Der Kapitän Jackson Steel

»Stimmt, Mylady, wir sind nur ein Lazarettschiff. Aber im Zweifelsfall werden wir nicht tatenlos zusehen, wenn uns jemand an die Gurgel will. Wir werden den Dons dann eine gehörige Lektion erteilen.«

Samuel Pigett, der ehemalige Zweite Offizier der Falcon, hauchte qualvoll sein Leben aus. Vitus konnte nichts mehr für ihn tun, außer ihm etwas Wasser einzuflößen, und das war wenig genug. »Bleibt ganz ruhig, das Wasser wird Euch erfrischen«, sagte er, aber er sagte es nur der Form halber, denn er war sicher, dass Pigett ihn nicht mehr hörte – ebenso wie Pigett ihn nicht mehr sah, obwohl seine Augen ihn anzustarren schienen.

»Kennt Ihr den Sterbenden, Mylord?«, fragte Stonewell respektvoll.

»›Sir‹ reicht«, antwortete Vitus knapp. Stonewell musste nicht unbedingt wissen, welch ein Hundsfott Pigett gewesen war. Pigett war so gut wie tot, und Toten sagte man nichts Schlechtes nach. Da er den knappen Ton seiner Antwort etwas abmildern wollte, streckte er die Hand aus und fügte hinzu: »Ich bin nicht an Bord in meiner Eigenschaft als Earl, sondern als Arzt. Auf gute Zusammenarbeit, Stonewell.«

»Auf gute Zusammenarbeit, Sir!« Stonewell strahlte. »Ihr seid genau so, wie Professor Banester Euch beschrieben hat.«

»So? Wie hat er mich denn beschrieben?«

»Nun …« Stonewell schwankte einen Augenblick zwischen Mitteilungsbedürfnis und Scheu. »Äh, jedenfalls als sehr tüchtig.«

Vitus lächelte. »So tüchtig nun auch wieder nicht. Nehmen wir an, ich wüsste nicht, woran Pigett stirbt, könntet Ihr mir helfen?«

»Ich will es versuchen, Sir.« Stonewell untersuchte mit raschen, geschickten Handgriffen die grausamen Quetschungen, die durch die Barkhölzer des Schiffsleibs entstanden waren, schaute dem Sterbenden in Mund, Ohren und Nasenlöcher, tastete noch einmal vorsichtig den Leib ab und kam zu dem Schluss: »Mister Pigett wird seinen inneren Verletzungen erliegen oder wartet« – er prüfte den Puls und den Atem – »er ist ihnen in diesem Moment erlegen.«

»Gut, Stonewell«, lobte Vitus. »Es sieht ganz so aus. Bitte lasst den Toten wegschaffen. Ich denke, er sollte an Land begraben werden. Es macht keinen Sinn, eine Leiche an Bord zu nehmen, um sie später der See zu übergeben.«

»Jawohl, Sir.«

Vitus blickte sich um und sah, das die Traube der Gaffer noch größer geworden war. »Hat jemand gesehen, wie das Unglück passierte?«, fragte er.

Keiner der Männer wusste etwas. Nur einer meinte, er hätte gesehen, wie Mister Pigett im hinteren Bereich bei den Besanrüsten plötzlich das Gleichgewicht verloren hätte und über Bord gefallen sei.

»Das klingt seltsam«, sagte Vitus. »Ein Mann verliert nicht plötzlich grundlos sein Gleichgewicht, jedenfalls nicht, wenn er gesund und nüchtern ist. Und dieser Mann war nüchtern. Könnte es sein, dass bei dem Sturz jemand nachgeholfen hat?«

Die Männer zuckten mit den Schultern und begannen, sich zu entfernen, denn ein Wagen für den Abtransport von Pigett kam herangefahren. Nur einer von ihnen kratzte sich am Kopf und sagte: »Es könnt sein, dass ihn jemand runtergeschubst hat, Sir, bin mir aber nich sicher, hab nur so ’ne Bewegung im Augenwinkel gesehn, mehr nich.«

»Wie ist dein Name?«

»Huck, Sir, wie huckleberry, die Beere.«

»Danke, Huck. Hilf jetzt den anderen Männern, die Leiche aufzuladen. Und Ihr, Stonewell, sprecht mit dem Hafenkommandanten, er soll einen Pfarrer verständigen und für die Beerdigung sorgen. Die Kosten dafür sollen aus dem Verkauf von Pigetts Habe bestritten werden.«

»Jawohl, Sir, ich werde mich um alles kümmern.«

Vitus fand, dass sich Stonewell als sehr anstellig erwies, und betrat über die Laufbrücke das Schiff. Nach Pigetts Tod hatten die Matrosen ihre Arbeit wieder aufgenommen, so dass kaum einer von ihnen Vitus beachtete. Er griff sich einen Mann und fragte, ob Kapitän Steel an Bord sei.

»Aye, Sir, er ist in seiner Kajüte. Ich bring Euch zu ihm.«

Wenig später salutierte der Posten vor der Tür zu Steels Reich und ließ ihn vorbei. Vitus klopfte an.

»Hereinspaziert!«, ertönte eine Bassstimme.

Vitus trat ein und stand vor einem fülligen Mann, dessen rosige Wangen netzartig von roten Äderchen durchzogen waren. Dies und die rote Nase sprachen für einen regelmäßigen Alkoholkonsum. Dass Vitus’ Vermutung richtig war, sollte sich sogleich erweisen, denn Steel deutete auf einen Krug Wein und zwei Gläser und sagte: »Ich habe schon auf Euch gewartet, Mylord. Der Lordadmiral hat Euch angekündigt und einiges von Euch berichtet. Es ist für mich und meine Männer eine große Ehre, an Bord einen echten Earl zu haben.«

»Der aber nicht als solcher angesprochen werden will«, sagte Vitus. »Cirurgicus genügt.«

»Gern, äh, Cirurgicus. Darf ich Euch zur Feier des Tages ein Gläschen anbieten?«

»Danke, ich kann jetzt eines brauchen«, sagte Vitus. »Und Ihr könnt es auch, denn offenbar hat Euch niemand über die Geschehnisse am Kai informiert.«

Steel zog ein fragendes Gesicht, und Vitus erzählte ihm, was vorgefallen war.

»Sapperlot!«, rief Steel aus, als Vitus geendet hatte. »Gut, dass ich sitze. So ein verdammtes Pech aber auch! Da denkt man, einen fähigen Ersten bekommen zu haben und muss mit einer Leiche vorliebnehmen. Äh, nicht dass Ihr mich falsch versteht, Cirurgicus, natürlich tut mir der Mann leid, aber davon hat er nun auch nichts mehr.«

»Für seine Beerdigung wird gesorgt werden, ich habe alles veranlasst.«

»Dann bin ich beruhigt. Es ist immer gut, wenn die Seelen der Verstorbenen nicht heimatlos herumgeistern, weder an Land noch auf See.« Steel unterdrückte ein Rülpsen. »Trinken wir auf ihn!«

Vitus, der an die menschlichen Mängel Pigetts denken musste, sagte: »Wenn Ihr gestattet, Sir, würde ich lieber zunächst auf die Königin trinken.«

»Richtig, richtig, wie konnte ich unsere Jungfrauenmajestät nur vergessen! Ha, ha, ich werde alt.« Steel erhob sich schnaufend. »Auf dass sie lange lebe, gesund bleibe und nicht gesegneten Leibes werde, jedenfalls nicht ohne Ehegespons, ha, ha! Cheers!«

»Cheers!« Vitus fand den Trinkspruch etwas ungewöhnlich, sagte aber nichts.

»Aaah, das tat gut!« Steel setzte sich wieder und wollte zum gemütlichen Teil des Tages übergehen, aber der Gedanke, keinen Ersten Offizier mehr zu haben, hinderte ihn daran. »Wirklich ärgerlich, das mit Pigett«, dröhnte er. »Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als den Zweiten zum Ersten zu machen, den Bootsmann zum Zweiten, einen der Maate zum Bootsmann und so weiter. Es ist wie beim Dominospiel: Stößt man einen Stein an, stößt man alle an. Der Einzige, der dabei nicht befördert wird, bin ich, ha, ha.« Steel schenkte sich nach und vergaß dabei Vitus, aber dieser hätte sowieso abgelehnt, da er gehen wollte.

