Die Rächerin Isabella
»Pah, Wundschneider, was tust du denn schon den ganzen Tag. Untersuchst Krethi und Plethi und schmierst die Knie vom Capitán mit irgendwelchem Zeugs ein.«
Drei Tage später wusste Vitus, warum Isabella alle Engländer hasste.
Ihre erstaunliche Geschichte war der Grund dafür, warum er sie, ganz gegen seine ursprüngliche Absicht, noch immer in der Kammer von Doktor Hall versteckt hielt.
In der Nacht nach ihrer ersten Begegnung hatte sie sich heimlich in den Behandlungsraum im Orlopdeck geschlichen, wo er aus Anstandsgründen nächtigen wollte, und ihm von ihrem Schicksal erzählt.
Es war eine seltsame Situation gewesen, zwei Gestalten auf dem Operationstisch sitzend, die eine – Isabella – heftig gestikulierend, die andere – Vitus – mal staunend, mal ungläubig und immer wieder empört lauschend.
»Du willst wissen, warum ich alle Engländer hasse?«, hatte sie beim funzeligen Schein einer Laterne gefragt. »Ich werde es dir sagen, und wenn du es weißt, wird es dir genauso ergehen wie mir!«
»Ich will es jetzt nicht wissen. Es ist spät. Wie kommst du überhaupt hierher, bist du von Sinnen?«, hatte er geantwortet.
»Es begann alles damit, dass deine verdammten Landsleute im letzten Jahr Cádiz überfielen. Sie kamen mit ihren Seglern in unsere Bucht und schossen unsere stolzen Schiffe zusammen. Ohne Grund, einfach so …«
»Moment, das stimmt nicht. Sie hatten sehr wohl einen Grund …«
»Sie schossen unsere stolzen Schiffe zusammen, die wehrlos im Hafen lagen! Sie schossen die halbe Stadt in Brand! Ich war zu dem Zeitpunkt in der alten Kathedrale. Ein Munitionsdepot flog in die Luft, Hunderte von Menschen starben. Auch meine arme Mutter, die in unserer Kutsche auf mich wartete. Unschuldige Bürger liefen brennend wie Fackeln durch die Straßen! Frauen und Kinder! Ich habe es selbst gesehen, denn ich war dabei.«
»Du hast mein Mitgefühl. Aber ich glaube nicht, dass englische Seeleute absichtlich Frauen und Kinder töten«, hatte er eingewandt.
»Aber sie haben es getan! Ich lief von der alten Kathedrale die engen Gassen hinunter zum Hafen, denn ich sagte mir, wo Wasser ist, ist kein Feuer, doch das Feuer holte mich ein. Sämtliche Schuppen standen plötzlich in Brand. Alles war voller Rauch. Leichen lagen auf den Straßen herum, gekrümmt, verkohlt, die Münder im Todesschrei geöffnet! Ich sprang in ein Boot, um dem Inferno zu entrinnen.«
Vitus hatte kaum glauben können, was er da hörte. Die Kunde von der Vernichtung gewaltigen Schiffsraums in Cádiz war auf der gesamten Britannischen Insel wohlbekannt, die Begleiterscheinungen für die Einwohner jedoch keineswegs. »Krieg ist immer grausam und immer ungerecht, überall auf der Welt. Ich gebe zu, es war ein unverhoffter Angriff, aber er diente einzig und allein dem Schutz Englands.«
»Schutz? Dieser Schutz hat mich fast umgebracht! Meine kostbare Robe war gänzlich verkohlt, meine Haare und meine Augenbrauen waren versengt, meine Haut verbrannt, ich muss furchtbar ausgesehen haben, wie die liederlichste Schlampe aus dem dreckigsten Armenviertel! Wie ich in die Bucht gekommen bin, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass der Alptraum irgendwann vorbei war, als man mich auffischte.«
»Wer hat dich gerettet?«
»Engländer. Männer dieses Schiffs unter Capitán Taggart.«
»Was du nicht sagst! Da siehst du, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren kann«, hatte er erwidert.
»Taggart mag eine Ausnahme sein. Er hat zwar ungehobelte Manieren und weiß sich einer Dame gegenüber kaum zu benehmen, aber insgesamt behandelte er mich recht anständig. Allerdings erst, nachdem ich ihm gesagt hatte, wer ich bin.«
»So, so.«
»Er weigerte sich doch tatsächlich, den Kurs zu ändern und mich umgehend zurück nach Cádiz zu bringen! Wenn ich meine Dienerschaft bei mir gehabt hätte, hätte ich ihn auspeitschen lassen.«
»Aber so ist der Captain noch einmal davongekommen.« Vitus hatte sich ein Grinsen nicht verkneifen können. Die Vorstellung, der alte Seebär würde von irgendwelchen verweichlichten Lackaffen mit einer Peitsche bearbeitet, war zu komisch gewesen.
