29

Katya war überrascht, dass die DarkRiver-Leoparden ihr gestatteten, Jon zu sehen. Ein dunkelhäutiger Mann mit leuchtend grünen Augen brachte den Jungen zu ihnen. Während Katya unter einem Baum im Garten mit dem Jungen sprach, beugte sich eine Frau mit lohfarbenem Haar noch einmal in den Wagen und tauchte mit einem kichernden Etwas auf dem Arm wieder auf.

Noor Hassan.

Katyas Herz zog sich zusammen, als sie die Freude im Gesicht des Kindes sah. Sie wollte das kleine Mädchen anfassen, um sich davon zu überzeugen, dass wirklich alles in Ordnung war, aber dann kämpfte sie dagegen an, um sich vielmehr Jon zu widmen.

„Du bist gewachsen“, sagte sie und fragte sich gleichzeitig, warum sie das überraschte. Jungen in seinem Alter veränderten sich von Monat zu Monat. „Und du hast einen neuen Haarschnitt.“

Er zuckte die Achseln, die kurzen, weißgoldenen Stoppeln schimmerten im Sonnenschein.

„Danke, dass du gekommen bist.“

„Tally hatte mich darum gebeten.“ Seine Stimme klang so, als hätte er für diese Frau alles getan. „Außerdem haben Sie mir nie wehgetan.“

„Wirklich nicht?“ Sie setzte sich neben ihn auf die Erde, er streckte die langen Beine aus. „Aber ich habe auch nichts dagegen unternommen, nicht wahr?“

Er kniff die Augen zusammen, sie waren so unglaublich blau, dass man ihn nicht so leicht verwechseln konnte. Es gab kaum jemanden, der Jonquil Alexi Duchslaya ähnlich sah. „Wie meinen Sie das?“

„Es tut mir wirklich leid.“ Sie musste ihren Verbrechen in die Augen sehen. „Ich habe Larsen nicht davon abgehalten, dir wehzutun.“ Sie suchte nicht nach Entschuldigungen, es gab keine.

„Ich habe gehört, Ihr Gedächtnis sei gestört. Erinnern Sie sich jetzt wieder?“

„Ja, an vieles.“ Es fehlten immer noch einige Teile, Dinge, an die sich ihr Verstand vielleicht gar nicht erinnern wollte, wenn sie es recht bedachte. Sie hatte ihren Frieden damit gemacht. Denn Ekaterina, erst mediale Wissenschaftlerin und dann Opfer eines Medialen, war verschwunden. Katya war aus ihrer Asche auferstanden und würde ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigene Zukunft haben.

Jon sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. „Aber das haben Sie wohl vergessen – verdammt noch mal, er hat Sie geschlagen.“ Er zuckte zusammen. „Erzählen Sie Tally nicht, dass ich geflucht habe, bitte!“

Katya wurde starr. „Wer hat mich geschlagen?“

„Der Eidechsenmann, Larsen oder wie immer er hieß.“ Trotz der leicht hingeworfenen Worte zog er die Beine an den Körper und schlang die Arme um die Knie. Aber seine Augen blickten besorgt, nicht etwa voller Angst. „Er hat irgendwelche Sachen mit mir angestellt, und Sie haben gesagt, es sei genug, er hätte sich nicht an die Vereinbarungen gehalten.“

Sie erinnerte sich immer noch nicht an den Vorfall. „Und du irrst dich nicht? Man hatte dich doch unter Drogen gesetzt.“

„Ich bin absolut sicher. So etwas würde ich nie vergessen. Drogen hin oder her.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie haben versucht, seine Hand von meiner Stirn zu ziehen und rumms, hat er Ihnen eine gescheuert, dass Sie zu Boden gegangen sind.“

Noch immer keine Erinnerung, aber Hoffnung stieg in ihr auf. „Wie hat er das gerechtfertigt?“ Silentium sollte Gewalttätigkeit ausschließen, und Larsen hatte immer den perfekten Medialen gespielt.

