1997: MARTIN ODUM WIRD DES HOCHVERRATS BEZICHTIGT
»Sehen Sie, da, direkt vor uns – da sind die Wracks«, rief Almagul über den Lärm des betagten sowjetischen Außenbordmotors hinweg, der ihr acht Meter langes Boot über den Aralsee zur Insel Wosroschdenije beförderte. »Vor zehn Jahren waren da eine Bucht und der Hafen von Kantubek. Die Schiffe, die Sie da sehen, sind gestrandet, weil der Wasserspiegel stark sinkt, seit die Flüsse, die den See speisen, zur Bewässerung genutzt werden.«
Martin schirmte die Augen mit einer Hand ab und spähte ins grelle Sonnenlicht. Er konnte die Gerippe eines Tankers, eines Schleppers und eines Torpedobootes erkennen, insgesamt acht Schiffe, halb im Sand und den Salzablagerungen der ehemaligen Bucht versunken. »Ich sehe sie«, rief er dem jungen Mädchen zu.
»Sie müssen sich die Handschuhe anziehen«, erwiderte sie und hob eine Hand von der Ruderpinne, um zu zeigen, dass sie ihre schon trug, sie sogar über die Ärmel ihres abgenutzten Fischerpullovers gezogen hatte. Martin streifte sich die Küchenhandschuhe aus Latex bis über die Manschetten seines Hemdes und sicherte sie mit einem dicken Gummiband am Handgelenk. Dann knotete er sich Dantes weißen Seidenschal als Glücksbringer um den Hals und stopfte die Hosenbeine in die knielangen Stutzen, die Almagul ihm gegeben hatte, als sie am Abend zuvor den Amudarja verlassen hatten – einen der beiden Flüsse, die in den Aralsee münden. Während das Boot sich dem Salzstrand näherte, flog eine Schar weißer Flamingos auf, vom Krach des Motors aufgescheucht. Martin erkannte die ersten Gebäude von Kantubek, das nur noch eine menschenleere Ruinenstadt war, wenn man von den Plünderern absah, die vom Festland kamen und alles mitnahmen, was von dem einst grandiosen Schauplatz der sowjetischen Biowaffentests noch übrig war. Almagul, die behauptete, sechzehn zu sein, obwohl sie ein oder zwei Jahre jünger aussah, war früher regelmäßig mit ihrem Vater und ihrer Zwillingsschwester hergekommen. Aber die beiden waren vor zwei Jahren gestorben – an einer rätselhaften Krankheit mit Symptomen wie Fieber, geschwollenen Lymphknoten und verschleimter Nase. Auf der Insel hatte der Vater mit seinen Töchtern nicht nur Blei und Aluminium und mit Zink beschichtete Wasserrohre und Kupferdraht gesammelt, sondern auch Herde und Spülen und Wasserhähne, notfalls sogar Dielenbretter, die sie in den Häusern aus dem Fußboden rissen. Ihre Beute verkauften sie dann auf dem Festland an Männer, die damit ihre Lkws beluden und über die staubigen Ebenen nach Nukus oder nach Aralsk in der kasachischen Steppe fuhren. Seit dem Tod ihres Vaters und ihrer Schwester war Almagul nicht mehr auf Wosroschdenije gewesen, aber nachdem Martin erfahren hatte, dass sie als Einzige in Nukus ein Boot mit funktionierendem Außenbordmotor besaß und sich auf der Insel auskannte, hatte er ihr ein großzügiges Angebot gemacht – und es verdoppelt, als sich herausstellte, dass sie seine Sprache beherrschte und bereit war, für ihn zu dolmetschen. Sie hatten das Boot mit Ersatzkanistern Benzin und einem Korb mit Kamelmilchjoghurt, Ziegenkäse und Wassermelonen beladen und waren den Amudarja hinuntergefahren.
»Da drüben ist Kantubek«, rief Almagul jetzt, als sie auf eine Düne am Fuße der Stadt zusteuerte, nahm dann Gas weg und ließ das Boot im Leerlauf auf das sandige Ufer gleiten. Martin kletterte über den Bug und sprang den letzten halben Meter an Land, drehte sich um und zog das Boot höher auf festen Grund. Almagul, der der erste Besuch auf der Insel seit dem Tod ihres Vater sichtlich nahe ging, trat zu ihm, stemmte die behandschuhten Hände in die Hüften und sah sich nervös um. Sie hatte einen Strick durch die Gürtelschlaufen ihrer Jeans gezogen, und die Hosenbeine steckten in Gummistiefeln, die oben zugebunden waren. Sie trat gegen die zerbrochenen Teströhrchen und Petrischalen, die aus dem Sand ragten, und deutete mit einem Wink auf die Schutthaufen neben dem Weg, der sich die Dünen hoch zu Dutzenden von Holzgebäuden in unterschiedlichen Phasen des Verfalls wand. Martin sah Berge von verrosteten Tierkäfigen in allen möglichen Formen und Größen, halb verfaultes Bauholz, Unmengen kaputter Kisten. Er blickte zum Himmel und schätzte den Stand der Sonne ab. »Ich gehe mal die Stadt erkunden«, sagte er zu dem Mädchen. »Wenn alles gut läuft, bin ich gegen vier wieder da.«
»Wenn die Sonne untergeht, müssen wir hier weg sein«, teilte Almagul ihm mit. »Mein Vater hatte die eiserne Regel, niemals über Nacht auf der Insel zu bleiben. Bei Tag kann man die Nagetiere sehen, vielleicht sogar die Flöhe. Aber wenn es dunkel wird …«
