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Sie schlug die Augen auf, und einen Moment war ihr, als wäre die Welt eine andere. Nie zuvor hatte sie Augen von einem solchen Braun gesehen. Gold schimmerte in ihnen. Bernstein. Und Bronze. Unglaublich viele Farben.
„Sie ist wach.“
Die Stimme kam ihr bekannt vor, sie hatte sie schon einmal gehört.
Ganz ruhig. Ich halte Sie.
Sie schluckte, versuchte zu sprechen.
Ein kaum wahrnehmbares Fauchen. Beinahe unhörbar. Körperlos.
Der Mann mit den braunen Augen schob die Hand unter ihren Kopf, hob ihn ein wenig an und hielt ihr etwas an die Lippen.
Kalt.
Eis.
Gierig öffnete sie den Mund, um die Eisstückchen darin schmelzen zu lassen. Ihre Kehle wurde feucht, aber es war nicht genug. Sie brauchte Wasser. Wieder versuchte sie zu sprechen. Hörte sich selbst nicht, aber er hatte sie verstanden.
„Setzen Sie sich auf.“
Es war, als versuchte sie gegen eine gefährliche Flut anzukämpfen – ihre Knochen waren wie Gummi, ihre Muskeln ohne jede Kraft.
„Warten Sie.“ Fast musste er sie hochheben. Ihr Herz schlug so schnell, war das wilde Flattern eines Vogels in der Falle.
Klopf-klopf.
Klopf-klopf.
Klopf-klopf.
Warme Hände umfingen ihren Kopf und bewegten ihn. Ein Gesicht tauchte vor ihren Augen auf und verschwand wieder.
„Ich glaube, sie steht immer noch unter Medikamenteneinfluss.“ Seine Stimme war tief, drang tief in ihr flatterndes Herz. „Hast du – vielen Dank.“ Er hielt ihr etwas hin.
Eine Tasse.
Wasser.
Sie griff nach seinem Handgelenk, beinahe wären ihre Finger an der lebensvollen warmen Haut abgerutscht.
Er hielt die Tasse immer noch außer Reichweite. „Langsam. Haben Sie mich verstanden?“ Mehr ein Befehl als eine Frage – von einer Stimme, die es gewohnt war, dass man ihr gehorchte.
Sie nickte und spürte etwas an den Lippen. Einen Strohhalm.
Ihre Finger griffen fester zu, sie kam fast um vor Durst.
„Langsam“, wiederholte er.
Sie nippte vorsichtig. Köstlich. Süß. Nach Orangen. Trotz des scharfen Tons ihres Retters hätte sie vielleicht gierig gesogen, wenn ihr Mund es vermocht hätte. Doch sie war kaum in der Lage, ein wenig zu saugen. Es reichte gerade, um ihre raue Kehle zu beruhigen, die schmerzende Leere in ihrem Magen zu füllen.
Sie hatte so lange gehungert.
Ein Gedanke berührte sie flüchtig, aber sie bekam ihn nicht zu fassen. Sah gebannt in die eigenartigen Augen. Aber das war nicht alles. Er hatte scharfe, beinahe harte Gesichtszüge und goldbraune Haut. Exotische Augen. Exotische Haut.
Sein Mund bewegte sich.
Sie konnte den Blick nicht von seinen Lippen lösen. Die Unterlippe war ein wenig voller, als man es bei einem Mann erwartet hätte. Aber nicht weich. Ganz und gar nicht. Hart und befehlsgewohnt.
Warme Finger auf ihrer Wange. Sie blinzelte und konzentrierte sich erneut auf seine Lippen. Versuchte zu verstehen.
„… heißen Sie?“
Sie schob den Saft fort und schluckte, ließ die Hände auf das Laken fallen. Er wollte wissen, wie sie hieß. Eine verständliche Frage. Sie wollte ja auch seinen Namen wissen. Man stellte sich einander vor, wenn man sich zum ersten Mal begegnete. Das war ganz normal.
Ihre Finger krallten sich in das weiche Baumwolllaken.
Klopf-klopf.
Klopf-klopf.
Klopf-klopf.
Schon wieder der eingesperrte Vogel in der Brust. Wie grausam.
Das war nicht normal.
„Wie heißen Sie?“ Er sah sie so durchdringend an, dass sie nicht wegschauen konnte.
