Die Patientin Isabella

»Küss mich noch einmal, bevor es losgeht, Vitus.«

Schon früh am Morgen des 14. Juni war Vitus auf den Beinen. Das Zimmer, das er mit dem Zwerg Jack Pudding teilte, hatte einiges an Bequemlichkeit zu bieten, etwa den eigenen Nachtstuhl und eine hölzerne Sitzwanne für das reinigende Körperbad, doch hielt ihn nichts mehr in der Stadt. Er wollte nach Hause, nach Greenvale Castle, heim zu seinen Lieben. Vor allem aber wollte er zu Nina, denn er spürte, dass die Aussprache mit ihr längst überfällig war – umso mehr, als ihn die Nacht, die er mit Isabella in Doktor Halls Kammer verbracht hatte, sehr belastete. Er hatte seitdem immer wieder an ihre Leidenschaft denken müssen, an ihre Gier, ihre Eigensucht, die so anders waren, als Ninas Art, zu lieben. Wo bei Nina verlässliche Glut war, war bei Isabella loderndes Feuer: ein entfesselter Brand, der um sich griff, ein Funke, der übersprang und ihn angesteckt hatte, ob er wollte oder nicht.

Doch das war vorbei. Heute war der Tag, an dem er alles hinter sich lassen und sein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen wollte. Er sah den Zwerg an, der mit ihm das Zimmer teilte. Der Winzling ruhte friedlich in einer offenen Kleidertruhe.

Vitus beschloss, den Kleinen noch schlafen zu lassen und Isabella aufzusuchen, um sich von ihr zu verabschieden. Am liebsten hätte er darauf verzichtet, aber es wäre unhöflich, wenn nicht gar feige gewesen, es nicht zu tun. Er trat auf den Gang und klopfte an ihre Tür. Als sich nichts regte, klopfte er abermals. »Isabella?«

Unruhe überkam ihn. Er hatte sie seit dem gestrigen Nachmittag nicht mehr gesehen. »Isabella?«

Als wiederum kein Lebenszeichen zu vernehmen war, stieß er die Tür auf und betrat das Zimmer. Es war ähnlich eingerichtet wie das seine, mit einem stabilen Pfostenbett in der Ecke. Die Vorhänge des Betts waren zugezogen.

»Isabella, ich bin’s. Bist du dahinter? Ich wollte mich von dir verabschieden.« Er riss den Vorhang zurück und atmete auf. Da lag sie ja. Allerdings in einer seltsamen Position, eingerollt wie ein Fötus im Mutterleib. Sie drehte ihm den Rücken zu, und er berührte sie sanft an der Schulter. »Ich muss jetzt gehen. Ich möchte dich nicht stören. Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit, äh, auch mit deinem zukünftigen Ehemann. Vielleicht ist er gar nicht so schrecklich, wie er aussieht. Manchmal glaubt man nicht daran, und dennoch wendet sich alles zum Guten.«

Abermals berührte er sie an der Schulter, und diesmal spürte er, dass sie zuckte. »Was ist mit dir?«

»Nichts.«

Er erkannte, dass sie lautlos weinte. Ein Schreck durchfuhr ihn. »Warum weinst du? Komm, sag mir, warum du weinst.«

Isabella antwortete nicht.

Er setzte sich auf die Bettkante und drehte ihren Körper zu sich. »Großer Gott, wie siehst du denn aus!«

Isabella schlug die Hände vors Gesicht. »Ich … ich bin überfallen worden.«

Er wollte fragen, wie das geschehen konnte, wollte die Hintergründe erfahren, den Ablauf des Verbrechens, doch er spürte, dass jedes Wort zu viel sein würde. So beschränkte er sich darauf, weiter ihre Schulter zu streicheln.

Geraume Zeit verging, bis Isabella sich so weit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte.

»Was ist passiert?«, fragte er ruhig.

»Es war gestern am späten Abend«, sagte sie stockend. »Ich wollte noch einmal frische Luft schöpfen und ging ans Ufer der Themse …«

Nur langsam fand Isabella ihre Fassung wieder. Sie erzählte, sie sei von zwei unbekannten Männern überfallen und beraubt worden.

Er presste vor Wut die Zähne aufeinander. »Sie haben dich arg zugerichtet. Gnade ihnen Gott, sollte ich sie jemals erwischen! Zeig mir dein Gesicht.«

Sie tat es widerstrebend.

Er tastete es ab und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass weder Nase noch Jochbeine gebrochen waren. »Du hast großes Glück gehabt, außer einer gehörigen Schwellung an der rechten Kopfseite scheint nichts verletzt zu sein. Oder hast du noch andere, äh, Misshandlungen über dich ergehen lassen müssen? Du weißt schon, was ich meine?«

»Nein.«

»Gott sei Dank. Warte einen Augenblick.«

Er ging hinüber in sein Zimmer und kam mit einer kalten Kompresse zurück. »Die hältst du an dein Gesicht. Ab und zu wässerst du sie neu, wringst sie aus und legst sie wieder an.«

»Ja, Wundschneider … ich meine, Vitus.« Sie drückte die Kompresse auf die Prellung.

»So ist es richtig. Es sieht aus, als hätte dich jemand mit einem stumpfen Gegenstand geschlagen.«

»Es war ein Stiefeltritt.«

»Diese Feiglinge! Eine am Boden liegende Frau zu treten! Weißt du die Namen der beiden Übeltäter? Hast du gehört, wie sie einander ansprachen? Wir könnten zur nächsten Wache gehen und sie anzeigen.«

»Ich weiß ihre Namen nicht.«

»Schade. Nun, wahrscheinlich würde man sie sowieso nicht erwischen. In London treibt sich so viel Gelichter herum, dass der Arm des Gesetzes häufig zu kurz reicht. Ich schlage vor, du erholst dich ein paar Tage, lässt den Schneider, den Schuhmacher und die Hutmacherin kommen und gewöhnst dich langsam ein.«

»Ich habe kein Geld.«

»Was?« Vitus fuhr hoch. »Heißt das, du hattest alles, was ich dir gab, bei dir?«

Isabella nickte mit zerknirschtem Gesicht.

»Welch unverzeihliche Dummheit! Zwanzig Pfund, weißt du eigentlich, wie viel das ist? Davon könnte eine Tagelöhnerfamilie mehrere Jahre leben!«

»Es tut mir ja leid.« Sie ergriff Vitus’ Hand.

Er entzog sie ihr. »Das hilft nun auch nicht mehr.«

»Bitte«, flüsterte sie. »Bitte lass mich nicht allein.«

Er stand auf, obwohl er das Gefühl hatte, ein Hundert-Pfund-Gewicht würde ihn hinunterziehen. »Ich muss los, meine Sachen sind bereits gepackt.«

»Willst du mich wirklich alleinlassen?« Sie beobachtete ihn, wie er mit sich rang. An diesem Morgen trug er eine gut sitzende Oberschenkelhose, enganliegende Beinkleider und ein seidenes Wams, das seine breiten Schultern zur Geltung brachte. Insgesamt wirkte er sehr männlich. Nur die unsäglich gelben Pantoffeln trübten das Gesamtbild. Davon abgesehen, war er ihre einzige Hoffnung. Sie hatte einmal angedeutet, sie hätte jemanden in England, der sie aufnehmen könne, und damit ihn gemeint. Es war nicht ihr Ernst gewesen, aber jetzt musste es Wirklichkeit werden. Wenn sie nicht zurück nach Spanien konnte und nicht zu dem Tölpel Paolo Farnese wollte, musste sie bei ihm bleiben. Und notfalls mit allem, was ihr zu Gebote stand, dafür kämpfen. Sie wusste: Um zu gewinnen, musste sie die stärkste Waffe einer Frau einsetzen, und das waren Tränen – Tränen, die reichlich und ohne Unterbrechung flossen.

»Bitte weine nicht.«

Sie weinte stärker und schlug die Hände vors Gesicht. »Dann geh doch, verlasse mich!«

»Bitte, Isabella, ich könnte dir noch mal Geld geben, vielleicht nicht so viel, aber …«

»Glaubst du, ich wäre käuflich?« Sie heulte Rotz und Wasser, ihre Schultern und ihr Oberkörper zuckten, als säße ein Geißbock darin. »Was glaubst du eigentlich, wer ich bin? Willst mich mit Geld abspeisen, damit ich meine Angst vergesse? Nach dem gestrigen Abend mache ich keinen Schritt mehr vor die Tür!«

»Isabella, so höre doch. Ich muss wirklich los. Der Zwerg wartet sicher schon auf mich.«

»Bitte … nimm mich mit.«

»Es geht nicht.«

»Ich habe doch nur dich.« Sie nahm seine Hand und führte sie an ihr lädiertes Gesicht, wie sie es schon einmal in Doktor Halls Kammer getan hatte.

Er blickte zur Decke der Kammer und dachte: Allmächtiger Gott, warum hast du es zugelassen, dass sich meine Wege mit denen dieser Frau kreuzten? Willst du mich in Versuchung führen? Mein Geist ist stark, aber mein Fleisch ist schwach. Was soll ich nur tun?