Als sie am Abend zuvor den Amudarja hinuntergefahren waren, schön langsam, um nicht den Zorn der Männer zu erregen, die mit Scheinwerfern und Handgranaten an beiden Ufern fischten, hatte Almagul erklärt, welche Gefahren auf Wosroschdenije lauerten. Aus Angst, nach dem internationalen Biowaffenverbot von 1972 könnten amerikanische Inspektoren auf der Insel auftauchen, hatten die Sowjets 1988 in aller Eile tonnenweise bakterieller Erreger in der Erde verbuddelt. Sie hatten auch Tausende Kadaver von Affen, Pferden, Meerschweinchen, Kaninchen, Ratten und Mäusen vergraben, an denen die Tödlichkeit der bakteriellen Erreger getestet worden war. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der Neunzigerjahre gehörte die Insel zu Usbekistan und Kasachstan, doch es wurden keine Anstalten gemacht, die vergrabenen Erreger und Kadaver zu beseitigen, durch die sich die Nagetiere auf der Insel angesteckt hatten. Die Nager überstanden selbst zwar Krankheiten wie Milzbrand, Tularämie, Brucellose, Pest, Typhus, Q-Fieber, Pocken, Butolinumtoxin oder die Venezolanische Pferdeenzephalitis, übertrugen die Krankheiten aber schließlich auf Flöhe, die sie wiederum auf andere Säugetiere übertrugen. Ein einfacher Flohstich auf der Insel konnte daher für den Menschen tödlich sein. Die Risiken waren äußerst real. In den zwei Jahren seit dem Tod ihres Vaters hatte Almagul von vierzehn Männern gehört, die auf Wosroschdenije nach Brauchbarem gesucht hatten und spurlos verschwunden waren. Die Polizei ging davon aus, dass die Männer auf der Insel von Flöhen gebissen worden waren und dann an der Pest oder einer anderen Krankheit auf den Dünen gestorben waren, wo die Flamingos ihnen das Fleisch von den Knochen gepickt hatten.
Almagul hatte Andeutungen gemacht, dass durch Flöhe verbreitete Bioerreger oder Viren nicht die einzigen Gefahren in der Geisterstadt auf der Insel waren. Als Martin nachhakte, sagte sie, in den Ruinen von Kantubek hätte sich eine Hand voll Plünderer mit einem Warlord als Anführer niedergelassen. Hat der Warlord auch einen Namen?, fragte Martin. Mein Vater, der jeden Abend vor dem Schlafengehen in der Bibel gelesen hat, hat den Warlord »Asasel« genannt, nach dem Dämon in der Wüste, dem immer am Versöhnungstag ein Sündenbock geschickt wird, erwiderte das Mädchen. In Nukus erzählt man sich auch, er sei ein dänischer Prinz mit Namen Hamlet Achba. Dieser Hamlet und seine Bande verlangen fünfundzwanzig Prozent von dem Wert der Sachen, die jemand von der Insel holt. Almagul war sicher, dass der Warlord nichts gegen einen Journalisten von einer kanadischen Zeitschrift haben würde, der auf der Insel für einen Artikel über die geheimen Biowaffentests der damaligen Sowjetunion recherchiere, und auch nichts gegen das Mädchen, das ihn begleitete, um sich etwas Geld für den Winter zu verdienen.
Langsam, um sein lahmes Bein zu schonen, stapfte Martin den Weg hinauf, der sich durch die Dünen schlängelte. Oben angekommen, drehte er sich um und winkte Almagul zu, doch sie sah ihn nicht, da sie sich auf eine Kiste gesetzt hatte und die Flamingos beobachtete, die an den Strand zurückkehrten. Nach der nächsten Anhöhe folgte er einer aus Betonplatten bestehenden Straße, die in die Geisterstadt führte. Am Rande der Stadt sah er ein Basketballfeld, das in einen Hubschrauberlandeplatz umfunktioniert worden war – ein großer, weißer Kreis war auf den Zement gemalt, und die Oberfläche war schwarz von Motorabgasen. Ein Stück weiter die Straße hinunter kam er an einem riesigen Hangar vorbei, der als Garage für den Fuhrpark von Kantubek gedient hatte und dessen Wellblechdach größtenteils geplündert worden war. In Sandwehen eingegraben standen da ausgeschlachtete grüne Laster, zwei T-52-Panzer ohne Ketten, zwei gepanzerte Mannschaftswagen ohne Räder, ein verwitterter orangefarbener Bus, der noch auf einer Rampe aufgebockt war, ein Feuerwehrwagen mit aufgeklappter Motorhaube und fehlendem Motor, die verrosteten Gerippe von mehreren alten Traktoren mit aufgemalten, verblichenen sowjetischen Parolen. Ein Stück weiter sah Martin über dem Eingang eines riesigen Gebäudes eine zerfledderte Flagge mit Hammer und Sichel, an den Masten der Straßenlaternen hingen Schilder, auf denen die kyrillische Schrift von der Sonne verblichen war, und an den Kreuzungen wirbelten ihm Staub und Sand um die Füße.
Mit einem Mal meldete sich sein Instinkt. Er spürte Blicke, die sich ihm in den Nacken bohrten, bevor er die Plünderer sah, die hinter den Gebäuden zum Vorschein kamen. Es waren fünf, alle mit unten geschlossenen Hosen aus Segeltuch und mit Segeltuchhandschuhen, die bis zu den Ellbogen reichten. Außerdem trugen sie Gasmasken, wie sie auf usbekischen Baumwollfeldern beim Einsatz von Insektenschutzmitteln verwendet wurden. Jeder der Männer hatte einen geschwungenen Kosakensäbel am Gürtel und im Arm ein altes Repetiergewehr, über dessen Mündung ein Kondom gezogen war, damit kein Sand und keine Feuchtigkeit eindrangen. Martins Hand glitt instinktiv nach hinten zu der Stelle in seinem Kreuz, wo seine Pistole gewesen wäre, wenn er sich nicht von ihr getrennt hätte, bevor er von Deutschland in die georgische Hauptstadt Tiflis und dann in einem gecharterten Schädlingsbekämpfungsflugzeug weiter nach Nukus in Usbekistan geflogen war.