»Er sagte mir, ich befände mich auf direktem Weg in Feindesland, und wies mir eine Kammer zu. Es war die Kammer neben deiner. Sie gehörte einem Ungeheuer namens Pigett. Pigett kehrte mir gegenüber zunächst den vollendeten Hidalgo heraus – ihr Engländer würdet wohl Gentleman sagen –, doch später versuchte er immer öfter, mich nachts zu ›besuchen‹. Ich beschwerte mich bei Capitán Taggart, aber Pigett beteuerte seine Unschuld. Sein Wort stand gegen das meine, und Taggart, dieser Barbar, unternahm einfach nichts.«
»Na, na, Captain Taggart ist kein Barbar, immerhin hat er dich auffischen lassen. Ohne ihn würdest du nicht hier sitzen«, hatte Vitus entgegnet.
»Capitán Taggart hat mir das Blaue vom Himmel erzählt! Seine Behauptung, ich befände mich auf direktem Weg in Feindesland, war eine Phrase – um nicht das Wort Lüge zu gebrauchen. Erst segelte die Falcon mit dem Geschwader nach Lagos, dann nach Sagres, dann zum Kap São Vicente, wo sie wochenlang weitere Schiffe unseres guten Königs vernichtete, immer vor Portugals Küste und immer nur wenige Meilen von Cádiz entfernt, dann machte sie einen Abstecher zu den Azoren, wo sie El Dragón, diesem Scheusal, half, einem Kauffahrteischiff aufzulauern.«
»Es war die portugiesische Karacke San Felipe«, hatte Vitus eingeworfen. »Sie führte Waren im Wert von hundertfünfzehntausend Pfund mit sich und wurde von El Dragón, wie du Sir Francis Drake zu nennen beliebst, als Prise genommen. Unsere Königin erhielt davon einen nicht unerheblichen Anteil.«
»Möge sie an dem Geld ersticken!«
»Beherrsche dich! Unsere Königin Elizabeth ist eine starke, bewundernswerte Frau, die ihren Weg geht.«
»Mag sein, ich kenne sie nicht. Vielleicht hätte ich sie kennenlernen können, als ich endlich in England war. Portsmouth heißt der Hafen, in dem die Falcon festmachte. Capitán Taggart, immerhin, war so großzügig und gab mir einen Betrag Geldes gegen einen Schuldschein, den ich ihm ausstellen musste. Zwanzig Pfund waren es.«
»Zwanzig Pfund?« Vitus hatte gestaunt. »Das ist ein kleines Vermögen!«
»Ich kaufte mir neue Kleider und stieg in der besten Herberge der Stadt ab. Gleichzeitig versuchte ich, Kontakt zu dem spanischen Gesandten in London aufzunehmen, aber sei es, dass er ein Bauerntölpel ist und mit dem Namen Pilar y Ribera nichts anfangen konnte, sei es, dass es ihn schon gar nicht mehr bei Hofe gab, in jedem Fall wartete ich mehrere Wochen vergebens auf Hilfe.«
»Hast du dich nicht selbst um eine Passage nach Spanien gekümmert?«
»Ich? Mich selbst gekümmert? Du machst wohl Witze?«
»Nun ja, auch wenn du es versucht hättest, wärst du wohl nicht erfolgreich gewesen. Die Verbindungen zwischen deinem Land und meinem Land sind seit über einem Jahr gekappt, die einzige Chance wäre wohl ein neutraler Segler gewesen. Vielleicht ein Däne oder ein Schwede.«
»Ich wäre niemals mit einem Segler aus Dänemark oder Schweden gefahren. Dort versteht man nichts von Seefahrt!«
»Natürlich. Wenn du es sagst.«
»Ich war vielleicht zwei oder drei Monate in Portsmouth, als ich mehr und mehr von raffgierigen Gestalten belästigt wurde, die behaupteten, sie seien Gläubiger von mir. Die Ersten warf der Herbergswirt noch vor die Tür, die Nächsten nicht mehr, denn er war selbst unter ihnen. Sie alle behaupteten, ich wäre ihnen etwas schuldig. Dabei hatte ich mich die ganze Zeit auf das Wenigste beschränkt.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.«
»Du brauchst dich gar nicht lustig über mich zu machen. Jedenfalls war meine Barschaft erschöpft, und da traf es sich gut, dass eines Tages ein Matrose von der Falcon bei mir in der Herberge auftauchte, einen Gruß von Capitán Taggart ausrichtete und mich an Bord zu einem Abendessen einlud.«
»Nanu?« Vitus hatte sich gewundert. »Der Captain weilte doch zu jener Zeit auf der Isle of Wight, um seine Kniebeschwerden auszukurieren?«
»Das sollte ich noch früh genug erfahren. Man hatte mich grausam getäuscht. Kaum war ich an Bord, zerrte man mich unter Deck, schlug mich brutal und … und …« Isabella hatte zu schluchzen begonnen. »Ich … oh, es war so furchtbar!«
Vitus hatte den Arm um Isabella gelegt, denn sie tat ihm wirklich sehr leid, den Arm dann aber schnell wieder fortgenommen – aus Sorge, sie könne seine Geste falsch verstehen.
