21
Katya hatte sich alle Räume der Wohnung angesehen. Sie war großzügig geschnitten – Schlafzimmer, Bad und eine Küchenzeile, an die sich der große Wohnbereich anschloss. Heraus kam man allerdings nur durch die Wohnungstür, es gab keine Möglichkeit zu fliehen. Selbst die Küchenmesser waren klein und so stumpf, dass man kaum Obst damit schneiden konnte.
Devraj Santos war eben nicht dumm.
Zumindest, versuchte sie ihm zugutezuhalten, gab er so viel auf ihre Fähigkeiten, dass er sie an einen Ort brachte, von dem höchstens ein Teleporter entkommen konnte. Schade, dass sie nicht über diese Gabe verfügte.
Wieder rückte ein Puzzleteil in ihrem Kopf an seinen richtigen Platz.
Sie machte große Augen. „Natürlich.“ Sie hatte etwas übersehen, das sie von anderen unterschied. Ihre telepathischen Kräfte lagen bei vier Komma fünf auf der Skala. Waren also bestenfalls mittelmäßig. Und als M-Mediale erreichte sie ebenfalls eine vier Komma fünf.
Zwei nur mittelmäßige Fähigkeiten.
Doch manche mit dieser Kombination konnten – meist nur bei einer der Fähigkeiten – ihre Kräfte steigern, das war ihr gerade eingefallen. Da sich nicht vorhersagen ließ, wer dazu in der Lage sein würde, war es möglich, dieses Können zu verbergen – was sie getan hatte, denn sonst hätte sie in einem ganz anderen Bereich arbeiten müssen.
Mit einem Mal wurde ihr wieder klar, warum Ashaya und sie so gut mit den Rebellen hatten zusammenarbeiten können – sie hatte fast allen im Widerstand Nachrichten zukommen lassen. Denn nachdem sie etwas geübt hatte, waren ihre telepathischen Kräfte auf neun angestiegen.
Damit konnte sie jeden erreichen, den sie erreichen wollte. Aber in den letzten Monaten hatte sie gar nicht erst den Versuch unternommen. Nur – warum nicht? Sie hob die Hände an den Kopf und presste die Finger gegen die Schläfen.
Schmerz schoss durch ihren Kopf, aber er brachte auch Erinnerungen mit sich.
„Alles, was sich ohne Hilfsmittel bewerkstelligen lässt“, sagte Ashayas vertraute Stimme, „machen wir auch so. Er hegt einen Verdacht gegen dich, Ekaterina. Ich brauche dich, ich will dich nicht verlieren.“
„Meine telepathischen Fähigkeiten würden vieles erleichtern.“
„Aber nicht, wenn du tot bist. Du brauchst Kraft, um deine Gabe zu verstärken – es würde auffallen, wenn du mehr Nahrung zu dir nähmst oder mehr Schlaf brauchtest.“
Katya schwankte, als sie wieder in die Gegenwart zurückkehrte. Ashaya hatte Recht behalten – der Schattenmann … Ming – wieder tauchte eine Erinnerung auf, enthüllte die Identität ihres Folterers – Ming hatte sie verdächtigt. Aber jetzt beobachtete sie niemand mehr, achtete niemand mehr darauf, ob sie ihre Essens- oder Schlafgewohnheiten änderte. Ming hatte ihr den Zugang zum Medialnet versperrt, aber er hatte ihre angeborenen Fähigkeiten nicht unterdrückt. Ihr wurde kalt ums Herz – vielleicht hatte er sie sogar so programmiert, dass sie diese Talente genau so nutzte, wie sie es vorhatte.
Einen Moment lang war sie wie gelähmt. „Nein.“ Sie hob das Kinn und zwang sich, ruhig zu atmen.
