|350|DREIZEHNTES KAPITEL

Heiraten waren für Maria das A und O ihrer Politik. Als sie ihren Sohn mit der Infantin Anna und ihre Tochter mit dem Prinzen von Asturien vermählt hatte, schätzte sie sich so glücklich wie eine Florentiner Bürgersfrau, die ihren Kindern gute Partien verschafft hat.

Darüber hinaus sah sie nichts, nicht einmal die Notwendigkeit, die beiden mächtigen Armeen, die sie zur Züchtigung der rebellierenden Großen aufgestellt hatte, auch endlich einzusetzen.

Aus allen Kräften trieb die Favoritin Maria an, zu verhandeln, das heißt, die Fahne zu senken, wo sie die Stärkere war. Für Leonora, diesen seit fünfzehn Jahren an Frankreichs Leib klammernden Blutegel, war nichts natürlicher, als die Treue der Großen aufs neue mit Geldern aus einem Schatz zu erkaufen, von dem sie selbst ungescheut einsackte.

Sie brauchte die Königin nicht groß zu drängen. Trägheit und schwache Urteilskraft trieben Maria weiter auf dem Hang des Leichtsinns. Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, daß sie durch die wiederholte Belohnung der Rebellen mit gewaltigen Summen deren Revolte zum Dauerzustand machte.

Als Maria in Poitiers von der Rose befallen wurde und ihr Körper schwoll und mit Blasen bedeckt war, hatte die Concini sie Tag und Nacht mit einem vom Doktor Montalto hergestellten Balsam bestrichen und sie dank ihrer geduldigen Pflege geheilt. Und weil ihre Zunge hierbei ebenso geschickt lief wie ihre Hände, hatte sie sich den Willen der Königin erneut gewonnen und untertan gemacht.

Meine schöne Leserin wird sich erinnern, daß die Königin und ihre Ehrendame bei der Abreise von Paris zerstritten waren, weil der Marschall von Ancre sich für die Verschiebung der spanischen Hochzeiten ausgesprochen hatte. Damit hatte er an das Allerheiligste gerührt, und diesmal war seine Unverfrorenheit bestraft worden: die Königin hatte ihn nach |351|Amiens verbannt, der guten Stadt, deren Gouverneur er war und die ihn haßte. Die Concini nun, die Ihre Majestät um jeden Preis nach der Guyenne hatte begleiten wollen, war von ihr unterwegs barsch abgekanzelt worden, was die Concini bald mit niedergeschlagenen, bald mit gen Himmel gerichteten Augen und unterwürfigen Seufzern geschluckt hatte.

Die Zeiten waren vorüber. Die Rose hatte alles verändert. In Tours, wo man sich auf der Rückreise nach Paris drei lange Monate verweilte (zu meinem großen Leidwesen, wie man begreifen wird), und das einzig, um mit den Abtrünnigen zu verhandeln und sie mit Ecus und Pfründen zu überhäufen, war die Macht der Concini über ihre Herrin wieder unumschränkt.

Der Hof geriet darüber sehr in Sorge. Denn man konnte wetten, daß die Marschälle von Ancre mit der Maßlosigkeit, der tolldreisten Unvorsicht und der geringen Scham, welche ihr Betragen seit ihrer Ankunft in Frankreich auszeichneten, ihre außerordentliche Gunst früher oder später mißbrauchen würden.

Der Grund, weshalb die königliche Karawane in Tours Aufenthalt nahm, war der, daß man zum Verhandlungssitz mit den Prinzen die kleine Stadt Loudun gewählt hatte, die nur siebzehn Meilen von Tours entfernt lag, und daß die Straße, die von der einen zur anderen führte, in gutem Zustand war, was sie auch sein mußte, weil die königlichen Abgesandten dort oft hin und her eilten, mit den Angeboten der Prinzen hierhin und dorthin mit den königlichen Gegenangeboten.

Nach ihren ungeheuerlichen Forderungen hätte man glauben können, die Prinzen hätten den königlichen Armeen schwer zu schaffen gemacht. Und nach all den Zugeständnissen der Königinmutter konnte man meinen, sie hätte keinen einzigen Soldaten mehr. Condé erhielt zum Tausch für das Gouvernement Guyenne das Gouvernement Berry, Stadt und Schloß Chinon, Stadt und Schloß Bourges und eine Million fünfhunderttausend Livres. Die übrigen Großen durften sich sechs Millionen teilen.

Aus sehr begreiflicher Scham hatten die Prinzen verlangt, daß diese anrüchigen Klauseln geheimgehalten würden. Denn höchst besorgt, die öffentliche Meinung und das Parlament auf ihrer Seite zu haben, galt ihr ganzes Trachten, wenn man ihren Reden glaubte, nur dem Gemeinwohl und dem größten Ruhm |352|und Wohlergehen eines Reiches, dessen Schatz sie klammheimlich nun ein weiteres Mal angezapft hatten.

Die Geheimhaltung ihrer Geldforderungen aber begleiteten sie mit gellendem Geschrei, und mit Pauken und Trompeten forderten sie, daß man endlich die Beschwerden des Parlaments prüfe, daß der König den ersten Artikel des Dritten Standes billige, daß man sich an die alten Bündnisse halte, daß man das Tridentinische Konzil ablehne und daß Prinz Condé Oberhaupt des königlichen Rates werde und alle Dekrete unterzeichne.

Die verblüffendste dieser Forderungen aber nenne ich zum Schluß, weil sie, wurde sie genehmigt, schwerste Folgen zeitigen mußte: die Prinzen verlangten, daß dem Marschall von Ancre die Stadt Amiens weggenommen werde.

Dies wäre eine vortreffliche Maßnahme gewesen, wäre sie vom Interesse der Nation diktiert worden, denn die allgemeine Meinung war, Maria müsse blind gewesen sein, als sie einem ehrlosen Glücksritter eine Festung von dieser unermeßlichen Bedeutung überantwortet hatte, denn sie deckte den Norden von Paris. Neunzehn Jahre zuvor hatte der Louvre gezittert, und Panik hatte das Volk ergriffen, als die Spanier sie überraschend eingenommen hatten, und es hatte unseren Henri – den größten Feldherrn seiner Zeit – sage und schreibe ein halbes Jahr erschöpfender Kämpfe gekostet, die Stadt zurückzuerobern.

Tatsächlich aber handelten die Prinzen aus Verdruß und Eifersucht, weil sie neidisch waren auf die Ecus, die es in Form von Nadelgeldern, Schenkungen und Pfründen in die Truhen der Marschälle von Ancre regnete. Dennoch bleibt es erstaunlich, daß Condé sich zum Fürsprecher einer Maßnahme machte, die von so eindeutiger Feindseligkeit gegen die Concinis zeugte, obwohl die Concinis – im Unterschied zu ihren Anstrengungen gegen Bellegarde in der Affäre des Zauberspiegels – sich gegen ihn stets unendlich schonend verhalten hatten.

Wäre Condé ein wenig überlegter gewesen, hätte er sich erinnert, daß die Königin dank ihrer Florentiner Günstlinge zweimal – in Sainte-Menehould und in Loudun – mit ihm verhandelt und ihn mit Gold gestopft hatte. Wenn schon keine Dankbarkeit – das Gefühl war ihm ebenso unbekannt wie die |353|Treue zu seinem König –, hätte er wenigstens einige Vorsicht beweisen können und nicht in dem Moment über Leute herfallen müssen, da sie wieder so große Macht über den Sinn der Königinmutter hatten.

Obwohl Monsieur de Villeroy mir sagte, Ludwig habe im Rat ein undurchdringliches Gesicht gewahrt und nicht das leiseste Wort dazu gesagt, fiel es nicht schwer, zu vermuten, was er über die Verhandlungen von Loudun dachte, er, der nach einem Streit zwischen Condé und der Königinmutter bedauert hatte, seinen Degen nicht bei sich zu haben, den er Condé ›sonst durch den Leib gerannt hätte.‹

Während jenes überlangen Aufenthaltes zu Tours äußerte Ludwig Überlegungen, die mir seine Ansicht der Sache zu erhellen schienen. Doch bevor ich hierin fortfahre, will ich versuchen, meiner schönen Leserin die Sorge um meinen kleinen König zu nehmen, in die sie gemeinsam mit mir geraten war, als er so traurig, so trübsinnig und kränkelnd über Madames Fortgehen war. Es ging ihm besser in Tours, er hatte wieder Farbe und Appetit, sei es, daß der erste Schmerz sich an seinem Übermaß selbst erschöpft hatte, sei es, daß er eine Ablenkung von seiner Trauer in den Besuchen fand, die er derzeit fast täglich in Amboise oder in Plessis-les-Tours machte.

Das Gouvernement Amboise hatte Monsieur de Luynes von der Königin auf Concinis Rat hin erhalten, denn angesichts der Liebe des Königs zu seinem Jagdmeister hatte er gedacht, ihn sich durch diese prächtige Gabe zu verpflichten. Mit der Karosse fuhr man zweieinhalb Stunden von Tours nach Amboise, und sowie wir an jenem Tag (dem fünften April, um genau zu sein) vor dem Schloß anlangten, sprang Ludwig aus dem haltenden Wagen, ehe man überhaupt den Tritt aufklappen konnte, und rannte in vollem Lauf – seine Edelleute, darunter auch ich, hasteten ihm schnaufend hinterher – durch das Schloß hinauf, öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür eines ihm wohlbekannten Zimmers und flog Monsieur de Luynes in die Arme. Es lag nicht die mindeste Zweideutigkeit in diesem stürmischen Gefühl: die anwesenden Edelleute empfanden es genau wie ich. Es war reine Liebe, unverstellt, knabenhaft, und vor allem wurde sie auf das schönste erwidert. Denn auch Luynes war diesem Knaben innig zugetan, und es wäre grundfalsch, in ihm, wie es später geschah, einen gemeinen Ehrgeizling zu |354|sehen. Gewiß war Monsieur de Luynes ein ganz unbedeutender Mensch, den die Geschichte staunend späterhin an einem sehr hohen Platz erblicken sollte. Er hatte weder Mut noch Voraussicht, er war einfach nur ein geschickter Vogelsteller. Gleichwohl war er liebenswert.