Isabella schniefte und schaute ihn mit tränennassen Augen an. »Was gewesen ist, ist gewesen, Vitus. Lass uns einfach gute Freunde sein. Ich brauche dich. Ich habe niemanden sonst, wirklich nicht. Nimm mich mit, und ich will dir die angenehmste und aufmerksamste Reisebegleiterin sein, die du dir denken kannst.« Sie drückte seine Hand. »Sag ja … bitte.«

Er räusperte sich und wollte endgültig nein sagen.

Aber er brachte es nicht fertig.

 

 

 

Am Vormittag des nächsten Tages erreichte eine Mietkutsche mit drei Insassen das parkähnliche Gelände von Greenvale Castle. Die Insassen waren Vitus, der Zwerg und Isabella.

Dass die stolze Spanierin mitgereist war, lag letztlich an Vitus’ Verantwortungsgefühl. Das hatte den Ausschlag für seinen Entschluss gegeben, obwohl der Winzling Enano strikt dagegen gewesen war. »’s is ’ne falsche Trusche«, hatte er gefistelt. »Sie parlt kiesig, hat mich angeäpfelt un bezankt un mich Pudding genannt. Sie is nix. Lass sie hier.«

»Nein«, hatte er geantwortet, »ich kann sie nicht in London ihrem Schicksal überlassen. Das gebietet allein schon die Menschlichkeit.«

Vitus’ Entscheidung schien ihm recht zu geben, denn Isabella hatte sich während der ganzen Fahrt von ihrer freundlichsten Seite gezeigt, sich an der lieblichen englischen Landschaft erfreut, die Schönheit des Tages gelobt und sogar den Bauern auf den Feldern hin und wieder ein fröhliches Wort zugerufen.

Nur den Zwerg hatte sie nicht beachtet.

Dafür hatte sie Vitus umso mehr in ein Gespräch über sein Leben und seine Familie verwickelt. Sie hatte sich neugierig und interessiert gegeben, auch wenn sie noch immer nicht glauben konnte, dass jemand, der mit Kiepe, Stock und gelben Pantoffeln unterwegs war, ein Schlossherr sein sollte.

Doch nun wurde sie eines Besseren belehrt. Die Kutsche hielt vor der großen Freitreppe von Greenvale Castle, und ein Diener erschien gemessenen Schrittes. Er hatte die Mitte des Lebens schon hinter sich und machte mit seinem hochmütigen Gesicht den Eindruck, als könne ihn nichts auf dieser Welt mehr erschüttern. Er öffnete die Tür der Kutsche – und riss die Augen auf. Zweifellos hatte er vornehme Herrschaften erwartet, aber das, was er sah, war alles andere. Eine stark geschminkte Frau in billigen Männerkleidern entstieg dem Wagen und hielt ihm die Hand hin, damit er ihr helfe. Verwirrt tat er es. »Guten Tag, äh, Madam«, sagte er.

»Danke. Wie ist dein Name?«

»Äh, Hartford.«

»Danke, Hartford.«

»Guten Tag, Hartford.« Vitus entstieg ebenfalls der Kutsche, und der Diener machte eine tiefe Verbeugung. »Herzlich willkommen in Greenvale Castle, Mylord. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise und Euer, äh, Unterfangen war von Erfolg gekrönt?«

»Danke, Hartford.« Vitus fand, dass der Diener manchmal wirklich zu neugierig war.

»Glatten Schein, Schomser!« Jack Pudding, der Zwerg, hüpfte selbsttätig aus der Kutsche. Er mochte Hartford nicht sonderlich und nannte ihn stets nur »Diener«, was in der rotwelschen Sprache »Schomser« heißt.

Isabella sah sich um und stellte fest, dass Greenvale Castle aus einem U-förmigen Komplex mit höchstens hundert Räumen bestand. Es war zwar klein, winzig klein sogar, wenn man es mit dem Klosterschloss Escorial bei Madrid verglich, aber äußerst gepflegt. Und zweifellos ein richtiges Schloss, zu dem offenkundig ein Gutshaus, Stallungen und ausgedehnte Ländereien gehörten. Das Eigentum eines Grafen in gelben Pantoffeln!

»Mylord!« Ein großer, ernster Mann kam herbeigeeilt. »Wie schön, dass Ihr wohlbehalten wieder daheim seid! Ich darf Euch versichern, dass alles zum Besten steht.«

»Danke, Catfield.« Vitus schüttelte dem Verwalter die Hand und sah im Hintergrund weitere Bedienstete heraneilen. Es waren Keith, der Stallmeister mit den abstehenden Ohren, Watty, der Stallknecht, und einige andere. Auch sie wurden freundlich von Vitus begrüßt, ebenso wie das Schlosspersonal, das die Freitreppe heruntergelaufen kam und sich in Reih und Glied aufstellte. Ganz links hatte sich als eine der Ersten Mrs.Melrose postiert, die immer wieder die Hände rang und rief: »Mylord sind zurück! Ach, Gott, Mylord sind zurück! Was koche ich nur? Ich habe ja gar nichts vorbereitet. Habe nur ein paar eingelegte Heringe und drei Fasane. Kein Braten, kein Wildbret, keine frisch gepflückten Pilze, keine Pastete, nichts! Nicht einmal meinen berühmten Mandelkäse. Entschuldigt, Mylord, ich muss sofort zurück in die Küche! Mary, Molly und ihr anderen Mägde, folgt mir!«

Doch bevor sie, so schnell es ihr Gewicht erlaubte, die Freitreppe wieder emporwatschelte, winkte sie dem Zwerg zu: »Mein kleiner Prinz, deine Catherine ist dir nicht böse, obwohl sie dir böse sein sollte, weil du ihr das letzte Stück Mandelkäse versalzen hast. Ja, ja, ich hab es wohl gemerkt! Nun komm. Komm mit in die Küche!«

»Wui, wui, Frau Bratwachtel!« Die Einladung ließ der Zwerg sich nicht zweimal sagen. Er hüpfte hinter der Köchin her und war im Nu verschwunden.

Auch Catfield verabschiedete sich fürs Erste, allerdings nicht, ohne angeboten zu haben, Mylord jederzeit auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Keith und Watty folgten ihm, sie hatten noch mehrere Ställe auszumisten, und auch die Gärtner und anderen Bediensteten gingen wieder an ihre Arbeit.

Isabella stand da und wunderte sich. Für ihre Begriffe hatte das Personal ein unerhörtes Benehmen an den Tag gelegt. Sich einfach und ohne Erlaubnis wieder an die Arbeit zu begeben wäre in dem hochherrschaftlichen Haus, aus dem sie kam, niemals möglich gewesen. Seltsames England! Den Conde oder besser: Earl, wie man hierzulande sagte, störte das Gebaren anscheinend nicht weiter, denn er sagte zu Hartford: »Entlohne den Kutscher, und lass ihm etwas zu essen geben. Wir kommen schon allein zurecht.«

»Aber Mylord, Euer Gepäck?«

Vitus lachte. »Willst du dir meine Kiepe auf den Rücken schnallen, Hartford?«

»Nun, äh …«

»Siehst du.« Er nahm Isabella beim Arm. »Komm mit hinein.« Er führte sie in den rechten Flügel des Schlosses, wo die Besucherzimmer lagen, und zeigte ihr einen ganz mit roter Seidentapete ausgeschlagenen Raum, dessen hohe Fenster mit gelben Vorhängen ausgestattet waren. Er lächelte. »Wir nennen es wegen der Farben das Spanische Zimmer. Das Rot erinnert an das Kreuz der Kreuzfahrer und das Gelb an die Könige von Aragon. Vielleicht trägt die Kolorierung dazu bei, dass du dich hier wohl fühlst.«

Sie lächelte. »Oh, das glaube ich bestimmt, Vitus.«

»Tja dann …« Er wusste nicht, was er noch sagen sollte.

»Wann lerne ich deine Frau und die Kinder kennen?«

Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, denn er war keineswegs sicher, dass Nina ihn mit offenen Armen empfangen würde. »Nun, äh, zu gegebener Zeit. Richte dich derweil ein. Ich schicke dir ein Hausmädchen, dem du alle deine Wünsche nennen kannst. Sie werden, so es in meiner Macht steht, erfüllt werden.«

»Danke, Vitus.« Sie lächelte noch immer.

»Nun denn. Entschuldige, ich muss gehen.«

Schnell verließ er den Raum.

 

 

 

Kurz darauf betrat er den Kleinen Salon, denn er wusste, dass Nina und die Kinder sich zu dieser Tageszeit meistens darin aufhielten. Ein Gefühl der Enttäuschung beschlich ihn, weil sie ihm nicht wie alle anderen entgegengekommen waren, aber vielleicht hatte Nina ihn auch nicht gehört, denn sie saß wie so oft am Klavichord und spielte Melodien aus ihrer spanischen Heimat, eine Tätigkeit, bei der sie alles um sich herum vergaß.

