Bevor ich an diesem Abend, der meinem Wiedersehen mit der Gräfin folgte, im väterlichen Haus zu Abend aß, beschloß ich, auch dort zu übernachten, weil die Pariser Straßen und Gassen sehr unsicher waren. Da trieben finstere Ganoven ihr Unwesen, unter dem seligen König hatten sie sogar, dem Wächter vor der Nase weg, eine Karosse geraubt, die vor dem Hôtel des Finanziers Zamet gewartet hatte, bis unser Henri eine Kartenpartie beendete, bei der er sicherlich gewann, aber nicht soviel, um den Verlust seiner Equipage wettzumachen.
So froh ich auch diesmal wieder am Ort meiner jungen Jahre weilte – in der Nacht fand ich keinen Schlaf, so aufgewühlt war ich von meinem Wiedersehen mit Frau von Lichtenberg.
Ich schwelgte bereits in den höchsten Wonnen. Und ob mit offenen oder geschlossenen Augen: immer sah ich meine Gräfin, hörte die Musik ihrer Stimme, atmete ihr Parfum und besann mich aller Züge ihres schönen Wesens. Und weil sie den ganzen Horizont meines Lebens füllte, das in meinen Träumen schon zu einem kleinen Paradies auf Erden geworden war, das mir verläßlich auf immer gehörte: wenn ein guter Geist mir jetzt noch geflüstert hätte, zu den Tugenden meiner Gräfin zähle auch die Unsterblichkeit, ich hätte es geglaubt.
Aber die Bosheit des Geschicks, das meinen teuersten Wünschen schon so viele Steine in den Weg gelegt hatte, verfolgte mich auch weiterhin in Gestalt desselben kleinen Laufburschen, den ich tags zuvor fast abgeküßt hätte, denn er überbrachte mir ein Billett, in dem Frau von Lichtenberg mitteilte, sie sei mit Fieber und Husten erwacht und müsse unser Rendezvous verschieben.
Weil sie den Pariser Ärzten wenig traute, bat sie mich, meinen Vater zu fragen, ob er kommen und sie untersuchen könne. Was ich augenblicklich tat, und zwar gleichsam mit Trauertränen am Wimpernrand, so nahe sah ich sie nun dem Tod, nachdem ich sie für unsterblich gehalten hatte. »Es sollte mich |155|sehr wundern, wenn es etwas Ernstes wäre«, sagte mein Vater, »die Dame hat eine ebenso kräftige Natur wie Eure Patin.« Trotzdem ließ er sein Pferd satteln und brach mit Pissebœuf und einem Pagen zur selben Minute auf.
Ich lief auf und ab durch die Bibliothek, ganz aus dem Gleichgewicht durch diesen neuen Schlag und in großer Unruhe. Doch kehrte mir schließlich ein wenig Vernunft zurück, und weil ich außerstande war, mich auf ein Buch einzulassen, ließ ich mir von Poussevent eine unserer Hakenbüchsen bringen, die ich auf einem Tisch auseinandernahm und zu reinigen begann, wobei ich auf meiner Uhr verfolgte, wieviel Zeit ich dafür brauchte.
Plötzlich ein großes Getöse im Hof, ich warf einen Blick durch die Scheiben: die Kutsche von Madame de Guise fuhr ein. Was nun! dachte ich wie von Sinnen, so früh! Und ohne Anmeldung! Und mein Vater nicht im Haus! Und wie soll ich ihr sagen, daß er einen Hausbesuch bei einer Dame macht, ihr, deren Eifersucht ständig auf der Lauer liegt! Und Margot muß schnell versteckt werden! Und wie sehe ich aus, unfrisiert, unrasiert, ohne Wams und mit fettigen Händen!
Ich lief, Margot zu warnen, damit sie in ihrer Kammer verschwinde wie eine Maus im Loch. Aber Franz war mir schon zuvorgekommen und schaffte es gerade noch, vom zweiten Stock herabzueilen, um die Herzogin auf unserer Schwelle zu empfangen.
Sie wechselte kaum drei Worte mit ihm, schob ihn beiseite, stieg im Eilschritt, Noémie de Sobol im Gefolge, zur ersten Etage herauf, kam in die Bibliothek gestürzt, und ohne meinen Gruß zu erwidern, fragte, vielmehr schrie sie: »Wo ist Euer Vater?«
»Er macht einen Hausbesuch, Madame, bei einem Edelmann, einem Freund von ihm.«
»Bei einem Edelmann, wahrhaftig?«
»Ja, Madame.«
»Bei einem Edelmann oder einer Edelfrau?«
»Bei einem Edelmann, Madame.«
»Und was für ein Besuch soll das sein?«
»Ein Arztbesuch, Madame.«
»Der Marquis de Siorac, Ritter vom Heiligen-Geist-Orden, macht einen Arztbesuch wie so ein Hanswurst von Doktor! Hast du das gehört, Noémie?«
»Ist das nicht eine Schande?«
»Es ist eine Schande, Madame«, sagte Noémie.
»Madame«, sagte ich, »mein Vater hat Euch auch schon in Eurem Hause behandelt und hat Euch bei einer Verrenkung durch sanfte Massagen große Erleichterung gebracht.«
»Weil er mich damals liebte!« sagte Madame de Guise.
»Auch Noémie hat er von einer Brustentzündung geheilt.«
Die Herzogin zuckte die Achseln.
»Natürlich, wenn es darum geht, einem Weib an den Busen zu gehen, mag der noch so schlaff sein, dann ist er dabei!«
»Madame«, sagte Noémie mit einiger Entrüstung, »mein Busen ist nicht schlaff.«
»Still, dumme Trine! Und wie heißt denn der Edelmann, Monsieur, dessentwegen Euer Vater ein Maultier bestiegen hat wie jeder erstbeste Medikaster?«
»Madame, er hat kein Maultier bestiegen, sondern seine schöne Fuchsstute und wird von einem Soldaten und einem Pagen begleitet.«
»Laßt doch die Stute und antwortet mir! Wie ist der Name dieses Edelmanns?«
Ich zögerte, denn weder wollte ich einen Namen erfinden, noch einem Bekannten ein Leiden andichten.
»Mein Vater hatte keine Zeit, ihn mir zu nennen«, sagte ich. »Er war sehr in Eile.«
Aber meine Patin hatte mein Zögern bemerkt, und sofort fiel sie mit gespitzten Pfeilen über mich her.
»Und Ihr, Monsieur, könnt Ihr mir sagen, wie Ihr Euch nennt? Seid Ihr wirklich der Chevalier de Siorac, Erster Kammerherr des Königs? Oder ein gemeiner Handwerker bei seiner Drecksarbeit, die Haare zottelig und die Hände voll Schmiere?«
»Seine Majestät«, sagte ich, »reinigt seine Hakenbüchsen auch selbst, da darf ich ihn wohl ohne Unrecht nachahmen.«
»Und wie unrecht Ihr habt, Monsieur!« versetzte die Herzogin mit hochfahrender Miene. »Zum ersten sprecht Ihr zu mir nicht in dem Ton! Und dann müßt Ihr Ludwig nicht in seinen kindischen Handwerkereien nachahmen, die eines Königs von Frankreich unwürdig sind!«
Das Lied kannte ich. Es wurde bei der Regentin in allen Tonarten gesungen, um sie zu erhöhen und den König herabzusetzen. |157|Aber dies war nicht der Moment, dagegen Widerspruch einzulegen, lieber pfiff ich die Hunde zurück.
»Madame«, sagte ich, »ich bin in der Tat beschämt, Euch in diesem Aufzug zu empfangen. Wollt Ihr mir erlauben, Urlaub zu nehmen und Euch erst wieder unter die Augen zu treten, wenn ich Toilette gemacht habe?«
»Geht, Monsieur, geht!« sagte sie aufgebracht. »Ihr seid ja so nicht zum Ansehen!«
Ich verneigte mich, lief hinaus und beauftragte Franz, vor unserem Tor meinen Vater abzupassen und ihm zu sagen, er möge für den Edelmann, den er besucht hatte, einen Namen ad usum ducissae1 finden.
Zum Glück schlug nichts fehl. Madame de Guise, deren sehr rege Eifersucht auf einen äußeren Feind gerichtet war, argwöhnte die Anwesenheit der Rivalin im Innern nicht. Und ich hatte verhindert, daß ihr bitterer Verdacht sich meiner unschuldigen Gräfin zuwandte, der sie als so nahe Freundin der Regentin übel hätte mitspielen können.
Was den leidenden Edelmann betraf, mußte mein Vater nicht groß lügen, denn am Tag vorher hatte er im Gasthof zum durchlöcherten Ecu den Baron de Salignac besucht (einen périgordinischen Freund und Tischgenossen meines Großvaters, des Barons von Mespech), der an einer Verdauungsstörung litt, und er mußte ihn an diesem Tag wieder besuchen.
»Und wie geht es«, wagte ich ihn in Gegenwart Madame de Guises zu fragen, »dem ehrenwerten Herrn?«
»Es ist nichts weiter«, sagte mein Vater mit ungerührter Miene. »Wenn man ihn nicht zur Ader läßt und ihn nicht mit Arzneien stopft, erholt er sich ganz von selbst. In drei Tagen ist er wieder auf den Beinen.«
* * *
Ludwigs Erzieher, Monsieur de Souvré, war ein großer, dicker Mann, nicht ganz so eitel und aufgeblasen wie der Großkämmerer, aber trotzdem sehr unbeweglich an Körper und Geist, ohne Bosheit, aber auch ohne Feingefühl, prahlerisch, von sich eingenommen, kleinlich, beschränkt, protokollvernarrt und einigermaßen |158|kindisch, ohne aber von dem Kind etwas zu verstehen, das ihm anvertraut war, obwohl er es liebte. Es ist wahr, Ludwig war kein leicht zu behandelnder Junge, er war lebhaft, zornmütig, dickköpfig und manchmal frech. Aber er hatte ein so zärtliches Herz und eine so liebeempfängliche Seele, daß Souvré, hätte er ihn von dieser Seite genommen und ihm seine Anweisungen erklärend nahegebracht, anstatt sie ihm aufzuzwingen, wohl selten einen Strauß mit ihm hätte ausfechten müssen.