Ein schöner Mann, aber, offen gesagt, eher hübsch als schön, mit anmutiger Redeweise, höflichen Manieren, ohne den geringsten Hochmut, aber auch ohne den mindesten Biß, anschmiegsam, aber nicht aufdringlich, von bescheidenem, empfindsamem, dienstbarem und gutem Naturell und begabt mit jener Sanftmut und Geduld, mit der man Vögel dressiert oder sich die Zuneigung seines Herrn gewinnt.

Als Luynes starb, sagte Ludwig in seiner üblichen Kargheit: »Ich habe ihn geliebt, weil er mich geliebt hat.« Und er täuschte sich über Luynes’ Gefühle für ihn nicht, darin darf man ihm unbedingt glauben, denn Ludwig war von klein auf ein guter Beobachter, der die Menschen um sich klar beurteilte, mißtrauisch und scharfsichtig, mit einer guten Nase und feinem Gehör für schmeichlerische, unwahre oder hinterlistige Reden, die er mit einem treffenden Wort abschmettern konnte.

So auch eines Tages in Plessis-les-Tours, wo er zu Pferde auf Hasenjagd war. Als er Monsieur du Fay fragte, wie spät es sei, antwortete dieser, es sei erst ein Uhr, worauf Ludwig den Höfling stirnrunzelnd zurechtwies. »Ein Uhr, das sagt Ihr, um mein Vergnügen nicht zu unterbrechen. Aber es ist mehr als eine halbe Stunde drüber, also muß ich fort: ich muß um zwei Uhr im Rat sein.«

Plessis-les-Tours ist nur eine halbe Stunde mit der Kutsche von Tours entfernt, so daß Ludwig, wenn er wollte, zweimal am Tag hinfahren konnte, denn in Plessis begeisterte ihn alles: der Park, das Wildrevier und das Schloß, dieser letzte Aufenthalt Ludwigs XI. auf Erden, klein, ländlich, behaglich, so daß es diesem Knaben dort nur gefallen konnte, der, hätte es ihm freigestanden, am liebsten fern der Paläste ein karges Soldatenleben geführt hätte, weil sein Vater für ihn das Musterbild aller Tugenden blieb.

Ich erinnere mich eines heißen Disputs mit La Surie, der behauptete, Luynes habe unseren Henri als Vorbild bei seinem Sohn abgelöst, was ich ganz und gar bestritt, denn ich meinte, das Bild dieses großen Königs würde für immer in Ludwigs |355|Herz und Gedächtnis unübertroffen sein. Ich rief den Marquis de Siorac zum Schiedsrichter, und er gab mir Recht in diesem Streit und setzte die denkwürdigen Worte hinzu: »Miroul, du irrst völlig. Man braucht Luynes nur bei Ludwig zu sehen, um zu begreifen, was er für ihn ist: nicht etwa der Vater, sondern die Mutter, die er gerne gehabt hätte: sanft, geduldig und liebevoll.«

Zur Stunde aber, da Maria kampflos das Knie vor den Prinzen beugte und ihnen den größten Teil ihrer Forderungen zugestand, baute Ludwig in Plessis-les-Tours eine Festung und arbeitete daran über zehn Tage mit unerbittlichem Eifer.

Gewiß, es war eine Festung aus Erdklumpen, ihre Zinnen aus Lehm zerflossen im Regen, die kleinen Kanonen darauf wurden nicht von Pferden gezogen, sondern von Hunden, und ihre Geschosse richteten keinen Schaden an. Trotzdem war es ein gut durchdachtes Werk, und Ludwig war zugleich sein Architekt, Baumeister, Polier, Maurer und als es fertig war, auch noch sein Hauptmann und Soldat. Er war von früh bis spät am unablässigen Schaffen, ob es warm war, ob es regnete, denn dieser April wechselte von einer Stunde zur anderen zwischen Winter und Sommer. Als Héroard ihn eines Tages unter einem Hagelschauer weitermachen sah, lief er und legte ihm einen Mantel um die Schultern, aber Ludwig störte das Kleidungsstück bei der Arbeit, er warf es gleich wieder ab.

Ein andermal wollte einer der Hunde, der eine kleine Kanone zog, nicht über ein Brett über dem Festungsgraben laufen. Ludwig schlug ihn, und nachdem er ihm Zeit zur Besinnung gelassen hatte, setzte er ihn wieder darauf: diesmal ging der Hund ohne langes Zögern über die Planke. Da wandte sich Ludwig zu den Anwesenden um und sagte tiefernst: »So muß man mit Starrköpfen und Übeltätern umgehen …« Dann streichelte er den Hund, gab ihm ein Biskuit und setzte hinzu: »Und die Guten belohnen, Menschen wie Hunde.«

Bei diesen Worten wandten jene, die dabei waren, sich ab oder senkten den Blick, weil ihnen die Zunge auf einmal im Mund erstarrte. Denn jedermann wußte, daß in diesen erbärmlichen Zeiten in Frankreich großer Mangel an Guten war, die aber durchaus nicht belohnt wurden, und großer Überfluß an Übeltätern, die man belohnte, anstatt sie zu strafen.

* * *

|356|Ich will auf die protokollarischen Besuche zurückkommen, die der König der Königinmutter abstattete und von denen ich schon beiläufig sprach. Als Erster Kammerherr war ich dabei oft zugegen, und nach dem Gesicht zu urteilen, mit dem Ludwig sich diesen Pflichten unterzog, schien er sie schon im voraus zu fürchten, um nicht zu sagen, es war ihm angst. Wenn ich mich recht entsinne, verlangte die Etikette, daß er sich zweimal täglich dazu anschickte. Und das Erstaunliche an der Sache war, daß er seine Mutter manchmal am selben Tag noch ein drittes Mal besuchte, so daß man glauben sollte, wenigstens diesmal sei er nicht widerwillig hingegangen, sondern aus freiem Antrieb. Es blieb ein Rätsel. Was erwartete sich der Ärmste davon? Hoffte er immer noch, bei Maria jenes kleinste Zeichen von Liebe oder Interesse zu finden, das er sich immer ersehnt hatte und das sie ihm nie gab?

Sicher, außer gegenüber der Concini und einer Handvoll Freundinnen betrug sich die Königin mit ihrer hoffährtigen Haltung, ihrer patzigen Miene, wie der spätere Richelieu sagte, »ungemein lieblos«. Aber sie machte mit Ludwig keine Ausnahme. Und wirklich, wie kurz, trübe, kalt und gezwungen mich diese Begegnungen zwischen Mutter und Sohn anmuteten! Sicher fehlte es nicht an Reverenzen, Formen und scheinbarem Respekt. Aber es gebrach am Eigentlichen: an ein klein wenig mütterlicher Liebe.

Als Ludwig noch klein war und seine Mutter besuchte, kümmerte sie sich nicht um ihn und tat, als sähe sie ihn nicht: er spielte allein in einer Ecke. Großjährig nun und vermählt, blieb er vor ihr stehen, und alles, was er von ihr zu hören bekam, waren Fragen, was er am Vortag oder am Vormittag gemacht habe. Und Ludwig, der wohl verstand, daß sie nur die Berichte ihrer Spione überprüfen wollte, antwortete ihr kurz und knapp. Manchmal richtete er eine Bitte an sie. Meistens machte sie sich das Vergnügen, sie abzulehnen, vor allem, wenn es sich um Geld handelte. Sie, die für niedrige Abenteurer immer offene Hände hatte, hielt sie geschlossen für den König von Frankreich.

Mit so respektvoller und unterwürfiger Miene er auch vor ihr stand, wußte er doch genau, was sie über ihn sagte: er sei unfähig, sich der Geschäfte des Reiches anzunehmen, er sei nicht klug genug, habe zu wenig Urteil, und seine Gesundheit |357|sei zu anfällig, um jenen Pflichten zu genügen. Schöne Leserin, hören Sie das? Diese Frau von so geringem Verstand urteilte über die Urteilskraft ihres Sohnes!

War nun die mütterliche Geringschätzung aller Welt bekannt, so sprachen sich Ludwigs Empfindungen dabei niemals aus, mit keinem Wort, keiner Haltung, nicht einmal mit einem Blick. Weil die Mutter trotzdem ahnte, daß hinter diesem glatten Gesicht Groll und Vergeltung brodelten, fügte sie all den Fehlern, die sie ihrem Sohn zuschrieb, bekanntlich noch einen hinzu: er sei heimtückisch. Schlimmer noch, wie es seine Drohung gegen Condé bewies: er sei gewalttätig. Man mußte sich also vor ihm in acht nehmen, ihn, wer weiß, sogar noch mehr zügeln.

Manchmal war der Zwang, den Ludwig sich bei diesen Besuchen der Königinmutter auferlegte, die selten eine Viertelstunde überschritten, zu stark. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, Übelsein befiel ihn, es kam vor, daß er ohnmächtig wurde. In Marias Augen ein zusätzlicher Beweis, daß ›seine Gesundheit nicht stark genug war, um die Geschäfte des Reiches zu führen‹.

Seit er verheiratet war, kam zu den Besuchen bei der Königinmutter einer bei der Königin hinzu, der nur zehn Minuten dauerte. Jedesmal empfand ich einiges Mitleid mit der kleinen Anna von Österreich. Sie bemühte sich so sehr, ihrem Gemahl zu gefallen. Und es gelang ihr so wenig.

Dabei war sie nicht etwa unschön. Die Prinzessin Conti, die sich bekanntlich für den Ausbund aller Schönheiten Frankreichs hielt, bemängelte ihre ›lange spanische Nase‹ und ihre ›pummelige‹ Taille. Aber schließlich, gestand sie zu, war sie erst vierzehn, und wenn ihre Nase auch nicht kürzer würde, könnte ihre Taille sich noch strecken. »Und, liebe Güte!« setzte sie hinzu, »reiner Teint, Kirschmund, lebhafte Augen, ich finde sie, wie sie ist, ganz ansehbar.«

Ich aber, der ich nicht nach so strengem Kanon urteilte, fand die kleine Königin ziemlich hübsch. Und ich mochte das Flämmchen von Koketterie und Fröhlichkeit, das für Momente in ihren schönen Augen sprühte und ihre Lippen halb öffnete. Ich bin mir auch gar nicht sicher, daß Ludwig dafür unempfindlich war, er, der Madame immer so zärtlich an sich gedrückt hatte. Wenn er sie nicht länger besuchte, so zweifellos, |358|weil ihr Anblick ihn an ein schmachvolles Versagen erinnerte. Aber vor allem, weil ihr weiblicher Hofstaat ihm die größte Abscheu und Verachtung einflößte.