»Man … man warf mich in den Raum, in dem du mich gefunden hast. Es war die Hölle, die Hölle …« Isabella hatte hemmungslos geweint, und Vitus hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als den Arm wieder um sie zu legen.
»Und dann kam er – Pigett. Plötzlich stand er mit einer Laterne vor mir, schmierig grinsend, die Hose schon heruntergelassen. Er … Er fummelte an seinem Ding und sagte, es wäre nun endlich an der Zeit, ihn als Besucher zu ›empfangen‹. Oh … es war so demütigend, so … so … widerwärtig!« Isabella hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und für Minuten die Fassung verloren. Vitus hatte sie nicht zu beruhigen vermocht, obwohl er sie wie ein Kind hin und her wiegte.
Irgendwann hatte sie weitergesprochen: »Von da an musste ich allen Matrosen zu Willen sein, immer wieder, am meisten aber Pigett, diesem Schwein! Erspare mir, dir zu erzählen, was ich alles machen musste, um die niederen Begierden dieser Bestien zu befriedigen. Sie haben mich behandelt wie ein Stück Vieh, mich, Isabella del Pilar y Ribera! Aber wenn der Herrgott es will, wird der Tag der Rache kommen. Ich werde eine grausame Rächerin sein. Oh, wie ich diesen Tag herbeisehne!«
Isabella hatte wieder zu weinen begonnen und unter krampfartigem Schluchzen berichtet, ihre »Besucher« hätten ihr gesagt, es sei nichts Besonderes, Flittchen an Bord zu haben, wenn das Schiff im Hafen läge, überall wäre das so, in London, in Southampton, in Falmouth …
Vitus war aufgestanden und hatte ihr einen Becher Wein geholt, aber sie hatte nur einen winzigen Schluck getrunken. Dann war ein freudloses Lächeln über ihr Gesicht geglitten, und sie hatte gesagt: »Jetzt weißt du, warum ich alle Engländer hasse, und du weißt auch, warum ich Capitán Taggart nicht unter die Augen treten will. Es wäre mir einfach zu peinlich, vor ihm wie eine Hure dazustehen.«
»Das leuchtet mir ein«, hatte er nach einiger Überlegung gesagt. »Ich bringe dich jetzt zurück in Doktor Halls Kammer. Wenn uns jemand begegnet, sagst du nichts und tust so, als wärst du ein Matrose. Du brauchst deinen Schlaf – genau wie ich.«
So war ihr erstes Gespräch verlaufen. Und heute, am 29. Mai, fühlte Vitus sich wie gerädert. Die vergangenen Nächte, die er allesamt auf dem harten Operationstisch verbracht hatte, gingen ihm mehr und mehr aufs Kreuz. Und das Wetter, das in den letzten Tagen immer schlechter geworden war, tat ein Übriges dazu.
Da er nicht Isabellas wegen an Bord war, sondern in erster Linie, um Taggarts Knie zu versorgen, erbat er gegen Mittag die Erlaubnis, das Kommandantendeck betreten zu dürfen.
Taggart stand in seiner typischen Haltung an der Querreling und beobachtete mit salzverkrusteten Augen sein Schiff. Die Falcon kämpfte schwer in der brüllenden See, sie stampfte, rollte, schlingerte so stark, dass selbst einige der altgedienten Fahrensleute unter der Seekrankheit litten. Vitus taumelte mehr, als dass er schritt, und landete glücklich an Taggarts Seite. »Was machen Eure Knie, Sir?« Er musste schreien, um sich verständlich zu machen.
»Taub!«, brüllte Taggart zurück. »Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, sie sind völlig taub. Keinerlei Schmerzgefühl bei der Kälte! Ich wünschte, das Wetter wäre immer so.«
Vitus war einerseits froh, dass Taggart keine Beschwerden spürte, dachte andererseits aber an Isabella, die unten in Doktor Halls Kammer saß und den Seegang sicher viel mehr zu spüren bekam als er. »Wie ist unsere Position, Sir?«
»Wenn ich das genau wüsste! Die Sonne lässt sich ja nicht mehr blicken. Als ich vor zwei Tagen die Breite nahm, standen wir querab von La Coruña. Ich schätze, wir befinden uns jetzt südlich von Kap Finisterre.« Taggart rückte seine Regenhaube aus Öltuch zurecht, denn starke Schauer hatten eingesetzt.