Ich erinnere mich, wie ich Ludwig einmal, noch zu Lebzeiten des Königs, besuchte und ihn damit beschäftigt fand, Kugeln in den Kannelierungen seines Handleuchters rollen zu lassen, wobei er so tat, als wären die Kugeln Soldaten. Monsieur de Souvré regte sich auf über diese Belustigung und sagte: »Monsieur (denn damals war Ludwig noch Dauphin), Ihr vergnügt Euch mit Kinderspielen.«
»Aber, Monsieur de Souvré«, sagte Ludwig, »das sind Soldaten und keine Kinderspiele!«
»Monsieur«, versetzte Souvré, »Ihr kommt doch nie aus der Kinderei heraus!«
Ach, dachte ich, hat Monsieur de Souvré vergessen, daß er selbst einmal ein Kind war? Womit spielte dieser absolute Richter über Ziemliches und Unziemliches wohl mit achteinhalb Jahren? Mußte der Sohn eines Königs mit achteinhalb schon ein Erwachsener sein? Und durfte man ihn schelten, wenn er sich vorstellte, seine Kugeln wären Soldaten? Behandelte man ihn nicht gerade dann als Kind, wenn man ihm vorwarf, eines zu sein?
Was also war triftiger, als zu antworten, wie Ludwig es tat: »Kinderei? Ihr seid es doch, der mich wie ein Kind behandelt!«
Ich hatte Lust, lauthals zu rufen: »Gut gegeben, Ludwig!«, aber wie der Leser ja weiß, ist der Hof nicht der Ort, wo man auch nur den zehnten Teil dessen sagen dürfte, was man denkt.
Diese Szene spielte sich, wie gesagt, noch unter der Herrschaft des seligen Königs ab, aber ein Jahr später, unter der Regentschaft, wurde Ludwigs ›Kinderei‹ zum Evangelium, zum Dogma und zum Credo der Königin, der Concinis, der Minister, des Hofes und Monsieur de Souvrés, obwohl es bei ihm eher Routine als Böswilligkeit war. Folglich ärgerte Ludwig nichts so sehr wie diese Leier, deren Quelle und Absichten |159|er wohl erkannte. Er machte seinem Erzieher deshalb heftige Vorwürfe.
»Ihr liebt mich heute nicht, Monsieur!« sagte er. »Ihr habt gesagt, daß ich ein Kind bin!«
Aber Souvré hatte ein zu dickes Fell, als daß ihn der Vorwurf treffen konnte. Und er sang das ewige Lied wieder und wieder, bis Ludwig im August 1612, wie ich noch weiß, aus seinen Truhen eine ganze Reihe Spielzeug hervorholte und durch einen Kammerdiener an Monsieur1 schicken ließ. Ein paar Sachen behielt er aber trotzdem noch, so daß Monsieur de Souvré einige Tage darauf Gelegenheit fand, ihm wiederum, wenn auch milder, vorzuwerfen: »Sire, wollt Ihr diese Kinderspiele nicht lassen? Ihr seid schon so groß.«
Worauf Ludwig mit einiger Reue, nicht, weil er gespielt, sondern weil er sein stilles Versprechen gebrochen hatte, antwortete: »Moussu de Souvré, ich will es ja. Aber ich muß etwas tun! Sagt mir, was, und ich tue es.«
Wie typisch für Ludwig mir diese Bitte erschien! Wenn er morgens spät erwachte, weinte er, weil er fürchtete, man hielte ihn für faul. Aber faul war er gewiß nicht, sondern sogar sehr rege, er wollte immer beschäftigt sein, aber nicht durch endlose Messen und Andachten, ellenlange Predigten, stundenlange Beichten, ewige Ermahnungen oder Latein, das ›er reichlich satt habe‹, wie er sagte.
Von den drei Hofmeistern, die er nacheinander hatte, konnte nur Fleurance ihn fesseln, weil er ihn Mathematik lehrte und über sie die Grundbegriffe der Artillerie, die ihn auf das vorbereiteten, was er am sehnlichsten zu werden wünschte: ein Soldatenkönig wie sein Vater.
Im stillen habe ich immer gedacht, wenn man ihn wirklich für sein künftiges Amt hätte bilden und ihn auf eine Weise, die seinem Alter entsprach, über die Angelegenheiten des Staates unterrichten wollen, mit all den notwendigen Kenntnissen über Frankreichs Geschichte und Geographie wie auch über die benachbarten Reiche, hätte man ihn mühelos zu einem guten Schüler gemacht, denn mit allem, was ihn wirklich interessierte, befaßte er sich sehr gründlich. Aber davon war man weit |160|entfernt. Unter dem Vorwand, er sei nur ein Kind und ein ›äußerst kindisches Kind‹, hielt man ihn unwissend in allem, auch in dem, was seine Zukunft am nächsten berührte.
Den Beweis dafür erhielt ich am Nachmittag jenes Tages, an dem ich zu Tode betrübt erfuhr, daß meine Gräfin mit Fieber zu Bett lag. Doch bevor ich es erzähle, möge der Leser mir erlauben, zu sagen, was sich zwischen Louison und mir abspielte, als ich, in meine Wohnung zurückgekehrt, ihr die Entlassung mitteilte, wie ich es am Tag vorher versprochen hatte.
Blond und hübsch, wie sie war, mit blauen Augen, rosigen Wangen und Stupsnase, rührte sie mich ungewollt, und ich sprach so liebevoll zu ihr, daß sie zuerst gar nicht verstand, was ich von ihr wollte. Aber als sie es schließlich begriff, sah sie mich eine Weile blaß und sprachlos und mit aufgerissenen Augen an, als hätte ich sie zum Strick verdammt.
»Monsieur, was habe ich Euch getan«, fragte sie schluchzend, »daß Ihr mich verstoßt? War ich Euch untreu? Habe ich Euch bestohlen? Habe ich Euch schlecht gedient?«
»Aber, meine Louison«, sagte ich, »ganz im Gegenteil! Du warst in allem vollkommen, ich halte und sage von dir nur das Beste.«
»Wie könnt Ihr mich dann aber auf die Straße setzen, wenn ich nichts Falsches gemacht habe?«
»Louison«, sagte ich, »du hast mich nicht richtig verstanden. Ich setze dich nicht auf die Straße: ich schicke dich zurück in die Rue du Champ Fleuri.«
»Das ist ja noch schlimmer!« rief sie leidenschaftlich. »Was wird das Gesinde über mich sagen? Wo Ihr mich so erhöht habt, daß ich im Haus des Königs hab schlafen dürfen und in Eurer Kammer.«
Jaja, schöne Leserin, Sie sehen mich ertappt und rot anlaufen! Denn in einem Punkt hatte ich meine Gräfin belogen: im Salon schlief nämlich La Barge, und Louison in meinem Kabinett, und wenn sie morgens Toilette machte, weckte sie mich mit tausend Neckereien. Ist es nicht eine betrübliche Beobachtung, daß wir selbst denen, die wir am meisten lieben, mancherlei verheimlichen, um sie nicht zu verletzen?
»Louison«, fuhr ich fort, »wie sollte unser Gesinde dich schlechtmachen? Du gehst doch zurück zu meinem Vater, der dich auch eingestellt hat.«
|161|»Ach, Monsieur!« sagte sie, und Tränen rollten ihr, dick wie Erbsen, aus den blauen Augen, »was soll man von mir denken, wo ich den Glanz verloren habe, im Louvre zu schlafen und einem Ersten Kammerherrn zu gehören? Und nicht nur das! Schon lange hab ich gemerkt, daß Ihr nicht mehr solchen Appetit auf mich habt wie am Anfang und daß Ihr anderswo verliebt seid.«
»Du hast dich nicht getäuscht.«
»Und in wen, Monsieur? Wollt Ihr mir erlauben, Euch das zu fragen?«
»In eine hohe Dame.«
»Ach, das beruhigt mich ein bißchen!« sagte sie mit einem Seufzer. »Ich hätte es nicht ertragen, wenn Ihr es in ein Mädchen meines Schlages wäret. Monsieur, werdet Ihr Eure hohe Dame heiraten?«
»Nein, das geht nicht.«
»Wie!« sagte sie, etwas entrüstet, »wollt Ihr mit ihr denn in Sünde leben?«
»Habe ich mit dir nicht auch so gelebt?« fragte ich lächelnd.
»Aber mit mir war es nicht dasselbe, Monsieur! Ich bin eine Kammerfrau.«
Eine seltsame Theologie, fand ich, die den Grad der Sünde abhängig machte vom Rang. Doch da sie einmal vom Heiraten sprach, benutzte ich es, ihre Gedanken besser darauf zu lenken.
»Aber du, Louison«, sagte ich sanft, »wirst eines Tages heiraten, und dann erhältst du von mir eine Mitgift, wie ich es dir versprochen habe, zum Dank für alle deine tausend Freundlichkeiten.«
Sie bedankte sich, bat sich aber ein kleines Andenken von mir aus. Und weil mir einfiel, daß sie von meinen Ringen am meisten einen Rubinring bewunderte, den La Surie mir einmal geschenkt hatte, ließ ich ihr von einem Goldschmied auf dem Pont Saint-Michel noch einmal den gleichen anfertigen. Und als ich ihn Louison im Champ Fleuri überreichte, empfing sie ihn so feierlich und mit einer Freude, als hätte der König ihr den Orden vom Heiligen Geist verliehen.
Zum Ersatz für Louison gab mir mein Vater den besten Gehilfen unseres Kochs Caboche. Er war ein reinlicher und geschickter Bursche, Jean Robin mit Namen, der sich mit La |162|Barge gut verstand, weil er bescheiden und schweigsam war und ihm widerspruchslos das Kommando überließ.