»Wenn Ihr erlaubt, Captain, würde ich mich gern in meiner Kammer einrichten und anschließend die Behandlungsräume im Schiff ansehen. Mister Stonewell wird mir dabei sicher behilflich sein.«

Steel lachte. »Mir ist alles recht, Cirurgicus, solange ich sitzen bleiben darf.«

»Der Zwerg in meiner Begleitung schläft stets in der Nähe der Feuerstelle, um ihn braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen.«

»Das mache ich auch nicht.« Steel hob verschmitzt den Zeigefinger. »Und um Euch, Cirurgicus, erst recht nicht. Ihr habt es wirklich sehr gut getroffen, wenn ich so sagen darf.«

»Was meint Ihr damit, Captain?«

»Nichts, nichts. Nur so viel: Eure Kammer ist an Steuerbord, am Ende der Galerie.«

»Danke, bitte entschuldigt mich jetzt.«

»Aber gern, wir sehen uns später.«

Vitus trat vor die Tür, ergriff seine Kiepe, die er draußen hatte stehenlassen, und ging die wenigen Schritte hinüber zu seiner neuen Bleibe. Er hoffte, sie würde etwas größer sein als Doktor Halls Kammer auf der Falcon. Er stieg über das Süll, trat ein und sah, dass seine Hoffnung sich erfüllte. Der Raum war tatsächlich größer. »Gott sei Dank, etwas mehr Platz«, murmelte er.

»Guten Tag, Vitus.«

Er fuhr herum und sah – Isabella.

Er brauchte einige Augenblicke, um die Sprache wiederzufinden. »Was machst du denn hier?«, fragte er nicht gerade freundlich.

Sie schien seinen abweisenden Ton nicht zu bemerken, denn sie strahlte: »Das siehst du doch. Ich wohne hier.«

»Ja, aber …« Jetzt begriff er gar nichts mehr. »Was machst du überhaupt auf dem Schiff?«

»Wie gesagt, ich wohne hier.«

»Dummes Geschwätz!«

»Na, na.« Isabella drohte neckisch mit dem Zeigefinger. »Spricht man so mit seiner Ehefrau?«

»Was?«

»Du hast richtig gehört: Ich bin Lady Nina, deine Frau. Capitán Steel war entzückt, als ich schon heute Mittag anreiste und hat mir – das heißt, uns – persönlich diese Kammer zugewiesen. Gefällt sie dir?«

Vitus kämpfte die aufkeimende Wut nieder. Etwas derart Dreistes hatte er noch nie erlebt. »Aber das Ganze ist doch lächerlich! Verschwinde! Geh mir aus den Augen, von mir aus geh dahin, wo der Pfeffer wächst. Ich habe mit dir nichts zu schaffen.«

»O doch, das hast du. Schließlich sind wir verheiratet. Jeder auf dem Schiff weiß es.«

»Dann werde ich die Sache richtigstellen.«

»Ach ja? Und was willst du den Herrschaften sagen? Dass ich nicht deine Frau bin? Dass ich nur deine Geliebte bin? Dass der Earl of Worthing, von Elizabeth I. persönlich in den Adelsstand erhoben, mit seiner Geliebten auf Feindfahrt gehen wollte, es sich jetzt aber anders überlegt hat?«

»Ich … ich … werde eine Lösung finden.«

»Nenne sie mir, mein treuer Ehemann.« Isabella lächelte süß mit ihren lückenlosen Zähnen.

Er setzte sich auf eine der Kojen. Die Situation, in die Isabella ihn gebracht hatte, war absurd. Es musste eine einfache Lösung geben, sie zu beenden. »Ich werde sagen, das Ganze ist ein Missverständnis, eine Verwechslung!«

Sie lachte genüsslich. »Die eigene Ehefrau verwechselt man nicht.«

»Du bist Spanierin. Ich werde sagen, du wolltest nach Hause, um deine Eltern zu besuchen, hättest aus Versehen das falsche Schiff erwischt … äh, nein, warte …« Er merkte selbst, welch ungereimtes Zeug er daherredete. »Ich werde sagen, du seist eine ganz durchtriebene Hochstaplerin!«

»Eine Hochstaplerin, die den echten Ring der Lady Nina trägt?« Sie hielt ihm ihre Hand hin, an deren einem Finger tatsächlich Ninas Ring saß. »Es ist der Ring, der in deinem Ring seine Entsprechung findet.«

»Du … du Diebin!« Er wollte sich auf sie stürzen, musste aber daran denken, wie dünn die Holzwände waren. Ihre Schreie hätte man auf dem ganzen Schiff gehört. »Ich … ich werde Captain Steel sagen, dass ich nachts stark schnarche, und um eine zweite Kammer für mich bitten.«

»Eine solche gibt es nicht. Oder willst du als Arzt unten in der Bilge hausen? Ich kann dir aus eigener Erfahrung versichern, dass der Aufenthalt dort alles andere als kurzweilig ist.«

»Ich … ich …«

Sie lächelte noch immer genüsslich. »Ergib dich einfach in dein Schicksal, Liebster. Es gibt hässlichere Frauen als mich. Die Blicke, die man mir zuwarf, als ich an Bord ging, haben es mir bestätigt.«

»Ha, ich hab’s! Ich werde die Wahrheit sagen, ganz einfach die Wahrheit, dann klärt sich alles auf!«

»Und was wird Nina zu der Wahrheit sagen?«

»Ich …« Er schwieg. Der Gedanke, wie unsagbar verletzt sie sein würde, schmerzte ihn fast körperlich. Er grübelte hin und her, doch ihm fiel nichts mehr ein. Immer wenn er dachte, er hätte eine Lösung gefunden, erwies sie sich als undurchführbar. Er kam sich vor wie ein Insekt, das hilflos im Spinnennetz zappelte. Isabella war die Spinne, und er war das Opfer.

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Liebster, ich helfe dir deine Sachen auspacken. In zwei Stunden bittet Capitán Steel uns an den Offizierstisch.«

Er schüttelte wild den Kopf. »Untersteh dich, meine Sachen anzurühren!«

Es klopfte. Isabella rief: »Herein!«

»Verzeiht die Störung, Mylady.« In der Tür stand Stonewell, verbeugte sich vor Isabella und wandte sich dann an Vitus: »Sir, ich wollte Euch nur melden, dass für Mister Pigetts Beerdigung alles in die Wege geleitet ist. Allerdings wird sie wohl erst stattfinden, nachdem wir abgelegt haben.«

»Vielen Dank, Stonewell, gute Arbeit.«

»Mylady …« Stonewell verbeugte sich abermals höflich vor Isabella. »Ich darf mich empfehlen und freue mich schon auf unser gemeinsames Abendessen beim Captain.«

Als Stonewell fort war, ging mit Isabella eine Wandlung vor sich. Eben noch von zuckersüßem Gehabe, sprühte sie jetzt vor Hass. »Pigett, dieses Schwein!«, rief sie, wobei sie das Wort Schwein regelrecht ausspie. »Der hat die längste Zeit Frauen vergewaltigt!«

»Du weißt also, was ihm widerfahren ist?«, fragte Vitus verwundert.

»Und ob ich das weiß!«

Vitus musste an den Matrosen denken, der aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkt haben wollte, bevor Pigett über Bord fiel. Ein furchtbarer Verdacht keimte in ihm auf. »Sag mal, du hast doch wohl nicht Pigett …?«

»Natürlich habe ich es getan! Das Schwein hat es verdient, tausend Tode zu sterben. Als ich ihn heute Nachmittag an Bord sah, stand für mich sofort fest, dass ich mich rächen würde. Er beugte sich weit über die Reling und wollte irgendetwas am Schiffsrumpf untersuchen, ich brauchte ihm nur in seinen verdammten culo zu treten, um ihn für immer in die Hölle zu befördern.«

Vitus war fassungslos. Was war das nur für eine Frau! Eine Teufelin! Eine Furie! »Für diesen Mord wirst du geradestehen müssen. Ich werde dich noch heute der Gerichtsbarkeit übergeben.«

»Das wirst du nicht.«

»Ich wüsste nicht, was mich daran hindern sollte.«

Isabella setzte wieder ihr genüssliches Lächeln auf. »Die Tatsache, dass ich deine Frau bin.«

»Ich werde sagen, dass du nicht meine Frau bist.«

»Aber was bin ich dann? Deine Geliebte? Das hatten wir doch schon einmal, Liebster.«

»Nenne mich nicht Liebster.« Vitus gab es auf. Sie war die Spinne, er das Opfer. Er konnte nichts unternehmen, ohne einen Skandal zu verursachen. Doch ein Skandal musste um jeden Preis vermieden werden – schon allein Ninas wegen, deren Gefühle auf keinen Fall verletzt werden durften. »Ich gehe«, sagte er.

