Der Schiffsschreiber Tipperton
»Ihr müsst wissen, Sir, dass ich seit Jahren auf dem Gut des Captains lebe, ja, ich darf wohl sagen, dass ich fast ein Familienmitglied bin.«
Am 15. Mai um die Mittagszeit erschienen zwei Reiter auf dem Ausrüstungskai, staubbedeckt und sichtlich erschöpft. Sie saßen ab, übergaben ihre Pferde einem Hilfsmann und schritten auf die Falcon zu. Bei dem einen handelte es sich um Sir Hippolyte Taggart, wie man unschwer an seiner Gesichtsnarbe erkennen konnte, bei dem anderen um Tipperton, seinen ungeliebten Schreiber.
Wenn jemand die beiden gesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, dass Taggart viel leichtfüßiger ging als noch vor wenigen Monaten. Aber es beobachtete sie niemand, weil alle Falcons wie die Teufel damit beschäftigt waren, ihr Schiff wieder in einen stolzen Falken zu verwandeln.
So kam es, dass Taggart erst auf der Laufbrücke entdeckt wurde und dass McQuarrie im letzten Augenblick herbeieilte, um auf dem Hauptdeck Meldung zu machen. Er tat dies in strammer Haltung und großer Ausführlichkeit.
Als er geendet hatte – mehrere Minuten waren vergangen –, blaffte Taggart: »Die Oberwerke waren früher grün-weiß gestrichen, jetzt sind sie schwarz-weiß. Wieso?«
McQuarrie lächelte entwaffnend. »Wir hatten kein Grün mehr, Sir. Wir haben uns gedacht, weil die Oberwerke der guten alten Elizabeth Bonaventure ebenfalls schwarz-weiß sind …«
»Schon gut. Und was ist mit den Barkhölzern am Rumpf? Sie sehen aus wie die abgewetzten Beine eines Küchenschemels!«
»Sind in Arbeit, Sir. Wir haben sie erst einmal vorgestrichen, die Ockerfarbe kommt morgen drauf.«
»Aha, ist auch schwarzbraune Farbe da?«
»Aye, Sir, ich denke schon.«
»Dann nehmt die, ich hasse Ocker; Ocker erinnert mich immer an Dünnschiss.« In Taggarts Gesicht deutete sich etwas an, das als Grinsen ausgelegt werden konnte. »Ansonsten recht gute Arbeit, McQuarrie. Freue mich übrigens, Euch an Bord zu sehen, muss später sowieso mit Euch sprechen. Wo ist übrigens der Cirurgicus?«
»Hier, Sir!« Vitus kam mit großen Schritten über das Deck gelaufen.
Taggart nahm den Hut ab und beugte das Haupt. »Es ist mir eine Ehre, mit Euch auf Fahrt gehen zu dürfen, Mylord. Ich soll beste Grüße von Maggy, meinem Weib, ausrichten und natürlich auch von Lordadmiral Howard.«
Vitus verbeugte sich ebenso. »Vielen Dank, Sir. Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Bitte sprecht mich genauso an wie früher, denn der Earl hat hier an Bord nichts zu suchen. Er hat wieder dem Cirurgicus Platz gemacht.«
»Das soll mir recht sein – Cirurgicus.« Taggarts schiefer Mundwinkel produzierte ein noch stärkeres Grinsen. »Dann wollen wir keine Zeit verlieren. Ihr wisst ja um die Dringlichkeit unseres Auftrags. Wir treffen uns in einer halben Stunde in meiner Kajüte zu einem ersten Gespräch. Teilnehmer: Ihr, McQuarrie und meine Wenigkeit. Tipperton wird für Getränke sorgen und bei Bedarf hinzugezogen … Tipperton, hört Ihr mir überhaupt zu?«
Der Schreiber, der zwischenzeitlich in die Wanten gegafft hatte, wo die Matrosen wie die Äffchen herumturnten, zuckte zusammen. »Äh, selbstverständlich, Sir.«
»Dann wiederholt mal, was ich eben gesagt habe.«
Tipperton fuhr sich mit der Hand verlegen in den Kragen. »Nun, Sir, äh, ich bin gerade abgelenkt worden. Vielleicht …«
»Vielleicht solltet Ihr in Zukunft besser zuhören, sonst ersteche ich Euch mit Euren eigenen Federkielen!«
