1987: DANTE PIPPEN WIRD IRA-BOMBER

Die acht Personen, die im Keller von Langley in einem fensterlosen Raum am Konferenztisch saßen, fingen wie immer mit dem Familiennamen an und grenzten die Liste schon bald auf einen Namen ein, der irisch klang, um dann eine halbe Stunde lang darüber zu debattieren, wie er geschrieben werden sollte. Am Ende wandte sich der Vorsitzende, ein ehemaliger CIA-Stationschef, der direkt der neuen DDO Crystal Quest unterstand, an den Agenten, der als Martin Odum bekannt war und die Diskussion von seinem nach hinten gegen die Wand gekippten Stuhl aus verfolgte. Da Martins »Odum«-Legende verbrannt war und schließlich er es war, der die neue Identität benutzen sollte, sei es angemessen, wenn er die Schreibweise bestimmte. Ohne Zögern sprach Martin sich für Pippen mit Doppel-p aus. »Ich habe öfter in der Zeitung was über einen jungen schwarzen Basketballspieler an der University of Central Arkansas gelesen, der Scottie Pippen heißt«, erklärte Martin. »Da hab ich gedacht, das ist ein Name, den man sich gut merken kann.«

»Dann also Pippen«, verkündete der Vorsitzende, und alle machten sich an die Auswahl eines Vornamens, der zu Pippen passte. Ein junger Mitarbeiter des Legenden-Ausschusses, ein Aversionstherapeut mit Yale-Abschluss, schlug halb im Scherz vor, Nägel mit Köpfen zu machen und Scottie als Vornamen zu nehmen. Maggie Poole, die in Oxford Vorlesungen zur mittelalterlichen Geschichte Frankreichs besucht hatte und hier und da gern mal ein französisches Wort einstreute, schüttelte den Kopf. »Ihr haltet mich bestimmt alle für verrückt, aber gestern Nacht ist mir im Traum ein Name in den Sinn gekommen, denn ich für parfait halte. Dante, wie in Dante Alighieri.« Sie blickte erwartungsvoll in die Runde.

Die einzige andere Frau im Ausschuss, eine Lexikographin von der University of Chicago, stöhnte auf. »Dante Pippen ist ein viel zu auffälliger Name«, sagte sie, »an den kann man sich viel zu leicht erinnern.«

»Aber gerade deshalb ist er ja optimal«, rief Maggie Poole. »Niemand, der eine Liste mit Namen durchgeht, kommt auf die Idee, dass Dante Pippen ein pseudonyme ist, eben weil er einem ins Auge sticht.«

»Da hat sie Recht«, stimmte der Älteste im Ausschuss zu, ein alter CIA-Hase, der schon während des Zweiten Weltkriegs Legenden für Agenten erfunden hatte.

»Ich gebe zu, dass ich nichts gegen den Klang von Dante habe«, warf der Aversionstherapeut ein.

Der Vorsitzende blickte Martin an. »Was meinen Sie?«, fragte er.

Martin wiederholte den Namen einige Male. Dante. Dante Pippen. »Ja. Ich finde, der passt zu mir. Mit Dante Pippen kann ich leben.«

Sobald der Name feststand, war der Rest der Covergeschichte ein Kinderspiel.

»Unser Dante Pippen ist also Ire und stammt aus, sagen wir, Cork County.«

»Von wo da?«

»Ich habe mal Urlaub in einem Hafenstädtchen namens Castletownbere gemacht«, sagte der Aversionstherapeut.

»Castletownbere, Cork, das klingt gut. Wir schicken ihn für eine Woche dorthin, damit er sich mit dem Ort vertraut macht. Er kann sich einen Stadtplan und das Telefonbuch besorgen und sich die Namen von den Straßen, Hotels und Geschäften einprägen.«

»Castletownbere ist ein Fischereihafen. Er könnte sich als Jugendlicher auf einem Fischkutter sein Taschengeld aufgebessert haben.«

»Und später, als sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte, hat er seine Heimat verlassen, um sein Glück in der Neuen Welt zu suchen.«

»Als Ire ist er natürlich von Haus aus katholisch. Wenn wir dem Pfarrer von Castletownbere eine großzügige Spende anbieten, sorgt er vielleicht dafür, dass Dantes Name im Taufregister auftaucht.«

»Eines schönen Tages hatte er dann die Nase voll von der Kirche. So ergeht’s ja fast den meisten irischen Männern.«

»Also ein weltlicher Katholik«, sagte der Vorsitzende und notierte sich diese biographische Einzelheit auf seinem Schreibblock.