Einer der Männer bedeutete Martin, die Hände über den Kopf zu heben. Ein weiterer kam zu ihm und tastete ihn nach Waffen ab.
Martin wurden die Hände mit einer Hundeleine vor dem Körper gefesselt, und dann zerrte man ihn um eine Ecke herum und eine Seitenstraße hinunter. Wenn er stolperte, stach ihm ein Gewehrlauf schmerzhaft zwischen die Schulterblätter. Zwei Querstraßen weiter wurde eine Tür aufgestoßen, und Martin wurde in ein Gebäude und durch eine Eingangshalle geschubst, in der fast alle weißen Marmorfliesen herausgerissen worden waren. Er und die anderen durchquerten eine seichte Rinne mit einer Flüssigkeit, die nach Desinfektionsmittel roch, dann stellte man ihn unter einen Brausekopf, der ihn und seine Bewacher mit einem feinen Nebel Desinfektionsmittel einsprühte. Martin hörte, wie andere Männer in einer Sprache, die er nicht erkannte, mit denen, die ihn hereingebracht hatten, ein paar Worte wechselten. Flügeltüren wurden aufgerissen, und schließlich befand sich Martin in einer Art Theatersaal, in dem die meisten Klappsitze vom Boden abgeschraubt und an einer der Wände aufgestapelt worden waren. Acht Männer in weißen Laborkitteln und mit Latexhandschuhen saßen auf den wenigen noch intakten Sitzen. Auf einem thronartigen Sessel mitten auf der Bühne, im Hintergrund die gemalte Kulisse einer Operette im Stil des sozialistischen Realismus, rekelte sich der Warlord. Er war ein auffällig kleiner Mann, der mit den Füßen nicht bis zum Boden reichte, und er trug einen groben, grauen, ärmellosen Überwurf, der ihm bis auf die gewienerten Fallschirmjägerstiefel fiel, die auf einer umgedrehten Munitionskiste ruhten. Seine nackten Arme waren muskulös wie bei einem Gewichtheber. Über dem Überwurf trug er ein Schulterhalfter, aus dem der Stahlgriff eines großen Marinerevolvers ragte. Mit der altmodischen Motorradbrille vor den Augen erinnerte er irgendwie an ein Insekt. Auf seinem übergroßen Kopf saß eine steife Admiralsmütze aus der Zarenzeit. Er redete mit leiser, knurrender Stimme einige Minuten lang mit einem der in Overalls gekleideten Männer, die hinter ihm standen, bevor er den Kopf hob und Martin direkt ansah. Er winkte ihn mit seinem kurzen Arm näher heran und bellte dann mit mädchenhaft hoher Stimme etwas in der seltsamen Sprache.
Da Martin nicht wusste, was er sagen sollte, schwieg er.
Hinten aus dem Saal übersetzte eine Mädchenstimme. »Er will wissen, warum Sie nach Kantubek gekommen sind.«
Martin blickte kurz hinter sich. Almagul stand an der Saaltür, flankiert von zwei bewaffneten Männern. Sie lächelte ihm nervös zu, ehe er sich wieder dem Warlord zuwandte und salutierte. »Sag ihm«, rief er über die Schulter, »dass ich ein Journalist aus Kanada bin.« Er holte einen eingeschweißten Presseausweis von einer Nachrichtenagentur hervor und wedelte damit. »Ich recherchiere für einen Artikel über den Menschenfreund Samat Ugor-Shilow, der von Prag aus nach Wosroschdenije gekommen sein soll.«
Als Almagul Martins Antwort übersetzte, bleckte der Warlord ungläubig die Zähne. Er knurrte den Männern hinter dem Thron etwas zu, die prompt auflachten. Der Warlord stieß die Munitionskiste um, sodass seine Füße in der Luft baumelten, und brüllte das Mädchen hinten im Saal wütend an. Almagul kam nach vorne und trat hinter Martin. »Er behauptet«, sagte sie mit leiser, verängstigter Stimme, »Samat Ugor-Shilow ist der Kommandant dieser Insel und der Leiter von Kantubeks Waffenversuchsprogramm.«
Die gedämpften Stimmen, die sich in einer unverständlichen Sprache unterhielten, hatten sich in Martins Träume hineingearbeitet. Er glaubte, Lincoln Dittmann zu sein, der am Dreiländereck dem Saudi lauschte, den er später als Osama bin Laden identifizierte, wie er mit dem Ägypter Daoud sprach. Als er schließlich begriff, dass die Männer kein Arabisch sprachen, zwängte er sich durch die dünne Wand hindurch, die den Schlaf- vom Wachzustand trennte, und setzte sich auf. Es dauerte einen Moment, bis seine Augen sich an das trübe Licht der Glühbirnen an den Kellerwänden gewöhnt hatten. Als er die Hand ausstreckte, berührte er die kalten Eisenstangen und ihm fiel wieder ein, dass die Wachleute ihn in einen niedrigen Käfig gesperrt hatten, wie die für Affen in Versuchslabors. Er konnte Almagul erkennen, die im Nachbarkäfig auf einem Haufen Lumpen lag. Hinter ihrem Käfig standen weitere Käfige – mehr als er zählen konnte. In acht davon schliefen Gefangene auf dem Boden oder saßen dösend, das bärtige Kinn auf der Brust, mit dem Rücken an die Stäbe gelehnt.