Und antworten musste: „Ich weiß es nicht.“
Verwirrung und Angst schlugen Dev aus grüngoldenen Haselaugen entgegen. „Was hältst du davon, Glen?“
Mit zusammengezogenen Augenbrauen stand Dr. Glen Herriford auf der anderen Seite des Bettes. „Könnte ein Nebeneffekt der Betäubungsmittel sein. Sie hatte ziemlich viel genommen. Du solltest noch ein paar Stunden abwarten.“
Dev nickte, stellte die Tasse ab und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau auf dem Bett zu. Die Augen fielen ihr schon wieder zu. Er sagte nichts, half ihr nur, sich hinzulegen. Kurz darauf war sie eingeschlafen.
Dev ging auf den Flur, und Glen folgte ihm. „Was hast du gefunden?“
„Das ist ja das Eigenartige.“ Glen tippte auf das elektronische Krankenblatt in seiner Hand. „Letztlich nichts anderes als die guten alten Schlaftabletten.“
„Sah für mich aber ganz anders aus.“ Sie wirkte zu desorientiert, und ihre Pupillen waren viel zu groß.
„Es sei denn …“ Glen hob eine Augenbraue.
Devs Mund war auf einmal ganz trocken. „Könnte sie es selbst getan haben?“
„Schon möglich – aber irgendwer muss sie vor deiner Wohnung abgesetzt haben.“
„Bin abends gegen zehn gekommen und fünfzehn Minuten später wieder rausgegangen.“ Er hatte sein Handy im Wagen gelassen und sich geärgert, die Arbeit unterbrechen zu müssen, um es zu holen. „Da lag sie bewusstlos vor der Tür.“
Glen schüttelte den Kopf. „Dann kann sie auf keinen Fall ihre Sinne noch so beieinander gehabt haben, dass sie durch die Sicherheitskontrollen hätte schlüpfen können – die feinmotorischen Fähigkeiten sind mit Sicherheit schon vorher ausgefallen.“
Wie hilflos musste sie sich gefühlt haben, was hätte ihr nicht alles zustoßen können – Dev unterdrückte den aufsteigenden Ärger und sah durch die offene Tür zum Bett. Die helle Lampe am Kopfende schien auf das strähnige blonde Haar und hob die Kratzer im Gesicht hervor, die Knochen, die fast durch die Haut stachen. „Sie sieht halb verhungert aus.“
Der stets lächelnde Glen schaute grimmig. „Wir konnten sie noch nicht vollständig untersuchen, aber Arme und Beine sind mit blauen Flecken übersät.“
„Willst du damit sagen, man hat sie geschlagen?“ Heiß schoss die Entrüstung in Dev hoch.
„Gefoltert wäre die richtige Bezeichnung, die Verletzungen sind sowohl älteren als auch neueren Datums.“
Dev fluchte leise. „Wann wird sie wieder richtig bei sich sein?“
„Wahrscheinlich wird die Wirkung der Betäubung erst nach achtundvierzig Stunden vollständig nachgelassen haben. Meiner Meinung nach war es eine einmalige Gabe. Wäre sie dem Mittel über längere Zeit ausgesetzt gewesen, wäre sie noch mehr durcheinander.“
„Halte mich auf dem Laufenden.“
„Wirst du die Polizei informieren?“
„Nein.“ Dev würde die Frau keinesfalls aus den Augen lassen. „Es muss einen Grund geben, warum sie vor meiner Tür gelandet ist. Sie bleibt hier, bis wir herausgefunden haben, was zum Teufel los ist.“
„Dev …“ Glen seufzte tief. „Sie muss eine Mediale sein, wenn sie so stark auf dieses Mittel reagiert.“
„Das weiß ich.“ Sein Geist hatte ein „Echo“ gespürt. Unterdrückt, aber dennoch vorhanden. „In diesem Zustand stellt sie keine Gefahr dar. Wir reden weiter, wenn sie wieder auf den Beinen ist.“
Im Zimmer piepte etwas, Glen sah auf sein Gerät. „Alles in Ordnung. Hast du nicht heute Morgen eine Verabredung mit Talin?“
Dev verstand den Wink und fuhr zum Duschen und Umziehen nach Hause. Kurz nach halb sieben betrat er erneut das Hauptquartier der Shine-Stiftung. In den vier oberen Stockwerken befanden sich Gästewohnungen, die mittleren zehn beherbergten Büroräume, unter der Erde waren der Krankenhaustrakt und die Forschungslabors untergebracht. Und seit heute – eine Mediale. Eine Frau, die sich als der neuste Versuch des Rats erweisen konnte, die Vergessenen zu vernichten.