Eine halbe Stunde später erschien Vitus pünktlich in Taggarts Kajüte, wo für die Ankunft des Kapitäns alles gründlich aufgeräumt und entstaubt worden war. Aber Taggart wäre nicht Taggart gewesen, wenn er nicht trotzdem etwas auszusetzen gehabt hätte, deshalb knurrte er: »Wenn ich früher am Kartentisch saß, zeigte der Globus mir immer die Seite mit Neu-Spanien, jetzt muss ich mir auf einmal Cathai und Cipangu ansehen – dabei war ich noch niemals in China und Japan, und ich will verdammt sein, wenn ich jemals dahinkomme. Irgendein Ignorant hat den Globus verdreht. Tipperton!«
Taggart musste mehrmals rufen, bis der Schreiber erschien. »Ich hörte meinen Namen, Sir?«
»Wie kommt Ihr dazu, meinen Globus zu verdrehen?«
»Aber Sir, ich habe nichts verdreht. Ich bin doch eben erst an Bord gekommen.«
»Ihr seid wie ich seit einer halben Stunde an Bord. Wollt Ihr etwa behaupten, Ihr hättet in dieser Zeit nicht die Gelegenheit gehabt, den Globus wieder auszurichten?«
»Verzeihung, Sir.«
»Bettelt nicht um Verzeihung, sondern schafft Getränke herbei. Ich trinke Rheinwein.«
»Sir, mit Verlaub, es ist erst früher Nachmittag. Normalerweise pflegt Ihr erst gegen fünf ein Gläschen zu trinken.«
»Papperlapapp!« Taggart wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Irgendwo auf dieser Welt ist es bestimmt schon fünf, also los!«
Tipperton verschwand, und Taggart begann das Gespräch, indem er sagte: »Hier hat sich viel verändert, Cirurgicus, zu viel nach meinem Geschmack. Aber in einem Jahr geschieht eine Menge, vier Jahreszeiten laufen darin ab, und was das bedeutet, sieht man meiner Falcon an allen Ecken und Enden an.«
»Wir haben getan, was wir konnten, Sir.« Vitus malte sich aus, was Taggart wohl vor ein paar Tagen zum Zustand seines Schiffs gesagt hätte. Sein Kommentar wäre gewiss nicht so zurückhaltend ausgefallen.
»Natürlich habt Ihr das. Und es ist ein Segen, dass Ihr, McQuarrie, wieder den Weg zu mir gefunden habt. Dorsey soll ja auch an Bord sein, für ihn gilt dasselbe. Wo ist er übrigens?«
»Wir haben gerade mit der Übernahme der gereinigten Culverines begonnen, Sir. Rohre und Schildzapfen glänzen wieder wie neu. Dorsey beaufsichtigt die Arbeiten«, antwortete McQuarrie.
»Schön. Ohne Geschütze ist ein Kriegsschiff wie ein Tiger ohne Zähne.« Taggart schielte zur Tür, hinter der Tipperton die Getränke vorbereitete, und fuhr fort: »Aber nicht sämtliche Männer haben den Weg zu mir zurückgefunden. Der Wind hat sie in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ich will das nicht beklagen, aber vereinfachen tut es unsere Mission nicht. Dass John Fox mittlerweile sein eigenes Schiff befehligt, ist bis zu mir auf die Isle of Wight gedrungen, und dass Pigett, dieses Spottbild eines Offiziers, stiften gegangen ist, habt Ihr, Cirurgicus, mir erzählt. Gnade ihm Gott, wenn ich ihn irgendwo erwische. Ich werde ihn vor ein Kriegsgericht zerren und ihm seinen hirnlosen Schädel abschlagen lassen!«
»Aye, Sir«, sagte McQuarrie, »ich kenne Samuel Pigett von früher, um den ist es nicht schade.«
»Scott und Dilling, die beim Überfall auf Cádiz gute Arbeit mit ihren Culverines geleistet haben, sind auch nicht mehr dabei. Dafür haben wir Mahon und Reffles. Sie sind mindestens genauso erfahren. Ich werde beide zu Stückmeistern im Range eines Maaten befördern. Und da wir gerade bei Beförderungen sind, ich werde Euch, McQuarrie, zu meinem Ersten machen.«
»Sir!« Dem drahtigen Schotten fiel die Kinnlade herab. Dann sprang er auf und tanzte vor Freude ein paar Schritte der Hornpipe. »Ich danke Euch, Sir, ich danke Euch! Ich werde mich Eures Vertrauens …«
»Setzt Euch, McQuarrie. Euer Gehüpfe ist eines Offiziers nicht würdig.«
»Äh, aye, aye, Sir.« Leicht ernüchtert nahm McQuarrie wieder Platz.
