1997: LINCOLN DITTMANN SPÜRT DEN RÜCKSTOSS IN DEN SCHULTERBLÄTTERN

Das Versteck, das Lincoln ausspioniert hatte, war ganz nach dem Geschmack eines Scharfschützen. In dem Fenster fehlten die meisten Fensterscheiben, so dass er die Whitworth auf einen Rahmen in Schulterhöhe auflegen konnte – Lincoln schoss am besten im Stehen, den linken Ellbogen an den Brustkorb gedrückt. Über dem Fenster selbst war ein Baldachin aus Efeu, der über die Fassade des leer stehenden Krankenhauses wucherte, das leicht erhöht gegenüber dem u-förmigen Mietshaus, 621 Crown Street, lag. Die Wetterbedingungen waren für einen Scharfschützen ideal – es war sonnig und kalt. Feuchte Luft konnte eine Kugel so sehr verlangsamen, dass sie an Höhe verlor, bei trockener, heißer Luft flog sie vielleicht zu hoch. Nachdem er das Gewehr und eine Einkaufstüte über die mit Glasscherben und Abfall übersäte Treppe in das Eckzimmer im dritten Stock geschleppt hatte, hatte Lincoln die dicken Arbeitshandschuhe ausgezogen und sich alle Fingerspitzen mit Sekundenkleber bestrichen. Anschließend hatte er seinen Proviant auf eine alte Zeitung verteilt: Mineralwasserflaschen, Schokoriegel und etliche Becher flüssigen Trinkjoghurt. Er band sich Dante Pippens weißes Seidenhalstuch als Glücksbringer um, bevor er das Zielfernrohr der Whitworth einstellte. Er schätzte die Entfernung vom Eingang des Krankenhauses bis zum Gehweg vor dem Mietshaus auf achtzig Meter, berechnete seine Höhe vom Boden und dann die Länge der Hypotenuse des sich daraus ergebenden Dreiecks. Er drehte an den Rädchen hinten am Messingzielfernrohr und stellte auf das Kruzifix scharf, das in einem Fenster im Parterre hing. Wenn es richtig eingestellt war und mit festem Arm gestützt wurde, traf das Gewehr mit seinem Hexagonallauf alles, was der Schütze ins Visier nahm. Queen Victoria selbst hatte einmal aus vierhundert Metern mitten ins Schwarze getroffen und war darüber so begeistert, dass sie Mr. Whitworth, den Erfinder des Gewehrs, auf der Stelle zum Ritter schlug. Lincoln schob die Papierpatrone mit dem Ladestock in den Lauf und setzte dann das Zündhütchen auf das Piston. Schließlich zog er ein Kondom über die Mündung, um den Lauf vor Staub und Feuchtigkeit zu schützen. Mit der schussbereiten Waffe ging Lincoln an der Fensterbank in die Hocke und beobachtete vom ehemaligen Carson C. Peck Memorial Hospital aus das Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Lincoln hatte einen von Martin Odums alten Tricks angewendet, um die Adresse herauszufinden, die zu der Geheimnummer 718 587 9291 gehörte. Er war auf dem Eastern Parkway in eine Telefonzelle gegangen und hatte die Telefongesellschaft angerufen. Als eine Frau sich meldete, hatte er auf Dante Pippens eingerosteten irischen Akzent zurückgegriffen.

»Ich bräuchte mal ein neues Telefonbuch, das alte hat mein Hund zerfleddert.«

»Was für eins brauchen Sie, Sir?«

»Die Gelben Seiten von Brooklyn.«

»Schicken wir Ihnen gerne zu. Würden Sie mir bitte Ihre Telefonnummer nennen?«

»Natürlich«, hatte Lincoln erwidert. »Das ist 718 587 9291.«

Die Frau hatte die Nummer wiederholt, um sicherzugehen, dass sie sie richtig notiert hatte. Dann hatte sie gefragt: »Was für einen Hund haben Sie?«

»Einen Irish Setter.«

»Na, ich rate Ihnen, das Telefonbuch in Zukunft gut zu verstecken. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Nein, vielen Dank. Haben Sie denn noch meine aktuelle Adresse?«

Die Frau hatte gesagt: »Einen Moment, ich schau nach. Da hab ich’s. Sie wohnen 621 Crown Street, Brooklyn, New York, richtig?«

»Absolut richtig.«

»Einen schönen Tag noch.«

»Das will ich hoffen«, hatte Lincoln gesagt und aufgelegt.