»Und die Armada, Sir?«
»Gott versenke sie! Wenn wir sie nicht bald sichten, hat sie uns passiert.«
McQuarrie erschien auf dem Niedergang zum Kommandantendeck. »Der Sturm wird zum Orkan, Sir, wir haben nur noch den Fockmast unter Segeln. Wenn’s noch mehr bläst, müssen wir weiteres Tuch wegnehmen, ich schlage vor, den Mars. Die Lateiner vom Besan sind auch schon runter!«
»Das ist mir nicht entgangen.« Taggart hob die Hand, um sein Einverständnis zu signalisieren.
»Ich möchte noch einen Strich westlicher halten, Sir, damit wir nicht plötzlich auf Legerwall liegen. Niemand weiß genau, wie nah wir der Küste sind.«
»Nur zu!«, brüllte Taggart.
McQuarrie verschwand und gab die entsprechenden Befehle. Doch kaum hatte er das getan, kehrte er schon wieder zurück. »Sir!«, meldete er atemlos. »Reffles hat bei der Suche nach Kanonenkugeln einen Toten in der Bilge gefunden. Der Mann heißt Odder!«
»Odder?«, knurrte Taggart. »Ich erinnere mich nur schwach. Wer war das noch mal?«
»Ein Säufer, Sir«, antwortete Vitus für McQuarrie. »Ein Säufer und Drückeberger. Kein guter Seemann, vielleicht überhaupt kein Seemann. Wenn ich es recht bedenke, könnte er der vermisste dreißigste Mann sein.«
Taggarts schiefer Mundwinkel zuckte. »Wenn es so ist, muss der Kerl sich tagelang versteckt haben. Und das auf meinem Schiff! Der Bursche war nie ein echter Falcon, so viel steht fest.«
»Aye, Sir, wenn Ihr erlaubt, gehe ich hinunter in die Bilge und untersuche ihn.«
»Genehmigt.«
Vitus verließ das Kommandantendeck ohne einen trockenen Faden mehr am Leib und hangelte sich die Niedergänge hinab. Er schätzte sich glücklich, nicht unter der Seekrankheit zu leiden, denn hier unten, in den tiefsten Eingeweiden des Schiffs, teilten sich die Bewegungen des Rumpfs viel unbarmherziger mit.
Odder lag gekrümmt auf der Seite, sein von den Spuren des Alkohols gezeichnetes Gesicht sah nahezu friedlich aus, vielleicht sogar dankbar, denn die Mühsal des Lebens war für ihn zu Ende. Vitus überlegte einen Moment, an was ihn das Gesicht erinnerte, dann wusste er es. Es war die Zeichnung, die Isabella bei sich trug, als er sie befreit hatte. Einer der beiden Köpfe darauf war Odders Kopf. Odder und Isabella, was hatten die beiden miteinander zu tun?
Vitus beschloss, die Beantwortung der Frage aufzuschieben, und machte sich an die Untersuchung der Leiche. Viel war jedoch nicht zu tun. Odder war eindeutig tot, er atmete nicht mehr, sein Puls war nicht zu fühlen, und der Zustand seiner Haut mit den Druckstellen und den ausgeprägten Totenflecken bewies, dass auch der Rigor mortis, die Totenstarre, aller Wahrscheinlichkeit nach schon länger vorbei war. Ein Abtasten der Leber ergab erwartungsgemäß eine beachtliche Verdickung. Kein Zweifel, Odder hatte sein Leben in Wein ertränkt. Er war den Säufertod gestorben.
Doch was war vorher geschehen? Er hatte zwei Kannen mit Wein dabeigehabt, die er womöglich mit Isabella teilen wollte – nur war er zu spät gekommen. Seltsam. Hatten die beiden öfter miteinander gezecht? Hatte Isabella übertrieben, als sie behauptete, zahllose Male vergewaltigt worden zu sein? Was steckte dahinter? Vitus beschloss, das Naheliegendste zu tun.
Er würde sie fragen.
Wenig später – Vitus hatte dafür gesorgt, dass Taggart über den neuesten Stand der Dinge informiert wurde – saß er Isabella in Doktor Halls Kammer gegenüber. Ihr schien der Seegang ebenso wenig auszumachen wie ihm, denn ihre Gesichtsfarbe war gesund, die Flechten und Unreinheiten auf ihrer Haut waren größtenteils verschwunden. Überhaupt war festzustellen, dass sie sich überraschend schnell erholt hatte.
»Odder ist tot aufgefunden worden«, sagte er ohne Umschweife.
Isabella sagte nichts. Nur ihre Augen weiteten sich kurz.
»Ich nehme an, du kennst Odder, und ich nehme außerdem an, dass er dich in deinem Verlies besuchte. Die Zeichnung mit deinem und seinem Kopf spricht dafür. Irgendjemand muss sie angefertigt haben.«
Isabella schwieg.
