3
Der Nomade folgte Orla O’Kane durch den breiten Flur. Sie hatte dicke Knöchel. Ihre derben Fersen hämmerten dumpf auf den Teppich. Sie war von Beruf Immobilienhändlerin und steckte das Geld ihres Vaters in Häuser, Hotels und Bürogebäude. Höchstwahrscheinlich wanderte auch einiges davon in dieses Anwesen, ein Herrenhaus außerhalb von Drogheda, ehemals Heim eines britischen Landeigentümers, das nun zu einem privaten Sanatorium umgebaut wurde.
Gegen seinen Willen war der Nomade beeindruckt, als er die Kieseinfahrt hinauffuhr, die die Rasenflächen und gestalteten Gärten durchschnitt. Weiter vorne ragte drei Stockwerke hoch das Haus auf, dahinter floss der Boyne dahin. Einen knappen Kilometer entfernt war über den Baumwipfeln der hohe Stützpfeiler einer neuen Schrägseilbrücke zu sehen, die den Autobahnverkehr über das Wasser führte.
Der Rest des Gebäudes war geräumt, alle Zimmer standen leer. In der herrschaftlichen Eingangshalle hatte er eine Reinigungskraft und eine Krankenschwester gesehen. Ein paar Männer trieben sich auf dem Gelände und in den Fluren herum, aber nach ihren wachsamen Augen und ihren ausgebeulten Jacken zu urteilen, gehörten die ganz gewiss nicht zum medizinischen Personal.
»Ihr Vater gibt wohl eine hübsche Stange Geld für seine Krankenversicherung aus, was?«, fragte der Nomade.
Sie blieb stehen und klackte die Fersen zusammen. Lieber Himmel, was für ein Riesenarsch! Und auch noch breite Schultern. Ihre Business-Kombination bemühte sich nach Kräften, aber sie war nun mal ein dralles Mädchen, das ließ sich nicht verstecken. Allerdings gar kein übles Gesicht.
»Er legt großen Wert auf seine Privatsphäre«, erklärte sie über die Schulter hinweg. Sie sprach mit den harten Konsonanten einer Frau, die es gewohnt war, dass man ihr gehorchte und keine Fragen stellte.
Der Nomade lächelte sie an. Wäre sie die Tochter eines anderen gewesen, hätte er vielleicht einen Versuch gestartet. Sie war bestimmt eine heiße Stute, so wie alle Kratzbürsten. Aber die hier war zu gefährlich.
Er folgte ihr durch einen Flur im ersten Stock des Ostflügels. Sie ging weiter bis zur zweitletzten Tür links. Ihr Klopfen wurde aus dem Raum mit einem unwirschen Knurren erwidert. Sie öffnete die Tür und winkte den Nomaden an sich vorbei.
Bull O’Kane saß in einer Ecke, eingerahmt von hohen Schiebefenstern. Dahinter erstreckte sich bis zu einer hohen Mauer in etwa vierhundert Metern Entfernung ein gepflegter, von Büschen gesäumter Rasen. Auf der anderen Seite lag der Fluss.
Die Tochter räusperte sich. »Falls du mich brauchst, ich warte draußen.«
O’Kane lächelte. »In Ordnung, Liebes.«
Ein kühler Luftzug strich über den Rücken des Nomaden, als die Tür energisch geschlossen wurde.
»Sie ist ein braves Mädchen«, sagte O’Kane. »Schlau wie ein Fuchs. Bloß kein Glück mit den Männern. Immer wieder fällt sie auf irgendwelche Großmäuler rein.«
Der Nomade trat an eines der Fenster. »Ziemlich schöner Ausblick«, sagte er. Ein Reiher stakste im Uferbereich des vom Regen angeschwollenen Flusses. »Ich wette, hier kann man gut angeln. Lachse, Forellen. Ich hätte meine Angel mitbringen sollen.«
»Siehst gar nicht aus wie ein Zigeuner«, sagte O’Kane.