Von seinem Versteck im dritten Stock des leer stehenden Krankenhauses aus sah Lincoln, wie ein farbiger Teenager auf einem Skateboard an der Nummer 621 Crown Street vorbeisauste. Als die Dämmerung das Viertel einhüllte und die Straßenlaternen angingen, hielt ein Taxi vor dem Gebäude und eine Gruppe von Leuten mit Dreadlocks und bunten Halstüchern, vermutlich Nicaraguaner, stieg aus und verschwand in dem Haus. Lincoln stellte sich auf eine lange Nacht ein und nahm das Gebäude gegenüber durchs Zielfernrohr genauer in Augenschein. Alle Fenster in den ersten fünf Stockwerken hatten billige Rollos, einige geschlossen, einige halb hochgezogen. Die Leute, auf die er durch das eine oder andere Fenster einen Blick werfen konnte, sahen entweder aus wie Puerto-Ricaner oder waren Schwarze. Das gesamte oberste Stockwerk wurde anscheinend von der Zielperson bewohnt, denn sämtliche Fenster waren mit Jalousien versehen, die bis auf eine dicht verschlossen waren. Durch die Jalousie, bei der er durch die Lamellen schauen konnte, erkannte er eine Küche mit einem enormen Kühlschrank und einem Gasherd mit zwei Backöfen. Eine stämmige schwarze Frau mit Schürze war offenbar dabei, das Abendessen zuzubereiten. Hin und wieder kamen Männer in die Küche. Einer von ihnen hatte sein Sportsakko ausgezogen, und Lincoln konnte eine großkalibrige Pistole in einem Schulterhalfter erkennen. Die schwarze Frau öffnete den oberen Backofen, um Fett über eine Gans oder Pute zu löffeln, dann bereitete sie zwei große Hundenäpfe vor. Als sie die Fressnäpfe auf den Boden stellte, rief sie anscheinend jemandem in einem anderen Raum etwas zu. Gleich darauf kamen zwei Barsois in die Küche gefegt und verschwanden unter der Fensterbank außer Sicht.

Lincoln räumte den Schutt beiseite, setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand auf den Fußboden und genehmigte sich einen Schokoriegel und einen halben Becher Joghurt. Alles in allem war er erleichtert, dass er und nicht Martin Odum die Sache erledigte. Martin war kein guter Schütze. Er war zu ungeduldig, um sich an ein Ziel heranzupirschen und im richtigen Augenblick mit Gefühl abzudrücken, zu kopflastig, um kaltblütig zu töten, wenn er nicht von Leuten wie Lincoln Dittmann oder Dante Pippen angestachelt wurde. Kurzum, Martin war emotional zu anfällig, zu eigenwillig. Wenn ein eingefleischter Scharfschütze wie Lincoln auf ein menschliches Ziel schoss, dann spürte er einzig und allein den Rückstoß des Gewehres. Das Ziel auskundschaften, sich Zeit lassen, seelenruhig, um auf Nummer Sicher zu gehen, nur ein einziger Schuss pro Ziel, da war Lincoln in seinem Element. Schon als Kind in Pennsylvania hatte er ein Gewehr gehabt, mit dem er auf den Feldern hinter dem Haus in Jonestown Jagd auf Kaninchen und Vögel machte.

Mit der Dunkelheit kam die Kälte. Lincoln zog sich Martin Odums Mantel fester um den Körper, schlug den Kragen hoch und döste. Bilder von Soldaten, die mit weißen Stirnbändern auf eine lange Steinmauer zustürmten, wirbelten ihm durch den Kopf. Er konnte Kanonenschüsse und prasselndes Gewehrfeuer hören, während Rauch und Tod über das Schlachtfeld trieben. Er zwang sich, die Augen zu öffnen, um einen Blick auf die Leuchtzeiger seiner Uhr und auf das Gebäude gegenüber zu werfen. Als er erneut in einen unruhigen Schlaf sank, wurde er in eine heiterere Umgebung versetzt. Magere Frauen in hauchdünnen Kleidern warfen Münzen in eine Jukebox und wiegten sich eng umschlungen zu den Klängen von Don’t Worry, Be Happy. Die Musik verklang, und auf einmal atmete Lincoln die negativen Ionen eines Springbrunnens auf dem Gianicolo-Hügel in Rom ein. Eine elegant gekleidete Frau und ein Zwerg in einem knielangen, bis zum Hals zugeknöpften Mantel gingen vorbei. Lincoln hörte sich sagen: Mein Name ist Dittmann. Wir haben uns in Brasilien kennen gelernt, in Foz do Iguaçú. Ihr Tagesname war Lucia, ihr Nachtname war Paura. Er konnte hören, wie die Frau aufgeregt erwiderte: Ich erinnere mich an Siel Ihr Tagesname ist zufällig derselbe wie Ihr Nachtname, nämlich Giovanni da Varrazano.