»Warum sagst du nichts?«
»Du hast mich nichts gefragt.«
»Natürlich habe ich dich etwas gefragt. Ich will wissen, was zwischen Odder und dir war. War er einer deiner, äh, Liebhaber?«
»Das geht dich nichts an.«
»O doch, das tut es! Zufällig habe ich dich halb tot aufgefunden, zufällig habe ich dir das Leben gerettet, zufällig habe ich dich hier versteckt. Also?«
»Odder war ein … Freund.«
»Was heißt das?«
»Das geht dich nichts an.«
»Du machst es mir nicht gerade leicht.«
»Warum sollte ich es dir leichtmachen?«
Vitus gab es auf. »Ich stelle also fest, dass du Odder kanntest, er war sogar dein Freund, er hat offenbar eine Zeichnung mit seinem und deinem Kopf zu dir ins Verlies geschmuggelt, ebenso wie Wein und wahrscheinlich auch Nahrung. Ich vermute, er benutzte dein Verlies als Versteck, denn in der Vergangenheit wurde immer wieder nach ihm gesucht. Ich vermute ferner, dass seine Säuferseele so etwas wie Geborgenheit bei dir suchte, eine Geborgenheit, die du wohl genauso brauchtest wie er. Vielleicht hat er dich sogar auf seine Weise angehimmelt, denn er sah sich und dich als ein Paar. Wenn ich näher darüber nachdenke, muss er die Zeichnung selbst angefertigt haben, was ungewöhnlich, aber nicht unwahrscheinlich ist. Niemand sonst kommt dafür in Frage. War es so?«
Isabella sagte nichts.
»War es so?«
»Für einen Wundschneider bist du ziemlich gewitzt.«
Weitere drei Tage später hatte das Wetter etwas aufgeklart, noch immer preschte die Falcon nach Süden, und noch immer war der Feind nicht in Sicht. Konnte es sein, dass er sich noch gar nicht auf den Weg gemacht hatte?
Alle auf dem Schiff waren in angespannter Erwartung.
Taggart verharrte Stunde um Stunde hoch oben auf seinem Kommandantendeck, einem Wechselbad der Gefühle zwischen Wut, Schmerz und Sorge ausgesetzt.
Tipperton hockte in seiner kleinen Kammer neben Taggarts Kajüte, vor sich die Carmina, die ergötzlichen Gedichte des römischen Dichters Catull.
Chock hatte zum ersten Mal das Dreieckstuch abgenommen, seit Vitus ihm die Schulter wieder eingerenkt hatte, und würfelte mit Muddy und Gerry um ein Pint Brandy. Gerry, der Simulant, litt auch heute nicht unter Durchfall – so wie er niemals darunter gelitten hatte.
Arch, ebenfalls einer der Falcon-Veteranen, schnitzte an einem Stück Walrosszahn. Was er herstellen wollte, wusste er noch nicht, vielleicht eine Flöte, um darauf für eine Lancashire Hornpipe aufzuspielen.
Jim und Tom, die beiden Zimmerleute, standen an der Hobelbank in ihrer Werkstatt und glätteten Handläufe für die Niedergänge zum Batteriedeck.
McQuarrie und Dorsey, die beiden Offiziere, hatten ein Auge auf die immer gleichen Arbeiten an Deck und fragten regelmäßig den Ausguck im Hauptmast, ob er nicht endlich Segel an der Kimm sehe.
Dunc, der Veteran und beste Steuerer der Falcon, stand am Kolderstab, einem kräftigen, durch die Decks nach unten ragenden Stock, mit dessen Hebelwirkung die schwere Ruderpinne am Heck bewegt wurde.
Der Zwerg kochte Suppe aus »Bauerndegen un Böllerlein« an der Feuerstelle direkt hinter dem Vorschiff, wobei er unanständige Lieder aus dem Askunesischen vor sich hin trällerte und auf die Frage seines Assistenten, wo das denn liege, antwortete: »’s is Deutschland, du Strohputzer!«
Vitus saß in seinem Behandlungsraum und studierte Schriften des Fabricius Wilhelm Hildanus, in denen dieser einige Verbesserungen für Brust- und Gliederamputationen erläuterte. Auch seine Ausführungen zur Therapie von Frakturen waren sehr lesenswert.