»Da ich auch einen Zweiten Offizier brauche, will ich Dorsey dafür vorsehen. Er ahnt zwar nichts von seinem Glück, aber er wird es noch früh genug erfahren. Wie ich höre, haben sich die Hilfsmaate Hutch und Jack ebenfalls recht anständig gehalten. Sie werden zu Maaten befördert. Der Rest meiner Falcons macht Dienst wie immer.«
»Nun, Sir«, ergriff Vitus das Wort, »da ist noch etwas, das Ihr wissen müsst.« Er berichtete notgedrungen, in welch erbärmlichem Zustand er die Mannschaft vorgefunden hatte, und dass sämtlichen Spangenträgern der silberne Falke abgenommen worden war. »Ich hielt es für absolut notwendig, Sir, und hoffe, die Maßnahme ist ein Ansporn für alle, sich wieder in den Besitz der Auszeichnung zu bringen.«
Taggart schürzte die Lippen. Nach einer Weile sagte er: »Das Schiff muss katastrophal ausgesehen haben, wenn Ihr eine derart drakonische Strafe verhängt habt, und ich billige Euren Befehl.«
»Danke, Sir.«
»Sollten die Leute sich auf dieser Reise wieder wie echte Falcons benehmen, werden sie die Spange zurückbekommen. Wie viele Mannschaftsdienstgrade haben wir genau?«
Vitus rechnete rasch nach. »Die neu ernannten Maate abgezogen, sind es dreißig Mann.«
»Was, nur dreißig Mann?« Taggarts Mundwinkel zuckte. »Damit kann ich gerade mal das Schiff segeln, aber wer soll die Geschütze bedienen? Ein Seemann ist kein Pulveraffe!«
Vitus und McQuarrie blickten sich ratlos an. Schließlich sagte Vitus: »Von den dreißig Mann sind fünf oder sechs Kanoniere, Sir. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als zusätzlich einige Matrosen an den Geschützen auszubilden. Mahon und Reffles wird das sicher gelingen.«
»Aha, welch großartige Idee.« Taggart klang leicht ironisch.
Vitus setzte nach. »Wir können die Falcon auch mit nur acht oder zehn Mann in Fahrt halten, Sir, der Rest könnte im Gefecht die langen Culverines bedienen, das heißt, sechs oder sieben Geschütze stünden dann zur Verfügung.«
»Ja, ja.« Taggart trommelte wütend mit den Fingern auf dem Kartentisch. »Das könnten wir. Aber es muss trotzdem mal gesagt werden: Das Ganze ist eine gottverdammte Scheiße!«
»Oh, nein, Sir!« Tipperton stand in der Tür, ein Tablett mit Gläsern balancierend. »Bei allem Respekt, es ist Rheinwein, guter Rheinwein, und für den Cirurgicus ist es ein mit Vanilleschoten gewürzter Brandy, und für den Ersten Offizier ebenfalls.«
»Ihr versteht wie immer gar nichts, Tipperton«, blaffte Taggart. »Woher wisst Ihr überhaupt, dass McQuarrie Erster Offizier werden wird? Ihr hattet Eure Segelohren wohl schon wieder hinter der Tür aufgespannt?«
Tipperton schwieg beleidigt und begann die Gläser auszuteilen.
»Worauf trinken wir, Sir?«, fragte Vitus.
Taggart überlegte einen Augenblick. »Da Dorsey nicht anwesend ist, sollten wir erst später auf die Beförderung unserer neuen Offiziere trinken, halten wir es deshalb so, wie wir es immer halten: Bringen wir einen Toast auf unsere Jungfräuliche Königin aus, sie möge lange leben, in Gesundheit, Glück und, äh, Frieden. Nun, Gentlemen, mit dem Frieden wird es wohl vorerst nichts werden, aber den Krieg, den werden wir gewinnen! Cheers!«
»Cheers!«
»Cheers!«
Während die Arbeiten am Schiff pausenlos weitergingen, jetzt unter den Argusaugen von Taggart, der wie eine einsame Statue auf dem Kommandantendeck stand, zog Vitus sich am Nachmittag in Halls Kammer zurück. Er wollte die Zeit vor der Abfahrt dazu nutzen, einen Brief an Nina zu schreiben. Nach mehrfachen Versuchen, die richtigen Worte zu finden, lasen sich seine Zeilen so:
an Bord der Falcon,
Mittwoch, 15. Maius 1588
Meine Liebste,
ich hoffe, Keith hat Dir meine Grüße übermittelt und Dir gesagt, dass ich wohlauf bin. Die Abreise der Falcon hat sich um einige Zeit verzögert, was niemand mehr bedauert als ich. Wie gern wäre ich bereits wieder zurück und würde Dich und die Kinder in die Arme schließen! Ihr fehlt mir sehr, besonders Du, meine Liebste. Ich fürchte, ich bin heute ein ungeschickter Schreiber, denn es will mir nicht gelingen, meine Liebe zu Dir in die richtigen Worte zu kleiden. Bitte verzeih mir!