»Wohin gehst du?«

»Ich weiß es nicht. Irgendwohin, wo Luft zum Atmen ist.« Er stieg an Deck, wehrte Stonewell ab, der ihm die Behandlungsräume im Schiff zeigen wollte, und ging über die Laufbrücke an Land. Der Kopf schwirrte ihm vor Gedanken, die alle unerfreulich waren und sich gegen jegliche Einordnung wehrten. Das Einzige, was er wahrnahm, war ein großer Schriftzug an einem Gebäude außerhalb der Sperrzone. Shark’s Inn stand da in blutigen Buchstaben, und obwohl das nicht sehr einladend klang, lenkte er seine Schritte dorthin. Im Augenblick war ihm jede Abwechslung recht.

Drinnen war es nicht gerade voll, was an der frühen Abendstunde liegen mochte. Immerhin scharten sich ein paar Zecher neben dem Schanktisch um einen drahtigen Burschen, der den Dudelsack blies und gleichzeitig zu seiner eigenen Musik tanzte. Ein paar der umstehenden Männer klatschten im Takt mit und feuerten den Spieler an. Sie kamen Vitus bekannt vor, und er blickte näher hin. Donnerwetter, das waren ja einige der Falcons! Freude durchzuckte ihn. Vertraute, fast familiäre Gefühle kamen auf. Er erkannte Muddy und Chock. Und Ted, den Jungen mit den scharfen Augen. Dazu Dunc, den Veteranen, der Taggarts Golddublone in der Schädeldecke trug. Ohne sich zu besinnen, rief er Taggarts Satz: »He, Dunc, wie geht es meinem Gold?«

Dunc antwortete mechanisch: »Weiß nicht, Sir, habe zu viel im …«, bevor er in Vitus’ Richtung blickte. Dann aber bekam er große Augen. »Der Cirurgicus! Mensch, Leute, guckt mal, der Cirurgicus!«

Die Musik brach ab, und aller Augen waren plötzlich auf Vitus gerichtet. Ein weiterer Ruf durchbrach die Stille: »Ich werd verrückt, er ist es tatsächlich!« Die Stimme gehörte dem Dudelsackspieler. Es war McQuarrie.

Nach der lautstarken Begrüßung, einer Mischung aus Freude, Gebrüll und Respekt, wurden große Krüge Ale geordert, ohne zu zögern geleert, durch neue ersetzt und abermals geleert, und während das alles passierte, erfuhr Vitus, dass McQuarrie mit seinen Männern darauf wartete, auf Drakes Schiff, die Revenge, gebracht zu werden, wo sie ihren Dienst aufnehmen sollten.

»Wer hat euch abkommandiert, Männer?«, fragte Vitus.

Muddy antwortete, nachdem er sich den Schaum vom Mund gewischt hatte: »Der Adjutant vom Lordadmiral, ein Lieutenant, äh, weiß jemand noch den Namen, Leute?«

»Der Name ist nicht so wichtig«, sagte Vitus schnell, denn ihm war gerade eine wunderbare Idee gekommen. »He, McQuarrie, was haltet Ihr davon, mit Euren Leuten auf der Camborne Dienst zu tun? Es ist das Schiff, auf dem auch ich fahren werde.«

Bevor McQuarrie antworten konnte, brüllten Muddy, Chock, Ted und Dunc schon etwas bierselig: »Hooray, aye, aye, das machen wir!«

McQuarrie war nicht ganz so spontan. »Geht denn das, Sir?«, fragte er. »Wir haben immerhin einen anderen Befehl.«

Vitus fühlte sich auf einmal großartig. »Natürlich geht das, McQuarrie, natürlich! Lordadmiral Howard schuldet mir einen Gefallen, er wird meiner Bitte ganz sicher entsprechen. Drake muss sehen, wie er zu anderen Männern kommt.«

Vitus musste an einen Tag vor mehr als zehn Jahren denken, als er mit seinen Freunden auf Drakes damaliges Schiff, die Pelican, gegangen war und um eine Passage in die Neue Welt gebeten hatte. Statt einer Antwort hatte Drake ihm sein Bein gezeigt, in dem seit anno 72 eine spanische Kugel steckte. Vitus hatte das Bein untersucht, eine Operation für möglich gehalten und eine Woche für die Genesung veranschlagt. Drake hatte abgewinkt und gemeint, so viel Zeit hätte er nicht. Dasselbe hätte ihm auch schon sein Arzt gesagt. Vitus war voller Zorn gewesen, denn Drake hatte ihn lediglich zur Erhärtung einer Diagnose benutzt und im Übrigen nicht daran gedacht, ihn und seine Freunde mitzunehmen. So gesehen, spürte er jetzt eine gewisse Genugtuung, ihm ein paar gute Männer wegschnappen zu können.

»Hört, McQuarrie, ich werde dem Lordadmiral schriftlich mitteilen, dass ich den Befehl seines Adjutanten aufgehoben habe und Ihr mit Euren Männern zu mir auf die Camborne kommt. Wie es der Zufall will, fehlt dort der Erste Offizier.«

Auf diese Neuigkeit hin wurden erst einmal weitere Krüge mit Ale geordert, geleert und neue geordert. McQuarrie begann wieder zu spielen, und irgendwann ertappte Vitus sich dabei, dass er aus Leibeskräften sang und mit den Falcons die Hornpipe tanzte.

Doch auch das schönste Hochgefühl lässt einmal nach, und so war es auch diesmal. Vitus dachte an das bevorstehende Abendessen mit Captain Steel und mit Isabella. »Kommt mit, Männer«, sagte er mit einigermaßen schwerer Zunge. »Greift euch eure Seekisten, unser Schiff wartet.«

Als sie bei der Camborne waren und der Posten Anstalten machte, sie aufzuhalten, wischte Vitus ihn mit einer Handbewegung beiseite. »Mach keine Sperenzchen, Mann, ich bin es, der neue Arzt.«

Sie passierten und gingen an Bord. Vitus entließ die Falcons ins Vorschiff und dirigierte McQuarrie zur Kajüte des Kapitäns. Er klopfte lautstark an.

»Hereinspaziert.«

Sie traten ein – und wischten sich über die Augen. Steel hatte den großen Tisch in seiner Kajüte aufs Festlichste decken lassen. Ein Meer von Kerzen tauchte die Tafel in mildes Licht. Zwei knusprige Gänse auf silbernen Präsentiertellern bildeten den Mittelpunkt, umrahmt von weiteren Köstlichkeiten wie Weißfleisch von Kapaunen mit Reis, gestopfte Wachteln, Eierpfannkuchen, Aalpastete, verschiedene Sorten Käse, Brot, Obst und mancherlei mehr. Steel saß am Tisch, eine riesige Serviette in den Kragen gestopft, und hatte den Speisen bereits kräftig zugesprochen. Zu seiner Linken hatte Isabella Platz genommen, der Stuhl zu seiner Rechten war leer, gegenüber saßen Stonewell und ein weiterer Mann, der allem Anschein nach der Zweite Offizier war.

Steel unterdrückte ein Rülpsen und erhob sich. Sein Gesicht war noch mehr gerötet als sonst und seine Sprache leicht verwaschen. Offenbar hatte er schon das eine oder andere Glas intus. »Cirurgicus! Schön, dass Ihr da seid. Konnten nicht auf Euch warten. Mylady« – er verbeugte sich vor seiner Tischnachbarin, was ihn fast das Gleichgewicht kostete – »Mylady bestand darauf, schon anzufangen. Äh, guten Appetit. Setzt Euch doch.«

»Nicht, bevor ich Euch einen der besten Ersten Offiziere Ihrer Majestät vorgestellt habe, Captain. Das ist McQuarrie. Ein Mann, für den ich die Hand ins Feuer lege. Wie es der Zufall will, sucht er noch ein Schiff, auf dem er gegen die Armada kämpfen kann.«

McQuarrie nahm sich zusammen, um sicherer zu stehen als sein künftiger Kapitän, und meldete stramm: »McQuarrie, Sir, Allan McQuarrie. Es wäre mir ein Vergnügen, auf Eurem Schiff dienen zu dürfen.«

Steel setzte sich wieder. Er musste die Überraschung erst einmal verdauen. Dann fing er sich und nutzte die Gelegenheit, um sich bei Isabella anzubiedern: »Nun, Mylady, meint Ihr, der Mann könnte zu uns passen?«

