ACHTZEHN
Sie steckten in Schwierigkeiten. Sie drängten in das Gebäude und bewegten sich durch die Dunkelheit zur rückwärtigen Wand hin, schwitzend und keuchend, und Cole erwartete jeden Moment, dass die dünne Tür hinter ihnen aufflog.
Und dann strömen sie schreiend herein und reißen uns mit ihren Klauen in Fetzen, bevor wir sie auch nur sehen!
„Hab ’nen Plan“, schnaufte John, und Cole fühlte ein Fünkchen Hoffnung, eine Hoffnung, die genau bis zu Johns nächstem Satz anhielt.
„Wir rennen wie die Teufel zur Rückwand!“, sagte er wild entschlossen.
„Bist du irre?“, erwiderte Leon. „Hast du gesehen, wie der eine gesprungen ist? Wir haben keine Chance, ihnen davonzulaufen …“
John holte tief Luft und fuhr schnell fort: „Du hast recht, aber du und ich, wir sind beide gute Schützen, wir könnten ein paar der Straßenleuchten entlang des Weges ausschießen. Selbst wenn sie im Dunkeln sehen können, wär’s wenigstens eine Ablenkung und würde sie vielleicht ein bisschen verwirren.“
Leon sagte nichts, und obwohl er sein Gesicht nicht deutlich ausmachen konnte, sah Cole doch, wie er sich die Schulter rieb, dort, wo der Hieb der Kreatur ihn getroffen hatte. Langsam und bedächtig, als ziehe er Johns Idee tatsächlich in Betracht.
Die sind beide völlig verrückt geworden!
Cole mühte sich, das unverhohlene Entsetzen aus seiner Stimme zu verbannen. „Gibt’s nicht noch eine andere Möglichkeit? Ich meine, wir könnten doch … wir könnten raufklettern und über die Dächer fliehen.“
„Die Gebäude sind alle unterschiedlich hoch“, sagte John. „Und ich glaube nicht, dass sie dazu gebaut sind, viel Gewicht zu tragen.“
„Wie wär’s denn, wenn wir …“
Leon unterbrach ihn leise. „Wir haben nicht genug Munition, Henry.“
„Dann gehen wir zurück nach Phase drei, denken drüber nach und …“
„Wir sind näher an der Südwestecke“, sagte John, und Cole wusste, dass sie recht hatten, wusste es und hasste es zutiefst. Dennoch suchte er nach einer Alternative, versuchte, sich einen anderen Weg zu überlegen. Die Jäger waren schrecklich, sie waren das Schrecklichste, was Cole je gesehen hatte …
… und irgendwo da draußen schrie einer von ihnen. Der kreischende, wütende Laut dröhnte durch die dünnen Wände, und Cole wurde klar, dass sie keine Zeit hatten, um sich einen besseren Plan auszudenken.
„Okay, ja, okay“, sagte er und dachte, das Mindeste, was er tun könne, sei, es zu schlucken und sich dem Unvermeidlichen zu stellen, als habe er tatsächlich Mut.
Ich werde sie nicht runterziehen, dachte er, holte tief Luft und straffte seine Schultern ein bisschen. Wenn es denn eben sein musste, würde er sich vor ihnen nicht die Blöße geben, sich in einen flennenden Feigling zu verwandeln – und er würde ihre Chancen nicht schmälern, indem er ihnen zur Last wurde.
Cole zog den Clip, den John ihm gegeben hatte, aus der Tasche und tauschte ihn fahrig gegen den leeren aus. Sein Herz schlug hart. Und es überraschte ihn ein wenig, dass er sich jetzt, da er seine Entscheidung gefällt hatte, tapferer fühlte.
Ich könnte durchaus sterben, sagte er zu sich selbst und wartete auf den Ansturm des Schreckens – aber er kam nicht. Ohne John und Leon wäre er bereits tot, und vielleicht war dies seine Chance, einen von beiden oder alle beide davor zu bewahren, verletzt zu werden.
Ohne ein weiteres Wort bewegten sie sich zu dritt auf die Tür zu. Cole dachte, dass sich sein Leben in den vergangenen paar Stunden mehr verändert hatte als in den letzten zehn Jahren – und dass er froh über diese Veränderung war, ganz unabhängig davon, wie sie zustande gekommen war. Er fühlte sich erstmals in sich stimmig. Er fühlte sich wirklich.
„Fertig …“, sagte John, und Cole atmete tief ein. Leon grinste ihm im weichen Licht, das durchs Fenster fiel, zu.
„… los!“
John riss die Tür auf, und sie rannten hinaus auf die Straße, während um sie herum die wilden Schreie der Jäger die Nacht erschütterten.