»Liebste, da bin ich!« Er breitete die Arme aus. »Hallo, Kinder, freut ihr euch, dass ich wieder da bin?«

Odo und Carlos stürzten mit Geheul auf ihn zu, umtanzten ihn, zerrten an seinen Armen, umschlangen seine Knie und brüllten: »Papa ist gekommen!« – »Papa, Papa!« – »Hast du uns was mitgebracht?« – »Was hast du uns mitgebracht?« – »Sag schon, sag schon!«

Lachend befreite sich Vitus. Er war froh, dass er auf dem Heimweg an Geschenke für die zwei gedacht hatte. »Später, Kinder, später!« Er hob die beiden Jungen nacheinander auf, schwenkte sie durch die Luft und küsste sie. »Lasst mich erst einmal eure Mutter begrüßen.«

Nina war unterdessen aufgestanden und schritt auf ihn zu. Sie lächelte. Er sah, dass es ihr ruhiges Lächeln war, wie er es kannte und liebte. Kein Vorwurf war mehr darin zu erkennen. Ein starkes Glücksgefühl durchströmte ihn. »Hast du mich vermisst, Liebste?«

Sie kam in seine Arme und küsste ihn auf den Mund. »Ja«, sagte sie und schmiegte sich an ihn. »Sehr sogar. Als du fort warst, hatte ich das Gefühl, die eine Hälfte von mir sei nicht mehr da, und unsere Auseinandersetzung zuvor kam mir kleinlich und lachhaft vor. Wie unwichtig das jetzt alles ist! Du bist gesund zurück, das ist die Hauptsache.« Sie küsste ihn abermals, und er spürte die sanfte Glut ihrer Lippen.

»Papa, nun sag schon, was hast du uns mitgebracht?«, unterbrach Odo, der Ältere. Er konnte es nicht mehr aushalten, und Carlos erging es ebenso: »Ihr sollt euch nicht so lange küssen, los, Papa, zeig uns die Sachen!«

Lachend löste Vitus sich von Nina. »Liebste, du siehst, es gibt Wichtigeres als unsere Begrüßung.« Er setzte seine Kiepe ab und holte zwei kleine Päckchen hervor. Er hatte den Inhalt in Horsham auf der Durchreise gekauft und war gespannt, was seine Sprösslinge dazu sagen würden. Odo war der Erste, der sein Päckchen aufgenestelt hatte, und brüllte: »Juchhuuu, ein silberner Angelhaken!«

»Na und, ich hab auch einen«, hielt Carlos dagegen.

»Donnerwetter, da habt ihr ja beide einen.« Vitus grinste. »Dann ab mit euch zum kleinen See, schneidet euch zwei Weidenruten zurecht, und befestigt einen Faden daran. Fertig ist die Angelrute. Wer die meisten Fische fängt, hat gewonnen.«

Jauchzend stürzten die beiden Jungen davon.

»Guten Tag, Onkel Vitus.« Eine leise Stimme drang an Vitus’ Ohr. Sie gehörte Nella, die sich im Nebenraum aufgehalten hatte und gekommen war, um ihn zu begrüßen. »Wo ist mein Altlatz? Ist er mit nach Hause gekommen?«

»Ja, Nella, deinem Vater geht es gut. Auch er hat dir etwas mitgebracht, er hat es dir nur noch nicht geben können, weil Mrs.Melrose ihn sofort für sich vereinnahmte. Mach dir nichts draus, er hat oft von dir gesprochen, während wir fort waren.« Vitus lächelte und beugte sich zu Nella hinunter: »Im Gegensatz zu der Köchin, die scheint ihm weniger gefehlt zu haben.«

Nella grinste verständnisinnig und sagte: »Ich geh mal in die Küche.«

Als sie fort war, schritt Vitus zu der Wiege, in der die kleine Jean lag, hob sie hoch, wiegte sie in den Armen und sagte zu ihr: »Und du, meine Kleine? Geht es dir gut? Hast du deinen Papa auch vermisst? Ei, ei, ei … du, du, du … kille, kille … Du bist ein liebes kleines Mädchen und wirst bestimmt einmal so schön wie meine Mutter, die hieß nämlich auch Jean.«

»Wo du gerade von deiner Mutter sprichst«, sagte Nina schelmisch und nahm ihm die Kleine ab, um sie wieder in die Wiege zu legen. »Hast du Jeans Mutter auch etwas mitgebracht?«

»Oh, mein Gott!« Vitus schlug sich an die Stirn. »Das Wichtigste habe ich vergessen. Natürlich habe ich etwas für dich, warte.« Er kramte erneut in seiner Kiepe und holte ein weiteres Päckchen hervor. »Hier, nimm. Ich habe es in London gekauft, in einer Apotheke.«

»In einer Apotheke? Du machst es spannend, Liebster. Glaubst du etwa, ich bin krank?«

»Lass dich überraschen.«

Nina löste die Schnüre der Verpackung und entfernte das Papier. Hervor kam eine kleiner Flakon mit Glasverschluss, in dem sich eine zartgelbe Flüssigkeit befand.

»Schnuppere mal daran, Liebste.«

Nina zog den Glasverschluss heraus und hielt die Öffnung des Fläschchens an ihre hübsche Nase. Dann setzte sie wieder ihr schelmisches Lächeln auf. »Für eine Arznei riecht das ziemlich gut. Ich glaube, es ist gar keine Arznei.«

»Es ist ein Duftwasser, Liebste.« In Vitus’ Worten schwang Stolz mit. »Und zwar ein ganz besonderes. Es wurde speziell für Katharina de Medici geschaffen.«

»Katharina de Medici?«

»Ja, sie entstammt der einflussreichen florentinischen Familie der Medici und lebt heute als Regentin Frankreichs im königlichen Schloss von Blois. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls beauftragte sie schon vor langer Zeit einen Apotecarius in Florenz, er möge einen eigenen Duft für sie komponieren. Der Mann tat es und bekam dafür viel Lob von Katharina. Ein Assistent des Apotecarius, so sagt man, ließ sich später am Rhein in der Stadt Köln nieder, wo er das Duftwasser weiterentwickelte und Acqua di Colonia nannte. Der Apotecarius in London wiederum, der mir das Wasser verkaufte, bezieht es von seinem Kollegen aus Köln. Das ist die ganze Geschichte.«

Nina hielt die Öffnung wieder an ihr Näschen. »Es riecht ganz eigentümlich. Ein wenig nach Pfeffer und … Holz … oder Zeder. Ja, Zeder! Auch ein wenig Aroma von Weihrauch ist dabei. Hier, riech doch mal.«

Vitus nahm das Fläschchen, roch an dem Duftwasser und versuchte vergeblich, die Wahrnehmungen Ninas nachzuempfinden. Schließlich gab er es auf. »Ein wenig nach Holz mag es riechen, sehr angenehm insgesamt, aber ansonsten bemerke ich nichts. Ihr Frauen habt nun einmal die besseren Nasen.«

»Da hast du sicher recht. Danke, Liebster.« Nina, die schon ein paar Tropfen des außergewöhnlichen Wassers an ihren Hals getupft hatte, küsste Vitus. »Ich bin so glücklich, dass du wieder da bist.«

»Ich auch«, sagte er.

 

 

 

Nella ging mit geschwinden Schritten hinunter und in den linken Flügel des Schlosses, wo sich die Küche befand. Sie freute sich auf ihren Vater, den sie liebevoll »Altlatz« nannte, auch wenn dieser klein, bucklig und hässlich war. Für sie war er es nicht. Sie kannte ihn, solange sie denken konnte, und sein Aussehen war für sie ganz normal. Wo andere ein Mondgesicht sahen, sah sie ein rundes Antlitz, sein Fischmündchen galt ihr als Quell fröhlicher Gedanken, und die »Kriegskasse«, wie manche seinen Buckel nannten, war für sie nicht mehr als eine Ausbuchtung im Rücken.

Sie wusste, dass er nicht ihr leiblicher Vater war und sie als Säugling an Kindes statt angenommen hatte, aber sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht. Auch nicht über ihre Mutter, von der gesagt wurde, sie sei eine Bürstenbinderin gewesen und habe den Zwerg in Oberitalien während einer Pestepidemie kennengelernt.

Ja, sie freute sich auf ihren Altlatz, auch wenn er sicher gerade von Mrs.Melroses Liebe erdrückt wurde.

Doch als sie die Küche betrat, erlebte sie eine angenehme Überraschung. Der Zwerg saß allein am großen Esstisch des Gesindes und hatte Berge von Köstlichkeiten vor sich, denen er kräftig zusprach. Er kehrte ihr den Rücken zu, weshalb er sie noch nicht bemerkt hatte. Nella ging auf Zehenspitzen zu ihm hin und hielt ihm von hinten die Augen zu.

»Rate mal, wer hier ist, Altlatz!«

»Wiewo, was tarrt das zinken?« Der Winzling hörte auf zu essen. ’s is das Nella-Kind, wie’s scheint, bist du’s, mein Spätzchen?«

»Ja, Altlatz.« Nella nahm die Hände von den Augen des Zwergs und schmiegte ihr Gesicht an das seine. Gleichzeitig umfasste sie ihn von hinten und drückte heftig zu.