Isabella Dolores Conchita Maria del Pilar y Ribera, wie sie mit vollem Namen hieß, lag in Doktor Halls Kammer auf ihrer Koje und dachte an Paolo Farnese, den Neffen des Herzogs von Parma, dem sie versprochen war, und der irgendwo in den Spanischen Niederlanden auf sie wartete. Wartete er wirklich auf sie? Wahrscheinlich genauso wenig wie sie auf ihn. Die geplante Heirat war eine reine Zweckehe und hatte mit Gefühlen oder gar Liebe nichts zu tun. Sie hatte ein Medaillon erhalten, das eine Miniaturmalerei auf Elfenbein mit der Abbildung ihres Zukünftigen zeigte. Demnach konnte Paolo Farnese nicht gerade als Adonis bezeichnet werden, und wenn man bedachte, dass Miniaturen in aller Regel schamlos verschönten, stand zu vermuten, dass er ein Ausbund an Hässlichkeit war.
Der Wundschneider, der sich Vitus von Collincourt nannte und behauptete, ein Earl zu sein – was natürlich völliger Unsinn war –, sah dagegen ungewöhnlich gut aus. Allerdings fehlte es ihm ein wenig an Temperament. Wie alt er wohl war? Dreißig vielleicht? Höchstens. Eigentlich sah er sogar noch jünger aus. Besonders, wenn er lächelte. Ob er wirklich Engländer war? Spanisch jedenfalls sprach er ohne jeden Akzent. Englisch auch? Das ließ sich schlecht sagen. Was hatte er erzählt? Er sei in einem spanischen Kloster aufgewachsen und hätte die Artes liberales studiert? Kaum zu glauben, denn das hieße, er habe sich mit Grammatik, Rhetorik, Geometrie, Musik und all diesen Dingen beschäftigt, dabei war er doch nur ein kleiner Wundschneider. Mit seinen medizinischen Künsten konnte es nicht weit her sein, sonst hätte er die Knie des Kapitäns längst kuriert. Und doch, irgendetwas war an ihm.
Isabella trug nach wie vor Vitus’ Kleider. Es war ein seltsames Gefühl, in diesen billigen Stoffen zu stecken, obwohl sie sauber waren und nicht kratzten. Sogar einen Eigengeruch hatten sie, den Geruch nach ihrem Träger. Sie hielt sich einen Ärmel an die Nase und roch an dem Leinenstoff. Ja, da war er wieder, dieser ganz bestimmte Hauch … nicht unangenehm. Und ausgesprochen männlich.
Ihr Blick fiel auf die Kiepe, die in der Ecke stand, und sie beschloss, das Behältnis unter die Lupe zu nehmen. Es gehörte sich zwar nicht, in fremder Leute Eigentum zu stöbern, aber erstens war der Wundschneider nicht da, zweitens war er gar nicht mehr so fremd, und drittens machte sie sowieso, was sie wollte.
Nacheinander nahm sie die Sachen heraus, wobei sie sich die Reihenfolge merkte, um sie später genauso wieder hineinlegen zu können, und stellte dabei fest, dass der Inhalt kaum der Rede wert war. Richtig, den Hauptteil seiner Utensilien hatte der angebliche Earl nach unten in seinen Behandlungsraum gebracht. Aber was war das? Ein Ring? Tatsächlich!
Isabella hielt den Fingerschmuck ins Licht und erkannte, dass es sich um einen goldenen Wappenring handelte. Das Wappen war kreisförmig, es zeigte ein Schiff mit zwei dreieckigen Segeln und darüber einen fauchenden Löwen, der in seiner Form an den englischen Löwen erinnerte … Isabella dachte nach. Sollte der Mann, der sich Vitus von Collincourt nannte, vielleicht doch ein Earl sein?
Das wäre sehr aufregend.
Spielerisch schob sie den Ring über ihren Mittelfinger, spreizte die Hand und hielt sie auf Armeslänge von sich. Natürlich war der Ring zu weit, aber er strahlte ein großes Maß an Würde aus.
Sie fand, er stand ihr gut.
Bei sechs Glasen am Nachmittag hielt es Taggart nicht mehr auf seinem Kommandantendeck, denn er war voller Unruhe, und die Knie taten ihm weh. Rastlos streifte er durch sein Schiff, schaute hier und dort nach dem Rechten, lobte, tadelte, fluchte, und überall, wo er erschien, erhöhte sich wie von Zauberhand die Arbeitsgeschwindigkeit der Männer. Die einzige Ausnahme war Dunc, der regungslos am Kolderstab stand, den Blick auf den Kompass vor sich gerichtet und den befohlenen Kurs haltend.
Taggarts Knien hatte die Bewegung gutgetan, deshalb sagte er nicht unfreundlich: »He, Dunc, wie geht es meinem Gold?«
Dunc grinste. »Weiß nicht, Sir, habe zu viel im Kopf.«
»Das ahnte ich schon. Ein Biskuit meiner Frau kann ich dir im Moment nicht anbieten.«
»Nicht weiter schlimm, Sir, letztes Mal hat’s mich ’nen halben Zahn gekostet.«
»Ich weiß, ich weiß, ich …«
»Seeeeegler!«
»Segler? Wo?«, bellte Taggart aufgeschreckt. Dann eilte er, so schnell es seine Knie erlaubten, zur Schiffsmitte. »Wie viele Segler siehst du?«, brüllte er zum Hauptmast empor.
