Kindheitsevangelium des Thomas

Die folgende leicht gekürzte Wiedergabe ist an die Edition bei Schneemelcher I angelehnt:

1 Ich, Thomas der Israelit, verkünde euch allen die Kindheits- und Großtaten unseres Herrn Jesus Christus, die er in unserem Lande, in dem er geboren worden ist, vollbrachte. So fing es an:

2 Als der Knabe Jesus fünf geworden war, spielte er an der Furt eines Baches; er leitete das Wasser in Gruben um und machte es sofort rein – mit dem Wort allein gebot er ihm. Dann bereitete er sich weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen. Es war aber Sabbat, als er dies tat, und viele andere Kinder spielten mit ihm.
Als ein Jude bemerkte, was Jesus beim Spielen am Sabbat tat, eilte er sofort zu dessen Vater Joseph und berichtete ihm: „Joseph, dein Sohn ist am Bach. Er hat Lehm genommen und daraus Vögel geformt und so den Sabbat entweiht.“ Als nun Joseph selbst an den Ort gelangt war und es gesehen hatte, herrschte er den Knaben an: „Weshalb machst du am Sabbat etwas, das man nicht tun darf?“ Jesus aber klatschte in die Hände und rief den Spatzen zu: „Fort mit euch!“ Und schon erwachten die Vögel zum Leben, öffneten ihre Flügel und flogen davon. Die Juden aber, die dies gesehen hatten, staunten und berichteten ihren Ältesten davon.

Als 5-jähriger formt Jesus Spatzen aus Lehm und erweckt sie zum Leben.

3 Der Sohn von Annas, dem Schriftgelehrten, war ebenfalls zugegen. Er nahm einen Weidenzweig und brachte damit das Wasser, das Jesus zusammengeleitet hatte, zum Abfließen. Als Jesus das sah, wurde er zornig und sagte: „Du gottloser Dummkopf, was haben dir die Gruben und das Wasser zuleide getan? Siehe, jetzt sollst auch du wie ein Baum verdorren und weder Blätter noch Wurzeln noch Frucht tragen!“ Und sofort verdorrte der Junge ganz und gar. Jesus aber machte sich davon und kehrte ins Haus Josephs zurück. Die Eltern des Verdorrten beklagten den allzu frühen Verlust und brachten den Leichnam zu Joseph. Sie machten ihm Vorwürfe: „Solch einen Knaben hast du, der so etwas tut!“ 

Der Knabe Jesus ist tödlich in seinem Zorn. Dass der Schriftgelehrte ausgerechnet Annas heißt, dürfte kaum ein Zufall sein – da der Name für Christen schlecht besetzt war, konnte der Jesusknabe seinen Sohn töten, ohne allzu viele Sympathien zu riskieren.

4 Später ging Jesus durch das Dorf, als ihn ein vorbeilaufender Knabe an der Schulter stieß. Jesus ergrimmte und sagte: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ Sogleich fiel der Knabe tot um. Manche von denen aber, die Zeuge gewesen waren, fragten sich: „Woher stammt dieser Junge, dass jedes Wort von ihm sogleich zur Tat wird?“ Und die Eltern des Verstorbenen gingen zu Joseph und schalten ihn: „Da du so einen Sohn hast, kannst du nicht bei uns im Dorf wohnen; oder lehre ihn zu segnen, anstatt zu fluchen. Denn er tötet unsere Kinder.“

5 Joseph nahm Jesus beiseite und wies ihn zurecht: „Warum tust du Dinge, dass die Leute leiden, uns hassen und verfolgen?“ Jesus aber antwortete: „Ich weiß, dass diese Worte nicht die deinen sind, daher will ich deinetwegen schweigen. Jene aber sollen ihre Strafe tragen.“ Und im selben Moment erblindeten all jene, die Anklage gegen ihn erhoben hatten. Die es sahen, gerieten in große Furcht, waren ratlos und sagten über ihn: „Jedes Wort, das er sprach, ob gut oder böse, war eine Tat und wurde zum Wunder.“ Als Joseph erkannte, was Jesus getan hatte, packte er ihn beim Ohr und zog kräftig daran. Darüber wurde der Junge aber ungehalten und sagte: „Genug! Es ist dir bestimmt, zu suchen, aber nicht zu finden! Du hast höchst unklug gehandelt. Weißt du nicht, dass ich dein bin? So betrübe mich nicht.“

Joseph zieht den Jesusknaben kräftig am Ohr – was ihm eine altkluge Belehrung einbringt. 