Isabella zauberte ihr reizendstes Lächeln auf die Lippen. »Ich kenne ihn nicht, aber er macht einen, äh, fast vertrauten Eindruck. Nehmt ihn nur, Capitán.«

»Euer Wunsch ist mir Befehl, Mylady«, sülzte Steel weiter. »McQuarrie, betrachtet Euch als angeheuert. Der Himmel scheint Euch zu schicken, nachdem mein alter Erster heute Nachmittag durch einen Unfall, äh, ausfiel. Die näheren Umstände tun nichts zur Sache. Setzt Euch uns gegenüber und lasst Euch von der Ordonnanz Teller und Besteck geben – und Ihr, Cirurgicus, kommt an meine Steuerbordseite. Lady Nina, Eure bezaubernde Frau, hat mir schon viel von Euch erzählt.«

Doch bevor Vitus sich setzen konnte, gab McQuarrie einen unterdrückten Laut von sich, richtete sich auf, als hätte er einen Spatenstiel verschluckt, und begann über das ganze Gesicht zu strahlen. Dann machte er eine tiefe Verbeugung vor Isabella und sagte in seinem schönsten Englisch: »Es ist mir eine besondere Ehre, Euch, Mylady, kennenzulernen, ich hatte gar nicht erwartet, die Gattin des berühmten Cirurgicus an Bord anzutreffen, umso größer ist die Überraschung! Bitte seht in mir Euren ergebenen Diener, was immer auch kommen mag.«

Isabella strahlte zurück. »Unverhofft kommt oft, mein lieber McQuarrie, das habt Ihr brav gesagt.«

»Jetzt sind der Worte genug gewechselt«, dröhnte Steel, »jetzt sprechen wir der Speise zu, ha, ha!« Er hob sein Glas und wartete, bis auch Vitus und McQuarrie eines erhalten hatten. »Auf unsere Jungfrauenmajestät, möge sie lange leben, gesund bleiben und nicht gesegneten Leibes, äh, ich meine, sich immer eines gesegneten Appetits erfreuen, ha, ha! Three cheers for the Queen, cheers, cheers, cheers …«

Man trank und lachte und speiste nach Kräften. Die Herren am Tisch überboten einander an Witz und Charme, um der einzigen Dame in der Runde zu gefallen, und die einzige Dame amüsierte sich ganz offensichtlich aufs Beste.

Der Einzige, der stiller und stiller wurde, war Vitus. Er dachte an die kommende Nacht und kam sich hilflos, lächerlich und überflüssig vor.

Als auch der letzte Bissen gegessen und der letzte Schluck getrunken war, wiederholte Stonewell sein Angebot, Vitus die Behandlungsräume zu zeigen, und zwar jederzeit, wann immer es dem Cirurgicus genehm sei, und Vitus sagte: »Warum nicht gleich jetzt?«

So kam es, dass Vitus, nachdem er alles begutachtet hatte und von Stonewell allein gelassen worden war, die erste Nacht an Bord der Camborne auf dem Operationstisch liegend verbrachte.

Genau wie zuvor auf der Falcon.

Nur unter anderen Vorzeichen.

 

 

 

Am folgenden Tag, dem 19. Juli, war es so weit. Überall auf den Schiffen der Flotte erklangen Hochrufe, denn im Südwesten war ein Signalfeuer gesichtet worden, was nur eines bedeuten konnte: Die Armada war im Anmarsch! Auch auf der Camborne brach Hektik aus, die Steel jedoch sofort im Keim erstickte. Er trat auf sein Kommandantendeck und sorgte dafür, dass sämtliche Männer, auch die der Freiwache, etwas zu tun bekamen. Dann steckte er die Nase in den Wind und fluchte. Laut Befehl hatte er sich mit seinem Schiff dem Geschwader des Oberbefehlshabers anzuschließen und dem Feind entgegenzusegeln. Stattdessen erging es ihm wie allen seinen Kollegen: Er kam nicht vom Fleck. Die Flut und der steife Südwest standen dagegen. »Bleibt nur zu hoffen, dass die Dons nicht auf den Einfall kommen, uns hier in der Bucht zu besuchen«, knurrte er. »Dann hätten wir ein neues Cádiz, nur dass diesmal wir in der Falle sitzen.«

»Sir, eine Order vom Lordadmiral«, meldete ein Läufer und übergab ein Papier.

»Danke.« Steel überflog das Schreiben und fluchte erneut. »Das wird den Männern lange Arme machen! McQuarrie!«

»Sir?« Der drahtige Schotte kam herbeigeeilt.

»Der Lordadmiral scheint Gedanken lesen zu können. Er teilt meine Sorge, der Feind könnte in den Plymouth-Sund eindringen und uns vernichten wollen. Alle Schiffe sind deshalb eine halbe Meile weit in die Bucht zu verholen, um von dort aus besser agieren zu können. Die Männer sollen in die Hände spucken, bevor sie ins Beiboot gehen und meine Camborne in Schlepp nehmen. Sie werden gegen den Wind anpullen müssen und alle Kräfte brauchen. Wenn es gelingt, kriegt jeder einen halben Becher Brandy.«

»Aye, aye, Sir.«

»Wo ist der Zweite?«

»Mister Abbot überprüft gerade den gestern an Bord genommenen Proviant.«

»Soll weitermachen. Ich lege die Schiffsführung in Eure Hände, McQuarrie!« Steel rülpste hinter der vorgehaltenen Hand. »Ein Gläschen Brandy könnte auch mir nicht schaden.«

»Aye, aye, Sir. Darf ich einen Vorschlag machen?«

»Was ist denn noch?« Steel war in Gedanken schon wieder in seiner Kajüte.

»Wir sollten einen unserer beiden großen Anker im Beiboot hinauspullen, ihn dort fallen lassen und das Schiff an der Ankertrosse hinausziehen, Sir. Das ist in jedem Fall einfacher, als es zu schleppen.«

»Machen die anderen es auch so?«

»Es sieht so aus, Sir.«

»Dann machen wir das auch.«

»Aye, aye, Sir.«

 

 

 

Nach einer unbequemen Nacht hatte Vitus sich zum Kombüsenfeuer begeben und vom Zwerg eine heiße Linsensuppe erhalten. Sie hatten nicht lange miteinander gesprochen, denn das Zuwasserlassen des Beiboots und das Verladen des Ankers sorgten auf dem ganzen Schiff für Hektik.

»Obacht un wahrschau, Örl«, hatte der Winzling gesagt, als er Vitus’ Napf noch einmal füllte, »Isabella is ’ne falsche Hutsche, die macht dich hin, wenn de nich aufpasst.«

»Ich weiß«, hatte Vitus geantwortet.

»Wennste das weißt, is gut, Am besten wär’s, du würdst bei mir anner Zündlingstelle lullen, aber ’s geht wohl nich, bist zu vornehm dazu, musst mit der Metze unter einem Dach schwudern.«

»Was soll ich denn machen? Es geht nicht anders. Oder fällt dir etwas ein?«

»Nee, das nich, aber ich werd ’ne Pupille über dich rüberkullern, bin ab heute der Lakai von der Metze.«

Vitus hatte vor Staunen sein Essen stehenlassen. »Du bist der Diener von Isabella? Dazu hast du dich bereit erklärt?«

»Nee. Hab ich nich. Hab’s ihr selbst gesteckt, un sie hat ja gesagt. Is gut so. Brauchst’n Schutzmalech.«

»Einen Schutzengel?«

»Jeder braucht’n Schutzmalech. Un ich schütz dich.«

»Wenn ich dich nicht hätte.«

Vitus hatte den Winzling an sich gedrückt und die Feuerstelle verlassen.

Nun stand er vor seiner eigenen Kammer und überlegte, ob er klopfen sollte – eine Situation, die er ebenfalls schon von der Falcon kannte. Nach kurzem Überlegen drückte er die Klinke, ohne anzuklopfen, nieder. Isabella lag noch in der Koje, ein Tablett mit Essensresten neben sich. Sie gähnte ausgiebig und lächelte dann. »Wo warst du heute Nacht, Liebster? Ich habe dich vermisst.«

»Das geht dich nichts an.« Er ging zu seiner Kiepe und holte Schreibutensilien hervor.