»Uiii, du knautschst mich, dass die Krächlinge kratschen!«

»Du sollst doch nicht immer so blöd sprechen, Altlatz.« Nella küsste ihn auf die Wange. »Sprich richtig, das hast du mir versprochen.«

»Wui, wenn das so fiederich, äh, leicht wär, mein Spätzchen.«

Sie ging um den Stuhl herum, und weil sie zu schwer und zu groß für ihn war, setzte sie sich nicht auf seinen Schoß, sondern machte es umgekehrt. Sie hob ihn sich auf die Knie. Dann sagte sie: »Erzähl, wie war’s?«

»Wui, mein Spätzchen, ’s war nich ungefährlich, die span’sche Flotte is riesengroß, wir ham sie gesehn un wissen nu Bescheid. Sin ihr grad noch von der Schippe gesprungen, hatten uns schon am Wickel, die Dons, aber Taggart, der Kaptein, un dein Onkel Vitus ham’s gerichtet. ’n paar Köpfe sin gerollt, un ’s Bein vom Kaptein is auch ab, aber’s braucht dich nich anfechten, nee, das braucht es nich, mein Spätzchen. Sin wieder gut gelandet, ’s is die Hauptsache.«

»Hast du mir was mitgebracht, Altlatz?«

»Wiewo, das willst wohl wissen?«

»Wehe nicht!« Nella deutete ein Spreizen der Knie an, so dass der Zwerg zu fallen drohte.

»Bist kess, wie?«

»Hast du oder hast du nicht?«

»Aber gewisslich doch. Auf deinen Altlatz is Verlass.« Der Zwerg stülpte das Mündchen vor, fasste in seine Gürteltasche und holte ein Päckchen heraus. »Prassel’s auf.«

Nella entfernte die Einwicklung, was nicht so einfach war, da sie den Zwerg gleichzeitig auf ihren Knien balancieren musste, und stieß einen freudigen Ruf aus: »Ein Fläschchen, wie niedlich!«

»’s is auch was drin.« Er deutete auf die zartgelbe Flüssigkeit.

»Danke, Altlatz!« Nella küsste ihn und nahm den Glasverschluss ab.

»Musst mal dran schnausen!«

Nella schnupperte und sagte: »Das riecht nach Holz … irgendwie scharf nach Gewürzen, aber auch gut … und kühl, vielleicht etwas nach Moos … aber am meisten riecht es nach Holz. Wo hast du es her?«

»’s is aus ’nem gläsernen Berg hinter dem gläsernen Mond, mein Spätzchen. Der Berg is so hoch wie drei mal dreißig Männer, un die Quelle, aus der ich’s rausgeschöpft hab, is tiefer als der tiefste Brunnen. ’s war nich ganz fiederich, den Pempel zu prasseln …«

»Altlatz, du sollst doch richtig sprechen!«

»Wui, wui, ’s fällt nur schwer. Also, ’s war nich ganz leicht, das Wasser raufzuholen, musste zehn Klafter tief runterkraxeln, un als ich unten war, drehte der gläserne Berg sich um un die Quelle auch, un ich musste wieder hoch, un so ging es eine ganze Weile, rauf un runter, bis die Fee mir geholfen hat un mir’n paar Schlappstöcke voll geschenkt hat.«

»Wie hieß denn die Fee, Altlatz?«

»Die Fee? Die hieß Katharina.«

»Das ist komisch. Feen, die Katharina heißen, gibt es nicht.«

»Wui, was truschst du da? Vielleicht gibt’s hier in Greenvale Castle keine Katharina-Feen, aber da, wo ich war, da gibt’s sie, so wahr unsere Königin Elizabeth heißt un noch ein Marienblümchen is.«

»Ich glaub, du erzählst ein Märchen, Altlatz.«

»Bei meiner Seel, das tu ich nich! Die Fee hieß Katharina, un sie kam aus dem Italienischen. ›Hier, fürs Nella-Kind‹, hat sie gesacht, un ich hab ›Gramersi‹ gesacht un bin weg. Den Plempel tust du auf die Haut, damit du hübsch riechst, aber spinn der Tante Nina nix davon, die denkt nämlich, ’s wär was anderes.«

»Ich sage bestimmt nichts, ganz bestimmt nicht.«

»Das is schön, mein Spätzchen.«

»Auch wenn du mir ein Märchen erzählt hast.«

»Märchen gibt’s nur im Märchen, mein Nella-Kind, alles andere is wahr. Wahr is auch, dass der Örl ’ne adlige Schickse mitgebracht hat, Isabella heißtse, is eine, die schrappt mit der Nase unter der Decke, hat mich Pudding genannt, die Schickse, un mich nich beachtet. Vor der musste dich in Acht nehmen, die is falsch. Dem Örl hab ich’s schon mal gesteckt, hat aber gar nich zugelauscht, der Örl, was ich ihm gesacht hab. Er is taub auf dem Ohr. Ich glaub, er lenzt sie. Aber die Örlin darf’s nich wissen. Geb’s der große Machöffel, dass sich alles wieder zurechtbiegt.«

»Ja, mein Altlatz.« Nella strich dem Zwerg über die strubbeligen Haare, und er schnurrte dabei wie eine Katze.

Eine Weile saßen beide so da, dann sagte Nella: »Wo ist eigentlich die grässliche Mrs.Melrose? Ich hab sie nicht mehr gesehen, seit ich bei Tante Nina oben bin.«

»Die Bratwachtel is mal eben raus, hat sie gesagt. Will nach den Mägden im Waschhaus sehn, ob sie nich endlich fertich sin un wieder hier im Rußling helfen können.«

»Bist du mir böse, wenn ich wieder geh? Ich mag Mrs.Melrose nicht.«

Der Zwerg kicherte. »Wer mag die Bratwachtel schon. Du nich, ich nich, keiner nich. Aber ihre Spachtelei is gut un reichlich, un da sach ich nich nein. Steck mir noch einen Murf, Nella-Kind, un lass mich weiter manschen.«

»Ist gut, mein lieber, alter Altlatz!« Nella lachte und küsste den Zwerg, wie er es erbeten hatte, stellte ihn wieder auf die Beine und rannte davon.

Er krabbelte auf den Stuhl zurück und aß weiter. »Sie is’n knäbbiger Streichling«, sagte er, mit vollen Backen kauend. »Wui, wui, das isse.«

 

 

 

Am Nachmittag wollte Nina ein wenig ruhen, während Nella sich um die kleine Jean kümmerte und die beiden Jungen sich weiter als Petrijünger versuchten. Vitus begleitete sie ins Schlafzimmer und sah ihr zu, wie sie sich entkleidete. »Ich wusste gar nicht mehr, wie schön du bist.«

Nina lächelte ihn über die Schulter an. »Heißt das, du hast mich während deiner Seereise vergessen?«

»Oh, nein«, beeilte er sich zu versichern. »Ich habe dir die Fahrt doch beim Mittagstisch in allen Einzelheiten geschildert und dir gesagt, wie sehr du mir gefehlt hast.«

»Das stimmt.« Nina schlüpfte unter die Bettdecke. »Es war bestimmt nicht leicht für dich, Liebster. All die Arbeit und die vielen Gefahren. Besonders schwer muss es sein, eine Amputation durchzuführen. Taggart ist doch ein Freund aus alten Zeiten, da war es sicher doppelt schlimm.«

»Ach, es ging«, sagte er etwas lahm, denn er überlegte hin und her, wie er ihr am besten beibringen könnte, dass er Isabella mit nach Greenvale Castle gebracht hatte. »Da war etwas, das sich als viel schwieriger erwies.«

»Was denn?« Nina schloss die Augen und räkelte sich schläfrig.

»Es handelt sich um eine junge Frau, die während der ganzen Zeit mit an Bord war.«

»Eine junge Frau?« Nina war wieder hellwach.

Vitus erzählte von Isabellas Schicksal, berichtete, wie er sie in dem Bilgenverlies gefunden hatte, warum sie sich Taggart nicht zeigen wollte, und wie er sie in London von Bord geschmuggelt hatte. Dass er mit ihr geschlafen hatte, erwähnte er natürlich nicht. Er endete, indem er sagte: »Sie ist neunzehn Jahre alt, von Adel und heißt Isabella del Pilar y Ribera.«

»Von Adel ist sie sogar? Richtig, die Familien Pilar und Ribera sind in Spanien bekannt. Sie tut mir sehr leid. Wo sie wohl jetzt ist? Wahrscheinlich versucht sie in irgendeinem heruntergewirtschafteten Gasthaus über die Runden zu kommen, bis dieser schreckliche Krieg vorbei ist. Wie gern würde ich wieder einmal mit einer Landsmännin in meiner Muttersprache reden! Hast du denn gar nichts für sie tun können, Liebster?«

»Doch, ich konnte etwas tun – und habe es auch getan.« Er jubelte innerlich, denn ohne es zu wissen, hatte sie ihm mit ihren Worten goldene Brücken gebaut. »Ich habe sie mit hierhergebracht.«

»Was?« Nina fuhr aus dem Bett hoch. »Und das sagst du erst jetzt? Das arme Ding! Wo steckt sie, was macht sie? Kümmert sich jemand um sie?«

»Beruhige dich, Liebste, du bist ja ganz aus dem Häuschen! Ich habe sie im Spanischen Zimmer untergebracht, weil ich dachte, sie würde sich dort am wohlsten fühlen. Wahrscheinlich schläft sie in diesem Moment, sie ist ja immer noch sehr schwach von den Strapazen, die sie durchgemacht hat.«

»Ach, Gott, die Arme!« Nina warf die Bettdecke zurück, stand auf und kleidete sich rasch wieder an. »Ich will sofort nach ihr sehen. Dass du mir das jetzt erst gesagt hast. Was muss die Kleine von mir denken, ich stehe da als eine schlechte Gastgeberin. Kommst du mit?«

»Natürlich«, sagte er froh. »Allein schon, um euch miteinander bekannt zu machen.«

»Liebste, das ist Señorita del Pilar y Ribera«, sagte er wenig später und deutete formvollendet auf Isabella, die sich den Kittel eines Hausmädchens übergeworfen hatte und demzufolge eher wie ein Mitglied des Gesindes wirkte als ein Adelsfräulein.

