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Er weiß alles … Über die Kinder. Über den Jungen.

Ungeduldig hatte Dev bis neun mit dem Anruf gewartet, dann tippte er angespannt Talins Nummer ein. Die blonde Patientin hatte erneut das Bewusstsein verloren, aber Dev hatten ihre Worte als Anhaltspunkte genügt – instinktiv wusste er, wo er die Antwort finden würde.

„Dev?“ Talins verschlafenes Gesicht erschien auf dem transparenten Bildschirm; Dev war nicht überrascht, dass sie gähnte, schließlich war es bei ihr erst sechs. „Ich dachte, wir treffen uns um halb elf Ihrer Zeit.“

„Kleine Änderung.“ Er überlegte sich genau, was er sagen wollte. Talin war zwar pragmatisch veranlagt, hing aber auch sehr an ihren Schützlingen. „Ich muss Jon sprechen.“

Sie verzog den Mund. „Er wird seine Meinung in Bezug auf eine Schule der Stiftung nicht ändern. Aber ich werde dafür sorgen, dass er alles liest, was Glen ihm schickt, und die Medialen im Rudel helfen ihm bei seinen Fähigkeiten.“

„Die DarkRiver-Leoparden sind sein Zuhause.“ Zu diesem Schluss war Dev nach einem Besuch bei dem Rudel in San Francisco gekommen. „Einen besseren Ort gibt es nicht für ihn.“

„Worum geht es dann?“

„Wer weiß von Jons Entführung und seinem Aufenthalt im Labor der Medialen?“ Genetisch gesehen war der Junge fast zur Hälfte ein Medialer und besaß eine einzigartige Gabe im sprachlichen Bereich. Er konnte buchstäblich jeden zu allem überreden, was er wollte. So mancher würde Morde begehen, um an solche Fähigkeiten zu kommen.

Talin kniff die Augen zusammen. „Natürlich weiß Ashaya Bescheid. Sie war schließlich die leitende Wissenschaftlerin des Labors.“

Mittlerweile war Ashaya Aleine Gefährtin eines DarkRiver-Leoparden und würde sicher nichts tun, was Jon oder andere Kinder der Vergessenen in Gefahr brachte. „Wer noch?“

„Alle anderen sind tot.“ Talins Stimme zitterte vor Wut. „Clay hat sich um Larsen gekümmert, den Mistkerl, der die Kinder als Versuchskaninchen benutzt hat. Und wie Sie wissen, hat der Rat nach Ashayas Weggang das Labor in die Luft gesprengt und dabei alle Mitarbeiter getötet.“

In seiner Brust breitete sich Todeskälte aus. „Wie sicher ist das?“

„Die Leoparden haben Verbindungen zum Medialnet, die Wölfe ebenfalls“, fügte sie hinzu – die SnowDancer-Wölfe waren die engsten Verbündeten des Leopardenrudels. „Es gab nicht den kleinsten Hinweis auf Überlebende.“

Aber Dev wusste, dass die Medialen geübt darin waren, Geheimnisse für sich zu behalten. Insbesondere Leute wie Ratsherr Ming LeBon, der gerüchteweise die Zerstörung des Labors angeordnet hatte. „Wenn ich Ihnen ein Foto schicke, könnten Sie dann Jon fragen, ob er die Person darauf aus dem Labor kennt?“

„Nein.“ Endgültig, genauso wild entschlossen wie die Leoparden ihres Rudels. „Allmählich fängt er an, sich wie ein ganz normaler Jugendlicher zu verhalten – ich will ihn nicht daran erinnern, was er an diesem Ort erleiden musste.“

Dev kannte Talin lange genug, um zu wissen, dass sie nicht nachgeben würde. „Dann brauche ich Ashayas Nummer.“

„Es hat sie hart getroffen, ihre Mitarbeiter zu verlieren.“ Talin zögerte. „Gehen Sie es behutsam an.“

Dev begriff die Andeutung. „Meinen Sie etwa, ich würde sie mit Gewalt zu einer Antwort zwingen?“

„Sie haben sich verändert, Dev“, antwortete Talin leise. „Sie sind härter geworden.“

Dieser Vorwurf war ihm in den letzten Monaten schon oft gemacht worden.

Du hast kein Herz! Deinetwegen liegt er im Krankenhaus! Wie kannst du dich überhaupt noch im Spiegel ansehen?

Er schob die schmerzhafte Erinnerung beiseite und zuckte die Achseln. „Das gehört zum Job.“ Was stimmte, aber selbst wenn er gleich morgen den Direktorenposten abgeben würde, würde seine Fähigkeit dafür sorgen, dass sich die Kälte weiter in ihm ausbreitete. Paradoxerweise machte ihn gerade diese eisige Kälte zum besten Mann auf dem Posten – er wusste genau, wie Mediale dachten.