Wenn sie zuließ, dass diese Furcht sie aufhielt, hatte Ming wirklich gewonnen. Sie musste einfach daran glauben, dass sie von sich aus handelte, darauf vertrauen, dass sie sich wirklich aus der Asche erhoben hatte, sich ihre Persönlichkeit wieder aneignete und der Phönix wurde, der in ihr schlummerte.
Mit Sicherheit, hundertprozentig, hatte Ming gewusst, welche heftigen Gefühle Dev in ihr auslösen würde, und dass diese Reaktion in ihr den Wunsch nach mehr Stärke entfachen würde – um sich gegen seine Rücksichtslosigkeit zur Wehr zu setzen. „Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, ist ein Versuch.“
Sie holte tief Luft, setzte sich entspannt in einen Sessel und schloss die Augen. Normalerweise wandte sie Telepathie an, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen – oder eine ganz bestimmte Person. Aber sie konnte auch einfach andere „hören“, wenn sie ihre Sinne öffnete. Meist blendete sie diesen Aspekt ihrer Fähigkeiten allerdings aus, schottete sich ab – selbst im Medialnet gab es Individuen, die permanent plapperten. Bei so vielen Stimmen war der Wahnsinn vorprogrammiert.
Und außerhalb des Medialnet? Da war es wahrscheinlich noch tausendmal schlimmer. Die meisten Menschen besaßen nur die einfachsten Schilde. Aufgrund ihrer Geschichte waren die Vergessenen sicher etwas gebildeter, aber dennoch musste es jede Menge Lücken und daher auch Stimmen geben.
Sie versuchte das Kribbeln im Magen zu beruhigen, indem sie sich sagte, dass sie den Zugang ja innerhalb von Sekunden wieder schließen konnte, legte die Hände auf die Sessellehnen und senkte ihre Schilde.
Vollkommene Stille, aber nur für einen Augenblick.
WSSSWISTTTUUUHIRRRGEEEWGGG!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ihr Kopf schlug an die Rückenlehne, als ihre Schilde wieder hochfuhren. Das Klingeln in ihren Ohren hörte erst Minuten später auf. Als sie die Augen öffnete, war sie schweißgebadet, das Haar klebte ihr an der Stirn.
„Alles in Ordnung“, sagte sie. „Alles in Ordnung.“ Sie brauchte weitere fünf Minuten, ehe sich ihr Herzschlag so weit beruhigt hatte, dass ihr Hirn wieder arbeiten konnte. Sobald sie wieder in der Lage war, zu denken, packte sie die Armlehnen noch fester und senkte erneut die Schilde – aber nur ein ganz kleines Stück.
Dev redete mit Cruz gerade über Modellautos – bevor er in staatliche Obhut gekommen war, hatte der Junge gerne mit ihnen gespielt –, als es klopfte. Dev stand auf. „Ich muss nachsehen, was sie wollen. Es muss etwas Wichtiges sein, sonst würden sie uns nicht stören.“
Kleine Falten erschienen auf Cruz’ Stirn. „Da ist etwas, ganz leise.“ Er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist es weg. Er hat es verjagt.“ Cruz verzog das Gesicht, boxte sein Kissen und starrte auf die Tür.
Mit hochgezogenen Augenbrauen öffnete Dev die Tür und trat aus dem Zimmer – Tag stand direkt vor ihm. Der hünenhafte Telepath schäumte vor Wut.
Da Tag sich normalerweise extreme Mühe gab, andere nicht einzuschüchtern, sprangen alle Warnsignale in Dev an. „Was ist?“
„Mach die Tür zu.“ Tags Stimme bebte vor Wut.