Dieser nämlich verdarb alles vollends. Als der Austausch der Prinzessinnen verhandelt wurde, einigten sich Frankreich und Spanien darauf, daß das Gefolge jeder der künftigen Königinnen nicht mehr als dreißig Frauen ihres Heimatlandes umfassen solle. Die französische Seite hielt sich an die Begrenzung, die spanische nicht. Als Anna von Österreich in Bordeaux eintraf, stellte man fest, daß ihr Hofstaat aus über hundert Damen bestand.

Es wäre besser gewesen, hätte man sich auf die Abmachungen berufen und zwei Drittel dieses Gefolges nach Burgos zurückgeschickt. Aber auch da siegte der Kleinmut. Um einen so mächtigen Schwiegervater wie Philipp III. nicht zu kränken, beschied man sich, die überflüssigen Jungfern in Frankreich zu behalten.

Man biß sich die Finger wund. Zuerst gab es großes Kopfzerbrechen, um sie alle unterzubringen, sowohl auf der Reise wie dann in Paris, denn wie ein Bienenschwarm an seiner Königin, klebten alle an ihrer kleinen Herrin und stießen Schreckensschreie aus, sowie man sie um ihrer Bequemlichkeit willen von ihr trennte und anderswo unterbrachte.

Schlimmer noch, als adlige Töchter und meist noch sehr jung, waren sie gemäß der strengen Disziplin und Etikette der spanischen Habsburger erzogen worden. Als sie sich in Frankreich auf einmal von diesen Zwängen befreit fühlten, glaubten sie, ihnen sei alles erlaubt, und ließen ihrem Überschwang freien Lauf, schwatzten wie die Elstern, lachten wie Fischweiber, stellten tausend Albernheiten an und zeigten Achtung vor nichts und niemand.

Einige, frecher noch als unsere Pagen – und das will etwas heißen –, erlaubten sich am französischen Hof kleine Schäbigkeiten, Diebstähle und böse Streiche. Zu Blois wagten sie es, aus dem königlichen Vogelkäfig einen wunderhübschen Hänfling zu rauben, den der König liebte, weil er so ›besonders zahm‹ war, und niemand hat je erfahren, was sie mit ihm machten, denn er wurde nicht wiedergefunden.

Die Geschichte erzürnte Ludwig nicht wenig, noch größer war aber sein Zorn, als dieselben Teufelinnen auf einem Streifzug |359|durch den Louvre in Doundouns Zimmer einbrachen, dort die Truhen ihrer Tochter Louise entdeckten, die sie zwar nicht plünderten, aber deren Schlüssel, die Louise hatte stecken lassen, sie entwendeten. Am Tag danach sperrte der König die diebischen Elstern eigenhändig in ihren Kammern ein und ließ sie einen ganzen Tag schmachten.

Der Gipfel der Ungehörigkeiten war, daß diese losen Frauenzimmer, wenn wir Ludwig in die Gemächer der Königin begleiteten, nur Augen für die Offiziere Seiner Majestät hatten und ohne jede Scham hinter ihren Fächern wisperten und lachten, ihre breiten Hüften wiegten und uns aus glutvollen Augen lockende Blicke zuwarfen. Dieses Benehmen mißfiel Ludwig sehr. Und der Großkämmerer, ein altmodischer alter Franzose, der die derbe Sprache der Väter führte, mußte den königlichen Offizieren ausdrücklich verbieten, auch nur ›die Spitze von Fuß, Nase oder Schwanz‹ in das spanische Weiberhaus zu stecken.

Außer daß die königliche Prüderie sich gegen solches ausgelassene Benehmen sträubte, sah Ludwig darin auch eine Mißachtung Frankreichs. Vielleicht täuschte er sich damit nicht ganz. Zwischen den beiden Völkern bestand eine so lange Tradition der Antipathie und Geringschätzung, daß auch eine Doppelhochzeit sie nicht aus der Welt schaffen, ja nicht einmal mildern konnte.

Der König verfehlte bei seinen kurzen Besuchen nicht, Anna von Österreich die Mutwilligkeiten ihrer Hofdamen vorzuwerfen, die seine Gemahlin aber nicht so ernst nahm, wie er gewünscht hätte, weil sie selbst fröhlich, lebhaft und sogar ein bißchen närrisch war. Er aber, der ernst und gewissenhaft selbst in seinen Vergnügungen war (zum Beispiel, als er in Plessisles-Tours seine Festung baute), entrüstete sich über diese spanischen Extravaganzen und nahm es der Königin übel, daß sie nicht dagegen einschritt. Er entfernte sich von ihr. Er verkürzte seine Besuche bei ihr. Ich habe in meinem Tagebuch notiert, daß er ihr am neunten März in Tours nur ganze fünf Minuten widmete. Am zweiundzwanzigsten und dreiundzwanzigsten März vergaß er, sie zu besuchen. Und vom siebenundzwanzigsten März bis zum achten April ließ er elf Tage verstreichen, ohne sie zu sehen.

Seltsamerweise war es nicht die Königinmutter, die darüber |360|in Besorgnis geriet, sondern Luynes. Maria schlief nach ihrem geschönten Bericht über die Hochzeitsnacht des Sohnes auf ihren beiden dummen Ohren: was scherte es sie, ob die Dynastie durch einen Enkel fortgesetzt würde oder nicht. Was kümmerte es sie, daß die ›kleine Königin‹, wie sie sie nannte, in ihrem Schatten verblich. Nur Luynes wachte. Er wollte, und es war dies seine ständige, mütterliche Sorge, daß der König sich seiner Frau annäherte und wahrhaftig ihr Gemahl wurde. Weil er Ludwig liebte und seinem König diente, wünschte er, daß seine zunehmende Reife auch seinen Thron festige. Als ich, noch auf der langen Reise, mit La Surie über Luynes’ Bemühungen in diesem Sinne sprach, machte er eine Bemerkung, die mir der Wiedergabe wert erscheint.

»Verdienstvoll, schöner Neffe, sind Luynes’ Bemühungen gewiß … Aber vielleicht versucht er dadurch auch dem Verdacht der Unzucht zu begegnen, den des Königs große Liebe zu ihm erzeugen könnte.«

Der Hof wartete in Tours darauf, daß der verhängsnisvolle Vertrag mit den Prinzen geschlossen werde, als Luynes, der sich in seiner guten Stadt Amboise der Schönheit seines Schlosses erfreute, die Königinmutter um die Erlaubnis bat, Anna einzuladen, während der König bei ihm weilte. Ich wette, daß Maria das Ersuchen gerne abgelehnt hätte, aber, wie ich hörte, war Pater Cotton, den sie deshalb befragte, auf dem Ohr taub: denn was taugte ein Bündnis ohne eine gute Ehe? Und was taugte für die Kirche eine gute Ehe ohne gutes und gottgefälliges fleischliches Werk? Und was konnte dem besser dienen als ein Beisammensein der beiden jungen Gatten?

Um halb drei Uhr nachmittags nahm Anna den höchst anmutigen Weg von Tours entlang der Loire, die unterm sonnigen, wolkenlosen Himmel schimmerte und glänzte, als hätten wir nicht April, sondern Juli gehabt. Gott sei Dank, kam Anna nahezu allein. Ich meine, ohne die Königinmutter, ohne ihr lästiges, vielköpfiges Gefolge, das diesmal nur aus zehn Damen bestand. Unerwähnt lasse ich die französischen Garden, die unterwegs über ihre Sicherheit wachten: dieser Schild störte den König nicht im geringsten.

Er war es zufrieden, Anna in so einfacher Begleitung und ohne die befürchteten Ungelegenheiten zu sehen. Man merkte es daran, wie er sie empfing, als ihre Karosse auf der Schloßterrasse |361|anlangte. Amboise war ja keine königliche Residenz mehr, so daß Luynes als Gastgeber auftrat, und seine Gegenwart war äußerst nützlich, denn da er Okzitanisch sprach, verstand er ziemlich gut Spanisch und diente als Dolmetsch. Anna, der die Fahrt längs der Loire Freude bereitet und der die Aprilsonne, wenn auch blasser und dunstiger, das spanische Licht in Erinnerung gerufen hatte, war ganz Liebenswürdigkeit und Lächeln, und was mich angeht, fand ich sie mehr als ›ansehbar‹, denn ihr glühender Wunsch zu gefallen, verschönte sie.

Zugegen waren außer den drei Ersten Kammerherren (der vierte, Concini, vernachlässigte sein Amt ungescheut), Monsieur de Souvré, Doktor Héroard und auch Bellegarde, den Luynes eingeladen hatte, weil er der einzige Herzog und Pair war, den Ludwig gerne sah. Nachdem Ludwig Anna auf beide Wangen geküßt hatte, gab es unsererseits eine Menge Kniefälle und protokollarische Küsse auf den Saum des königlichen Kleides. Aber nach diesen Zeremonien wurde die Begegnung familiärer, Ludwig faßte seine Gemahlin bei der Hand und zeigte ihr das Schloß, indem er ihr erzählte – vielmehr von Luynes erzählen ließ –, welche Könige und Königinnen dort gelebt hatten.

Im Lauf dieser Unterhaltung zeigte es sich, daß Anna sich vor allem für die Königinnen interessierte und namentlich für Anna von Bretagne, und als sie deren Kapelle Saint-Hubert bewunderte, sagte ihr Luynes, daß Karl VIII. diese für seine Gemahlin hatte erbauen lassen. Doch ließ ihr Karl noch eine zweite Kapelle im Herrensitz Le Clos-Lucé einbauen, der eine halbe Meile entfernt liegt, weil es dort stiller war als im Schloß.

»Y porqué dos oratorios?«1 fragte Anna.

»Por lo que la reina era muy piadosa.«2

»Yo tambien«,3 sagte Anna etwas prahlerisch, was den König verwunderte, weil er, obwohl auch er fromm war, nie daran gedacht hätte, sich damit zu brüsten.

Dann fragte Anna, mit wieviel Jahren Anna von Bretagne verheiratet wurde.