Unweit der Steintreppe standen drei Männer in weißen Kitteln um einen hohen Stahltisch herum und unterhielten sich. Martin konnte ihre Stimmen hören. Allmählich wurde der Schmerz hinter seinen Augen schlimmer, und er spürte, wie er in eine andere Identität gesogen wurde – eine, in der ihm die Sprache der Männer irgendwie vertraut vorkam, und zu seiner Verblüffung merkte er plötzlich, dass er Teile davon verstand.
»… sehr stabil, sogar im Sonnenlicht.«
»… der Vorteil von Milzbrand gegenüber der Pest. Sonnenlicht macht Pesterreger unschädlich.«
»… sollten uns auf Milzbrand konzentrieren.«
»… finde ich auch … vor allem auf Lungenmilzbrand, der extrem tödlich ist.«
»Q-Fieber hält sich im Sand über Monate.«
»Was sollen wir also machen … New York bombardieren und dann Amerika mit Q-Fieber angreifen?«
»… glaube nach wie vor, es ist ein Fehler, wenn wir uns auf bakterielle Erreger konzentrieren, die sich im Allgemeinen schwer stabilisieren, schwer zu einer Waffe machen lassen.«
Na klar! Die Männer sprachen Russisch, eine Sprache, die Martin an der Uni studiert hatte, in einer früheren Inkarnation. Ihm fiel ein, dass die Therapeutin in der CIA-Klinik ihm von einem Fall erzählt hatte, in dem eine Teilpersönlichkeit eine Sprache sprechen konnte, die die anderen Persönlichkeiten nicht verstanden. Das sei ein wunderbares Beispiel dafür, wie das Gehirn die Legenden voneinander getrennt halten kann.
»… nicht schon wieder für Nervengase und gegen bakterielle Erreger? Samat hat die Frage schon vor Monaten entschieden.«
»Samat hat gesagt, wir könnten die Frage jederzeit zur Diskussion stellen. Nervengase – vor allem VX, aber auch Soman und Sarin – können tödlich sein.«
»Aber die Herstellung ist problematisch.«
»Tabun ist relativ leicht herzustellen.«
»Tabun ist aber nur eingeschränkt stabil.«
»So kommen wir nicht weiter … probieren wir doch mal ein hämorrhagisches Fieber – zum Beispiel Ebola – an einem unserer Kunden aus.«
»Ebola führt uns nur in die Sackgasse. Zugegeben, es ist tödlich, aber auch relativ instabil, was ein Ebola-Programm problematisch macht.«
»Dennoch, wir haben die Sporen, die Konstantin in seinem Labor entwickelt hat, die könnten wir doch genauso gut an einem unserer Versuchskaninchen testen.«
»… wir haben nur noch acht.«
»… keine Sorge … zwei neue.«
Die drei Wissenschaftler, wenn es denn welche waren, setzten sich Gasmasken mit großen Kohlefiltern auf. Einer von ihnen holte ein Teströhrchen aus einem Kühlschrank, entfernte mit einem Taschenmesser den Wachsverschluss und träufelte dann vorsichtig einen einzigen Tropfen einer gelblichen Flüssigkeit auf einen Wattebausch in einer Petrischale, auf die er rasch einen Glasdeckel legte. Die Wissenschaftler schoben einen niedrigen Tisch an den Käfig am anderen Ende des Kellers und richteten einen kleinen Ventilator so aus, dass er die Luft über die Petrischale hinweg in den Käfig blies. Der bärtige Riese von einem Mann, der mit dem Rücken an den Käfigstäben lehnte, wippte nach vorn auf die Knie und fing an, die Männer in der Sprache der Plünderer anzubrüllen. Von dem Geschrei wurden die anderen Gefangenen wach. Almagul kam auf die Knie, umklammerte die Stäbe ihres Käfigs und schrie die Männer auf Usbekisch an. Der Gefangene in dem Käfig neben ihr tobte ebenfalls los. Als Almagul zu Martin herübersah, war ihr Gesicht vor Entsetzen verzerrt. »Die wollen mit dem Mann da hinten im Käfig ein Experiment machen«, rief sie und zeigte auf die Männer in den weißen Kitteln.
Im letzten Käfig ließ der bärtige Mann sich zurück aufs Gesäß sinken, hielt sich einen Hemdzipfel vor den Mund und atmete durch den Stoff. Einer der Wissenschaftler trug eine Kamera mit Stativ herbei und fing an, den Gefangenen zu filmen. Einer seiner Kollegen sah auf seine Armbanduhr, notierte die Zeit auf einem Klemmbrett, nahm dann den Deckel von der Petrischale und trat von dem Käfig zurück.
Martin musste an die Gerichtsverhandlung denken, die ihn und das Mädchen in die Affenkäfige gebracht hatte. Das Kriegsgericht – wie der Warlord es nannte – hatte nach der Mittagspause begonnen und dauerte nur zwanzig Minuten. Hamlet, der auf der Bühne des Theatersaals thronte, fungierte als Staatsanwalt und Richter. Martin, dessen Hände noch mit der Hundeleine gefesselt waren, war wegen Hochverrats angeklagt. Almagul, die der Beihilfe beschuldigt wurde, hatte hinter Martin gestanden und ihm nervös die Übersetzung ins Ohr geflüstert. Gleich zu Beginn des Verfahrens hatte Hamlet verkündet, dass er von der Schuld der Angeklagten absolut überzeugt sei und dass das Kriegsgericht lediglich die Aufgabe habe, über die Schwere der Schuld zu entscheiden und das Strafmaß festzusetzen.
»Was soll ich denn verbrochen haben?«, hatte Martin gefragt, nachdem er auf unschuldig plädiert hatte.