* * *
Der kleine König hatte Lateinstunde, als ich seine Gemächer betrat. Sein Hofmeister Nicolas Lefèvre paukte mit ihm die unregelmäßigen Verben.
»Sire«, sagte der Hofmeister, den diese trübsinnige Pflicht noch mehr als seinen Schüler zu langweilen schien, »wie lautet das Präteritum von pello?«
»Pepuli«, sagte Ludwig.
»Sehr schön, Sire«, sagte der Hofmeister, ziemlich erstaunt. »Das wißt Ihr also wenigstens.«
»Es ist ja auch ein hübsches Wort, pepuli!« sagte Ludwig. »Es gefällt mir!«
Ich sah Monsieur de Souvré lächeln über das, was er sicher wieder als Kinderei ansah (oder als una bambinata, wie die Königin sagte), aber was ich für eine Liebe zur Sprache hielt, deren ein guter Pädagoge sich bedient hätte, um Ludwig das Lateinische anhand der melodiösesten Verse Vergils und Ovids beizubringen, anstatt ihn mit ewigen Deklinationen zu martern.
Die Stunde war zu Ende, Ludwig, der mich bestimmt schon bei meiner Ankunft bemerkt, aber so getan hatte, als sähe er mich nicht (um mir aus den bekannten Gründen nicht zuviel Gunst zu bezeigen), begrüßte mich nun: »Ah, Monsieur de Siorac! Da seid Ihr!«
»Ich stehe Euren Befehlen ganz zu Diensten, Sire«, sagte ich, indem ich vortrat, um vor ihm niederzuknien und seine kleine Hand zu küssen.
»Nun, Monsieur de Siorac, habt Ihr Eure Hakenbüchse geputzt, wie Ihr es versprochen hattet?« fragte er.
»Ja, Sire.«
»Und wieviel Zeit habt Ihr gebraucht?«
»Fünf Minuten, Sire.«
»Ah! Ich bin schneller«, sagte Ludwig, indem er aufsprang. »Lauft, Descluseaux, schließt meine Waffenkammer auf! Monsieur de Siorac, gehen wir! Ich werde Euch zeigen, was ich kann.«
|163|Mir voraus, stieg Ludwig die Treppe zum Oberstock dicht hinter Descluseaux hinauf. Doch sowie die Tür geöffnet war, schloß er sie hinter uns und ließ Descluseaux draußen. Nicht ohne Mühe holte er seine ›dicke Vitry‹ aus dem Waffenständer, legte sie auf einen Tisch und begann sie zu reinigen.
Er benötigte dafür tatsächlich die Hälfte der Zeit, die ich gebraucht hatte. Ich hütete mich allerdings, ihn darauf hinzuweisen, daß seine ›dicke Vitry‹ – der er all seine Fürsorge angedeihen ließ, und Descluseaux auch – der Reinigung vielleicht weniger bedurfte als die Hakenbüchsen im Champ Fleuri. Ludwig triumphierte also, aber freundlich, er tröstete mich sogar über meine Niederlage mit dem Argument, daß ich in dieser Arbeit ja weniger Übung hatte.
Während er diese großmütige Bemerkung machte, wischte er sich mit einem Lappen das Fett von den Händen, und als er schwieg, schien mir, daß er an diese Reinigung mehr Zeit wandte als nötig. Er hielt die Augen gesenkt und machte eine schamvolle, zögerliche Miene, als schwanke er, ob er die Unterhaltung fortsetzen solle. So entschloß ich mich, in scherzendem Ton zu sagen, wenn Seine Majestät mir eine zweite Wette erlauben wollte, so würde ich wetten, daß er eine Frage an mich habe.
»Und diesmal hättet Ihr gewonnen, Sioac!« sagte er, indem er das r meines Namens ausließ wie früher, als er noch kleiner war, und wie er es immer machte, wenn wir allein waren, um mir seine Zuneigung zu bekunden.
Er betrachtete mich aus seinen großen schwarzen Augen, die wohl das Schönste in seinem Antlitz waren, das von seinem Vater die Bourbonennase und von seiner Mutter den langen Kiefer hatte, der in ein spitzes Kinn mündete.
»Sioac«, fragte er, »ist es wahr, daß man mich verheiraten will?«
»Ja, Sire, es ist wahr.«
»Aber, ich bin erst zehn Jahre alt«, sagte er mit zitternder Stimme. »Und mit wem?«
»Mit einer spanischen Infantin, Sire.«
Schrecken und Abscheu sprachen aus seinen schwarzen Augen. In dem Schweigen, das folgte, fragte ich mich, ob diese heftige Bewegung seiner Angst vor Mädchen entsprang, wie er sie mehrmals gezeigt hatte, oder der Vorstellung, eine Infantin |164|zu heiraten, da er ja bei vielen Gelegenheiten eine auffällige Treue zur antispanischen Gesinnung seines Vaters an den Tag gelegt hatte. Später sagte ich mir, daß diese Unterscheidung unnötig sei: wahrscheinlich kamen beide Gründe zusammen.
»Von wem habt Ihr es?« fragte er.
»Von Madame de Guise.«
Er nickte wie zur Bestätigung, daß die Quelle zuverlässig sei. »Es gab lange Verhandlungen, Sire«, fuhr ich fort, »weil die Königin Eure Mutter die älteste Infantin für Euch forderte und Spanien Euch eine jüngere geben wollte.«
»Unverschämtheit!« sagte Ludwig zwischen den Zähnen. »Und seit wann wird verhandelt?« fragte er dann.
»Die Verhandlungen begannen nach dem Tod Eures königlichen Vaters.«
»Ja, mein Vater hatte andere Pläne für mich …«
Das sagte er so bitter und traurig, daß es mir das Herz abschnürte. Gleichzeitig staunte ich aber, daß er in die Absichten des seligen Königs eingeweiht gewesen war. Denn nur wenige am Hof wußten, daß Henri Quatre einige Wochen, bevor er ermordet wurde, Bassompierre in geheimer Mission zum Herzog von Lothringen gesandt hatte, um Ludwig mit dessen Tochter zu vermählen.
»Und jetzt?« fragte Ludwig nach einer Weile, »wie steht es zur Stunde?«
»Spanien hat endlich eingewilligt, die ältere herzugeben, und wie Madame de Guise sagte, ist es nun beschlossene Sache.«
Ludwig stand eine Zeitlang mit gesenkten Augen unbeweglich und stumm. Dann straffte er sich, hob die Augen und sagte in entschlossenem Ton: »Also gibt es keinen Ausweg mehr.«
Am Ende legte er mir die Hand auf den Arm und sagte halblaut: »Sioac, seid nicht gekränkt, wenn ich Eure Anwesenheit in den nächsten drei, vier Tagen nicht bemerke. Ihr kennt den Grund.«
Ich wollte ihm antworten, als an die Eichentür der Waffenkammer geklopft wurde und eine volltönende Stimme erscholl: »Sire, hier ist Euer Großkämmerer.«
»Tretet ein, Monsieur d’Aiguillon«, sagte Ludwig, indem er den Lappen ergriff und tat, als säubere er seine Hände.
In das Kabinett schob sich der imposante Schmerbauch des |165|Großkämmerers, dann folgte sein breites Doppelkinn, auf welchem die vollen Backen seines edlen Hauptes ruhten.
»Sire«, sagte er und verneigte sich mit unvermuteter Geschmeidigkeit, »Ihre Majestät die Königin erwartet Euren Besuch.«
»Gut, ich komme«, sagte Ludwig, indem er den Lappen auf den Ständer mit den Hakenbüchsen legte. »Monsieur de Siorac, kommt Ihr mit?«
»Monsieur de Siorac hat keine Wahl«, sagte der Großkämmerer majestätisch, »da er derzeit der einzige anwesende Erste Kammerherr ist, befiehlt ihm das Protokoll, Euch zu begleiten, Sire.«
»Seid versichert, Sire«, sagte ich als gehorsamer Höfling, »daß mir nichts lieber ist.«
Der König begab sich in der Tat nicht wie selbstverständlich zu seiner Mutter der Königin. Dazu bedurfte es des Protokolls. Vorweg schritt der Großkämmerer, der Seiner Majestät sozusagen die Bahn der Ehrfurcht freimachte, indem er sich in seinen mächtigen Hüften wiegte. Dann kam der König selbst, der in Monsieur d’Aiguillons Fahrwasser sehr klein und zerbrechlich aussah. Hinter ihm schritten sein Erzieher, Monsieur de Souvré, und sein Zweiter Erzieher, Monsieur Despréaux. Hinter diesen ging einer der vier Ersten Kammerherren, in diesem Fall ich. Hinter mir kamen der Leibarzt Héroard und der Hofmeister Lefèvre. Hinter diesen wiederum Monsieur de Berlinghen und ein Page. Und zum Schluß und ganz ausnahmsweise – der Großkämmerer hatte nicht bemerkt, daß er uns nachgelaufen war – der Zwerg des Königs, der mit größter Mühe Ludwigs kleinen Hund Vaillant zurückhielt, der ohne jedes Gefühl für Wohlverhalten wie wild an der Leine zerrte, weil er zu seinem Herrn wollte.
Die Königin saß in ihrem Kabinett beim Imbiß (der wie bei meiner Gräfin aus Konfitüre, Waffeln und Wein bestand), im Kreise ihrer vertrauten Freundinnen: meiner lieben Patin, der Herzogin von Guise, ihrer Tochter, der Prinzessin Conti, ihrer Schwiegertochter, der ›regierenden‹ Herzogin von Guise, der Comtesse d’Auvergne und der Marquise de Guercheville, jener reifen Schönheit, der ich La Barge verdankte. Sie alle wohnten dem Imbiß der Regentin bei, ohne dran teilzuhaben, doch durften sie wenigstens auf Schemeln sitzen.
|166|Die hübschen Ehrenjungfern indessen, ohne die jene hohen Damen sich niemals von der Stelle bewegt hätten, mußten in strenger Reihenfolge der Wand entlang warten. Sah man sie im Vorbeigehen an, was ich zu tun nicht verfehlte, trugen sie alle eine schmachtende, melancholische Miene zur Schau, die ihnen etwas Romantisches gab, das aber vermutlich eher daher kam, daß sie in ihrer anbefohlenen Reglosigkeit sich die Beine in den Bauch standen.