»Catorce años«,4 sagte Luynes.

|362|»Mi edad!«1 sagte Anna vergnügt.

»Leider«, sagte Ludwig, »wurde sie mit neunzehn Jahren Witwe.«

»Sire, soll ich das übersetzen?« fragte Luynes zweifelnd.

»Sicher!« sagte der König. »Die Königin hat das Recht auf Wahrheit.«

Luynes übersetzte, und Anna wurde traurig.

»Pobrecita!«2 sagte sie.

»Was heißt das?« fragte Ludwig.

»Ihre Majestät die Königin bedauert von ganzem Herzen die Königin Anna.« Wie man sieht, eine recht lange und diplomatische Form, ein einziges Wort zu übersetzen.

»Dann sollte die Königin auch Karl bedauern«, sagte Ludwig. »Erzählt ihr, wie er starb, weil er mit dem Kopf gegen einen niedrigen Türsturz geprallt war.«

Luynes übersetzte, und Anna meinte auf spanisch, der König hätte eben den Kopf einziehen sollen.

Während Luynes dies ein bißchen betreten übersetzte, wahrte Ludwig eine undurchdringliche Miene, ich denke aber, die naive Offenheit seiner Frau dürfte ihn ergötzt haben.

Im sogenannten Zimmer Heinrichs II. erklärte Luynes auf Ludwigs Bitte der Königin, daß die in der Fensterleibung in Stein gehauenen Pilgerstäbe samt Quersack und Beutel die Pilger symbolisierten, die auf dem Weg nach Compostela in Amboise Rast machten und denen Anna von Bretagne, weil sie so piadosa war, für eine Nacht Tisch und Bettstatt bot.

Unsere Anna lauschte dem erbaulichen Bericht voll Andacht, doch Leben kam in ihre Augen, als Luynes ihr sagte, die Truhe unter dem Fenster sei die Schmuckschatulle der Maria Stuart gewesen.

»Y donde están ahora las joyas?«3

Luynes erklärte ihr, daß Maria mit dem französischen König Franz II. vermählt war und daß sie, als er an einer Lungenentzündung starb, nach Schottland heimkehrte und ihren Schmuck mitnahm.

»Y a qué edad llegó a ser una viuda?«4 fragte Anna.

|363|»Diez y ocho años«,1 sagte Luynes.

»Ma qué desgracia!«2 sagte die Königin, und plötzlich verdüsterte sich ihr junges Gesicht, als ginge ihr durch den Sinn, daß man als Gemahlin eines französischen Königs Gefahr lief, in der Blüte der Jugend Witwe zu werden.

Ihr Unbehagen vermehrte sich, als sie von Luynes hörte, daß der Vater Franz II., Heinrich II., vorzeitig bei einem Lanzenstechen gestorben war, weil ihm ein abgebrochener Lanzenschaft in die Schläfe gedrungen war. So langsam mit der Zunge, so rasch im Verstehen, erfaßte Ludwig Annas Gedanken, lächelte und versuchte, sie mit Luynes’ Vermittlung zu ermutigen: seine Gesundheit sei gut, Turniere seien in Frankreich längst nicht mehr in Mode, und vor niedrigen Türen ziehe er immer den Kopf ein.

Als Ludwig sie, und sei es scherzhaft, über die Dauer ihrer Verbindung beruhigte – was meines Erachtens gar nicht in seiner Absicht lag –, errötete sie vor Freude, denn da sie zwar verheiratet, aber Jungfrau war wie zuvor und sich seltsam allein gelassen fühlte von ihrem Gemahl, begann Anna an ihrer Zukunft am französischen Hof zu zweifeln.

Ihre Erleichterung nahm zu, als der König ihr sagen ließ, er gebe ihr jetzt Zeit, sich zu erfrischen und vielleicht umzukleiden, doch werde er sie abholen lassen zum Souper, das er sie bat, mit ihm gemeinsam einzunehmen. Bei dieser höflichen Bitte leuchtete Annas Gesicht vor so offener Freude, daß der König gerührt schien. Und nach großen Reverenzen einerseits und andererseits gingen sie auseinander.

Dies geschah am achtzehnten April 1616, und das Datum ist in meinen Aufzeichnungen doppelt unterstrichen, warum, will ich sagen. Schöne Leserin, ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als ich von Héroard erfuhr, daß dies das erste Mal war, daß König und Königin miteinander speisten.

»Wie?« sagte ich baff. »Das erste Mal! Das erste Mal seit dem einundzwanzigsten November vorigen Jahres! Das erste Mal, daß sie seitdem miteinander zu Tisch gehen?«

»Wer wüßte das besser als ich?« sagte Héroard kühl. »Ich habe den König keinen Tag verlassen seit seiner Hochzeit.«

Ich mußte mich schon auf seine Zeugenschaft verlassen, |364|und, ehrlich gesagt, es gab mir zu denken. Denn es zeigte unübersehbar, wie wenig die Königinmutter, die keine Mühe gescheut hatte, die spanischen Hochzeiten zustande zu bringen, sich aus der Verbindung ihres Sohnes und seiner Frau machte, nachdem sie einmal vermählt waren. Denn – ich wiederhole es, so sehr betrübt mich die Geschichte! – hätte diese seelenlose Person nicht, wie Luynes, Begegnungen unter vier Augen zwischen König und Königin arrangieren können und müssen, damit sie sich überhaupt erst kennenlernten, anstatt sie kurzerhand wie Hund und Hündin zusammenzustecken, ohne Rücksicht auf ihr zartes Alter?

Es war halb acht, als Ludwig und Anna sich einander gegenübersetzten, und die Mahlzeit verlief sehr angenehm, Ludwig bewies einige Galanterie, und Anna ging in ihrem Wunsch zu gefallen so weit, daß sie erklärte, von jetzt an wolle sie sich alle Mühe geben, Französisch zu lernen. Nachher geleitete Ludwig sie an seiner Hand zu ihrem Zimmer und blieb auch ein Weilchen bei ihr, aber nur so kurz, daß Luynes enttäuscht war.

Später erzählte er mir, daß er sich an jenem Tag in falschen Hoffnungen gewiegt habe. Aber man konnte ja schwerlich, sagte er, den Pflug vor die Ochsen spannen. Und er meinte, Anna würde wohl erst an dem Tag wirklich Ludwigs Frau werden, an dem er wirklich König würde. Mag sein, dachte ich, aber dann dürfte die böse Fee nicht dabeisein und wieder ihren furchtbaren Schatten über das Bett ihres Sohnes werfen.

* * *

Auf meiner Rückkehr von dieser endlosen Reise in den Süden klopfte mir das Herz zunehmend, je näher ich Paris kam, ebensosehr vor riesiger Freude, Frau von Lichtenberg wiederzusehen, wie vor Bangen, wie sie mich wohl empfangen werde. Der Grund dafür war, daß ich ihr, weil wir so lange in Tours blieben, zuletzt die Adresse mitgeteilt hatte, unter der sie mir auf meine unzähligen Briefe antworten konnte. Und sie schrieb mir auch, aber in einer Weise, daß mir das Herz gefror, so knapp, so steif und kühl. Gewiß sagte ich mir, das käme vielleicht nur von ihrer Vorsicht, denn es war stark anzunehmen, daß ein Brief an einen Ersten königlichen Kammerherrn von |365|den Agenten der Königinmutter geöffnet und gelesen wurde. Trotzdem schien mir, daß eine so glühend Liebende, wie sie es bei meiner Abreise von Paris gewesen war, mich durch irgendein Wort der Gefühle hätte versichern können, die sie für mich hegte.

Aber ich mochte diesen kleinen Brief, so kurz und kalt, auch hundertmal lesen, ich fand nichts als distanzierte Höflichkeit. Ich mochte mir noch so oft sagen, daß Ulrike als Deutsche, in einem kalvinistischen Land aufgewachsen, vielleicht gar nicht darin geübt war, ihre Empfindungen schriftlich auszudrücken. Der Gedanke vermochte mich aber keineswegs zu trösten. Die Angst, die mich für Augenblicke überkam, sie verloren zu haben, überzeugte mich, daß es schon so war. Und die Eifersucht, die mich früher gepeinigt hatte, indem sie mich in Bassompierre und sogar in ihrem Sohn einen Rivalen erblicken ließ, erwachte neu, und ich spann mir schreckliche Romane aus, die alle auf der Leichtfertigkeit und Verräterei bauten, welche die Tradition – und auch die Heilige Schrift – der liebreicheren Hälfte der Menschheit zuschrieb. In meinem verdüsterten Sinn war gerade dieses liebreiche Wesen verdächtig: als hätte nur das starke Geschlecht die Stärke, treu zu sein!

Ich schrieb ihr zur selben Minute, da ich unser Haus in der Rue du Champ Fleuri betrat. Das Billett, das mein Laufbursche mir als Antwort auf meines brachte, enthielt nur das Wort: »Kommen Sie.« Dieser Lakonismus schmetterte mich nieder. Und mein Vater, der mich blaß werden sah, nahm das Blatt, das ich fallen ließ, und warf einen Blick darauf.

»Na nun!« sagte er, indem er Wein eingoß und mir das Glas an die Lippen hielt, »Ihr wollt doch nicht ohnmächtig werden? Was ist denn geschehen? Frau von Lichtenberg sagt Euch, Ihr sollt kommen, sie hat es so eilig, Euch zu sehen, daß sie nur ein Wort hinschreibt: was ist daran Schlimmes?«

»Ach!« sagte ich matt, »wenn sie hinter dieses knochendürre ›Kommen Sie‹ wenigstens ein Ausrufezeichen gesetzt hätte! Dann hätte ich verstanden, daß ich mich beeilen soll, aber so?«

»Aber Pierre«, sagte mein Vater lächelnd, »Ihr seid von Sinnen! Dieses ›Kommen Sie‹ heißt, Ihr sollt kommen, ob mit oder ohne Ausrufezeichen … Bei allen Heiligen, sucht doch nicht Mittag im Dunkeln! Lauft, lauft! Oder gebricht Euch der Mut vor einer so schrecklichen Feindin? Wer sagt denn, daß sie |366|Euch nicht sehen will, wenn sie ihr ›Kommen Sie‹ wie im Galopp hinwirft und keine kostbare Minute für ›Eure Dienerin‹ und andere hohle Floskeln vergeudet? Um Himmelswillen, Herr Sohn, soll sie erst noch viel plaudern, wenn sie Euch erwartet?«

Das brachte mich zurück ins Leben. Ich umarmte meinen Vater und wollte in die Kutsche springen, die zum Glück angespannt stand, aber Poussevent und Pisseboeuf futterten erst gemächlich Brot und Wurst aus der Hand. Ich drang in sie, mich so schnell wie möglich zu meiner Gräfin zu fahren. Die Käuze überstürzten sich aber nicht, warfen sich Blicke zu und brummelten dies und das auf okzitanisch, ehe sie sich bequemten, doch tat ich, als verstünde ich sie nicht. Schließlich mußte ich sie nicht bedauern, weil ich wußte, Herr von Beck würde sie, wie stets bei meinen Besuchen, mit einem Mahl, würdig der Freßsäcke vom Hofe, verwöhnen.