Restons Augen funkelten. Er beugte sich vor und starrte angespannt auf den Bildschirm. Die selbstmörderische Entscheidung der Gruppe entzückte ihn. Zu dritt stürmten sie wie Wahnsinnige ins Dunkel hinaus. Wie Tote, die nicht genug Grips hatten, in ihrer Bewegung innezuhalten.
Sie rannten nach Süden, John voraus, Red und Cole dicht hinter ihm. Von einem Gehsteig zu ihrer Rechten sprang ein Jäger heran, um sie in Empfang zu nehmen.
Und Licht blitzte auf, weiß und orangefarben, hoch über ihnen. Brennendes Glas regnete wie Flitter auf die Straße herab. Eine der Straßenlaternen … Sie hatten eine der Straßenlaternen ausgeschossen, und der 3Ker schien durchzudrehen, als das zerbrochene Glas auf ihn herabprasselte. Der Jäger, dessen Farbe von rot zu grau wechselte, fuhr herum, rasend und brüllend, suchte den Angreifer …
… und ignorierte dabei die flüchtenden Männer. Alle drei sprinteten vorbei, hoben die Waffen und schossen in den Himmel. Sie feuerten auf weitere Laternen, und Reston sah einen zweiten Jäger auf die Straße hinausspringen, fast unsichtbar als Schatten unter Schatten …
… und Cole, Henry Cole, täuschte links an und schlug rechts zu, rammte den Lauf seiner Waffe gegen den Schädel des vornüber gebeugten 3Kers …
… und Flüssigkeit versprühte nach überallhin; Hirn und Blut ergossen sich in einem Schwall aus der Schläfe des Wesens, als der Elektriker aus nächster Nähe schoss. Die Arme und Beine des Jägers zuckten, schlugen um sich, doch er war bereits tot. Cole sprang beiseite, rannte weiter und schloss zu den anderen auf, während weitere Straßenleuchten explodierten und Glas in zuckenden Blitzen aus weißem Licht umherflog.
„Nein“, flüsterte Reston und war sich gar nicht bewusst, gesprochen zu haben – aber er war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass die Sache ganz fürchterlich aus dem Ruder lief.
John rannte, hielt inne, um zu schießen, rannte weiter. Die brutalen Schreie jagten sie, der Glasregen und der Geruch von brennendem Metall schien aus allen Richtungen gleichzeitig auf sie zuzukommen …
… und er sah eines der Wesen auf der Straße, auf der Kreuzung vor ihnen die zum Käfig führte; er sah die seltsamen blitzenden Augen und das offene schwarze Loch des brüllenden Mauls …
Spar dir die Munition, Herrgott, es sieht genauso aus wie die Straße!
… und John rannte weiter, schnurstracks auf die Kreatur zu, zielte, während hinter ihm die Schüsse der Pistolen dröhnten. Das brüllende Ungeheuer war keine zehn Meter mehr von ihm entfernt, als er abdrückte.
Jetzt!
Eine kurze Salve, genau bemessen, direkt in das heulende, widernatürliche Gesicht …
… doch das Monster fiel nicht, und obwohl John ihm ausgewichen war, reichte der Abstand nicht ganz. Das verzerrte Gesicht des Wesens tauchte nur Zentimeter von seinem entfernt auf, sichtlich mit Blut besudelt, und es holte mit einem unmöglich langen Arm aus und drosch ihn gegen John.
Der Hieb krachte gegen seine linke Brusthälfte, und John rechnete damit, zerquetscht und durch die Luft geschleudert zu werden, den Körper zerschmettert zu bekommen – doch die Kugeln mussten die Kreatur geschwächt haben, denn John konnte zwar spüren, wie sich sein Brustmuskel vor Schmerz zusammenzog – der Schlag war brutal hart gewesen –, aber er hatte schon härtere Hiebe weggesteckt. Er geriet ins Wanken, fiel aber nicht, und dann war er vorbei und bog nach links ab, Richtung Westen.
Er warf einen Blick nach hinten, sah, dass die anderen noch bei ihm waren, und schaute nach vorn …
Dort ist es!
Weniger als einen Block entfernt endete die Straße an der gestrichenen Wand – und etwa anderthalb Meter über dem Boden befand sich eine Öffnung, ein Loch, das an die drei Meter breit und mindestens dreieinhalb hoch war …
… und zu seiner Rechten klang ein weiterer Schrei auf. Er konnte den getarnten Jäger nicht sehen, aber – bamm-bamm! – jemand, Leon oder Cole, schoss auf ihn, und das Kreischen wurde rasend vor Wut. John hob die M-16 und schoss eine weitere Straßenlaterne aus.