Auf ein baldiges und glückliches Wiedersehen.
Ich bin für immer der Deine.
Vitus
Er war keineswegs zufrieden mit seinem Geschreibsel, es kam ihm zu steif und distanziert vor, dennoch faltete er den Brief zusammen, versiegelte ihn und steckte ihn in eine Segeltuchtasche. Vielleicht würde Tipperton so freundlich sein und auf dem Kai nach einem Kurier Ausschau halten, der nach Greenvale Castle ritt.
Es klopfte. Vitus erwartete den Zwerg, da er sich sonst niemanden denken konnte, der ihn um diese Zeit sprechen wollte. Umso überraschter war er, als Tipperton die kleine Kammer betrat. »Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, Sir?«
»Nein, Tipperton, ob Ihr es glaubt oder nicht, ich habe gerade an Euch gedacht.«
»Oh, aha.« Es war Tipperton anzusehen, dass er nicht wusste, wie er die Antwort deuten sollte.
»Ich wollte Euch bitten, diesen Brief für mich auf die Reise zu schicken. Würdet Ihr das tun? Einen Obolus für die Überbringung habe ich beigelegt.«
»Äh, selbstverständlich, Sir.« Tipperton nahm die Segeltuchtasche an sich und blieb unschlüssig stehen.
»Nehmt Platz, Tipperton.« Vitus deutete auf die gegenüberliegende Koje.
»Danke, Sir.« Tipperton ließ sich umständlich nieder.
»Was kann ich für Euch tun?« Vitus setzte sich ebenfalls. Rasch überlegte er, ob er dem Schreiber etwas anbieten sollte, aber das hätte wohl nicht gepasst.
»Nun, der Grund für meinen Besuch bei Euch« – Tipperton räusperte sich – »ist etwas delikater Natur.«
»Was Ihr nicht sagt.«
»Ja, in der Tat.« Erneutes Räuspern. »So ist es.«
»Ihr macht es spannend.«
»Es geht um den Captain, Sir.«
Vitus schwieg.
»Tja, wie gesagt, es geht um den Captain. Ich wollte Euch bitten, sich seiner auf dieser Reise ganz besonders anzunehmen.«
»Deshalb bin ich an Bord.«
»Gewiss, gewiss. Das ist mir wohlbekannt.«
»Aha.« Vitus beschloss, die Rede des Schreibers nicht weiter zu unterbrechen. Je weniger er das tat, desto früher würde er wissen, was sein Besucher wollte.
»Ihr müsst wissen, Sir, dass ich seit Jahren auf dem Gut des Captains lebe, ja, ich darf wohl sagen, dass ich fast ein Familienmitglied bin.«
»Ach was?«, entfuhr es Vitus.
»Nicht wahr, das wusstet Ihr nicht.« In Tippertons Ton lag eine Spur Selbstgefälligkeit. »Es ist so, dass der Captain und ich uns seit Kindesbeinen kennen. Wir stammen beide aus demselben Dorf, Osborne heißt es und liegt östlich von Cowes auf der Isle of Wight. Wir waren Nachbarskinder und spielten häufig zusammen. Der Captain war schon damals ein Draufgänger. Er liebte die wilden Auftritte wie Fight the Knight, ein Spiel, bei dem ein Mädchen aus dem Dorf zum Burgfräulein erklärt wird und aus den Händen eines blutrünstigen Ritters befreit werden muss und so weiter …«
Vitus blieb stumm.
Tipperton sah sich genötigt, fortzufahren: »Ich dagegen hielt es eher mit den ruhigen Rätseln. Kennt Ihr Flutter, flutter butterfly oder I spy with my eye something beginning with …? Es ist ein ganz reizendes Spiel, bei dem eines der teilnehmenden Kinder einen Gegenstand in seiner Umgebung auswählt und dessen Anfangsbuchstaben nennt. Daraufhin müssen die anderen Kinder raten, wie der Name dieses Gegenstands ist. Wer ihn erraten hat, darf anschließend selbst die Aufgabe stellen. Wie gesagt, ein ganz reizendes Spiel.«
Vitus sagte noch immer nichts. Einerseits, weil er die genannten Spiele nicht kannte, andererseits, weil er aus dem Staunen nicht herauskam. Dass Taggart und sein schlafmütziger Schreiber einander seit Kindesbeinen kannten, war mehr als eine Überraschung.