In der Rue des Bourbons empfing mich Herr von Beck mit seiner umständlichen Pfälzer Höflichkeit und, wie mir schien, einer gewissen Kühle. Aber vielleicht lag das an mir, weil ich seine Komplimente abkürzte und rundweg fragte, wie es seiner Herrin gehe.

»Sie ist krank, Herr Chevalier« antwortete er mit einer Miene wie ein Ankläger.

»Wieso krank, Herr von Beck? Ist es schlimm?«

»Das weiß ich nicht, Herr Chevalier«, sagte er. »Arzt bin ich ja nicht.«1

Da er mir so wortkarg und zugeknöpft kam, war ich auf das Schlimmste gefaßt, als von Beck, nachdem er angeklopft hatte, mich in Ulrikes Zimmer führte. Aber die Stimme meiner Schönen aus den geschlossenen Bettgardinen, die mich hieß, den Riegel vorzulegen, beruhigte mich. So klang keine Kranke: dafür war die Stimme zu freudig und sehnsuchtsvoll. Ich lief an ihr Bett, schlug die Vorhänge auf, sie streckte mir die Arme entgegen, die gelösten schwarzen Haare umflossen ihre Schultern, und aus dem trauten Halbdunkel des Baldachins trafen mich ihre großen, glänzenden, aber gewiß nicht vor Fieber glänzenden Augen. Es war ein Glück, das mich binnen einer unaussprechlichen Minute für alles Bangen, Phantasieren und |367|Herzdrücken entschädigte, das mich seit ihrem so grausam kurzen Brief nach Tours gequält hatte. Was nun folgte – für mein Gefühl das Beste, was es auf Erden gibt –, kam ohne Worte aus und bedarf auch keiner Beschreibung.

Als nach den Stürmen Windstille eintrat und uns mit dem Atem die Sprache wiederkehrte, fragte ich sie, welche Krankheit sie denn betroffen habe.

»Eine ganz schwere«, sagte sie lachend: »Ungeduld! Als ich Ihr Wort erhielt, rechnete ich mir aus, daß meine Antwort Sie gerade zu meiner Imbißzeit erreichen würde, das dauerte mir aber alles zu lang, also schrieb ich ›Kommen Sie‹, sagte von Beck, ich sei leidend und ginge zu Bett und er solle Sie direkt in mein Zimmer führen.«

Ich sah sie mit ganz neuen Augen an, so entzückte mich ihre Offenheit. Nie hätte eine französische Dame ein solches Geständnis gemacht. Trotzdem lag mir ihr Brief nach Tours noch ein wenig auf dem Herzen, und weil sie zu mir so freimütig war, entschloß ich mich, sie genauso zu fragen.

»Ach, dieser Brief«, sagte sie, »der kam mir selber gräßlich vor, so trocken war er. Aber wie sollte ich anders? Kurz vorher hatte ich von Bassompierre ein Billett erhalten, worin er mir empfahl, sehr vorsichtig zu sein, sollte ich ›meinen ehemaligen Schülern‹ schreiben (mit dem Plural waren Sie gemeint), den Grund würde er mir unter vier Augen nennen, sobald er wieder in Paris sei. Und das hat er getan.«

»Wann denn?«

»Gestern, er ist einen Tag vor Ihnen eingetroffen.«

»Alle Wetter! So schnell? Er ist von Tours am selben Tag abgereist wie ich!«

»Weil ein starker Magnet ihn nach Paris zog: eine schöne Witwe aus sehr hohem Hause. Deshalb hat er nicht, wie Sie, unterwegs getrödelt.«

»Ich habe nicht getrödelt, Liebste. Ich hatte für die Unterkünfte an den Etappen zu sorgen.«

»Lassen Sie mir doch die kleine Stichelei, mein Pierre«, sagte sie lachend.

Und indem sie meine rauhen Wangen in ihre samtigen Hände nahm, bedeckte sie mein ganzes Gesicht mit kleinen Küssen. Wie sehr mich ihre Art entzückte! Dahin war sie mit den Jahren gelangt, im Verlaß auf meine Liebe. Denn in unseren ersten |368|Zeiten hatte ich sie so ernsthaft und zurückhaltend gekannt, daß ich kaum wagte, sie nach Herzenslust zu lieben. Aber mit unserer wachsenden Vertrautheit wurde sie, ohne den ernsten Grundzug ihres Wesens aufzugeben, auch fröhlicher, sie lachte und neckte mich gern, aber so, als kratze sie nur, um mich desto glücklicher mit Sammetpfoten zu streicheln.

»Kurz«, sagte sie, »Bassompierre besuchte mich und erzählte mir, was er angeblich von Monsieur de Sauveterre, dem Garderobier und Schließer der Königinmutter, erfahren hat.«

»Den kenne ich, ein gewandter Mann, der aus seinem Amt über hunderttausend Ecus geschlagen hat.«

»Er hütete wie gewöhnlich Marias Tür, als Maria und die Marschälle von Ancre auf Luynes zu sprechen kamen. Sie fanden seinen wachsenden Einfluß auf Ludwig erschreckend und einigten sich, daß man sie auseinanderbringen müsse, nur wie, war die Frage. Sollte man Ludwig überzeugen, sich von seinem Jagdmeister zu trennen, oder sollte seine Mutter ihn dazu zwingen?«

»Verflixt! Wie respektvoll sich dieses Florentiner Trio gegenüber dem König von Frankreich verhält! Er ist großjährig und vermählt, aber man überwacht seine Freundschaften! Und das in Gegenwart eines Türstehers!«

»Ja, sie sind so gewöhnt, ihn an seinem Posten zu sehen, daß sie ihn nicht beachtet hatten. Weil sie dann aber doch fürchteten, er habe alles gehört, weihten sie ihn in ihren Plan ein, um sich seines Schweigens zu versichern. Sauveterre versuchte zunächst, Luynes zu verteidigen, aber als er sah, daß die Königinmutter überzeugt war, daß ›entweder Luynes gehen müsse oder sie selbst‹, gab er vor, sich ihrer Ansicht anzuschließen, und fragte die Königin, ob sie jemand bei der Hand habe, um den Favoriten zu ersetzen, ›denn immerhin‹, sagte er, ›hat der König sich zweimal dazu erklärt, daß er einen Favoriten habe: zuerst den Chevalier de Vendôme und jetzt Luynes. Was macht Ihr, wenn er sich nach Luynes’ Abgang einen dritten erwählt, ohne daß diese Wahl Eurer Majestät genehm wäre?‹«

»Gute Frage«, sagte ich. »Damit machte er ihr klar, daß sie vom Regen in die Traufe käme.«

»Die Königin und die Concinis nannten hierauf verschiedene Personen, die nach Blainvilles Berichten als mögliche Favoriten in Frage kämen. Wer ist Blainville, Pierre?«

|369|»Der Verräter in dieser Geschichte. Er befehligt die Gendarmen des Königs, sieht und hört alles. Man kann fast nichts tun, ohne daß er es wittert. Und weil er dank Concini die königlichen Geschäfte führt, hat er überall Zutritt, ohne zu fragen. Er ist, mit einem Wort, der niedrigste und gewiefteste Spitzel, den es je gab.«

»Zurück denn zu den von Blainville genannten möglichen Favoriten. Zunächst ein Kammerdiener namens Haran.«

»Unmöglich!« sagte ich achselzuckend. »Er ist kein Adliger. Auch wenn Ludwig ihn mag, wird er ihn nie zum Favoriten erwählen.«

»Dann wurde der Marquis de Courtenvaux genannt.«

»Der käme eher in Frage. Der König sieht ihn gerne, außerdem ist er Erster Kammerherr und der Sohn von Monsieur de Souvré.«

»Und eben da scheute Concini. Wenn dieser seinerseits der Königin mißfallen würde, wandte er ein, könnte man ihn schlecht loswerden, weil sein Vater Ritter vom Heiligen- Geist-Orden und Marschall von Frankreich sei.«

»Das ist richtig.«

»Nun kam man auf den dritten möglichen Kandidaten, und der wird Sie überraschen, Pierre.«

»Wer denn, mein Engel?«

»Sie.«

»Ich?« rief ich verblüfft.

»Ja, Sie.«

»Ich, an den der König so selten das Wort richtet? Wie hat Blainville das herausgefunden, daß Ludwig mich schätzt und ich ihm ganz ergeben bin? Der Spürhund hat eine höllische Nase! Und wie nahm Concini meinen Namen auf?«

»Wie den von Courtenvaux. Wenn der Chevalier de Siorac, meinte er, mißfallen würde, wie sollte man ihn kaltstellen, da er von der Herzogin von Guise protegiert werde? Sie würde uns sämtliche Guises auf den Hals hetzen. Trotzdem, meinte die Concini, hätte man Sie insofern auch in der Hand, als Sie einer Pfälzer Fürstin verbunden seien, deren Aufenthalt in Paris nur geduldet werde.«

»Gerechter Himmel!« rief ich. »Das Bettelweib mit seinen Nadelgeldern. Liebste, ich zittere um Sie.«

»Sie müssen nicht zittern, Pierre, Sauveterre wehrte den |370|Schlag ab. Der Chevalier de Siorac, sagte er, ist ein Mann des Kabinetts. Er liebt Bücher und Sprachen. Und so gut er auch reitet und ficht, hat er doch wenig für Jagd und Vogelstellerei übrig. Er käme für Ludwig als Favorit nicht in Frage.«

»Gab es noch andere Kandidaten?«

»Sie waren der letzte.«

»Und zu welchem Schluß kam die Königin?«

»Sie beschloß, nichts zu beschließen. Der hübsche Satz ist nicht von mir, mein Freund, er ist von Bassompierre.«

»Und Conchine?«

»Er bedrängte die Königin nicht weiter. Luynes hat ihn zwar enttäuscht, weil er ihm Schloß Amboise verschafft und sich erwartet hatte, Luynes werde ihm dafür aus der Hand fressen und den König verraten. Aber andererseits glaubt er, daß Luynes nie den Ehrgeiz aufbringen wird, um seine, Concinis, Macht anzutasten. Und vielleicht denkt er im stillen auch, daß es andere Mittel als die öffentliche Ungnade gibt, um ihn einzuschüchtern.«

»Ist das Bassompierres Ansicht, Liebste, oder Ihre?«

»Es ist meine.«

Frau von Lichtenberg täuschte sich nicht, und ich erhielt Grund, ihre Scharfsicht zu bewundern, obwohl sie den Louvre nie betreten hatte. Heidelberg ist sicher viel kleiner als Paris, aber die Intrigen des Pfälzer Hofes stehen denen am französischen Hof gewiß nicht nach.