„Ich werde mich zu Cruz setzen.“ Glen ging ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Dev sah Tag an. „Du siehst aus, als wolltest du jemanden umbringen.“
„Dich zum Beispiel“, grummelte Tag. „Ich sollte dir deinen sturen Schädel einschlagen.“
„Kannst es ja versuchen.“
„Ein Faustschlag von mir genügt, mein Hübscher.“ Tag stieß einen Seufzer aus und zeigte mit dem Daumen nach oben. „Du hast da oben eine mächtige Telepathin und hältst es nicht für nötig, mir das mitzuteilen?“
Dev erstarrte. „Wovon redest du überhaupt? Sie hat höchstens mittlere Kräfte, weniger als –“
„Quatsch“, unterbrach ihn Tag. „Dein kleines Geheimnis liegt eher am oberen Rand des Spektrums.“ Tag schüttelte den Kopf und rieb sich die Schläfen. „Ich hab sie erwischt. Keine Ahnung, wonach sie gesucht hat, aber ich hoffe, dass ich ihr genug Angst eingejagt habe, verdammt noch mal.“
Dev war schon auf dem Flur, Zorn trieb ihn an. Eine dermaßen mächtige Telepathin konnte viel Schaden anrichten. Katya konnte die Schutzschilde der Schwächeren in diesem Gebäude herunterreißen und seine Leute in hirnloses Gemüse verwandeln. Und er hatte sie auch noch hierher gebracht. Hatte für ihre Sicherheit gesorgt.
Er zog alles Metall des Gebäudes auf sich. Von seiner kochenden Wut war nur noch kalter Zorn übrig, als er vor Katyas Wohnung stand. Mithilfe seiner Fähigkeiten schloss er auf und stürmte durch die Tür, um Katya gehörig die Meinung zu sagen.
Doch sie lag zusammengesunken auf dem Sessel, Blut lief ihr aus der Nase.
Was hatte Tag bloß getan?
Dev legte einen Finger an Katyas Hals und fühlte erleichtert ihren Pulsschlag. Warum freute ihn das? Ihr Tod hätte sein Leben wesentlich einfacher gemacht. Er verdrängte diesen Gedanken und rief Tag auf dem Handy an. „Sie hat das Bewusstsein verloren.“
„Das sollte sie auch“, sagte Tag. „Ich habe sie telepathisch angeschrien.“
Dev umklammerte das Handy. Tag hatte richtig gehandelt, aber er hätte ihn dafür prügeln mögen. Mein Gott, wie pathetisch er war. Vom ersten Tag an hatte ihm diese Frau etwas vorgespielt, und er wollte sie immer noch beschützen. „Wie schnell wird sie wieder zu sich kommen?“
„Bald. Sollte nur eine Lektion sein.“ Tag klang jetzt anders. „Kein Telepath sollte sich je dermaßen öffnen, Dev. Das müsste sie eigentlich wissen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihr etwas Schlimmeres als einen Schrei schicken können.“
Trotz seiner eiskalten Wut verstand Dev, warum Katya zu dieser Möglichkeit gegriffen hatte. „Ich habe sie eingesperrt. Was hättest du an ihrer Stelle getan?“
„Wahrscheinlich dasselbe.“ Tag holte tief Luft. „Aber wir können uns kein Mitleid leisten. Deine Schilde sind aus Titan, aber bei der Hälfte aller Leute von Shine könnte sie sämtliche Schutzmechanismen aushebeln.“
„Ich werde dafür sorgen, dass das kein zweites Mal passiert.“ Dev klappte das Handy zu, steckte es in die Hosentasche und holte ein feuchtes Handtuch aus dem Badezimmer. Es war nicht viel Blut, aber er ließ das Handtuch auf dem Tischchen neben dem Sessel liegen, damit sie wusste, welcher Gefahr sie sich gerade ausgesetzt hatte.
Während er darauf wartete, dass sie wieder zu sich kam, sah er sie genau an. Es schien, als hätte sie auf einen Schlag mehrere Pfund Gewicht verloren.
Aber das war nicht sein Problem. Diesmal würde er nicht zulassen, dass sie seine Schwäche verletzlichen Frauen gegenüber ausnutzte. Wenn sie verhungern wollte, würde er sie nicht daran hindern.
Als Katya die Augen öffnete, spürte sie einen hämmernden Schmerz im Kopf. Gleichzeitig drehte sich ihr der Magen um, sie beugte sich vor und würgte.