»Guten Tag, Mylady.« Isabella deutete einen Knicks an.

»Isabella, das ist Lady Nina, meine Frau.«

Nina ging auf Isabella zu und nahm sie in die Arme. Sie war die Ältere und Höhergestelltere, und dennoch wirkte sie im Vergleich zu Isabella zart. »Willkommen in Greenvale Castle«, sagte sie auf Spanisch. »Ich habe eben erst von Eurer Anwesenheit erfahren.« Sie drohte Vitus scherzhaft mit dem Finger. »Dieser Geheimniskrämer hat mir nichts gesagt. Aber nun seid Ihr da, und wir wollen alles tun, damit Ihr einen angenehmen Aufenthalt habt. Seid unser Gast, solange Ihr wollt, mindestens aber, bis dieser dumme Krieg zwischen unseren Ländern zu Ende ist. Nicht wahr, Liebster?«

»Gewiss, gewiss.«

Nina hakte sich bei Isabella unter und begann mit ihr auf und ab zu gehen. »Als Erstes müssen wir sehen, dass Ihr ein standesgemäßes Äußeres bekommt. Ich erwarte morgen meine Schneiderin. Sie ist eine Französin aus einem Vorort von Paris, Madame Pointille, sehr begabt, wenn auch nicht immer auf dem letzten Stand der Mode. Ich denke, wir sollten Euch zunächst einige Hauskleider und ein schönes Abendkleid für Bälle und andere Festivitäten anfertigen lassen.«

»Ihr seid sehr freundlich zu mir, Mylady.«

»Ich gehe dann jetzt«, sagte Vitus. Er spürte, dass er hier nicht mehr gebraucht wurde.

 

 

 

Drei Tage waren vergangen. Das Leben in Greenvale Castle hatte sich wieder weitgehend eingespielt, der Tagesablauf neu geordnet. Dazu gehörte, dass Isabella an allen wichtigen Mahlzeiten teilnahm, mit Ausnahme der Morgenspeise, die sie lieber im Bett einzunehmen pflegte. Ebenso hatte sich ergeben, dass die Speise ihr von Hartford, dem hochmütigen Diener, serviert wurde.

»Danke, Hartford«, sagte Isabella an diesem Dienstag. »Zwei gebratene Eier sind eines zu viel, ich habe es dir gestern schon gesagt.«

Hartfords hochmütige Miene bekam einen Knacks und kehrte sich um ins Beleidigte. »Äh, Verzeihung, Miss Isabella, ich hatte es nur gut gemeint. Pflegt man dort, wo Ihr zu Hause seid, morgens keine Eier zu essen?«

»Wir essen Eier und vieles mehr am Morgen. Die spanische Küche ist berühmt für ihre Köstlichkeiten.«

»Natürlich, natürlich.« Hartford goss von dem mit Äpfeln aromatisierten Wasser ein. »Sicher gibt es bei Euch auch wundervolle Weine, die Ihr schon zu früher Stunde zu trinken pflegt?«

Isabella, die gerade einen Bissen Ei und ein Stück weißen Brotes im Mund hatte, dachte: Du bist nicht nur hochmütig, alter Mann, du bist auch neugierig. Viel zu neugierig. Aber vielleicht können wir beizeiten ein Geschäft machen: deine Neugier gegen meine Neugier. Wir werden sehen. Laut sagte sie: »Ich möchte jetzt nicht über spanische Weine sprechen, Hartford. Sei so gut und lass mich allein.«

»Sehr wohl, Miss Isabella.«

Hartford schürzte die Lippen und verschwand.

 

 

 

Am darauffolgenden Sonntag fand wie immer der Gottesdienst in der Schlosskapelle statt, zu dessen Durchführung diesmal extra der schwergewichtige Reverend Pound aus Worthing angereist war. Danach machten Vitus und die Jungen einen Ritt über die Felder, wobei Vitus Telemach wieder einmal bewegte und Odo und Carlos zwei Zwergpferde von den Shetland-Inseln ritten. Catfield, der Verwalter, begleitete sie und informierte seinen Herrn bei dieser Gelegenheit über den Zustand und Reifegrad von Körnern, Früchten und Gemüse.

In einigem Abstand hinter ihnen ritten Nina und Isabella, die sich angeregt unterhielten. Nina wies mit einer weit ausholenden Bewegung über die Wiesen und Felder und sagte: »Ich liebe das Land zu jeder Jahreszeit, liebe Isabella, denn jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Im Sommer, wie jetzt, reift alles heran, die Arbeit des Pflügens und Säens mündet in Wachstum, überall steht das Getreide, und die Ähren wiegen sich im Wind; die Sonne scheint warm, es sind die längsten Tage im Jahr.«

Isabellas Blick folgte der Handbewegung, doch was sie sah, erregte sie nicht sehr. Sie war ein Kind der Stadt. Dennoch bemühte sie sich, freundlich zu sein: »Ja, es ist eine wunderschöne Zeit.«

»Im Herbst folgt die Ernte, das Schneiden und Dreschen des Korns, das Mahlen zu Mehl, das Erntedankfest. Im Winter ist die Zeit der Ruhe und der Reparaturen, alle Welt zieht sich ins Haus zurück, sitzt am Kamin, genießt besinnliche Weihnachtsstunden, während draußen die Kälte klirrt und der Frost alles im Griff hat. Im Frühling bricht die Erde auf, die Bäume schlagen aus, die Feldarbeit beginnt, und jedermann freut sich über die ersten wärmenden Sonnenstrahlen.« Nina blickte Isabella an. Die junge Spanierin hatte noch keine eigene Reitkleidung, weshalb Anne, die Frau Catfields, mit einer Garnitur hatte aushelfen müssen. Nichtsdestoweniger stand ihr die Übergangslösung, die hier und da mit einem Abnäher versehen worden war, ganz ausgezeichnet. »Sagt, Isabella, wie sind die Jahreszeiten bei Euch in Andalusien?«

»Nicht so ausgeprägt, Mylady.« Isabella hatte sich noch nie Gedanken über die zeitlich bedingten Veränderungen in der südspanischen Natur gemacht, und sie interessierte sich auch nicht dafür. »In der Stadt merkt man nicht so viel davon.«

»Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Ich liebe die Erdkrume in der Hand, den frischen Wind im Gesicht und den Duft von Wiesen und Wäldern in der Luft. Im Gegensatz zu Euch komme ich aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war ein Bauer und ist es bis heute. Ich habe acht Geschwister, die gottlob allesamt noch am Leben sind.«

»Ich habe keine Geschwister.« Isabella war befremdet über die Freimütigkeit von Ninas Rede, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie selbst hätte niemals zugegeben, von niedriger Geburt zu sein. Statt stolz auf das Erreichte zu sein, machte diese Frau sich offenbar einen Spaß daraus, über ihre niedrige Herkunft zu sprechen. Was steckte dahinter? Dummheit? Unbedarftheit? Oder gar übertriebene Selbstsicherheit? In jedem Fall war dieses Verhalten einer Gräfin nicht würdig. Andererseits war sie keine echte Gräfin, nur ein angeheiratetes Bauernmädchen – und so etwas merkte man eben doch.

»Erzählt mir von Euch, Isabella, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, einziges Kind meiner Eltern zu sein.«

Isabella lächelte. »Es war in meinem Elternhaus sicher viel ruhiger als bei Euch, Mylady. Mein Vater starb früh, und meine Mutter trauerte sehr um ihn. Sie hat nie wieder geheiratet. Stattdessen bemühte sie sich umso mehr, mich unter die Haube zu bringen. Keine Woche, in der sie nicht ein Fest gegeben hätte, zu dem eine Reihe junger lediger Herren von Stand eingeladen worden wären.«

»Das muss sicher sehr aufregend für Euch gewesen sein?«

»Wie man’s nimmt, Mylady. Die meisten jungen Herren meines Alters sind ziemliche Tölpel, picklig, schüchtern, unbeholfen, sie tanzen schlecht, küssen schlecht und verstehen es kaum, eine junge Dame zu fesseln.« Isabella musste an Paolo Farnese denken, der gewiss zu dieser Sorte gehörte, und beschloss, ihn nicht zu erwähnen. Würde sie es tun, zöge das nur unnötige Fragen nach sich, und sie wollte lieber selbst Fragen stellen.

Nina wunderte sich, wie abfällig Isabella über junge Männer sprach, und noch mehr wunderte sie sich darüber, dass Isabella mit ihnen offenbar schon Küsse ausgetauscht hatte. Aber vielleicht war das unter der heißen Sonne in Cádiz so üblich, und deshalb sagte sie nichts.