Wie dem auch sei und ob sie standen oder saßen, Damen und Demoiselles füllten den Raum mit einer solchen Menge sperriger Reifröcke, daß der männliche Schwarm, mit dem der König sich seiner Mutter der Königin nahte, größte Mühe hatte, sich einen Weg durch diese vielfarbigen Blütenkelche zu bahnen. Um so mehr, als die Regentin und ihre Damen sich bei Ansicht des Königs einmütig erhoben, um in tiefen Reverenzen vor ihm zu versinken, die auch den geringen Raum noch beanspruchten, der uns übrigblieb. Das Schlimmste wurde dennoch verhütet, als Madame de Guercheville, deren langjährige Erfahrung am Hofe nie versagte, den Ehrenjungfern ein Zeichen machte, längs der Tapisserien zu verharren und Seine Majestät nur durch Neigen des Kopfes zu begrüßen.
Die Königin setzte sich mit jener mürrischen, hochnäsigen Miene, die sie für Größe hielt, und speiste weiter, als hätte sie vergessen, daß ihr Sohn und Souverän vor ihr stand. Sie war prächtig anzusehen in Satin und Perlen und einem großen, diamantenbesetzten Kragen aus Venezianer Spitze, den sie im Nacken aufgestellt trug und der ihr ein wirklich königliches Ansehen verliehen hätte, wenn nur eine Spur von Menschlichkeit aus ihren Augen gestrahlt und ihrer vorstehenden Habsburger Schmollippe ein liebenswürdiges Lächeln entlockt hätte.
Während sie in ihrem gewohnten Dünkel fortfuhr zu speisen, versuchte ich, in die Nähe des Königs zu gelangen, indem ich dank der gefälligen Ehrenjungfern, die meinen bittenden Blicken folgten und ihre Reifröcke zusammendrückten, mich an der Wand Stück für Stück vorwärts bewegte. So gewann ich schließlich einen Platz, von dem ich sowohl die Mutter wie den Sohn beobachten konnte, die einander mit sehr unterschiedlichen Gefühlen begegneten.
Nachdem sie endlich gesättigt war, überließ es die Königin |167|ihrer Hündin Bichette, ihr mit ihrer kleinen rosa Zunge die restliche Konfitüre von den Fingern zu schlecken. Hierauf sprang diese auf die Knie ihrer Herrin und setzte sich in ihren Schoß. Sie hatte weißes, fein gekräuseltes Fell und kleine schwarze Augen, die gewiß lebendiger glänzten als die der Herrin und nervös und in höchster Wachsamkeit auf die Neuankömmlinge blickten.
Die Königin legte ihre ringschwere Hand auf Bichettes Kopf, kraulte sie hinter den Ohren und sagte ihr mit leiser Stimme, sie möge ruhig sein, es seien nur Freunde gekommen. Diese Sanftheit erstaunte mich, so sehr stand die Königin in dem Ruf, den sie umgebenden Zweifüßern kalt und abweisend zu begegnen.
In der ganzen Zeit hatte sie den König nicht einmal angesehen, der seinerseits die Augen auf Bichette richtete und sie ebensowenig ansah.
Auf einmal riß sich Vaillant, den bis dahin niemand bemerkt hatte, weil er mit dem Zwerg als letzter hereingekommen und auch so klein war, von seiner Leine los, schlängelte sich nach vorne durch, wo er sich vor die Königin stellte und ein kurzes, heiseres Bellen ausstieß, dann setzte er sich auf sein Hinterteil und blickte aufmerksam zu Bichette hoch, als erwarte er eine Antwort.
»Das ist aber ein hübscher kleiner Hund«, sagte die Königin mit gerührter Miene. »Was meint Ihr, Catherine?« wandte sie sich an die Herzogin von Guise.
»Ja, wirklich, Eure Majestät«, sagte meine liebe Patin, »er ist sehr hübsch.«
»Vielleicht könnten wir ihn mit Bichette verheiraten«, sagte die Königin tiefernst.
»Das wäre eine glückliche Idee«, sagte Madame de Guise, die aber wohl aus meinen Augen las, daß Ludwig kaum einverstanden wäre, seinen Lieblingshund an seine Mutter abzutreten. Und so setzte sie sofort hinzu: »Wenigstens in Anbetracht der Größe, denn von der Rasse her müßte man sehen.«
»Sehen wir denn«, sagte die Königin.
Und von Vaillant hob sie die fahlen, ausdruckslosen Augen zu ihrem Sohn.
»Wie geht es Euch, mein Herr Sohn?« fragte sie mürrisch.
»Gut, Madame, danke.«
|168|»Héroard«, fragte die Königin mit tonloser, gelangweilter Stimme, »wie geht es dem König?«
»Gut, Eure Majestät«, sagte Héroard mit tiefer Verbeugung.
»Und wie gehen Eure Studien, mein Herr Sohn?«
»Ziemlich gut, Madame«, sagte Ludwig.
»Lefèvre?«
»Ziemlich gut, Madame«, sagte Lefèvre mit tiefer Verbeugung.
»Man muß lernen, lernen, Monsieur«, sagte die Königin, die es selbst nie fertiggebracht hatte, ein Buch zu Ende zu lesen.
»Ja, Madame«, sagte Ludwig.
Die Königin schwieg eine Zeitlang, als entsänne sie sich nicht mehr, weshalb sie ihren Sohn hatte kommen lassen. Sie runzelte ihre weißblonden, nahezu unsichtbaren Brauen und schien angestrengt in ihrem Gedächtnis zu forschen. Die Anstrengung mußte sie etwas kosten, denn der verdrossene Ausdruck auf ihrem Gesicht verstärkte sich.
»Mein Herr Sohn«, sagte sie, als hätte sie in ihrem wirren Kopf endlich den Grund dieser Unterredung gefunden, »mein Herr Sohn, es geht einfach darum: ich will Euch verheiraten.«
Nach unserem Zwiegespräch mußte Ludwig gegen den Schlag gewappnet sein, denn sein Gesicht blieb gleichmütig.
»Ja, Madame«, sagte er in respektvollem Ton.
»So«, fuhr die Königin fort, »und wen wollt Ihr lieber heiraten: England oder Spanien?«
Unter den hohen Damen, die immerhin alle eine große Erfahrung in höfischen Zwistigkeiten hatten, entstand etwas wie unfreiwillige Überraschung angesichts der unappetitlichen Heuchelei dieser Frage, die Ludwig eine Wahl bot, obwohl die Sache längst entschieden war. Und mehr als eine mußte, wie ich, darin eine Falle erblicken, die Ludwig das Geständnis einer Vorliebe entlocken sollte, die gar nicht anders als politisch sein konnte, denn noch nie hatte er ja eine englische Prinzessin oder eine spanische Infantin gesehen. Als ich später noch einmal darüber nachdachte, schloß ich, daß die Königin nicht schlau genug war, sich eine solche Finesse selbst auszudenken, sie mußte ihr von den Concinis eingeflüstert worden sein.
Wie dem auch sei, nachdem die verfängliche Frage gestellt war, hefteten sich aller Augen auf den König in der Erwartung |169|seiner Antwort. Die Erwartung wurde enttäuscht. Ludwig sagte kein Wort, keine Silbe. Er lächelte nur.
Sekunden darauf aber wandte er sich an Monsieur d’Angès und rief ihm zu: »Spanien! Spanien!«, so als habe er sich besonnen, seine Mutter zufriedenzustellen, doch ohne daß er es ihr selbst sagen wollte.
Sein Schweigen, sein Lächeln und plötzlich dieser übertriebene Ausruf, der jemanden zum Zeugen nahm, der ihm sichtlich fremd war, all das rief bei den Anwesenden ein gewisses Unbehagen hervor, am meisten aber bei der Königin, die ein Gesicht machte, als ob sie hinter diesem Betragen etwas wie heimlichen Spott wittere. Sie zog ein noch saureres Gesicht, runzelte die Brauen und schob ihre Unterlippe vor zu einer sehr überheblichen Miene.
»Mit einem Wort, mein Sohn«, sagte sie von oben herab, »ich will Euch verheiraten. Wollt Ihr das?«
»Ich will es gerne, Madame«, sagte Ludwig ebenso mechanisch, als sagte er eine Lektion auf.
Diese vorgetäuschte Unterwerfung brachte die Königin in Wallung. Sie holte tief Luft und sprach in einem vernichtenden Ton: »Aber Ihr könnt noch keine Kinder machen!«
»Ich weiß, Madame«, sagte Ludwig. »Ich bitte um Vergebung.«
»Und woher wißt Ihr das?« fragte die Königin, als wäre es ein Verbrechen, dies zu wissen, obwohl sie es ihm eben gesagt hatte.
»Ich weiß es von Monsieur de Souvré.«
Hieran gab es nichts auszusetzen, und die Königin blieb stumm, sie ließ ein Schweigen eintreten, das für sie ebenso peinlich war wie für die Anwesenden ihr Versuch, den König öffentlich zu demütigen – ohne daß es ihr ganz geglückt war.
Man glaubte schon, damit habe sie sich genug gegen ihren Sohn ausgelassen, als sie noch einmal das Wort ergriff und im kältesten Ton zu ihm sagte: »Ich will, daß Ihr morgen nach Saint-Germain-en-Laye fahrt und Monsieur besucht. Es geht ihm sehr schlecht.«
Dieser Schlag traf Ludwig unvorbereitet. Er konnte seine Aufregung nicht verbergen, weil er für diesen kränklichen Bruder stets Zuneigung und Mitleid empfunden hatte.
»Nicolas geht es schlecht?« rief er und wurde blaß.
|170|»Deshalb sollt Ihr ihn morgen besuchen«, sagte die Königin und erhob sich zum Zeichen, daß der Besuch beendet sei.
