer Zeit erstmals beschrieben und abgegrenzt worden war.

Er wandte sich dem zweiten Geretteten zu. Der Mann hieß Diego. Das Frage-und-Antwort-Spiel begann von neuem. Im Großen und Ganzen entsprach die Verfassung Diegos der von Manoel. Darüber hinaus wiesen beide die üblichen Blessuren und Merkmale auf, die für Seeleute aller Nationen bezeichnend waren: Sie hatten schwarzblaue Tätowierungen an den Armen und Händen, denn sie waren, wie sie erzählten, auf den Gewürzinseln gewesen und hatten dort einen Schamanen der Dayak aufgesucht. Sie hatten verstümmelte Finger, an denen das eine oder andere Glied fehlte, und sie hatten am ganzen Leib Narben, die von Stich-, Riss- oder Platzwunden herrührten. Diego hatte zudem einen verkürzten rechten Arm, der von einem schief verheilten Bruch stammte, und ein langes, schlecht verheiltes Wundmal auf der linken Wange, das ihm die Augenlider zusammenzog.

Vitus schloss seine Untersuchung ab und sagte: »Hört mal, ihr beiden, ihr wisst, dass ihr euch auf einem englischen Schiff befindet. So gesehen, seid ihr Gefangene und müsstet eigentlich hinter Schloss und Riegel sitzen. Wenn ihr das nicht wollt, gibt es nur eine Möglichkeit: Leistet Captain Steel den Treueid und dient fortan als englische Matrosen auf diesem Schiff. Wollt ihr das?«

»Aye, Sir«, sagten beide nach kurzem Zögern.

»Schön, dann wird mein Assistent Mister Stonewell euch zum Captain bringen. Mit einer freundlichen Empfehlung von mir.«

»Aye, Sir.«

Vitus nickte zufrieden und begab sich an Deck.

 

 

 

Am frühen Nachmittag stand er neben Steel an der Querreling und beobachtete, wie die Pinasse Sun längsseits ging. »Das bedeutet Neuigkeiten«, dröhnte Steel, der die Höflichkeit gehabt hatte, Vitus nicht auf Isabellas Entgleisung vom vergangenen Abend anzusprechen, sich aber ausdrücklich für die beiden neuen Matrosen bedankt hatte. »Hoffentlich etwas Erfreuliches.«

Ein Matrose sprang auf die Camborne über und händigte ein Schreiben aus, das Steel nach wenigen Augenblicken überbracht wurde. »Danke.« Der Kapitän löste die Kordel, entrollte das Papier und las.

»Darf man erfahren, was da steht?«, fragte Vitus.

»Selbstverständlich, Cirurgicus. Doch habt noch einen Augenblick Geduld, ich will McQuarrie und Abbot hinzuziehen, damit ich nicht alles doppelt und dreifach erzählen muss.«

Als beide Offiziere erschienen waren, kratzte Steel sich die rotgeäderte Wange, hielt einen Rülpser zurück, machte ein wichtiges Gesicht und verkündete: »Lordadmiral Howard lässt mich wissen, dass der Befehlshaber des andalusischen Geschwaders, Don Pedro de Valdés, sein Flaggschiff, die Nuestra Señora del Rosario, kampflos an Sir Francis Drake übergeben hat. Damit ist eine der stärksten gegnerischen Karacken aus dem Gefecht. Sir Francis hat Don Pedro und seine Offiziere zu sich an Bord der Revenge genommen und unserer Roebuck befohlen, die Rosario nach Dartmouth zu eskortieren. Wahrhaftig eine erfreuliche Nachricht!«

McQuarrie wunderte sich. »Aber Sir, nach allem, was wir wissen, hat die Rosario bei den ersten Scharmützeln nur ihren Fockmast verloren! Da gibt man doch nicht einfach auf?«

»Ihr sagt es, McQuarrie. Aber mehr steht hier nicht. Lest selbst.« McQuarrie studierte die Zeilen und reichte das Papier dann an Abbot weiter, der es ebenfalls überflog und an Vitus übergab.