Wenige Tage nach diesem Gespräch mit ihr traf ich Luynes mittags auf der großen Treppe im Louvre. Ich hielt inne, als Luynes auf meiner Höhe anlangte. Seit wir von der großen Reise zurück waren, hatte mich seine umwölkte Miene gewundert. Aber als er an diesem Tag heraufgestiegen kam, sah ich überrascht, daß er heiter lächelte.

»Monsieur«, sagte ich, »wie ich gestern hörte, habt Ihr von Monsieur de Fontenay die Hauptmannschaft im Louvre gekauft, dazu möchte ich Euch herzlich gratulieren.«

Luynes war nicht der Mensch, solche Freundlichkeiten nicht auch auf das höflichste zu erwidern, und geduldig hörte ich mir seine Liebenswürdigkeiten an, die sein leichter okzitanischer Akzent rund und angenehm machte.

»Nun seid Ihr also glücklich«, sagte ich, um diese Wechselreden abzuschließen.

|371|»Sicher«, sagte er, »obwohl nicht das Amt an sich mich so freut, sondern eher die Tatsache, daß ich im Louvre wohnen kann. Und weil ein Glück nie allein kommt, hat der König mich über seinen Gemächern einquartiert, so daß ich über eine Wendeltreppe, die nur von mir benutzt wird, zu ihm gelange und so die Ehre habe, ihn fast jederzeit zu sehen. Aber vor allem«, setzte er leise hinzu, »erspart mir das, abends hinauszugehen, um in meine Wohnung in den Tuilerien zurückzukehren.«

»Das ist wirklich sehr bequem«, sagte ich.

»Und mehr als das«, sagte Luynes, indem er sich zu meinem Ohr beugte und einen spähenden Blick um sich warf. »Es ist sicherer, Monsieur de Siorac. Ich traute mich bei einfallender Nacht kaum mehr, den Louvre zu verlassen. Ein Degen trifft im Dunkeln schnell.«

»Monsieur«, sagte ich, »hat man Euch gedroht?«

»Jaja«, sagte er. »Ihr wißt schon, wer. Und dreimal hat derjenige ja gezeigt, was ihm ein Menschenleben gilt.«

»Und wie hat derjenige Euch gedroht?«

»Ganz unverhohlen: ›Monsieur de Lune, ich bemerke wohl, daß der König mich ungern sieht. Dafür werdet Ihr mir geradestehen.‹«

Wer nun meint, Luynes habe seine Furcht übertrieben, dem sei gesagt, daß er allen Grund hatte, auf der Hut zu sein. Der Marschall von Ancre war nicht nur ein habgieriger und skrupelloser Emporkömmling: zuweilen gelüstete es ihn auch nach Blut. Als er zur Zeit unserer Reise in die Provinz Guyenne in Paris weilte, wurde er am Stadttor de Buci von einem Sergeanten, dem Schuster Picard, zurückgewiesen, weil er keinen Paß vorweisen konnte. Concini wartete, bis die Königinmutter wieder in Paris war und er sich vor Strafe sicher fühlte, und ließ den Schuster von seinen Dienern prügeln, bis er wie tot auf dem Pflaster lag. In Amiens, wo er glaubte, sich alles erlauben zu können, weil er der Gouverneur war, ließ er den Obersergeanten Prouville, gegen den er einen gewissen Verdacht hegte, heimtückisch ermorden. Ein Jahr vorher hatte er in Paris einen Anschlag auf Riberpré gewagt, der seinen Mördern nur mit knapper Not entrann.

Diese unerbittliche Rachsucht machte Concini um so furchtbarer, als seine Frau neuerdings wieder alle Macht über die |372|Königinmutter hatte und er nur noch ein, zwei Stufen zu erklimmen brauchte, um ohne Rivalen an der Spitze des Staates zu stehen. Dessen wurde man gewahr, als das Gerücht umging, die Königinmutter wolle die alten Minister durch neue Männer ersetzen. Schon hatte Sillery abdanken müssen, um Monsieur du Vair zu weichen. Und wie vom Hof verlautete, waren Villeroy und Jeannin als nächste an der Reihe.

Es war geraume Zeit her, seit der Name Graubärte auf die Minister zutraf, die nun verabschiedet werden sollten. Ihre politische Laufbahn hatte so lange gedauert, daß ihre Bärte mittlerweile weiß und schütter waren. Sillery war zweiundsiebzig Jahre alt, Villeroy vierundsiebzig, Jeannin dreiundsiebzig. Trotzdem hatten bei keinem von ihnen Gedächtnis, Sprache und Verstand nachgelassen. Die Gnade Katharinas von Medici hatte sie so hoch erhoben, nun sollten sie durch die Ungnade der Maria von Medici stürzen.

»Wir werden ihnen noch nachweinen«, sagte der Marquis de Siorac, während wir in der Bibliothek darauf warteten, daß Mariette uns zum Abendessen rief.

»Was heißt denn das, Herr Vater?« fragte ich erstaunt. »Wenn ich mich recht entsinne, wart Ihr zu Lebzeiten unseres Henri nichts wie Spott und Hohn gegen die Graubärte, habt sie ligatreu, spanisch und was weiß ich gescholten.«

»Ligatreu, das waren sie gewiß. Und spanisch waren sie auch immer. Deswegen hat sich Henri ihrer nur mit langen Zangen bedient. Gleichwohl hat er ihre Dienste gebraucht. Denn so blind sie in den auswärtigen Geschäften auch sein mochten, hatten sie außer ihrer großen Erfahrung bei den inneren Angelegenheiten doch einzig die Interessen des Staates im Sinn. Und glaubt mir, mein Sohn, in den sechs Jahren, seit Henri tot ist, hätte es weit schlimmer kommen können, wären die Graubärte nicht auf ihrem Posten gewesen. Sie haben in nicht geringem Maße den Einfluß der Dame Concini gemildert, gezügelt und mitunter sogar durchkreuzt. Und das nimmt sie ihnen bitter übel.«

»Ihr meint«, sagte ich, »daß die Spinne die Graubärte stürzen will?«

»Sicher. Und ich weiß es aus erster Quelle, von Villeroy, den ich vorgestern in seinem Haus zu Conflans besucht habe. Ich wollte ihn trösten, weil ich mir dachte, man wird nicht eben Schlange stehen bei einem Minister in halber Ungnade. Die |373|Concini hat Villeroy nicht verziehen, daß er dem Marschall von Ancre bei den Verhandlungen zu Loudun Amiens weggenommen hat.«

»Aber dafür«, sagte La Surie, »hat der Marschall von Ancre weiß Gott genug Entschädigungen erhalten: die Normandie, Caen, Pont-de-l’Arche, Quillebeuf!«

»Miroul«, sagte mein Vater, »du hast keine Vorstellung von dem irrwitzigen Hochmut dieses einstigen Habenichts! An diesen Berg darf man nicht einmal tippen, ohne daß er Feuer und Flammen speit. Ihm Amiens wegzunehmen, das war in seinen Augen fast eine Majestätsbeleidigung!«

»Und Sillery?« fragte ich.

»Bei Sillery, dessen Sturz ja schon vollendete Tatsache ist, liegt der Groll schon einige Monate zurück, bevor der Hof die Reise in die Provinz Guyenne antrat. Concini wollte die spanischen Hochzeiten verschieben, Sillery wollte es nicht und war sich darin mit der Königinmutter einig. Er siegte. Concini wurde nach Amiens verbannt, wie Ihr wißt. Und obwohl es die Königin war, die sein Exil verfügte, ohne daß Sillery die Finger im Spiel hatte, zauste Concini dem Graubart den Bart.«

»Fehlt bloß noch, daß er die Königin stürzt«, sagte La Surie.

Wir lachten, aber nur mit halber Kraft, so verschlug uns diese wachsende Macht Concinis die Laune.

»Und wer sollen die neuen Minister sein?« fragte ich.

»Barbin, Mangot, vielleicht Luçon.«

»Und wer ist dieser Luçon?« fragte La Surie.

»Weißt du das nicht? Richelieu, der Bischof von Luçon. Barbin hat ihn Concini vorgestellt, und um sich die Gunst des Favoriten zu gewinnen, hat Richelieu ihm die Hände geleckt.«

»Steht Luçon so niedrig?«

»Durchaus nicht. Er steht sogar weit oben. Aber er will an die Macht. Schon auf den Generalständen hat er gefordert, Geistliche in den Königlichen Rat aufzunehmen, weil sie, wie er meinte, dazu ›die Fähigkeit, die Redlichkeit und die Klugheit‹ hätten.«

»An wen er dabei wohl gedacht hat?« fragte La Surie mit Unschuldsmiene.

In dem Moment trat hinter ihrem gewaltigen Busen Mariette in die Bibliothek und meldete, es sei aufgetragen. Und als sie uns über den Witz La Suries lachen sah, setzte sie hinzu: »Das |374|ist mal was! Schallendes Gelächter, das schärft Euch die Sinne! Ihr werdet mit Heischhunger essen, Meschjöh, und mein Caboche kann zufrieden sein!«

Wir setzten uns, und Mariette tat einem nach dem anderen ein tüchtiges Stück duftenden Braten auf, wobei sie jedesmal auf uns einredete, gleich noch ein zweites zu nehmen, und zwar mit einem Wortschwall, daß wir fast taub wurden.