Nachgeahmt von ihren hohen Damen, machte die Königinmutter dem König von Frankreich eine tiefe Reverenz, die er mit einer tiefen Verneigung erwiderte, und, mit dem Großkämmerer vorneweg, ging er.
Er war sehr blaß, und seine Unterlippe zitterte. Trotzdem gelang es ihm, nicht zu weinen, wenigstens nicht, solange er mit uns zusammen war.
* * *
Am nächsten Tag, dem dreizehnten November, konnte Ludwig nicht nach Saint-Germain-en-Laye fahren, um den armen Nicolas zu besuchen: Paris versank im Schnee. Fußhoch lag er schon in den Gassen, was nichts Gutes verhieß für den Weg nach Saint-Germain, der durch die Sümpfe und Wälder von Vésinet führte; zudem mußte die königliche Karosse auf die Fähre verladen werden, um die Seine zu überqueren: ein schon bei schönem Wetter heikles Unterfangen, das aber kaum zu bewerkstelligen war, wenn der Schnee an der Verladestelle taute und unter den Pferdehufen zu Matsch zerfloß.
Ludwig, der auf der Jagd den Wetterunbilden gerne trotzte wie sein Vater, der Soldatenkönig, in seinen Kriegen, bat inständig, man möge die Karosse anspannen. Aber Monsieur de Souvré, der keinen Grund hatte, sich heldisch zu zeigen, verschob die Reise, die schon bei trockenem Wetter drei Stunden dauerte und auf verschneiten Straßen fast die doppelte Zeit, ganz abgesehen von den Gefahren, denen er seinen Zögling und sich selbst ausgesetzt hätte.
Ich schwankte, ob ich im Louvre bleiben sollte, aber da Ludwig mir gesagt hatte, er werde mich in den kommenden drei, vier Tagen nicht bemerken, beschloß ich, mich bei dieser Kälte in den Kokon meiner Familie zurückzuziehen, und befahl La Barge, unsere Pferde zu satteln. Robin war nicht einmal böse, die Wohnung im Louvre allein zu hüten.
Mein Koch Robin war ein unerschrockener Bursche aus den Bergen der Auvergne, nicht groß, aber stark, schwarze Augen, dunkle Haare, straffe Waden. Vor meinem Aufbruch rüstete ich ihn wie stets mit einem Degen und einer geladenen Pistole, und warum ich dies tat, will ich sagen: So beschämend und kaum |171|glaublich es auch ist, sogar in den Louvre stahlen sich Diebe und Einbrecher, wie es sich zwei Jahre später (im Februar 1613) besonders krass zeigte, als ein paar Strolche, die nie gefaßt wurden, in die Gemächer der Regentin eindrangen und ein groß Teil ihrer Prachtgewänder raubten.
Da ich wußte, daß Robin ebenso versessen auf weibliche Huld wie wortkarg war, empfahl ich ihm jedesmal, bevor ich fortging, sich getrost mein kleines Kabinett zunutze zu machen. Man mag einwenden, daß ich Robin an meine häuslichen Laren auf Kosten der dazu gehörigen Tugend band, aber weil diese bei den Kammerzofen im Louvre nicht minder schwankend war wie bei ihren Herrinnen, hatte ich deshalb kein allzu schlechtes Gewissen. Zumal Robin mit seiner Schönen liebreich Speis und Trank zu teilen pflegte. Denn da im Louvre, außer für die Regentin, den König und die Großen, die Hauptschwierigkeit in der Ernährung bestand, stellte ich mir vor, daß die Aussicht auf eine gute Mahlzeit und eine Karaffe Cahors-Wein die Reize meines guten Robin für die arme Kleine sehr erhöht haben dürfte.
Zuerst ist es ein Vorteil, dann aber sehr nachteilig, wenn in Paris Schnee fällt. Er bedeckt die ekelhafte Schlammkruste auf dem Boden mit einem so dichten, jungfräulichen Daunenpfühl, daß ihr Anblick und Faulgestank zugleich verschwinden. Aber, ach, wenn er taut, verfließt er mit dieser Kruste zu einer widerwärtigen schwarzen Brühe, die unerträglich stinkt und deren Zusammensetzung so verhängsnisvoll für die Pferde ist, daß dann, was Wunder, kaum mehr Karren durch die Stadt rollen und damit die Zufuhr von Holz und Lebensmitteln fast zum Erliegen kommt.
In unserem Hause jedoch, wo die hugenottische Voraussicht meines Vaters regierte, fehlte es nie an Brot im Kasten noch an Holz im Speicher. Und im Kamin der Bibliothek brannte ein hohes, helles Feuer, dem ich dankbar meine Stiefel entgegenstreckte, bald den einen, bald den anderen.
Fröhlich traten mein Vater und La Surie herein, als ich schon ziemlich aufgetaut war, und umarmten mich, so freuten sie sich, mich zu sehen, und ich ebenso, obwohl nie eine Woche verging, ohne daß ich sie besucht hätte. Mariette kam und kündigte das Essen an, welches mein Vater sie auch sogleich auftragen hieß, um das schöne, knisternde Feuer zu nutzen. Natürlich fragte Mariette, was es Neues von ›unserem kleinen |172|König‹ gebe, und so malte ich ihr denn in Rosa, was ich sehr viel ernster dann meinem Vater und La Surie berichtete.
Ich war mit dieser traurigen Geschichte zu Ende, als Franz einen mir wohlbekannten kleinen Boten hereinführte und mein Herz, da ich ihn erkannte, dermaßen zu klopfen anfing, daß ich kein Wort mehr hervorbrachte.
»Auf, mein Sohn«, sagte mein Vater, »lest das Billett! Es erheischt eine Antwort, wenn ich nicht irre.«
Gleichzeitig gab er dem Boten einen Sou, eine Schnitte Brot und Käse und hieß ihn, sich mit diesen Schätzen vor den Kamin zu setzen.
Ich hingegen bevorzugte mit meinem Briefchen die Fensterseite und entfaltete es.
Mein Freund,
Durch die gute Behandlung Ihres Herrn Vaters, dem all mein Dank gilt, bin ich nahezu hergestellt. Das Fieber ist gesunken, ich bin aber noch schwach, und um keinen Rückfall zu riskieren, hüte ich das Bett, mit einem großen Feuer als einziger Gesellschaft. Wenn Sie also heute gegen zwei Uhr eine arme Kranke besuchen wollten, wüßte sie Ihnen größten Dank.
Ihre ergebene Dienerin
Ulrike.
»Herr Vater«, sagte ich, »Frau von Lichtenberg dankt Euch für Eure gute Behandlung.«
»Schön«, sagte mein Vater lächelnd, »also hat sie sich schneller gerappelt, als ich dachte. Besucht Ihr sie heute nachmittag?«
»Sie lädt mich ein.«
»Wollt Ihr nicht die Kutsche nehmen?« fragte er sogleich. »Es ist nicht so kalt wie zu Pferde, und ich gedenke mich heute nicht von hier weg zu rühren.«
»Vielen Dank, Herr Vater, aber vielleicht will der Chevalier …?«
»Nein, nein«, sagte La Surie, »mich zieht es auch nicht hinaus.«
Der kleine Bote hatte sein Käsebrot samt Krumen und Rinde verzehrt. Mein Vater gab ihm noch einen Schluck warmen Wein zum Nachspülen, während ich meiner Gräfin das folgende Billett schrieb, das er mitnehmen sollte.
Ich bin von Sinnen bei der Vorstellung, Sie schneller wiederzusehen, als ich gehofft hatte. Bitte, benachrichtigen Sie Herrn von Beck, daß meine Kutsche um Schlag zwei Uhr vor Ihrem Tor halten wird. Ich bekenne, daß ich den kleinen Laufburschen mit brennender Eifersucht betrachte, weil er als Überbringer dieses Briefchens das unerhörte Glück erfährt, Sie vier lange Stunden vor mir zu sehen.
Ihr ergebener Diener
Pierre-Emmanuel de Siorac.
Dicke Flocken fielen dicht bei dicht vom verhangenen Himmel, Straßen und Gassen lagen wie verzaubert, als unser guter Lachaise, die Nase tief im Mantelkragen, mich bedachtsam zur Rue des Bourbons kutschierte, wo ich genau eintraf, als die Glocke von Saint-Germain-des-Prés mit gedämpftem Klang zwei Uhr schlug, gedämpft vielleicht durch den Schnee, vielleicht aber auch durch meine Stimmung, denn ich war wie in Andacht gesammelt und weltabgewandt.
Kaum daß die Karosse vor dem Hôtel meiner Gräfin hielt, ging auch schon das Tor scheinbar von selber auf wie im Märchen. Es schneite so stark und so dicht, daß ich mehr fühlte als sah, wie Herr von Beck mich am Arm faßte, sowie ich den Tritt hinunterstieg, und daß ich mich mit einer Stimme, die mir selbst befremdlich klang, sagen hörte, er möge sich des Kutschers und der Pferde annehmen. »Gewiß, gewiß, Herr Chevalier«, sagte er in mein Ohr. Und ohne im mindesten wahrzunehmen, daß ich ging, daß ich stieg, fand ich mich auch schon wundersamerweise meines Mantels und Hutes entledigt und im bloßen Wams in der Beletage vor einer goldgezierten weißen Tür, deren Messingklinke im Halbdunkel vertraulich blinkte. Ich klopfte an. »Herein!« sagte eine Stimme bestimmt sehr viel leiser als das Blut, das in meinen Schläfen brauste.
Weil die karmesinroten Satinvorhänge die Fenster abdunkelten, wurde das Zimmer nur von einem ersterbenden Feuer und einem Kerzenleuchter erhellt. Er stand auf einem Ebenholzschränkchen neben einem großen Baldachinbett, das an allen drei Seiten durch Vorhänge verschlossen war.
»Sind Sie es, Chevalier?« fragte die Stimme hinter den Vorhängen.