»Ein ausgesprochen weltlicher Katholik«, warf Martin von seinem Platz an der Wand aus ein.

»Aber nur weil er mit der Kirche nichts mehr zu tun haben will, muss das bei seiner Familie noch lange nicht so sein.«

»Ich würde sagen, wir geben ihm einen Bruder und eine Schwester, die zwar noch in der Kirche sind, aber sich nicht ausfindig machen lassen, weil sie nicht mehr unter dem Namen Pippen leben. Bruder Soundso. Schwester Soundso.«

»Der Bruder könnte ein Jesuitenpriester im Kongo sein, der an irgendeinem gottverlassenen Fluss, wo es von Krokodilen nur so wimmelt, die Eingeborenen missioniert.«

»Und die Schwester – aus der machen wir eine Nonne in einem Klosterkrankenhaus irgendwo im hintersten Winkel der Elfenbeinküste.«

»Sie hat natürlich ein Schweigegelübde abgelegt, was bedeutet, dass sie nicht vernommen werden kann, selbst wenn einer sie aufspürt.«

»Ist Dante Pippen Raucher oder Nichtraucher?«

Der Vorsitzende wandte sich an Martin. »Ich versuche in letzter Zeit, weniger zu rauchen. Wenn Dante Pippen Nichtraucher sein soll, wär das für mich ein Anreiz, ganz aufzuhören«, entgegnete dieser.

»Also dann, Nichtraucher.«

»Passen Sie auf, dass Sie nicht zunehmen. Die CIA mag keine übergewichtigen Agenten.«

»Wir sollten den einen oder anderen einstellen – Fettleibigkeit wäre eine ausgezeichnete Tarnung.«

»Auch wenn unser Dante Pippen vom Glauben abgefallen ist, so könnte er als Kind durchaus auf einer katholischen Schule gewesen sein.«

Der Vorsitzende machte sich wieder eine Notiz. »Gute Idee«, sagte er. »Wir besorgen jemanden, der ihm beibringt, den Rosenkranz auf Lateinisch zu beten – das könnte er dann bei Gelegenheit in Gespräche einfließen lassen und so seine Glaubwürdigkeit steigern.«

»Womit wir zum Thema Beruf kommen. Womit verdient unser Dante Pippen seine Brötchen?«

Der Vorsitzende nahm Martin Odums Akte und schlug die Seite mit der Biographie auf. »Du meine Güte, unser Martin Odum ist ja ziemlich vielseitig. Er wurde in Lebanon County, Pennsylvania, geboren, und zwar in einem Kaff namens Jonestown, wo sein Vater eine kleine Fabrik hatte und während des Zweiten Weltkriegs Unterwäsche für die Army herstellte. Nach dem Krieg ging die Firma Pleite, und Papa Odum zog mit seiner Familie nach Crown Heights, Brooklyn, um einen Elektroladen aufzumachen. Da war Martin acht Jahre alt.«

»In Brooklyn aufzuwachsen fördert diese Vielseitigkeit nicht gerade«, witzelte Maggie Poole. Sie drehte sich nach Martin Odum um.

»Ich hoffe, ich bin Ihnen nicht auf den Schlips getreten.«

Martin schmunzelte nur.

»Also, weiter im Takt«, sagte der Vorsitzende. »Unser Mann hat an einem College in Long Island studiert, Betriebswirtschaft als Hauptfach, Russisch als Nebenfach, aber ohne Abschluss. In den Ferien hat er in den verschiedenen Mittelgebirgen unseres Landes Bergtouren unternommen. Da er nicht recht wusste, was er machen sollte, ist er zur Army gegangen, um die Welt zu sehen, und ist, Gott allein weiß wie, beim Militärischen Abschirmdienst gelandet, Schwerpunkt antikommunistische Dissidenten in den Satellitenstaaten Osteuropas. Ist das richtig, Martin? Ah, hier ist noch was Faszinierendes. In jüngeren Jahren hat er in der Privatwirtschaft mit Sprengstoff gearbeitet –«