Tipperton legte die Fingerspitzen aneinander und fuhr in seiner weitschweifigen Art fort: »Mit sechs kamen der Captain und ich – wir sind gleichaltrig, müsst Ihr wissen – auf eine Lateinschule. Da hieß es dann: Non scholae sed vitae discimus und später Gallia est omnis divisa in partes tres …«
»… quarum unam incolunt Belgae«, ergänzte Vitus, der sich entschlossen hatte, sein Schweigen zu brechen. »Auch ich habe nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt, und auch mir ist bekannt, dass ganz Gallien in drei Teile zerfällt, dessen einer von den Belgiern bewohnt wird. Worauf wollt Ihr eigentlich hinaus, Tipperton?«
»Ich habe lange geschwankt, Sir, und mich dann doch dafür entschieden, es zu wagen.«
»Aha, was denn?«
»Nun, äh, ich wollte Euch auf etwas aufmerksam machen, Sir, auf etwas sehr Wichtiges, aber wenn Ihr gestattet, führe ich meinen Gedanken noch schnell zu Ende.«
Vitus begann zu begreifen, warum Taggart so häufig der Kragen platzte, wenn er es mit seinem Schreiber zu tun hatte.
»Der Captain war, ich darf das ohne Übertreibung sagen, in Latein ein mäßiger Schüler, es haperte bei ihm hauptsächlich an den Vokabeln, die zu lernen er keine Lust hatte oder keine Zeit fand. Ich dagegen war, in aller Bescheidenheit angemerkt, ein sehr guter Schüler. Ich kannte meinen Caesar, meinen Ovid und auch meinen Vergil so gut, dass ich über mehrere Jahre Klassenprimus war. In dieser Zeit habe ich dem Captain unzählige Male während des Unterrichts geholfen, indem ich ihn abschreiben ließ oder ihm vorsagte. Er dagegen half mir bei Astronomie und Geometrie aus, denn der Inhalt dieser Fächer flog ihm wie von selbst zu. Außerdem verteidigte er mich stets, wenn andere Jungen mich verprügeln wollten. Vielleicht könnt Ihr Euch das schwerlich vorstellen, Sir, weil der Captain zu mir häufig, äh, recht grob ist, aber glaubt mir, im Zweifelsfall lässt er nichts auf mich kommen. Das war immer so, und das ist auch heute noch so.«
Vitus fasste sich weiter in Geduld.
»Es gab Zeiten, da sahen wir uns wochenlang nicht, weil der Captain insgesamt dreimal – nein, wartet, ich glaube, es war sogar viermal – von zu Hause ausriss. Immer zog es ihn zu den Schiffen im Hafen von Cows, sie übten eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Beim ersten Mal arbeitete er zwei Wochen auf einer Werft und fuhr anschließend mit einem Kohletransporter in die Irische See. Da war er neun Jahre alt, sah aber schon wie elf aus. Beim zweiten Mal war er elf, sah aber schon wie vierzehn aus, da hatte er auf einem Westindienfahrer angeheuert, doch sein Vater, ein trinkfreudiger Steinmetz und Grabsetzer, kam dahinter und holte ihn in letzter Minute vom Schiff herunter. Ihr könnt Euch vorstellen, Sir, was es danach für eine Tracht Prügel setzte. Beim dritten Mal …«
»Irgendwann ist der Captain dann mit Euch zusammen zur See gefahren.«
»Äh, sicher, Sir.« Tipperton wirkte leicht pikiert. »Aber bis dahin sollten noch Jahre vergehen. Wenn Ihr gestattet …«
»Überspringt die Jahre einfach.«
»Nun gut, ich bin nicht sicher, ob ich es tun sollte, aber wenn Ihr meint. Ich schenke mir dann die Schilderung, wie der Captain sich im Laufe der Jahre hochdiente, will auch darauf verzichten, Euch von Maggy, seinem Weib, zu berichten, das er bei einem Hahnenkampf in Cows kennenlernte. Wenn ich es recht erinnere, war es so, dass der Captain den Siegerhahn kaufte, damit zu Maggy ging und zu ihr sagte: ›Das ist der Hahn, der die Henne bekommen wird, die den Stall bekommen wird, der das Haus bekommen wird, das das Gut bekommen wird, das du bekommen wirst, wenn du mich heiratest.‹ Zugegeben ein recht ungewöhnlicher Antrag, aber Maggy nahm ihn an, und wie Ihr wisst, Sir, leben beide noch heute auf ihrem Gut – zusammen mit mir, wie ich hinzufügen möchte. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Ich versage mir auch, Euch von den Abenteuern des Captains Anfang der siebziger Jahre in der Karibik zu erzählen, und gehe auch nicht ein auf seine Erhebung in den Ritterstand, die unsere Jungfräuliche Königin höchstselbst vornahm, ebenso wie ich unerwähnt lassen will, in welchen Jahren die fünf Kinder des Captains geboren wurden.«