6. Zachäus aber, ein Lehrer, stand zufällig daneben und hörte, was Jesus zu seinem Vater sagte. Er wunderte sich, dass ein Kind solche Aussprüche tätigte. Wenige Tage später wandte er sich an Joseph und sagte: „Du hast einen klugen Jungen mit Verstand. Übergib ihn meiner Obhut, auf dass er die Buchstaben lerne, und über die Buchstaben will ich ihm alles Wissen beibringen und ihn lehren, alle Älteren zu grüßen und zu ehren und die Gleichaltrigen zu lieben.“ Und so erklärte er Jesus alle Buchstaben von A bis O, lange und eindringlich. Jesus aber sah den Lehrer an und sagte: „Wenn du selbst nicht einmal das Wesen des A kennst, wie willst du dann andere das B lehren? Du Heuchler, lehre zunächst das A, wenn du dazu in der Lage bist, und dann wollen wir dir auch das B glauben.“
Er begann damit, den Lehrer über den ersten Buchstaben auszufragen, doch Zachäus konnte ihm nichts erwidern. Etliche Zuhörer hatten sich eingefunden und hörten, wie Jesus sagte: „Erfahre, Lehrer, die Anordnung des ersten Schriftzeichens und achte hierbei darauf, wie es Geraden hat und einen Mittelstrich, der durch die zusammengehörenden Geraden, die du siehst, hindurchgeht, wie diese Linien zusammenlaufen, sich erheben und verschlingen, drei Zeichen der gleichen Art und vom gleichen Maß, einander unterordnend und zugleich tragend; da hast du die Linien des Alpha.“

Der ganz junge Jesus hatte ein massives Problem mit Autoritäten; Lehrer klärte er erbarmungslos über ihre Inkompetenz auf.

Jesus bei den Gelehrten im Tempel. Rembrandt, 1654

7. Als Zachäus all diese bedeutenden allegorischen Beschreibungen des ersten Buchstabens hörte, geriet er ob der so gescheiten Rede in Verlegenheit und sagte zu den Umstehenden: „Weh mir, ich Unglückseliger sehe mich in die Enge getrieben, ich habe mir selbst geschadet, indem ich dieses Kind aufnahm. Ich bitte dich, Bruder Joseph, nimm es wieder zu dir. Ich kann die Strenge seines Blickes nicht ertragen und will kein einziges Wort von seiner durchdringenden Rede mehr hören. Dieses Kind ist nicht von dieser Erde. Es kann selbst das Feuer bändigen; es ist wohl schon vor der Erschaffung der Welt gezeugt worden.
Ich weiß nicht, welcher Mutterleib es ausgetragen, welcher Schoß es genährt hat, ich weiß es nicht. Es bringt mich völlig aus der Fassung, dass ich seinem Verstand nicht zu folgen vermag. Ich dreifach Unglückseliger habe mich selbst betrogen! Ich wollte einen Schüler und habe einen Lehrer bekommen. Ich, ein Greis, bin von einem Kind besiegt worden; diese Schande greift mir ans Herz.
Wegen dieses Knaben bleibt mir nur noch Verzweiflung und Tod. Ich kann ihm nicht mehr in die Augen sehen. Und wenn sich herumspricht, dass mich ein kleines Kind besiegt hat, was soll ich dann sagen? Was berichten über die Linien des ersten Buchstabens, von denen er sprach? Ich weiß es nicht, denn ich verstehe davon weder den Anfang noch das Ende. Ich bitte dich, Bruder Joseph, führe ihn in dein Haus. Er ist irgendetwas ganz Großes, ein Gott oder ein Engel oder was weiß ich.“