»An wen willst du schreiben?«

»An Lordadmiral Howard. Er muss darüber unterrichtet werden, warum McQuarrie nicht wie befohlen auf der Revenge bei Drake Dienst tut, sondern auf unserem Schiff.«

Isabella gähnte. »Wie langweilig. Hast du nichts anderes zu tun?«

Vitus setzte sich und breitete Feder, Tinte, Löschsand, Petschaft, Siegelwachs und Papier aus. »Nicht jeder Brief kann so brisant sein wie der, den du an einen gewissen Juan Amadeo de Ribera in La Coruña geschrieben und mit einem ›I.‹ unterzeichnet hast. Du bist nicht nur eine Mörderin, weil du Pigett in den Tod gestürzt hast …«

»Das Schwein hat tausend Tode verdient!«

»… sondern auch eine schäbige Spionin! Du bist es, die tausend Tode sterben sollte.«

»Ich liebe mein Land. Es ist nur recht und billig, dass ich ihm helfe, nach dem, was in Cádiz passierte und auch schon zwei Jahre zuvor, als der Drache Drake die galicische Küste brandschatzte, Kirchen zerstörte und Priester misshandelte.«

»Nachdem Philipp, dein geliebter Herrscher, anno 1580 katholische Freiwillige und spanische Soldaten nach Irland entsandte, um Unruhe zu stiften und eine Rebellion gegen die englische Herrschaft zu unterstützen!«

»Nachdem Halsabschneider und Schlagetots wie Drake unsere Schatzgaleonen wieder und wieder überfielen, um sich unrechtmäßig zu bereichern – jedes Mal mit Billigung deiner geliebten Elizabeth.«

»Nachdem …« Vitus brach ab. Es machte keinen Sinn, die Verfehlungen beider Seiten aufzurechnen. Nichts machte Sinn, im Großen wie im Kleinen. »Willst du es dir nicht noch einmal überlegen und von Bord gehen? Noch ist es nicht zu spät.«

»Nein.«

»Bereitet es dir etwa Freude, dabei zuzusehen, wie deine Landsleute zusammengeschossen werden?«

»Das wird niemals passieren! Meine Landsleute sind die tapfersten Soldaten der Welt, ihr hochnäsigen Engländer werdet das schon noch zu spüren bekommen.«

Vitus gab es auf. Er schrieb den Brief, streute Löschsand auf die Tinte und versiegelte ihn. Als Adresse gab er an: Seine Exzellenz Lordadmiral Howard, Viscount of Effingham, an Bord von HMS Ark Royal.

Dann stand er auf und ging hinaus.

 

 

 

Sechs Stunden Knochenarbeit später hatte McQuarrie mit seinen Männern die Camborne in die Bucht verholt, wo sich immer mehr Schiffe versammelten, um auf ablaufendes Wasser und besseren Wind zu warten. Achtzig Kriegsschiffe mochten es am Ende sein, und es würden auch nicht mehr werden, denn das Geschwader von Lord Henry Seymour, das vor der Themsemündung kreuzte, sollte vorerst nicht in die Kampfhandlungen eingreifen.

Zwischen den Schiffen herrschte reges Treiben. Beiboote und Pinassen kreuzten hin und her, um Nachrichten und Befehle zu übermitteln. Auf diese Weise sprach es sich schnell herum, dass die Golden Hind unter Kapitän Fleming am Morgen südlich der Scilly-Inseln die Armada entdeckt hatte – eine Nachricht, die er Howard, Drake und anderen Kommandanten beim Bowls-Spiel auf dem Plymouthhügel überbrachte.

Bekannt wurde auch, dass die Schiffe sich in zwei Geschwader teilen sollten; das kleinere unter Drake sollte unterhalb der Küste dem Feind entgegenkreuzen, das größere unter Howard zunächst Kurs auf die Eddystone Rocks nehmen. Ziel war in jedem Fall, die Luvposition gegenüber dem Feind zu gewinnen, um sich alle Möglichkeiten des Handelns zu sichern.

Doch noch war es nicht so weit.

Noch prüften unzählige Augen Wetter, Wind und See, ob nicht endlich eine Verbesserung der Situation einträte. Die Schiffe Ihrer Mäjestät schwoiten in der kabbeligen See um die Anker. Stunde um Stunde verging. Die Nacht brach an, neue Wachen zogen auf, wurden abgelöst und durch wieder neue Wachen ersetzt.

Endlich, gegen Morgen, schlug der Wind um, die Schiffe gingen ankerauf und segelten mit ablaufendem Wasser dem großen Gefecht entgegen. Die Camborne unter Kapitän Steel kreuzte befehlsgemäß hinter dem letzten Schiff von Howards Geschwader, das von der stolzen Ark Royal angeführt wurde und in deren Kiellinie so bewährte Kriegsgaleonen wie die Golden Lion, die Dreadnought und die Nonpareil fuhren.

Die Camborne sollte sich aus sämtlichen Kämpfen heraushalten, um die Schwerverwundeten möglichst unbehelligt an Bord nehmen zu können. Steel selbst hatte sich nur wenige Male auf dem Kommandantendeck blicken lassen, sich davon überzeugt, dass die Abstände zu den voraussegelnden Einheiten stimmten, und sich wieder in seine Kajüte begeben. Die Führung des Schiffs überließ er gern McQuarrie, der von Anfang an einen hervorragenden Eindruck auf ihn gemacht hatte. McQuarrie wiederum schien sich gut mit Abbot, dem Zweiten, der gleichzeitig Segelmeister war, zu ergänzen. Beide stammten aus Schottland, der eine aus Kirkcaldy bei Edinburgh, der andere aus Dundee, wobei Abbot bei gleicher Statur ungefähr zehn Jahre jünger war als McQuarrie, der schon die vierzig anpeilte.

Bei vier Glasen am Nachmittag erschien Steel wieder auf seinem Kommandantendeck und fand dort McQuarrie und Vitus vor. Beide trugen Seezeug aus Wachstuch, denn der aus nördlichen Richtungen kommende Wind trieb einen unangenehmen Nieselregen vor sich her, die See zeigte hier und da Schaumköpfe, und die Dünung nahm zu. McQuarries Augen leuchteten, es war ein herrliches Gefühl, über ein so prachtvolles Schiff zu gebieten. Vitus dagegen wirkte weniger fröhlich, er hatte die vergangene Nacht abermals frierend auf dem Operationstisch verbracht, um Isabella aus dem Weg zu gehen.

»Ungemütliches Wetter!«, dröhnte Steel, als er sich zu den beiden gesellte. »Wie ich sehe, können auch einem Cirurgicus Seebeine wachsen.«

Vitus rang sich ein Lächeln ab. »Ich habe mir erlaubt, heraufzukommen, Captain. Bei diesem Wetter bläst man unter Deck nur Trübsal.«

»Sicher, sicher. Allerdings kommt es darauf an, was man unter Deck macht, Cirurgicus.« Steel zwinkerte zweideutig mit dem rechten Auge. »Wenn man einen zur Brust nimmt oder ein hübsches Weib einem Gesellschaft leistet, mag es gar nicht so schlimm sein, ha, ha!«

»Gewiss, Captain.« Vitus fand die Antwort nicht sonderlich komisch.

»Da, Sir!« McQuarrie riss den Arm hoch. »Das Flaggschiff signalisiert ›Feind in Sicht‹!«

»Donnerwetter, ja!« Steel schirmte mit der Hand die Augen ab, konnte aber nichts von den Spaniern erkennen. »Verdammter Regen!«

Fünf Minuten später rief er nochmals »Verdammt!«, aber aus einem anderen Grund. Er hatte die Armada entdeckt. Wie alle Kapitäne wusste er, dass sie aus rund hundertdreißig Schiffen bestand, und insofern war er auf einiges gefasst. Aber das, was er sah, hatte er nicht in seinen kühnsten Träumen erwartet. Es war eine Wand von Schiffen, der sie sich näherten. Eine braun-schwarze Masse von kanonenbewehrten Rümpfen, dicht an dicht segelnd, in Form eines riesigen Halbmonds.

McQuarrie stieß einen Pfiff aus, der sowohl Erstaunen als auch Ehrfurcht ausdrücken mochte. »Da sage noch einer, die Dons seien schlechte Seefahrer! Sie haben eine Formation gebildet, die ideal für ihre Zwecke ist. Der Halbmond eröffnet ihnen alle Möglichkeiten, sich zu schützen, aber auch im Bedarfsfall anzugreifen. Wehe dem, der sich zwischen die Spitzen dieses Halbmonds wagt.«

Steel hatte sich wieder gefangen. »Alles schön und gut«, dröhnte er, »aber sobald wir die Luvstellung gewonnen haben, wird der Lordadmiral sich schon den einen oder anderen fetten Don herauspicken. In jedem Fall können wir uns glücklich schätzen, dass der Halbmond nicht Kurs auf Plymouth genommen hat, sondern weiter in Richtung Osten segelt. Wie man hört, will der Herzog von Medina Sidonia sich mit den Truppen des Herzogs von Parma verstärken, um unser gutes, altes England zu überfallen. Aber diese Suppe werden wir dem Herrn versalzen!