»Sie arbeiten für einen ausländischen Geheimdienst«, hatte Hamlet erwidert. »Sie wollten russische Biowaffengeheimnisse stehlen.«
»Ich möchte lediglich Samat Ugor-Shilow interviewen«, hatte Martin Almagul übersetzen lassen. Dann hatte er von Samats humanitärer Mission erzählt – die Rückführung der Gebeine des heiligen Gedymin in ein litauisches Dorf, um dafür die heiligen Thorarollen zu erhalten und sie nach Israel zu bringen.
»Und wo«, fragte Hamlet, beugte sich vor und legte den großen Kopf schief, um Martins Antwort besser verstehen zu können, »würde Samat die Gebeine des heiligen Gedymin finden?«
»Angeblich hat er sie in einer kleinen orthodoxen Kirche in Argentinien ausfindig gemacht, in der Nähe von Córdoba.«
»Und was«, fuhr der Warlord fort und ließ seine kleinen Füße auf der Munitionskiste tanzen, »würde Samat den Argentiniern für die Gebeine des Heiligen bieten?«
Martin erkannte, dass er das Minenfeld erreicht hatte. »Ich habe keine Ahnung«, sagte er. »Das ist eine der Fragen, die ich Samat stellen wollte.«
Worauf Hamlet in einen so heftigen Wortschwall ausbrach, dass Almagul alle Mühe hatte, mit der Übersetzung mitzukommen. »Er sagt, Sie wissen ganz genau, was Samat im Austausch bieten würde, sonst wären Sie nicht auf die Insel gekommen. Er sagt, das russische Atomwaffenarsenal wird in zehn Jahren veraltet sein und die Amerikaner werden Russland beherrschen, wenn es Samat nicht gelingt, Biowaffen zu perfektionieren, um die amerikanische Bedrohung abzuwehren. Er sagt, Biowaffen seien die einzige kostengünstige Lösung für das russische Problem. Er sagt, es kostet zwei Millionen Dollar, die Hälfte aller Menschen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer mit Raketen zu töten, die mit konventionellen Sprengköpfen bestückt sind, mit einer Nuklearwaffe kostet es achtzigtausend Dollar, mit einer chemischen Waffe sechshundert und mit einer Biowaffe einen Dollar. Wosroschdenije war mal das Zentrum der Biowaffenforschung in der Sowjetunion. Mit Samat als Leiter und Geldgeber entwickelt Wosroschdenije zur Zeit wieder ein Bioarsenal, das Russland vor der amerikanischen Herrschaft bewahren wird.«
Hamlet ließ sich zurück auf den Thron sinken. Einer der Wissenschaftler brachte eine Porzellanschüssel mit Wasser, das nach Desinfektionsmittel roch, und der Warlord wrang den darin liegenden Schwamm aus und wischte sich über die fiebrige Stirn.
Martin sagte sehr leise: »Wollen Sie damit andeuten, dass Samat den Argentiniern für die Gebeine des Heiligen einen Grundstock an Biowaffenerregern geben wird?«
»Das will ich ganz und gar nicht andeuten«, stöhnte der Warlord, nachdem Almagul übersetzt hatte. »Oder doch?«, fragte er die Wissenschaftler.
»Njet, njet«, antworteten sie alle durcheinander.
»Das ist der Beweis«, rief Hamlet und zeigte auf die Wissenschaftler, als wären sie seine Hauptzeugen.
»Was wollen Sie denn dann damit sagen?«, ließ Martin Almagul fragen.
»Wer steht hier vor Gericht, Sie oder ich?«, entgegnete der Warlord wütend. »Ich will damit nicht sagen, dass Samat das argentinische Militär mit Biowaffen beliefert. Ich will damit auch nicht sagen, dass er ihnen die Orbits von amerikanischen Spionagesatelliten geliefert hat. Das Gerücht entbehrt jeder Grundlage. Jeder Idiot weiß schließlich, dass Spionagesatelliten nur dann erstklassige Fotos liefern, wenn sie in niedriger Höhe fliegen und die Erde in einem polaren Orbit alle neunzig Minuten umkreisen. Jeder Idiot weiß auch, dass sie sich immer nur ein paar Minuten über irgendeiner beliebigen Stelle der Erdoberfläche befinden. Wenn man weiß, wann genau ein Satellit über einem sein wird, kann man die Operationen, die man vor den Amerikanern geheim halten will, verschieben. So machen Indien und Pakistan das seit Jahren. Ebenso der Irak. Daher auch das Gerücht, Samat hätte von Saddam Hussein die Satellitenorbits erfahren, die er den Argentiniern für die Gebeine des Heiligen angeboten hat.«
Martin dämmerte allmählich, dass Hamlet und seine Leute komplett verrückt waren – Figuren, denen Alice im Wunderland begegnet sein könnte –, und er hielt es für ratsam, dem Warlord das Gefühl zu geben, dass er ihn ernst nahm. »Und was wiederum könnte Samat Saddam Hussein für die Orbits gegeben haben?«
Almagul flüsterte: »Es ist gefährlich, die Antwort darauf zu wissen«, aber Martin, trunken von Staatsgeheimnissen, wies sie an, die Frage zu übersetzen.