8 Da wollten die Umstehenden den Lehrer trösten, Jesus aber lachte laut auf und sprach: „Was du gesagt hast, soll nun Früchte bringen, und die Blinden sollen sehen. Ich bin von oben, um sie zu verfluchen und nach oben zu rufen, so wie es mir der aufgetragen hat, der mich um euretwillen gesandt hat.“ Und kaum hatte er geendet, wurden alle, die unter seinen Fluch gefallen waren, wieder geheilt. Von da an wagte aber keiner mehr, ihn zu erzürnen, um nicht zum Opfer seines Fluchs und zum Krüppel zu werden.

Die erste Auferweckung

9 Einige Tage begab es sich, dass Jesus mit anderen Kindern auf dem Dach spielte und eines dieser Kinder abstürzte und starb. Als die anderen Kinder das sahen, flohen sie und Jesus blieb allein zurück. Da kamen die Eltern des Verstorbenen und beschuldigten ihn: „Du hast ihn heruntergestoßen!“ Jesus antwortete: „Ich habe ihn nicht gestoßen.“ Die Eltern glaubten ihm aber nicht und wollten ihn angreifen. Da sprang Jesus vom Dach, neben die Leiche des Jungen, und rief mit lauter Stimme: „Zenon“ – denn dies war sein Name –, „steh auf und sprich: Habe ich dich gestoßen?“ Und Zenon stand sofort auf und sagte: „Nein, Herr, du hast mich nicht angerührt, sondern mich erweckt.“ Und alle, die es sahen, erschraken. Die Eltern des Zenon aber priesen Gott für das Wunder und sanken vor Jesus auf die Knie.

10 Wieder einige Tage später rutschte einem Mann, der gerade Holz hackte, die Axt aus der Hand und hieb seinen Fuß entzwei; er drohte zu verbluten und zu sterben. Ein großes Geschrei hob an und viele Leute liefen hin, so auch der Jesusknabe. Er zwängte sich durch die Menge zu dem Mann, fasste dessen verletzten Fuß an und sofort war er geheilt. Er sagte aber nur: „Steh auf, spalte weiter das Holz und gedenke meiner.“ Die Umstehenden aber fielen vor dem Buben nieder und sagten: „Wahrhaftig, der Geist Gottes wohnt in diesem Knaben.“

In dieser Tonart geht es weiter, der kleine Jesus bewirkt kleinere und größere Wunder am laufenden Band. Er hilft seiner Mutter beim Wasserholen und seinem Vater bei der Aussaat – wobei das von ihm gesäte Korn den hundertfachen Ertrag einbringt und Joseph in die Lage versetzt, allen Armen Brot zu geben. Dann zieht Jesus ein Brett in die Länge, um es einem anderen gleichzumachen, damit Joseph, der Zimmermann, ein Bett fertigen kann.

Schließlich versucht Joseph, den göttlichen Wutbeutel erneut in die Schule zu schicken; der Lehrer schlägt ihm aber ob seiner vorlauten Art auf den Kopf, woraufhin ihn Jesus zwar nicht sterben, aber immerhin in ein Koma fallen lässt. Trotz alledem findet sich noch ein Schulmeister, der es versuchen will. Er sagt zu Joseph:

15 „Bring den Jungen zu mir in die Schule. Vielleicht gelingt es mir, ihm die Buchstaben beizubringen.“ Joseph antwortete: „Wenn du den Mut dazu hast, Bruder, nimm ihn zu dir.“ Und obwohl er sich fürchtete und große Sorgen machte, nahm er Jesus mit. Der Knabe aber folgte ihm gerne. Keck trat er in das Lehrhaus, erblickte ein Buch auf dem Lesepult und ergriff es, las aber nicht, was darin geschrieben stand, sondern begann im Heiligen Geist zu reden und die Umstehenden das Gesetz zu lehren. Viele waren herbeigekommen und hörten ihm zu und wunderten sich über die Anmut seiner Lehre und die Gewandtheit seiner Worte. Als dies aber Joseph zu Ohren kam, bekam er es mit der Angst zu tun und eilte zum Lehrhaus, weil er fürchtete, auch dieser Schulmeister könnte zu Schaden kommen. Der Lehrer aber sagte: „Damit du es weißt, Bruder, ich habe den Jungen als Schüler angenommen, aber er ist voll großer Anmut und Weisheit; im Übrigen bitte ich dich, nimm ihn wieder in dein Haus.“ Da lachte ihn der Knabe an und sagte: „Da du recht gesprochen und wahres Zeugnis abgelegt hast, soll dir zuliebe auch der andere Geschlagene wieder geheilt werden.“ Und sofort war der andere Schulmeister geheilt. Joseph aber nahm den Knaben mit und ging in sein Haus.

Heilungen, Erweckungen und immer noch göttliche Bestrafungen in Serie

16 Joseph schickte seinen Sohn Jakobus fort, um Holz zu holen, und der Jesusknabe folgte ihm. Während nun Jakobus das Reisig sammelte, biss ihn eine Natter in die Hand. Als er nun am Boden lag und dem Tode nahe war, trat Jesus hinzu, blies auf den Biss, und sofort hörte der Schmerz auf und das Tier zerplatzte. Von diesem Augenblick an war Jakobus gesund.

Danach erweckt der junge Jesus noch ein Kind und einen Bauarbeiter von den Toten, bevor das Kindheitsevangelium schließt:

19 Als er aber zwölf Jahre alt geworden war, gingen seine Eltern zum Passahfest in Jerusalem, wie es der Sitte entsprach, und kehrten danach nach Hause zurück. Während sie aber heimwärts zogen, kehrte Jesus um nach Jerusalem; seine Eltern vermuteten ihn bei ihren Reisegefährten.
Nachdem sie aber eine Tagesreise gewandert waren, begannen sie ihn unter ihren Verwandten zu suchen, aber da sie ihn nicht fanden, wurden sie traurig und kehrten ebenfalls um, ihn in der Stadt zu suchen. Und nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel, wo er mitten unter den Lehrern saß, das Gesetz anhörte und Fragen stellte. Alle aber achteten auf ihn und wunderten sich, wie er, ein kleiner Knabe, die Ältesten und Lehrer des Volkes zum Verstummen brachte, indem er ihnen die Hauptstücke des Gesetzes und die Sprüche der Propheten auslegte.
Seine Mutter aber trat zu ihm und sagte: „Warum hast du uns das angetan, mein Kind, denn siehe, wir haben uns die allergrößten Sorgen gemacht.“ Jesus aber fragte: „Warum sucht ihr nach mir? Wisst ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“
Die Schriftgelehrten und Pharisäer wandten sich an die Mutter und fragten: „Bist du die Mutter dieses Jungen?“ Sie bejahte. Da sprachen sie zu ihr: „Selig bist du unter den Weibern, denn der Herr hat die Frucht deines Leibes gesegnet. Denn solche Herrlichkeit, solches Vergnügen und solche Weisheit haben wir niemals gesehen noch gehört.“ Jesus aber stand auf und folgte seiner Mutter und gehorchte seinen Eltern; und seine Mutter behielt alles Geschehene für sich. Jesus nahm danach zu an Weisheit, Alter und Anmut. Ihm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Der hier dargestellte Jesus hat nicht einmal entfernte Ähnlichkeit mit dem kanonischen Christusbild.

Dieser Text sei dem „Christusbild auch nicht von Ferne angepasst“, meint Oscar Cullmann (Schneemelcher I). Man könnte auch sagen: ein Groschenroman. Cullmann kommentiert weiter:

„Stünde nicht der Name Jesus neben der Bezeichnung Kind oder Knabe, so käme man unmöglich auf den Gedanken, dass es sich bei den Erzählungen von dem übermütigen Götterknaben um eine Ergänzung der Überlieferung von Jesus handeln soll.“

Hier wird ein Umgang mit einer heiligen Gestalt gepflegt, der eher an Indien erinnert, wo noch heute Krishna-Comics zum beliebtesten Lesestoff gehören. Anklänge an Märchen sowie Krishna- und Buddha-Legenden sind denn auch zahlreich in diesem „Evangelium“ zu finden.