In seinem Traum lief Lincoln der Frau hinterher, die weiter den Hügel hinunterging. Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie, bis sie sich bereit erklärte, für den Rest ihres Lebens mit ihm zusammen in der Toskana Polyesterschafe zu züchten.

Als er wieder zu dem Gebäude gegenüber sah, bemerkte Lincoln, dass im Osten die ersten schwachen, ockergelben Flecken den dunklen Himmel über den Dächern verfärbten. Die Vorbereitungen waren alles in allem doch einfacher gewesen, als er gedacht hatte. Er war über kleine Seitenstraßen zu dem Hof von Xings Restaurant gelangt. Mit einem alten Bootshaken, der hinter einem verrosteten Kühlschrank versteckt war, hatte er den unteren Teil der Feuertreppe heruntergezogen und war dann nach oben aufs Dach gestiegen. Die Bienen hatten Martins Stöcke längst verlassen. Neben dem Stock, der anscheinend explodiert war, waren auf der Teerpappe Flecken zu sehen, die aussahen wie getrocknete Melasse. Lincoln holte den Schlüssel hervor, den Martin hinter einem lockeren Ziegelstein in der Brüstung versteckt hatte, schloss die Dachtür auf und stieg hinunter in Martin Odums Billardsaal. Er ging durch die dunkle Wohnung zu dem Billardtisch, den Martin als Schreibtisch benutzt hatte, und entnahm dem Mahagoni-Humidor eine einzige Papierpatrone. Lincoln selbst hatte die Munition etliche Jahre zuvor selbst gefertigt, mit Schwarzpulver, das er auf einer Apothekenwaage abgewogen hatte. Er steckte die Patrone in die Tasche, nahm die Whitworth und blies den Staub vom Schussmechanismus. Die Waffe war erstaunlich leicht, wunderschön gefertigt, hervorragend ausbalanciert und lag herrlich in der Hand. Diese Whitworth hatte ursprünglich ihm gehört. Er konnte sich nicht erinnern, wie sie in den Besitz von Martin Odum gelangt war. Er nahm sich vor, ihn demnächst danach zu fragen. Er wischte die Fingerabdrücke von dem Gewehr, wickelte es in einen von Martin Odums Mänteln und hängte es sich quer über den Rücken. Dann zog er sich ein Paar dicke Arbeitshandschuhe über, die er in einem Karton fand, und ging wieder hinunter in die Gasse hinterm Haus, wo er am Morgen die Einkaufstüte mit Lebensmitteln deponiert hatte. Schließlich machte er sich auf den Weg durch die menschenleeren Straßen von Crown Heights zu dem wuchtigen Gebäude, in dessen Steinsockel der Schriftzug »Carson C. Peck Memorial Hospital« und die Jahreszahl »1917« eingemeißelt waren. Hineinzugelangen erwies sich als relativ unkompliziert. Auf der Rückseite des Krankenhauses hatten Obdachlose ein Loch in den Zaun geschnitten, den die Abbruchfirma um das Grundstück gezogen hatte, und im Erdgeschoss war eine Tür angelehnt. Sobald er im Gebäude war, duckte Lincoln sich erst mal, um die Lage zu sondieren. Gleich darauf hörte er gedämpft von unten aus dem Treppenhaus ein Husten, was darauf schließen ließ, dass die Obdachlosen es sich im Keller gemütlich gemacht hatten.