»Dafür bin ich Euch dankbar.«
»Äh, wie meinen? Ich denke, ich sollte ferner darauf verzichten, Euch die Namen der Kinder zu nennen und ihre besonderen Begabungen, obwohl so viel Zeit eigentlich sein müsste. Ich will mich beschränken auf den Hinweis, dass sämtliche Kinder mittlerweile aus dem Haus sind; aus den Jungen wurden Seefahrer wie ihr Vater, wenn man von dem einen verkrüppelten Knaben absieht, der mit einem Buckel geboren wurde. Die Mädchen wurden standesgemäß verheiratet, es handelt sich um Josy, eigentlich Josephine, und Dotty, eigentlich Dorothee. Josy heiratete den Reedersohn John McAllan aus Farmouth, das war, wenn ich nicht irre, im Jahre 69, Dotty heiratete den Sohn des Apothekers von Cows, Sylvester Hancock, das war zwei Jahre später, übrigens an einem ähnlich schönen Maientag wie heute. Dotty hat den Captain dreimal zum Großvater gemacht, Josy leider kein einziges Mal. Nun ja, das nur nebenbei. Außer dem Gesinde leben auf dem Taggart’schen Gut mithin nur noch vier Personen: Der verkrüppelte Sohn Connor, der inzwischen – lasst mich nachdenken – siebenunddreißig Jahre zählen müsste und leider noch immer unverheiratet ist, Maggy, die Gutsherrin, der Captain und meine Person. Was unser aller Verhältnis zueinander angeht, so darf ich sagen, dass es ein sehr gutes ist. Selbstverständlich sind wir alle per Du, was den täglichen Umgang miteinander durchaus erleichtert. Natürlich gilt das nur für den privaten Bereich. Ihr mögt das schon daran erkennen, Sir, dass der Captain und ich uns stets im Dienst ihrzen … Sir? … Ist etwas, Sir? Ihr sagt ja gar nichts?«
»Ich nahm an, Ihr wärt noch nicht fertig.«
»Sehr freundlich von Euch, mich nicht zu unterbrechen, Sir. In der Tat bin ich noch nicht fertig. Wenn ich über die eben genannten Dinge nicht näher gesprochen habe, so will ich das gern und ausführlich – Euer Interesse vorausgesetzt – an anderer Stelle nachholen. Vielleicht zu einem günstigeren Zeitpunkt. Sprechen allerdings muss ich mit Euch über den Gesundheitszustand des Captains. Ihr wisst um diese leidige Kniegeschichte. Wenn Ihr ihn fragen würdet, und ich bitte Euch, es nicht zu tun, wie es seinen Beingelenken geht, würde er selbstverständlich antworten, dass mit ihnen alles zum Besten steht – genau das aber wäre gelogen, äh, sagen wir lieber: nicht ganz richtig. Professor Banester in London hat sich in der Vergangenheit zwar alle Mühe gegeben und seine ganze Heilkunst aufgewandt, um eine Besserung herbeizuführen, aber es ist ihm nur vorübergehend gelungen. Anders formuliert: Die Knie zwicken nach wie vor. Es ist, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wohl etwas besser geworden, aber von einem Heilungserfolg kann leider keine Rede sein.«
»Als der Captain heute Mittag ankam, schien er aber ganz normal zu gehen.«
»Das ist es ja gerade, Sir! Der Captain beißt die Zähne zusammen, tut so, als wäre nichts, und leidet insgeheim Höllenqualen. Ich bitte Euch, lasst Euch nicht von dem oberflächlichen Eindruck täuschen und unternehmt etwas gegen die Schmerzen.«
»Ich werde sehen, was ich machen kann. Aber zu einer erfolgreichen Behandlung gehören immer zwei: Einer, der behandelt, und einer, der sich behandeln lässt.« Vitus dachte, dass schmerzende Gelenke zu den größten Herausforderungen eines Arztes gehörten. Wenn es stimmte, was Tipperton sagte, hatte er eine mehr als schwierige Aufgabe vor sich.
Tipperton wedelte wichtig mit dem Zeigefinger. »Wenn der Captain überhaupt auf jemanden hört, dann auf Euch, Sir. Bevor wir hierherritten, sagte er zu mir: ›Der Cirurgicus soll bloß die Finger von meinen Beinen lassen‹, aber er fügte auch hinzu: ›Verflucht sei die Stunde, in der Gott die Knie erschaffen hat.‹ Und ich antwortete ihm: ›Taggart, du solltest mehr auf deine Gesundheit achten, als auf die Rufe eines Howard und Walsingham zu hören. Bleib zu Hause, zumal deine Frau krank ist und dich braucht.‹«
»Wie, des Captains Frau ist krank?«, fragte Vitus aufgeschreckt. Er kannte Maggy als eine fröhliche Frau, die vor sieben Jahren bei seiner Hochzeit bis in den Morgen hinein getanzt hatte – allerdings nicht mit ihrem Gatten, der sich höchst ungern aufs Parkett begab.