Hamlet zückte seinen Marinerevolver und ließ die Trommel kreisen, was ein tickendes Geräusch durch den Raum hallen ließ. Dann hob er die Waffe und zielte auf Martins Kopf. »Peng, peng, du bist ausgerottet«, sagte er. Er lachte über seinen kleinen Scherz, und die anderen im Saal lachten mit ihm, wenn auch etwas nervös, wie es Martin schien. Dann sagte Hamlet: »Wenn Samat gewollt hätte, hätte er Saddam Hussein Milzbrandsporen und hämorrhagische Saatviren liefern können, die hier auf der Insel gezüchtet werden.«
Der Warlord hob die Motorradbrille von den Augen und kratzte sich nachdenklich mit dem Revolverlauf die Knollennase. Der Anflug eines Grinsens erschien auf seinen dicken Lippen. »Er hätte die Orbits gegen die Gebeine des Heiligen tauschen können. Und die Gebeine des Heiligen gegen die Thorarollen. Aber natürlich ist nichts davon passiert.«
Hamlet wurde des Spiels überdrüssig und schlug mit dem Revolvergriff auf die Armlehne des Throns. »Hiermit befinde ich Sie und das Mädchen für schuldig. Sie beide werden in die Affenkäfige gesperrt und als Versuchskaninchen für unsere Experimente benutzt. Die Verhandlung ist beendet.«
Das Stöhnen des Riesen in dem letzten Käfig riss Martin aus seinen Gedanken. Almagul, die im Käfig neben Martin gegen die Stäbe gelehnt auf dem eiskalten Boden saß, vergrub den Kopf zwischen den Knien. Ihr Körper bebte von lautlosem Schluchzen. Martin streckte eine Hand durch die Stäbe und berührte sie an der Schulter. »Ich weiß, wer die Männer in den Käfigen sind«, flüsterte das Mädchen heiser.
»Das sind die Vermissten aus Nukus. Wir werden alle sterben, wie mein Vater und meine Schwester«, fügte sie hinzu. »Sie haben schon sechs Männer aus Nukus getötet und ihre Knochen den Flamingos vorgeworfen.«
Der Mann in dem letzten Käfig kippte nach vorn und prallte mit dem Kopf auf den Boden, dann rollte er auf die Seite. Der Wissenschaftler mit der Kamera rief seine beiden Kollegen herbei. Der Mann mit dem Klemmbrett öffnete das Vorhängeschloss an dem Affenkäfig, und die drei Wissenschaftler, die noch immer ihre Gasmasken trugen, krochen hinein. Einer von ihnen hob die schlaffe Hand des reglosen Mannes auf und ließ sie wieder fallen. »Konstantin wird sich freuen, wenn er hört, dass sein Ebola –«, setzte er an, als der riesige Mann sich plötzlich brüllend aufrichtete und anfing, mit bloßen Fäusten die Gasmasken und die Gesichter der Wissenschaftler zu zerschlagen. Zwei von ihnen, denen unter der Maske Blut vom Kinn tropfte, krochen auf die niedrige Käfigtür zu, doch der Riese hielt sie an den Füßen fest und riss sie zurück. Er kroch auf sie drauf, packte sie an den Haaren und zerschmetterte ihre Gesichter auf dem Zementboden. Die Gefangenen in den anderen Käfigen riefen dem Riesen zu, er solle sie befreien, doch er ließ nicht von den Wissenschaftlern ab. Erst Almaguis Stimme drang schließlich ins Bewusstsein des tobenden Mannes vor. Keuchend und mit einem wahnsinnigen Blick in den vorquellenden Augen ließ er die blutigen Köpfe los und blickte auf.
Almagul rief seinen Namen und sprach in der seltsamen Sprache der Plünderer beruhigend auf ihn ein. Der Riese, Arme und Hemd mit Blut besudelt, kroch aus dem Käfig und richtete sich taumelnd auf. Die übrigen Gefangenen redeten alle gleichzeitig auf ihn ein. Almagul sprach leise mit dem Riesen. Martin sah, dass ihm Schleim aus der Nase troff, als er durch den Keller zu dem Stahltisch torkelte, eines der Beine abbrach und zurück zu den Käfigen kam. Nacheinander steckte er das schmale Ende des Tischbeins durch den Bügel der Vorhängeschlösser und knackte sie auf. Martin wurde als Letzter aus seinem Käfig befreit. Der Riese brach zu seinen Füßen zusammen, und als Martin sich bückte und ihm helfen wollte, merkte er, dass der Mann vor Fieber glühte. »Wir können nichts mehr für ihn tun«, sagte Almagul. Die anderen wichen vor dem am Boden Liegenden zurück, bis Almagul sie böse anfauchte. Einer von ihnen trat näher, nahm dem Riesen das Tischbein aus der Hand und erlöste ihn mit einem Schlag auf den Kopf von seinen Qualen. Dann bewaffneten sich die Plünderer mit den Stahlbeinen des Tisches und den Holzbeinen der Stühle und stiegen die Steintreppe hoch. Almagul ging voraus und öffnete vorsichtig die Stahltür des Biowaffenlabors. Dann trat sie beiseite, um die anderen durchzulassen. Zwei russische Wissenschaftler, die auf Pritschen schliefen, wurden erdrosselt. Drei Kollegen von ihnen arbeiteten in einem Kühlraum mit gefrorenen Milzbrandsporen. Martin schob eines der stählernen Tischbeine durch die Türgriffe und drehte dann den Thermostat hoch. Als die drei Männer merkten, dass sie eingeschlossen waren, hämmerten sie verzweifelt gegen die dicke Glasscheibe in der Tür. Einer der befreiten Gefangenen entdeckte in einem Schrank einen Plastikkanister mit Kerosin für einen Brenner. Er kippte das Kerosin über die Regale mit Petrischalen und über die Aktenschränke. Almagul entzündete ein Streichholz und warf es in das Kerosin. Ein bläuliches Feuer züngelte über den Boden, und im Nu stand das Labor in helllichten Flammen.