Aber im Augenblick schlief sie, und auf ihn wartete eine Menge Arbeit. „Stimmerkennung aktivieren – Devraj Santos.“ Der durchsichtige Bildschirm seines Computers glitt nach oben und zeigte die ungelesenen Nachrichten. Seine Sekretärin Maggie wusste genau, welche Antworten „warten konnten“ und welche „dringend“ waren, diese zehn fielen ausnahmslos in die letzte Kategorie – obwohl der Tag gerade erst begonnen hatte. Dev lehnte sich zurück und sah auf die Uhr.
Noch zu früh für einen Rückruf – selbst in New York saß kaum jemand um Viertel vor sieben am Schreibtisch. Aber das waren ja auch nicht Direktoren von Shine oder Oberhäupter einer vieltausendköpfigen „Familie“, die im ganzen Land, sogar in der ganzen Welt, verstreut war.
Unvermeidlich musste er dabei an Marty denken.
„Diese Arbeit“, hatte sein Vorgänger gesagt, nachdem Dev den Direktorenposten angenommen hatte, „wird dein Leben verschlingen, dir das Mark aus den Knochen saugen und dich danach wie eine leere Hülse ausspucken.“
„Du bist doch auch dabeigeblieben.“ Marty war über vierzig Jahre lang Direktor gewesen.
„Ich hatte Glück“, hatte der Ältere ohne Umschweife geantwortet. „Als ich anfing, war ich bereits verheiratet, und ich werde meiner Frau auf ewig dankbar sein, dass sie den ganzen Mist mit mir durchgestanden hat. Du fängst alleine an und wirst bis zum Ende allein bleiben.“
Dev wusste noch genau, wie er gelacht hatte. „So wenig hältst du also von meinem Charme.“
„Und wenn du noch so charmant bist“, schnaubte Marty, „Frauen wollen, dass man Zeit mit ihnen verbringt. Als Direktor von Shine hat man aber keine Zeit. Man trägt die Last der Träume, Hoffnungen und Ängste Tausender auf seinen Schultern.“ Ein düsterer Blick. „Es wird dich verändern, Dev, wenn du nicht aufpasst, wirst du grausam werden.“
„Unser Volk ist stabil“, hatte Dev entgegnet. „Das Vergangene ist vergangen.“
„Das wird es nie sein, mein Lieber. Wir befinden uns im Krieg, und ab jetzt bist du der General.“
Drei Jahre hatte Dev gebraucht, um Martys Warnung wirklich zu begreifen. Als seine Vorfahren sich vom Medialnet lösten, hatten sie auf ein Leben außerhalb der kalten Regeln von Silentium gehofft. Sie hatten das Chaos der Kontrolle vorgezogen. Die Gefahren, die Gefühle mit sich brachten, waren ihnen lieber gewesen als die Sicherheit eines Lebens ohne Hoffnung, Liebe und Glück. Doch ihre Wahl hatte Konsequenzen gehabt.
Der Rat hatte nie aufgehört, die Vergessenen zu verfolgen.
Im Kampf um die Sicherheit seiner Leute hatte Dev selbst brutale Entscheidungen fällen müssen.
Seine Finger hielten den Stift in seiner Hand so fest, dass er fast zerbrach. „Schluss jetzt“, murmelte er und sah wieder auf die Uhr. Noch immer zu früh für die Anrufe.
Er schob den Stuhl zurück und stand auf, um sich einen Kaffee zu holen. Zu seiner eigenen Überraschung fuhr er stattdessen mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss. Auf den Fluren war es still, aber in den Laboren würde es sicher geschäftig summen – das Arbeitspensum ließ lange Ruhezeiten nicht zu.
Denn obwohl die Vergessenen früher nicht anders als ihre Brüder und Schwestern im Medialnet gewesen waren, die zum Rat aufblickten, hatten die Zeit und die Vermengung mit anderen Gattungen ihre Genstruktur verändert. Eigenartige neue Fähigkeiten waren zum Vorschein gekommen … aber auch unbekannte Krankheiten.
Doch die Bedrohung, vor der er jetzt stand, kam aus einer anderen Ecke.
Wenn ihre Vermutungen stimmten, war die unbekannte Frau im Krankenbett mit dem Medialnet verbunden. Damit war sie mehr als gefährlich – ein trojanisches Pferd, das Daten abschöpfen oder gar den Tod bringen konnte.