»Sie hat es auf der Brust«, antwortete Tipperton, »aber sie sagt, es sei nichts, und Taggart hat es ihr nur zu gern geglaubt. Nichts konnte ihn auf der heimischen Scholle halten, er wollte unbedingt los.«
Genau wie ich, dachte Vitus schmerzlich. Was Nina wohl in diesem Augenblick macht?
»Lasst Euch, um Gottes willen, nicht anmerken, Sir, dass Ihr wisst, wie es um des Captains Gelenke steht. Ich käme in Teufels Küche. Es soll unser Geheimnis bleiben, einverstanden?«
Vitus zögerte, dann nickte er. »Einverstanden.«
»Ich danke Euch für Eure Verschwiegenheit, Sir, und ich danke Euch ebenfalls dafür, dass ich die Hintergründe für meine delikate Bitte in der gebotenen Kürze schildern konnte.« Tipperton erhob sich. »Ich darf mich empfehlen und wünsche Euch noch einen guten Tag. Ach, übrigens, ich war niemals hier in Eurer Kajüte, versteht Ihr?«
»Nein, das wart Ihr nicht«, murmelte Vitus nachdenklich. Dann schloss er die Tür hinter dem Schreiber und setzte sich wieder. Er musste das, was Tipperton erzählt hatte, erst einmal verdauen.
Tipperton und Taggart waren Duzfreunde!
Tipperton kannte Taggart von Kindesbeinen an!
Vitus wollte nach dem Werk De morbis greifen, stellte aber fest, dass es unten im Behandlungsraum des Schiffs lag. Wenn er nachschlagen wollte, was die alten Meisterärzte bei Gelenkverschleiß empfahlen, musste er sich hinunterbemühen.
Er stieg also die Niedergänge hinab und betrat den Arztraum. Im Schein einer Laterne setzte er sich auf den Spezialstuhl und nahm das zwölfhundert Seiten starke Werk in die Hand. Er erinnerte sich, dass Pater Thomas, der Arzt und Prior von Campodios, der einmal sein Lehrmeister gewesen war, stets von zweierlei Zuständen des Gelenkverschleißes gesprochen hatte: dem beschwerdefreien und dem schmerzenden. Die Behandlung sah unterschiedliche Wege vor, aber welche das waren, wusste er nicht mehr. Es lag schon mehr als vierzehn Jahre zurück, dass Pater Thomas darüber referiert hatte.
Was würden die alten Ärzte zu dem Problem sagen?
Vitus blätterte geduldig, schlug nach bei Susruta von Benares, forschte bei Hippokrates von Kos und studierte die Abhandlungen des Galenos von Pergamon, doch so viel er auch las, eine gezielte Therapie gegen entzündete Gelenke fand er nicht – bis er auf ein Kapitel des Arztes und Alchemisten Arnaldus de Villanova stieß, der um 1300 erstmals aus verschiedenen Flechtenarten ein Reagens namens Lackmus hergestellt hatte. Arnaldus berichtete unter anderem über die Verfärbung des Lackmus in Verbindung mit Harn und wies auf diese Weise im »menschlichen Wasser« Säure nach. Damit nicht genug, stellte er Vermutungen über den Zusammenhang der Harnsäure mit der Arthritis an und empfahl gegen dieses Leiden mehrere Heilpflanzen, darunter Brennnessel, Heublumen und Arnika. Dazu Wärme oder Kälte, je nach Befinden des Patienten.
Vitus klappte das Buch zu. Er hatte das Gefühl, einen Schritt weiter zu sein, für den Fall, dass Taggart seiner Hilfe bedurfte. Noch schien es nicht so weit zu sein – trotz der mahnenden Worte Tippertons. Was Professer Banester, sein alter Examinator, wohl verordnet hatte? Ob Tipperton das wusste? Taggart jedenfalls, so viel war klar, würde über die Behandlung, die Banester ihm hatte angedeihen lassen, kein Sterbenswort verlieren.
Vitus legte das Buch zur Seite, erklomm die Decks nach oben und klopfte wenig später an Taggarts Kajütentür. Unter dem Eindruck des von Tipperton Gesagten wollte er sich nochmals ein Bild vom Gesundheitszustand des Kapitäns machen.
»Herein.«
Vitus betrat die Kajüte und sah, dass Taggart nicht allein war. Ihm gegenüber am Kartentisch saß ein außergewöhnlicher Besucher – der Zwerg.