Maggie Poole wandte sich zu Martin um und fragte: »Was genau haben Sie da gemacht?«

Martin stieß sich von der Wand ab und landete auf allen vier Stuhlbeinen. »Das war bloß ein Job in den Sommerferien. In einer Abrissfirma, die alte Gebäude sprengte. Ich war der Typ, der durch ein Megaphon rief, dass alle sich in Sicherheit bringen sollten.«

»Aber kennen Sie sich auch mit Dynamit aus?«

»Ich hab von den Sprengstoffexperten das eine oder andere gelernt. Ich hab mir Bücher besorgt und gebüffelt. Am Ende des Sommers hatte ich meine Sprenglizenz in der Tasche.«

»Haben Sie Sprengstoff verarbeitet oder bloß die Zündschnur angezündet?«

»Sowohl als auch. Als ich bei der Company anfing«, sagte Martin, »hab ich die ersten ein, zwei Monate Briefbomben gebastelt, dann wurde ich befördert und habe Handys so umgerüstet, dass wir sie aus der Ferne detonieren lassen konnten. Ich habe auch Erfahrung mit Penta-Erythrityl-Tetranitrat, das Ihnen als PETN bekannt ist, ein Sprengstoff, der von Terroristen bevorzugt wird. Er lässt sich mit Latex mischen, was ihn knetbar macht. Dann kann man ihn so formen, dass er in alles Mögliche reinpasst – Telefone, Radios, Teddybären, Zigarren. Relativ kleine Mengen PETN erzeugen eine Riesenexplosion, und solange keine Zündkapsel vorhanden ist, bleibt es ungemein stabil. PETN ist zwar nicht ohne weiteres im Handel erhältlich, aber wer eine Sprenglizenz hat wie Martin Odum, kann sich die Bestandteile für rund zwanzig Dollar das Pfund besorgen. Der Sprengstoff wird übrigens von den heutigen Röntgengeräten bei der Gepäckkontrolle am Flughafen nicht erfasst.«

»Na, das eröffnet ja ein paar interessante Möglichkeiten«, sagte der Vorsitzende in die Runde.

»Er könnte eine Zeit lang als Sprengstoffexperte in einem Steinbruch in Colorado gearbeitet haben. Dann wurde er aus irgendeinem Grund gefeuert –«

»Weil er PETN gestohlen und zu Geld gemacht hat –«

»Weil er mit der Frau von seinem Boss geschlafen hat.«

»Vielleicht sogar homosexualité.«

Martin meldete sich zu Wort. »Also bitte, ich weigere mich, Homosexualität in meiner Legende zu haben.«

»Uns fällt schon noch ein triftiger Grund ein. Also, wir haben bisher einen irischen Katholiken –«

»Einen Katholiken, der vom Glauben abgefallen ist. Nicht vergessen.«

»– einen irischen Katholiken, der vom Glauben abgefallen ist und mit Sprengstoff gearbeitet hat.«

»Dann aber wegen eines bislang noch nicht feststehenden Verstoßes entlassen wurde.«

»Woraufhin er freiberuflich als Sprengstoffexperte gearbeitet hat.«

»Könnte er irgendwann Mitglied der IRA gewesen sein?«

»Ein Sprengstoffexperte der IRA! Na, das nenn ich kreativ! So was könnten weder die Russen noch die Osteuropäer nachprüfen, die IRA ist nämlich verschwiegener als der KGB.«

»Er könnte in England festgenommen worden sein, die Unterlagen könnten wir beschaffen. Nach ein oder zwei IRA-Anschlägen festgenommen und verhört, dann aus Mangel an Beweisen freigelassen.«

»Über die Festnahme könnten wir sogar kleine Meldungen in der Presse lancieren.«

»Das ist ja eine Goldader«, sagte der Vorsitzende mit vor Begeisterung großen Augen. »Was meinen Sie, Martin?«

»Die Geschichte gefällt mir«, erwiderte Martin von seinem Platz aus. »Crystal Quest wird sie auch gefallen. Dante Pippen ist genau die Legende, die viele Türen öffnen wird.«