»Es dürfte noch einige Stunden dauern, bis wir den Windvorteil auf unserer Seite haben, Sir«, sagte McQuarrie.

»Das sehe ich auch so. Bis dahin entschuldigt mich, meine Herren. Wenn etwas Ungewöhnliches eintritt, will ich sofort informiert werden.«

»Aye, aye, Sir!«, schnarrte McQuarrie.

Steel verschwand in sein Reich, und Vitus hatte Gelegenheit, das majestätische Dahingleiten des Halbmonds weiter zu bewundern. »Jetzt weiß ich, warum manche von der unüberwindlichen Armada sprechen«, sagte er mehr zu sich selbst.

»Aye, Sir.« McQuarrie grinste mit dem typischen Selbstbewusstsein des Schotten. »Aber wir wollen sie ja nicht überwinden, wir wollen sie nur abwehren. Und das werden wir, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, wie Captain Taggart immer zu sagen pflegt!«

Vitus nickte und entdeckte mehr und mehr Besonderheiten an der Armada: die bunten Wimpel der einzelnen Geschwader – die der Kastilier, der Andalusier, der Levantiner und anderer, er sah ihre unterschiedlichen Bauweisen und Bestimmungen, erkannte, dass viele von ihnen turmhohe, aber schwach bestückte Kauffahrer waren, bemerkte, dass die stärksten Galeonen den Verband nach außen hin absicherten, und stellte sich vor, dass auf diesem hölzernen Halbmond nicht weniger als zwanzigtausend schwerbewaffnete Soldaten segelten und Hunderte von Pferden transportiert wurden. Er fragte sich, ob es wirklich stimmte, dass der Halbmond ganze Schiffsladungen von Geißeln enthielt, um die blonden englischen Frauen für ihr Ketzertum zu züchtigen, ob Tausende von Ammen mitfuhren, um nach den Kämpfen die zu Waisen gewordenen Säuglinge zu stillen, ob Folterinstrumente ohne Zahl mitgeführt wurden, Marterwerkzeuge, wie Daumenschrauben, Stachelstühle und Streckbänke, ob zweihundert Priester und Prediger die Mission begleiteten, um die Lehren der allein seligmachenden katholischen Kirche zu verbreiten, ob Gluteisen dazugehörten, um die Verweigerer des Glaubens auf der Stirn zu brandmarken, ob Hanfstricke dabei waren, um die verhassten Ingles daran aufzuknüpfen. Er fragte sich, ob es der Wahrheit entsprach, dass zweitausend ehrbare Jungfrauen mehrere Jahre an den Fahnen und Bannern der Armada gestickt hatten, und musste plötzlich schmunzeln. Der Magister war ihm eingefallen, der angesichts der letzten Behauptung gewiss gesagt hätte, er könne sich für eine Jungfrau etwas Kurzweiligeres vorstellen als Sticken …

Dieser Gedanke holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Der Magister mochte dort drüben auf einem der Schiffe mitsegeln – er war dennoch für ihn gestorben. Er war auf der falschen Seite, und er hatte es selbst zu verantworten.

Ebenso, wie er seine Handlungen zu verantworten hatte. Er war als Cirurgicus an Bord der Camborne gekommen, und als solcher hatte er alles zu tun, um die beste ärztliche Versorgung für Kranke und Verwundete sicherzustellen. Dazu gehörte nicht nur die Vorbereitung auf alle Eventualitäten – diesbezüglich glaubte er, umfassend vorgesorgt zu haben –, dazu gehörte auch ein gesunder Arzt. Und gesund fühlte er sich im Augenblick nicht. Ihn fror, er hatte kalte Füße, und er zitterte. Außerdem hatte er trotz der Wachstuchkleidung keinen trockenen Faden mehr am Leib. Er brauchte dringend frische, warme Leibwäsche, und um die zu bekommen, würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als seine Kammer aufzusuchen. Seine Kammer, in der Isabella sich breitmachte.

»Mir reicht’s erst einmal, McQuarrie«, sagte er. »Ich gehe in meine Kammer.«

»Aye, Sir.« Der Schotte grinste. »Einen schönen Gruß an Lady Nina.«

»Danke.« Vitus verließ das Kommandantendeck.

Er hatte nicht die Absicht, den Gruß auszurichten.

 

 

 

Isabella saß am Tisch und las im Schein einer Laterne ein Buch. Als er eintrat, blickte sie auf und zeigte ihre schönen Zähne. »Da bist du ja endlich, wo warst du letzte Nacht?«

Er trat näher und sah, dass sie sich in das Buch De morbis vertieft hatte. »Das ist mein Buch!«

»Natürlich ist es dein Buch. Dadurch, dass ich darin lese, stehle ich es dir nicht.«

»Was hast du damit zu schaffen?«

»Ich finde es höchst interessant. Besonders, was die alten Meister bei einer Erkältung anraten.«

»Das weiß ich selbst.«

»Du hältst dich aber offenbar nicht daran. Dass bei dir ein Schnupfen im Anmarsch ist, sieht ein Blinder. Zieh das nasse Zeug aus. Wie kannst du nur in diesem Zustand draußen herumlaufen.«

»Ich bin nicht draußen herumgelaufen, ich habe die Armada gesehen.«

»Was? Wieso sagst du das erst jetzt? Wie groß ist sie? Wohin segelt sie? Was hat sie vor?«

Er zog den nassen Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. »Dass sie in Sichtweite ist, müsstest du eigentlich auch unter Deck mitbekommen haben. Nun, vielleicht hat es am heulenden Wind gelegen.«

»Du sollst mir mehr über die Armada erzählen!«

»Sie ist gewaltig. Nur der Himmel weiß, ob wir sie je besiegen können.«

»Das ist es, was ich immer sage! Niemand kann unserer Seemacht etwas entgegensetzen. Sei froh, dass du mit mir verheiratet bist, als Mann einer Spanierin wird es dich nicht den Kopf kosten.«

»Lächerlich!« Er zog weitere Kleider aus und hielt dann inne. »Dreh dich um, ich möchte frische Leibwäsche anziehen.«

»Gern, Liebster.« Wider Erwarten gehorchte sie prompt.

Er zog den Rest seiner Wäsche aus und grub in seiner Kiepe nach langer Unterhose und Unterhemd.

»Findest du nichts Passendes?«

Er fuhr hoch und sah, dass sie sich umgedreht hatte. »Was soll der Unsinn!«

»Du siehst … gut aus.«

Er nahm ein Stück der nassen Wäsche und hielt es sich vor seine Blöße. »Wenn wir schon dazu verdammt sind, in einer Kammer zu hausen, sollten wir wenigstens die Grundregeln des Anstands beherzigen.«

»Ich bin aber nicht anständig.« Sie griff nach einem trockenen Tuch und begann mit der größten Selbstverständlichkeit, ihm den Leib abzureiben. »Du wolltest doch wohl nicht nass in die neuen Kleider steigen?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Damit machst du den Schnupfen nur noch schlimmer.«

Er schwieg, denn natürlich hatte sie recht. Außerdem war es nicht unangenehm, von ihr umsorgt zu werden. Er würde sie gewähren lassen, sich dann in seine Koje legen und eine Mütze voll Schlaf nehmen. Spätestens morgen, so sah es aus, würde es zum Kampf mit den Dons kommen. Dann musste er wieder einsatzfähig sein.

»Bleib, wie du bist«, sagte sie, »ich bin gleich wieder da.«

Wohin willst du denn bei dem Wetter?, wollte er rufen, aber sie war schon draußen.

Nur Minuten später war sie wieder da, jedoch nicht allein, sondern in Begleitung des Zwergs. Der Winzling hüpfte über das Süll und knallte eine irdene Kruke auf den Tisch. »Obacht un wahrschau, Örl«, fistelte er, »der Trank is hitzich wie’s Feuer im Funkhartl. Kräuter sin drin, Weidenrinde un Kamille un Sonnenhut, sollst schwitzich sein un warme Treter ha’m, bis der Schnüffler perdu is.«

»Danke, Zwerg.« Vitus fühlte, wie ihm ein Kälteschauer über den Rücken fuhr. »Ich lege mich ein wenig hin, dann geht es wieder.«

»Nix da! Blausinn. Sollst erst den Trank schmettern.«

Vitus fügte sich. Er nahm auf der Koje Platz und sah zu, wie der Wicht einen Becher mit dem Gebräu füllte. »Nu schmetter schon.«

»Tu, was der Zwerg sagt«, fiel Isabella ein.