Der Nomade wandte sich um und sah ihn an. »Und Sie sehen nicht so aus, als könnten Sie sich hier ein Zimmer leisten, geschweige denn den ganzen Kasten.«
O’Kanes Beine ruhten auf einem Hocker, über den Schoß war eine Decke gebreitet, die bis zu den Fußgelenken reichte. Ein übler Geruch ging von ihm aus. Der Nomade hatte davon gehört, dass der Alte eine Kugel ins Knie und eine in den Bauch abgekriegt hatte, die seine Eingeweide in Mitleidenschaft gezogen hatte. O’Kane trug jetzt einen Beutel und würde ihn auch bis zum Rest seiner Tage behalten. Er war schmächtiger, als der Nomade erwartet hatte, hinfälliger als auf dem Foto, das er gesehen hatte. Beschleunigt durch seine Verletzungen, holte das Alter ihn ein, aber seine Augen funkelten immer noch unerbittlich.
»Jemand hat mir gesagt, dein richtiger Name ist Oliver Turley«, sagte O’Kane. »Stimmt das?«
Der Nomade setzte sich auf die Bettkante. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe schon viele Namen gehabt. Smith, Murphy, Tomalty, Meehan, Gorman, Maher. Ich könnte noch weitermachen.« Er lehnte sich vor und flüsterte: »Es gibt sogar ein paar Leute, die behaupten, in Wahrheit sei ich ein Pavee.«
Eine Totenmaske legte sich auf O’Kanes Gesicht. »Komm mir bloß nicht zu schlau, Kleiner. Mit mir ist nicht zu spaßen. Vergiss das nicht! Das ist die letzte Warnung.«
Der Nomade lehnte sich wieder zurück und nickte. »In Ordnung. Aber mit mir ist auch nicht zu spaßen, und ich beantworte nicht gerne Fragen. Sie erfahren alles über mich, was Sie wissen müssen.«
O’Kane musterte ihn einen Moment lang. »Na schön. Ist mir egal, ob du ein Zigeuner bist, ein Landstreicher, ein Vagabund oder Streuner oder wie zum Henker ihr heutzutage sonst genannt werdet. Mir geht es einzig und allein um den Job, den ich erledigt haben will. Bist du dafür der richtige Bursche?«
»Ich hätte eigentlich gedacht, ein Mann wie Sie hat einen Haufen Burschen, die ihm die Drecksarbeit abnehmen.«
O’Kane schüttelte den Kopf. »Nicht für diesen Job. Dafür kann ich niemanden nehmen, der mit mir zu tun hat. Außerdem muss die Sache vernünftig erledigt werden. Sozusagen geräuschlos. Ohne Wirbel und Scherereien.«
»Verstehe«, sagte der Nomade. »Also, worum geht es?«
O’Kanes Gesicht verdüsterte sich. »Das, was ich dir jetzt erzähle, wissen nur eine Handvoll Leute. Wenn du den Job ordentlich erledigst, dann werden nur du und ich die ganze Geschichte kennen. Wenn die Sache vorbei ist, wird man dich gut bezahlen, damit du den Mund hältst. Richtig viel Geld. Aber sollte ich mitkriegen, das auch nur das Geringste durchsickert …« O’Kane lächelte. »Mein Geld will ich dann jedenfalls nicht zurück. Verstanden?«
»Verstanden«, sagte der Nomade.
O’Kane deutete auf einen Ordner auf dem Nachttisch. Der Nomade griff danach. Er entnahm ihm lose Blätter, Fotokopien, Computerausdrucke. Auf einigen Seiten waren Fotos, auf anderen nur Text.
»Ich lese nicht«, sagte der Nomade.