»Ich bin es, Madame.«
|174|»Wollen Sie bitte die Tür abriegeln und Holz nachlegen?«
Was ich tat, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge, indem ich erst zwei Scheite einlegte und dann den Riegel schloß, der, so groß er war, ganz leicht und leise glitt, sicher, weil er gut geschmiert war. Den Griff bildete ein Hundekopf, den meine Hand flüchtig liebkoste wie zum Dank dafür, daß er die Schläferin hier bewachte.
Aber Frau von Lichtenberg war hellwach. Denn so wenig Geräusch der Riegel auch machte, sie hörte es und sagte, ich solle auf der Leuchterseite des Bettes Platz nehmen. Was ich auch tat, nur sah ich keinen Schemel und kniete mich deshalb auf Samtpolster, die dort lagen, und harrte eine ganze Zeitlang mit der Nase vor den geschlossenen Vorhängen, ohne anderes zu hören als einen etwas schnell gehenden Atem.
»Madame«, sagte ich endlich, »wenn Sie unsichtbar bleiben wollen, darf ich wenigstens Ihre Hand küssen?«
Hierauf kein Wort, keine Silbe, vielleicht einfach nur, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war, weil unsere gewagte Situation ihr die Sprache verschlug, auch wenn sie in den langen Träumereien ihrer kurzen Krankheit sich dieses Gewagte ja selbst ersonnen hatte.
Während ich mich angesichts ihrer Stummheit, deren Grund ich zu kennen meinte, in Geduld faßte und mich ermahnte, daß es gegen mein Interesse wäre, etwas zu überstürzen, tauchte unter dem Vorhang ihre Hand hervor und streckte sich mir entgegen. Ich ergriff sie, küßte sie mehrere Male, aber behutsam, denn ich versuchte alles, meine tobende Begier zu bezwingen. Doch schon diese Behutsamkeit mußte ihr zu heftig erscheinen, denn ich fühlte, wie ihre Hand in meinen Fingern starr wurde. Sie zog sie zurück.
Dieser Rückzug beunruhigte mich nicht über die Maßen, schließlich war ich mir bewußt, daß er dem Anstand oder der Scham gehorchte und nicht der Koketterie, denn die kleinen Schliche unserer höfischen Schönen waren dem ernsten Wesen Frau von Lichtenbergs völlig fremd. Als das Schweigen aber immer weiter anhielt, beschloß ich, der Gräfin doch ein wenig auf die Sprünge zu helfen, um aus dem herauszufinden, was ich für die Mäander ihrer Sprachlosigkeit hielt.
»Madame, da es mir, scheint es, verboten ist, Sie zu sehen, ja sogar Ihre Hand zu halten: Können Sie wenigstens sprechen?«
|175|»Sie haben recht, mein Freund«, sagte sie leise. »Ich werde sprechen. Ich muß sprechen. Aber ich kann noch nicht. Lassen Sie mir ein bißchen Zeit.«
»Verhüte Gott, daß ich Sie dränge, Madame!« sagte ich mit jener Liebenden eigenen Verlogenheit, die in aller Unschuld das Gegenteil von dem sagen, was sie tun.
Trotzdem wurde mir diese Zeit sehr lang, und ich staunte, daß es ihr derart schwerfiel, Entscheidungen zu fällen, die sie doch tausend und abertausend Mal hatte erwägen können, bevor sie mich an ihr Bett rief. Das jedenfalls sagte ich mir, der ich noch so jung war und glaubte, die Frauen seien in unendlichen Schwierigkeiten befangen, während das Schwierige für sie doch nur darin liegt, Situationen zu meistern, die für Männer immer viel einfacher sind.
»Mein Freund«, sagte sie endlich, »erlauben Sie, daß ich Sie etwas frage?«
»Gewiß, Madame, gewiß! Bin ich nicht ganz für Sie da?«
Sie schwieg aufs neue, während ich vor Ungeduld auf dem Siedepunkt war. Aber was half es? Ich spürte, daß ich sie nicht noch einmal drängen durfte.
»Mein Freund«, sagte sie, »meine Frage ist: Haben Sie Ihr Leben in Ordnung gebracht?«
Jetzt verstand ich ihr langes Zaudern. Sie fürchtete, dieses Verhör könnte mich kränken, weil es zu bezweifeln schien, was ich ihr versprochen hatte. Aber schließlich hatte sie sich überwunden, weil sie fest entschlossen war, unsere Zukunft nicht auf Versprechen zu gründen, sondern auf Gewißheiten.
»Madame«, sagte ich mit zärtlicher Ironie, »spielen Sie damit auf Louison an?«
»Auf wen sonst?« entgegnete sie knapp, empfindlicher für die Ironie als für die Zärtlichkeit.
Ich ließ also meinen französischen Tändelton beiseite und wechselte zu größter Ernsthaftigkeit als der einzig geeigneten Weise, zu einer Pfalzgräfin zu sprechen.
»Madame, am Tag, nachdem ich Ihnen mein Wort gegeben hatte, habe ich Louison zu meinem Vater zurückgeschickt und einen Koch eingestellt.«
»Das haben Sie gut gemacht, mein Freund«, sagte sie mit erstickter Stimme.
Dann vernahm ich etwas, das sich nach einem Seufzer |176|anhörte. Daß sie sich unendlich erleichtert fühlte, verstand ich sehr gut, um wieviel mehr aber mußte sie bei ihrer so skrupulösen Gewissenhaftigkeit sich erst in Heidelberg mit der Frage gequält haben, ob sie sich einen Liebhaber nehmen dürfe, noch dazu einen, der halb so alt war wie sie. Wenn aber, dann wollte sie ihn wenigstens treu, gewiß aus natürlicher, eifersüchtiger Besitzergreifung, doch vor allem, glaube ich, weil es in ihren Augen um die Würde unserer Verbindung ging.
»Mein Freund«, sagte sie, »bitte, öffnen Sie auf Ihrer Seite den Vorhang.«
»Madame!« sagte ich und sprang auf, »Sie tun mir überaus wohl. Bisher war mir, als redete ich zu einer Verwandten hinterm Sprechgitter eines Klosters.«
»Nur daß ein Bett kein Sprechzimmer ist«, sagte sie mit einem kleinen Lachen, das die Spannung auf beiden Seiten verminderte und dazu den Vorteil hatte, uns in menschlichere Wirklichkeiten zurückzubringen.
Ich ergriff mit der linken Hand den Vorhang – aus karmesinrotem Satin wie die Gardinen – und zog ihn an den Ringen zur Seite. Im Kerzenschein erblickte ich Frau von Lichtenberg, die reichen schwarzen Haare über das Kopfkissen hingegossen, in einem hellblauen Nachtgewand aus Seide, an Handgelenken und Kragen mit venezianischer Klöppelspitze besetzt und vorn mit Perlmutterknöpfen verschlossen. Wiewohl bettlägerig, mußte sie ein wenig Toilette gemacht haben, denn ihre Haare wirkten frisch gewaschen, und ihre Brauen waren mit einem Stift betont. Dafür trugen ihre Wangen keine Spur von Reispuder noch ihre Lippen von Rouge, sie waren sozusagen meinen Initiativen überlassen.
Obwohl diese kleinen Beobachtungen, weil sie Vorbedacht zu verraten schienen, mir einigen Mut wiedergaben, war die Schönheit meiner Gräfin, wie ich sie dort sah, dergestalt, daß sie mich schüchtern machte. Denn ich ahnte doch, daß es bei einer hohen Dame einiger Annäherungen zur Liebe bedurfte, stufenweiser kleiner Zeremonien, die weder Toinon noch Louison mir je abverlangt hatten, der Gedanke wäre ihnen nicht einmal gekommen. Auf die Gefahr hin, daß der Leser mich lächerlich finden könnte, will ich hier rundheraus sprechen. Ich steckte in einem kleinen Problem, das mich zu Zeiten meiner Kammerkätzchen nie geplagt hätte: wenn die Dinge die |177|Wendung nehmen würden, die ich mir erhoffte, wann genau sollte ich mich dann ausziehen und wie?
Frau von Lichtenberg mußte in meinen Augen gleichzeitig mit meiner Bewunderung auch meine Zweifel und Bangnisse lesen, denn sie sagte herzlich: »Mein Freund, bleiben Sie doch nicht stehen, bitte, setzen Sie sich.«
»Madame«, sagte ich, »dazu müßte ich es können. Hier ist kein Sitz.«
»Wie?« fragte sie. »Sie haben nicht gesessen, als meine Vorhänge geschlossen waren?«
»Ich habe gekniet, Madame«, sagte ich, »wie es Ihrem Anbeter geziemt.«
»Ach, mein Freund, Sie können mich nicht immer nur anbeten!« sagte sie mit dem entzückendsten kleinen Lachen. »Einmal muß es auch Gleichheit geben! Setzen Sie sich ohne Umstände auf mein Bett.«
Was ich tat, und aus einer dankbaren Regung, die ich nicht bezwingen konnte, ergriff ich einfach ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen, und schon wollte die Begrenztheit dieser Lust sich erschöpfen, als sie mir ihre Finger entzog, sie um meinen Nacken schlang und mich mit solcher Kraft an sich zog, daß ich das Gleichgewicht verlor. Ich fiel also auf sie, ach, und was für ein wunderbarer Fall dies war! Und nun ging es mit verhängtem Zügel, soviel Terrain bot sich meinen Lippen jetzt, von ihren Lippen zu ihren reizenden Ohren, von ihren Ohren zu ihrem Hals.