Steel schloss den Kreislauf, indem er die Nachricht von Vitus entgegennahm, sie einrollte und wieder verschnürte. »Da sieht man es, Gentlemen: Es gibt solche und solche Don Pedros! Der Befehlshaber der Rosario hat zweifellos nicht so viel Schneid wie unser Galeerenadmiral aus Cádiz. Doch sei es, wie es sei. Der Verlust der Rosario bedeutet sechsundvierzig Kanonen weniger auf des Gegners Seite. Die Armada ist um ein weiteres Schiff geschwächt. Der Sieg wird unser sein! Ich höre das Lösegeld, das mir unser Don Pedro einbringen wird, schon klingen, ha, ha! Heute ist ein guter Tag.«

»Aye, Sir«, bekräftigten McQuarrie und Abbot.

»Und was macht man an einem guten Tag?«, fragte Steel, um gleich darauf selbst die Antwort zu geben: »Man gönnt sich ein Gläschen. Die Dons scheinen ja weiter den Schwanz einzuziehen, so dass wir ihnen nur hinterherfahren müssen. Von mir aus bis zum Firth of Forth oder noch weiter, dann wird es nämlich mit der Invasion nichts mehr! Bis später, Gentlemen.«

Steel verschwand, um seine Absicht in die Tat umzusetzen, denn er war ein Trinker, der es schätzte, seinen Alkoholspiegel niemals zu sehr absinken zu lassen. Das kam auf die Dauer zu teuer, wie er fand. Er verabscheute es, nüchtern zu sein, achtete andererseits aber peinlich darauf, niemals die Haltung zu verlieren – denn der Verlust der Contenance hätte gleichzeitig den Verlust des Kommandos über die Camborne bedeutet.

»Cheers, Sir!«, rief McQuarrie ihm nach.

 

 

 

»Cheers«, sagte auch eine andere Person in diesem Augenblick, nur befand sie sich nicht auf See, sondern Hunderte von Meilen entfernt an Land. Die Person hieß Hartford, und der Ort, an dem Hartford sich aufhielt, war seine Kammer im Herrschaftsflügel von Greenvale Castle. Er war allein mit sich und seinem Getränk, und er hatte, genau wie Kapitän Steel, einen Grund zum Feiern.

Seit dem Morgen wusste er, wie er den Plan seiner geliebten Isabella umsetzen konnte.

Tagelang hatte er darüber nachgedacht, aber heute Morgen erst war ihm die Erleuchtung gekommen. Er war, nachdem er Lady Nina und den Kindern die Morgenspeise serviert hatte, grübelnd über den Schlosshof gewandert, hatte einige schwatzende Mägde zusammengestaucht, hatte den Gärtnern, die an mehreren Stellen die Ligusterhecke ausbesserten, zugesehen, hatte einen Abstecher ins Verwaltungsgebäude zu Richard Catfield gemacht und mit ihm über das Wetter geplaudert und war schließlich bei den Reitställen gelandet, wo er Keith, Watty und die anderen Pferdeknechte bei der Arbeit antraf.

Dabei war ihm ein Hengst aufgefallen, der zugeritten werden sollte, sich aber nicht von der Stelle rührte. Watty hatte im Sattel gesessen und, nachdem er mit gutem Zureden, Fluchen und sogar mit den Sporen vergeblich versucht hatte, ihn zum Laufen zu bringen, entnervt ausgerufen: »Keith, gib ihm eins auf die Hinterhand!«

Und Keith hatte dem störrischen Gaul einen kräftigen Klaps gegeben, woraufhin dieser erschreckt wieherte und einen gewaltigen Sprung nach vorn machte.

Hartford hatte dagestanden und an sich halten müssen, um nicht laut aufzuschreien, so froh war er über das Gesehene. Es war die Lösung aller seiner Probleme.

»Cheers«, sagte er abermals, hob sein Glas mit bestem schottischen Whisky und trank.