»Zwei, Sir, direkt voraus!«, rief der Mann im Ausguck zurück.
Taggart spähte in die angegebene Richtung, konnte aber nichts entdecken. »Zwei läppische Segler, das heißt gar nichts«, knurrte er. »Das können genauso gut Froschfresser sein.«
»Drei Segler, Sir … fünf … sieben, acht!«
»Bei allen Hummerschwänzen! Es sind wohl doch keine Franzosen.« Taggart biss die Zähne zusammen, tat, als wäre es die leichteste Sache von der Welt, und kletterte die Wanten hinauf bis zur halben Höhe der Saling. Lange spähte er über den Bug der Falcon nach vorn. Dann stieg er langsam wieder hinunter aufs Deck.
»Sie sind es«, sagte er.
Bei acht Glasen war die Zahl der gesichteten Spanier auf über hundert angestiegen. Taggart stand wieder auf seinem erhöhten Kommandantendeck, diesmal zur Abwechslung Tipperton neben sich, der, an einem provisorisch aufgebauten Pult stehend, die Beobachtungen seines Kommandanten peinlich genau schriftlich festhalten musste.
Taggart diktierte: »Der Kern der Kriegsschiffe besteht aus Galeonen und Naos, von denen nicht wenige über fünfhundert Tonnen groß sein dürften, einige an die tausend Tonnen. Ihre geschätzte Zahl liegt bei sechzig bis siebzig. Eine weitere große Gruppe bilden die Transporter, welche die Spanier Urcas nennen …«
»Bitte nicht so schnell, Sir.« Tippertons Feder kratzte über das Papier. »Ich war bei … die Transporter, welche …«
Taggart unterdrückte eine abfällige Bemerkung und wiederholte den Rest des Satzes. Dann fuhr er fort: »… Sie sind an der schwächeren Bestückung zu erkennen, ihre veranschlagte Zahl beträgt dreißig, an Kauffahrern, sogenannten Pataches, Zabras, Pinazas wurden ausgemacht dreißig bis vierzig …«
»Bitte, Sir! Nicht ganz so schnell, ich komme einfach nicht mit.«
»Bei allen Mondfischen! Was kritzelt Ihr auch so langsam! Bald ist Weihnachten, wollt Ihr da immer noch die Feder schwingen?« Wohl oder übel wiederholte Taggart seine Rede und diktierte weiter: »… dreißig bis vierzig. Die Gesamtstärke der Seesoldaten kann mit zwanzigtausend Mann angenommen werden … Habt Ihr das, Tipperton?«
Tipperton schrieb endlos weiter, dann bejahte er. »Ihr müsst verstehen, Sir, das Papier will mir auch ständig davonfliegen.«
»Ja, ja.« Taggart setzte neu an: »… die Anzahl der Galeeren und Galeassen scheint gering zu sein, es ist anzunehmen, dass auch Lazarettschiffe den Verband begleiten, die Zahl der schweren Kanonen …«
Und so ging es eine ganze Zeit lang weiter. Taggart erhielt ständig neue Zahlen aus dem mittlerweile dreifach besetzten Krähennest und brachte mit seinen Korrekturen Tipperton zur Verzweiflung. McQuarrie hingegen musste seine ganze Manövrierkunst aufbringen, um einerseits die Falcon nahe genug an die Armada heranzubringen, andererseits ihren misstrauischen Schnellseglern immer wieder auszuweichen.
Nachdem sie den Spaniern ein paarmal um Haaresbreite entwischt waren, standen bei Dunkelwerden die wichtigsten Daten fest. Die englische Flotte würde es mit acht bis zehn Geschwadern, mindestens hundertdreißig Schiffen, zwanzigtausend Soldaten und dreitausend Kanonen aufnehmen müssen – einer geballten Streitmacht, die schier unüberwindlich schien.
»Das wird ein netter Tanz im Kanal«, befand Taggart. »Höchste Zeit, den Dons die Hecklaterne zu zeigen. Tipperton, befreit mein Deck von Euch und Eurem Schreibmöbel und kühlt mir ein paar Gläser Rheinwein. McQuarrie …!«
»Sir?« Der drahtige Schotte eilte herbei.
»Wir gehen mit dem Heck durch den Wind! Fertigmachen zur Halse, neuer Kurs Nordwest!«
»Aye, aye, Sir, fertigmachen zur Halse, neuer Kurs Nordwest!«, wiederholte McQuarrie und scheuchte die Männer der Wache an die Brassen.
»Neuer Kurs Nordwest«, wiederholte auch der Rudergänger am Kolderstab.