O’Kane musterte ihn. »Willst du nicht, oder kannst du nicht?«
Der Nomade breitete die Blätter neben sich auf dem Bett aus. »Ein paar Leute haben gedacht, deshalb wäre ich dumm«, sagte er. »Die denken inzwischen überhaupt nicht mehr viel.«
O’Kane wölbte dreimal mit der Zunge die Unterlippe. Dann fing er an zu reden. Er erzählte von diesem Verrückten, Gerry Fegan, den irgendwelche Hirngespinste in seiner vom Alkohol vernebelten Phantasie dazu getrieben hatten, Michael McKenna, Vincie Caffola, einen korrupten Cop und O’Kanes Vetter, Pater Eamon Coulter, umzubringen. Er erzählte, wie die stümperhaften Versuche des Politikers Paul McGinty, die Sache unter Kontrolle zu bringen, alles nur noch schlimmer gemacht und noch mehr Menschenleben gefordert hatten, darunter auch das von McGinty selbst. Geendet hatte das Ganze in einem Blutbad auf einer alten Farm in der Nähe von Middletown. Am Ende war O’Kanes Sohn tot, erschossen von einem verräterischen Ex-Soldaten namens Davy Campbell, der Alte war selbst verwundet.
Fegan war unversehrt aus der Sache herausgekommen und hatte Marie McKenna und ihr Kind mitgenommen. Die drei hatten sich, wie es schien, in Luft aufgelöst. Außer O’Kane hatte es am Tatort nur zwei weitere Überlebende gegeben: McGintys Fahrer und Kevin Mallory, einer von O’Kanes Leuten. Mallory wurde in Bauch und Brust getroffen. Der Fahrer Quigley hatte O’Kane und Mallory in ein Krankenhaus in Dundalk gebracht und so beiden das Leben gerettet.
»Die Sache muss aus der Welt geschafft werden«, sagte O’Kane. »Die Briten, Dublin, die Jungs in Belfast, sie alle wollen, dass die Angelegenheit bereinigt wird.«
»Es hat geheißen, das sei eine Fehde gewesen«, sagte der Nomade. »In den Nachrichten. Sie sagten, diese drei Dissidenten hätten McGinty auf der Farm aufgelauert.«
»Das haben die Briten so gedreht«, erklärte O’Kane. »Die haben McSorley und seine Jungs an der Grenze erwischt. Sie haben ihnen Waffen in den Wagen gelegt und es so aussehen lassen, als hätten sie sich mit ihrer eigenen Bombe in die Luft gejagt. Wirklich gut gemacht.«
Der Nomade nickte. Es ließ sich nicht leugnen, dass er beeindruckt war. »Aber das ist noch nicht alles, oder?«, fragte er. »Es gibt zu viele Leute, die Bescheid wissen.«
»Quigley und Malone«, sagte O’Kane. »Ich will, dass sie verschwinden, und die Briten wollen es auch. Und dann ist da noch ein Anwalt, Patsy Toner. Den beseitigst du auch. Die Briten werden wegschauen. Sie werden dafür sorgen, dass bei den Ermittlungen nichts herauskommt. Die haben genauso viel zu verlieren wie alle anderen.«
Der Nomade verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber die drei könnte doch jeder kleine Scheißer erledigen. Dafür brauchen Sie mich nicht.«
»Ich will Fegan«, erklärte O’Kane. »Ich will, dass er mir lebend gebracht wird.« Er zeigte mit einem wulstigen Finger auf den Nomaden, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Lebend. Wenn er nicht mehr atmet, nutzt er mir nichts, hast du verstanden? Kein Mensch weiß, wo er ist. Du musst ihn ausfindig machen.«
»Wie?«
»Marie McKenna und ihr Kind. Die Cops haben sie zwar versteckt, aber wir hatten ein bisschen Glück.«
»Aha? Was heißt das?«
»Marie McKennas Vater hatte letzte Woche einen Schlaganfall. Er hat Glück, wenn er die Geschichte überlebt. Oder Pech, je nachdem, wie man es sieht. Er ist in sehr schlechter Verfassung. Wie ich höre, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er noch einen Schlag bekommt, und der bringt ihn dann vermutlich ins Grab.«
»Sie glauben also, dass Maria McKenna ihr Versteck verlassen und ihn besuchen wird«, sagte der Nomade. »Sie und ihr Kind werden aus der Deckung kommen.«
O’Kane legte den Kopf schief. »Mir wurde gesagt, Sie hätten keine Probleme damit, Frauen und Kinder umzulegen. Stimmt das?«
Der Nomade zuckte die Achseln. »Kommt auf das Geld an«, sagte er.