Zehn Sekunden und wir sind da!
Doch ein dunkelblaues Wandsegment begann sich von oben über die Öffnung zu senken, langsam aber stetig.
In ein paar Sekunden, so viel war sicher, würde es keinen Fluchtweg mehr geben.
Reston drückte wie wild auf das Zwingerschloss. Das Tor kroch in seiner Führung so langsam wie eine gottverdammte Schnecke nach unten. Restons Hände waren schweißnass. Seine Trunkenheit machte sich bemerkbar, ihn schwindelte. Ungläubig dachte er: Nein, nein-nein-nein …!
Zwar hatte er Zwei und Drei geschlossen, aber vorhin war hier noch ein Jäger drin gewesen, deshalb hatte er die Tür vorerst offen gelassen und dann vergessen – und jetzt war das Tier weg und die drei Männer waren drauf und dran zu entkommen. Ihm zu entkommen und dem Tod, der ihnen bestimmt war.
Schneller!
John warf einen Blick hinter sich, schrie; Red folgte ihm auf den Fuß, Cole war fast an seiner Seite …
… und nicht einmal sieben Meter hinter ihnen war ein Jäger. Er machte Boden gut, sein massiver Körper wechselte zwischen Braun und der Farbe des Asphalts, seine Krallen kratzten Furchen in die Straße.
Töte sie, tu es, spring, töte!
John schaffte es zu der Öffnung, Seine Hände schlugen gegen den unteren Rand, und in einer eleganten, verschwommenen Bewegung setzte er hindurch. Eine Hand schoss hervor, und Red war da, ergriff sie, wurde binnen eines Augenblicks hineingerissen …
… und dort war Cole. Er würde es auch schaffen, das Schott würde sich nicht rechtzeitig schließen, und da waren Hände, die sich ihm entgegenstreckten …
… und dann ließ der Jäger hinter ihm seine Arme niederfahren, seine Klauen fetzten in Coles Rücken, durch das Hemd und die Haut, durch Muskeln, vielleicht durch Knochen.
Die anderen zogen Cole hinein, und das Tor schloss sich vollends.
Cole schrie nicht, als sie ihn absetzten, obwohl er höllische Schmerzen haben musste. So sanft sie nur konnten legten sie ihn auf den Bauch. Leon war ganz schlecht vor Mitleid, als er die zerfetzte Masse sah, die einmal Coles Rücken gewesen war.
Er stirbt.
Binnen Sekunden lag Cole in einer Lache seines eigenen Blutes. Durch die Fetzen seines durchnässten, roten Hemdes konnte Leon das zerrissene Fleisch sehen, die zerfetzten Muskelfasern und darunter das glatte Glänzen von Knochen. Von zerschmettertem Knochen. Die Wunde bestand aus zwei langen, gezackten Rissen, beide begannen über den Schulterblättern und endeten am unteren Teil seines Rückens. Tödliche Wunden.
Cole atmete flach und keuchend, seine Augen waren geschlossen, seine Hände zitterten. Er war bewusstlos.
Leon sah John an, sah seine betroffene Miene, schaute weg. Es gab nichts, was sie für Cole tun konnten.
Sie befanden sich in einem riesigen, nach Raubtier riechenden Käfig aus Maschendraht, am Ende eines langen Ganges aus Beton, der offenbar über die gesamte Länge der vier Testbereiche verlief. Es war ziemlich dunkel, nur ein paar wenige Lichter brannten und tauchten den Zwinger in Schatten. Die Käfige waren durch Trennwände mit großen Fenstern unterteilt, und Leon konnte nur die neben ihnen liegende Zelle sehen, das Zuhause der Spucker. Sie war mit dicker Klarsichtplastikfolie umhüllt, der Boden mit Knochen übersät.
Der Käfig der Jäger war leer, mindestens zehn Meter breit und doppelt so lang. Entlang der Gitterwände reihten sich ein paar niedrige Tröge. Es war ein kalter und einsamer Ort, ein Ort, wie geschaffen zum Sterben, aber zumindest war Henry ohne Bewusstsein und spürte keinen …
„Dreht … mich um“, flüsterte Cole. Seine Augen waren offen, seine Lippen zitterten.
„Hey, lieg still“, sagte John sanft. „Du kommst wieder in Ordnung, Henry, bleib einfach nur, wo du bist – nicht bewegen, okay?“
„Gequirlte … Scheiße!“, sagte Cole. „Dreht mich um, ich … ich sterbe …“
John tauschte einen Blick mit Leon, der widerstrebend nickte. Er wollte Cole nicht noch mehr Schmerzen bereiten, aber er wollte ihm auch seinen letzten Wunsch nicht verweigern – er starb, sie sollten ihm alles geben, was sie nur konnten.