»Mein Freund«, sagte sie endlich halblaut und mit leise bebender Stimme, »Sie können nicht so bleiben. Sie ersticken ja in Ihrem Wams. Legen Sie doch vor dem Feuer ab. Und wenn Sie dort sind, geben Sie gleich noch ein Scheit ins Feuer.«
Ich bewunderte, während ich mich erhob, welch ein Gefühl für Feinheiten und Schicklichkeiten Frau von Lichtenberg hatte. ›Ablegen‹ hatte sie gesagt, nicht ›ausziehen‹. Sie hatte mir, um ›nicht zu ersticken‹, geraten, mein ›Wams‹ abzulegen, meinte doch zweifellos aber meine ganze Kleidung, einschließlich der Hosen. Und um diese Operation gut durchzuführen, hatte sie mich vors Feuer geschickt, das heißt an eine Stelle des Zimmers, wo ihre Blicke mich nicht in Verlegenheit bringen konnten, weil die Vorhänge auf jener Seite des Baldachins zugeblieben waren.
|178|Die Entkleidungszeit kam mir lang vor, sosehr ich mich auch beeilte, doch als ich mich endlich in die Arme meiner Gräfin schmiegte, erinnere ich mich, wurde meine Geduld ein letztes Mal auf eine harte Probe gestellt, weil ich mit meinen fliegenden Fingern die sämtlichen Perlmutterknöpfe ihres Nachtgewands aufknöpfen mußte. Danach aber, den Göttern sei Dank, waren meine Lippen jeder ernsthaften Unterhaltung verloren. Mein Denken auch. Ich gelangte in eine Welt, die mir bis dahin unbekannt geblieben war, obwohl ich alle ihre körperlichen Riten kannte, eine Welt, wo das Gefühl die Lust in Glück verwandelt. Und dieses schien mir so über menschliche Maße zu gehen, daß ich, kaum daß ich es erreicht hatte, auch schon bangte, es zu verlieren.
* * *
Ich verließ das Hôtel der Rue des Bourbons bei Dunkelheit, ohne mir viel daraus zu machen, daß Lachaise und das Gespann fünf lange Stunden auf mich gewartet hatten, denn von Beck hatte sie aufs beste versorgt. Der Pfälzer Haushofmeister erklärte mir, als er mich hinausbegleitete, daß er Tiere mehr liebe als Menschen, und weil er gesehen habe, wie Lachaise nach der Ankunft um das Wohlergehen seiner Wallache so besorgt war, daß er sie nicht den Stallknechten überlassen wollte, habe er Achtung vor ihm gewonnen und ihn ebensogut bewirtet wie seine Pferde: für sie frisches Stroh und Futter, für ihn Kapaun und Rheinwein.
Zurück im Champ Fleuri, schlief ich wie ein Stein und erwachte am nächsten Tag um Schlag elf, die Glieder wie gerädert und doch frisch, den Kopf nur voll mit meiner heißen Liebe und das Herz sehnsüchtig nach meiner schönen Gräfin. Überrascht bemerkte ich, als ich aufstand, daß meine Kammer nicht so eisig war wie am Vortag, und als ich einen Blick durchs Fenster warf, sah ich, daß über Nacht Tauwetter eingetreten und der Schnee geschmolzen war. Also, fiel mir ein, könnte Ludwig bald nach dem Mittagessen nach Saint-Germain-en-Laye fahren, und indem ich meine Mahlzeit mit ein paar Happen abtat, brach ich mit La Barge unverzüglich zum Louvre auf.
Meine Nase hatte mich nicht getrogen. Kaum betrat ich die königlichen Gemächer, teilte mir Monsieur de Souvré mit, |179|Ludwig wolle mich mit Héroard und Vitry in seiner Karosse haben. Ich schickte La Barge, meinen Vater und Frau von Lichtenberg über meine Abreise zu benachrichtigen. Meine Sorge war nur, daß er nicht vor unserer Abfahrt zurück wäre. Doch er kam rechtzeitig, um noch in die Kutsche mit den Kammerfrauen der Königin zu springen, die er fast alle kannte und denen er allerhand vorzuschwatzen pflegte, wenn auch nicht mit dem ersehnten Erfolg, dazu war er zu jung und zu klein. Aber die Späße meines Pagen ergötzten sie, und sie steckten ihm mehr Bonbons und Marzipan zu, als er vertragen konnte.
Unser Gefährt brauchte dreieinhalb Stunden, um die Strecke vom Louvre nach Saint-Germain-en-Laye zurückzulegen, was tüchtig war, obwohl wir eine der besten Straßen des Reiches fuhren, die Sully mit als erste hatte bauen lassen, für Henri, wenn er seine Kinder, legitime wie illegitime, in Saint-Germain besuchte. Aber wegen des Tauwetters und weil der Schnee ungleichmäßig schmolz, war sie aufgeweicht und so voller Pfützen oder aber Glatteis, daß die Pferde höchstens dann und wann einmal in leichten Trab fallen konnten. Die meiste Zeit gingen sie Schritt.
Obwohl man uns mit Decken, Wärmflaschen und Glutpfannen versorgt hatte, war es feucht und kalt in der Karosse und obendrein ziemlich dunkel infolge der dicken, schwarzen Wolken, die den Himmel bis zum Horizont verhängten. In Ängsten über Monsieurs Befinden, kauerte sich Ludwig bedrückt und schweigsam in seine Ecke. Und als sein Erzieher, der sich langweilte, wenn er nicht reden konnte, allerlei nichtige Erinnerungen an alle schlimmen Winter hervorkramte, die er je erlebt hatte, schloß Ludwig die Augen und tat, als ob er schliefe, was Monsieur de Souvré zu verstummen zwang. Ich sage, Ludwig tat so, denn es war unmöglich, auch nur zu dösen, so fürchterlich wurden wir durchgerüttelt und waren jeden Augenblick in Gefahr, mitsamt der Karosse umzustürzen.
Mit schmerzenden Gliedern, zerschlagen und mißmutig langten wir in Saint-Germain-en-Laye um fünf Uhr abends an, aber es war dunkel, als wäre es schon Nacht, so schwarz war der Himmel, und so niedrig hing er über unseren Köpfen. Ich war nur froh, nachdem ich das stuckernde Gefährt verlassen |180|hatte, La Barge zu finden, der sich gerade aus den Kotillons der Zofen schälte, und ihm gleich einiges Geld zuzustecken, damit er die Leute in Küche und Hofhaltung schmieren konnte; denn wenn Erste Kammerherren auch im Schloß logierten, war trotzdem nicht für ihre Wärme und Nahrung gesorgt, da hieß es, schnellstens Trinkgelder austeilen, damit man Holz und etwas zu essen bekam.
Kaum war das getan, hörte ich, daß der König, ohne auch nur die Stiefel auszuziehen, schon auf dem Weg war zu Monsieur. Ich pfiff auf alle Würde, lief ihm nach und konnte ihn einholen, als er eben die Gemächer seines Bruders betrat.
Der arme Nicolas war vier Jahre alt. Er war mit einem übergroßen Kopf und einem schmächtigen, rachitischen Körper zur Welt gekommen, so daß die Ärzte meinten, er werde nicht überleben. Das aber hatte er bis jetzt einigermaßen geschafft, wenn auch mehr zu Bett als auf den Beinen und indem er auf die Welt der Gesunden um sich aus großen, schwermütigen Augen schaute. Trotzdem hatte er überraschend früh sprechen gelernt. Er drückte sich tatsächlich weit besser aus als der Dauphin in seinem Alter, stotterte nicht, sondern sprach klar und flüssig.
Als wir sein Kabinett betraten, erwachte er aus dem Schlaf, indem er jäh in die Höhe fuhr und gleich in Krämpfe verfiel, mit verdrehten Augen und verzerrtem Mund, mit zuckenden Armen und Beinen. Das Herz schnürte sich einem zusammen bei diesem Anblick, und besonders Ludwig sah ich erblassen, und seine Unterlippe zitterte. Doch dauerte die Krise nicht an, Nicolas kam allmählich zur Ruhe, erkannte seinen großen Bruder und betrachtete ihn mit einem so rührenden Blick, als danke er ihm, daß er gekommen war. Denn weil er von Geburt an als verurteilt galt, wurde er vom Hof kaum je beachtet und von der Königin noch weniger.
»Guten Tag, mein Bruder«, sagte Ludwig.
»Guten Abend, mein Papachen«, sagte Nicolas.
So nämlich nannte er den König seit der Ermordung Henri Quatres. »Ihr erweist mir zu große Ehre«, setzte er hinzu, »daß Ihr Euch die Mühe macht, mich zu besuchen.«
Dieser Satz verwunderte mich durch seine Korrektheit bei einem Vierjährigen, doch blieb mir keine Muße, zu staunen, denn seine Augen verdrehten sich wieder, sein Gesicht verzerrte |181|sich, und Doktor Héroard trat zu Ludwig und sagte halblaut: »Sire, bitte, zieht Euch zurück, Monsieur hat eine neue Krise.«
Ludwig machte auf dem Absatz kehrt und verließ so rasch den Raum, daß wir kaum folgen konnten, besonders der schwerfällige Souvré. Wie schon vorher, holte ich Ludwig ein, doch kaum bei ihm angelangt, wich ich zurück, denn während er fast im Laufschritt ging, weinte Ludwig strömende Tränen und wollte, weil er Tränen seines königlichen Ranges ungeziemend fand, wie stets dabei nicht gesehen werden. Darum schloß er sich, sowie er in seine Gemächer kam, in sein Kabinett ein.
Da ich wußte, daß er vermutlich nicht zu sehen wäre, bevor er um Punkt sechs Uhr zu Abend aß, suchte ich mein Quartier auf in der Hoffnung, selbst etwas essen zu können, weil ich seit den um elf Uhr verschlungenen paar Happen vor Hunger starb. Und wirklich fand ich ein gutes Feuer, einen gedeckten Tisch, und mit einem Glückwunsch an La Barge, daß er so flink und fein für mich gesorgt hatte, lud ich ihn zu meiner Mahlzeit ein, was er rot vor Freude annahm, auch wenn er kaum etwas essen konnte, so lag ihm das Zuckerwerk der Zofen im Magen. Deshalb blieb er während unseres Mahls auch ziemlich stumm, und ich, obwohl ich tüchtig zulangte, schwieg ebenfalls, weil ich an meine Gräfin dachte, aber auch, weil mir einfiel, daß, wenn der kleine Nicolas sterben würde, sein Tod allzu bald nach der Verbannung des Chevaliers de Vendôme käme und Ludwig abermals hart treffen würde.