»Mariette!« sagte mein Vater, »eines weiß ich sicher: wenn dir mal das Mundwerk versiegen sollte, kommen wir trocken durch die Seine … Geh, meine Schöne, geh zu deinem Caboche und komm erst, wenn ich dich rufe.«

Sowie Mariette hinaus war, weniger geknickt über die Abfuhr als geschmeichelt, daß der Marquis de Siorac sie ›meine Schöne‹ genannt hatte, fuhr La Surie fort: »Wer sind diese homi novi, die uns als Minister bevorstehen?«

»Homines novi«1, sagte mein Vater.

»Homines novi«, wiederholte La Surie leicht errötend, weil er sich etwas zugute hielt auf sein Latein, das er sich selbst beigebracht hatte.

»Junge Leute noch, gewandt, nicht ohne Verstand. Besonders Barbin und Luçon. Luçon ist ein sehr geistvoller Mann und ist erst dreißig.«

»Herr Vater«, sagte ich, »woher habt Ihr das, daß Luçon vor Conchine gekatzbuckelt haben soll?«

»Von Villeroy. Luçon soll dem Favoriten einen ziemlich servilen Brief geschrieben und ihm seine Dienste angeboten haben.«

»Das ärgert mich. Ich habe seine Predigten so bewundert!«

»Papperlapapp, mein Sohn! Luçon ist Politiker. Und kein Politiker scheut einen Kniefall, um aufzusteigen.«

»Zumal Kniefälle den Pfaffen geläufig sind«, sagte La Surie.

»Miroul«, sagte mein Vater, »das stinkt nach Hering! Aber das Bedenkliche an diesem Ministerwechsel ist ja nicht, daß die homines novi nicht so gut wären wie die Graubärte. Im Gegenteil! Sondern daß alle Welt sie mit Recht für Concinis Kreaturen ansehen wird.«

»Dann ist er der Herr!« sagte La Surie.

»Abwarten! Noch sind die Würfel nicht gefallen. Wie ich |375|hörte, kehrt Condé demnächst mit aller Macht und Glorie an den Hof zurück. Dann steht er dem Königlichen Rat vor und führt die Feder.«

»Was heißt das?« fragte La Surie.

»Er wird die Dekrete des Rates unterzeichnen.«

»Wie? An Stelle der Königinmutter?«

»Ja doch! Sie hat es selbst genehmigt, so blind ist sie!«

* * *

Einige Tage danach, am zwanzigsten Juli, hielt Prinz Condé bei strahlender Sonne Einzug in Paris. Er wurde vom Volk mit Begeisterung empfangen, vom Parlament mit verhaltener Freude und von der Königinmutter mit allen Anzeichen der Zufriedenheit.

Nach ihm kehrten fast alle Prinzen zurück an den Hof, darunter leider auch der Herzog von Bouillon, der teuflischste Intrigant des Reiches, der auf Condé einen solchen Einfluß hatte, daß er dessen Entschlüsse binnen zehn Minuten ins Gegenteil verkehren konnte.

Hätte Condé nur eine Unze Verstand in seinem wirren Kopf gehabt, in dem alle möglichen Pläne einander abwechselten, hätte er sich voll und ganz glücklich geschätzt. Er hatte den Vorsitz im Königlichen Rat, unterzeichnete dessen Dekrete, teilte sich mit der Königinmutter die höchste Autorität, und beachtete man ein Zeichen, das selten trügt, hatte er sogar deren besseren Teil: anstatt sich an den Louvre zu wenden, belagerten die Bittsteller nun seine Tür, um seinen Sekretären Eingaben, Gesuche und Bittschriften zu übergeben, die Condé nach seinem Gutdünken befriedigte oder auch nicht.

Nicht daß Condé sich unbedingt über die Rolle erheben wollte, die er bereits innehatte, aber die Großen drängten ihn, noch weiterzugehen, weil sie selbst einen größeren Platz im Staat einnehmen und einen größeren Anteil an den Finanzen haben wollten. Und weil sie das Haupthindernis ihrer glühenden Begierde in Concini erblickten, gegen dessen Person und Erhöhung sie großen Haß hegten, wollten sie den Florentiner festnehmen, ihn einsperren, ihn sogar, wenn nötig, umbringen. Condé, von Bouillon bedroht, die Seinen würden ihn verlassen, wenn er nicht gemeinsame Sache mit ihnen mache, entschied |376|sich also, einen Weg zu beschreiten, auf dem er persönlich nichts gewinnen konnte, zumal Concini ihn bekanntlich immer gestützt und geschont hatte.

Auf den Galerien und Treppen des Louvre quellen die Neuigkeiten gewissermaßen aus den Mauern, aber es gibt auch so viele falsche, daß ich lieber keine glaubte. Und obwohl ich von diesen Umtrieben der Prinzen munkeln gehört hatte, erhielt ich verläßliche Kenntnis darüber erst bei einem Souper unter vier Augen mit meiner lieben Patin, der Herzogin von Guise.

Monsieur de Réchignevoisin, ihr schmerbäuchiger Majordomus, bezeigte mir hohe Achtung, seit ich mein Kammerherrenamt bekleidete. Er empfing mich auf geradezu liebreiche Weise und führte mich durch das Labyrinth des Hôtel de Guise, während der Zwerg, den er liebte, nebenher trippelte und mich von unten mit bösen schwarzen Augen anstarrte, als wollte er mich vergiften.

Ich fand nur die Prinzessin Conti bei Tisch, die mir unter tausend Liebenswürdigkeiten erklärte, sie sei nur da, um mir das Warten zu versüßen, ihre Mutter sei noch mit ihrer Toilette beschäftigt. Ich fand sie ganz aufgeblüht, ihr Anblick mußte einem jeden den Atem benehmen, der nicht schwul war. Geradezu, wie ich war, sagte ich ihr, mit welchem Entzücken ich meine Augen an ihrer wunderbaren Schönheit weidete.

»Fein, kleiner Cousin!« sagte sie mit einem betörenden, kehligen Lachen. »Das nenne ich mir geziemende Rede, und es verdient Belohnung! Ich erlaube Euch, meine Fingerspitzen zu lecken und mir einen Kuß zu geben. Aber nicht ins Gesicht, Ihr würdet meine Schminke verderben.«

»Wohin dann, Madame?«

»Auf den Hals.«

»Auf den Hals, Madame!« sagte ich nicht ohne Schwung und wirbelte um sie herum, denn weil ich sogar an ihrem Hals auf Schminke traf, hob ich ihre rabenschwarzen Haare und küßte ihren Nacken. Ich muß gestehen, es war mir eine Lust.

»Oho, kleiner Cousin!« sagte sie, indem sie den Oberkörper elegant nach hinten beugte, um mich auf Armeslänge von sich zu entfernen. »Keusch seid Ihr nicht! Heilige Jungfrau, wer hat Euch das gelehrt? Ich wette, eine, die keine Heilige und keine Jungfrau war.«

|377|»Madame«, sagte ich, »ich habe nur der Inspiration des Augenblicks gehorcht.«

»Inspiration! Ihr seid mir einer! Mich schauert’s ja noch! Wißt Ihr nicht, daß wahre Frauen einen sehr empfindsamen Nacken haben? Ihr habt wohl vergessen, daß wir eines Blutes sind? Ah, ich weiß! Ich weiß! Ihr werdet wieder sagen, weil Ihr mein Halbbruder seid, sei es nur halber Inzest!«

»Leider, Madame! Leider war es nicht einmal ein Fünfzigstel!«

»Und Ihr habt die Stirn, das zu bedauern! Monsieur, Ihr seid ja ein Lüstling!«

»Wer ist ein Lüstling?« fragte die Herzogin von Guise, indem sie hereintrat.

»Ich, Madame«, sagte ich und fegte den türkischen Teppich mit den Federn meines Hutes, wobei ich allerdings acht hatte, sie nicht zu knicken, denn sie hatten mich einiges gekostet.

»Um was geht der Streit?« fragte Madame de Guise und umfing uns beide mit liebevollem Blick.

»Um einen Kuß, der angeblich zu lange und zu innig war, und den ich ihr vorschriftsgemäß auf den Hals gab.«

»Der Nacken ist nicht der Hals«, sagte die Prinzessin.

»Aber der Nacken ist ein Teil vom Hals.«

»Schöne Rechtfertigung!«

»Hört Ihr nun auf!« sagte Madame de Guise, indem sie ihre Augen gen Himmel hob, weniger um ihn zum Zeugen unserer Kindereien anzurufen, als um ihre schönen blauen Augen zur Geltung zu bringen. »Tochter, Ihr seid mir eine Erzkokette! Schäkert mit dem eigenen Bruder. Dürstet Euch so sehr nach männlichen Komplimenten?«

»Diesen Durst, Frau Mama, habe ich von Euch geerbt«, sagte die Prinzessin, während sie aufstand und in einer so tiefen wie anmutigen Reverenz niederfiel.

Dann umarmten sich beide Frauen, so eng es ihre Reifröcke zuließen, eine streifte die Wange der anderen mit den Lippen, um einander ja die Schminke nicht zu verderben.

»Ach, ich muß fort!« sagte die Prinzessin Conti nach einem erschrockenen Blick auf ihre Uhr. »Bleibt mir vom Leibe, Elender!« rief sie, indem sie mir mit Augen und Lippen ein strahlendes Lächeln sandte. »Ich werde Euch nie vergeben!«

|378|Mit drei Schritten ihrer langen Beine war sie an der Tür und verschwand.

»Beim Himmel!« sagte ich, als die Tür hinter ihr zufiel. »Wohin läuft sie so rasch?«

»Ist Euch das nicht klar?«

»Heiratet sie ihren Liebhaber, jetzt, da sie Witwe ist?«

»Wo denkt Ihr hin, Pierre? Meine Tochter, und ihrem Prinzessinnentitel entsagen! Um Comtesse de Bassompierre zu werden! So großartig, wie sie sich gerne gibt!«

»Aber die Sünde, Madame? Sie ist doch sehr gläubig.«

»Gott sei Dank hat die Sünde noch nie was verhindert«, sagte Madame de Guise und lachte, als schaute sie zurück auf ihr eigenes Leben.