In einem Vorraum, wo in alten Schirmständern Säbel steckten, überraschten die flüchtenden Plünderer zwei Wachmänner, die gerade Backgammon spielten. Beide Wachen stürzten zu ihren Gewehren, wurden aber erschlagen, bevor sie sie erreichen konnten. Martin und Almagul nahmen die Gewehre, stopften sich die Taschen mit Patronen voll und eilten, gefolgt von den jetzt mit Säbeln bewaffneten Plünderern, eine Hintertreppe hinauf, die in die Eingangshalle führte. Der einzige Wachposten dort wich zurück an eine Wand und ergab sich mit erhobenen Händen, als er die Plünderer sah. Einer von ihnen ging schnurstracks auf ihn zu und spaltete ihm mit einem einzigen Säbelhieb den Schädel. Auf ein Zeichen von Martin hin verteilten sich die Männer und stürmten durch mehrere Flügeltüren in den Theatersaal. Der Kampf war kurz und tödlich. Martin pochte der eigene Herzschlag in den Ohren, und sein Finger am Abzug zitterte, als er drauflosschoss, ohne sich groß Zeit zum Zielen zu nehmen. Er gab den Gefangenen von hinten Feuerschutz, als sie säbelschwingend und wild brüllend die Bühne angriffen. Der Warlord, der auf seinem Thron Hof gehalten hatte, ging hinter dem Sessel in Deckung, während seine völlig überrumpelten Leute verzweifelt Widerstand leisteten. Zwei der Gefangenen wurden niedergestreckt, bevor sie die Bühne erreichten, einen dritten, der schon fast oben war, traf eine Kugel ins Gesicht. Als Martins Repetiergewehr eine Ladehemmung hatte, dröhnte ihm Lincolns Stimme durch den Kopf: Menschenskind, pack es am Lauf und benutz es als Keule. Beide Hände am Lauf, stürzte Martin sich in das Gefecht auf der Bühne und schlug wie wild auf die Gegner ein, die mit Gewehren oder Armen die Schläge abzuwehren versuchten. Als einer von ihnen stolperte, hechtete Martin auf ihn drauf und drückte ihn auf den Boden, bis ein Gefangener dem Mann die Hand abhackte, mit der er das Gewehr hielt. Keuchend stand Martin auf, und sogleich stellte ein anderer Gefangener einen Fuß auf das Gesäß des am Boden Liegenden und schlitzte ihm vom Hals bis zum Steißbein den Rücken auf, sodass seine Wirbelsäule frei lag. Allmählich gewannen die Gefangenen, die nichts zu verlieren und ihr Leben zu gewinnen hatten, mit ihrer Wildheit die Oberhand. Die blutüberströmten Verwundeten der gegnerischen Seite und die drei, die sich ergeben hatten, wurden in den Orchestergraben geschleift und mit dem Säbel enthauptet. Ein kopfloser Mann machte noch ein paar Schritte, ehe er zu Boden fiel. Martin war schon flau im Magen, und nun sah er, wie die Plünderer den Thron umkreisten, fast so, als spielten sie ein harmloses Kinderspiel. Hamlet hatte sich das Stück Bühnenvorhang, das als Teppich diente, über den Kopf gezogen. Die Plünderer rissen es ihm aus den Händen und trieben den Warlord mit leichten Säbelstößen auf die Beine. Hamlet wischte sich Rotz von der Nase und flehte um Gnade, während seine Peiniger ihm Hose, Stiefel, Handschuhe und Motorradbrille auszogen und ihn durch den Saal und die Eingangshalle hinaus auf die Straße stießen.
Vorsichtig tastete sich Hamlet barfuß durch die Gosse, während er ununterbrochen in der seltsamen Sprache der Plünderer plapperte, von denen keiner ihm die geringste Beachtung schenkte. Die Sonne schob sich gerade über den Horizont, als die Gruppe auf demselben Weg die Stadt verließ, auf dem Martin nach Kantubek gekommen war. Sie kamen an dem Hangar vorbei, der von Sand und Staub umwirbelt wurde, und dort fanden die Plünderer eine Rolle Kupferdraht, mit dem sie den Warlord der Insel Wosroschdenije an einen der ausgeschlachteten grünen Laster fesselten. Die Hände banden sie ihm über dem Kopf an den verrosteten Rahmen eines Fensters, sodass seine Füße nur gerade eben mit den Zehenspitzen auf den Boden kamen. Der Warlord wimmerte etwas, und Almagul, die von der Straße aus zusah, rief Martin die Übersetzung zu.
»Er bittet Sie, ihn hier nicht den Ratten und Flöhen zu überlassen. Er fleht Sie an, ihn zu erschießen.«
»Frag ihn, wo Samat nach seinem letzten Besuch hier hinwollte«, rief Martin.
»Ich versteh ihn nicht richtig«, erwiderte Almagul. »Er sagt nur irgendwas über die Gebeine dieses Heiligen, die zurück in eine Kirche in Litauen gebracht werden sollen.«
»Frag ihn, ob die Kirche in dem Dorf Susowka steht, nicht weit von der Grenze zu Weißrussland.«
»Ich glaube, er ist verrückt geworden. Jetzt sagt er, dass Samat ein Heiliger ist – immer und immer wieder.«
Hamlet Achbas unverständliches Gezeter war noch eine Weile zu hören, als Martin und Almagul mit den vier anderen Überlebenden durch die Dünen zum Strand gingen. Irgendwann blieb Martin stehen und drehte sich zu dem Hangar um. Als er schon fast wieder die Dünen hoch zurück zu dem Warlord gehen wollte, hörte er Dantes wildes irisches Lachen im Ohr. Hast du vergessen, welchen Rat die Bibel für Opfer parat hat, wie sie emotional überleben können? Auge um Auge, Zahn um Zahn, Mann. Als Martin zögerte, seufzte Dante ungeduldig. Was bist du bloß für ein Weichei. Martin musste ihm Recht geben. Mit einem grimmigen Nicken drehte er sich um und folgte den anderen zum Strand. Die Männer spülten sich im See das Blut ab, zogen das Boot vom Sand und kletterten an Bord. Almagul ließ den Motor an, was die weißen Flamingos wild aufflattern ließ. Sie fuhr rückwärts, bis das Wasser tief genug war, um das Boot zu wenden, und gab dann Vollgas. Während Almagul Melone und Ziegenkäse aus dem mitgebrachten Korb verteilte, starrte Martin zurück auf die Geisterstadt Kantubek, die immer kleiner und kleiner wurde, bis sie im Dunst verschwand.