»Wie habt Ihr eigentlich Seine Lordschaft kennengelernt, Mylady?«

»Oh!« Ninas Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. »Es ist noch gar nicht so lange her. Knapp acht Jahre, wenn ich richtig rechne. Es war in der Sierra de la Demanda, ganz in der Nähe des alten Zisterzienserklosters Campodios, wo ich zur Schule ging und wo Vitus, ich meine, Seine Lordschaft, Unterricht erteilte.«

»Es passierte also während des Unterrichts?«

»Nein, nein.« Nina lächelte. »Da sind wir uns nur nähergekommen. Im Vertrauen: Seine Lordschaft war sehr schüchtern. Richtig gefunkt hat es erst während eines schrecklichen Gewitters. Wir hatten uns unter einem Baum in Sicherheit gebracht, und irgendwann ließ es sich nicht mehr vermeiden, dass er mich schützend in die Arme nahm.«

»Das stelle ich mir sehr romantisch vor, Mylady.« Isabella dachte, dass die Nacht, die sie mit Vitus in Doktor Halls Kammer verbracht hatte, vielleicht nicht so romantisch gewesen war, dafür aber ungleich leidenschaftlicher.

Ninas Gesicht leuchtete, denn sie besann sich immer wieder gern auf die Stunde, in der sie und Vitus sich ihre Liebe gestanden hatten. »Ja, Isabella, es war ein überwältigendes Glücksgefühl, das wir beide spürten. Ich wünsche Euch von Herzen, dass auch Ihr so etwas eines Tages erlebt.«

»Ich weiß nicht, Mylady.« Isabella spielte die Zweifelnde. »Ich bin schon neunzehn und noch immer ohne Mann. Wahrscheinlich werde ich eines Tages als alte Jungfer enden.«

Nina lachte. »Grämt Euch nicht! Mit dem Alter ist es eine seltsame Sache: Solange man noch keinen Mann hat, fühlt man sich mit jedem Tag mehr als Greisin, ist man dann aber verheiratet, wird man mit jedem Tag wieder jünger. Ich selbst bin sechsundzwanzig, habe drei Kinder geboren und fühle mich keinen Tag älter als Ihr. Wisst Ihr was? Wir sollten einander duzen. Das ist hübscher und im täglichen Umgang auch viel einfacher.« Nina trieb ihr Pferd dicht an Isabellas Seite und umarmte sie. »Ich bin Nina, aber das weißt du ja sicher schon.«

»Es ist eine große Ehre für mich … Nina.«

Die beiden Frauen küssten sich auf die Wange, und Nina sagte: »Ich will nachher dafür sorgen, dass du dich auch mit Vitus duzt, er wird sicher nichts dagegen haben.«

»Oh, danke, Nina.«

Langsam ritten sie weiter.

Nina hatte den Kopf voll angenehmer Gedanken und Isabella ebenso.

Doch Isabellas Gedanken waren ganz anderer Art.

 

 

 

An einem Morgen nur wenige Tage später erschien Hartford mit dezentem Räuspern im Spanischen Zimmer, ein Tablett mit mehreren Köstlichkeiten zum Frühstück vor sich hertragend. »Ich bringe Euch die Morgenspeise, Miss Isabella.«

Isabella gähnte ausgiebig. Sie hatte sich angewöhnt, immer länger in den Tag hineinzuschlafen, da das Leben auf dem Schloss sie langweilte. Die Tage verliefen eintönig, einer glich dem anderen, und nur die gelegentlichen Besuche der Schneiderin stellten eine Ausnahme dar. Auch hatte sie Vitus längere Zeit nicht mehr unter vier Augen gesehen, und das trug ebenfalls zu ihrer Langeweile bei. Irgendetwas musste sie sich einfallen lassen, um ihm wieder näherzukommen. Allerdings würde das nicht ganz einfach sein, denn Nina, die bäurische Schlossherrin, scharwenzelte ständig um ihn herum.

»Ich hoffe, ich habe Euch nicht geweckt, Miss Isabella?« Hartfords hochmütiges Gesicht verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln.

»Das hast du nicht.« Isabella setzte sich im Bett auf, damit der Diener das Tablett vor sie hinstellen konnte. Dabei sorgte sie wie zufällig dafür, dass ihr Nachtgewand sich öffnete und ihre Brüste sichtbar wurden. »Was bringst du mir denn Schönes?«

»Äh, nun …« Hartford bekam Stielaugen und versuchte, seine Konzentration auf das Mitgebrachte zu lenken. »Weißes Brot, wie Ihr es schätzt, Miss Isabella, Pflaumenmus, Obst, ein gekochtes Ei, ich betone: nur ein Ei, und für den Wunsch nach Deftigerem ist auch gesorgt: gebratene Nierchen und Blauschimmelkäse, dazu einen verdünnten Andalusier.«

»Du verwöhnst mich, Hartford. Wie ist das Wetter draußen?«

Hartford zog die Vorhänge zurück und meldete: »Ein schöner Tag, Miss Isabella, ein paar Wolken am Himmel, aber viel Sonne. Ein Tag zum Ausreiten, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.«

»Ich habe ja niemanden, der mich begleiten würde. Ich halte mich den ganzen Tag im Schloss auf und sehe anderen bei der Arbeit zu.« Isabella begann zu essen, aber mit wenig Appetit, was weiter nicht verwunderlich war. Wer nichts tat, konnte kaum hungrig sein.

Hartford schürzte die Lippen. »Ich, äh, würde Euch gern begleiten, Miss Isabella, aber leider lässt der Dienst mir keine Zeit dazu.«

»Du? Mich begleiten?« An Hartford als Kavalier an ihrer Seite hätte Isabella zuallerletzt gedacht. »Kannst du denn überhaupt reiten?«

»Selbstverständlich.« Hartfords hochmütiges Gesicht wurde womöglich noch ein wenig hochmütiger. »Ich war lange Jahre Assistent von Mister Catfield, dem Verwalter. In dieser Eigenschaft ritt ich mit ihm häufig über die Ländereien Seiner Lordschaft, um die Dörfer und Höfe zu inspizieren. Davor war ich der persönliche Diener des alten Lords, der viel zu früh an der unheilbaren Schüttellähmung starb.«

»Schüttellähmung?«

»Man nennt das Leiden auch Zitterkrankheit. Der Kranke vermag dabei die Hände keinen Augenblick ruhigzuhalten, seine Stimme gleicht einem einförmigen Singsang, und seine Schritte werden kleiner und kleiner, bis er am Ende nicht mehr gehen kann und sein Herz stehenbleibt. Jedenfalls wählte Lord Odo mich seinerzeit für diese ehrenvolle Aufgabe aus, weil ich selbst aus gutem Hause stamme.«

Hartford blickte bei seinen letzten Worten fast trotzig drein und sprach weiter: »Nur durch eine Verkettung unglücklicher Umstände musste ich als junger Mann in die Rolle des Dienenden schlüpfen.«

»Wie kam das?« Isabellas zunächst mäßiges Interesse nahm zu. Sie trank von dem Wein und biss in einen Apfel. Sie tat es, ohne den Mund weit aufzumachen, denn sie wollte nicht, dass Hartford ihre Zahnlücken sah – Hartford nicht und alle anderen im Schloss auch nicht. Deshalb lachte sie nie und lächelte stets mit geschlossenem Mund.

»Es ging um eine Frau, Miss Isabella.« Hartfords Worte kamen scheinbar widerstrebend, während er mit einem Tuch die Krümel von der Bettdecke wedelte.

»Hast du sie sehr geliebt?« Isabella gewährte ihm einen weiteren Blick auf ihre Brüste.

»Nun, äh, wie meinen?«

»Ob du sie sehr geliebt hast?«

»Ja, Miss Isabella. Doch leider nicht nur ich.«

»Es gab also noch einen anderen. Und den hast du …?«

Hartford nickte schwer. »So ist es, Miss Isabella. Ich musste über Nacht verschwinden und bin bis heute nicht zurückgekehrt.«

»Das tut mir sehr leid. Das Leben ist ungerecht. Ich habe es selbst am eigenen Leibe erfahren.« Isabella nahm von dem Weißbrot und dem Pflaumenmus und dachte, dass die Informationen, die Hartford in seiner Eitelkeit ausgeplaudert hatte, ihr noch sehr von Nutzen sein könnten. »Du kannst jetzt gehen.«

Etwas ernüchtert verließ Hartford das Spanische Zimmer.

Beim Hinausgehen stolperte er fast über Nella, die im Nebenzimmer mit einer Näharbeit beschäftigt war.

 

 

 

»Ich bin dir dankbar, dass du dir meine Zähne ansehen willst«, sagte Isabella am darauffolgenden Sonntag zu Vitus. Man schrieb den 30. Juni, und ganz England befand sich mittlerweile in fieberhafter Erwartung der Armada. Doch in Greenvale Castle war davon wenig zu spüren, und auch Vitus hatte andere Dinge im Kopf, denn er widmete seine ganze Aufmerksamkeit abwechselnd seiner Familie und der Verwaltung seiner Güter.

Deshalb war es ihm zunächst auch wenig angenehm gewesen, von Isabella um ärztlichen Rat gebeten zu werden, aber er hatte schlecht nein sagen können, umso mehr, als Isabella und Nina mittlerweile gute Freundinnen waren und Nina sicher wenig Verständnis für eine ablehnende Haltung gezeigt hätte. »Ich bin Arzt, und wenn jemand ein körperliches Problem hat, helfe ich ihm – ohne Ansehen der Person. Warum ich dich allerdings ausgerechnet im Spanischen Zimmer untersuchen soll, verstehe ich nicht. Aber es ist auch nicht so wichtig. Setz dich da ans Fenster, damit ich besser in deinen Mund hineinschauen kann.«

Isabella gehorchte umgehend, nicht nur, weil Vitus’ Anordnung sehr bestimmt klang, sondern auch, weil sie froh war, endlich den richtigen Anlass gefunden zu haben, mit ihm für eine Weile allein sein zu können.