Wir speisten, es war vorzüglich wie immer in ihrem Haus. Madame de Guise aber stand zu ihrem Teller bald in Haß, bald in Liebe. War sie den Lüsten und Wonnen des Gaumens zugetan, aß sie zuviel und zu gut. Litt dann ihr Magen, oder fürchtete sie, zu sehr zuzunehmen, fastete sie wie ein Mönch in der Karwoche. An diesem Abend hielt sie es mit der Enthaltsamkeit, rührte kaum etwas an und trank noch weniger. Dafür redete sie um so mehr.

Zuerst mußte ich mir eine Predigt über meine Weigerung anhören, mich zu verheiraten, obwohl es am Hof keine edle Jungfer gab, die es sich nicht zur Ehre anrechnen würde, wenn ich sie wollte, da mein Vater Ritter vom Heiligen-Geist-Orden war, ich selbst Erster Kammerherr, da ich durch meine Großmutter, eine geborene Caumont, einer alten périgordinischen Familie entstammte und durch meine Mutter … »Ist es etwa nichts«, schloß sie auftrumpfend, »Bourbonenblut in den Adern zu haben?«

»Es ist nicht nichts«, sagte ich, indem ich mich verneigte. »Und noch mehr ist es, eine Mutter zu haben wie Euch.« Während dieser Worte stand ich vom Tisch auf, kniete vor ihr nieder und küßte ihr die Hand.

»Bildet Euch bloß nicht ein, daß Ihr mich damit besänftigt«, sagte sie, halb besänftigt. »Wenn Ihr wenigstens der Liebhaber einer hohen Dame wäret, die Euch durch Geburt, Ruf und Schönheit Ehre macht, anstatt Euch im Koben niederer Liebeleien zu sielen.«

Meine schöne Leserin erinnert sich vermutlich, daß Madame |379|de Guise meine Kammerzofen – sie glaubte ja, daß ich sie noch hätte – für ›Küchenschmuddel‹ hielt und daß sie von den ihren behauptete, sie hätten ›die Kühe gehütet‹, und das namentlich von der rundum properen Perrette.

Ich nahm meinen Platz wieder ein und lauschte ihr mit der gerührten Liebe, die ich für sie empfand, denn manchmal kam ich mir ihr gegenüber vor, als wäre ich der ältere. Trotzdem wünschte ich im stillen, sie hätte das Thema bald erschöpft. Zum Glück war sie schneller fertig, als erwartet. Flugs machte ich mir die kleine Pause, die sie einlegte, zunutze, um sie auf anderes abzulenken, und fragte, wie es ihrem Ältesten gehe. Nun nahm das Gespräch eine hochinteressante Wendung, und ich sperrte meine Ohren auf, die ich bis dahin nur halb geöffnet hatte. Denn anstatt den Herzog wie gewöhnlich zu verdammen, sang sie sein Lob.

»Oh, doch!« sagte sie, »der Herzog hat mir endlich allen Grund zur Zufriedenheit gegeben! Er hat sich seines Ranges und Blutes würdig erwiesen. All meine Liebesmüh war doch nicht umsonst, und mein Rat hat Früchte getragen!«

Ich konnte nicht umhin, große Augen zu machen, als sie so ganz ohne die üblichen Vorwürfe gegen ihren Ältesten anhob, und dies war ein glücklicher Fehlgriff von mir, denn um mich zu überzeugen, erzählte mir Madame de Guise über die Affäre mehr, als ihre höfische Diskretion erlaubte.

»Bei Eurer Stellung im Louvre werdet Ihr ja wissen«, fuhr sie fort, »daß die Großen die Willkommensfeste, die sie zur Stunde dem englischen Gesandten Mylord Hayes geben, benutzen, um sich abends im Hôtel Condé zu versammeln und, sowie der Mylord zu Bett gegangen ist, ein Komplott gegen Concini zu schmieden.«

»Davon hörte ich, Madame.«

»Der Herzog von Guise war dort, oder war dabei, wie Ihr wollt, und gestern abend hörte er aus Condés Mund eine völlig verblüffende Erklärung. ›Unser Vorhaben‹, sagte Condé, ›muß schnellstens ausgeführt werden, aber man muß auch an die Folgen denken, denn die Königin wird so tödlich gekränkt sein über Concinis Tod, daß sie sich an uns rächen wird. Dagegen sehe ich nur eine Abhilfe: sie und den König zu trennen.‹«

»Bei Gott!« sagte ich, »das geht weit! Denn um Maria vom |380|König zu trennen, müßte man sie wohl erst einmal entführen! Und was antworteten die Prinzen darauf?«

»Sie sahen sich an und schwiegen.«

»Alle?«

»Alle, bis auf meinen Sohn!« sagte Madame de Guise nicht ohne mütterlichen Stolz.

»Und was sagte er?«

»Daß es ein großer Unterschied sei, ob man sich gegen den Marschall von Ancre wehrt, einen Mann aus dem Nichts, Frankreichs Haß und Schande, oder den Respekt verliert, den man der Königin schuldet, und sich gegen ihre Person vergeht. ›Natürlich‹, setzte er hinzu, ›hasse ich den Marschall, aber ich bin der sehr untertänige Diener Ihrer Majestät.‹ Also, was sagt Ihr dazu, mein Pierre? Ist das nicht großartig?«

»Das war in der Tat eine kohärente Rede.«

»Kohärent?« fragte sie, alle Federn geplustert und mit gesteiltem Kamm. »Was ist denn das wieder für ein komisches Wort?«

»Aus dem Lateinischen: das schlüssig Zusammenhängende.«

»Zum Teufel mit Eurem Latein, Herr Allwissend! Ist das alles, was Ihr zu der aufrechten Haltung des Herzogs von Guise zu sagen wißt? Seid Ihr womöglich eifersüchtig auf Euren Bruder, daß Ihr ihn nicht mal richtig loben könnt? Was soll das überhaupt heißen, bitteschön?«

»Madame, das Wort besagt, daß der Herzog von Guise zu Ihrer Majestät in derselben Treue steht, die er seit sechs Jahren bewiesen hat. Ich könnte ihm kein höheres Lob aussprechen. Noch eine härtere Kritik an Condé, indem ich sein Verhalten als das Gegenteil von kohärent bezeichne. Er ist Oberhaupt des Königlichen Rates und federführend, er ist de facto Mitregent des Reiches, aber er zettelt ein Komplott gegen die Macht an, von der er selbst ein Teil ist. Und darf ich fragen, Madame, was der Herzog von Guise tat, als er diese Reden Condés hörte?«

»Was sollte er sonst tun, als sie sofort der Königin mitzuteilen.«

Damit war er nicht der einzige. Der Erzbischof von Bourges, der auch an dem Komplott gegen Concini beteiligt war, unterrichtete seinerseits Maria, aber zu abgesprochenen Zeiten und bei Nacht, um nicht gesehen zu werden, wenn er ihre Gemächer |381|im Louvre betrat. Später erfuhr ich durch einen Schreiber von Barbin, Déagéant mit Namen (der in dieser Geschichte noch eine bedeutsame Rolle spielen wird), daß Condé, der ewig Unentschiedene, zwischen zwei Plänen für die Zeit nach Concinis Beseitigung schwankte: Einmal wollte er, nachdem die Königinmutter entführt wäre, sich den Sinn des Königs gefügig machen, damit er tue, was er, Condé, will, und so als König regieren, ohne den Titel zu tragen. Ein andermal wollte er, sobald die Königin in ein Kloster abgeschoben wäre, die Ehe von Henri Quatre und Maria von Medici für ungültig erklären lassen auf Grund des Eheversprechens, das Henri Quatre vor dieser Verbindung der Marquise de Verneuil unterzeichnet hatte. Dann wäre Ludwig nur mehr ein Bastard, und Condé würde ihn absetzen und an seiner Statt regieren.

Als ich meinen Vater über diese Pläne unterrichtete, fragte er, was ich von dem ersten hielte.

»Niemals wird Condé sich Ludwigs Sinn unterwerfen«, sagte ich. »Das ist Utopie. Ludwig haßt ihn. Mindestens ebenso wie Concini. Und was haltet Ihr, Herr Vater, von dem zweiten?«

»Seine Dummheit geht über jedes Begreifen. Das der Verneuil ausgestellte Eheversprechen wurde dem König von der Betroffenen zurückgegeben, als sie nach einem Komplott gegen ihn gefangensaß, und der König hat es verbrannt. Wer will beweisen, daß es dieses Versprechen jemals gegeben hat und daß es die nachfolgende Eheschließung ungültig macht? Außerdem, glaubt Ihr, der Papst würde die Ehe der Maria von Medici annulieren, da sie ihm von allen Herrschern der Christenheit zweifellos am meisten ergeben ist?«

»Könnte Condé Eures Erachtens trotzdem gefährlich werden, Herr Vater?«

»Ich weiß nicht. Er ist ein unglücklicher Mensch, klein, mickrig, kränklich, mit dieser sonderbaren Nase, die nichts gemein hat mit einer Bourbonennase (hier warf mein Vater einen ganz kurzen, lächelnden Blick auf die meine). Schwul und sehr abhängig von seinen Geliebten, weiß er nicht, zu welchem Geschlecht er gehört. Und vor allem lebt er in unwiderleglichen Zweifeln über sein eigen Blut: Ist er wirklich der Sohn des Prinzen Condé oder aber des Pagen, der mit seiner Mutter schlief und den Prinzen auf ihren Befehl hin vergiftete? Diese |382|Zweifel höhlen ihn aus, immer fürchtet er, verachtet zu werden, das macht ihn zu einem ewig aufgedrehten, aufgeregten, hin und her schießenden Störenfried. Er dreht sich in alle Winde. Er schätzt viel, aber handelt wenig, kühn in Worten, eine Memme vor der Tat. Er hat Biß, aber keine Nerven. Kaum hat er zum Sprung angesetzt, erschrickt er, ängstigt sich und flennt. Er sagt hunderterlei, und alles widerspricht sich. Trotzdem …«

»Trotzdem, Herr Vater?«

»Auch ein Wirrkopf so geringen Kalibers kann viel Unheil anrichten, wenn er Leute um sich hat, die seine Schwächen nutzen.«