„Keine Ahnung. Sie waren ja bewusstlos und konnten ihn nicht zur Verantwortung ziehen.“ Er sah ihr forschend ins Gesicht. „Ich bin ziemlich sicher, dass etwas geknackt hat. Ich dachte damals, er hätte Ihnen die Nase oder den Kiefer gebrochen.“

Schmerz pulsierte in ihrer Nase, eine Erinnerung. Flüchtig. Verschwommen. Aber langsam deutlicher. „Ja“, flüsterte sie und hob einen Finger an die Nase. „Er hat gesagt, er dürfe nicht zulassen, dass ich das Experiment störe … er hat mich selbst behandelt.“

„Na, dann lassen Sie sich nicht weiter graue Haare wachsen“, sagte Jon. „Sie saßen fest, genau wie ich. Sie haben getan, was Sie konnten.“

„Weise Worte für jemanden in deinem Alter.“

Er lächelte, verheerend charmant, jungenhaft und ein klein wenig großspurig. „Sagen Sie das nicht zu laut. Die andern halten mich für die Hölle auf Erden.“

In diesem Augenblick löste sich Noor von der Frau und stürzte Hals über Kopf zu ihnen. „Jonny!“

Geschmeidig erhob sich der Junge, fing sie auf und wirbelte sie durch die Luft, das Mädchen kreischte vor Vergnügen. Katya sah überrascht zu und erhob sich ebenfalls. Soweit sie sich erinnerte, hatte Larsen Noor nicht angerührt, Jon hatte ihre Stelle eingenommen, aber das Mädchen hatte die schrecklichen Experimente teilweise mit angesehen. Jetzt schlang sie die Arme um Jons Hals und starrte Katya an.

Ihre Stirn legte sich in Falten. „Wer bist du?“

„Noor“, sagte Jon. „Das ist nicht sehr nett.“

Noor zog ihr Näschen kraus. „Ist sie deine Freundin?“

„Was geht dich das an?“, neckte Jon. „Du heiratest doch sowieso Keenan.“

Noor beugte sich zu ihm und flüsterte gut hörbar wie eine Schauspielerin: „Und du magst Rina.“

Jon wurde puterrot. „Das ist Katya. Sie ist eine Freundin von uns beiden.“ Er sah Katya bei diesen Worten an, nichts Abwertendes lag in seinem Blick. „Hat uns einmal sehr geholfen.“

Es dauerte einen Augenblick, dann nickte Noor und streckte die Hand aus. „Freut mich, dich kennenzulernen.“

Katya griff vorsichtig zu, ihr war bewusst, wie zart und zerbrechlich das kleine Mädchen war. „Es ist mir auch eine Freude, dich kennenzulernen. Und jetzt möchte ich mehr über Rina wissen.«

Noors Lächeln strahlte hell wie ihr Name.

Fünf Stunden später kehrte Ruhe im ganzen Haus ein. Nach dem gemeinsamen Abendessen beschloss Katya, die Gedanken an Devs Zärtlichkeiten zu verdrängen und stattdessen den Fehdehandschuh aufzunehmen, den er ihr in der ersten Nacht hingeworfen hatte. Sie hätte es schon vorher tun sollen, aber Dev war so beschäftigt gewesen und hatte so angespannt ausgesehen, dass sie nicht gewagt hatte, ihn zu stören. Es wäre einfacher gewesen, es dabei zu belassen – Ausreden zu finden, um die Aussprache aufzuschieben – aber sie würde nie etwas Freiraum bekommen, solange Dev nicht gesehen hatte, wer sie in Wirklichkeit war. Und ohne einen gewissen Freiraum war eine Flucht unmöglich.

Der Drang, nach Norden zu gehen, wurde immer stärker, sie musste mit aller Kraft dagegen ankämpfen, irrationale Risiken einzugehen, nur um dieses Ziel zu erreichen.

Katya bündelte ihre telepathischen Fähigkeiten und sandte Dev eine Mitteilung. So schwach, dass er nicht den genauen Wortlaut, sehr wohl aber die Absicht verstehen musste.

Wir müssen miteinander reden.

Dann zog sie sich wieder zurück, bevor Tag irgendetwas merkte.

Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür. „Komm rein.“

„Was war das?“ Dev schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, verschränkte die Arme vor der Brust. Statt des Anzugs, den er in New York getragen hatte, trug er wieder Jeans, was ihn in Katyas Augen noch attraktiver aussehen ließ, und ein weißes T-Shirt.