»Wiewo, da spähste moll, was!«, krähte der Winzling.
Taggart grinste sein diabolisches Grinsen.
Vitus fasste sich. »Dich hier anzutreffen, hatte ich nicht erwartet, Zwerg«, sagte er. Dann fiel ihm ein, dass Taggart auch früher schon ein ganz besonderes, vertrautes Verhältnis zu dem Winzling gehabt hatte, nicht zuletzt wegen seines verkrüppelten Sohns.
»Enano und ich haben über vergangene Zeiten geplaudert und einen Erinnerungstrunk zu uns genommen«, sagte Taggart, vor dem ein Glas Rheinwein stand.
»Gewisslich ha’m wir das, un über den Rußling ha’m wir auch getruscht.«
»Über was?« Selbst Vitus verstand nicht immer, was der Zwerg meinte.
»Über die Küche, Örl. Die Feuerstelle! Jack un seine Gacken ha’m schon manches Fass fillfoll gebracht, aber’s fehlen noch Bauerndegen un Böllerlein un Schießbaumwolle.«
Taggart mischte sich ein. »Enano will es sich nicht nehmen lassen, für die Mannschaft zu kochen; mit einer Hilfe, sagt er, wäre das kein Problem. Ich habe es ihm versprochen. Und ich habe ihm auch versprochen, dass noch Bohnen, Kichererbsen und Sauerkraut besorgt werden. Blieb mir auch gar nichts anderes übrig, was Enano?«
»Wui, wui, Kaptein!«
Taggart trank einen Schluck Rheinwein, schrie »Tipperton!« und setzte das Glas ab. Vitus dachte, dass Wein ganz sicher nicht gut für die Kniegelenke des Kapitäns waren, sagte aber nichts. Taggart trank einen weiteren Schluck und prostete dem Zwerg zu, dessen Äuglein glühten.
»Tipperton!«
Endlich erschien der Schreiber. »Ihr habt mich gerufen, Sir?«
»Das habe ich in der Tat. Kennt Ihr Euren Namen nicht mehr, oder warum reagiert Ihr nicht?«
Tipperton zog ein hochmütiges Gesicht. Kein Muskel darin verriet, wie viel Privates er Vitus vor kurzem anvertraut hatte. »Ich war gerade damit beschäftigt, die neue Mannschaftsliste zu erstellen, Sir.«
»So, so, dann beschäftigt Euch jetzt mal damit, dem Cirurgicus ein Glas Wein zu bringen. Und mir könnt Ihr noch einmal nachschenken.«
»Aye, aye, Sir, ich …«
»Nein, nicht nötig!«, fiel Vitus Tipperton ins Wort. Er dachte daran, dass Taggart schon um die Mittagszeit mit ihm und McQuarrie ein paar Gläser getrunken hatte, und meinte, nun doch einschreiten zu müssen. Er versuchte es mit einer Andeutung. »Rheinwein geht mir zu sehr auf die Knie.«
Taggart zog die Stirn in Falten. »Euch vielleicht, mir nicht.«
»Aye, Sir.« Vitus gab sich dieses Mal geschlagen. Augenblicke später stellte Tipperton ihm ein Glas vor die Nase. »Wohl bekomm’s, Sir.«
»Danke, Tipperton.«
»Können wir jetzt endlich?« Taggart schaute auffordernd in die Runde. »Wir trinken auf eine glückliche und erfolgreiche Reise, äh, und natürlich auf eine schnelle! Cheers!«
»Cheers!«
»Assusso! Glatten Schein un grandig Schwein!«
Taggart schnaufte. »Das tat den alten Knochen gut! Wo ist Tipperton? Schon wieder fort? Meinetwegen. Aber wo er gerade sagte, er fertige die Mannschaftsliste an, Cirurgicus, muss ich Euch eröffnen, dass Ihr Euch leider verzählt habt.«
»Ich verstehe nicht, Sir?«
»Wir haben keine dreißig Mannschaftsdienstgrade an Bord, sondern nur neunundzwanzig, also einen weniger.«
»Einen weniger?« Vitus war sicher, sich nicht verzählt zu haben. Dann fiel ihm ein, dass Odder, den er in das Gatt mit dem Takelwerk hatte sperren lassen, einige Zeit später verschwunden war. Seitdem trieb der Kerl sich bestimmt irgendwo herum. »Es gibt da einen Mann, um den es sich handeln könnte, Sir. Odder ist sein Name. Leider ist er ein Säufer, der es gut versteht, sich unsichtbar zu machen und vor der Arbeit zu drücken.«
»Aha. McQuarrie!«
»Sir?«
»Suchen lassen, den Mann.«
»Aye, aye, Sir!«