Vitus hob den Becher an die Lippen und merkte, wie seine Zähne gegen den Rand schlugen. Er fühlte sich tatsächlich ziemlich elend.

Isabella sagte: »Bei den alten Meistern steht, du sollst schwitzen, am ganzen Körper schwitzen, und darfst auf keinen Fall kalte Füße haben.«

»Ja, ja, schon richtig«, knurrte er.

Der Zwerg füllte den Becher nach und wisperte: »Schmetter schnell. Der Kräuterplempel is schon lau. Un hör nich auf die Metze, auch wennse mir alles nachplappert.«

»Was hast du eben gesagt, Zwerg?« Isabella hatte feine Ohren.

»Nix, du Schlitzhase! Bin sowieso schon wech. Wenn du noch was für’n Örl stechen willst, Schlitzhase, sach Bescheid. Für’n Örl geb ich alles. Adjö.« Der Kleine hüpfte zur Tür hinaus.

Vitus seufzte und legte sich hin. Er hatte beschlossen, Isabella einfach nicht zu beachten, doch das war leichter gedacht als getan, denn sie sprach pausenlos mit ihm, fragte ihn, ob er noch mehr von dem Trank wolle, ob er eine zweite Decke wolle, ob er kalte Umschläge für die Stirn wolle und so weiter.

Irgendwann fauchte er sie an: »Lass mich in Ruhe, ich habe nicht mehr als einen kleinen Schnupfen und ein wenig Fieber. Je weniger du sagst, desto schneller werde ich genesen.« Aber während er sie anpfiff, begannen seine Zähne wieder zu klappern und Kälteschauer über seinen Rücken zu laufen.

Sie ging nicht auf ihn ein. »Es ist nicht gerade warm in der Kammer«, sagte sie. »Ein Kohlenbecken wäre gut, aber wir haben keines. Ich werde den Capitán darum bitten.«

Er wollte protestieren, aber sie war schon fort.

Wenig später kam sie mit einem Matrosen, der vorsichtig ein brennendes Kohlenbecken auf einem Dreibein trug. Sie sorgte dafür, dass er es in Vitus’ unmittelbarer Nähe abstellte, damit die Wärme auf seinen Körper abstrahlen konnte. Als der Matrose gegangen war, fragte sie: »Schwitzt du schon?«

»Mich friert.« Er war ihre Fürsorge leid und drehte sich zur Wand. Er wollte schlafen, aber er wurde abgelenkt. Kleiderrascheln drang an sein Ohr. Was hatte das zu bedeuten? Er schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen.

Doch das Gegenteil trat ein.

Plötzlich merkte er, wie sie seine Bettdecke anhob und zu ihm in die Koje kroch. Er fuhr hoch, wurde aber wieder in die Kissen gedrückt. »Ich lege mich an deinen Rücken«, sagte sie. »Der Hautkontakt ist wichtig. Aber keine Angst, ich werde dich nicht unsittlich berühren. Ich will dich nur mit meinem ganzen Körper wärmen.«

Er grunzte irgendetwas. Es sollte abweisend klingen, aber es hörte sich eher zustimmend an. Der Grund dafür war ihre betörende Nähe. Der Duft ihres Haars und ihrer Haut. Dennoch war es unmöglich, was sie tat.

Aber es war sehr angenehm.

Und wenn es zehnmal angenehm war: Es ging nicht. »Verlasse meine Koje.«

Statt ihm zu gehorchen, drückte sie sich fester an ihn. Er spürte, dass sie nackt war. »Verlasse meine Koje … bitte.«

»Nein.«

Da war es wieder, ihr hartes, trotziges Nein. Stets widersetzte sie sich damit seinen Wünschen. Aber wünschte er wirklich, dass sie seine Koje verließ? »Ich muss schlafen.«

»Ist dir jetzt wärmer?«

»Äh, ja.«

»Dann schlafe … Liebster.«

 

 

 

Am Sonntagmorgen bei sechs Glasen schlug Vitus die Augen auf. Der Klang der Schiffsglocke hatte ihn geweckt.

»Fühlst du dich besser?«, fragte Isabella.

»Ja«, sagte er und musste an die vergangene Nacht denken. Viel wusste er nicht mehr über sie, nur dass er immer dann, wenn er wach wurde, Isabellas wärmenden Körper in seinem Rücken gespürt hatte. Trotz aller Bedenken, die ihm gekommen waren, hatte er sie gewähren lassen. »Ich glaube, ich bin wieder gesund. Habe ich draußen etwas verpasst?«

»Die Morgenandacht im ersten Tageslicht. Capitán Steel hat sie gehalten und irgendeinen Unsinn erzählt von einem Mond, der seinen Schein verlieren wird. Genau konnte ich es durch die Wände nicht hören.«

Vitus wollte aufstehen und merkte, dass er nackt war. »Gib mir meine Wäsche. Sie müsste inzwischen trocken sein. Dreh dich um und bleibe so, sonst …«

»Was sonst?« Isabella schob ihr schönes Kinn vor.

»Nichts. Dreh dich um.«

Sie gab ihm die Wäsche und wandte sich ab.

Er zog sich an und spürte den trockenen Stoff auf seiner Haut. Der Stoff fühlte sich bei weitem nicht so angenehm an wie Isabellas Haut. »Es ist ein Vers aus dem Matthäusevangelium.«

»Wovon redest du?« Sie wandte sich ihm wieder zu, aber er hatte seine Blöße bereits verhüllt.

»Von Steels Morgenandacht, in der er von dem Mond und seinem verschwindenden Schein gesprochen hat. Es ist eine Passage aus dem Matthäusevangelium, ich glaube, Kapitel dreiundzwanzig oder vierundzwanzig.«

»Es scheint, du kennst dich aus in der Schrift.« Isabellas Stimme klang, als mache sie sich über ihn lustig.

»Vergiss nicht, ich bin Klosterschüler gewesen«, sagte er ernst.

»So hast du dich letzte Nacht auch verhalten.«

Darauf fiel ihm nichts ein. Er zog sich fertig an, setzte ein Barett auf und wollte an Deck gehen, doch sie hielt ihn auf. »Warte, ich komme mit.«

»Ich weiß nicht, ob Captain Steel das gern sähe.«

»Das wird er bestimmt. Ich weiß, wie man ältere Herren um den Finger wickelt.«

Das kann ich mir vorstellen, wollte er sagen, unterließ es aber. »Na schön, dann komm mit.«

An Deck erklommen sie den Niedergang hinauf zum Kommandostand und entdeckten dort McQuarrie und Abbot. Die beiden Schotten hatten ein scharfes Auge auf die Fahrt der Camborne, die unter einem grauen Himmel die See durchpflügte. Vor ihr kreuzte das Geschwader auf der erwünschten Luvposition und davor in dichter Formation die Armada.

Isabella wollte angesichts des gewaltigen Halbmonds einen Schrei des Entzückens ausstoßen, wurde aber durch einen Ruf aus dem Krähennest des Fockmasts daran gehindert: »Schiffe voraus!«

»Was für Schiffe?« Die Frage kam von Kapitän Steel, der in diesem Moment hinzutrat.

»Drakes Geschwader, Sir! Ich erkenne die Revenge und die White Bear!«

»Gut. Hat es also doch geklappt! Wollen mal sehen, ob wir die Dons nicht von zwei Seiten angreifen können! Mister Abbot, lasst die Bramsegel an Haupt- und Fockmast setzen, wir wollen näher ran an Howards Geschwader.«

»Aye, aye, Sir.« Abbot waltete seines Amtes.