»Schau zum Licht und mach den Mund auf.«

Isabella strahlte ihn an, schloss die Augen und öffnete die Lippen wie zum Kuss.

»Was soll das?« Er runzelte die Stirn. »Mach den Mund ganz auf, damit ich hineinschauen kann. Ja, so ist es richtig.« Vitus nahm einen kleinen Spatel, drückte die Zunge hin und her und besah sich jeden einzelnen Zahn, so gut es ging. »Ich sehe keinerlei Anzeichen für den Zahnwurm«, sagte er schließlich und richtete sich auf. »Wo genau sitzt denn der Schmerz?«

»Warte, ich zeige es dir.« Isabella öffnete ihre Lippen abermals halb und zog ihn mit einer schnellen Bewegung zu sich herab. Sie küsste ihn leidenschaftlich.

Er riss sich los, doch wenn nicht alles täuschte, ließ er sich damit ein, zwei Augenblicke mehr Zeit, als notwendig gewesen wäre. »Versuche nicht noch einmal, mich zu täuschen. Du missbrauchst meine Gastfreundschaft und hintergehst zugleich deine neue Freundin Nina!«

»Entschuldige, Vitus.« Isabella tat zerknirscht. »Ich bin nur immer so allein, da ist es über mich gekommen, tut mir leid.«

»Vergessen wir’s«, sagte er versöhnlich und wollte seine Instrumententasche nehmen, um zu gehen.

»Nein, bleib.« Sie griff ihn beim Arm. »Ich habe niemals behauptet, vom Zahnwurm gequält zu werden, es geht vielmehr um meinen abgebrochenen Schneidezahn. Die Lücke sieht so grässlich aus, ganz wie bei einer alten Frau.«

»Ach, darum geht es dir?«

»Ja, Vitus.« Sie lächelte breit, damit er sehen konnte, was sie meinte.

»Es geht also nicht um Gesundheit, sondern um Schönheit?«

»Hängt beides nicht zusammen?« Sie lächelte noch breiter, so dass auch die Lücke, die der fehlende untere Schneidezahn hinterlassen hatte, sichtbar wurde.

Vitus ließ sich Zeit mit der Antwort. »Vielleicht hast du recht«, sagte er dann. »Aber künstliche Zähne herzustellen, ist schwer, und noch schwerer ist, sie richtig zu befestigen. Wenn ich dir helfen soll, musst du von vornherein wissen, dass du mit beiden Zähnen nie wieder kauen können wirst. Sie werden einfach nur da sein und, so Gott will, einigermaßen natürlich aussehen.«

»Oh, Vitus, du bist so gelehrt.«

»Übertreibe nicht. Ich will, dass du dir genau darüber im Klaren bist, was dich erwartet, wenn ich die Behandlung vornehme. Das Problem ist, dass dem Menschen keine dritten Zähne nachwachsen, sie müssen also extra in ihrer Form hergestellt und verankert werden. An Materialien kommt dafür mancherlei in Frage, etwa der Zahn des Walrosses oder der des Elefanten. Man kann auch einen Kalbszahn zurechtfeilen oder ein Stück Holz entsprechend bearbeiten. Dies alles ist bei den alten Meisterärzten nachzulesen und, wie gesagt, nicht das größte Problem. Das größte Problem ist das Fixieren, das in der Regel durch einen Gold- oder Silberdraht erfolgt. Mit ihm wird der neue Zahn an seinen Nachbarn links und rechts befestigt, und zwar in Form einer geschlungenen 8 – gelingt das dauerhaft, ist auch der Schönheitseffekt dauerhaft.«

»Ich mache alles, was du für richtig hältst.« Sie betrachtete ihn und spürte eine Welle der Sehnsucht, die sie fortzuspülen drohte. Wenn er so ernst daherredete, war er einfach unwiderstehlich. Doch sie verbot sich, ihn nochmals zu küssen, denn sie wollte ihn nicht noch einmal reizen.

»Ich schlage vor, für den Ersatz deiner Zähne solche vom Kalb zu nehmen.«

»Ja, Vitus.«

»Wenn du so weit mit allem einverstanden bist, kommt jetzt das Schwerste für dich: Dein abgebrochener großer Schneidezahn kann nicht durch ein angesetztes Stück geflickt werden, es hielte nicht, selbst wenn du niemals damit kauen würdest. Es gibt keinen Klebstoff, der stark genug wäre, um auf so einer kleinen Bruchfläche zu wirken. Das heißt …«

»Das heißt, du musst ihn ziehen, damit ein neuer, ganzer Zahn seinen Platz einnehmen kann?«

»Genau das heißt es. Du solltest es dir noch einmal überlegen, denn der jetzige Stumpf scheint für die Nahrungszerkleinerung voll tauglich zu sein. Du tauschst also einen funktionsfähigen, gesunden Zahnrest gegen eine reine Nachbildung ein.«

»Das ist mir egal. Ich will wieder richtig lachen können!«

»Nun gut.« Vitus atmete durch. »Bringen wir den ersten Schritt hinter uns. Ziehen wir den abgebrochenen Beißer, alles andere findet sich hoffentlich.«

»Wird es sehr schmerzhaft?«

»Ja, wahrscheinlich.«

»Küss mich noch einmal, bevor es losgeht, Vitus.«

»Nein. Ich werde dich nie wieder küssen. Ich bin ein glücklich verheirateter Ehemann, und du bist hier Gast. Missbrauche dieses Gastrecht nicht und halte jetzt still. Öffne den Mund weit und nimm die Zunge zurück.«

»Ja, Vitus.«

Er trat seitlich an sie heran, um sich nicht selbst im Licht zu stehen, und probierte zunächst einige Zangen aus. Als er die richtige gefunden hatte, setzte er sie an und begann, den starken Zahnstumpf nach vorn und hinten zu biegen, damit er sich mitsamt seiner Wurzel löse. Es war ein mühsames Unterfangen, denn Isabella verfügte über ein prachtvolles Gebiss, und ihre Zähne saßen fest wie eingemauert.

Er verstärkte seine Bemühungen und beobachtete, wie ihr Tränen aus den Augen rannen, aber sie gab nicht das kleinste Klageräusch von sich.

»Du bist sehr tapfer.«

Sie sagte nichts und bedeutete ihm, weiterzumachen.

Er zog und drückte jetzt nicht mehr nur aus dem Handgelenk heraus, sondern setzte den ganzen Unteram ein. Seltsame Gedanken schossen ihm dabei durch den Kopf. Er wollte ihr keinen Schmerz zufügen, und dennoch empfand er ein gewisses Vergnügen, sie so hilflos ausgeliefert zu sehen. Sie hing an seiner Zange wie ein Fisch an der Angel. Doch sie zappelte nicht. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn und half so, das Lockern zu erleichtern.

Endlich, halb ziehend, halb brechend, gelang es ihm, den starken Stumpf herauszuholen. Er hielt ihn mit der Zange hoch und begutachtete ihn. Die Wurzel war gänzlich erhalten, was bedeutete, dass sich nun ein blutiges Loch in Isabellas Kiefer befand – so wie beabsichtigt.

Sie schloss den Mund und fuhr sich über die Augen. Eine Weile sagte sie nichts. »Es war nicht so schlimm«, sagte sie dann. »Weil du es gemacht hast.«

»Es war schlimm genug; ich hätte nicht an deiner Stelle sein mögen.«

»Aber nun ist es vorbei. Wann bekomme ich die neuen Zähne?«

Er lächelte. Es war das erste Mal, dass er es während der Behandlung tat. »Spül erst einmal den Mund aus, hier ist ein Becher Wasser. So ist es gut. In die Schale dort kannst du hineinspucken. Nun zu deiner Frage, wann du die neuen Zähne bekommst: Wir müssen ein paar Tage warten, bis sich die Wunde geschlossen hat. Sie wird es von selbst tun, eine Versorgung ist nicht notwendig. Ich werde die Zeit nutzen und mich um geeignete Kalbszähne kümmern. Außerdem werde ich versuchen, einen besonders harten Golddraht aufzutreiben, denn Gold ist besser als Silber. Silber ist zu weich, und es besteht darüber hinaus die Gefahr, dass es in ungewünschter Weise mit dem Speichel reagiert.«

»Danke, Vitus.«

»Schon gut. Was ich tue, tue ich als Arzt. Vergiss das nicht. Hoppla, war da etwas?« Vitus blickte zur Tür, wo er eine Bewegung wahrgenommen zu haben meinte.

»Hallo, Onkel Vitus.« Nella stand im Rahmen und strich sich eine Haarsträhne aus dem geröteten Gesicht. »Ich … ich wollt nur sehen, ob ich meine große Sticknadel hier verloren hab.«

Isabella kniff die Augen zusammen. »Wieso glaubst du, deine Sticknadel ausgerechnet in meinem Zimmer verloren zu haben?«

»Ich … Es war gestern Mittag, Miss Isabella, Ihr wart zu Tisch, und Molly hat aufgeräumt, und ich hab ihr Gesellschaft geleistet. Sie hat Staub gewischt, und ich hab meinen Stickrahmen dabeigehabt und gestickt, das machen wir öfter, weil wir gute Freundinnen sind – so wie Ihr und Tante Nina.«

»Nun gut. Geh jetzt. Du kannst später nach der Sticknadel suchen.«

»Ja, Miss Isabella. Adieu, Onkel Vitus, bis nachher.«

»Bis nachher«, sagte Vitus und packte seine Sachen zusammen.