»Jetzt rauschen wir ihnen davon«, knurrte Taggart und stelzte zufrieden in seine Kajüte.
Am späten Abend dieses turbulenten Tages versuchte Vitus, es sich auf dem Operationstisch bequem zu machen, doch wie schon in den Nächten zuvor, gelang ihm das nicht. Der Rücken zwickte und zwackte an allen Ecken und Enden. Zwar hatte er seine Matratze mit nach unten genommen, aber die reichte nicht aus. Er brauchte eine weitere. Doch woher nehmen? Die dritte Koje in Doktor Halls Kammer fiel ihm ein, die war unbenutzt und bot eine weitere, willkommene Unterlage. Wieso hatte er nicht früher daran gedacht?
Er stand ächzend auf und stieg die Decks hinauf nach oben. Fast hätte er angeklopft, aber das ging natürlich nicht. Ein Mann, der seine eigene Kammer betrat, klopfte nicht an. »Störe ich?«, fragte er beim Eintreten – und sah augenblicklich, dass er tatsächlich störte, denn Isabella lag mit entblößtem Oberkörper auf ihrem Bett. Ihre Brüste schimmerten rosig im milden Schein einer Laterne.
»Oh, Verzeihung, damit hatte ich nicht gerechnet«, murmelte er und blickte weg.
»Du störst nicht«, sagte Isabella. Ihre Stimme klang metallisch und kokett zugleich.
»Zieh dir was über.« Vitus ging an ihr vorbei und nahm die Matratze aus der Fensterkoje. Dann drehte er sich ihr wieder zu, die Matratze als Sichtschutz benutzend. »Ich brauche nur eine Unterlage für meinen Rücken.«
»Du kannst ruhig gucken.«
»Ich will nicht gucken. Ich will hinunter und schlafen.« Er strebte dem Ausgang zu, wurde aber erneut von ihr aufgehalten. »Nun guck schon!«
Vitus ließ die Matratze sinken und sah, dass sie sein Hemd übergestreift hatte. Fast war er ein wenig enttäuscht darüber. »Gute Nacht.«
»Gute Nacht – Mylord!« Isabella hielt Vitus ihre Rechte mit gespielter Grazie zum Handkuss hin. Er sah, dass an ihrem Mittelfinger ein Wappenring steckte. Sein Ring! Er brauchte einen Augenblick, um die Ungeheuerlichkeit zu begreifen. »Du hast in meiner Kiepe herumgeschnüffelt!«, presste er schließlich hervor.
»Ich habe mal einen Blick hineingeworfen, mehr nicht.«
»Was fällt dir ein, gib sofort den Ring her!«
»Hol ihn dir doch.« Wieder klang ihre Stimme kokett.
Vitus griff danach, doch blitzschnell zog sie ihre Hand zurück. Nun wurde es ihm zu bunt, er legte die Matratze zur Seite und beugte sich zu ihr hinunter. Eine Ader schwoll an seiner Stirn, Gesicht an Gesicht drohte er ihr: »Du gibst sofort den Ring zurück, sonst versohle ich dir eigenhändig den Hintern!«
»Das wagst du nicht.«
»Verlass dich nicht darauf!«
»Bist du wirklich ein Earl?«
»Herrgott, ja, nun gib mir endlich meinen Ring.«
»Kennst du die Königin persönlich?«
»Ja, allerdings.«
»Hast du ein Schloss, hast du Dienerschaft, hast du Ländereien?«
»Ja, ja, ja.«
»Ich glaube dir nicht.«
»Dann eben nicht.«
»Ein richtiger Earl würde sich niemals von seinem Ring trennen; er würde ihn immer tragen.«
»Ich trage ihn nicht, weil er mich in der Ausübung meiner Aufgaben behindern würde.«
»Pah, Wundschneider, was tust du denn schon den ganzen Tag! Untersuchst Krethi und Plethi und schmierst die Knie vom Capitán mit irgendwelchem Zeugs ein.«
»Genau das tue ich. Und dabei trage ich die Nase nicht hoch und bilde mir nichts ein auf meine adlige Herkunft – wie andere hier an Bord.«
»Culero!« Isabella schlug ihm ins Gesicht.
Vitus lief puterrot an, er zitterte vor Wut. »Ich bin noch nie von einer Frau geschlagen worden«, stieß er hervor. »Danke deinem Schöpfer, dass er aus dir keinen Mann gemacht hat. Du wärst sonst tot.«
Er nahm seine Matratze und ging zur Tür. Als er sie öffnete, hielt ihn ihr Ruf zurück: »Hier, Euer Hochwohlgeboren, habt Ihr Euren blöden Ring zurück!«
Sie warf ihm das kostbare Stück vor die Füße und lachte.
Schweigend bückte er sich, hob den Ring auf und verließ den Raum.