Dennoch sollte der Text nicht als Respektlosigkeit missverstanden werden: Den Leuten gefiel es und sie fühlten sich dadurch ihrem Messias noch viel mehr verbunden. Aus der Sicht eines PR-Managers eine gelungene Werbestrategie; die denn auch unzählige Nachfolger nach sich zog. „Legendenwucherung“ nennt das Cullmann. Jesus-als-Kind-Geschichten enthält u. a. das arabische Kindheitsevangelium und über dieses der Koran oder das Pseudo-Matthäus-Evangelium, dem wir das klassische Weihnachtsarrangement „Jesukindlein in der Krippe“ verdanken. Im Protevangelium des Jakobus war von einer Ochsenkrippe (als Versteck vor Herodes Schergen) die Rede gewesen, der Pseudomatthäus führt die Geschichte im Detail aus:

Anbetung der Hirten, Tintoretto, 1576. Das "klassische" Ochs-Esel-Krippenszenario hat keinerlei katholisch-kanonische Wurzeln.

Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ So beteten sogar die Tiere, Ochs und Esel, ihn ständig an, während sie ihn zwischen sich hatten. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Habakuk verkündet ist, der sagt: „Zwischen zwei Tieren wirst du erkannt.“ Joseph blieb am gleichen Ort mit Maria drei Tage. (Schneemelcher I, S. 367)

Die Krippe als Weihnachts-Accessoire ist erstmal im 13. Jh. im Zusammenhang mit Franz von Assisi bezeugt. Die Darstellung aus dem Pseudo-Matthäus-Evangelium hat ihren Weg in die moderne Konsumwelt gefunden. Foto: Playmobil®

Weitere jesuanische Kindheitsgeschichten finden sich in zahlreichen gnostischen Legenden. Auch dies natürlich beileibe kein Zufall: Seriöse Exegeten können in allen Kindheitsevangelien gnostische und/oder doketische Elemente orten. Ein Jesusknabe, der wie im Kindheitsevangelium des Thomas geschildert bereits als fünf Jahre alter Knirps über Superkräfte verfügt und die gesamte Weisheit der Schöpfung in sich vereint, ist eindeutig nicht menschlich. Zu wenig menschlich selbst aus Sicht der Theologen, die Jesus als wesensgleich mit Gott definierten; das riecht verdächtig nach der doketischen Auffassung von der Scheinleibigkeit Jesu, die ja wie bereits dargelegt wurde das zutiefst menschliche Leiden am Kreuz verunmöglicht hätte – und damit das Erlösungswerk. Aber auch der zweite Aspekt, das ungeheure Wissen in einem so kindlichen Kopf, bereitete Unbehagen. Besonders die Art und Weise, in der Jesus sich da geäußert haben soll, ließ bei den orthodoxen Kirchenvertretern die gnostischen Alarmglocken schrillen. Und als hätte dies alles noch nicht genügt, gab es ja noch den Umkehrschluss: Gnostische Christen interessierten sich überdurchschnittlich stark für Jesuskind-Legenden – mithin waren diese automatisch inakzeptabel.

Kindheitsevangelien waren bei Gnostikern beliebt und damit automatisch verdächtig.

Die Legendenbildung, aufbauend auf dem Protevangelium des Jakobus und dem Kindheitsevangelium des Thomas, wurde freilich von derlei theologischen Haarspaltereien nicht berührt. Ob kanonisch oder nicht: Sie hatte begonnen und war nicht mehr aufzuhalten. Ein wichtiges, weil aus sich selbst heraus wiederum wirkungsvolles späteres Apokryphon ist das

Die Un-Heilige Schrift
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