Nella sprang erleichtert davon.

 

 

 

»Sie hat ihn geküsst, Altlatz«, sagte Nella am selben Abend zum Zwerg. Er saß wieder auf ihren Knien, und sie wiegte ihn wie eine Puppe. »Ich hab es genau gesehen. Sie hat es getan, bevor Onkel Vitus ihr einen Zahn zog. Das Zahnziehen sah furchtbar aus. Die Schickse war sehr tapfer, aber sie war’s nur, weil sie was von ihm will.«

»Wui, mein Spätzchen, schaukel nich so, aber hast recht, Frauen sin tapfer, wennse was wollen, viel tapfrer als Kaffer. Müssen sehn, dass hier nich alles böse endet. Sin die Einzigen, die ihre Späher tarren. ’s sin wir dem Örl schuldich. Wenn er nich gewesen wär, gäb’s dich heut nich. Er hat dem Schwarzen Tod ’ne Nase gedreht, hat uns alle gerettet, dich, mich, Fabio, das war’n Überlandfahrer, den Magister un Antonella, deine Mutter.«

»Erzähl mir von ihr.«

»Da gibt’s nich viel zu spinnen, mein Spätzchen, weiß ja kaum was von ihr. Sie war jung, ’ne Bürstenbinderin, un sie war mächtich geschwollen.«

»Geschwollen?«

»Schwanger, mein Spätzchen. Bei deiner Geburt isse gestorben, das war schon im Feuerkreis.«

»Im Feuerkreis? Was ist das nun wieder?«

»Den hat der Örl angefackelt gegen den Schwarzen Tod, da ham wir alle drin gehaust, siebzich Tage lang, un dann sin wir raus un war’n gerettet. Nur Antonella nich.« Der Zwerg gab ein fiependes, nach Trauer klingendes Geräusch von sich. »Ich hab sie mächtich gelenzt, aber sie hat mich nich gelenzt.«

»Dafür hab ich dich lieb, Altlatz!« Nella gab dem Zwerg einen schmatzenden Kuss direkt auf sein Mondgesicht.

»Du bist mein Sonnenschein, aber mit Antonella war’s schattnich. Aber’s war wohl nich zu ändern, hab dich dann mit Milch vom Bartmann hochgepäppelt.«

»Milch vom Bartmann? Altlatz, du sollst doch nicht immer so blöd sprechen.«

»’s is Ziegenmilch, mein Spätzchen. Hab dich damit gefüttert un durch Oberitalien karriert, durchs Meer gelotst, durch Nordspanien karriert, wieder durchs Meer gelotst un mit Dusel hier ins Kastell gebracht.«

»Erzähl mir mehr davon, Altlatz!«

»’n andermal, Spätzchen, ’s is ’ne lange Geschicht. Sag, hat der Örl auch die Schickse geküsst?«

»Nee, sie hat angefangen. Er wollte nicht. Oder nicht richtig. Ich glaub, sie ist eine ganz Durchtriebene.«

»Das kannste holmen.«

»Ich hab auch gesehen, wie sie Hartford ihre Brüste gezeigt hat. Sie hat so getan, als wär’s Zufall.«

»Bei der is nix Zufall. Wer weiß, was das nu wieder soll.«

»Vielleicht krieg ich es raus.«

»Aber pass auf, mein Spätzchen, wenn’s zu heikelig wird, sach Bescheid.«

»Keine Sorge, mein lieber, kleiner Altlatz.« Nella küsste den Zwerg abermals schmatzend. »Gute Nacht, ich muss zu Tante Nina nach oben.«

»Glatte Schwärze, mein Spätzchen.«

 

 

 

Eine Woche später war es so weit: Vitus hatte zwei Zähne vom Kalb zurechtgeschliffen und nach mehrmaliger Anprobe für passend gefunden. Beide Kauwerkzeuge passten genau in das Zahnfach und wiesen im oberen Bereich eine rundum verlaufende waagerechte Riefe auf, die den Golddraht vor dem Abrutschen bewahren sollte.

Isabella war an diesem Morgen, es war ein Sonntag, abermals nicht zum Gottesdienst in die kleine Kapelle gekommen, mit der Begründung, sie sei anderen Glaubens. In Wahrheit hatte sie lieber ausschlafen wollen. Doch nun, wo es darum ging, ihr Gebiss in alter Vollständigkeit zurückzuerhalten, war sie hellwach. »Was wirst du tun, Vitus?«, fragte sie, bevor sie den Mund weit aufsperrte.

»Ich werde zunächst eine kleine Riefe in die Nachbarzähne feilen, damit der Goldfaden nicht nur an den vorpräparierten Zähnen Halt findet, sondern auch links und rechts daneben. Ich beginne jetzt. Sollte es weh tun, gib mir ein Zeichen, manche Menschen sind an den Zahnhälsen sehr empfindlich.«

Isabella nickte, denn wegen ihres geöffneten Mundes konnte sie nicht sprechen.

Vitus machte sich an die Arbeit, und wie sich zeigte, war Isabella keineswegs an den Zahnhälsen empfindlich. Im Gegenteil, sie ließ die Prozedur, ohne mit der Wimper zu zucken, über sich ergehen.

Als die Riefen gefeilt waren, begann Vitus mit dem großen Schneidezahn, den er sorgfältig der Größe und Farbe nach einem toten Kalb entnommen hatte, schlang den Goldfaden einmal um ihn herum und setzte ihn ein. Während er ihn mit der linken Hand an seinem Platz hielt, fädelte er mit der rechten den Faden neben dem ersten Seitenzahn ein, holte ihn durch, führte ihn über den Schneidezahn zum anderen Seitenzahn hinüber und wiederholte den Vorgang. Eine weitere Lage Draht nach beiden Seiten gab dem neuen Zahn endgültige Festigkeit. Die Schlingentechnik in Form der liegenden 8 hatte sich nach beiden Seiten hin bewährt.

Mit Hilfe der Pinzette, derer er sich schon zuvor bedient hatte, machte er einen winzigen Knoten, den er in einem Zahnzwischenraum unsichtbar plazierte.

»Sieht es gut aus?«, fragte Isabella.

»Ja und nein«, antwortete Vitus. »Im grellen Sonnenlicht wird jedermann den Zahn als künstlich erkennen, zumal der Goldfaden dann blinken dürfte; im matten Kerzenlicht dagegen wird niemand einen Unterschied feststellen können. Im Übrigen liegt es an dir, wie weit du die Oberlippe beim Lachen hochziehst. Tust du es nicht zu stark, wird man den Goldfaden in keinem Fall sehen.«

»Der Zahn fühlt sich kalt an.«

»Das ist kein Wunder. Er ist ein Fremdkörper. Es wird einige Stunden, vielleicht sogar Tage dauern, bis er die Wärme der anderen angenommen hat. Dann wird er ein Teil von dir sein. Aber freue dich nicht zu früh, die Schlingenbefestigung hält nicht bis in alle Ewigkeit, sie wird alle paar Monate erneuert werden müssen.«

»Das heißt, alle paar Monate begebe ich mich wieder in deine Behandlung?«

»Nun, äh, ich gehe nicht davon aus, dass du bis ans Ende deiner Tage in Greenvale Castle weilen wirst, aber tröste dich: Jeder halbwegs geschickte Bader oder Wundarzt wird in der Lage sein, das zu tun, was ich heute getan habe.« Vitus machte sich daran, den unteren Schneidezahn mit den gleichen Arbeitsschritten zu fixieren und betrachtete einige Zeit später mit kritischen Augen sein Werk. Er nahm dazu eine Lupe, denn er wollte sicherstellen, dass die Goldfäden überall glatt in den Riefen lagen.

Er legte die Lupe beiseite. Er war zufrieden. »Bei der Einnahme von Mahlzeiten solltest du darauf achten, nicht mit den Vorderzähnen abzubeißen. Schneide Fleischstücke oder Ähnliches mit dem Messer klein und führe die Bissen mit einer Gabel zum Mund. Ich weiß, es ist unüblich, und manche verurteilen das Instrument gar als eine Erfindung des Teufels, aber es wird dir nützen. Ich habe von meiner Reise nach Padua im Oberitalienischen einige Gabeln aus Silber mitgebracht. Sie stammen ursprünglich aus Venedig und haben vier Zinken. Nimm eine davon, sie wird dir helfen.«

»Ja, Vitus.«

»Nun, ich denke, das war’s.«

»Danke, Vitus. Reitest du heute Nachmittag mit mir aus?«

»Nein. Ich werde den Nachmittag im Kreis meiner Familie verbringen. Bitte verstehe, dass wir ungestört sein möchten.«

»Dann geh doch, wenn du nichts Besseres vorhast.«

»Isabella, bitte!«

Sie lächelte mit ihren neuen Zähnen. »Schon gut. Dann bis irgendwann, wenn Mylord geruhen, wieder einmal Zeit für mich zu haben.«