Langsam und vorsichtig hob John Cole an und drehte ihn um. Cole stöhnte, als sein Rücken den Boden berührte, seine Augen wurden groß und verdrehten sich, aber nach einem kurzen Moment schien er etwas Erleichterung zu verspüren. Vielleicht die Kälte … oder vielleicht war er schon über den Punkt hinaus bis zu dem man Schmerzen fühlte und wurde taub.
„Danke“, flüsterte er. Auf seinen blassen Lippen zerplatzte eine Blutblase.
„Henry, versuch dich auszuruhen“, sagte Leon leise. Ihm war nach Weinen zumute. Der Mann hatte so sehr versucht, tapfer zu sein und mit ihnen mitzuhalten.
„Fossil“, sagte Cole, den Blick auf Leon geheftet. „In der Röhre. Die … Jungs sagten – wenn es rauskäme, würde es – würde es alles … zerstören. Im … Labor. Westen. Verstanden?“
Leon nickte. Er verstand vollkommen. „Eine Umbrella-Kreatur im Labor. Fossil. Du willst, dass wir sie rauslassen.“
Cole schloss die Augen, sein wächsernes Gesicht war so reglos, dass Leon dachte, es sei vorbei – aber Henry sprach noch einmal, so leise, dass sie sich über ihn beugen mussten, um ihn zu hören.
„Ja“, presste er hervor. „Gut.“
Henry Cole schöpfte ein letztes Mal Atem, stieß ihn aus – und seine Brust hob sich nie wieder.
Nur Minuten nach Coles Tod fanden die beiden Männer heraus, wie sie aus dem Käfig der Jäger entkommen konnten. Reston starrte den Bildschirm an, empfand nichts, gar nichts, fest entschlossen, keine Überraschung mehr in sich aufkeimen zu lassen. Sie waren einfach nicht menschlich, das war alles. Wenn er das erst einmal akzeptiert hatte, gab es nichts mehr, was ihn noch erstaunen konnte.
Die Futtertröge steckten in langen, schmalen Lücken des Stahlgitters, sodass die Betreuer die Spezies füttern konnten, ohne den Käfig betreten zu müssen. Die Tröge standen an der Außenseite weit genug vor, dass man das Futter einfach hineinwerfen konnte, und die Tiere nahmen es sich von ihrer Seite aus. Grund zur Sorge, dass die 3Ker versuchen könnten, die Futterbehälter hineinzuziehen oder hinauszudrücken, bestand nicht, da die Lücken für ihre Körper viel zu schmal waren.
Aber nicht für menschliche Körper … oder für sie, was immer sie auch sein mögen.
John und Red fingen an, gegen einen Trog zu treten, und als er nach außen zu rutschen begann, nahm Reston seinen Revolver auf, erhob sich und wandte sich von den Monitoren ab. Es hatte keinen Sinn, weiter nur zuzusehen. Er hatte versagt, die Tests des Planeten hatten sich als zu einfach erwiesen, und er würde hart bestraft werden für das, was er getan hatte. Vielleicht sogar getötet. Aber er war nicht bereit zu sterben, noch nicht – und nicht durch ihre Hand.
Aber der Aufzug, die Leute an der Oberfläche …
Auch nach oben zu gehen, barg keine Sicherheit in sich. Das Areal wimmelte inzwischen wahrscheinlich von diesen S. T. A. R. S.-Soldaten. Sie würden ihn abfangen und warteten sicher schon darauf, dass ihre beiden Jungs ihn hinaustrieben …
Kann nicht nach oben gehen. Kann sie nicht umbringen. Nicht genug Zeit … Die Cafeteria!
Seine Angestellten würden ihm helfen. Wenn er sie erst befreit und ihnen die Sache erklärt hatte, würden sie sich um ihn scharen und ihn vor jeglichem Schaden bewahren. Die Einzelheiten musste er natürlich noch ausklügeln, aber darüber konnte er unterwegs nachdenken.
Muss jetzt los. Sie werden bald draußen sein – draußen sein und nach mir suchen. Werden vielleicht versuchen, Cole zu rächen. Versuchen, mich dafür büßen zu lassen, wo ich doch nur meinen Job getan habe. Getan habe, was jeder Mann an meiner Stelle getan hätte …
Irgendwie bezweifelte er, dass sie das verstehen würden. Reston ging hinaus und feilte bereits an seinem Plan. Und fragte sich, warum alles so schrecklich schiefgegangen war.