Um halb acht begab ich mich in die Gemächer des Königs, er wurde bereits zu Bett gebracht, was gewiß zu früh war, aber Monsieur de Souvré hatte gemeint, er bedürfte unbedingt der Ruhe nach der anstrengenden Reise. Ludwig schien sich beruhigt oder seinen Kummer verdrängt zu haben, und nach seinem Gähnen zu urteilen, wäre er auch gleich eingeschlafen, hätte Monsieur de Souvré in seinem Amtseifer nicht die unselige Idee gehabt, noch einmal von Nicolas zu sprechen. Dieses Ungeschick machte Ludwig wieder wach. Er wechselte die Farbe, setzte sich auf und fragte mit sehr bedrückter Stimme: »Gibt es kein Mittel, ihn zu retten?«
»Sire«, sagte Souvré, »die Ärzte tun, was sie können, aber Ihr müßt zu Gott für ihn beten.«
|182|Es war wirklich die dümmste Weise, Ludwig gerade vor der Nacht begreiflich zu machen, daß sein Bruder verloren sei.
»Ich will ja zu Gott beten«, sagte Ludwig in höchster Angst, »aber kann man nicht noch anderes tun?«
»Sire«, sagte Souvré, »Ihr müßt ihn der Lieben Frau von Loreto anempfehlen.«
»Das will ich gerne«, sagte Ludwig fieberhaft, »aber was muß man dazu tun? Wo ist mein Almosenier? Monsieur de Souvré, laßt meinen Almosenier rufen!«
Monsieur de Souvré, der mir selbst reichlich müde erschien, mußte nun wohl begriffen haben, daß er die Krankheit des kleinen Nicolas besser nicht in so düsteren Farben beschrieben hätte.
Ludwig aber war so erregt, so aufs neue dem Weinen nahe, daß Monsieur de Souvré den Almosenier rufen ließ, der sich bald darauf einstellte, groß, dick und mit so schlichtem wie nichtssagendem Gesicht. Er fand, um Monsieur zu retten, würde es nicht ausreichen, ihn der Lieben Frau von Loreto anzuempfehlen, besser wäre es vielleicht, ein silbernes Bildnis der Lieben Frau von Loreto in Nicolas’ Lebensgröße zu stiften.
»Man soll gleich nach Paris schicken!« rief Ludwig aufgeregt vor Hoffnung. »Man soll sich beeilen! Man soll diese Statue unverzüglich anfertigen!«
Monsieur de Souvré, der bedauerte, den Anlaß zu diesem Aufruhr gegeben zu haben, versicherte ihn, es werde alles geschehen, und Ludwig begann mit lauter Stimme, mit Glut und Eifer für Nicolas zu beten, die Tränen strömten nur so über seine Wangen.
Als er geendet hatte, trat Doktor Héroard, der bis dahin im Hintergrund geblieben war, an Ludwigs Bett und sagte mit fester Stimme: »Sire, schlaft in Frieden! Monsieur geht es besser. Ich bin ganz sicher.«
Diese Worte taten ein Wunder. Ludwig stieß einen tiefen Seufzer aus, beruhigte sich, und ohne ein weiteres Wort legte er sich nieder.
»Messieurs«, verkündete der Großkämmerer den Anwesenden mit seiner volltönenden Stimme, als sollte sie eine Kathedrale füllen, »zieht Euch zurück! Der König schläft.«
Er schlief zwar noch nicht, war aber dem Schlummer nahe, |183|und sowie wir seine Gemächer verlassen hatten, fragte ich leise Héroard: »Geht es Monsieur wirklich besser?«
»Nein«, raunte er, »ich habe es gesagt, um den König seiner Traurigkeit zu entreißen, damit er eine gute Nacht hat.«
»Und wie steht es tatsächlich?«
»Er stirbt.«
Später erfuhr ich, daß der arme Nicolas nach zwei neuen Anfällen in einem so tiefen Schlaf lag, daß er kaum mehr zu sich kam. Er lebte noch einen Tag, und in der Nacht vom sechzehnten auf den siebzehnten November gegen ein Uhr morgens ging er in jenen Schlaf ein, aus dem niemand wiederkehrt. Doch wie Ludwig dies mitgeteilt wurde und durch wen, erscheint mir zu sinnträchtig, um es in diesen Memoiren auszulassen.
Am siebzehnten ging ich früh morgens, gleich nach dem Frühstück in die Gemächer des Königs und fand Ludwig und den alten Abbé Lefèvre dabei, die lateinischen Verben durchzupauken: ein sehr unerfreuliches Schauspiel, die Stunde zog sich zähe hin, schwunglos wiederholte Lefèvre die Fragen, die Ludwig ohne Hoffnung, antworten zu können, über sich ergehen ließ, die Augen traurig nach den Scheiben gerichtet, die jäh ein dicker Flockenfall verdunkelte. Aus der Hasenjagd, die er sich für den Tag vorgenommen hatte, wurde also nichts. Schließlich erhob sich Monsieur Lefèvre, riet dem König mit milder Stimme, das schlechte Wetter zum Lernen zu nutzen, und trippelte nach einer tiefen Verneigung vor seinem königlichen Schüler davon, tief erleichtert, diese Anstrengung wieder einmal hinter sich zu haben.
In dem Moment ertönte großer Lärm vor der Tür zu den königlichen Gemächern, und hereintrat, gefolgt von einem guten Dutzend gleichermaßen ungezogener Edelleute, der Marquis von Ancre mit federndem Schritt und geschwollenem Kamm.
Keine Frage, daß er als Erster Kammerherr das gleiche Recht wie ich hatte, hier zu sein. Aber für gewöhnlich machte er davon kaum Gebrauch, da er sich zu hoch und der Regentin zu nahe dünkte, um Ludwig den Hof machen zu müssen. Seine Gegenwart erregte bei den Anwesenden denn auch einige Überraschung, zumal der Marquis in hochmütigster Weise auftrat, die Hand in die Hüfte gestemmt und mit überheblicher Miene.
|184|Gewiß war er ein ziemlich schöner Mann, groß, schlank, sehr reich gekleidet, und er gebärdete sich nobel und elegant. Auch seine Physiognomie entbehrte nicht der Reize. Die Stirn war hoch, die Nase kühn, und die mandelförmigen grünen Augen waren groß und glänzend unter den geschwungenen Brauen. Diese Augen waren an ihm das Verführerischste und, bei genauer Betrachtung, auch das Beunruhigendste, denn es lag etwas Falsches und Verschlagenes in ihnen.
Drei Schritt vor dem König geruhte er endlich, seinen Hut zu lüften und ihm eine tiefe Reverenz zu erweisen, und, als Ludwig ihm ziemlich kühl die Hand hinstreckte, einen Handkuß anzudeuten. Dann erhob er sich zu voller Größe und sagte mit lauter Stimme und stark italienischem Akzent: »Sire, die Königin Eure Mutter hat mich beauftragt, Euch mitzuteilen, daß Monsieur tot ist.«
Ludwig stand in dem Augenblick an seinem kleinen Studiertisch, er hatte seine Bücher und sein Schreibzeug geordnet. Binnen einer Sekunde verlor er alle Farbe, er zitterte, setzte sich, und obwohl ihm die Tränen in die Augen stiegen, bezwang er sich mit großer Anstrengung, denn er wollte nicht weinen vor dem Marquis von Ancre, der ihn von oben herab ansah und nach den Zeichen des Kummers auf seinem Gesicht spähte. Ich muß gestehen, in dem Moment haßte ich diesen Menschen aus tiefstem Herzen.
Da der König schwieg, machte ihm der Marquis von Ancre abermals eine Reverenz, noch blasierter als die erste, und verschwand mit seinem hündischen Schwarm, der ihm überall folgte und ihm die Stiefel leckte.
Sowie er fort war, sah man alle Gesichter fassungslos, nicht so sehr, weil Nicolas gestorben war – mit seinem Tod war zu rechnen gewesen –, sondern wegen der wahrhaft unfaßlichen Weise, mit der die Nachricht dem König überbracht worden war. Gewiß hätte niemand erwartet, daß die Königin selbst gekommen wäre, ihrem Ältesten den Tod seines kleinen Bruders mitzuteilen und mit ihm zu trauern. Dafür waren ihre Kinder ihr zu gleichgültig. Aber sie hätte einen Boten wählen können, der für diesen Auftrag geeigneter war: den Großkämmerer, den Herzog von Bellegarde oder die Herzogin von Guise und nicht diesen aufgeblasenen Emporkömmling, den Ludwig verachtete, nicht ohne seine Macht zu fürchten.
|185|Nachdem der Marquis von Ancre kehrtgemacht hatte, sah ich Monsieur de Souvré und den Großkämmerer einen Blick wechseln, einen einzigen, und sogleich die Augen senken wie beschämt über den Gedanken, den einer in des anderen Augen las.
Ludwig holte seine Bleisoldaten und begann mit ihnen zu spielen, rückte sie aber so lange hin und her, daß man deutlich sah, sein Denken kam von der schrecklichen Nachricht nicht los. Nach einer Weile ließ er die kleine Armee stehen, ging zu Monsieur de Souvré und sagte mit leiser, verzagter und den Tränen naher Stimme: »Monsieur de Souvré, wollt Ihr die Königin bitten, daß ich nicht zu meinem Bruder gehen muß? Ich könnte es nicht ertragen.«
Souvré neigte den Kopf zum Zeichen der Einwilligung. So beschränkt er sein mochte, hatte er doch ein Herz. Und nur zu gut wußte er wie alle, die dabei gewesen waren, daß Ludwig nie jenen vierzehnten Mai vergessen konnte, an dem er seinen Vater im blutigen Wams hatte liegen sehen mit geschlossenen Augen, wächsernem Gesicht, in einer erschreckenden Starre.