»Nun, Mylady« – Steel wandte sich mit einer Verbeugung an Isabella –, »wie ich sehe, habt Ihr mit Eurem Gatten den Weg zum höchsten Punkt meines Schiffs gefunden. Ihr werdet von hier eine treffliche Aussicht haben, wenn unsere Geschwader den Kampf gegen die Armada aufnehmen. Allerdings muss ich darauf bestehen, Euch unter Deck schicken zu dürfen, wenn die Situation brenzlig wird.«

Isabella strahlte ihn an. »Aber wir sind doch nur ein Lazarettschiff und werden nicht aktiv in die Kämpfe eingreifen, Capitán, oder?«

»Stimmt, Mylady. Wir sind nur ein Lazarettschiff. Aber im Zweifelsfall werden wir nicht tatenlos zusehen, wenn uns jemand an die Gurgel will. Wir werden den Dons dann eine gehörige Lektion erteilen.«

»So, werdet Ihr das?«

Etwas in Isabellas Augen warnte Steel. Er trat einen halben Schritt zurück und verbeugte sich wieder, diesmal allerdings recht hastig. »Verzeihung, Mylady, mir fällt gerade ein, dass Ihr Spanierin seid. Vielleicht schlägt Euer Herz für die Sache der Armada.« Er machte eine Pause und fügte dann geschmeidig hinzu: »Andererseits schlägt es sicher auch für uns, denn Ihr seid die Gemahlin eines englischen Earls.«

»Das bin ich.« Isabella schaute wieder etwas verbindlicher drein. »Aber ich bin auch eine Nichte des Herzogs von Medina Sidonia, Alonso Pérez de Guzmán El Bueno, und ebender ist Oberbefehlshaber der Armada. Sagen wir also, der Bessere möge gewinnen.«

Steel schien Zweifel an der hohen Abstammung seines Gasts zu haben, dennoch wirkte er erleichtert. »Ha, ha, sehr gut gesagt, darauf können wir uns einigen, Mylady. Der Bessere möge gewinnen!«

Doch bevor die eigentlichen Kämpfe begannen, preschte die kleine Disdaine vor, schoss eine Kugel in Richtung Armada und machte, dass sie wieder zurück ins eigene Geschwader kam. Steel sah es und kommentierte das Geschehen: »Dass ausgerechnet die Disdaine den eisenrunden Fehdehandschuh hingeworfen hat, passt gut, denn mehr als Verachtung haben wir für die Dons nicht übrig.«

Auf Isabellas Stirn entstand eine steile Falte, und Vitus raunte ihr rasch zu: »Du wirst jetzt schweigen, Liebste, oder in deine Kammer zurückgehen!«

Und Isabella schwieg tatsächlich in den kommenden Stunden, denn sie wollte unbedingt die Kämpfe sehen. Sie litt und frohlockte wortlos, je nachdem, welche Seite im Vorteil war. Ihre Augen jubelten, als das Levante-Geschwader zu Howards Schiffen auf Parallelkurs ging, um die Schlacht zu eröffnen, sie verdunkelten sich, als sie sah, dass die Engländer dreimal so schnell schossen wie ihre Landsleute, deren Kanonen nicht annähernd die Reichweite ihres Gegners hatten. Sie jubelten erneut, als sich auf dem linken Flügel des Halbmonds die mächtige San Juan de Portugal absetzte, um Drakes Geschwader anzugreifen, sie jubelten noch mehr, als sich zeigte, dass die San Juan den Engländern eine Falle gestellt hatte, denn kaum waren die Revenge unter Drake, die Victory unter Hawkins und die Triumph unter Frobisher heran, wurden sie in die Zange genommen von Schiffen des Biskaya- und Levante-Geschwaders. Ihre Augen verdunkelten sich, als die Engländer dank ihrer Schnelligkeit mit knapper Not entkamen. Und sie verdunkelten sich noch mehr, als der Fockmast der San Juan fiel. Grimmig schaute sie drein, als wenig später das Flaggschiff des andalusischen Geschwaders, die Nuestra Señora del Rosario, die Santa Catalina rammte und sich dabei schwere Schäden zuzog …

Jubelnd, trauernd, jauchzend, leidend – so verfolgte Isabella die stundenlange Schlacht, fluchte insgeheim, wenn der Rauch der Kanonen sich wie schwarze Wolken über Freund und Feind legte und eine Beobachtung unmöglich machte, fügte sich widerstrebend, wenn der Kommandant sie in dieser oder jener Situation vorsorglich unter Deck schickte, kam jedes Mal wieder zurück, umklammerte mit den Händen die Reling, stöhnte, schnaubte, keuchte und bemerkte gar nicht, dass Steel, McQuarrie, Abbot und selbst Vitus sie manches Mal mit spöttischen Blicken streiften.

Das größte Entsetzen jedoch packte sie, als kurz nach der Schlacht eine gewaltige Explosion die Trommelfelle fast zum Platzen brachte. Die San Salvador, ein mit fünfundzwanzig Kanonen bestücktes, riesiges Schiff des Guipúzcoa-Geschwaders aus dem Baskenland, war in die Luft geflogen. Ein Feuerball, hoch wie eine Kathedrale, hatte über dem Rumpf gestanden und anschließend ein Bild der Verwüstung preisgegeben.

Verzweifelte Männer hasteten wie Ameisen über das Schiff, versuchten zu retten, was zu retten war, löschten Flammen, kappten Tauwerk, bargen Verletzte aus dem Wasser, während andere sich bemühten, starke Trossen zu spannen, damit ihr waidwundes Schiff zurück in den Schutz des hölzernen Halbmonds geschleppt werden konnte.

Steel ließ den normalen Abstand zu Howards Geschwader wieder herstellen und sagte zu Isabella: »Mylady, das, was Ihr heute gesehen habt, war nur ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen wird. Aber Ihr seid sicher mit mir einig, dass die Vorteile auf unserer Seite waren. Zwei oder drei Schiffe der Spanier sind erheblich beschädigt, und die San Salvador ist nur noch ein Wrack, eine Belastung für den Herzog und seinen Halbmond, mehr nicht.«

Isabella, die neben Vitus stand, schwieg. Dann sagte sie trotzig: »Der Herzog von Medina Sidonia, Alonso Pérez de Guzmán El Bueno, hat wichtigere Ziele, als sich mit Hackenbeißern herumzuschlagen. Er ist auf dem Weg, England zu erobern.«

Steel schnappte nach Luft. »Mylady, bei allem Respekt, ich muss doch sehr bitten! Ihr seid Gast auf einem Schiff Ihrer Majestät …«

»Captain Steel hat völlig recht«, bekräftigte Vitus. Dein Verhalten ist unmöglich!«

»So, ist es das?«

»Herrgott noch mal, ja! Das musst du doch selbst sehen!«

Isabella schürzte die Lippen. »Das Einzige, was ich sehe, sind drei Männer, die da im Wasser treiben!« Sie deutete mit der Hand nach backbord, wo in zweihundertfünfzig Yards Entfernung ein Beiboot kieloben herantrieb. An seinen Rumpf klammerten sich drei Gestalten, die mehr tot als lebendig zu sein schienen.

Steel spähte hinüber und stellte fest: »Der Kleidung nach sind es Spanier. Einer davon dürfte Offizier sein, die anderen beiden sind einfache Matrosen. Wahrscheinlich sind sie von der San Salvador. Arme Teufel, spätestens in drei Tagen werden sie ertrunken oder verdurstet sein.«

»Nein!«

Steel stutzte. »Habt Ihr eben ›nein‹ gesagt, Mylady? Ich versichere Euch, dass ein Schiffbrüchiger unter den gegebenen Umständen kaum länger als zwei, höchstens drei Tage überleben kann.«

»Ich möchte, dass Ihr die Männer an Bord Eures Schiffs holt, Capitán.«

Steel staunte, unterdrückte ein Aufstoßen und lachte dann. »Alles, was recht ist, Mylady, aber wie stellt Ihr Euch das vor? Wir sind im Krieg mit den Dons, da geht es hart auf hart. Wir hätten viel zu tun, wollten wir jeden Einzelnen von ihnen auffischen. Und nebenbei: Eure geschätzten Landsleute würden es im umgekehrten Fall auch nicht tun.«

»Por favor, Capitán!« Isabellas Augen schienen Steel zu durchbohren.

Vitus kam ihr unerwartet zu Hilfe: »Sir, als Arzt möchte ich mich der Bitte meiner, äh, Frau anschließen. Ich kann es nicht zulassen, dass Ihr das Todesurteil über diese Männer sprecht.«

Steel rang mit sich. Da er im Prinzip eine gutmütige Natur hatte und selbst einmal aus Seenot gerettet worden war – wenn auch nicht von Spaniern, sondern von englischen Fischern –, gab er schließlich nach und sagte: »Meinetwegen, aber auf Eure Verantwortung, Mylord.«

»Danke, Captain«, sagte Vitus.

»Danke, Capitán«, sagte Isabella.

Und eine Träne lief ihr über die Wange.