„Atme!“
Der kurze Befehl übertönte alles, ihr wurde eiskalt. Dann schob sich ein Glas vor ihr Gesicht, sie nahm es und richtete sich langsam auf.
„Trink“, befahl Dev, noch nie hatte sie eine solche Rücksichtslosigkeit in seinem Blick gesehen. „Das wird dich schneller wieder auf die Beine bringen.“
Sie war dankbar für alles, was ihrem Zustand zu einer Besserung verhalf, denn sie hatte die Empfindung, als hätte ein Lastwagen sie überrollt. Nahm einen großen Schluck. Es schmeckte leicht süß und nach Medizin. Wahrscheinlich hatte er Vitamine im Wasser aufgelöst, sie stellte das leere Glas auf den Beistelltisch. „Von wem stammt das Blut?“, fragte sie.
„Was glaubst du denn?“
Sie schluckte und sah den gefährlichen Mann an, der ihr gegenübersaß und seinen linken Fuß lässig auf das andere Knie gelegt hatte. Wodurch er keinesfalls weniger einschüchternd wirkte. Er war so ruhig, dass sie meinte, ihren Herzschlag zu hören. Jede einzelne Zelle in ihr zitterte vor Angst, weil sie seinen Zorn spürte. „Dev.“
Er ließ sie nicht zu Wort kommen. „Wann wolltest du mir eigentlich sagen, dass du telepathisch ein Gehirn ausknipsen kannst?“ Kalt, jede Silbe betonend und mit Augen, die sie zu durchbohren schienen.
„Ich wusste es nicht.“ Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, fühlte sich völlig ausgeliefert. „Ich schwöre dir, es ist mir erst bewusst geworden, als ich mit meiner Recherche begonnen hatte.“
„Recherche?“ Er hob eine Augenbraue. „Aber lassen wir das erst einmal – für wie dumm hältst du mich eigentlich?“
„Ich halte dich nicht –“
„Hör auf.“ Ihr stockte der Atem. „Die Sache mit den Gedächtnislücken verfängt bei mir nicht mehr.“
Ärger stieg in ihr auf. „Es ist aber die Wahrheit. Inzwischen erinnere ich mich an mehr, aber –“
„Ist mir scheißegal.“ Gefährlich ruhig. „Mich interessieren die Befehle, die du hast.“
„Kenne. Ich. Nicht.“ Ihre Glieder bebten, ihre Stimme zitterte. „Du kannst mich fragen, sooft du willst – ich kann erst etwas sagen, wenn die Erinnerungen zurückkommen. Vielleicht weiß ich es selbst dann nicht, das hängt ganz von der Programmierung ab.“
„Das haben wir hinter uns – soweit es Shine betrifft, bist du eine voll funktionstüchtige Spionin.“
Shine.
Nicht etwa Dev.
„Und für dich?“, fragte sie. „Was ist mit dir?“
Ein kalter Blick, schärfer als je zuvor. „Ich habe mich wie ein Trottel verhalten.“ Er stand auf. „Aber man kann mir nicht nachsagen, dass ich nicht aus Fehlern lerne.“
„Dev –“
Er beugte sich vor und stützte sich auf den Armlehnen ihres Sessels auf, so dass sie sich kaum rühren konnte. „Versuch nicht noch einmal, hier in den Kopf von jemandem einzudringen. Ich habe Befehl gegeben, dich dann zu töten.“
Als hätte man die Luft aus ihr herausgelassen. Ihr Herz wurde zu Stein. Aber sie wollte ihm das nicht zeigen, wollte ihm nicht die Genugtuung verschaffen, etwas zart Aufkeimendes in ihr zerstört zu haben. „Verstanden, Mr. Santos.“
Kein Muskel in seinem Gesicht regte sich. „Gut so. Pass auf, dass du es nicht wieder vergisst.“