Die Ockerstreifen waren heller geworden und hatten die Dächer in Silhouetten verwandelt. Lincoln massierte sich die Kälte und Steifheit aus den Armen, stand auf und trottete in eine Ecke des Raumes, wo er gegen die Wand pinkelte. Als er zurück zum Fenster kam und sich hinter die Fensterbank hockte, sah er Licht in dem Küchenfenster im obersten Stock. Die schwarze Frau trug jetzt einen Morgenmantel und kochte zwei große Kannen Kaffee. Als der Kaffee fertig war, stellte sie acht Tassen auf ein Tablett, füllte sie und trug sie aus der Küche. Unten, im Eingang von Nummer 621, tauchten zwei nicaraguanische Frauen in langen Wintermänteln mit leuchtenden Schals und Strickmützen auf und eilten in Richtung U-Bahn auf dem Eastern Parkway. Zwölf Minuten später fuhr ein schwarzer BMW vor. Der Fahrer, ein großer Mann mit einem knielangen Ledermantel und einer Chauffeursmütze, stieg aus und lehnte sich gegen die offene Tür. In der Kälte bildete sein Atem weiße Wölkchen. Der Mann sah mehrmals auf die Uhr und stampfte mit den Füßen auf, damit sie nicht taub wurden. Er holte einen Zettel hervor und verglich das, was darauf stand, mit der Nummer über dem Eingang. Anscheinend war er beruhigt, als er die zwei Männer sah, die durch die schwere Tür von Nummer 621 Crown Street auf die Straße traten. Beide trugen zweireihige Seemannsjacken mit hochgeschlagenem Kragen. Die Männer, offensichtlich Bodyguards, winkten dem Fahrer zur Begrüßung. Einer von ihnen schlenderte zur nächsten Ecke und blickte die Querstraße rauf und runter. Der andere ging einige Schritte nach links und überprüfte die Crown Street. Als er wieder zum BMW zurückkam, suchte er die Fenster des leer stehenden Krankenhauses gegenüber ab.

Die Sicherheitsmaßnahmen waren eindeutig nachlässig. Die Bodyguards wirkten entspannt, als machten sie das alles nur der Form halber. Das war häufig so, wenn die zu schützende Person irgendwo versteckt worden war und die für seine Sicherheit Verantwortlichen davon ausgingen, dass die potenziellen Feinde seinen Unterschlupf niemals finden könnten. Die zwei Bodyguards standen jetzt am BMW und plauderten mit dem Fahrer. Einer der Bodyguards war offenbar angefunkt worden, denn er holte sein Walkie-Talkie aus einer Tasche und murmelte etwas hinein, während er nach oben zu den geschlossenen Jalousien blickte. Einige Minuten verstrichen. Dann öffnete sich die Eingangstür von Nummer 621 und ein weiterer Bodyguard erschien. Er hatte Mühe, die beiden Barsois an ihren langen Leinen zurückzuhalten. Zur Belustigung der Männer am BMW zerrten die Hunde den Mann bis zum Bordsteinrand. Hinter ihm tauchte ein untersetzter Mann mit hochgezogenen Schultern in der Tür auf. Er hatte silbernes Haar und trug eine Brille. Zwischen die Zähne hatte er eine Zigarre geklemmt, während er an zwei Aluminiumkrücken auf den BMW zuging und dabei eine Hüfte vorschob und das Bein hinterherzog, um die Bewegung dann mit der anderen Hüfte zu wiederholen. Mitten auf dem Gehweg blieb er kurz stehen, um zu verschnaufen, während einer der Bodyguards die hintere Wagentür öffnete. In dem Eckzimmer auf der anderen Straßenseite stand Lincoln auf und drückte sich in einer fließenden Bewegung einen Ellbogen gegen den Brustkasten, während er das Gewehr auf einer Fensterstrebe ablegte. Er schloss das linke Auge, presste das rechte an das Zielfernrohr und senkte die Mündung der Whitworth, bis das Fadenkreuz direkt über der Nase auf der Stirn der Zielperson lag. Er drückte mit einer derart sorgsamen Bedächtigkeit ab, dass er fast verblüfft war, als die Flamme aus dem Piston zischte, die Kugel aus dem Lauf schnellte und der befriedigende Rückstoß des Schaftes seine Schulter traf. Er nahm das Ziel erneut ins Visier und sah aus einem gezackten Riss mitten auf der Stirn des Mannes Blut sickern. Die Bodyguards hatten ein Geräusch gehört, es aber noch nicht mit einem Schuss in Verbindung gebracht. Der Mann, der die Autotür aufhielt, sah als Erster, dass ihr Schützling auf dem Gehweg zusammenbrach. Er sprang hin, fing ihn unter den Armen auf und rief um Hilfe, während er ihn auf die Erde legte.

Als die Bodyguards merkten, dass der Mann, den sie beschützen sollten, erschossen worden war, hatte Lincoln, ohne auf die Schmerzen in seinem lahmen Bein zu achten, schon fast die Lücke im Maschendrahtzaun erreicht.