Die ernste Schalterbeamtin im Hauptpostamt von Nukus hatte noch nie ein Auslandsgespräch vermittelt und musste erst das entsprechende Kapitel im Handbuch lesen, ehe sie sämtliche Vorwahlnummern zusammen hatte und wusste, wie das Gespräch berechnet werden musste. Beim dritten Versuch erreichte sie endlich den Anschluss in einem New Yorker Stadtteil, dessen Name ihr nichts sagte – Brooklyn –, und drückte die Schachuhr, um die Dauer des Anrufs zu stoppen.
»Stella, bist du das?«, rief Martin in der offenen Telefonzelle in den Hörer, während das halbe Dutzend alter Leute, die an einem Schalter Schlange standen, darüber staunten, wie es möglich war, dass jemand seine Stimme durch ganz Europa und über den Atlantik bis in die Vereinigten Staaten von Amerika schicken und im Bruchteil einer Sekunde eine Antwort erhalten konnte.
»Hast du Samat gefunden?«
»Ich hätte ihn fast gehabt. Das Basketballfeld war noch schwarz vom Ruß der Motorabgase.«
»Alles in Ordnung mit dir, Martin?«
»Jetzt wieder. Eine Zeitlang stand es aufs Messers Schneide.«
»Was hat ein Basketballfeld mit Samat zu tun?«
»Das ist in einen Hubschrauberlandeplatz umfunktioniert worden. Im Gegensatz zu mir reist Samat erster Klasse. Und ich tuckere in einem Boot mit Außenbordmotor hinter ihm her. Wie kommst du mit deinem neuen Schneidezahn klar?«
»Ich muss sagen, du hattest Recht – der alte Zahn hatte einen gewissen Charme, auch wenn ich damit zerbrechlich ausgesehen habe. Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich mich selbst nicht wieder.«
»Schlag doch einfach von dem neuen eine Ecke ab.«
»Sehr witzig. Martin, werd jetzt bitte nicht böse, aber du bist doch auf der Suche nach Samat, oder?«
»Was soll die Frage?«
»Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Ich meine, ich kenne dich eigentlich kaum. Ich glaube zwar nicht, dass du ein Serienkiller bist oder so, aber du könntest ein Serienlügner sein. Wäre doch möglich, dass du aus Manhattan anrufst und alles andere erfindest.«
»Ich rufe aus einem Postamt in Usbekistan an. Für die Frau, die den Anruf vermittelt hat, war das die erste Auslandsverbindung ihres Lebens.«
»Ich möchte dir ja glauben. Wirklich. Aber die Leute, für die du gearbeitet hast – du weißt schon –, haben gestern eine Psychiaterin hergeschickt, eine Bernice Treffler. Sie hat gesagt, dass sie dich behandelt hat, nachdem du entlassen wurdest.«
»Was hat sie noch gesagt?«
»Sie hat gesagt – ach, Martin …«
»Spuck’s aus.«
»Sie hat gesagt, du seist nicht ganz richtig im Kopf. Stimmt das, Martin?«
»Ja und nein.«
Stella fuhr aus der Haut. »Was ist denn das für eine Antwort, verdammt nochmal? Entweder es stimmt, oder es stimmt nicht. Dazwischen gib es nichts.«
»Das ist komplizierter, als du denkst. Es gibt etwas dazwischen. Ich bin nicht verrückt, aber ich kann mich an manche Sachen nicht erinnern.«
»Was für Sachen?«
Die Schalterbeamtin beobachtete die Schachuhr und sagte leise etwas zu Almagul, die daraufhin zu Martin kam und ihn am Ärmel zupfte. »Sie sagt, das Telefonat kostet Sie bereits so viel, wie sie in einem Jahr verdient.«
Martin winkte das Mädchen weg. »Irgendwann«, sagte er zu Stella, »ist mir entglitten, welche von den diversen Häuten, in denen ich gesteckt habe, mein wahres Ich war.«
Er hörte Stella ins Telefon seufzen. »Na toll! Ich hätte wissen müssen, dass das alles zu schön ist, um wahr zu sein.«
»Stella, hör doch mal. Was mit mir nicht stimmt, ist nichts Schlimmes, weder für mich noch für uns.«
»Uns?«
»Uns, ja, darum geht es hier doch, oder?«
»Wow! Ich gebe zu, es gibt Augenblicke, da klingst du, als seiest du nicht ganz richtig im Kopf. Und dann wieder klingst du für meine Begriffe vollkommen normal.«
»Ich bin unvollkommen normal.«
Stella fing an zu lachen. »Mit Unvollkommenheit kann ich leben –«
Plötzlich war die Leitung tot. »Stella? Stella, bist du noch da?« Er rief Almagul zu: »Sag ihr, die Verbindung wurde unterbrochen.«
Als Almagul übersetzte, drückte die Schalterbeamtin die Schachuhr und errechnete die Kosten des Anrufs mit einem Abakus. Dann schrieb sie den Betrag auf einen Zettel und hielt ihn hoch, damit alle im Postamt sahen, was für ein Vermögen dieser geistesgestörte Ausländer für ein einziges Telefongespräch ausgegeben hatte.