„Hier ist die Nummer.“

Er schrieb sie vom Bildschirm ab. „Könnten wir unser Treffen verschieben?“

Sie nickte. „Lassen Sie mich wissen, wenn Sie etwas herausgefunden haben.“

Dev unterbrach die Verbindung und wählte Ashayas Nummer. Ein Kind mit grauen Augen und glattem schwarzem Haar meldete sich. „Hallo. Was kann ich für Sie tun?“

Dev hätte nie vermutet, dass ihm an diesem Tag noch irgendetwas ein Lächeln abringen konnte, aber bei dieser ernsten Begrüßung spürte er ein Zucken in den Mundwinkeln. „Ist deine Mami da?“

„Ja.“ Die Augen des Jungen funkelten, wirkten mit einem Mal mehr blau als grau. „Sie backt Kekse für den Kindergarten.“

Dev fiel es schwer, sich die mediale Wissenschaftlerin Ashaya Aleine als Mutter vorzustellen, die um Viertel nach sechs morgens Kekse backte. „Müsstest du nicht noch im Bett liegen?“

Ehe der Junge antworten konnte, schob sich das fragende Gesicht einer Frau vor den Bildschirm. „Mit wem redest du –“ Sie sah ihn an. „Ja, bitte?“

„Ich heiße Devraj Santos.“

Ashaya hob ihren Sohn hoch und setzte ihn sich auf die Hüfte. Sofort kuschelte sich der Junge an ihre Schulter und legte die kleine Hand auf ihr hellblaues Hemd. Mit unverhohlenem Interesse sah Ashaya Dev an.

„Die Shine-Stiftung“, sagte sie und zupfte mit den geübten Bewegungen einer Mutter den Kragen des Kinderschlafanzugs zurecht.

„Genau.“

„Talin hat mir von Ihnen erzählt.“ Sie steckte eine lose Strähne der schwarzen Haare wieder in den Zopf. „Was wollen Sie?“

Dev warf einen kurzen Blick auf das Kind. Ashaya gab ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange und lächelte ihn an. „Keenan, möchtest du ein paar Kekse ausstechen, während ich mich mit Mr. Santos unterhalte?“

Der Kleine nickte begeistert. Mutter und Kind verschwanden kurz aus seiner Sicht, und Dev überraschte sich bei der Frage, ob er jemals ein eigenes Kind in seinen Armen halten würde. Es war äußerst unwahrscheinlich – selbst wenn er seinem genetischen Erbe nicht so misstrauisch gegenübergestanden hätte, hatte er doch schon viel zu viel gesehen und getan. Alles Weiche war aus ihm verschwunden.

Ashayas Gesicht erschien wieder, in ihren Augen sah er noch die Spur eines Lächelns. „Wir müssen uns beeilen – Keenan ist zwar brav, aber eben auch erst vier und allein mit dem Keksteig.“

Er würde das Lächeln aus ihrem Gesicht vertreiben, das wusste er, deshalb gab er sich gar nicht erst die Mühe, den Schlag abzumildern. „Sie müssen jemanden für mich identifizieren.“ Er erzählte ihr von der Frau, die er vor seiner Wohnungstür gefunden hatte.

Trotz ihrer dunklen Haut erbleichte Ashaya. „Meinen Sie –“

„Es braucht ja nicht unbedingt eine Falle zu sein“, unterbrach er sie. „Aber ich muss die Möglichkeit in Betracht ziehen.“

„Natürlich.“ Er sah, wie sie schluckte. „Wenn der Rat von den einzigartigen Fähigkeiten bei den Kindern der Vergessenen weiß, wird er wahrscheinlich versuchen, seine Experimente mit ihnen fortzuführen.“ Sie zögerte. „Und falls sie sich für seine Zwecke als nutzlos erweisen, wird Ming nicht zögern, sie zu töten.“

Dev biss die Zähne zusammen. Genau das bereitete ihm Sorgen – der Rat würde sich nie damit anfreunden, dass es ein weiteres Volk mit geistigen Fähigkeiten gab – erst recht nicht, wenn die Vergessenen immer stärkere Kräfte entwickelten. „Ist die Leitung abhörsicher?“

„Ja.“

Er schickte ihr das Foto. „Sie kann sich verändert haben.“

Ashaya nickte, holte einmal tief Luft und öffnete den Anhang. Er wusste sofort, dass sie die Frau erkannt hatte. Erleichterung, Zorn und Schmerz zeigten sich in rascher Folge auf ihrem Gesicht. „Um Gottes willen.“ Ihre Hand fuhr zum Mund. „Das ist Ekaterina.“