Es juckte ihr in den Fingern, ihn zu berühren, aber sie blieb, wo sie war. „Ich wollte nur deine Aufmerksamkeit.“

„Die hast du.“

„Der Zeitpunkt ist gekommen.“ Sie stellte sich vor das Bett. „Du solltest in meinen Kopf schauen.“

Er fluchte. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich das nicht tun werde.“

„Warum nicht?“ Sie ging auf ihn zu. „Weil du dich dann wie ein Monster fühlst?“

Er fuhr zusammen, als hätte sie auf ihn geschossen. „Ja.“

„Pech gehabt!“, sagte sie und wehrte sich gegen das Bedürfnis nachzugeben und ihm seinen Willen zu lassen. Dann würden sie nie weiterkommen. Und sie würde jedes Mal in seinen Augen das Misstrauen sehen, ganz egal, wie sehr er sie auch begehrte. Das tat weh. Sie hatte nicht gewusst, dass es einen solchen Schmerz gab. „Wenn ich es ertragen kann, spricht doch nichts dagegen.“

Er kam auf sie zu und blieb kurz vor ihr stehen. „Du vergisst eins, Katya. Du kannst mich nicht zwingen.“

Sie ballte die Fäuste so stark, dass ihr die Finger wehtaten. „Wenn ich meine Schilde senke, du aber nicht in meinen Kopf gehst und mir erlaubst, sie bis auf deinen Zugang wieder zu schließen, steht mein Verstand jedem offen, der über die notwendigen geistigen Fähigkeiten verfügt.“

„Glaubst du, das kümmert mich?“ Hart und wütend.

„Ja, sicher“, presste sie heraus. „Denn du hast die Verantwortung für mich übernommen. Vielleicht bist du irgendwann gezwungen, mich zu töten, aber bis dahin wirst du mich schützen.“

„Wie nett und wie manipulativ.“

Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. „Eine Frau muss zu dem Mittel greifen, was ihr zur Verfügung steht.“

„Selbst wenn es den anderen zerbricht?“ Wie eine scharfe Klinge durchschnitt seine sanfte Frage jegliche Abwehr.

Mit blutendem Herzen schaute sie auf. „Wäre es wirklich so schlimm für dich?“

Ein raues Lachen. „Hattest du denn nicht Zugang zu den Akten, die ihr über mich angelegt habt?“

„Daran erinnere ich mich nicht.“ Sie wich seinem Blick nicht aus, mit einem Mal war sie überzeugt davon, dass sie dieses unbestimmbare „Etwas“ zwischen ihnen zerstören würde, falls sie auf ihrem Wunsch bestand. Es würde kein Zurück geben. Einer wahren Medialen, die alles nur in einer Kosten-Nutzen-Relation sah, hätte das nichts ausgemacht.

Aber ihr schon, es war kaum zu ertragen.

„In Ordnung“, sagte sie und senkte den Kopf, obwohl der pragmatische Teil von ihr protestierte. „Schon gut.“

Ihre plötzliche Zustimmung war ein weiterer Schlag für ihn. „Warum?“

„Manchmal ist der Preis zu hoch.“

Sie wollte sich abwenden, aber er zog sie an seine Brust und küsste sie so wild und besitzergreifend, dass sie kaum noch Luft bekam. Doch sie wehrte sich nicht, wollte ihn nicht kränken.

Das warf ihn vollends aus der Bahn – stets war er der Beschützer gewesen, hatte sich um andere gekümmert. Nie hätte er vermutet, dass ein feindliches Wesen versuchen würde, ihn zu schützen.

Ein kaum hörbares Flüstern in seinem Kopf.

Er biss ihr in die Unterlippe. „Still, Tag kann dich hören.“

Ihre Lippen öffneten sich überrascht. „Oh.“

Das nutzte er aus. Seine Zunge berührte ihre Zungenspitze, sie schmeckte betäubend gut. Das Flüstern wurde leiser, und das ärgerte ihn über alle Maßen. „Ich werde lernen müssen, deine Gedanken vor anderen Telepathen abzuschirmen“, sagte er und küsste ihr Kinn.

Katya vergrub die Hand in seinem Haar, als er an ihrem Hals knabberte und sich nur mühsam zurückhalten konnte, ihr mit einem Biss sein Zeichen aufzudrücken. „Du gehst wohl davon aus, dass du genug Gelegenheit zum Üben haben wirst“, sagte sie außer Atem.