Der letzte Agent, der dumm genug gewesen war, Shine unterwandern zu wollen, hatte die tödliche Wahrheit zu spät erkannt – Devraj Santos hatte den Soldaten in sich nie abgelegt. Er sah auf das mit blauen Flecken und Kratzern übersäte Gesicht der Frau und überlegte, ob er ihr gegebenenfalls kaltblütig das Genick würde brechen können.
Er fürchtete, die Antwort würde nur ein eiskaltes pragmatisches Ja sein.
Fröstelnd wollte er den Raum verlassen, als sich die Augen der Frau unter den geschlossenen Lidern schnell bewegten. „Mediale träumen doch nicht“, murmelte Dev.
„Sag es mir.“
Sie schluckte das Blut in ihrem Mund herunter. „Ich habe Ihnen alles gesagt. Sie haben alles bekommen.“
Nachtschwarze Augen mit wenigen weißen Punkten starrten sie an, während er in ihrem Geist herumwühlte, zupfte, zerrte und zerstörte. Sie unterdrückte einen Schrei, biss sich immer wieder auf die Zunge.
„Stimmt“, sagte der Folterer. „Es scheint, als hätte ich dich all deiner Geheimnisse beraubt.“
Sie antwortete nicht und war auch nicht erleichtert. Das hatte er schon einmal gesagt. Schon oft. Bald würden die Fragen noch einmal beginnen. Sie wusste nicht, was er von ihr wollte, wonach er suchte. Aber sie war gebrochen. In ihr war nur noch Leere. Sie war völlig zerstört.
„Und nun“, sagte er in dem immer gleichen, geduldigen Tonfall, „erzähle mir alles über die Versuche.“
Sie öffnete den Mund und wiederholte, was sie bereits mehrmals zugegeben hatte. „Wir haben die Resultate verändert.“ Das hatte er bereits gewusst; das allein war noch kein Verrat. „Die wahren Daten haben wir nie an Sie weitergegeben.“
„Keine Lügen mehr. Was habt ihr herausgefunden?“
Ohne Gnade gruben sich die Finger in ihren Kopf, rote Blitze drohten ihr Bewusstsein zu vernichten. Sie konnte nichts mehr zurückhalten, konnte niemanden mehr schützen, nicht einmal sich selbst – denn er saß wie eine große schwarze Spinne in ihrem Geist, wachsam, wartend, wissend. Schließlich entriss er ihr alle Geheimnisse, löschte jeden Funken Ehre und Loyalität aus. Als er damit fertig war, blieb ihr als einzige Erinnerung nur noch der durchdringende Geruch von Blut.
Mit einem unterdrückten Schrei erwachte sie. „Er weiß alles.“
Erneut sahen die braunen Augen auf sie herab. „Wer?“
Der Name lag ihr auf der Zunge und ging dann wieder in ihrem zerstörten Hirn unter. „Er weiß alles“, sagte sie noch einmal in dem verzweifelten Versuch, verständlich zu machen, was sie getan hatte. „Er weiß alles.“ Sie griff nach der Hand des Mannes.
„Was weiß er?“ Unter seiner Haut schien ein Feuer zu brennen.
„Alles über die Kinder“, flüsterte sie, ihr Kopf wurde schwer, ihr Blick verschwamm erneut. „Über den Jungen.“
Gold wurde zu Bronze, sie wollte weiter schauen, aber es war zu spät.
Archiv Familie Petrokov
Brief vom 17. Januar 1969
Mein lieber Matthew,
auf dem heutigen Treffen der Regierungsvertreter hat der Rat einen völlig neuen Ansatz für die Lösung unserer Probleme vorgeschlagen. Ich wusste, dass so etwas geplant war, kann mir aber immer noch nicht ganz vorstellen, wie es funktionieren soll.
Das Programm soll der nächsten Generation von Medialen sämtliche negativen Gefühle abtrainieren. Es wäre ein Segen, wenn wir ein Mittel gegen die Wut fänden – wie viel Gewalt könnte verhindert und wie viele Leben könnten dadurch gerettet werden. Aber der theoretische Ansatz geht noch weiter. Hätte man erst einmal die Wut im Griff, könnte man wahrscheinlich auch andere zerstörerische Gefühle kontrollieren – könnte die Brüche verhindern, die Geisteskrankheiten auslösen, meinen die Gelehrten.
Ich wage kaum zu hoffen, dass dies wirklich geschehen könnte. Gott weiß, dass die Gaben unserer Familie schon viel zu oft einen hohen Preis abverlangt haben.
In Liebe
Mamotschka