„Und was meinst du dazu?“

Ihre Augen waren ganz dunkel vor Erregung. „Dev.“

Nun würde sie ihm bestimmt sagen, sie sollten damit aufhören, aber verdammt noch mal, er konnte sie nicht loslassen. Doch sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte die Hände auf seine Schultern und küsste ihn zart und gleichzeitig voller Leidenschaft. Es zerriss ihn fast, er war kurz davor, sich völlig hinzugeben. Wollte sie auf das Bett werfen und ganz langsam ausziehen.

Aber sie war am Zug … und sie nahm sich Zeit. Als sie sich schließlich von ihm löste, summte sein Körper vor schierem Verlangen.

„Ich verstehe einfach nicht, wie meine Gattung diese köstlichen Empfindungen jemals aufgeben konnte“, sagte sie und berührte mit den Fingerspitzen ihre roten Lippen.

Seine Schwellung drückte so stark gegen den Reißverschluss der Hose, dass er wahrscheinlich gleich zum Kastraten werden würde. „Katya!“

Doch das hielt sie nicht zurück. Sie legte die Hand über ihren Bauchnabel, als müsse sie einen inneren Schmerz beruhigen. „Ich bin so … hungrig, mir ist so heiß, als müsse ich gleich aus der Haut platzen.“

Ein Schauer lief über seinen Körper, und er fand keine Worte.

„Ist es immer so?“, fragte sie und strich mit der Hand über ihren Bauch. Wieder und wieder. Bis er seine Hand darauf legte. Sie holte tief Luft. „Dev – du machst es nur noch schlimmer.“ Aber sie presste sich an ihn und schob die Hand in seinen Halsausschnitt, suchte größere Nähe.

„Ich möchte alles Mögliche mit dir tun“, sagte er und konnte kaum noch das Bedürfnis im Zaum halten, ihr Oberteil hochzuziehen und gleichzeitig seine Hand hinunterwandern zu lassen … tief einzutauchen. Sie war sicher schon weich und feucht, wie ein Handschuh aus feinster Seide.

Sie küsste seinen Hals. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

Er brauchte ein paar Sekunden, bevor ihm einfiel, was sie meinte. „Nein, es ist nicht immer so.“

„Wenn ich also einen anderen Mann küssen würde –“

„Würde ich ihn umbringen.“ Eiskalt, obwohl sein Körper in Flammen stand. Er ergriff sie beim Schopf und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Ist das klar?“

Sie blinzelte. „Wenn meine anthropologischen Kenntnisse mich nicht trügen, können eigentlich nur Gestaltwandler so besitzergreifend sein.“ Wissenschaftliche Begriffe aus dem Mund einer Frau, deren Körper an seinem schmerzenden Unterleib lag.

„Kannst es ja ausprobieren“, sagte er und legte die Hand auf ihr Hinterteil. „Wirst schon sehen, was passiert.“ Er hob sie ein wenig hoch … und drückte ihre heiße Mitte an die richtige Stelle. Sie schnappte nach Luft und hielt sich an seinen Schultern fest. Er lächelte.

„D-Dev.“

Einfach zum Anbeißen, befand er. Und höllisch sexy. Dieser Mund, diese Lippen, er hätte sie stundenlang anschauen und sich bis ins Kleinste ausmalen mögen, was er mit ihr tun wollte. „Moment noch“, sagte er und löste den köstlichen Kontakt, schob sie langsam ein wenig nach hinten – brachte sie mit seinen Küssen dazu, sich noch stärker an seine Schultern zu klammern.

Ein leiser Schrei, als ihr Rücken die Wand berührte.

Er fuhr mit den Händen über ihre Hüften und öffnete den Hosenknopf. Ihre Augen wurden riesengroß, aber sie hielt ihn nicht auf. Er schickte ein Dankgebet gen Himmel und zog den Reißverschluss herunter.

Sie hätte sich entziehen sollen, das wusste Katya, aber gegen Devraj Santos und seine verruchten Finger war sie machtlos. Wich nur ein wenig zurück, damit er den Stoff über ihre Hüfte schieben konnte, und hob nacheinander die Füße, um aus der Hose zu steigen.

Dev kniete vor ihr und strich mit den Händen über ihre nackten Beine.

Dunkle Wellen der Begierde erfassten sie, so heiß und wild wie der Mann, der sie gerade ansah, als wollte er sie auffressen. „Lass dich fallen“, flüsterte er. „Das fühlt sich gut an.“

Für eine Frau, die bislang keine Intimität gekannt hatte, war das fast unmöglich, aber sie musste es tun … denn es würde keine zweite Chance für sie geben.